Doktor Fuchs hat sich herumgedreht und macht dieses »Aaach,« »der

Katzensprung!« in demselben Tone nach, so daß einige schon anfangen

zu lachen. Die sind schon wieder halb und halb mit dem Grunewald

ausgesöhnt.

»Na, Dicker, wann hast du denn das letzte Mal den Grunewald gesehen?«

»Am letzten Sonntag!« sagt der da so recht mißmutig und gedehnt und

verächtlich.

»Am letzten Sonntag! I Gott bewahre, Dicker, was denkst du denn?

Seit dem letzten Sonntag, ach! seit dem letzten Sonntag, da ist der

Grunewald ganz anders geworden! Ich sage dir bloß, ganz anders! Den

kennst du gar nicht wieder! Das glaubt ihr wohl nicht, Jungs?«

Da lachen schon wieder alle und beteuern laut und überzeugungstreu:

»Nein!«

»Dann werde ich es euch beweisen! Ihr werdet erstaunt sein! Also es

geht in den Grunewald!«

Der dicke Puntz sagt nichts mehr; aber nach der Stunde erklärt er:

»Fuchs ist ein guter Kerl! Der bedenkt dabei eben die armen Deibel. Für

die würde es bis Bernau doch zu teuer sein!«

Das sieht schließlich auch jeder ein, und so hat man sich denn auch

schon am nächsten Tage mit dem Grunewald ausgesöhnt. Nur will man noch

fragen, wohin es im Grunewald selbst gehen soll.

Aber Doktor Fuchs kommt am nächsten Tage -- nun ist’s inzwischen schon

Freitag geworden -- selber wieder auf die Partie, als er von der

Inspektion draußen auf dem Mittelflur in die Klasse kommt.

»Also, Jungs, es geht nach dem Grunewald! Wer kennt denn den König

Wilhelms Turm auf dem Karlsberg?«

Alle, bis auf zwei Vorörtler aus dem Norden.

»Wer Wannsee?«

Ein paar weniger.

»Wer Nikolskoi?«

Nur vier; der fünfte weiß es nicht genau. Wenigstens ist es schon sehr

lange her, daß er da war.

»Wer Sakrow?«

Einer.

»Wer die Römerschanze?«

Keiner.

Da lacht Doktor Fuchs so lustig. »Na, ihr seid eine Gesellschaft! Und

einige wollten da gleich nach Werder und wer weiß wohin. Na also!«

»Ja, Herr Doktor, wollen wir denn nun nach der Römerschanze?«

»Ja, Hagen, wollen mal sehen, ob ihr nicht schon vorher die Beine

schleppt! Unsere Losung wenigstens soll sein: ›So weit wie möglich!‹«

Damit sind nun alle zufrieden, so daß Doktor Fuchs fortfahren kann:

