den Grotten des Aussichtsturmes hoch oben vorbei. Dann geht es flott
weiter hinaus, hinten am Kirchlein vorüber und geraden Wegs durch
mageren Kiefernbestand und über einen echt kurmärkisch-sandigen Waldweg
weg zur großen und wunderbar gepflegten Chaussee. Die steigt allmählich
erst sanft an, führt aber dann wieder hinab zur Havel. An lauschigen
Buchten eilt man so vorüber, und bis auf Steinwurfsweite schiebt sich
drüben endlich die von der Geschichte verklärte Pfaueninsel heran.
Ja, die Pfaueninsel, die wollen die Jungen besuchen. Aber erst will
man im Restaurant diesseits des Wassers, beim Vater Ehrecke, zu Mittag
essen. Dieses Mittagessen ist ja zu zwei Uhr bestellt, und nur noch
zehn Minuten fehlen an dieser Zeit; gerade genug, um sich von dem
langen Marsch zu neuer Arbeit etwas auszuruhen und den Magen in die
beste Stimmung zu versetzen.
Man sucht sich ein Plätzchen in dem sauber gepflegten Garten aus. Das
ist ja für einen Jungen immer schon eine wichtige Sache. Man legt dabei
das Ränzel ab; man kramt darin herum und -- läßt auf einmal alles
stehen und liegen und guckt und sieht und sucht und lockt, die Hühner
nämlich.
»Put! Put! Put!«
Da kommen denn einige eiligst und langbeinig angewackelt, während die
ruhigeren Hühnernaturen ein Bein in die Luft heben und langhalsig erst
einmal zusehen, ob denn die übereifrigen Freundinnen wirklich etwas
ergattern können. Aber die Jungen wollen gerade _alle_ Hühner haben;
denn sie haben an diesen Hühnern etwas ganz Sonderbares entdeckt: alle
nämlich tragen Ringe wie die Menschen; freilich nicht an einem Finger,
sondern am Bein, einige am linken und einige am rechten. Das, ja das
ist nun eben den Jungen ein Rätsel. Fritze Köhn meint, die mit dem Ring
am linken Bein, die wären verlobt und die andern verheiratet. Da nun
sein Urteil immer so etwas Salomonisches an sich hat, so glaubt das
auch schon die gute Hälfte der Jungen, und dem Doktor Fuchs blitzt
dabei der Schalk etwas aus den Augen; aber er sagt nichts.
Der Vater Ehrecke indes geht auf den Scherz ein. »Ja, der Hahn da,«
meint er bedächtig, »der ist auch noch verlobt! -- Aber das ist doch
ein windiger Bruder!«
»Wie kriegen sie denn die Ringe aber auf die Beine drauf?«
Der Vater Ehrecke verzieht keine Miene. »Das haben schon verschiedne
Herrschaften gefragt. Aber es ist sehr einfach. Jeden ersten im Monat
lege ich einige Ringe da neben den Futternapf, und alle die Hühner,
die sich verloben wollen, kriechen mit der linken Pfote durch den Ring
durch.«
Die Jungen lachen darüber unbändig; manche wissen nicht recht, sollen
sie es glauben oder nicht. Der dicke Puntz aber forscht jetzt weiter:
»Na, wenn sie sich aber nun verheiraten? Wie kriegen sie denn dann den
Ring auf die rechte Pfote?«
»Das ist noch einfacher! Da tauschen sie das rechte Bein gegen das
linke aus!«
Da muß aber auch Doktor Fuchs lachen. »Ehrecke,« ruft er, »Sie lügen
uns aber heute ganz fürchterlich die Hucke voll!«
»Na« -- jetzt bekennt der Vater Ehrecke Farbe -- »nein, Jungens, nun
seht mal her!« -- Dabei holt er verschiedene Ringe aus der Tasche
