Hand nahm, ging er hastig in den Korridor hinaus. Es gelang ihm auch,
in seine Klasse zu schlüpfen, noch ehe der Rektor in den Korridor
trat. Professor Bruhn aber stellte sich wieder vor dem Ofen auf -- mit
gespreizten Beinen -- den linken Rockschoß unter dem Arm und die Hände
in den Hosentaschen.
Als Frau Hallin am Nachmittag allein war, legte sie eine Weile den
Kopf auf den Tisch und weinte. Schwere, bittere Tränen, hervorgepreßt
von der Sorge, die am schwersten und bittersten ist und am meisten
schmerzt, weil sie Tag für Tag da ist, weil nichts sie verscheucht: die
Sorge ums tägliche Brot. Sie verstand so wohl den Grund der Mißstimmung
ihres Mannes, es tat ihr so weh, wenn die böse Laune über ihn kam und
er mit den Kindern haderte. Denn sie wußte ja, die Kinder konnten
ihn nicht verstehen, wie sie ihn verstand. Sie hatten ihn ja nicht
gesehen, als er sich ihr anverlobte, mit ihr das Leben zu leben, das
so reich und so herrlich vor ihnen lag! Sie hatten ihn nicht gesehen,
wie er jung und schön, im Bräutigamsstaat, sie durch all die gaffenden
Leute in der Kirche zum Altar führte! Sie hatten ihn nicht gesehen,
wie er, jung, voller Hoffnung, wie ein lustiger Junge umhergesprungen
war und ihr geholfen hatte, alles in ihrem neuen Heim einzurichten.
Sie glaubten bloß, er sei ein krittliger, engherziger alter Mann, der
ihre Freude störte und für nichts Sinn hatte als für das Niedrige und
Kleinliche. Denn die Kinder beurteilen die Alten unrecht -- vielleicht
urteilen auch die Alten dafür wieder unrecht. Aber sie fühlte dies
alles nicht klar; sondern ihre Tränen rannen, wie so oft zuvor, weil
ihr das Leben so seltsam ungerecht vorkam im Vergleich zu dem, was sie
früher gelernt hatte, daß es sein sollte. Und das Sonderbare war -- man
lernte auch später nichts Besseres! Wenn sie jetzt darüber nachdachte,
so ganz im allgemeinen, so war es noch genau wie vor dreißig Jahren,
als ihre frohen Mädchenträume um ein helles, freundliches Heim
geflattert waren, in dem zwei Menschen für einander lebten, in dem
es immer ruhig war und fröhlich, wie auch des Lebens Stürme draußen
tobten. Aber weshalb war es nicht so? Weshalb nicht? Weshalb?
Ihre Tränen rannen, schwer und bitter; sie sah alt und müde aus. Es
quälte sie so schrecklich, daß ihr Mann ihretwegen Sorgen haben sollte.
Wie sie auch sparte -- nie wollte es reichen. Sie dachte daran, wie die
Kinder immer scherzten über diese übertriebene Sparsamkeit, wie sie es
nannten. Begriffen sie denn nicht, daß man nur ihretwillen sparte? Um
ihnen vorwärts zu helfen? Damit sie etwas lernen, etwas Rechtes werden
sollten?
Sie trocknete hastig ihre Tränen, und während ihre Lippen noch von
unterdrücktem Weinen zitterten, ging sie hinaus ins Vorzimmer und holte
ihren alten Mantel herbei, breitete ihn auf den Tisch unter der Lampe
aus und prüfte ihn.
Viele Jahre lang hatte er gedient, und oft war er so untersucht worden.
Der Stoff war recht gut. So einen Stoff kriegte man nicht so leicht
wieder. Zuerst war er ganz grade, ohne Garnierung, bis hinab zu den
Füßen gegangen -- weite Ärmel hatte er gehabt. Dann hatte man die
weiten Ärmel in enge umgewandelt, und hatte den Stoff zum Ausbessern
benützt. Man sah das Geflickte gar nicht, wenn man den Muff darüber
hielt. Dann hatte sie Seidenaufschläge um die Ärmel und die Kanten
gesetzt, und schließlich hatte sie aus dem langen Mantel einen kurzen
gemacht, der dicht unter den Hüften schloß. Aber jetzt legte sie ihn
hoffnungslos beiseite. Er war so abgenützt, daß das Licht durch die
Stelle über der Brust schien; an den Ellenbogen war er schon fast
zerrissen, und ein paar von den Knopflöchern konnte man unmöglich
mehr ausbessern. Mit einem Seufzer hängte sie den Mantel wieder auf
und setzte sich an ihre Arbeit. Ihre Tränen trocknete sie, fest
entschlossen, daß niemand beim Abendessen sehen sollte, daß sie geweint
hatte.