»Ich brauche einen Vergnügungsausschuß.«

»Ich, ich, Herr Doktor! Herr Doktor!«

»Ruhig Blut, Jungs! Den wählt ihr euch selbst! Morgen wird mir der

Ehrenfried vier Mann dafür vorschlagen. -- Zweitens: Ich brauche zwei

Schrittmacher. Das ist der Windhund, der Hobein, und der dicke Puntz!«

»Herr Doktor,« remonstriert aber der Dicke da, »ich werde lieber die

Musik liefern.«

»Kannst du das?«

»Ja, mit der Mundharmonika!«

»Gut! Also der wackere Puntz ist unsere dicke Hauskapelle! Wollte

sagen, der dicke Puntz ist unsre wackre Hauskapelle!«

Der kleine Gebhardt hat sich währenddessen schon gemeldet: »Darf ich

meinen photographischen Apparat mitbringen?«

»Selbstverständlich! Dich erhebe ich zum Schönheitsrat!«

»Kann ich auch was sein? Herr Doktor?«

»Wollen mal sehen! Ich brauche noch den Herrn Feldwebel oder die

Kompagniemutter. Das muß der Doef werden!«

Der hebt sich, als ob er Bergeslast auf dem Rücken trüge. Er scheint

sich aber die Sache erst überlegen zu müssen. Endlich fragt er: »Was

habe ich denn da zu tun?«

»Oh, du hast das wichtigste Amt. Du mußt darauf sehen, daß uns keiner

abhandenkommt. Wir müssen also immer volle Zahl haben!«

Verträumt scheint Doef nachzudenken; aber er ist Praktikus und

verhandelt ganz ruhig mit Doktor Fuchs: »Wenn nun einer doch fortläuft?«

»Darf nicht vorkommen!«

»Aber wenn er fortlaufen _will_?«

Doktor Fuchs tut, als wenn er in die Hand spuckt, und er macht die

Geste des Hauens.

Doef sieht seine eigene, große Tatze an und sagt tonlos, aber sicher:

»Ja!«

»Dürfen wir spielen, Herr Doktor?« -- Die Frage hat den Leverenz schon

halb zu Tode gequält.

»Na, so ~en passant~! So viel uns Zeit bleibt.«

»Ich werde einen Ball mitbringen.«

»Meinetwegen! Aber kaum nötig!«

»Können wir sackhüpfen?«

»Halt mal, du! Dazu kriegen wir eben einen Vergnügungsausschuß!«

»Essen wir zu Mittag?«

»Ja, unten an der Pfaueninsel, beim alten Ehrecke. Preis etwa 75

Pfennig. Wer essen will, muß es mir morgen sagen. Ihr könnt euch aber

auch selbst was mitbringen!«

* * * * *

Nach jeder Stunde, die Doktor Fuchs als Ordinarius in der Klasse

hat, werden noch zwei oder drei Minuten der Pause auf dem Altar

der bevorstehenden Partie geopfert. Am nächsten Montag steht der

Primus auf und erklärt: »Herr Doktor, die meisten Stimmen für den

Vergnügungsausschuß haben Greff, Hagen, Sausig und Woller!«

»Also noch einmal langsam! Greff -- Hagen -- Sausig und Woller. Gut!

Nehmen die Herrn die Wahl an?«

Die vier lächeln vielsagend und zufrieden und nicken mit dem Kopfe.

»Kennt ihr auch den Grunewald genau?«

»Wir sind beinahe jeden Sonntag drin.«

»Gut, dann bleibt ihr heute um 1 Uhr noch einen Augenblick hier. Ich

werde in die Klasse kommen. Und nun wieder für alle! Wir machen die

Partie noch nicht am nächsten Mittwoch, wie es ursprünglich geplant

war, sondern erst in der nächsten Woche. Und zwar am Freitag, am

letzten Tage also vor den Pfingstferien. Ein Abwaschen!«

»A--a--ch? Am Freitag? Dann fällt doch am Nachmittag aus!«

»Selbstverständlich! Nun weiter! Wer sich draußen gar nichts kaufen

will, der muß sich Essen und Trinken mitbringen. Der würde nur

das Fahrgeld bis zur Station Grunewald und zurück von Wannsee oder

höchstens von Potsdam gebrauchen. Wer sich gar nichts zum Essen

mitbringt, muß Geld dafür ausgeben. Über zwei Mark aber darf keiner bei

sich haben.«

»Herr Doktor! Wenn es nun aber regnet?«

»Wir kriegen genau das Wetter, das der liebe Gott für den Freitag

vor Pfingsten angesetzt hat. Dich aber, Hänsel, ernenne ich zur

Partie-Unke.«

Und während da natürlich alle den Hänsel vergnügt auslachen, erklärt

Doktor Fuchs kurz: »Fertig jetzt! Nur noch eins will ich sagen:

je fleißiger man vorher arbeitet, desto größer ist nachher das

Vergnügen!« --

Der Überfall am Pechsee.

