»Nein, Dicker,« wendet sich da Doktor Fuchs zu dem Zweifler um, »nein,

denke mal, Dicker, die können ja überhaupt nicht sehen, und doch wissen

sie ganz genau, wo das spitze Ende ist. Da hat der Ernst Ehrenfried

recht.«

»Na, sieh doch, Dicker,« kommt da Hagen, der jetzt neben Puntz kniet,

»ich mache doch auch die Augen zu und fühle, wo deine dicke Nase sitzt.«

Er hat die Augen zugemacht und fährt jetzt mit den Händen dem Puntz

tastend über Kopf und Gesicht. Der hält auch merkwürdigerweise so

still! Aber eben als Hagen die Nase fassen will, da schnappt Puntz zu

und beißt ihm in die unverschämten Finger. Dann sagt er ganz trocken:

»Du bist eben kein Regenwurm und ich kein verfaultes Blatt. Aber, Herr

Doktor,« -- der Dicke kann eben auch sehr wißbegierig sein -- »warum

sollen denn die Regenwürmer mit die nützlichsten Tiere sein?«

»Weil sie den Humusboden immer wieder von unten nach oben an die

Erdoberfläche schaffen und so ständig für die Menschen den Boden

verbessern. Kein Mensch kann sagen, wie oft die Regenwürmer unsern

Acker- und Gartenboden im Laufe der Zeit schon aufgefressen und, fein

gedüngt, wieder von sich gegeben haben!«

Da sind nun die Jungen alle noch mehr zusammengerückt. Das klingt

wahrhaftig auch so spaßig, daß sie Doktor Fuchs veritabel auslachen.

Der aber denkt: »Lacht nur! Jetzt sind wir im Zuge!«

Bald hat auch Puntz wieder das Wort: »Herr Doktor, das verstehe ich

nicht. Fressen denn die Regenwürmer Erde?«

»Na freilich, Dicker! Wie würden sie sich denn sonst ihre Gänge graben

können! Oben an der lockeren Erdoberfläche, da drängen sie wohl mit

ihrer Kopfspitze die Erdschollen und Krümelstückchen auseinander; aber

unten müssen sie sich durch die Erde durchfressen. Und dann kommen

sie hervor und verrichten hier oben« -- dabei beugt sich Doktor Fuchs

zu Puntz hin und sagt nur halblaut -- »ihr Geschäftchen. Wer hat

denn schon mal so was gesehen? Solche kleine, ringelförmig geordnete

Kotballen, meine ich.«

Oh, das waren doch mehrere, die das schon bemerkt hatten. »Ich! ich!

Herr Doktor!«

»Na, also Jungs! Einen guten Meter tief ist unser ganzer Ackerboden der

Dünger der Regenwürmer. Der geht im Laufe der Jahrhunderte sogar immer

wieder durch den Körper dieser nützlichen Tiere hindurch.«

Da lächelt der Dicke so vor sich hin: »Nein, das glaube ich nicht, Herr

Doktor! Die glauben’s auch alle nicht! Die sagen’s bloß nicht!«

Und wirklich! Die andern wissen nicht recht, wie sie sich dazu stellen

sollen.

»Na, Jungs, dann rückt mal noch ein bißchen enger zusammen! Dann

müssen wir nämlich erst ein kleines Rechenexempel anstellen. -- Also!

Genaue Untersuchungen haben gezeigt, daß rund 10 Regenwürmer unter

einer Fläche von 1 Quadratmeter leben. Was macht das nun auf 1

Quadratkilometer?«

»1000 × 1000 × 10.«

»Das sind also doch 10000000 Regenwürmer auf 1 Quadratkilometer.

Wieviel Milliarden haben wir also da auf unserer Erde? -- Dann hat sich

Darwin --. Übrigens, wißt ihr denn auch, Jungs, wer Darwin war?«

»Ja,« sagt da der Ernst Ehrenfried, »das war ein englischer Gelehrter

im vorigen Jahrhundert. Der hat gesagt, daß alles, was heute besteht,

Tiere und Pflanzen, nicht immer so gewesen ist, sondern daß alles erst

so geworden ist im Kampfe ums Dasein. Und alles ändert sich noch immer

weiter.«

Der kleine Köckeritz möchte auch seine Weisheit los werden: »Herr

Doktor, das ist der mit der Vererbungstheorie. Der hat doch auch

gesagt, daß der Mensch von den Affen abstammt.«

Der dicke Puntz erweist sich auch hier als ein zielbewußter Zweifler.