Aber als der Adjunkt aus der Schule heimkam und ihr die fünfzig Kronen
gab, da kam das alte Gefühl wieder über sie. Sie weinte, während sie
den Schein in der linken Hand hielt, als wolle ihr das Herz brechen,
und bückte sich nieder und küßte ihres Mannes Hand, als müsse sie ihn
um Verzeihung bitten.
Der Adjunkt zog seine Hand zurück und strich ihr über die Stirn. Es
war ihm immer ein Schmerz, wenn er sie so sah. Und mit einer etwas
erzwungenen Stimme sagte er: „Weine doch nicht. Es hilft ja doch
nichts. Denk lieber daran, daß Ernst jetzt bald heimkommt!“
Sie blickte ihn voll Dankbarkeit an, weil er versuchte, etwas zu sagen,
das ihr Freude machte. Aber wider Willen drängten sich ihr die Tränen
hervor.
„Und wenn er dann eine feste Anstellung hat,“ fuhr der Adjunkt fort,
„so wird das immerhin eine Erleichterung.“ Frau Hallin nickte. Und die
tägliche Sorge ward für diesmal beiseite gelegt.
Fünftes Kapitel
Der Gymnasiallehrer Hallin war der Sohn eines Pastors, der ein paar
Meilen südlich von Gammelby ein großes Pastorat gehabt hatte. In der
ganzen Familie waren überhaupt immer viele Geistliche gewesen; und
alle hatten sie zu dem Stift Gammelby gehört, und alle hatten sie ihr
Teil gehabt an den Gütern dieser Welt. Der alte Propst war ein recht
gedeihlicher Mann, das wußte alle Welt, und daß man im Pastorat gut
und behaglich lebte, das sah man dem Propst und seiner Frau Propstin
deutlich genug an.
Wenn nur nicht die vielen Kinder gewesen wären! Aber es schien, als
wolle Gottes Segen in dieser Beziehung überhaupt kein Ende nehmen.
Jedes liebe geschlagene Jahr war bei Propstens Kindtaufe; und wären die
Kinder alle am Leben geblieben -- die Zahl wäre weit über die Zehne
hinausgewachsen. So waren es, als der Propst starb, neun.
Das Vermögen reichte natürlich nicht so weit; wenn die Söhne mit der
Schule fertig waren, mußte der Propst Geld aufnehmen, um ihnen auf der
Universität und der landwirtschaftlichen Hochschule weiterzuhelfen.
Und als der Alte nicht mehr da war, wunderten sich noch alle höchlich
darüber, daß er mit seinem guten Pastorat so große Schulden hatte
machen können. Jene von den Söhnen, die mit ihren Studien noch nicht
fertig waren, mußten nun selber mit Schuldenmachen anfangen, damit sie
zu Ende studieren konnten.
Adjunkt Erik Hallin war der dritte der Söhne. Daheim, wo alles
reichlich zuging, hatte er sich Gewohnheiten zugelegt, die während der
Universitätszeit keineswegs eingeschränkt wurden, und er kam von Upsala
zurück mit viertausend Kronen Schulden, die sich in den zwei Jahren
seit des Vaters Tod so angesammelt hatten.
Also jetzt galt’s sparen! Er erhielt eine Anstellung als Hilfslehrer an
einer fünfklassigen Lateinschule mit ein paar hundert Kronen Gehalt,
kam bald in den Ruf eines guten Lehrers und erteilte in fast allen
seinen freien Stunden Privatunterricht. Man rechnete ihm nach, daß er
im Durchschnitt täglich zehn Stunden gab. Und im ersten Jahr sparte
er wirklich so viel, daß er fünfhundert Kronen an seinen Schulden
abbezahlen konnte.