heraus. -- »Solch Ring kann auf- und zugeknipst werden! So! Hier seht
ihr auch eine Jahreszahl drin. Das ist zum Beispiel einer für dieses
Jahr. -- Seht ihr? -- Solchen kriegt also ein Huhn, das von diesem Jahr
ist!«
Nun ist ja alles klar, und weil es nun klar ist, interessiert es auch
die Jungen nicht mehr, besonders da der Kellner jetzt auch etwas zu
schnabulieren bringt. Da ist sogar einer sehr fix bei der Hand, der
sich sonst Ruhe und Zeit gelassen hat. Das ist natürlich der dicke
Puntz, und die Begründung, die er dafür gibt, sieht ihm ähnlich: »Je
früher wir fertig sind, desto eher haben wir nachher wieder Appetit!«
~Exest colloquium.~ Es war doch wohl ein strammer Marsch von den
Havelbergen her; dem Vater Ehrecke leuchtet die Freude aus dem
gutmütigen Gesicht, als er sieht, mit welchem Appetit man hier
arbeitet. Das gefällt ihm, und so erzählt er beim Essen dem Doktor
Fuchs und den Jungen noch manche Schnurre. --
Endlich denkt man auch ans Berappen. Aller Mammon sammelt sich erst vor
Doktor Fuchs, der dann die Summe an den Kellner abführt. -- -- --
Aufregung von Anfang bis zu Ende.
Es ist die höchste Zeit; denn die Jungen sind schon ungeduldig
geworden, und doch dürfen sie keinen Fuß aus dem Lokal hinaussetzen.
Doktor Fuchs will der erste sein. Er weiß wohl warum; man will sich
jetzt zur Pfaueninsel übersetzen lassen. Da heißt es, auf die Jungen
scharf achtgeben. Einige sind immer dabei, die am Wasser so ungeschickt
und taprig sind wie die jungen Puten.
An der Tür also warten die Jungen, ungeduldig zwar, aber sie warten
doch. Dann jedoch stürzen sie hinaus, daß Doktor Fuchs seine ganze
Lungenkraft gebrauchen muß, um die ungeduldigsten Stürmer vom Wasser
zurückzuhalten. Es hat ja zudem auch alles keine Eile; denn das
Fährboot ist gerade drüben, und mit dem elenden Kahn da links, nein, da
könnten kaum fünf Mann auf einmal hinüber.
Als aber die Fähre jetzt langsam herüberkommt, da drängen die Jungen
vor, und -- wie kam das? -- auf einmal gibt’s einen Plumps, und Doktor
Fuchs sieht gerade noch, wie das Wasser über dem Achim Köckeritz
zusammenschlägt. Im selben Augenblick springt ein anderer Junge nach.
Doktor Fuchs weiß nicht, wer es ist; er selber reißt sich die Stiefel
von den Beinen und den Rock vom Leibe. Jetzt steht er auch schon im
Wasser und hat den Ernst Ehrenfried gepackt. Der wieder hält den Achim
Köckeritz.
Die andern Jungen sind starr vor Schrecken. Es ist aber auch alles so
schnell gegangen; man weiß gar nicht wie. Ernst Ehrenfried sitzt auf
den Steinen; neben ihm liegt der kleine Achim Köckeritz. Der kann ja
gar nicht von dem Augenblick da im Wasser ertrunken sein! Vielleicht
Herzschlag? --
Doktor Fuchs hat sich über Köckeritz gebeugt, selbst bleich wie der
Tod. Das Gefühl, in letzter Linie doch verantwortlich zu sein für seine
Jungen, das preßt ihm die Brust zusammen und rüttelt und schüttelt
an ihm herum, während er den Kopf des Kleinen geradelegt und die
schlaffen, kleinen Arme dann unaufhörlich auf- und niederbewegt. Die
Todesangst auf den Gesichtern der andern Jungen ist entsetzlich; jede
Muskel ist gelähmt.