Wie wenig man auch in der letzten Woche vor Pfingsten von der Partie

hatte sprechen können, da ja an jedem Tage dieser »feinen Woche« etwas

unregelmäßig war und vom Stundenplan abgeknapst wurde, vergessen hatte

drum doch keiner die Partie.

So war auch endlich der Freitag vor Pfingsten, der heiß ersehnte

Freitag, angebrochen. Ein herrlicher Tag! Vom hellen Osten her strahlte

die Sonne, als freue sie sich über all die fröhlichen Jungengesichter,

die schon um sechs Uhr und noch früher oder gar noch viel früher nach

ihr ausgeschaut und sie jubelnd begrüßt hatten. Die Mutter mußte noch

einmal soviel Frühstück schneiden, als sonst und das Portemonnaie wurde

zur Vorsicht wieder und immer wieder hervorgeholt und ein Blick auf

den Mammon geworfen, der darin ruhte. Dann zog ein jeder zum Bahnhof.

Die von der Friedrich Straße sammelten Station für Station ein paar

neu auf, auf dem Lehrter Bahnhof, auf Bellevue, auf Tiergarten, auf

Zoologischer Garten, sogar auf Savigny Platz und Charlottenburg. Auf

Station Zoologischer Garten hatte man Doktor Fuchs mit polizeiwidrigem

Hallo und Freudengeheul empfangen. Schon in Charlottenburg aber war die

Kompagniemutter bei ihrer ruhigen Besonnenheit zu dem sicheren Ergebnis

gekommen, daß zwölf Mann fehlten.

»Wer sind denn die?«

»Hagen -- Sausig -- Boenick -- Schulz -- Woller --«

»Das ist ja gerade der Vergnügungsausschuß, Herr Doktor!«

»Wahrhaftig! Na, was machen wir nun da, Doef?«

»Wir warten, und sie kriegen gleich was!«

»Na, wir wollen mal sehen!« --

Da läuft auch der Zug schon in Station Grunewald ein. Alles springt aus

den Wagen; eiligst geht man hinunter, und ohne Aufenthalt schreitet

auch Doktor Fuchs mit seinen lustig umherspringenden Schutzbefohlenen

schnell weiter.

Wo der Weg sanft rechts ab nach der Saubucht hinüberbiegen will, da ist

auf einmal der Doef wieder neben Doktor Fuchs.

»Ja,« sagt er bedächtig, »wollen wir denn nicht auf die zwölf warten,

Herr Doktor?«

»Ach,« bleibt der mit einem Ruck stehen, »Herr Feldwebel! Ja doch!

Das hatte ich ja ganz vergessen! Also der Vergnügungsausschuß wollte

mit ein paar andern was ganz für sich unternehmen. Aber in Saubucht

spätestens sollen sie wieder bei uns sein. Wollen mal sehen, wer zuerst

da ist, die oder wir.«

»Au ja!« begeistern sich da einige andere. »Ein bißchen dalli jetzt!

Wir müssen die ersten sein!«

»Ja, aber Dicker, höre mal! Ich sehe schon, du bummelst gern. Das

gibt’s nicht! Immer hier bei der Masse bleiben! Und dann noch

eins, Jungs! Lest mal feste Kienäpfel auf! Wenn die andern oben in

Saubucht nach uns ankommen sollten, dann dürft ihr sie ordentlich

bombardieren!« --

Im übrigen aber bummelt nun alles gemütlich neben- und hintereinander

hin. Friedlich und wohl auch einmal nicht friedlich; denn hier und da

puffen sich auch zwei etwas freundschaftlich ab, und hin und wieder

fliegt sogar ein Kienapfel jemand an den Kopf, der ihn nicht erwartet

hat und darum nun etwas grob und »jiftig« wird, wie Fritze Köhn da

sagt. Doktor Fuchs muß sogar manchmal ein begütigendes und doch streng

klingendes »Na, na!« dazwischenwerfen.

