Der Geschichtslehrer kam um die Bänke herum und erklärte die ganze

Sache. Und verlegen lächelnd fügte er hinzu: »Ich werde natürlich für

den Schaden aufkommen, Herr Direktor!«

»Ich weiß nun nicht mal, ob Sie das dürfen,« erwiderte indessen der

Direktor ablehnend. »Die Fabrik, die diese Verschlüsse eingerichtet

hat, ist der Stadt zu einer tadellosen Leistung verpflichtet, und doch

ist beinahe in jeder Klasse etwas daran nicht in Ordnung. Sehen Sie,

dieser Zapfen da oben! Ja, der! Der ist immer zu kurzstielig! Ich

habe jetzt schon eine ganze Zeit lang eine wirkliche Angst gehabt,

daß mit den Dingern was passieren könnte. Und als ich draußen gerade

vorbeiging« -- der Herr Direktor lachte wieder -- »da dachte ich mir

gleich, daß was mit diesen Fenstern los wäre. Es hörte sich ja ganz

gefährlich an!«

»Na, hier noch mehr!« freute sich auch der Geschichtslehrer. »Es ist

nur gut, daß kein Unglück sonst dabei vorgekommen ist!« -- -- --

Ach, Unglück oder nicht! Das war den Jungen schließlich ganz schnuppe.

Aber der entsetzliche Krach, die Verlegenheit des Lehrers, die Angst

und die Aufregung des Direktors, alles das zusammen machte ihnen ja

einen Heidenspaß. Die Zeit ~NB.~ verging doch dabei auch; die Zeit, die

kostbare Zeit, mit der sonst so gespart und gegeizt wurde. Na, kurz und

gut, höchst willkommen die ganze Geschichte! Die alten Griechen waren

dabei weit, weit weggeraten. Was hätten die auch hier gewollt, die

dummen Kerle, die mit dem besten Willen von der Welt überhaupt keine

Scheibe hätten zerschmeißen können! Eine feine Stunde wieder mal, fein,

wie die ganze Woche! Beinahe war es sogar jammerschade, daß es jetzt

schon läutete und man so nicht mehr weiter das Bewußtsein haben konnte,

daß die ganze letzte halbe Stunde zum Teufel gegangen war -- durch die

Schuld des Lehrers. --

»Hast du übrigens gesehen, was für ein Gesicht er dabei machte?«

»Ja, als wenn er die ganze Scheibe auf den Kopf gekriegt hätte!«

»Ach, die hat er auf den Kopf gekriegt?«

»Ih wo!«

»Na, wer weiß?«

»Na freilich!«

»Quatsch nich, Krause!«

Fritze Köhn hat dieses gewichtige Wort gesprochen. Und mit listig und

lustig blinkenden Äuglein fährt er fort: »Ob die Zappen an den an’nern

Fenstern nich auch en bißken kleener jemacht werden könnten! So ’n

bißken kurzstieliger, meen’ ick!«

Die Jungen stutzten wohl etwas, dann aber lachten sie doch nur Über den

»verrückten« Einfall. »Ach nein! Aber eine feine Stunde war es doch

wieder mal!«

»Ganz ausgezeichnet fein!« bestätigte Köckeritz. »Wie die ganze Woche!«

»Ja! Und morgen noch die Partie! Das wird das Allerfeinste!« -- -- --

Freitag: Die Klassenpartie.

Der alte Caesar und eine moderne Landpartie.

Ja, das Allerfeinste! Der eigentliche Lichtpunkt in der Mühsal des

Klassen- und besonders des Tertianerlebens, das ist die Partie, die

Klassenpartie! Und als ein wirklich großes Ereignis, das sie in der Tat

ja ist, wirft sie natürlich auch ihren Schatten voraus! Wochenlang!

So ist es auch dieses Mal hier in der Unter-Tertia gewesen, und

vielerlei ist darüber zu berichten, bevor noch dieser Freitag der

feinsten Woche überhaupt herangekommen war. --

Langsam hatte sich eines Nachmittags -- noch im Mai war das gewesen!

-- die Unter-Tertia in dem großen Klassenzimmer zusammengefunden.

Müde und mißmutig. Der ganze Nachmittagsunterricht kann den Jungen

gestohlen bleiben. Zweimal am Tage hermüssen bei den weiten Schulwegen!

Schauderhaft! Und noch dazu nun Latein! Und bei Bumsvallera!