Schon aber schlägt der Achim die Augen auf. Nachdem er einen Moment
erst starr in den Himmel hineingesehen, richtet er sich plötzlich auf
und ruft empört aus: »Der Sausig, der hat mir einen Schubs gegeben!«
»Ich? Ich habe ja überhaupt da drüben gestanden!«
»Dann war’s ein andrer! Aber einen Schubs habe ich gekriegt!«
»Schön!« kommt Doktor Fuchs dazwischen. »Ob Schubs oder nicht! Du
hast im Wasser gelegen, und nun heißt’s hübsch folgen! Dicker und
Sausig, nehmt mal den Achim unter den Arm und führt ihn hinüber zu
Vater Ehrecke! Na, Ernst, geht’s allein? Du bist ein braver Junge! Der
allerbravste von allen! -- So, und nun, meine Herrschaften, alle noch
mal zurück! Kein Mensch soll es wagen, auch nur einen Fuß aus dem Lokal
hinauszusetzen!«
So geht’s wieder hinüber zu Vater Ehrecke; Doktor Fuchs dabei auf den
Strümpfen und ohne Rock. Die Jungen haben sich der Sachen erbarmt und
bringen sie mit. Vater Ehrecke sieht das; er ahnt gleich die ganze
Geschichte; er weiß auch Rat. »Kinder in dem Alter haben wir ja nicht
mehr,« sagt er dienstfertig, »aber wir stecken die beiden so lange ins
Bett, bis ihre Sachen trocken sind. Na, und Sie, Herr Doktor, kriegen
ein Paar Hosen von mir!« -- -- --
Die Hosen waren für Doktor Fuchs freilich recht reichlich, besonders in
der Gegend, wo beim älteren Menschen sonst der Bauch zu sitzen pflegt.
Als er damit wieder auf der Bildfläche erscheint, kichern die Jungen
erst leise und lachen ihn schließlich sogar kräftig aus. Der dicke
Puntz kommt sogar auf die Idee: »Herr Doktor, am Nachmittag sollte
Gebhardt uns doch photographieren!«
»Soll ja auch kommen!« lacht der Gefragte leise vor sich hin. »Oben
im Portal der Kirche! Jetzt, Jungen, wollen wir mal zur Pfaueninsel
hinüber. Da ihr aber gesehen habt, was alles vorkommen kann, so bitte
ich mir jetzt die größte Ruhe und Ordnung aus!«
Natürlich; jetzt geht alles glatt von statten. Man bummelt so über die
Pfaueninsel weg, und alles Historische aus dem Leben des alten Kaisers
erzählt da Doktor Fuchs.
Manch schöner Punkt geht vor den Augen der Jungen vorüber; im großen
und ganzen indessen scheint ihnen doch die Pfaueninsel zu ausgedehnt.
Wer hätte denn auch gedacht, daß sich dieses scheinbar ganz kleine
Fleckchen Erde so weit in die hier freilich gewaltig breite Havel
hinziehen würde! Schließlich wird die ganze Sache sogar etwas
langstilig, und nur die russische Rutschbahn der Kaisertochter belebt
auf einen Augenblick wieder das Interesse.
Als man am Landungssteg steht, packt Doktor Fuchs seine Jungen wieder
dicht zusammen.
»Also, Jungs,« predigt er eindringlich, »erstens bitte ich mir wieder
Vorsicht aus. Zweitens aber ändre ich meinen Plan etwas. Ich wollte
eigentlich mit euch oben auf Nikolskoi Kaffee trinken. Da wir aber dem
Herrn Ehrecke durch Köckeritzens Kopfschuß so viel Schererei machen
mußten, möchte ich dem Mann auch entgegenkommen. Wir werden also
auch drüben unsern Kaffee trinken, aber wohlverstanden nicht gleich,
sondern nachdem wir noch die kleine Tour nach Nikolskoi hinauf gemacht
haben!« -- -- --
Nach zwei Minuten ist man drüben, und Doktor Fuchs springt schnell
einmal ins Haus hinein, um nach den beiden Patienten zu sehen. Die
sind unter der Obhut der wackern Hausfrau gut aufgehoben; sie sind
dabei fröhlich und guter Dinge. Ihren Kaffee haben sie sich sogar schon
schmecken lassen.