Dann verliebte und verlobte er sich, bewarb sich um die
Gymnasiallehrerstelle in Gammelby, erhielt sie und heiratete.
In dieser Zeit, jung, fröhlich, glücklich verlobt, ganz mit
Zukunftsplänen beschäftigt, konnte er natürlich keine Schulden
bezahlen. Es war noch alles mögliche, daß er bei der Einrichtung nicht
noch neue dazu machte. Aber das tat er nicht, wenigstens keine, die
der Rede wert waren. Nur ein paar hundert Kronen für Möbel, die in den
ersten zwei Jahren abbezahlt werden mußten.
Sie wurden auch abbezahlt; der Möbelhändler konnte selbstverständlich
nicht warten.
Dann wurde Ernst geboren; und ein paar Jahre später Selma. Dann kam
ein Junge, der gleich nach der Geburt starb, und ein paar Jahre darauf
Gustaf.
Mit jedem Jahr stiegen die Bedürfnisse und die Ausgaben, und in all
den einundzwanzig Jahren seit seiner Verheiratung hatte er nicht mehr
als zweitausend Kronen abbezahlen können. Jetzt war er sechsundfünfzig
Jahre alt und noch immer nicht schuldenfrei. Noch waren fünfzehnhundert
Kronen zu bezahlen. Und wenn sie bezahlt waren wieviel Zeit blieb ihnen
beiden dann noch übrig zum ruhig und frei leben? Ob sie dann überhaupt
noch die Kraft dazu hatten?
Aber daran dachten sie jetzt nur noch selten. Oder vielmehr -- sie
hatten es sich abgewöhnt, darüber nachzudenken. Denn das waren
gefährliche, aufrührerische Gedanken, die nur Leid und Bitterkeit
brachten, Gedanken, die sie aus der Ruhe des täglichen Lebens
aufscheuchten und die Kraft zur Arbeit lähmten. Wenn der Adjunkt
manchmal doch auf diese Gedanken geriet, so war seine Frau immer gleich
bei der Hand und verjagte sie. Murren, das war nicht recht, und der
liebe Gott hatte gewiß seine ganz besonderen Absichten mit ihnen, wenn
er ihnen Lasten auferlegte und sie Wege führte, die sie in ihrer Jugend
nicht hatten gehen wollen. Denn das Entbehren ist der Weg zum Himmel.
Und die Jahre gingen über sie weg und schufen sie um und lehrten sie,
das Leben so zu leben, wie es kam und wie es war. Frau Hallin magerte
nach ihren Wochenbetten immer mehr ab, ihre Stirn furchte sich, die
Augen hatten nicht mehr den Glanz von früher. Sie ging fleißig in die
Kirche, besonders wenn ein gewisser Geistlicher predigte, und las
täglich in der Bibel und im Thomas a Kempis.
Es kam ihr vor, als würde alles, was sie zu tragen hatte, leichter für
sie, wenn sie nur so recht klar einsähe, daß es eben so sein mußte.
Und wenn das Haushaltungsgeld nicht reichen wollte, oder sie sich
bedrückt und gequält fühlte von all dem tagaus, tagein In-der-Küche
stehen, Essenkochen, Zimmeraufräumen und Nachmittage lang vor einem
ganzen Berg Wäsche Sitzen, die ausgebessert werden mußte, da legte sie
zwischendurch oft die Arbeit aus der Hand und holte sich ihre Bibel
mit all den zahllosen Buchzeichen und angestrichenen Stellen. Und dann
las sie ein paar Kapitel aus Davids Psalmen, las, wie der Herr den
Gerechten, der auf ihn hoffet, nicht verläßt, wie des Gerechten Feinde
dereinst zu Schanden werden müssen. Ganz unbewußt umschrieb und änderte
sie diese Worte so, daß sie auf ihre Verhältnisse paßten, auf die
täglichen Sorgen, die auf ihr lasteten. Ihre Kümmernisse und Mühsale,
ihre schwere Arbeit und aufrührerischen Gedanken -- all das ward ihr zu
Feinden, und sie selber war der Gerechte, den der Herr dereinst erlösen
würde und in das Land führen, da kein Leid und Weinen mehr den Frieden
stört, der höher ist denn alle Vernunft.