»Wohin jetzt, Herr Doktor? Rechts oder links?«

Vorn ist die Spitze an der Ecke eines niedrigen, rechtwinklig an den

Weg vorstoßenden Waldbestandes stehen geblieben.

»Rechts ab und nach 150 Schritten links hinein!«

Doktor Fuchs hat dabei spähend vorausgeblickt und lächelt auf einmal so

vergnügt: »Alles in Ordnung!«

»Was ist denn in Ordnung, Herr Doktor?« fragt da Posener, der immer

neben Doktor Fuchs geht und ihn offenbar angenehm unterhalten will.

»Er schmeißt sich ran!« sagt der dicke Puntz mit einem so verächtlichen

Tonfall, daß auch alle das glauben, die es hören.

»Ja, ja, ist alles in Ordnung!« wiederholt Doktor Fuchs kurz, geht aber

nicht weiter auf Poseners Fragen ein.

Man tritt nach einem Viertelstündchen wieder aus dem Wäldchen heraus.

»Wo nun hin, Herr Doktor?« kommt es von vorn.

»Schräg rechts immer der Nase nach! Der Weg ist ja breit genug!«

»Hier ganz rechts geht’s nach Spandau!« wissen da einige.

»Dort, den Berg hinunter, nach Schildhorn!« wissen andere.

Nach zehn Minuten biegt eben die Spitze nach dem Pechsee ab, als ein

lautes, stürmendes Hallo von vorn erschallt. Und Kienäpfel fliegen, --

und Hagen -- wo kommt der auf einmal her? -- hat den dicken Puntz über

den Haufen gerannt und gibt ihm einen kräftigen Klaps auf den Südpol,

bevor er zu weiteren Heldentaten schreitet. Sausig und Woller und

Schulz und die andern, die noch fehlten, die sind auf einmal auch da

und stürmen mit Hurra auf Doktor Fuchs und seine Schar ein. Kienäpfel

surren durch die Luft; ein Hallo und Hurra donnert nach dem andern; die

Jungen werden ganz wild.

»Die haben uns überfallen!« schreit Posener und will davonlaufen. Aber

Doktor Fuchs gibt ihm einen Stoß. »Du da drüben! Und du und du und du!

Und wir andern hier drüben! Ausschwenken! Kienäpfel raus! Die Bande

nehmen wir in die Mitte!«

Neues Leben kommt in die Jungen, und eine regelrechte Kienäpfelschlacht

hebt an. Herüber und hinüber fliegt es. Je mehr die Wurfgeschosse auf

die Neige gehen, desto näher rückt man sich auf den Leib, bis man

endlich handgemein wird. Und schon ringen die verschiedenen Paare und

legen sich -- ~les uns les autres~ -- mehr oder weniger sanft auf die

Erde. Da pfeift Doktor Fuchs »Das Ganze halt!« Aber er muß doch noch

einige kräftige Wörtlein dazu reden, bis er die eifrigsten Kampfhähne

wieder auseinanderhat.

Der ganze Überfall hat nur eine Minute gedauert; aber das Spiel ist von

den Jungen doch ziemlich ernst genommen worden. Überall steht man da

und schöpft tief Atem und sieht sich wohl auch nicht wenig erbittert an.

»Da hört sich denn doch Verschiedenes uff!« erklärt Fritze Köhn. »Jotte

doch! War det ’n Klumpatsch!«

»Warum habt ihr nicht aufgepaßt?«

»Wir haben ja gar nichts gewußt!« kommt ein andrer noch dazwischen.

»Es sollte ja auch ein Überfall sein!«

»Wo ist meine Mütze?« sucht Richter herum.