So geht Doktor Fuchs schleunigst wieder hinunter, daß seine Jungen
nicht unnütz warten müssen und etwa Allotria treiben. Als er eben um
die Ecke biegt, ruft der Herr Ehrecke hinter ihm her: »Herr Doktor,
Herr Doktor! Ich habe noch eine Hose; die ist ein bißchen enger.«
»Nein, nein, lassen Sie nur jetzt! Meine Jungen haben sich so sehr über
mein Kostüm gefreut, daß ich ihnen auch eine Photographie davon gönne!«
So zieht man denn hinter dem Haus vorüber schräg links hinauf, den
Erdbuckel hinan, durch gemischten Wald hin. Es ist ein wundersam
lauschiger Weg. Plötzlich hebt sich die Peter-Pauls Kirche von
Nikolskoi, wo die Gebeine Prinz Friedrich Karls ruhen, schlank empor.
Das ist nun etwas ganz andres und dabei so Eigenartiges und Neues dazu.
Einige der Jungen stürmen die Treppe hinauf und sehen sich oben zu
ihrer Überraschung auf einem kleinen Steinplateau. Während sie aber zur
halbkreisförmig gehaltenen Brustwehr vorspringen, sehen sie unten andre
Kameraden um diese bastionsartige Brustwehr herumlaufen. Großes Hallo
darob! Sogleich stürmen diese andern auf der entgegengesetzten Treppe
herauf, während die oben Stehenden natürlich hinunterwollen.
Doktor Fuchs ist jetzt auch oben und bedeutet dem Gebhardt ruhig, er
möchte seinen Apparat zurechtmachen. Hier soll photographiert werden.
Das zieht die Jungen wieder an wie der Magnet das Eisen. Immer mehr
sammeln sie sich, und jeder glaubt sich berufen, ein Wort mitreden zu
dürfen. Ganz dumm könnte es Doktor Fuchs und dem kleinen Gebhardt im
Kopf davon werden; nur den Jungen nicht; denn wer den Lärm macht, der
hört ihn gewöhnlich gar nicht.
»Aber,« sagt der dicke Puntz auf einmal, »hat auch Drewians Nase auf
der Platte Platz? Wo stecken wir denn die sonst hin?«
Das ist etwas für den Fritze Köhn. »Unsinn!« erklärt er mit trocknem
Humor. »Die is janz jut! Damit wird er nachher oben von Nikolskoi aus
’n bißken in der Havel angeln!«
Jeder weiß, daß der lange Drewian der erste gewesen ist, als um die
Nasen gelaufen wurde. Während er aber immer sonst ein ruhiger Junge
ist, der wenig sagt, jetzt hat er im nächsten Augenblick schon die
richtige Antwort gefunden: »Die halte ich neben deine Hängebacken,
Dicker! Da sieht man sie nicht! Und dein Maul ist so groß, Köhn, daß du
dir bald selber was ins Ohr sagen kannst!«
Die andern lachen darob unbändig. »Der hat recht, Dicker! Dein kleiner
Nasenproppen paßt nicht zu den Backen!«
»Du, halt die Luft an!«
Aber der Dicke hat kein Glück. »Das kannst du mit deinem Stups viel
besser!« fliegt ihm von anderer Seite zu.
»Und Fritze Köhn kann sich --«
»So, Jungs!« kommt Doktor Fuchs in dieses Wortgefecht hinein, dem er
Übrigens ganz belustigt gelauscht hat. »Nun verfügt euch mal in die
Türnische da! Nein, nein! So nicht! Die Kleinen vorn!«
»Wo kommen Sie denn hin, Herr Doktor? -- Ich will neben Sie!« --
»Du!« -- Die Rauferei soll wieder losgehen. -- »Du läufst schon die
ganze Zeit neben ihm. Ich --«
»Nun haltet mal endlich den Mund, Jungs!« fährt der Ordinarius kräftig
dazwischen.