»Von den Affen?« nimmt er auf. »Na du vielleicht, Achim! Ich nicht!«

»Na, früher mal! Dicker, du zum Beispiel bist doch dem Orang-Utan noch

viel näher als ich!«

Den Spaß aber will der Dicke nicht verstehen. Er greift ~sans façon~

nach dem giftigen, kleinen Köckeritz hinüber, gleich hinter Doktor

Fuchs weg. Der hat nun zwar ziemlich belustigt diesem Zwiegespräch

zugehört; jetzt aber faßt er mit festem Griff die Hand des Dicken.

»Nicht, Dicker! Immer Spaß verstehen! Also Darwin hat sich auch hinter

die Regenwürmer hergemacht. Und er hat lange und sehr sorgfältig den

Kot der Regenwürmer eingesammelt. Auf diese Weise stellte er fest,

wieviel Erde von den Würmern an die Oberfläche heraufgeschafft wird.

Da fand er, daß alljährlich auf einen Quadratmeter 2½ Kilo kamen oder

auf einen Quadratkilometer 2500000 Kilogramm oder 5000000 Pfund oder

50000 Zentner. Könnte man diese Massen auf die betreffenden Flächen

ausstreuen, so würde das eine Erdschicht von 3 ~mm~ geben. Na, Dicker,

bist du nun bekehrt?«

»Na ja, ich glaube es ja; aber verstehen kann ich es immer noch nicht.«

»Na, dann passe auf! Derselbe Darwin hat auf ein Feld -- damals war

er noch jung -- Kreidestückchen streuen lassen. Das Feld aber ließ er

dann unberührt und brach liegen und untersuchte die Sache nach einem

Menschenalter wieder -- ich glaube, genauer waren es 29 Jahre. Da fand

er die Kreideschicht 16 oder 17 ~cm~ unter der Oberfläche. Macht aufs

Jahr als Wühlarbeit der Regenwürmer ½ ~cm~, auf 100 Jahre ½ ~m~, auf

200 Jahre 1 ~m~. ~Item~, wie oft mag wohl unser Erdboden schon durch

den Magen der Millionen und Milliarden von Regenwürmern gegangen sein,

die auf unsrer Erde leben!«

Das interessiert die Jungen; sie hängen jetzt an Doktor Fuchs’ Munde;

keiner spricht ein Wort, als erwarte eben jeder noch mehr.

Nein doch! Einer der Jungen, der lange Giesel, der knurrt etwas vor

sich hin, als wäre er mit der Sache nicht so ganz zufrieden und

einverstanden. Der Ordinarius kennt ihn schon darin; aber er weiß, wenn

er jetzt den Langen fragt, dann zuckt der in sich zusammen und sagt

nichts. So ist er vorläufig ruhig. Und wirklich, nach einer halben

Minute etwa, als alle andern schon ungeduldig werden wollen, da ist der

Giesel fertig.

»Herr Doktor,« sagt er, »das mit den Kreidestückchen kann Zufall sein.

Ja!«

»Wieso denn, Giesel?« blitzt es um ihn herum auf.

»Ja, wenn Steine auf der Erde liegen und es regnet zum Beispiel, dann

sinken doch die Steine ganz alleine in die Erde ein und immer tiefer!

Mit der Kreide kann’s doch auch so gewesen sein!«

Das macht die Jungen stutzig.

»Aber ist nicht Kreide sehr leicht? Vielleicht sinkt die nicht ein!«

Der den Einwurf macht, das ist der Giesel selber. Er reflektiert

schon weiter: »Aber die müßten die Regenwürmer doch schließlich auch

aufgefressen haben. Und dann müßte diese Kreide doch gerade wieder oben

liegen!«

Doktor Fuchs sitzt sinnend unter der Schar der Jungen.

»Ja,« gibt er schließlich zu, »das läßt sich alles hören. So können wir

also keinen Zweifler überzeugen. Aber man hat auch noch einen direkten

Beweis dafür erbracht, daß die Regenwürmer dem Landmann nützen; denn

man hat ein Feld einmal ganz wurmfrei gehalten, das nächste Jahr es mit

Würmern durchsetzt. Und im letzteren Falle war der Ertrag des Feldes

genau noch einmal so reichlich.«

Der Ernst Ehrenfried ist von den Jungen entschieden der beste

Kenner der Regenwürmer. Er meldet sich jetzt schüchtern, genau wie

in der Klasse: »Herr Doktor, nicht wahr? Wenn man einen Regenwurm

durchschneidet, so wird jede Hälfte wieder ein ganzer Wurm!«

»Ganz richtig! Und man war dann etwas neugierig und hat einmal zwei

Kopfstücke und zwei Schwanzstücke für sich allein auch zusammengenäht.