Wenn sie das Buch zugeschlagen hatte, schloß sie auf eine Weile die
Augen. Und wenn sie sie wieder öffnete, ging sie mit verdoppeltem Eifer
an die Arbeit, und auf ihrem Gesicht lag ein stiller, fast glücklicher
Ausdruck.
Der Adjunkt war besser dran. Zwar ging er nur selten aus. Es war
dies ein Sparsamkeitsgrundsatz, den er sich zugelegt hatte und den
er nur selten übertrat. Aber wenn er in seiner Schule war, vergaß
er die kleinen häuslichen Kümmernisse meist. Er hatte ein heiteres
Temperament; sobald er unter Menschen kam, ließ er sich mitreißen, ward
lebendig und aufgeräumt. Er war draußen ein ganz anderer Mensch als der
schwersinnige, ein bißchen reizbare Mann, der er daheim sein konnte.
Frau Hallin litt ganz besonders darunter, daß sie glaubte, ihren
Kindern nicht nah genug zu stehen. Ernsts Briefe schienen ihr,
besonders in der letzten Zeit, außergewöhnlich kühl und zurückhaltend.
Er schrieb ja wohl freundlich; aber er erzählte nichts von dem, was
sie wissen wollte, nichts von sich selber, wie ihm zumute war, nun
er ins Leben hinaustreten, ein Diener des Herrn werden sollte. Wie
oft las sie seine Briefe, wieder und wieder, erwog den Sinn jeder
Zeile, buchstabierte und zerlegte jedes Wort, ob sie vielleicht darin
den Schlüssel zum richtigen Verständnis finden möchte! Denn in
erster Linie wollte sie Mutter sein. Dies Wort stand vor ihr in einer
Bedeutung, die mehr war als eine bloß religiöse. Denn für sie bedeutete
es vor allem: ihre Kinder zum Herrn führen! Und manche heimliche
Träne weinte sie in Furcht und Zittern um ihrer Kinder Seelen! Eine
reine Mutterfreude hatte sie eigentlich nie gekannt; die war bei ihr
zu stark vermischt mit Furcht. Die Furcht kam daher, daß sie wußte,
nur +ein+ Weg war der rechte. Wer diesen Weg nicht ging, der war
verloren. Und darum weinte sie über ihre Kinder, weinte und betete
manch einsame Stunde, schon als sie sie noch in ihrem Schoß wiegte und
ihrem tiefen, kinderruhigen Schlummer lauschte. In der letzten Zeit
hatte sie am meisten Angst um Ernst ausgestanden. Sie zählte die Tage,
bis er heimkommen mußte. Weshalb war er so kurz und knapp in seinen
Mitteilungen über sich selbst? Ahnte er denn nicht, wie sie sich danach
sehnte, etwas von ihm zu hören, wie sie mit fieberhaftem Eifer seine
Briefe öffnete, als wäre sie ein junges Mädchen, das einen Brief vom
Liebsten erhält? Ahnte er es denn nicht? Und ging es denn nicht um mehr
als Leben und Sterben? Ging es nicht um das ewige Heil seiner Seele?
Von all dem wagte sie ihrem Sohn direkt nichts zu schreiben. Sie
fürchtete, sie könnte ihn dadurch von sich stoßen. Aber sie war täglich
von diesen Empfindungen gepeinigt; ganz besonders kamen sie dann über
sie, wenn irgend sonst etwas auf ihr lastete. Manchmal hatte sie das
Gefühl, als müßte all das Schwere und Drückende nur eine gerechte
Strafe des Herrn sein, weil sie eine so schlechte Mutter war. Selma
verstand sie am wenigsten von ihren Kindern. Sie war so kalt, bezeugte
den Eltern so wenig Freundlichkeit, meinte Frau Hallin. Auch so still
war sie, tat ihre Arbeit, machte nie auch nur das geringste Wesen aus
sich, und wenn sie mit ihrer Arbeit fertig war, saß sie meist in ihrer
Stube und las. Frau Hallin mochte die Bücher, die sie las, oft gar
nicht. Das hatte manchmal sogar schon zu Auftritten zwischen Mutter
und Tochter geführt. Aber sie endeten immer damit, daß Selma tat, was
sie wollte. Und jetzt war es so, daß, wenn Frau Hallin auf dem Tisch
der Tochter ein Buch liegen sah, sie es nur in die Hand nahm, das
Titelblatt ansah, seufzte und es wieder weglegte. Manchmal hatte sie
Tränen in den Augen, wenn sie hinausging.