Das wirkt, und endlich kann der Hofphotograph sagen: »Einen Augenblick!
-- Danke! Herr Doktor, darf ich schnell noch _eine_ Aufnahme machen?«
Das ist im Handumdrehen geschehen.
Aber für die paar Augenblicke des Ruhigstehens entschädigen sich jetzt
die Jungen. Hier führen einige wie wild einen Indianertanz auf; dort
fangen zwei an, sich zu raufen, und wieder andre sind an die Steinrampe
der Rotunde vorgesprungen und möchten einmal versuchen, die Bewohner
jenseits der Havel, die doch hier eine gute halbe Stunde breit ist, zu
errufen. Doktor Fuchs fährt entsetzt herum. »Donnerwetter, Jungs! Seid
ihr verrückt? Hier stehen wir an einer Kirche!« -- -- --
So zieht man endlich in Ruhe die paar Schritte hinauf nach dem
Blockhaus von Nikolskoi. Und dann auf dem kiefernbestandenen Sandbuckel
noch zwanzig Minuten weiter bis Moorlake, wo man auf der Chaussee
unten an der Havel Kehrt macht, um zu Vater Ehrecke zum Kaffeetrinken
zurückzukehren. -- -- --
Beim Kaffeetrinken.
Da sitzt man nun endlich wirklich wieder beim Vater Ehrecke. Man sitzt
in der Tat; denn die Beine haben heute doch schon so manches leisten
müssen.
Plötzlich aber schreit einer: »Hurra!« und der dicke Puntz springt
auf und ruft allen andern zu: »Die Klasse erhebt sich zum Zeichen der
Hochachtung!«
Das sind die Worte des Doktor Fuchs sonst in der Klasse gewesen, wenn
jemand einmal etwas ganz Besondres geleistet hatte. Grade deshalb
auch lachen jetzt alle wieder so herzlich; sogar der Ordinarius, der
nämlich eben mit Achim Köckeritz und Ernst Ehrenfried aus der Haustür
herausgetreten ist. Und alle möchten den beiden, die bis jetzt hatten
im Bett liegen müssen, ein gutes Wort sagen. Fritze Köhn befühlt eben
den Achim Köckeritz: »Biste denn schon trocken?«
»Na,« erklärt der entrüstet, »siehst du ja!«
Das aber ist dem »Urballina« gegenüber der falsche Ton gewesen. »Ja,
seh ick ooch!« antwortet er schnell. »Brauchst nich jleich so zu
schreien! Ick meente man bloß: hinter de Ohren!« --
Der kleine Köckeritz ist schon von andern mit Beschlag belegt
worden. Gegen den Fritze Köhn, na, gegen _den_ zöge er doch den
kürzern. -- -- --
»So, Jungs!« hört man jetzt den Doktor Fuchs. »Nun wieder setzen! Stoß
du da nicht an!« -- Der Kellner geht mit einer großmächtigen Kanne
herum und gießt den Kaffee ein. -- »Wo ist der Napfkuchen, Pelz?«
Pelz’ Vater ist ein ehrsamer Bäckermeister; er hat einen
Riesennapfkuchen gebacken und der Klasse »zu Händen des ~Dr.~ Herrn
Fuchs« zur Partie mitgeschickt. Und jeder hat diesen Napfkuchen ein
Stück Wegs tragen müssen; nur Pelz selber wollte nicht, bis ihm der
Fritze Köhn auf die Jacke gefahren war: »Du, Pelz, den Nappkuchen
mißtest de eijentlich alleene dragen, weil den dein Vater jestiftet
hat! Na, ran also! Denkst de denn, weil de Pelz heeßt, ha’m mer dich
nur mitjenommen, daß de zu Hause nich de Motten krist?[13]«
[13] kriegst.
