offenbar das Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer des Ernst Ehrenfried;
denn da, auf dem kleinen, saubern Regal, stehen seine Schulbücher, und
auf dem kleinen Tischchen liegt eine kleine Wachstuchdecke, auf der
ein Tintenfläschchen steht mit sonstigem Schreibmaterial. Alles ist
sauber zusammengelegt, und auch das ganze Zimmerchen macht einen höchst
reinlichen, wenn auch sehr einfachen und ärmlichen Eindruck.
Da tritt auch die junge Frau schon wieder herein. Sie hat sich statt
der blauen Arbeitsschürze eine weiße, saubere Schürze vorgebunden; den
pausbäckigen Kleinen hat sie auf dem Arm, während die beiden Mädchen
sich wie kleine Wächterinnen neben ihr halten.
»Sie entschuldigen wohl, Herr Lehrer, daß ich die Kinder mit
hereinbringe. Man kann sie in der Küche keinen Augenblick allein
lassen. Wenn Sie meinen Mann sprechen wollen, so kann ich ihn wecken.
Er hat nämlich Nachtarbeit gehabt, und dann muß er immer am Vormittag
etwas schlafen.«
Jetzt weiß Doktor Fuchs, warum hier alle so gedämpft sprechen, und
warum auch die Kinder zwar lebhaft in ihren Bewegungen, doch recht
ruhig mit dem Munde sind. So spricht er also auch nur halblaut, als
er sagt: »Nein, nein, lassen Sie ruhig Ihren Mann schlafen! Wir beide
können das ebenso gut allein abmachen. Sehen Sie, Frau Ehrenfried,
meine Klasse macht in der nächsten Woche einen Ausflug, und da will
sich der Ernst ausschließen. Ich glaube aber den Grund dazu erraten zu
haben, und nun möchte ich Sie bitten, ihm doch diese« -- Doktor Fuchs
hat das Geld schon in der Hand -- »ihm doch diese Mark und fünfzig
Pfennig dafür zu geben. Aber natürlich müssen Sie nicht verraten, daß
ich sie Ihnen gebracht habe. Vielleicht sagen Sie ihm, es wäre das vom
Vormund für unvorhergesehene Fälle.«
Die Frau ist recht verlegen geworden. »Herr Lehrer,« antwortet sie,
»ich weiß nicht, ob ich das tun kann. Mit dem Vormund, das glaubt der
Ernst doch nicht! Der kann ja eigentlich auch nichts für unnütze Sachen
hergeben. Sehen Sie, Ernsts Eltern sind ja beide tot. Der Tisch da ist
noch von ihnen und das Bett; aber das bißchen, was noch da war, als
mein Schwager starb, ist alles verkauft, und nun reicht das Geld gerade
noch, daß der Ernst ein paar Jahre auf die Schule gehen kann. Er hat ja
das Schulgeld frei; aber er braucht doch auch Sachen und sonst manches!«
»Hm! Das täte mir aber leid! Ja, und ich weiß nicht, ob ich Sie bitten
darf, ihm zu sagen, Sie selber wollen es ihm geben.«
Da wehrt die Frau Ehrenfried ab: »Nein, das würde er gar nicht nehmen.
Er weiß ganz genau, Herr Lehrer, daß ich so viel Geld nicht abstoßen
kann, und da ist der Ernst sehr eigen drin. Er ist ja doch nur eine
Waise, und wir haben ihn natürlich sofort und gern genommen; aber der
Junge ist sehr verständig, Herr Lehrer, sehr verständig, und wenn er es
auch nicht sagt, aber es tut ihm doch immer sehr leid, daß er uns zur
Last fällt!«
»Sie haben den Ernst ohne irgendwelches Entgelt in Ihre Familie
aufgenommen?«
Die Frau nickt: »Freilich, freilich! Der Vormund wollte ja das so
ordnen, daß wir jede Woche was für den Ernst bekämen. Aber der Junge
lernt doch nun mal so gut, und als sein Vater starb, da war es sein
letzter Wunsch, daß der Junge mal etwas Schule genießen sollte. Sehen
Sie, Herr Lehrer, mein Mann sagte: ›Mit Gottes Hilfe werden wir ja
durchkommen, auch wenn einer mehr mit am Tisch sitzt!‹ Es ist ja auch
bis jetzt gegangen!«
»Nun, der Ernst ist ein ehrlicher, ernst veranlagter Junge. Der wird es
Ihnen einmal danken!«
»Oh, das tut er jetzt schon! Er tut alles, was er uns an den Augen
absehen kann. Und die Kinder hängen an ihm wie an einem älteren Bruder.