Da tritt eben der dicke Puntz herein. Er hat die grüne Mütze etwas

verwegen ins Genick gerückt und zieht unter der Weste das ~Bellum

Gallicum~ hervor. Er wirft das braun gebundene Büchlein vor sich auf

den Tisch, daß es kracht.

»Der Caesar! Da liegt der Kerl! Der Hund von unserm Schlächter heißt

auch Caesar! Der ist mir lieber!«

Am andern Ende der Bank lacht der kleine, lustige Köckeritz laut auf.

Er ist kein schlechter Schüler, aber doch ein leichter Bruder, dem der

Reichtum des Vaters nicht gerade förderlich ist; denn er strengt sich

nicht halb so an, wie er es wohl könnte. Und der etwas ängstliche Papa

hält ihm nun stets und ständig Hauslehrer, die aber mit dem kleinen

Windbeutel auch nicht viel anfangen können.

»U--ah!« -- Man denkt gar nicht, daß der kleine Kerl seine Arme so weit

in die Welt hinausstrecken kann. -- »U--ah! Dicker, nicht wahr, du hast

auch keine Lust!«

»Nee, nich die geringste! Sage mal, kannst du fein übersetzen?«

»Natürlich! Denkst du, ich soll noch mal reinfallen?«

»Du, dann übersetze mal schnell!« --

Die grüne Mütze fliegt im selben Augenblick an den nächsten Haken und

schwankt da ein ganzes Weilchen hin und her, ganz nachdenklich, ob sie

sich bei solcher niederträchtigen Behandlung nicht lieber platt auf den

Boden legen soll. Aber sie bleibt doch oben hängen; denn sie muß zu

ihrem Schrecken sehen: gerade der, den sie immer so nett bedeckt und

beschirmt hat, der hätte jetzt weder Lust noch Zeit, sie aufzuheben.

Wirklich! Der Dicke sitzt schon neben dem kleinen Köckeritz. Sie

versuchen emsig, mit den Belgiern Bibrax zu stürmen. Und auch andere

scheint das noch außerordentlich zu interessieren; denn bald hat sich

um Köckeritz ein kleines Häuflein gebildet, und die Jungen hocken da

so dicht zusammen, daß sie von weitem aussehen, als wollten sie einen

Trichter im lebenden Bilde darstellen. Während aber doch sonst alles in

den Trichter hinunter und zu Tal läuft, so strömt hier scheinbar alles

von unten nach oben. Unten im Loch nämlich sitzt der kleine Köckeritz.

Und je weiter seine Worte zu dem weiten Trichterrand empordringen,

desto andächtiger werden sie auch aufgenommen; denn da oben am

Trichterrand sitzen in diesem Falle naturgemäß die meisten Ohren.

Ab und zu wird der Trichterrand oben sogar noch höher, weil noch jemand

anders wissen möchte, was nun eigentlich aus Bibrax werden soll. Alles

drängt sich heutzutage zur Wissenschaft. Das tun auch gerade die

Jungen da oben, die zuletzt dazugekommen sind. Und wenn auch unten im

Trichter dafür eine Beule entsteht, die sogar, wider alle Naturgesetze,

ein kräftiges Wort gegen die unverschämte Drängelei von oben zutage

fördert, so hat doch jetzt keiner recht Zeit, auf so etwas achtzugeben:

sie stehen alle in der Furcht des Herrn Professor Bumsvallera!

Da stürzt auf einmal der tolle Hagen in die Klasse herein: »Jungs!

Partie, Partie! Vor den großen Ferien noch! Eine Klassenpar--!«

Ha! Wenn der alte Caesar das jetzt hätte sehen können! Bei seinen

Lebzeiten war er ja auch oft genug in der Klemme gewesen; aber so

schnell war er wirklich nie aus solcher Klemme herausgekommen wie in

diesem Augenblicke, als alle diese Tertianer, die ihm eben noch ganz

nahe auf den Leib gerückt waren, aus dem Trichter herauspurzelten.