Das hatte den Ausschlag gegeben. Pelz hatte sich auslachen lassen
müssen; er hatte zwar noch was vor sich hingebrummt, aber den
Napfkuchen, den hatte er doch dann seine zehn Minuten getragen. --
Jetzt wurde dieser Napfkuchen also geteilt. Mit argwöhnischem Auge
wachten dabei die Jungen darüber, daß ja auch die Teile gleich werden
möchten. Da freilich Doktor Fuchs selbst diese Teilung vornahm, so
wagte ja kein Mensch, etwas zu sagen; aber jeder suchte sich doch immer
schon im voraus ein Stückchen aus, um nachher schnell zufassen zu
können.
»Halt!« erklärte indessen Doktor Fuchs schließlich. »Sind alle gleich!
Nicht aussuchen! Wie sie ablaufen!« --
So saß man denn und trank und aß. Aber dabei hatte man immer noch Zeit,
Gedanken und Zunge etwas spazieren gehen zu lassen.
»Du,« fing Fritze Köhn zuerst zu seinem Nachbar wieder an, »den Kaffee,
den trink mit Verstand! Det ’s ’n ordentlich vierstrehniger!«[14]
[14] sehr stark.
»Hab keene Angst! Ick wer’ mich nich dran verjiften!«
»Denk ick ooch nich! Aber er könnte dir zu Koppe steijen. Mancher wird
furchtbar leicht brejenklietrig!«[15] --
[15] verrückt.
Auch nebenan und gegenüber wird harmloser Blödsinn geschwatzt.
»Schmeckt sehr schön, Pelz! Wenn dein Vater man halb soviel Kourage
zum Schenken hätte, wie wir zum Essen, dann würde er dir jeden Tag ’n
Nappkuchen mit zur Schule geben!«
»Au ja! Zum Extemporaleschreiben! Wer die meisten Fehler macht, kriegt
zum Trost das größte Stück!«
Doktor Fuchs muß lachen. »Na, Jungs, dann lieber nicht! Sonst muß ich
mich sicher totkorrigieren!«
Ein Schlaukopf spinnt den Gedanken weiter: »Da wollen wir lieber gar
kein Extemporale mehr schreiben, Herr Doktor!«
»Das wäre das beste!« entscheidet der dicke Puntz. »Kuchen vertragen
wir schließlich auch so!«
Pelz nickt dazu und sagt dann orakelhaft: »Ja, wenn wir kein
Extemporale mehr schreiben!« --
»Nu kannst du ihn trinken!« springt der Hagen am Ende der Tafel empört
auf. »Herr Doktor! Der Köckeritz hat mir eine Fliege in den Kaffee
ge--ge--geschmissen!«
»Ich? Ich bin ganz unschuldig! Der Köhn --«
»Schon wieder der Köhn!« denkt Doktor Fuchs.
Fritze Köhn selber aber ist mit seinen Worten ebenso schnell: »Na, so
wat lebt nich und zappelt noch!«
»Ja, eben!« lachen einige andere dazwischen. »Sie zappelt noch!«
»Köhn ist an allem schuld!« wehrt sich Köckeritz wieder. »Der hat die
Fliege angesungen!«
»Icke? Herr Doktor, ich habe nur ein bißchen gebrummt! Wahrhaftig!«
»Na ja,« -- der kleine Köckeritz kann den Schalk im Nacken haben -- »da
ist ihr eben schlimm davon geworden, und da ist sie Hagen in den Kaffee
gefallen!«
Jetzt haben die andern Jungen alle neugierig aufgesehen. »Was hat er
denn gebrummt?« fragt man. »Sage doch mal!«
Der Achim Köckeritz lacht wieder: »Was er gebrummt hat? Er hat die
kleine Fischerin gesungen:
›Flieje du, du jroße!
Fall nich in de Sooße!