Mir hilft er auch, wo er kann. Er ist immer unverdrossen; ich kann ihn
schicken wohin ich will. Nur,« -- die Frau lächelt dabei, als hätte das
schon recht spaßige Szenen gegeben -- »er kann nicht ›danke!‹ sagen;
das wird ihm doch nun einmal zu schwer!«
»Na, besser kommen die ja im Leben fort, die so was sagen können. Aber
ist denn der Ernst immer so still und ernst gewesen?«
»Nein, nein, früher war er ein ganz aufgeräumtes Kind. Aber seit auch
sein Vater gestorben ist, da kann er nicht mehr lachen. Er spielt ja
mit den Kindern hier sehr nett; aber er kann nicht mehr lachen!«
Doktor Fuchs hört es der Frau an, wie weh ihr das tut, daß der Ernst
scheinbar so alle Lebensfreude verloren hat.
»Nun,« setzt er also hier wieder ein, »deshalb möchte ich gern, daß
er die Partie mitmacht. Es tut sicherlich gut, daß er auch einmal auf
andere Gedanken kommt. Darf ich Ihnen denn nicht das Geld hierlassen?
Dann braucht er doch nicht ›danke!‹ zu sagen.«
Doktor Fuchs muß dabei lächeln.
»Na, ich will es versuchen. Dann muß ich sagen: ein Herr, dem ich
erzählt habe, daß er die Partie nicht mitmachen will, weil er nicht die
Mittel dazu hat, der hat mir das Geld für ihn gegeben.«
»Gut, gut, tun Sie das, liebe Frau!« -- Dabei steht Doktor Fuchs auf.
-- »Ich habe Sie nun wohl auch schon etwas lange von Ihrer Arbeit
abgehalten!«
»Ich bitte sehr. Na, ich danke Ihnen, Herr Lehrer, für das Geld, da es
der Ernst ja nicht selber tun kann.« --
Die Tür schließt sich leise hinter Doktor Fuchs. Der aber geht sinnend
nach dem Restaurant, wo er -- als Junggeselle -- täglich ißt. Er kann
alle die Gedanken und Bilder nicht loswerden, die soeben in sein
Empfinden eingetreten sind. Das ist doch noch Barmherzigkeit und
Liebe, welche der arme Fabrikarbeiter und seine Frau da draußen in der
Hofwohnung der Havelberger Straße auch ohne viele Worte üben! »Mein
Mann sagt, mit Gottes Hilfe werden wir ja noch durchkommen, auch wenn
einer mehr mit am Tisch sitzt!« -- Aber noch viel mehr beschäftigt
seine Gedanken der Ernst Ehrenfried, der das drückende Gefühl durch
sein Leben schleppt, den armen Verwandten eine Last zu sein, und der
nicht mehr lachen kann, nachdem auch sein Vater gestorben ist. -- -- --
2 ~m~ Schottisch.