»Wer hat mich denn hier gekratzt?«

»Hab’ dich doch nicht! Hier ist Heftpflaster!«

»Das bißchen? Und noch so dreckig! Nee, danke für Backobst!« --

So geht es weiter, und alle stehen noch mit hochrotem Schopfe da, als

der Dicke auf einmal vorwurfsvoll sagt: »Sehen Sie, Herr Doktor!« --

Er klopft sich dabei die Nadeln und den Sand ab. -- »Wenn ich hinten

gegangen wäre, dann hätte ich zusehen können! Der eine ist wie ein

Wilder auf mich zugesprungen!«

Doktor Fuchs aber muß lachen. »Das war gerade ganz nett, Dicker! Was

denkst du wohl, wie gut das einem wohlbeleibten Menschen tut!«

Da muß der Dicke auch mitlachen. Er ist auch schon wieder ganz

zufrieden und blickt eben belustigt auf den Leverenz hin, der wie ein

Harlekin vor seinem Ordinarius hin- und hertanzt und einmal ums andere

ruft: »Ich war die erste Stafette, Herr Doktor!«

»Ja,« kommt Hagen dazu, »ich habe hier noch seine Meldung! Sehen Sie

mal, Herr Doktor! ›Der Feind kommt auf Bahnhof Grunewald an um 8 Uhr 4

Minuten!‹«

Schulz hält währenddessen seinen Kopf auch heran. »Ich habe Sie

beobachtet, wie Sie in das Wäldchen kamen, Herr Doktor!«

»Hier!« macht sich Hagen wichtig. »Die Meldung der zweiten Stafette:

›Der Feind tritt um 8 Uhr 32 Minuten in das Wäldchen ein!‹«

Da staunen die Jungen, die mit Doktor Fuchs gekommen sind: »Das war

aber alles fein abgepaßt!«

Hagen geht auf wie ein Pfannkuchen. »Das kenne ich von meinem Vater!

Hier ist die Meldung der dritten Stafette: ›Der Feind verläßt das

Wäldchen um 8 Uhr 46 Minuten. Er schlägt den direkten Weg nach der

Saubucht ein!‹«

»Ach, schenke mir den Zettel, Hagen!« kommt der kleine Köckeritz

dazwischen.

»Du bist wohl ver--!« wehrt Hagen in aller Ruhe und freundschaftlichst

ab. »Die hebe ich mir zum Andenken auf!«

»Ach so?« höhnt jetzt der Kleine. »Die willst du dir wohl einrahmen

lassen?«

»Ruhe jetzt!« befiehlt auf einmal Doktor Fuchs. »Ich konstatiere, daß

der Überfall des Feindes als wohl gelungen bezeichnet werden muß. Ich

konstatiere aber auch, daß meine Truppe sich schnell in die Situation

hineingefunden und den Überfall kräftig und mit ziemlichem Erfolge

abgewehrt hat!«

Ein fröhliches Lächeln allerseits.

»Aber wir haben doch gewonnen!« meint Hagen.

»Beide Teile haben ihre Sache gut gemacht!« erklärt Doktor Fuchs. »Wir

scheiden mit einem Hurra von dieser glorreichen Stätte. Hipp, hipp,

Hurra!«

»Hurra!« fallen die Jungen lustig ein. Und alle sind jetzt zufrieden

und wieder gut Freund. Aber während man hurtig durch die Senke am

Pechsee und dann weiter hinaufschreitet, immer am Zaune der Saubucht

entlang, lösen sich die Jungen in Grüppchen auf, und lebhaft und

mit für und wider wird die soeben gelieferte Schlacht weiter

besprochen. Die homerischen Heroen mit ihrem Geflunker und mit ihren

Renommistereien sind nur Waisenknaben gewesen im Vergleiche zu diesen

Jungen, die schon nach fünf Minuten die Wahrheit zur Dichtung und die

Dichtung wieder zur Wahrheit gemacht haben. -- -- --

Endlich sitzt man oben auf den hölzernen Bänken vor dem lieben, kleinen

Restaurant Saubucht und verträgt sich wieder bei etwas gräulicher,

sterilisierter Milch und schäumendem Selterwasser.