Als Selma zwanzig Jahr alt war, war sie einmal zum Vater gegangen
und hatte gesagt, sie wolle fort von daheim. Der Adjunkt war ganz
bestürzt gewesen und hatte keine bestimmte Antwort gegeben. Er würde
mit Mama sprechen, hatte er gesagt. Frau Hallin verstand, wie die Sache
zusammenhing. Es war die Welt, die Selma lockte, die Welt mit all ihren
Gefahren, Freiheiten und Verführungen.
Das Resultat war, daß Selma daheim bleiben sollte, bis sie mündig wäre.
Und als sie mündig war, wurde nicht mehr von der Sache gesprochen.
Der Adjunkt verschaffte ihr ohne weiteres eine Anstellung in der
städtischen Mädchenschule.
Seit der Zeit aber war gleichsam ein stummer Kampf zwischen Selma und
den Eltern.
Auf Gustaf glaubte Frau Hallin sich noch am meisten verlassen zu
können. Er war noch so ganz Kind; freilich kann niemand wissen, wo und
wie der Versucher seine Fallstricke für die schwachen Menschenkinder
auslegt. Aber der Junge war immer heiter und zufrieden, nörgelte
natürlich hie und da, war aber gleich wieder gut, und wenn er sich
mit Mutter oder Schwester neckte, war das so lustig, daß Frau Hallin
oft lachen mußte, daß ihr die Tränen in die Augen kamen. Er war das
Nesthäkchen, der Liebling, das Zuckerbengelchen, wie Papa ihn nannte,
wenn er bei guter Laune war; er durfte auch ab und zu noch, wenn es
niemand sah, auf Mutters Schoß sitzen, obgleich er schon ein großer
Junge und ihr ein gut Stück über den Kopf gewachsen war.
Es war eigen mit den Kindern, besonders mit den Söhnen. Sie hatten
alle ein großes Freundschaftsbedürfnis, und hatten gute Freunde gesucht
und gefunden. Aber sie waren meist außerhalb des Hauses mit ihnen
zusammen. Sie besuchten die Freunde in deren Familien; das Umgekehrte
kam gar nicht vor, das Hallinsche Haus war nie ein Sammelpunkt für die
Freunde der Kinder. Und die Eltern hatten immer zu klagen, daß sie in
ihren freien Stunden so wenig von den Kindern sahen.
Frau Hallin konnte das gar nicht verstehen. Sie wußte, sie liebte
ihre Kinder, mehr vielleicht als irgendeine andere Mutter in ihrem
Bekanntenkreis. Sie hatte sie mit einer warmen Zärtlichkeits-Atmosphäre
umgeben, einer Atmosphäre, die vielleicht nur zu warm war, sodaß
sie allzu empfindsam waren, wenn sie sie einmal missen mußten. Und
trotzdem hatte sie das instinktive Empfinden, daß ihre Kinder sich mit
den Jahren immer mehr von ihr entfernten, daß sie ihre Befriedigung
außerhalb des Vaterhauses suchten, sei es nun in lärmendem Kinderspiel
oder in dem unbegrenzten Bedürfnis der Jugend, Menschen zu finden,
mit denen sie sich frei aussprechen, all das rätselvolle, wechselnde
Leben bereden konnten, das sich mit jedem Jahr in ihren jungen Gemütern
entwickelte und nach Nahrung schrie. Es gab Tage, an denen sie die
Kluft zwischen den Kindern und ihrem Vaterhaus stärker ahnte als sonst;
dann tat sie alles, um ihnen Freude zu machen. Sie kochte ihnen ihre
Lieblingsgerichte, sie zwang den Vater, guter Laune zu sein, bat sie,
abends ihre Freunde einzuladen, und war selber eitel Sonnenschein und
Lächeln.