Als die Tante um ¾2 Uhr dem Ernst die Tür öffnet, da ruft sie ihm auch
schon entgegen: »Ernst, Ernst, denke mal, ich habe heute früh einem
Herrn erzählt, daß du die Schulpartie nicht mitmachen willst. Da hat er
mir eine Mark und fünfzig Pfennig für dich gegeben. -- Na, freust du
dich nicht?«
Der Ernst hat schon den Milchtopf in der Hand; denn er holt jeden
Mittag für die Kinder etwas Milch aus dem Kuhstall nebenan herauf, und
mit ernstem Gesicht sagt er: »Das kann ich doch nicht nehmen! Wer ist
denn der Herr?«
»Das kannst du ruhig nehmen, Ernst! Der Herr meinte auch, du brauchtest
seinen Namen nicht zu wissen; er würde sich aber freuen, wenn du nun
mitmachtest!«
Der Ernst sagt kein Wort mehr. Er hat den Milchtopf genommen und geht
still und ruhig zur Tür hinaus.
Als er wieder in die Küche tritt, sagt er ebenso ruhig: »Tante, ich
werde das Geld nehmen! Wo ist es denn?«
»Hier, hier, Ernst; da wird sich aber der Herr freuen! Das machst du
recht!«
Ohne noch ein Wort zu äußern, nimmt der Ernst die beiden Geldstücke.
Er wickelt sie sauber und sicher in ein Stückchen Zeitungspapier und
schlägt dann das Paketchen zur Sicherheit auch noch in das Taschentuch
ein.
Die Tante wundert sich höchlichst über die Bereitwilligkeit des sonst
so spröden Ernst; sie hütet sich indessen, etwas zu sagen.
Ernst aber nimmt, wie sonst am Nachmittag, wenn er seine Schularbeiten
gemacht hat, die drei Kinder und geht mit ihnen hinunter. Dieses
Mal freilich nicht nach dem Spielplatz hinüber, sondern nach der
Wilsnacker Straße. Da steht er lange vor dem großen Schaufenster eines
Schnittwarengeschäftes, so daß die Kinder schon ungeduldig werden
wollen. Er hat sogar den Mut, in den Laden einzutreten. Die Verkäuferin
macht ein erstauntes Gesicht.
»Kann ich Stoff kriegen zu einem Kleidchen für das Marthchen? Das ist
die Kleine hier!«
»Was soll es denn für Stoff sein?«
»Ich weiß nicht, aber meine Tante -- solches hier! Bunt kariert!«
»Da sind zwei Meter nötig. Das macht sechs Mark!«
Der Ernst bekommt einen heillosen Schreck. »Meine -- meine --« stottert
er, »meine Tante sagt, das kostet eine Mark fünfzig bis zwei Mark!«
»Ach so!« sagt die Verkäuferin nachlässig. »Das ist Schottisch! Solches
hier!« --
Nicht immer hat das Volk mit dem Volke Mitleid. Die Verkäuferin sieht
jetzt die Kinder kaum noch. Sie wirft das Paketchen Zeug auf den
Ladentisch. »Hier kostet das Meter 90 Pfennig. Soll ich zwei Meter
abschneiden?«
»Ja, ja,« antwortet der Ernst freudig. »2 ~m~ Schottisch!« -- Er hat
außer der Mark fünfzig Pfennig noch vierzig Pfennig, die er einst
dadurch gespart hat, daß er sich den Caesar alt kaufte. Die brauchte er
dem Vormund nicht zurückzubringen. Davon opfert er nun freudig dreißig
Pfennige. Dem Marthchen legt er dann das Röllchen in die Arme, und
freudig gehen sie nach Hause.