Dann wuchsen die einzelnen Stücke nicht mehr größer, sie wuchsen aber

zusammen. Indes, trotzdem war das zusammengenähte Doppelpaar doch nicht

lebensfähig.«

»Na,« sagt da einer, »das ist aber auch eine ganz verrückte Idee!«

»Möglich!« meint Doktor Fuchs. »Es muß eben alles untersucht werden!

Na, Jungs, wollen wir weiter?«

»Ist nichts mehr von den Regenwürmern zu erzählen?« fragt der dicke

Puntz.

»Oh, noch ein ganzer Sack voll! Nur, uns würde es jetzt zu spät! Also

~en avant, messieurs~!« --

Da sprang nun alles auf; hier und da packte auch schnell noch einer

etwas ein oder schnürte an seinem Paketchen herum. Doktor Fuchs wendet

sich inzwischen an den großen Doef: »Na, Herr Feldwebel, haben wir noch

alle?«

Doef zählt noch einmal schnell und nickt dann: »Alle, Herr Doktor!«

»Dittmer! Dittmer! Du hast deine Brennesseln vergessen. Hahaha! Wie

sehen denn die aus?«

»Ach, das sind nun gar keine Brennesseln mehr!«

»Na,« meint Doktor Fuchs, »gebrannt haben sie dich freilich nicht!«

»Nein, die brennen ja nur auf der bloßen Haut!«

»Warum, Dicker? Warum, Jungs?«

Da wissen mehrere Bescheid. Der kleine Hempel darf es sagen: »Ja, auf

den Blättern stehen solche steifen Haare; aber das sind eigentlich

Röhrchen, die mit einer flüssigen Giftsäure gefüllt sind. Wenn man nun

die Pflanze anfaßt, dann splittern die kleinen Härchen ab, der Stumpf

sticht sich dabei in unsere Haut, und aus dem Röhrchen fließt dann das

Gift in die Wunde und zieht Blasen.«

»Das war ganz vernünftig! Aber nun schnell, da stehen welche unter der

Eiche! Die wollen wir uns einmal ansehen!«

Na, jetzt sehen auch alle die Härchen; man probiert sogar und bricht

die kleinen Haarstangen ab, indem man mit einem Grashalm oder sonst

etwas über die Blätter streift.

Da fährt Doktor Fuchs fort: »Ja, Jungs, warum haben aber die Nesseln

diese Härchen?«

Die Gesellschaft lacht so lustig darüber; das wissen nämlich alle. »Zum

Schutze!«

»Ja, Jungs, da lacht ihr! Bei der Brennessel versteht ihr das; aber

könnt ihr mir noch eine Pflanze nennen, die Schutzvorrichtungen hat? --

Na, seht ihr? Und der Hagen könnte sie mit der Hand greifen, so nahe

steht sie ihm!«

»Ach, vielleicht die rote Pechnelke da?«

»Na, freilich! Warum heißt sie denn überhaupt Pechnelke?« -- Doktor

Fuchs hat sich zu der Pechnelke hinabgebeugt. -- »Nun, seht mal

her, Jungs!« Als aber alle Köpfe zusammenschießen und eine tüchtige

Drängelei entstehen will, da meint Doktor Fuchs gelassen: »Na, dann

helpt det nich! Dann muß sich die Pechnelke opfern!«

Er pflückt sie ab und hebt sie hoch: »Hier, Jungs, seht mal die Gelenke

des Stieles an! Unter diesen Gelenken ist die Pflanze so klebrig, daß

sie sich da gleichsam einen leimigen Ring umgelegt hat. Auf dem bleibt,

wie auf Pech, das ganze Ungeziefer kleben, wenn es der schönen roten

Blüte zu Leibe gehen will.«

»Aber!« sagt da einer der Jungen zögernd. Er denkt vielleicht, er

wird für seinen Einwurf ausgelacht. »Ist das nicht recht komisch? Die

Pflanze kann sich doch nicht selber solchen Ring umlegen!«

Doktor Fuchs hat solchen Einwurf nicht erwartet. Er gibt schnell

zu, daß das eine sehr schwierige Frage ist. Zu ihrer Erklärung

müsse man auf viel frühere Perioden zurückgehen. Immer nur

diejenigen der Pflanzen hätten sich erhalten, die zufällig die

besten Schutzvorrichtungen gehabt hätten, und die hätten sich auch

fortgepflanzt, bis nun heute die Pechnelken alle so wären. »Wißt ihr,

wie man das nennt, Jungs?«

»Zuchtwahl!« -- Einige hatten das Wort bereits auf der Zunge.