»Bier gibt’s hier nich!« brummt der Dicke. --

Auf hoher Warte.

»Zum Karlsberg!« heißt es endlich.

Einträchtiglich zieht Freund und Feind in die Senke hinunter. Den

gegenüberliegenden Abhang hinauf. An einer Schonung vorbei und dann

einen breiten Weg hinan. Als man da halbwegs hoch ist, ragt zur

Rechten, etwas nach dem Rücken zu gewendet, der rote, wuchtige Schlot

der Pumpstation am Teufelssee über die schwanken Gipfel und Wipfel

hinweg, und nach vorn, durch den breiten Einschnitt gesehen, verdämmern

drei Hügelzüge, einer hinter den andern gelegt und vom leicht

aufsteigenden Dunst der tief unten liegenden Havel mit sanft bläulichem

Hauche verbrämt.

So tritt man endlich nach einem langen Viertelstündchen hinaus auf die

Chaussee, die sich von rechts her heraufzieht und sich so jetzt quer

vor den Weg der Jungenschar legt. Gewaltig ragt drüben aus reinlichem,

rötlichem Mauerstein, wie ihn der felsarme Märker brennt, der König

Wilhelms Turm auf. Majestätisch breit legt sich die geräumige Rampe um

den Fuß des Turmes.

Schon sind diese nimmermüden Tertianer des Doktor Fuchs weg über die

große, steinerne Freitreppe. Sie stehen jetzt an dem schwarzgrauen

Stein, der so sicher um die Plattform herumläuft, und bewundernd

taucht der Blick hinab in die Tiefen des herrlichen Landschafts- und

Seenbildes, das die gütige Natur hier mit Wunderhand in Urzeiten

geschaffen. Hier steht man auf hoher Warte. Im Rücken rauscht und

raunt so geheimnisvoll der Kiefernwald. Rechts und links steigt er

hinab zum Saume des Wasserspiegels, der sich glitzernd und blitzend

und vom Morgenwehen leicht gekräuselt hindehnt. Nach Norden hinauf

verliert sich der Blick in die verschwimmende Ferne, wo Spandaus

Mauern und hochragende Häuser wie eine verblassende Fata Morgana auf

leicht wallendem Erdennebel thronen. Vorüber an den eckig-hochragenden

Sandwällen, von deren einem einst Jazko sich auf seinem Wendenroß in

die Havelflut stürzte, findet sich der Blick zurück und bleibt haften

auf dem lieblichen Gatow, das sich verschämt tief unten dem jenseitigen

Ufer der breitströmenden Havel anschmiegt und sich einhüllt in das

lauschige, weiche Gewand schattender Laubbäume. Lichter wird dann

drüben die Gegend und lockt den Blick die grünen Ackerlehnen hinauf,

hinweg über die hochragenden Pappeln der städteverbindenden Straßen in

die gesegneten Fluren des Ost-Havellandes hinein.

Doch, was schwebt da von Süden heran und fesselt den Blick? Auf der

sonnenbeglänzten Fläche der weitauslagernden Havel ziehen sie langsam

herauf, und merklich kaum kommen sie näher: fünf, sechs, sieben der

Schiffe mit weißlich schimmernden Segeln! Schwänen vergleichbar, aus

einer weit größeren Welt, so stehen sie auf der lichten Fläche des

spiegelnden Wassers. Daneben liegen verträumt und breit hingelagert

die grünbewaldeten Höhen der Havelberge und umrahmen mit sattgrünem,

dunklem Bande lieblich dieses Bild, das im Hintergrunde durch den sanft

verdämmernden Nikolskoier Höhenrücken und durch die ganz in die Ferne

gerückten Türme von Potsdam zu einem wunderbaren und wundervollen

Stimmungsgemälde abgeschlossen und abgerundet wird.