»Mutti, Mutti, das hat Ernst gekauft!«
Statt sich aber zu freuen, erschrickt da die arme Frau. »Aber, Ernst,«
ruft sie, »das Geld durftest du nicht so ausgeben! Das war für die
Partie!«
»Nein, nein, Tante, die Partie brauche ich nicht mitzumachen. Du hast
doch neulich auch zu Onkel gesagt, daß Marthchen so notwendig ein
Kleidchen braucht. Und könntest du nur einige Groschen abstoßen, dann
würdest du schottischen Stoff kaufen und ein Kleidchen machen. Ich
freue mich jetzt schon, daß Marthchen ein Kleid kriegt!«
»Ach, Ernst; du hast es ja wieder sehr gut gemeint; aber das geht doch
nicht! Nein, das geht wirklich nicht!«
»Was soll ich denn auch bei der Partie, Tante? Die andern Jungen sind
da immer so wild. Das Geld haben wir nun besser angewendet.«
Aber wenn auch die Tante jetzt nichts mehr sagt -- denn sie muß in
der Küche noch waschen -- sie wälzt doch immer den Gedanken im Kopfe
herum: »Aber nun wird sich doch der Lehrer wundern, wenn der Ernst
nicht mitmacht! Er denkt vielleicht, ich habe dem das Geld gar nicht
gegeben! Herr Gott! Herr Jeses, Herr Jeses! Wie mache ich denn das nur?
Wie mache ich denn das nur? Das Zeug wieder hintragen ins Geschäft?
Die nehmen es sicher nicht wieder, wenn’s doch nun einmal vom Stück
abgeschnitten ist!« --
Schließlich kommt sie darauf, das ihrem Manne zu sagen, wenn er am
Abend nach Hause kommt. Der würde ja schon einen Ausweg finden. -- -- --
Den Ausweg aber, den die Mutter nicht finden konnte, den fand jetzt
eben das kleine, fünfjährige Töchterchen, das Lenchen. Und das sogar
ganz ungezwungen und ganz leicht; ganz ohne es zu wollen.
Sie spielt nämlich gerade an Paulchen, dem kleinen Brüderchen herum.
Sie legt ihm dabei ein Tüchelchen über die Schultern und sagt ganz
traumverloren: »Nun sieht Paulchen aus wie der Herr Lehrer! Ja, wie der
Herr Lehrer!«
Der Herr Lehrer? Das Wort trifft das Ohr Ernsts, der am Tische sitzt
und da etwas liest. Der Herr Lehrer? Er legt das Buch hin und fragt
das Lenchen: »Was für ein Herr Lehrer denn?«
Aber das Kind hat gar nicht auf die Frage geachtet; es hat sie im Spiel
einfach überhört. »So! Und dann schenkst du Mutti auch Geld! Viel Geld!
So! Und --«
»Du, Lenchen,« -- Ernst ist jetzt ganz aufgeregt zu dem kleinen
Plappermäulchen hingetreten -- »was für ein Lehrer denn? Lenchen! Hörst
du denn nicht? Was für ein Lehrer denn?«
Da sieht das Lenchen auf. »Der Mann, der Mutti das Geld gegeben hat. Du
sollst doch mitmachen!«
»Das war ein Lehrer?«
»Der Herr Lehrer!« lallt das Kind, und es spielt weiter mit dem
Tüchelchen am kleinen Bruder herum.
»Wie sah denn der Herr Lehrer aus, Lenchen?«
Ja, die Frage versteht das Lenchen wohl, aber sie weiß doch nicht, was
sie darauf antworten soll: »Ganz anders als Vati! Und der hat Mutti das
Geld für dich gegeben!«
Da springt der Ernst mit hochrotem Kopf schnell die paar Schritte in
die Küche hinaus: »Tante, Tante, Lenchen sagt, der Herr Lehrer hat dir
das Geld für mich gegeben. War das vielleicht Herr Doktor Fuchs?«
Die Tante richtet sich am Waschfaß auf: »Ach, Ernst, da du nun ja
selber darauf kommst, ja, der war hier und hat mir das Geld für dich
gegeben! Was machen wir denn nun?«
Dem Ernst zittern die Beine. Er hat sich auf den Küchenstuhl setzen
müssen, und auch das Lenchen kommt jetzt in die Küche herein und sieht
ihm ängstlich ins Gesicht. »Nicht wahr, Mutti,« der Herr Lehrer hat
dir das Geld gegeben!«
»Ja doch! Nun geh nur! Ich müßte es dir von meinem Wirtschaftsgeld
geben, Ernst. Aber ...«
»Nein, Tante! Ich werde morgen Doktor Fuchs sagen, warum ich die Partie
nicht mitmachen kann. Laß nur! Das ist gar nicht schlimm!« Dabei geht
der Junge auch schon wieder aus der Küche hinaus.
