»Na, freilich Nummer 1! Aber der Ernst Ehrenfried hat doch gesagt, daß

solche Ameisenmutter ihr Nest unter der Erde oder in einem Baumstamm

oder unter einem Stein anlegt, und Manning hat behauptet, daß dieses

Nest oft einen Meter hoch wird. Stimmt denn das zusammen?«

Manning fühlt sich sofort berufen, sich zu verteidigen: »Ja, die

Kolonie wird doch immer größer, und was man so vom Ameisennest sieht,

das sind immer so Nadeln und Holzsplitterchen und Pflanzenteile. Die

sind so draufgeschleppt zum Schutze gegen den Regen und die Kälte.«

»Ganz richtig! Das ist also auch in Ordnung. -- Na, wer ist jetzt dran?«

»Ich!« meldet sich Rohloff. »Aber der Manning hat ja nun schon alles

über die Wohnung der Ameisen erzählt.«

»Herr Gott, ja! Da muß sich Rohloff beleidigt fühlen! Na warte nur, für

dich findet sich schon wieder etwas anderes! Aber, Körer ist uns noch

was schuldig. Nicht wahr? Was war es denn?«

»Was die Ameisen fressen! Die Ameisen fressen alles, was ihnen vor

den Schnabel kommt. Sie fressen eben alle andern Insekten. Besonders

gerne fressen sie auch die Larven von andern Insekten. Außerdem noch

Raupen, Käfer, Frösche und Mäuse. Sie knabbern auch das Fleisch von den

Knochen ab. Wir haben einmal in unserm Garten einen Gänsekopf in einen

Ameisenhaufen gepackt; den hatten sie nach vierzehn Tagen ganz kahl

gefressen. Schließlich sind sie sogar bis in unsere Küche gekommen.

Ach, das war eine Geschichte! Meine Mama hat manchmal darüber geweint.

Wir konnten die Spinden noch so fest verschließen, sie kamen doch

hinein.«

Ein anderer fällt da schnell ein: »Meine Tante wohnte in Friedenau in

einer Parterrewohnung. Da waren die Ameisen so arg, daß meine Tante

ausziehen mußte.«

»Ach,« ist Körer bei der Hand, »da hätte sie alles mit Tran und Teer

beschmieren müssen. So haben wir sie weggekriegt.«

»Ja,« sagt Doktor Fuchs, »damit kann man sie sich vom Leibe halten.

Auch den Geruch von Petersilie mögen sie nicht. Aber etwas hat Körer

doch noch vergessen, oder er hat sogar zu viel gesagt. Nämlich, sie

fressen nicht alles, was ihnen vor den Schnabel kommt, sondern sie

hegen und pflegen sogar eine Sorte von Tieren. Na, Jungs, das ist eine

kolossal interessante Geschichte! Jeder hat doch schon einmal einen

Holunderbaum gesehen. Na, und die Holunderblätter sind doch manchmal

auf der Oberseite so klebrig. Dieses Klebrige nun, das mögen die

Ameisen gern; das schmeckt ihnen offenbar honigsüß.«

»Ja, ja, Herr Doktor,« drängt sich der kleine Achim Köckeritz neben

Doktor Fuchs her, »ich weiß! Wir haben einen Holunderbaum im Garten.

Ich habe erst gestern abend an solchem Blatt geleckt. Das schmeckt

wirklich wie Honig!«

»Ganz recht, Achim! Weißt du denn aber auch, was das ist?«

»Sie sagen ja selbst, Herr Doktor, das ist Honig!«

»Na, ich sagte wohl nur, daß es honigsüß ist; denn in Wirklichkeit

ist es etwas ganz anderes. Die Blattläuse haben nämlich solch Blatt

einfach als ihren Appartement betrachtet, und, was der Achim Köckeritz

da abgeleckt hat, das war einfach die Ausleerung der Schild- oder

Blattläuse.«

Der Achim wird ganz bleich. Er würgt an etwas herum; aber er meistert

sich noch einmal und sagt bloß entsetzt: »Äcks! Pfui Deibel!«

Einige andere schreien gleich aus Sympathie mit.