Hier auf dem König Wilhelms Turm, im Mittelpunkte des herrlichen

Panoramas, steht nun Doktor Fuchs mit seinen Tertianern, versunken in

diese Waldes-, Seen- und Flurenpracht. Als da Hagen von der andern

Seite herumgesprungen kommt: »Was ist das, Herr Doktor? Und was ist

das?« da fährt es Doktor Fuchs heraus: »Junge, laß es heißen, wie es

will! Bewundere nur diese Natur! Kapsele dir das Bild im Auge ein,

Hagen! So was Schönes siehst du so bald nicht wieder!«

Damit will der Lehrer seine Schar zusammentrommeln. Aber -- wo

sind denn die Jungen alle? Einige sind ja zum eigentlichen Turm

zurückgetreten und schauen da auf das Standbild des Königs Wilhelm;

aber die andern? Etwa -- gegen seinen Befehl -- doch auf dem Turm?

Nein! In dem Augenblicke rast Hagen an ihm vorbei, die Freitreppe

wieder hinunter. »Wasser!« ruft er dabei mit wilder Freude.

Aha! Jetzt weiß es Doktor Fuchs: die Jungen sind bei dem kleinen

Brunnen unten vor der breiten Rampe. Aber da ja keiner mehr erhitzt

ist, so gönnt er jedem gern den kühlen Trunk. Einige wollen sogar schon

wieder essen. Aber nein! Es soll doch lieber gleich weitergehen! --

Brennesseln und Regenwürmer.

Den breiten Kiesweg ziehen sie alle hinab und auf der Chaussee weiter,

die nun hinunterführt an die Havel, um dort unten am steilen Abfall der

Havelberge hinzulaufen. An der scharfen Ecke vorn indessen geht’s mit

Hurra den Berg links hinauf und oben noch einige Schritte weiter wieder

an den Rand der kiefernbestandenen Höhe vor.

Bergauf und bergab etwa noch ein Viertelstündchen dahin, bis man einen

freien Durchblick durch die hochstrebenden Kiefernstämme auf den klaren

Spiegel der Havel unten hat. Da setzt sich schließlich Doktor Fuchs

nieder; um ihn herum lagert sich seine kleine Schar.