Solche Tage waren Freudentage für die Kinder; da fühlten sie noch mehr
als sonst, wie sie an der Mutter hingen. Und sie selber fühlte sich
auch so froh. Denn sie glaubte, nach einem derartigen Versuch wäre der
Anfang zu einer ernsthaften Annäherung gemacht und die Kinder würden
sich mehr ans Vaterhaus anschließen.
Aber das war nicht der Fall. Und dann kam die Niedergeschlagenheit
über sie und eine Bitterkeit, die ihr harte Worte auf die Lippen legte
und sie antrieb, den Kindern Vorwürfe zu machen, deren Ursache sie
nicht begreifen konnten. Sie bereute diese Vorwürfe nachher immer,
bereute sie bitterlich. Denn sie begriff, daß ein einziger derartiger
Ausbruch in einem jugendlichen Gemüt länger lebt, als die Erinnerung
an wer weiß wie viele Wohltaten, wer weiß wie viel Freundlichkeit. Und
wenn sie manchmal über ihr Verhältnis zu ihren Kindern nachdachte und
sich die ganze Sache einmal so recht menschlich, ohne den lieben Gott
darein zu mischen, vorstellte, da konnte sie manchmal das Gefühl haben,
als ginge ihr vielleicht die geheimnisvolle Kunst ab, ihre Kinder zu
verstehen und sie durch das bloße Verstehen, ohne jede Anstrengung,
ans Vaterhaus zu fesseln. In solchen Stunden ahnte sie, was die Kinder
entbehrten. Aber sie wußte auch, das konnte sie ihnen nie geben. Nie,
ihrer Lebtag nicht! Denn was nützte es den Menschen, so er die ganze
Welt gewänne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?
Über ihre Lippen kam dieser Gedanke auch nie, nicht einmal im
Augenblick, wenn sie ganz deutlich sah, was es war. Sie schob ihn von
sich; sie zwang sich, ihn in der Tiefe ihres Herzens zu begraben.
Ihr Leben hatte sie gelehrt, daß der Gedanke Sünde war. Und wenn die
Sehnsucht nach dem Vertrauen ihrer Kinder allzu stark ward, so fand
sie tausend Arten, sich ihnen zu nähern; sie konnte sich geradezu
demütigen, um das zu gewinnen, wonach sie so eifrig strebte. Nicht bloß
ihre Liebe. Nein. Die besaß sie. Daran hatte sie nie gezweifelt. Aber
ihr Vertrauen.
Und manchmal, wenn sie mit ihrem Mann allein war, geschah es, daß sie
ganz vorsichtig über all dies mit ihm sprach; und wenn er dann nicht
gerade irgendeine äußere Sorge hatte, die ihn drückte, so konnte auch
er ganz ernst werden und mit einem merkwürdigen Blick vor sich hin
sagen: „Ja, die Kinder entwachsen einem. Es ist wohl der Lauf der
Natur.“
Meist aber schüttelte er nur den Kopf und sagte, es habe keinen
Sinn, sich mit Einbildungen herumzuschlagen. Man habe schon so genug
Widerwärtigkeiten.
Aber auch er wußte wohl, daß er nicht die Wahrheit sprach. Was den
Kindern fehlte, das war die Freudigkeit, die Freiheit. +Die+
Freiheit, die macht, daß man natürlich ist und sich wohlfühlt in seiner
Umgebung, wie der Baum, die Pflanze in gutem Erdreich, die Freiheit,
die die Naturanlagen lenkt und entwickelt, ohne sie zu hemmen;
+die+ Freiheit kann nirgends gedeihen, wo nicht die Freude daheim
ist. Denn Freude macht frei, Freude veredelt, Freude macht glücklich.
Die pietistische Scheu der Mutter vor der Welt und allem, was von der
Welt war, die war es, die die Freiheit aus dem Haus scheuchte. Und
die Freude floh vor etwas anderem -- vor den kleinen, drückenden,
wirtschaftlichen Sorgen -- +sie+ verscheuchten die starken Mächte
des blühenden Lebens. Die beiden hatten einen Bund geschlossen -- und
was die Geldsorgen verschonten, das raffte der Pietismus hinweg.