»Oh, das ist nicht so schlimm, Jungs!« wehrt Doktor Fuchs. »Ganz

und gar ungefährlich! Na also, zu unserer Sache zurück! Um diese

Blattlausausleerung immer zu haben, postieren sich einige von den

Ameisen neben die Tierchen und schützen sie vor ihren Feinden. Damit

aber der schöne, süße Kot der Blattläuse nicht vom Regen fortgewaschen

wird, bauen die Ameisen ihren Freundinnen sogar ordentliche Ställe. Sie

leimen nämlich ein loses Blatt oder sonst etwas über ihnen fest, und

nun kann’s regnen, so viel es will, die Blattläuse sitzen eben dann im

Trocknen. Man hat deshalb diese Blattläuse auch die Kühe der Ameisen

genannt, weil sie diese -- man möchte geradezu sagen -- melken.«

Da lachen die Jungen laut auf.

»Ja, ja, wirklich melken! Die Ameisen klopfen und streicheln nämlich so

lange mit ihren Fühlern an den Tierchen herum, bis die Blattläuse ihren

Enddarm entleeren!«

Aber nun das Lachen der Jungen erst! »So eine Schlauheit! -- Die

Ameisen denken dann doch genau so wie die Menschen.«

»Ja, das sollte man meinen! Einmal hatte jemand in seinem Garten

um einen Baumstamm einen Teerring gezogen. Auf dem Baume saßen

aber bei den Blattläusen noch Ameisen genug. Als die nun den Stamm

hinuntergeklettert kamen, um in ihr Nest zu gelangen, da fanden sie den

Teerring, über den sie natürlich nicht hinwegkonnten. Was machten sie

da nun? Was meint ihr, Jungs?«

»Vielleicht opferten sich die ersten und bildeten so eine Brücke, daß

die andern drüberkonnten!«

»Nein, opfern tun sie sich nur in Gefahr oder beim Angriff!«

»Vielleicht haben sie Blätter oder sonst was auf den Teerring

geschleppt!«

»Ja, das haben sie getan. Aber dieses ›sonst was‹ waren eben die armen

Blattläuse. Die Ameisen kriegten sie zu packen und klebten sie auf den

Teerring, bis sie selber da gefahrlos hinüberkonnten. Also man sieht,

schlau sind die Ameisen, aber dankbar gegen andere Lebewesen kann man

sie nicht nennen; sogar nicht gegen die, die ihnen nützen.« -- -- --

»Dieser Stein vom Seinestrande.«

Da schwenkte man eben rechts weg und hinunter; denn hier fallen die

Havelberge zu einem Gesenke ab. Lange, lange bevor noch ein Germane mit

Albrecht dem Bären wieder in diese Gegend kam, hatte der Regen, wenn er

von jenen Höhen herunterströmte, hier ein flaches Sandland geschaffen

und dadurch die Havel zurückgedrängt. Da schneidet die Chaussee gerade

den letzten Zipfel der hier niedriger auslaufenden Havelberge durch und

wendet sich dann von dem Wasser weg in den Wald hinein, um so später

rechtwinklig auf die alte Berlin--Potsdamer Landstraße zu stoßen.

Durch das Gesenke selbst läuft die Chaussee auf einem aufgeschütteten

Damm, der von weißgetünchten, aufrechtstehenden Steinen eingefaßt ist.

Zwischen diesen Steinen muß man jetzt ein kleines Stückchen hinwandern.

»Warum stehen denn die Steine hier?« fragt da einer.

»Frage do’ nich so dumm!« -- Fritze Köhn ist eben ein zappeliger und

schnell denkender Berliner. -- »Damit keener runtersaust, wenn er ’n

Schwips hat.«[11]

[11] Bezecht ist.

»Aber,« hat der Frager wieder zu sagen, »wenn nun im Winter Schnee

liegt? Dann sieht man doch die weißen Steine nicht!«

Ja, nun horchen mehr her. »Wenn nun im Winter Schnee liegt?«

»Schafsneese!«[12] wirft Fritze Köhn wieder mit größter Gemütsruhe ein.

»Dann werden die Steine schwarz anjepinselt!«

[12] Schafsnase, gutmütig gemeintes Schimpfwort.