»So, Jungs, hier machen wir halt! Hier könnt ihr meinetwegen

weiterfrühstücken!«

Die Lagerdisziplin aber liegt den Jungen noch nicht im Leibe; nur der

dicke Puntz ist schon so müde, daß er sich ohne viele Umstände und mit

steifen Beinen auf den Teil des Körpers fallen läßt, der nun einmal

von der Natur zum Sitzen bestimmt ist. Der kleine Achim Köckeritz

dagegen macht erst noch ein paar Luftsprünge und setzt sich dann sehr

sorgfältig neben Doktor Fuchs nieder. Er schlägt die Beine zusammen

wie ein Schneider und fängt an, sein Frühstück auszuwickeln. Ein paar

Schritte weiter aber sind im Nu zwei zum Balgen gekommen, weil jeder

von ihnen gerade dieses Plätzchen haben will. Doktor Fuchs muß sich

sogar herumdrehen: »Donnerwetter, Jungs! Sieh mal, Schreier, das feine

Plätzchen hier! Na, wird’s bald? -- So!«

Wie sich aber Doktor Fuchs wieder nach vorn wendet, da hat eben,

unehrerbietig genug, der tolle Hagen seinen Primus, den Ernst

Ehrenfried, bei den Beinen gepackt und zieht ihn ohne viele Worte von

seinem Platze weg. Den will er haben. Doktor Fuchs hat nicht einmal

Zeit, etwas dazu zu sagen; denn hinter ihm quiekt es auf einmal

fürchterlich los. Als er sich umdreht, sieht er, wie zwei Mann den

Drewian gefaßt haben und ihn mit kolossalem Biereifer zwingen wollen,

sich auf eine stattliche Brennessel zu setzen. Doktor Fuchs will

aufspringen; da lassen die beiden los. Drewian macht gerade noch einen

Luftsprung zur Seite und versucht dabei, sich am Stengel der Brennessel

festzuhalten. Worauf er sich zum Gaudium aller andern noch ein halbes

Dutzend mal um seine eigene Achse dreht; denn die Brennessel hat dieses

Zufassen übel genommen. Selbstverständlich schimpft nun der Drewian,

freilich nicht auf die Brennessel, sondern auf die beiden Missetäter,

bis der eine von denen ganz trocken meint: »Der Drewian ist ja dumm,

Herr Doktor! Hätte er nicht so geschrieen, dann hätten wir ihn ganz

sanft auf die Sache drauf gesetzt; da hätte er gar nichts gefühlt!«

»Meinst du?«

»Ja! Ganz sicher!«

»Drewian, lotse mal die Brennessel hier neben mich her! -- So! -- Na,

also Dittmer, nun los! Setze dich drauf!«

Dittmer macht ein ganz gutmütig-dummes Gesicht: »Ich muß erst mal

fühlen, ob meine Hosen nicht kaput sind. Na, denn man tau!« Und unter

der schallenden Heiterkeit der andern sitzt er auch schon auf der

unschuldigen Brennessel, die auf diese Weise arg ins Gedränge kommt.

So geht die Sache noch ein Weilchen weiter. Endlich aber sitzen

doch alle, und das Frühstücken ist in vollem Gange. Was haben die

fürsorglichen Mütter da nicht alles eingepackt! Und wie gut müssen die

Stullen belegt sein, da das alles so mundet!

Soeben packt Greff aus seinem kleinen Rucksack ein zweites Paar

Stullen aus. Dabei tut er so vorsichtig, als hätte er die feinsten und

zerbrechlichsten Glassachen zwischen seinen Stullen liegen. Und der

Hagen sagt da sogleich: »Na du, dein Regenwurm zerbricht nicht; da

kannst du schon fester zufassen!«

Sofort stecken die nächsten den Kopf her: »Was hast du da, Greff? Zeige

mal!«

»Nicht doch! Ihr werdet doch wohl schon einen Regenwurm gesehen haben!«

»Wozu nimmst du denn den mit?«

»Nicht doch, du! -- Für unser Rotkehlchen!«

»Pfui Deibel! Laß doch das Ding kriechen!« Und richtig, da windet sich

der Regenwurm schon zwischen den mageren Grasstengeln des Waldbodens.

Aber Greff hat ihn auch schon wieder an dem einen Ende gefaßt, so daß

er ihm jetzt ganz lang aus der Hand heraushängt.

»Äcks! Ich trete jeden Regenwurm tot!« sagt der lange Fendel.

»Warum?« fragt da sofort Doktor Fuchs.

»Na, sie sind doch schädlich!«

»Schädlich? Wieso denn?«

»Na, sie fressen doch die feinen Wurzeln der Pflanzen!«

»Die Regenwürmer, Junge? Wenn sie nichts anderes haben, ja! Aber sonst

sind für uns die Regenwürmer die nützlichsten Tiere mit auf Gottes

Erdboden! Weißt du das noch nicht?«

Die Jungen rücken näher: »Die Regenwürmer nützlich?«

»Doch!« sagt der Ernst Ehrenfried ruhig. »Ich weiß, Herr Doktor, die

fressen nicht die Wurzeln, die fressen die angefaulten Blätter.

Die holen sie sich in der Nacht in ihre Röhren hinein. Das ist sehr

drollig; die Blätter fassen sie immer so an, daß sie das spitzeste Ende

zuerst ins Loch ziehen!«

Da lachen nun alle so herzhaft los, und der dicke Puntz fragt etwas

zweifelnd: »Die scheinen ja in der Nacht fein zu sehen!«

Eine feine Woche! · 第 5 / 9 段