Vor diesem doppelten Rätsel saß Frau Hallin manch einen Abend ohne
Antwort, grübelte und grübelte, während sich immer wieder die Tränen
hervordrängten. Es war so schwer, so schwer, das pochende Herz im
Glauben zur Ruh zu legen, so deutlich und klar auch das Wort der
Schrift lautete: „Hoffe auf den Herrn! Er wird’s wohl machen!“
Sechstes Kapitel
Adjunkt Hallin hätte die fünfzig Kronen auch recht gut von seinem
Bruder, dem Professor der lebenden Sprachen, entlehnen können. Der
Professor war reich verheiratet und freute sich immer, wenn er dem
ärmeren Bruder gefällig sein konnte. Zudem waren die Brüder seit ihrer
Kindheit gut Freund gewesen, und nichts war darum natürlicher, als daß
der eine dem andern half.
Die Freundschaft zwischen dem Professor und dem Adjunkt Hallin war im
Gymnasium fast sprichwörtlich, und manch einer von den Schuljungens
grüßte freundlicher als sonst oder blieb stehen und blickte den beiden
nach, wenn sie in den Pausen Arm in Arm in dem großen Schulkorridor,
auf dem geräumigen Hof oder unter den hohen Ulmen auf und ab gingen,
die auf dem grünen Plan zwischen Schule und Kirche schattige Alleen
bildeten.
In der Schule gingen sie unter dem Namen „die Brüder“. Und obgleich man
schwerlich auffallendere Kontraste hätte finden können, hatten sie ihr
Leben lang, von den Schuljahren an, stets treulich zusammengehalten.
Beide hatten -- nur mit einem Semester Zwischenraum -- ihr Examen
gemacht, und als der eine Adjunkt am Gymnasium zu Gammelby wurde,
bewarb sich der andere ebenfalls um eine Anstellung dort, sobald eine
solche frei war -- und erhielt sie auch. Der einzige Unterschied war,
daß der ältere Bruder binnen kurzem zum Professor avanzierte, während
der jüngere keinerlei Hoffnung auf eine derartige Beförderung zu haben
schien. Das gute Verhältnis zwischen den Brüdern ward jedoch dadurch
keineswegs gestört. „Abel hat es auch verdient,“ sagte der Adjunkt
immer. „Er war allen anderen Mitbewerbern überlegen.“ Wenn sie sich
morgens in der Schule sahen, grüßte der Professor seinen Bruder mit
einem heiteren: „Guten Morgen, Erker!“ Immer war es der Professor,
der zuerst grüßte. Und der Adjunkt schielte über die angelaufenen
Brillengläser weg und sagte: „Guten Morgen, Kain.“
Es war dies ein alter Scherz zwischen den Brüdern, der immer wieder
aufgefrischt wurde. Der Professor hatte als Kind seinen Bruder einmal
die Treppe hinuntergestoßen, daß der Kleine fast das Genick gebrochen
hatte. Wie der Kleine drunten lag und schrie, daß es im ganzen Hause
widerhallte, und Abel außer sich vor Schreck hinuntersprang, um nach
ihm zu sehen, hörte Erik einen Augenblick mit Schreien auf und stieß
zwischen zwei Schluchzern heraus: „Du hättest Kain heißen sollen!“ Und
brüllte dann wieder weiter.
Als die Knaben älter wurden, erzählten die Eltern ihnen die Geschichte.
Und seitdem nannte der jüngere Bruder, wenn er zärtlich sein wollte,
den älteren Kain. Das war zu einem Schmeichelnamen geworden.
Die Gymnasiasten kannten die Geschichte natürlich, und die zwei Brüder
hießen seit Jahren bei ihren Schülern nicht anders als Kain und Abel.
Professor Hallin hatte ein flottes Junggesellenleben geführt, manche
behaupteten, ein zu flottes, und wenn er von seinen Ferienreisen im
Ausland zurückkam, die er „der Sprachen wegen“ machte und zu denen er
sich irgendwie immer die Mittel zu verschaffen wußte, brachte er einen
Hauch vom Luxus und von der Eleganz der großen Welt mit, die ihn zum
Löwen der kleinen Stadt machten. Wenn er gewollt hätte, er hätte wer
weiß wie oft heiraten können.