Aber nur äußerlich ist Ernst ruhig geworden. In seinem Innern zuckt
und reißt es an ihm herum. Wie soll er das bloß anstellen? Und was
wird Doktor Fuchs denken? Und was wird er sagen? Oh, der Ernst hätte
bei diesem Gedanken laut aufstöhnen können. Er kam sich wie ein ganz
gemeiner Verbrecher vor. Nun sollte er das auch noch alles selber
gestehen! Ihm wurde es schon sowieso schwer, überhaupt zu jemand etwas
zu sagen! Und nun gar unter vier Augen zu Doktor Fuchs! Ach, ganz elend
wurde ihm dabei zu Mute. Aber es mußte ja wohl sein. Die arme Tante
ängstigte sich nun auch. Auf keinen Fall aber konnte sie etwas von den
paar Pfennigen abgeben, mit denen sie für Essen und Trinken der Familie
sorgen sollte. Nein, nein, es mußte eben sein! Er mußte es Doktor Fuchs
sagen! Gleich am andern Morgen auf dem Flur! Ganz allein!
Ernst nahm das Buch recht zittrig wieder in die Hand. In der Nacht
wurde er durch schreckliche Träume gequält, und er schlief recht
schlecht. -- -- --
Edler Wettstreit.
Als Doktor Fuchs am andern Morgen als Inspizient den Mittelflur des
weiten Schulgebäudes langsam hinabschritt, sprang der kleine Köckeritz
die Treppe herauf. Der sprang sie überhaupt immer herauf, trotzdem
seine Beine nicht allzu lang waren und dabei auch so dünn, daß Doktor
Fuchs auf dem Hof schon einmal scherzhaft zu ihm gesagt hatte: »Na,
Achim, wenn mal die Sperlinge Stiftungsfest haben, mußt _du_ die Fahne
tragen!«
Der Achim springt also jetzt die Treppe herauf und direkt vor seinen
Ordinarius hin: »Herr Doktor, wir machen doch die Partie und --«
»Gut, gut! ~Ad~ Partie nachher in der Klasse!«
Da der kleine Köckeritz Doktor Fuchs die Hand gegeben, so zieht der
ihn dabei zugleich an sich vorüber und zeigt ihm so den Weg zu seiner
Klasse, die noch ein paar Schritte weiter den Flur hinunter liegt.
Aber der Achim Köckeritz tanzt im nächsten Augenblick schon wieder vor
Doktor Fuchs einher: »Nein, nein, Herr Doktor, wir machen doch die
Partie, aber ...«
»Na freilich! Und nun drückt er sich!«
»Nein, nein, Herr Doktor, das gehört ja zur Partie, aber es ist doch
was ganz andres!«
Da bleibt Doktor Fuchs stehen. »Du meinst, es gehört zur Partie und
gehört doch auch nicht zur Partie!«
»Ja! Nein, nein! Ja!«
»Na nun, Achim! Was ist also los? Aber mach’ schnell!«
»Ja, Herr Doktor! Ich habe das von Ehrenfried zu Hause erzählt. Der
kann doch die Partie nicht mitmachen, weil er -- weil er --«
»Na gut; ich weiß schon! Weil er kein Krösus ist!«
»Ja! Und da läßt mein Papa Sie bitten, Herr Doktor, dem Ernst
Ehrenfried die zwei Mark hier zu geben, damit er mitmachen kann!« Dabei
will der Achim dem Doktor Fuchs das Geld hinreichen, das der Vater ihm
in ein weißes Blättlein eingewickelt hat.