Fall nich in den Kaffeetopp,
sonst krist du ’n Katzenkopp!‹«
Die Jungen müssen alle lachen und reden jetzt dem Fritze Köhn zu wie
einem kranken Schimmel: »Fritze, mach mal weiter!«
Der aber sitzt da wie ein Gletscher. »Is nich! Ick bin do’ keen
Quasselfritze!« --
Auch am andern Ende des Tisches hat sich ein freundnachbarlicher
Disput entsponnen, dem Doktor Fuchs unauffällig, aber mit großer
Aufmerksamkeit lauscht.
»Mensch, schlinge doch nicht so! Es bekommt dir ja nicht!«
»Bekommt mir immer! Du denkst wohl, weil dein Papa Doktor ist! Ich habe
noch nie ’n Arzt gebraucht!«
»Na, Gott sei Dank!, gibt’s andere, die einen brauchen!«
»Mancher auch nicht! Bei uns hinten im Hause hat seine Frau gewohnt
-- jetzt ist sie tot! -- die hat auch nie ’n Arzt gehabt. Die ist so
gestorben!« -- -- --
Doktor Fuchs hat schon vorher erklärt: »Einen kleinen Schluck läßt
jeder in seiner Tasse noch übrig!« Jetzt steht er auf und spricht:
»Obgleich es der dicke Puntz schon vor mir getan hat, muß ich die
Herren doch noch einmal bemühen. Wir erheben uns alle zum Zeichen der
Dankbarkeit und trinken unsere Tassen bis auf die Neige leer auf das
Wohl des Herrn Pelz, der uns den schönen Napfkuchen spendiert hat!«
Jubelnd folgen die Jungen den Worten und dem Beispiel. Nur Hagen fragt
noch nachher: »Muß man denn sowas nicht eigentlich mit Bier tun?«
»Keene blasse Ahnung!« antwortet da aber der Fritze Köhn mit richtigem
Gefühl. »Du hast do’ den Nappkuchen ooch in Kaffee injestippt und nich
in Bier!« -- -- --
Lachend und plaudernd sitzt man noch ein Weilchen da, bis es etwa sechs
Uhr geworden ist und man sich endlich zur Rückkehr nach dem Bahnhof
Wannsee rüsten muß.
Heimkehr.
Alles verläuft jetzt planmäßig. Um sieben ein viertel Uhr ist man auf
Bahnhof Wannsee; fünf Minuten später haben alle ihre Fahrkarte.
Doktor Fuchs hat sich mit Doef an der Treppe aufgestellt, die zum
Tunnel hinunterführt.
»Hier bleiben wir erst noch einen Augenblick!« müssen sich die ersten
sagen lassen, die mit dem Billet »anjepeest kommen«. So drückt sich
Fritze Köhn aus. »So! Tretet nur da rechts hin!«
Die Nachkommenden haben das nicht gehört, und so kommt immer wieder die
ganz erstaunte Frage: »Gehen wir denn nicht auf den Bahnsteig?«
»Noch nicht! Abwarten!« --
Drüben, an der andern Seite der breiten Treppe, die zum
Durchgangstunnel hinunterführt, steht der wackere Doef. Jetzt eben will
der letzte mit seiner Fahrkarte an ihm vorüberstürzen.
»Nee! Noch nich!«
»Warum denn nicht?«
»Weiß ich nicht! Ich soll keinen hinunterlassen!«
»Die Leute gehen aber alle hinunter! Sieh doch! Da kommt der Zug!«
»Halt!« -- Doef hat den Jungen mit eisernem Griff gepackt. -- »Wir
stehen doch alle noch da drüben!«
»Au, Mensch, bist du verrückt?«
»Ich nicht!« Und der Junge kriegt einen Stoß, daß er zurückfliegt und
sich auf seinen tiefsten Körperteil setzt, zum unendlichen Gaudium
aller derer, die das mit angesehen haben.
»Ja, aber -- aber --« -- damit rappelt sich der dumme Peter wieder auf
-- »warum fahren wir denn nicht mit dem Zug?« -- Er sieht die andern
Jungen und tritt schnell zu ihnen hinüber.