Das bezweifelt aber der dicke Puntz. »Na, ich weiß nicht! Ich würde sie

weiß lassen. Wenn wirklich jemand da hinunterschlittert, dann fällt er

bei so viel Schnee doch weich genug.«

»Ja,« meint der kleine Achim Köckeritz schnell, »besonders, wenn man

eine Fettschicht auf den Rippen hat.«

»Na, du Dürrländer,« repliziert der Dicke ganz gut, »das ist ja bei dir

der bloße Neid! Wenn du man --«

»Ding, Ding, Ding!« schallt da hell und warnend die Glocke eines

Fahrrades von hinten, und sofort brüllt einer: »Hurra!« Denn die

beiden Männer, die mit ihrem Fahrrad herankommen, sind Offiziere.

Jetzt bricht es geradezu betäubend los: »Hurra! Hurra!« Und so sehr

erregen und begeistern sich diese dummen Tertianer, daß die Hälfte

sich in Trab setzt, gleichsam um den beiden Offizieren das Geleit zu

geben. Aber die sind ja schon durch die kleine Schar durchgeflitzt.

Als indessen das Hurra kein Ende nehmen will, da springt der letzte

der beiden so stürmisch Gefeierten vom Fahrrade herunter. Er legt

die Hand leicht an die Mütze. _Der_ Jubel nun erst! Das hätte sicher

zwischen dem militärischen und dem unmilitärischen Deutschland hier

gleich auf der Landstraße das schönste Verbrüderungsfest gegeben, und

die ganze Menschheit hätte neue Bahnen einschlagen müssen, wenn nicht

gerade hier und in diesem Augenblicke der Weg Jung-Deutschlands von der

Chaussee weg hinuntergeführt hätte auf jene Sandfläche, welche die alte

Havelbucht füllt. Hier steuern die Jungen dem hohen Kiefernhang zu, den

die Grunewaldwanderer das »Große Fenster« nennen.

Gerade mitten in ihren Weg indessen hat vor vielen Jahrhunderten die

Natur eine Eiche gepflanzt. Die steht da, von der Winterkälte in

Eis geschlagen, von der Sommerhitze gedörrt, vom Sturme gepeitscht

und gekappt, vom Blitz zerschlissen und doch immer weiter grünend

und gedeihend und wachsend, bis sie der stärkste Baum des ganzen,

weit ausgedehnten Grunewaldes geworden ist. Vor diesem Riesenstamme

stehen die Jungen staunend und bewundernd still; sie wandern herum

und betrachten ihn mit stiller Ehrfurcht. Endlich treten sie auch

näher hinzu. Vier Mann fassen sich an und wollen den Stamm umklaftern;

aber der erste und der vierte können sich nicht die Hand reichen,

so daß sich noch der dicke Puntz als Bindeglied zwischen die beiden

freien Hände stellen muß. Das ist ein Baum! Der ist wert, daß man

hinauswandert und bei seinem Anblicke begreifen lernt, daß der magere

Boden der sandigen Mark viel mehr zähe Kraft erzeugt und großzieht, als

man glauben sollte und als viele es jemals glauben möchten. --

Doch, ein Tertianer ist nicht dazu veranlagt, lange in schweigender

Betrachtung zu verweilen, besonders wenn hundert Schritte davon durch

das spärliche, lispelnde Schilf das Wasser leise plätschernd an den

flachen Strand heranzieht, und wenn dort drüben die Höhen des »Großen

Fensters« winken, die wie Schanzen aussehen und in der Brust der Jungen

Gedanken erwecken an Klettern und Stürmen. So zieht denn jetzt die

fröhliche Jungenschar hinter dem leichtfüßigen Schrittmacher, dem Esch,

her. Je weiter der aber vorwärtskommt, desto länger wird die Linie

seiner Gefolgsmannen; denn da liegen Muscheln und die allerkommunsten,

aber für den unbefangenen Jungen doch seltsamsten Schneckengehäuse in

reichlichster Fülle und verführerisch umhergestreut. Und die trockenen

Rohrstengel müssen es sich gefallen lassen, geschwippt zu werden wie

Weidengerten. Dabei brechen sie natürlich wie Glas weg und werden

wieder fortgeworfen. Der und jener versucht auch einmal, wie weit man

durch den schwammigen, wassergetränkten Ufersaum an die Havel selbst

hinankommen kann. Dann steht er auf einmal auf den Zehen und dreht sich

elegant um wie eine Tänzerin und versucht, mit eiligen Schritten und

mit hängenden Ohren den festen Sandboden wiederzugewinnen. Unterwegs

macht er vielleicht noch einen Extrasprung; denn er wollte gerade in

einen Kuhfladen treten und wollte es doch eigentlich auch wieder nicht.