»Achim,« sagt da Doktor Fuchs, »Junge, du bist ein Prachtkerl! Und
deinem Herrn Vater sage, daß ich ihm als Ordinarius des armen Ernst
Ehrenfried für dieses Anerbieten herzlich danke. Aber es wäre schon
alles erledigt. Der Ernst Ehrenfried macht die Partie auch mit. Also,
Achim, stecke das Geld wieder ein! Empfiehl mich deinem Herrn Vater,
und vergiß nicht, ihm zu sagen, wie sehr ich mich über sein Anerbieten
gefreut hätte.«
»Jawohl!« erwiderte der Achim und zog ab. Er zog auch nicht gerade
sehr betrübt ab; im Gegenteil, immer lustig und fidel. Er dachte sich
sicherlich auch nicht allzuviel bei der Sache.
An der Tür aber rannte er beinahe den Tauscher, den würdigen Sekundus
der Klasse, über den Haufen. Der trug als Sekundus neben dem Primus
auch die Last einiger Ämter. So war er besonders der Kassenwart; denn
wenn auch der Ordinarius offiziell nichts von solcher Kasse wissen
durfte, so wußte er doch inoffiziell sehr wohl, daß immer einige
Pfennige da waren. Wovon sollte sich denn auch sonst die Klasse zu
Neujahr einen neuen Wandkalender kaufen oder eine zerbrochene Scheibe
bezahlen, die natürlich keiner oder noch öfter auch zu viele auf
einmal zerschmissen hatten? Es kann eben so mancherlei in einer Tertia
vorkommen und Geld kosten! Und der Kassenwart also, der stand jetzt an
der Tür und hatte schon ein kleines Weilchen darauf gewartet, daß der
kleine Köckeritz da vor Doktor Fuchs fertig werden sollte. Jetzt schoß
er nun hinter Doktor Fuchs her, der eben aus der Tür der Schlußklasse
wieder auf den Flur heraustrat und sonderbarerweise vor der Treppe
Posto gefaßt hatte, als müßte er hier auch inspizieren. Da nickte er
recht herzlich einem Jungen zu, der offenbar die Treppe heraufkam und
jetzt gerade mit dem Kopf hochtauchte.
Das war -- der Ernst Ehrenfried.
»So’n Pech!« sagte Tauscher und drehte sich einmal um sich selber.
Offenbar hatte der Ernst Ehrenfried dem Doktor Fuchs auch etwas zu
sagen; denn er hatte die Mütze wieder abgenommen und trug sie in der
Hand, und einen puterroten Kopf bekam er auch eben, wie immer, wenn er
mit einem seiner Lehrer sprechen wollte.
Aber Tauscher war doch flinker als der Ernst Ehrenfried, und schon
stand er jetzt neben seinem Ordinarius und meldete sich krampfhaft:
»Herr Doktor! Herr Doktor!«
»Na, wo brennt’s denn, Junge?«
Da druckst und würgt der Tauscher und dreht sich so sonderbar hin und
her. »Herr Doktor!«
»Na ja doch, schieß nur los!«
Jetzt ist der Primus, der Ehrenfried, vorbei und weit genug weg!
»Herr Doktor! Der Ernst Ehrenfried wollte doch die Partie nicht
mitmachen. Können wir da nicht aus der Klassenkasse etwas Geld nehmen,
daß er auch mitkann?«
»Na, wieviel hast du denn drin?«
»2 Mark 57 Pfennig, und dann haben wir noch fünf Hefte. Die werden doch
mit 15 Pfennigen das Stück verkauft. Das sind noch 75 Pfennige!«
»Ja, du allein darfst aber doch nicht über das Geld verfügen!«
»Ich habe aber schon die meisten gefragt; es sind alle dafür, daß
Ehrenfried auch mitkommt.«
Tauscher ist früher in Sexta, Quinta und Quarta immer der Beste und der
Primus der Klasse gewesen; seit aber der Ernst Ehrenfried da ist, hat
er von diesem Ehrenposten zurücktreten müssen. Einer solchen Konkurrenz
war Tauscher doch nicht gewachsen. Aber neidlos hatte er sich unter den
klügern und fleißigern, freilich auch ältern Mitschüler gestellt, und
jetzt möchte er den Ernst Ehrenfried auch bei der Partie haben.