Da kommt aber auch schon ein anderer Junge dazwischengefahren. »Ja,

Herr Doktor, warum stehen denn die Brennesseln immer unter den Eichen?«

Mit einem Ruck bleibt der Gefragte stehen. »Ach, die Brennessel noch

einmal? Ja, Jungs, warum stehen die immer unten den Eichen? Manchmal

auch in Gräben und hinter Hecken?«

Die Jungen schauen alle erwartungsvoll auf. Ja, warum stehen die hier

immer unter den Eichen?

Da ist der Primus auf dem Plan mit einer ganz vernünftigen Erklärung:

»Die werden wohl Schatten und Feuchtigkeit brauchen.«

»Ja, aber warum wächst denn sonst gar nichts unter den Eichen? Das

sieht ja gerade so aus, als ob die Brennesseln allein von allen

Waldpflanzen Feuchtigkeit haben wollten!«

Nun muß Ernst Ehrenfried doch die Antwort schuldig bleiben; Doktor

Fuchs wird also schon helfen müssen. Aber er meint: »Jungs, das könnt

und das sollt ihr allein finden! Freilich, dazu müssen wir uns erst mal

solche Nesselkolonie unter einer Eiche ansehen!« --

Man war inzwischen ganz auf der Höhe der Havelberge angelangt; da oben

aber ist weit und breit keine Eiche zu sehen. Nein, wirklich nicht, so

weit die Jungen auch um sich gucken.

»Doch, Herr Doktor! Da unten! Da! Sehen Sie doch! Da! So schräg durch!«

»Da müssen wir ja hinunter und wieder hinauf!«

»Ach, Herr Doktor, das ist ja gerade fein!«

»Na, denn los! Sanfter Galopp!«

Unter schallendem Juchhe geht’s den kleinen Abhang hinunter. Atemlos

kommt man im Grunde des Tales an. Richtig! Da steht eine prachtvolle,

starke Eiche, die schon manchen Sturm über sich hat dahinbrausen

lassen. In ihrem Schutz und Schatten wimmelt es von den stattlichsten

Brennesseln. Aber sonst findet sich kaum ein Grashälmchen unter all dem

Lumpengesindel der Nesseln.

»Na, Jungs,« sagt da Doktor Fuchs, nachdem er sich etwas verschnauft

hat. -- Ihm wird das Laufen offenbar schwerer als den Jungen. -- »Na,

wer kann mir nun sagen, warum nur Brennesseln hier wachsen?«

Jetzt haben das mehrere gefunden. »Die Nesseln brauchen Schatten. Aber

im Schatten wachsen sie dann zu schnell hoch und nehmen den andern

Pflanzen, die nicht so schnell wachsen und groß werden können, die

Nahrung und das Licht weg!«

»Bravo die Herrn! Sieht das ein jeder ein?«

Ja, das haben alle eingesehen; sie setzen schon nach dieser halben

Minute Pause da unten an, wieder den Berg hochzuklettern. Als indessen

Doktor Fuchs und der dicke Puntz noch nicht zur Hälfte hinauf sind, da

schallt von oben ein fröhliches Jauchzen und ein kräftig schmetterndes

Hurra herab. Ach, was für Herz, was für Lunge haben doch diese

schmächtigen Großstadtjungen noch! Und die sind doch oft so schlank und

dünn wie Weidengerten!

»Na, Dicker,« meint da Doktor Fuchs, »du bist wieder mit der letzte. Es

wird dir mal schlecht beim Militär gehen!«

»Ach, mir nimmt’s keiner übel, Herr Doktor! Die würden sich alle

wundern, wenn ich der erste wäre! So ist’s ganz gut! Die ersten haben’s

manchmal nicht zu best.« --

Die dicke Hauskapelle und die Ameisen.