Fritze Köhn, vom sichern Port aus, konstatiert das alles laut und mit

tertianerhaft-erlaubter Schadenfreude; schließlich kommt er sogar zu

der Behauptung: »Dunnerschock ja! Ick hätte nie jedacht, det de so fein

walzen kannst!«

Als er aber von dem also Verhöhnten dafür einen Klaps kriegen soll,

da wendet er sich blitzschnell und -- rennt mit der Nase gegen einen

aufgehobenen Arm.

»Na, da schlag aber eener lang hin un steh wieder kurz uff!« muß er

schon wieder schimpfen. »Wat machst de denn mit de Vorderflosse hoch?«

»Na, ich will die Enten zählen!« -- Ein ganzes Heer von Kriekenten

tummelt sich draußen auf dem Wasser.

»Ach, Kohl! Du bist eben mal dümmer, als de aussiehst! Det kann keener!

Zähle die Kühe da! Bis zehn kommst de noch! Det macht Effekt un kost

nischt!«

Dem Fritze Köhn aber kann keiner böse sein. So ziehen also auch schon

im nächsten Augenblick wieder die Jungen friedlich ihrem Ordinarius

nach, der gleich am Eingang des Cladower Sandwerders etwas nach

rechts abbiegt. Hundert Schritte weiter nämlich ist -- ein Stück

von Paris erstanden. Ein kunstsinniger Kämpfer hat im Jahre 1871

bei dem Brande der Tuilerien in Paris dieses Säulenpaar gerettet

und zur Erinnerung in dieser weltverlorenen, aber wundersam schönen

Ecke des kieferndurchdufteten Havellandes wieder erstehen lassen.

Märkischer Efeu ist an dem Säulenpaar langsam herumgekrochen und hat

sich daran hochgerankt und festgekrallt, als wollte er -- ein echter

Brandenburger! -- damit ausdrücken, daß er zähe festhalte, was er

einmal in Besitz genommen. Auf der Wasserseite jedoch läßt er eine in

das Mauerwerk eingelassene Tafel frei. Auf der liest Doktor Fuchs:

»Dieser Stein vom Seinestrande,

hergepflanzt in deutsche Lande,

ruft, o Wanderer, dir zu:

Glück, wie wandelbar bist du!«

Das finden die Jungen sehr nett. Einer aber fragt nun doch noch: »Ist

das alles?«

»Ach,« lacht der kleine Köckeritz laut auf, »du willst wohl noch eine

Tasse Schokolade zu haben?«

Keiner freut sich mehr darüber als der Fritze Köhn. »Die nimmt der!«

erklärt er laut. »Vielleicht wird er denn so sachteken schläuer davon!«

Blattlaushumor.

Die paar Schritte über den kleinen Verbindungsdamm zwischen Werder

und Festland geht’s jetzt zurück und dann rechts ab auf ödem Sandwege

zwischen Brombeergebüsch dahin. Vor den Jungen leuchten und blitzen

die kurzen Wellen des immer schönen Wannsees auf. Da fühlen sie keine

Müdigkeit, sondern schleppen die Beine mutig durch den Brandenburger

Schnee, den rieselnden Gelbsand, in den sie einsinken bis an die

Knöchel. Immer zwischen Wald und Wasser hin, bis auf einmal scharf

links die Pumpstation emportaucht und das bunte Gewimmel der Tische und

Stühle in den neuen Lokalen, die am See entstanden sind. Da schlägt der

dicke Puntz vor: »Herr Doktor, kehren wir da ein?«

»Nein, Dicker, da würdest du dann doch Bier trinken wollen! Das aber

macht beim Marsche nur müde und matt. Hat einer noch etwas für den

Dicken zum Trinken?«

Von allen Seiten wird ihm da angeboten: Wasser, kalter Kaffee, Tee.