Alles das schießt Doktor Fuchs durch den Kopf; er schätzt es hoch,
sogar sehr hoch ein, daß Tauscher so neidlos ist und jetzt so selbstlos
handelt. So sagt er denn mit inniger Wärme zu dem Jungen: »Tauscher,
das ist wirklich nett von dir, daß du so an Ehrenfried denkst. Ich
freue mich, daß ihr beide so gute Freunde geworden seid. Komm her, mein
Junge, gib mir die Hand! Das will ich dir nie vergessen!«
Tauscher macht ein ganz seliges Gesicht.
»Aber,« fährt Doktor Fuchs fort, »du kannst für dieses Mal der
Klassenkasse das Geld erhalten; die Sache ist schon erledigt: der Ernst
Ehrenfried kommt auch so mit!«
Da legt sich das helle Staunen in die Augen des kleinen Kassenwarts; er
dreht sich dann, ohne noch ein Wort zu sagen, um und geht der Klasse
zu. --
Der Ernst Ehrenfried indessen hat eben um die Ecke des Türpfostens
geguckt. Als er den Tauscher der Klasse näher kommen sieht, faßt er
sich ein Herz und geht Doktor Fuchs entgegen, der ja den Flur jetzt
auch langsam herunterschreitet.
»Ach, das ist ja heute ein schneidiger Betrieb! Da kommt ja auch mein
Primus an! Na, was gibt’s Neues, Ernst?«
»Herr Doktor!« -- Der Ernst kann nicht weiter. Die Tränen treten ihm in
die Augen; es zuckt so eigentümlich über sein Gesicht hin, als ob er
weinen wollte.
Aber Doktor Fuchs ist auch schon schnell bei der Hand: »Also, du willst
die Partie mitmachen! Das freut mich, Ernst! Man muß sich mit seinen
Kameraden auch einmal freuen können!«
Nun laufen dem armen Jungen aber wirklich die hellen Tränen über die
Backen. »Nein, Herr Doktor,« sagt er mit zitternder Stimme, »ich kann
doch nicht mitkommen. Ich wußte nicht, daß -- daß -- dieses Geld --
das Geld --« Jetzt schluchzt der Ernst Ehrenfried so herzzerbrechend,
daß ihn der Doktor Fuchs schnell in das Sprechzimmer zieht, das in der
Flucht der Klassen in der Mitte des Flures liegt.
»Na, also, Ernst, nun beruhige dich erst mal! Die ganze Sache ist doch
nicht zum Weinen!«
»Doch! Ich habe das Geld schon verbraucht. Ich wußte nicht, daß -- daß
-- Sie es gebracht hatten!«
»Du hast das Geld schon verbraucht?« -- Es klingt beinahe aus dem
Tonfall heraus, als ob Doktor Fuchs etwas enttäuscht wäre.