Der Dicke ist ein guter Prophet; denn da oben bricht soeben ein

mordsmäßiger Lärm los. Alles drängt sich um Dittmer herum und scheint

auf ihn loszugehen; jetzt schlagen sie sogar auf ihn ein, und

dazwischen schallt es drohend: »Feste! Immer feste! Totschlagen!«

Doktor Fuchs stürmt in aller Eile die Höhe hinauf. Schon von weitem

schreit er: »Was ist denn los? Was ist denn los?«

Rohloff kommt ihm entgegen: »Herr Doktor! Herr Doktor! Der Dittmer hat

sich in einen Ameisenhaufen gesetzt!«

Da ist Doktor Fuchs beruhigt. Er steht jetzt erst einen Augenblick

still und schnappt nach Luft. »Na, _der_ Schaden läßt sich ja kurieren!«

Nun ist er oben, wo sich der Dittmer immer noch wie wild gebärdet. »So,

Dittmer,« befiehlt Doktor Fuchs, »nun zieh erst mal die Jacke aus! --

Und nun die Weste!«

»Au! Das juckt, Herr Doktor!«

»Ja, ja, glaube ich dir; aber es muß eben dann alles aus. Wir wollen

dir die Biester schon absuchen!«

»Aber, Herr Doktor!«

»Na, dann lauf mit dem Insektenzeug den ganzen Tag umher! Das Hemde

kannst du ja anbehalten. Ganz als Naturgriechen wollen wir dich ja

nicht gleich sehen!« --

Gesagt, getan! Der Dittmer wird ordentlich abge--ameist, und gute und

schlechte Witze muß er dabei noch über sich ergehen lassen.

»Herr Doktor,« sagt da zum Beispiel der Fritze Köhn, »es gibt also auch

springende Ameisen!«

»So viel ich weiß, nicht!«

»Na frag’ ich aber bloß eenen Menschen! Eben sprang so ein kleines,

schwarzes Tierchen hier herunter.«

»Unsinn!« ist der dicke Puntz schnell auf dem Plan. »Springende Ameisen

heißen eben Flöhe! Der Dittmer wird wohl nebenbei auch solche Tiere

haben!«

Dittmer aber versteht jetzt gar keinen Spaß.

»Rede keenen Stuß,« sagt er sehr gereizt, »sonst kriegst du ein paar!

Hier kriecht noch eine. Fasse mal schnell zu!«

»Halt! Hier auch noch eine!« Damit sengt der dicke Puntz dem

Ameisenmenschen eins auf, daß der gleich in seinem Hemde einen

kolossalen Luftsprung macht. Zum Trost und zum Spott aber beruhigt ihn

der Dicke: »Du, die ist wirklich tot!«

Schließlich ist der Dittmer ameisenrein und auch wieder in seinen

Sachen. Aber es ist ihm doch noch den ganzen Tag, als ob es hier und da

juckt, und er vermißt sich jetzt hoch und heilig, er würde jede Ameise

tottreten, die er fände, und jeden Ameisenhaufen auseinanderstökern.

»Na schön, Dittmer!« unterbricht Doktor Fuchs diese Beteuerungen.

»Aber, bitte, nur heute noch nicht! Laß uns erst mal über den Buckel

hinaufsein; auf dem schönen, breiten, ebenen Weg können wir dann alle

mehr zusammengehen. Da werde ich euch etwas über die Ameisen erzählen.«

So steigt man wieder lustig bergan, immer an einem großen Zaun

entlang. Über den froh dahinziehenden Jungen rauschen die Wipfel der

hochstämmigen Kiefern; leise ächzen die knorrigen Äste. Lichte Wölkchen

schwimmen im blauen Äther, und alles spricht so zum frischen Sinn und

zum fröhlichen Herzen, daß der Puntz auf einmal seine Mundharmonika

hervorzieht, und dünn, aber doch auch scharf genug fällt es ins Ohr,

das immer schöne, immer frische

»Muß i denn, muß i denn

zum Städtele hinaus, Städtele hinaus!«

Ach, da zuckt es den Jungen in den Beinen. Einige fangen an zu singen,

und oben ist man auch schon auf den Havelbergen. Lang dehnt sich ein

schöner, breiter Weg zwischen den Bäumen, ein sogenannter Jagenweg, vor

dem sich weitenden Blick dahin. Soeben erklärt Doktor Fuchs: »Da ganz

hinter müssen wir! Dann schwenken wir rechts ab und kommen wieder zur

Havel hinunter. Nun flott vorwärts! Die Hauskapelle voran!«

»Was soll ich denn spielen, Herr Doktor?«

»Na, Dicker, nicht gebieten werd’ ich dem Sänger! Du scheinst ja auch

ein ganzes Repertoire zu haben!«

»Herr Doktor! Herr Doktor! Der kann alles!«

»Na also, Dicker! Die Wahl überlassen wir dir selber!«

Die Hauskapelle zaudert jetzt keinen Augenblick mehr.

»Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus,

da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus!«

»Ach!« entscheidet aber der Drewian, als das zu Ende ist, und das ist

sehr bezeichnend für diese Großstadtjungen. »Du mußt mal etwas spielen,

was alle können!«

Sofort ertönt weiter:

»Anne Marie, mein Engel dich verehr’ ich,

Anne Marie, mein Engel, dich begehr’ ich,

Anne Marie, o gib mir einen Kuß!

Küsse mich, küsse mich, das ist Genuß!«

So geht es weiter, Ernstes und Heiteres durcheinander, ab und zu

wohl auch mit einem Gassenhauer, der oft gerade mit der schönsten

Melodie in unser Ohr hineinhüpft, bis allen den lustigen Brüdern von

wanderfreudigen Tertianern das Herz im Leibe lacht und springt und der

Doktor Fuchs ausruft: »Dicker! Junge! Du bist ja ein reiner Künstler!

Du mußt einmal Musik studieren!«

»Jawohl,« setzt Puntz seine melodienreiche Harmonika ab, »Musik

studieren! Hinten bei den Stampfmaschinen in unserer Fabrik! Damit

dürfte ich meinem Vater gerade kommen!«

Die andern quälen und wollen noch mehr haben; der Dicke aber behauptet,

er hätte keine Puste mehr im Leibe; jetzt wäre auch der Herr Doktor

Fuchs wieder an der Reihe; der hätte noch was von den Ameisen erzählen

wollen.

»Richtig!« sagt da Doktor Fuchs auch. »Aber da muß ich erst den Dittmer

fragen, ob er weiß, woher bei der Ameisengeschichte der brennende

Schmerz gekommen ist, den er empfunden hat.«

»Na, freilich,« sagt der knurrig, »die Bande hat mich gezwickt.«

»Ja, und in die Wunde bringt die Ameise dann noch eine Säure, die nach

ihr Ameisensäure genannt wird. Ähnlich wie bei der Brennessel. Diese

Säure ist schon stark genug, daß sie auch sowieso auf der Haut einen

brennenden Schmerz verursacht. Diesen Saft kann das kleine Vieh in der

Wut oder in der Angst etwa einen halben Meter weit wegspritzen.«

»Aber, Herr Doktor!« -- Nun hagelt’s geradezu Fragen. -- »Ist denn die

Ameise wirklich das klügste Tier?«

»Nun, zweckdienlich handelt ja wohl jedes Tier; aber sicher ist es,

daß die Ameisen unter allen Insekten die größten geistigen Fähigkeiten

zeigen.«

Von den Ameisen weiß Übrigens jeder der Jungen etwas; jeder will auch

etwas dazu sagen. Da indes bleibt Doktor Fuchs wieder stehen, und er

setzt ein hochwichtiges Gesicht auf. »Jungs,« sagt er, »jetzt müssen

wir auf diesem graden Wege noch ein ganzes Ende laufen. Rechts und

links ist da wenig zu sehen. Da kann ja jeder, der etwas gut und genau

über die Ameisen weiß, einen kleinen Vortrag halten. Ich werde einmal

die Themata für unsere jetzund errichtete Rednerschule verteilen.«

»Ich!« -- »Ich!« -- »Ich!« -- »Herr Doktor!« -- »Herr Doktor!«

»Immer ruhig Blut! Wer übernimmt die Staatenbildung der Ameisen?«

»Die Staatenbildung? Das ist schwer!«

Schon meldet sich ganz ruhig Ernst Ehrenfried.

»Gut! Der Primus muß immer voran! -- Wer redet aber dann über die

Ameisenarbeiter im besonderen? -- -- Zum ersten! Zum zweiten! Zum --.

Also Manning! -- Wer über die Wohnung der Ameisen? Möglichst natürlich

aus eigener Anschauung! Also ganz einfach! -- Na?«

Rohloff hält die Hand hoch.