»Na, am liebsten,« vermutet Fritze Köhn, »wäre ihm Wasser mit ’nem

Schuß was drin.«

»Aber,« -- Doktor Fuchs sieht nach der Uhr -- »wenn ihr wollt, Jungs,

dann können wir hier noch fünf bis zehn Minuten lagern. So viel Zeit

können wir dransetzen.«

»Nein, gleich weiter, Herr Doktor! Der Dicke ist bloß faul!«

»Wir wollen abstimmen!«

Der dicke Puntz aber hat die ganze Sache schon entschieden: er hat

sich eben, ohne ein Wort zu sagen, hingesetzt. Und als die andern nur

die Miene machen, auch einen Augenblick zu rasten, da legt er sich

einfach ganz lang hin und dreht sich schließlich recht behaglich herum,

so daß er jetzt bauchlings auf dem warmen, weichen Sandboden liegt.

Seine dicken Hängebacken, die »Jewitterbacken« vom Paradetage, hat

er in die aufgestützten Hände gelegt und blinzelt aus seinen kleinen

Schweinsäuglein zufrieden auf den Wannsee hinaus. Sogleich hat sich

eine kleine Schar, bestochen durch diese genußreiche Behaglichkeit, um

ihn herumgelagert. Doktor Fuchs sieht sich dieses Bild vergnüglich an.

»Wirklich zum Malen!« denkt er. Laut fügt er hinzu: »Wie ist denn das,

Gebhardt, kannst du uns hier nicht photographieren?«

Der Gebhardt ist immer ein kleiner, überängstlicher Peter. »Jetzt ist

zu viel Sonne! Vielleicht am Nachmittag wieder!«

»Ja, sonnig genug ist es jetzt!« -- Doktor Fuchs schaut umher. -- »Da

unter dem Baum liegen wir im Schatten!«

So zieht er mit der Hälfte der Jungen noch einige dreißig Schritte

weiter; da lagern sie sich.

»Na, Jungs, ist der Grunewald nicht wirklich schön?«

»O ja, aber hier hinten kommt man ja auch sonst gar nicht her! Oder nur

zum Baden!«

»Dürfen wir hier baden, Herr Doktor?«

»Warte mal!« sagt der ausweichend. »Wir werden noch manches Schöne

heute sehen! Was denn? Das glaubst du wohl nicht, Rogall?«

»Doch!«

»Na, warum lachst du denn?«

Statt aller Antwort lacht der Rogall wieder und erklärt dann: »Der

Sausig hat hier solchen faulen Witz gemacht.«

»Na, den müssen wir doch alle hören! Nu schieß mal los, Sausig!«

Der läßt sich auch gar nicht nötigen. »Ach, ich habe den Rogall bloß

gefragt, ob er den größten Automaten kennt!«

»Na, den kennen wir auch nicht! Nicht wahr, Jungs?«

»Nein, nein! Kennen wir nicht!«

»Das ist das Polizei-Präsidium in Berlin. Wenn man oben eine Scheibe

einwirft, kommt unten ein Schutzmann raus!«

Schallender Beifall belohnt den Erzähler. Während aber alle noch

lachen, meldet sich schon der Doef krampfhaft: »Herr Doktor, ich weiß

auch was!«

»Na, dann gib’s zum besten!«

»Bei uns im Norden, da steht früh um achte ein kleiner Junge mit der

Mappe auf dem Rücken an der Bordschwelle. Und der Junge heult! Da kommt

eine Frau und fragt ihn: ›Junge, warum heulst du denn?‹ -- ›Ja,‹ sagt

er da, ›meine Mutter hat gesagt, wenn ich über den Damm gehen will,

soll ich erst die Wagen vorbeilassen. Und nun kommt gar keiner!‹«

Der Doef hat kein Erzählertalent; aber die Sache, die sich der Berliner

ja immer plastisch vorstellt, ist an sich spaßig genug. Und das Lachen

sitzt heute so locker!

Mitten drin in diesem Lachen gibt’s einen Ruck, so daß alle erschrocken

aufspringen: der kleine Heerhaufen nebenan ist mit lautem Aufschrei

auseinandergeflogen. Die einen, welche sich nicht früh genug aufgerafft

haben, kriechen blitzschnell auf allen vieren fort, und dann erst

richten sie sich auf und fangen an zu lachen. Aber auch so zu lachen!