Das scheint der Ernst Ehrenfried auch zu fühlen. Er glaubt, jetzt muß
er den Doktor Fuchs schleunigst aufklären, damit dieser nicht noch
schlechter von ihm denkt. So trocknet er hastig seine Tränen: »Darf ich
einmal alles schnell erzählen, Herr Doktor?«
»Nun, Ernst, ich bin überzeugt, daß du die paar Pfennige zu einem guten
Zweck ausgegeben hast!«
»Herr Doktor, meine Verwandten sind sehr arm; das kleine Marthchen
brauchte schon lange ein Kleid. Da habe ich für das Geld den Stoff
zu diesem Kleide gekauft. Meine Tante wollte mir ja das Geld für Sie
wiedergeben; aber das wollte ich nicht. Ich werde heute zu meinem
Vormund gehen und Ihnen morgen das Geld bringen.« --
Der Ernst ist ganz erschöpft. Er hat diese Worte hervorgestoßen,
atemlos, vor Aufregung zitternd. Aber Doktor Fuchs sieht jetzt in den
Seelenadel seines Primus hinein, der auf ein Vergnügen verzichtet, um
den armen Verwandten ihre Liebe zu vergelten. Er ist selber gerührt und
muß einen kleinen Augenblick warten, um diese Rührung nicht aufkommen
zu lassen. Dann aber legt er die Hand dem armen Jungen auf die Schulter
und sagt: »Mein lieber Ernst! Du hast so gehandelt, wie man es nicht
anders von dir erwarten kann. Gott erhalte dir diesen reinen und
dankbaren Sinn! Dein Onkel und deine Tante sind einfache und schlichte,
aber edeldenkende Menschen. Sie haben deine Dankbarkeit verdient!«
Das hat nun der Ernst nicht erwartet. Er weiß nicht, was er sagen
soll. Er fühlt nur, wie ihm eine Blutwelle über die andere über das
Gesicht jagt. Und doch ist ihm jetzt so wohl, daß er dieses schwere,
schwere Geständnis vom Herzen hat. Da setzt auch Doktor Fuchs den Hebel
ein, und er trifft den richtigen Ton: »Nun, Ernst, mußt du mir aber
auch eine Freude machen und doch mitkommen. Und da wir beide ja nun
ganz offen miteinander stehen, so machen wir beide auch keine Umstände
mehr miteinander.«
Damit zieht Doktor Fuchs das Portemonnaie.
»So, Ernst, du kriegst jetzt wieder 1 Mark 50 Pfennig, und kein Mensch,
außer deiner vortrefflichen Tante selbstverständlich, braucht etwas
davon zu erfahren! -- Na, aber Ernst, du willst mir doch nicht die
Freude verderben! Nein, nein, ich möchte aber wirklich, daß du das
nimmst! Nun geh, mein Junge, und tu, als wenn gar nichts gewesen wäre!«
Da zögert der Ernst noch einen Augenblick; dann aber gibt er Doktor
Fuchs die Hand und sagt ein leises »Danke schön, Herr Doktor!« -- -- --
Zwei glückliche Menschen traten aus dem kleinen Sprechzimmer auf
den Flur hinaus: der eine ging schnell und leichten Schrittes der
Unter-Tertia ~O~ zu, der andere aber wandte sich den Flur weiter hinauf
zur Quarta hin, wo soeben jemand quiekte, als ob eine halbe Klasse an
ihm herumwürgte und ihm an der Kehle säße. -- -- --
Würden und Ämter.
Wie Doktor Fuchs nach dem Läuten in seine Klasse tritt, sind die
partiewütigen Tertianer gewappnet. Er hat ja gesagt, sie sollen heute
einen Zettel mitbringen mit dem Ziel der Partie. Und den Zettel, den
haben nun alle da, viel vollzähliger und gewissenhafter als sonst
irgend ein Exerzitium. Da nun Doktor Fuchs auch ganz genau weiß, was
solche flotten Jungen freut, so setzt er eine sehr wichtige Miene auf
und nimmt die bewußten Zettel in alphabetischer Reihenfolge ab. Die
Jungen finden das durchaus richtig, während Doktor Fuchs seinerseits
findet, daß eigentlich keiner unter vier Meilen von Berlin weg landen
will. Potsdam, Werder, Bernau, das ist überhaupt das nächste.
So fängt denn Doktor Fuchs an: »Na, Jungs, man kann nicht gerade sagen,
daß ihr bescheiden gewesen seid. Es wundert mich nur, daß ihr alle noch
in Europa bleiben wollt. Na also, da wird’s wohl nicht anders werden.
Da werde ich also als Klassenpapa umso bescheidner sein müssen, und«
-- dabei dreht sich Doktor Fuchs auf dem Katheder um -- »und da möchte
ich nur auch schnell meinen Wunschzettel an die Tafel schreiben. --
Grunewald!« --
Ein lautes und sehr geringschätziges »Aaach!« und »Der Katzensprung!«
vom dicken Puntz.