»Wer über die Nahrung der Ameisen? -- Körer? Gut! Na, das ist aber dann

auch genug. Na, nun los, Ernst Ehrenfried!«

Vom Mitschüler scheint ein Junge immer noch so was am liebsten zu

hören. Alle drängen sich heran und lauschen andächtig.

»Nicht so wild zulaufen, Ernst,« mahnt Doktor Fuchs. »Etwas langsam

sprechen und laut genug! Na, nun schieß mal los!« --

»Ein Ameisenweibchen,« fängt Ernst Ehrenfried an, »legt in die Erde

oder in einen Baumstumpf oder unter einen Stein etwa ein Dutzend Eier,

die sich zu Larven entwickeln, bei der mangelhaften Nahrung aber, die

ihnen die Mutter nur verschaffen kann, zu Arbeitern werden, das heißt:

zu geschlechtslosen Tieren. Sie helfen der Mutter bei der Ernährung der

nachkommenden Brut; denn die Mutterameise tut nun in ihrem ganzen Leben

nichts weiter als Eier legen. Aus diesen Eiern schlüpfen schon nach

einigen Tagen kleine, weiße Larven aus, die von den alten Arbeitern

fleißig gefüttert werden. Nach -- ich weiß nun nicht mehr genau, Herr

Doktor, nach wieviel Tagen diese Larven sich einspinnen --«

»Nach vierzehn Tagen etwa.«

»Nach vierzehn Tagen spinnen sich diese Larven ein; das sind dann die

sogenannten Ameiseneier. Nach abermals vierzehn Tagen aber zerbeißen

die Arbeiter die Puppen, und die junge Brut kriecht heraus; sie muß

aber noch von den Ältern gefüttert werden. Alle diese neuen Ameisen

sind Arbeitsameisen; denn Männchen und Weibchen entstehen erst aus

den Eiern, die im Spätsommer gelegt werden. Die Männchen und Weibchen

haben überhaupt weiter nichts zu tun, als für die Erhaltung der Art

zu sorgen, sie allein sind geflügelt. Manchmal findet sich unter den

Ameisen noch eine vierte Art: das sind auch geschlechtslose Tiere;

aber sie haben einen viel größern Kopf als die gewöhnlichen Arbeiter

und einen furchtbar starken Oberkiefer. Das sind die Soldaten, die auf

Ordnung sehen und bei den Streifzügen die Führer bilden. Alle zusammen

machen den Ameisenstaat aus.«

»Das war sehr klar und sehr schön!« sagt da Doktor Fuchs. »Das verdient

eine Nummer 1. Hat einer von der geehrten Festversammlung was dagegen?«

»Nein! Nein! Nummer 1!«

»Welcher der Herren hat jetzt das Wort?«

»Ich,« sagt Manning.

»Richtig! Über die Arbeiter! Nicht wahr?«

»Ja!« -- Der Junge räuspert sich noch einmal. -- »Also, der Ehrenfried

hat schon gesagt, daß die Arbeiter eben nur arbeiten. Sie haben den

Arbeitstrieb, den wir Menschen wohl nie verstehen werden, weil wir ihn

nicht haben.« -- Dem kleinen Manning sitzt eben manchmal der Schalk

im Nacken. -- »Also, die Arbeitsameisen haben den Arbeitstrieb, und

so arbeiten sie von morgens um 6 Uhr bis abends um 10 Uhr. Und zwar

besteht ihre Arbeit darin, die Männchen und die Weibchen und die Larven

zu füttern, den Baustoff für das Nest herbeizuschaffen und das Nest zu

bauen, das oft einen Meter hoch ist. Manchmal legen sie auch Straßen

an, die von dem Neste aus strahlenförmig weggehen, und die immer nur

der Ameisenkolonie gehören, die sie angelegt hat. Wenn sich irgend

eine andere Ameise oder sonst ein Tierchen -- auch der Mensch gehört

zu diesen Tierchen -- auf diesen Wegen betreffen läßt, so wird es

unbarmherzig erwürgt. Die zu großen Tierchen freilich nicht; der Mensch

auch nicht. Dann müssen die Ameisen am Abend noch den Bau verrammeln

und verschließen und am Morgen wieder aufschließen. Das ist doch alles!«

»Hier sage ich auch wieder: Bravo!« ist Doktor Fuchs schnell bei der

Hand. »Welche Nummer wollen wir ihm geben, Jungs?«

»Nummer 1!« schreien da natürlich alle.

Eine feine Woche! · 第 6 / 9 段