Und die andern, die schon stehen, fallen wieder lang hin und wälzen

sich auch vor Lachen und können da gar kein Ende finden. In der Mitte

dieses soeben noch so idyllischen Schäferbildes aber, das jetzt

freilich einer Szene aus dem Tollhause gleicht, da liegt ruhig der

dicke Puntz und blinzelt aus seinen kleinen Schweinsäugelein ganz

erschrocken um sich. In seiner Verlegenheit -- denn er ist in großer

Verlegenheit! Man sieht es ihm an! -- in seiner Verlegenheit glotzt

er dann auf die weißblinkende Fläche des Wannsees hinaus, wo doch gar

nichts zu sehen ist. Und trotzdem er -- nun schon eine geschlagene

Minute lang -- noch kein Wort gesprochen, ist er dennoch der Urheber

des ganzen Aufstandes.

Da kommen die andern von drüben herübergesprungen: »Was ist denn los?«

-- »Warum lachst du denn so, Köckeritz?« -- »Warum lacht ihr denn?

Mensch antworte doch!« -- »Lache doch nicht so!« -- »Warum lachst du

denn?«

So geht es durcheinander; eine vernünftige Antwort jedoch ist aus

keinem herauszubekommen, bis sich schließlich Doktor Fuchs an den

Dicken wendet. Der tut ja zwar auch ganz sonderbar, aber immerhin

scheint er noch der einzig ruhige und vernünftige Mensch in der ganzen

Gesellschaft zu sein.

»Na, Dicker, du bist doch bei klarem Verstande! Was habt ihr denn da

alle miteinander?«

Langsam und schwerfällig richtet sich der Dicke auf, und dabei sagt

er bedächtig und mit beinahe weinerlichem Gesicht: »Ja, ich bitte um

Entschuldigung, Herr Doktor! Aber die fingen auf einmal alle an, an mir

herumzustreicheln und herumzuklopfen, und dann kitzelten sie mich alle

und sagten immer, sie wären die Ameisen und ich eine Blattlaus. Und da

-- habe ich -- da bin ich --«

Der Dicke hat das Gesicht wie mit Blut übergossen. Er kann gar nicht

mehr weitersprechen und stottert jetzt nur noch einmal ums andere: »Ich

-- ich -- ich --«

»Ja« -- jetzt hat sich der kleine Köckeritz so weit erholt -- »Herr

Doktor, es ist ja gar nicht so schlimm!« Aber er muß doch wieder

lachen und prustet plötzlich heraus: »Dem ist nur ein bißchen das Fell

geplatzt!«

Auch Sausig hat zur Partei der Lacher gehört; der findet jetzt das

richtige Wort: »Herr Doktor, der Dicke hat die Blattlaus beinahe zu

natürlich gespielt! Aber er war nicht dran schuld! Wir haben ihn zu

sehr gekitzelt!«

Nun verstehen alle, und nun geht das unbändigste Lachen noch einmal los.

Auch Doktor Fuchs faßt die Sache von der guten und spaßigen Seite auf.

»Ist recht, Dicker,« sagt er, »gib’s ihnen man ordentlich! Das ist

durchaus menschlich! Komm! Da laß dir also keine grauen Haare drum

wachsen!«

Das war für den armen Dicken ein erlösendes Wort. Jetzt lachte er sogar

selber wieder mit.

_Ein_ Gutes hat der unfreiwillige Humor des Dicken noch außerdem

gehabt: jetzt fühlt sich keiner mehr müde; das herzhafte Lachen, das

allen das Zwerchfell wirklich einmal nach allen Seiten ausgeschüttelt

und ausgeschüttert hatte, war gegen Müdigkeit ebenso gut gewesen wie

ein Stündchen Schlaf und wirksamer als der stärkste Wille. -- -- --

Vom Wannsee nach der Pfaueninsel.

So ziehen jetzt die Jungen noch einmal so munter weiter, an Belitzhof

vorbei und nun ein Stückchen die Chaussee hin, vorüber an dem niedrig

angelegten Mauerwerk der Pumpstation mit den kleinen Luftlöchern von

Fensterchen, so daß die Anlage ganz unnahbar aussieht.