»Jetzt will ich’s dir sagen!« erklärt ihm Doktor Fuchs bedächtig.
»Siehst du, der Zug da kommt von Potsdam und ist jedenfalls schon
leidlich voll. Eigentlich aber müßte ich jeden von euch in einen Wagen
besonders stecken; da das nicht geht, so wollen wir versuchen, alle
zusammen in einen Wagen allein zu kommen. Solltet ihr aber doch mit
andern Personen zusammenfahren müssen, Jungs, so bitte ich mir aus,
daß ihr euch anständig haltet und nicht unnütz Radau macht. Kommt’s
zum Streit und zur Beschwerde, so habt _ihr_ immer unrecht, und das
Publikum kriegt Recht! Merkt euch das!«
»Herr Doktor, jetzt fährt der Zug!«
»Gut, dann los! Bis zum zweiten Bahnsteig!« --
Dort rückt der Zug bald vor, und Doktor Fuchs hat Zeit, seine Jungen
unterzubringen. Aber diese Jungen, die eben noch sanft wie die Lämmer
auf dem Bahnsteig standen, die sind auf einmal wie die Wilden, als sich
die Wagentür vor ihnen öffnet. Und als sie erst drin sind, da hebt ein
Konzert an!
Draußen gehen einige andere Passagiere verwundert und schaudernd an dem
Wagen vorüber.
»Immer feste Radau machen!« fährt Hagen im vordersten Abteil wie ein
Rasender herum. »Immer feste! Dann kommt keiner mehr rein!«
Nur Doktor Fuchs segelt auf einmal von hinten her vor. »Donnerwetter,
Jungs! Jetzt haltet mal gefälligst den Mund! Wenn keiner mehr einsteigt
und wir sind in Fahrt, dann dürft ihr singen und schreien, so viel ihr
wollt. Wo ist unser Feldwebel?«
»Hier!« -- Aus der einen Ecke taucht Doef empor.
»Also, Doef, nicht wahr, alles mit Maßen!«
Der wackre Kerl scheint mit sich selber zu kämpfen. Schließlich aber
sagt er doch: »Ja!« Und wenn Doef »ja« sagt, dann -- weiß Doktor Fuchs
-- kann er sich auf ihn verlassen; denn schon muß er wieder fort, da
eben hinten der Spektakel von neuem angeht. --
»Du, Doofkopp!«[16] nimmt Fritze Köhn jetzt schnell das Wort. »Haste’t
jehört? Alles mit Maßen! Du sollst uns also ruhig ’n bißken Radau
machen lassen!«
[16] Doof = taub, dumm.
Doef aber macht ein trauriges Gesicht und sagt endlich schweren
Herzens: »Nee! So hat’s Fuchs nich jemeint!«
Da haben die andern erkannt, worauf es ankommt. Und als jetzt einer
vorschlägt: »Dann drängeln wir lieber den Doef raus!« da sind alle
dabei und fassen zu.
Ja wohl aber! Proste Mahlzeit! Sie haben die Kraft ihres Feldwebels
ganz elend unterschätzt. Im nächsten Augenblick sind die neun Jungen,
die doch eben noch vor ihrem Ordinarius friedlich zusammenstanden,
ein unentwirrbarer Knäuel von Armen und Beinen, ein Knäuel, in dem es
stöhnt und ächzt, brandet und wogt, stürmt und braust, bis auf einmal
diese lebendige Kugel aufbricht und mit Bumsen und Dröhnen ein paar
Tertianer an die Seitenwände und auf die Bänke fliegen. Doef aber hebt
sich aus der Flut empor wie ein Herkules und immer noch felsenfest auf
seinen Beinen.
Da drängen auch schon die andern aus dem Nebenabteil heran. »Gott im
Himmel! Hier ist wohl Mord und Totschlag? Was ist denn los?«
Fritze Köhn steht tief aufatmend und mürrisch dem Fenster zunächst.
»Wat hier los is? Meine Hosendräjer sint los! Weiter nischt!«