Hier drängt sich der Achim Köckeritz an Doktor Fuchs hinan. »Herr

Doktor, einmal war ein Pariser Geschäftsfreund meines Vaters bei uns.

Da sind wir mit ihm hier nach Belitzhof und nach Wannsee und nach dem

Schwedischen Pavillon gefahren. Als wir nun hier vorbeikamen, da sprang

der Herr plötzlich im Wagen auf, und dabei schrie er wie besessen: ›Ah,

Sie saggen, daß Berlin ist nicht Festung! ~Voilà des fortifications! Un

fort! Un fort!~‹ Nachher wollte er auch gar nicht glauben, daß das nur

die Wasserwerke sind.«

»Ja« -- Doktor Fuchs bleibt einen Augenblick stehen, und auch die

Jungen schauen jetzt neugierig auf den niedrigen, roten Ziegelbau

hinüber, der mit Erde bedeckt ist, so daß er in der Tat von der

Bahn aus kaum zu sehen sein wird -- »ja, das Ding sieht allerdings

Kasematten nicht ganz unähnlich.«

Schon dieses kriegerische Wort interessiert drei Dutzend wirklicher,

frischer Jungen mehr, als dreißig Dutzend Mummelgreise glauben könnten.

Während man also über das Sandfeld halb rechts wegschreitet und an

den ersten Villen von Wannsee vorüberzieht, schwirren alle möglichen

Erzählungen von Festungen und Forts und Kasematten um die kleine Schar

herum, und wenig Sinn haben jetzt die Klugsnaks von Tertianern für die

Schönheit dieser Villen und Gärten aus Tausend und eine Nacht. Nein, im

Handumdrehen gleichsam hat man den Bahnhof Wannsee vor sich und folgt

Doktor Fuchs, der jetzt rechts um die scharfe Ecke schwenkt und seine

Klasse auf ein kleines Plateau hinausführt.

Da steht auf hohem Sockel und in einer kreisförmigen Nische von

üppigem Grün die Kolossalbüste des Eisernen Kanzlers, und über die

vorn abschließende Hecke weg schweift der Blick auf des Wannsees

lichthelle Fläche hinunter, die drüben in ihrer klaren Flut die Zinnen

hochragender Villen spiegelt. Leise und träumerisch schaukeln weiße

Boote vor ihren Ankern; ein kleiner Dampfer zieht eine silberne Furche

von dem Landungssteg unten hinüber nach dem Paradies des Schwedischen

Pavillons. Majestätisch strebt soeben ein stattlich großes Dampfboot

wie ein mächtiger, weißer Schwan rechts hinaus, der offenen Havel zu,

die drüben von den steil aufsteigenden Hügellehnen bei Cladow begrenzt

wird. Von Süden her aber schimmert die weiße Fläche des »Kleinen

Wannsees« herüber, und das staunende Auge kann es kaum fassen, dieses

lieblichste aller lieblichen Havelbilder. Es ist ein wundersames

Gemälde, hineingezaubert in die karge und herbe Schönheit des sonst so

verrufenen Brandenburger Landes. --

»Wo essen wir denn Mittag, Herr Doktor?« -- Dem Dicken wird es so eigen

im Magen, als man das schöngelegene Restaurant am Knie der Chaussee

links liegen läßt und stramm weiterzieht. Da gibt’s noch manchen

schönen Blick nach rechts hinaus auf den Wannsee; aber man hat schon

so viel des Schönen gehabt, daß man vieles jetzt achtlos vor den Augen

vorübergleiten läßt.

Erst vor dem Flensburger Löwen, oben auf der geräumigen Schanze, macht

man wieder Halt. Da stehen unsre Jungen und lassen sich erzählen,

wie die Dänen das Original, das jetzt im Hofe des Lichterfelder

Kadettenhauses steht, einst Deutschland zum Hohne in Schleswig

aufgerichtet hatten; wie aber dann Schleswig wieder deutsch wurde und

der dänische Leu dem preußischen Adler nach der Mark folgen mußte.

Während das starre Eisenauge früher nach Süden -- nach Deutschland

herüber -- schaute, jetzt ist es nach Spandau hinauf und viel weiter

hinaus gerichtet, nach Norden hin, der alten Heimat zu. --

Eine feine Woche! · 第 7 / 9 段