Plötzlich saß der kleine Köckeritz ganz allein da, und sein rundes

Köpfchen ragte hoch über die zerflossene Trichterflut weg. Er hatte

natürlich unten in dem Loch nichts von der sieghaften Ankündigung

Hagens gehört; er glaubte vielmehr scheinbar, daß der Professor

Bumsvallera ganz überraschend den Einwohnern von Bibrax zu Hilfe

gekommen wäre. Da sah er nun Hagens freudig gerötetes Gesicht vor sich

und war so erstaunt darüber und machte selber ein so dummes Gesicht

dabei, daß Hagen ganz erschrocken tat und mitten in seinem letzten

Wort, in der »Klassenpartie« nämlich, stecken blieb.

Aber er hatte keine Zeit, noch länger erstaunt zu sein; denn um ihn

fluteten jetzt die Kameraden alle herum und bestürmten ihn, wie just

eben noch die Belgier die Stadt Bibrax.

»Wieso?« -- »Wer hat das gesagt?« -- So ruft alles durcheinander. --

»Woher weißt du das?« -- »Erzähle mal!« -- »Mit Fuchs allein? Oder eine

Schulpartie?«

Indes, Hagen ist jetzt wieder Herr der Situation. Er hat seine Bücher

schnell hingelegt und hebt jetzt eben ruhig seine Hände, wie um die

aufgeregten Wellen zu beschwichtigen. Und dann sagt er ebenso gemessen

wie gewichtig: »Erst -- mal -- Ruhe -- im -- Saal! Großmutter will

tanzen!«

»Unsinn! Sage mal schnell!« -- Wie konnte der dicke Puntz bloß so

rapide den Professor Bumsvallera und den alten Caesar vergessen! --

»Also, Jungs!« -- Hagen bleibt in dem Schneckenton. -- »Der -- Direx

-- hat -- in -- der -- Sekunda -- gesagt: in der nächsten Woche sollen

alle Klassen einen Ausflug machen. Na, und Ausflug heißt doch auf gut

deutsch Partie!«

Dabei hat Hagen seine Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste gehängt

und sieht triumphierend im Kreise herum. Er schmunzelt dabei noch

ganz urgemütlich und macht ein eckig-ehrpuseliges Gesicht, wie ein

leibhaftiger Großpapa, so daß der dicke Puntz ungeduldig losplatzt:

»Na, du warst doch nicht dabei, als der Direx das gesagt hat!«

»Nee, aber der dicke Vietz hat mir’s gesagt. Der ist übrigens noch

dicker als du!«

»Vietz? Der hat sicher geflunkert!«

»Du meinst, die Dicken flunkern alle!«

»Ich werde dir gleich --«

»Bumsvallera! Bums!«

Da zerstieben die Tertianer wie einst die Belgier vor dem großen Caesar.

Aber der hatte doch den rechten Zeitpunkt immer weit besser abgepaßt

als der alte Professor jetzt; denn Bumsvallera, ja, der war entschieden

zu früh gekommen. Der hätte wirklich noch warten sollen, bis man

dem Hagen ein klein wenig wegen seiner Leichtgläubigkeit den Kopf

gewaschen hatte. So behielt jeder der Jungen noch etwas auf der Zunge

sitzen. Wie hätte da nun noch eine schöne Caesarübersetzung darauf

Platz gehabt? Nein, nein! Das ging heute eben schauderhaft trotz der

Trichterarbeit des kleinen Köckeritz. Und in seiner heiligen Erregung,

in seinem Eifer, aus diesen heute so vernagelten Jungen doch die beste

Übersetzung herauszuholen, bumste und ballerte Bumsvallera drauf los,

daß die Jungen jetzt begriffen, warum schon frühere Generationen dem

Professor Ketzel eben den Spitznamen Bumsvallera gegeben hatten. Aber

je schlimmer es jetzt kam, desto mehr klammerten sich die Gedanken

der Jungen an der Partie fest. So fest, daß am Ende der Stunde kein

einziger mehr daran zweifelte, daß solche Partie gemacht werden müßte.

Kaum hatte man also um 4 Uhr die Klassentür hinter sich, so wurde auch

sofort auf dem Flur schon, auf der Treppe, auf dem Hofe verhandelt,

wie man Doktor Fuchs, den Ordinarius, zu einer recht feinen, echten

Klassenpartie kriegen könnte. Mit der Klasse allein natürlich! Nicht in

der Herde mit der ganzen Schule. -- -- --

Vorfreuden.

Was tun? Als man nach der Pause wieder in die Klasse hinauf muß,

entscheidet der dicke Puntz: »Der Primus muß es Fuchsen sagen!«

Hagen indessen hat mehr Menschenkenntnis: »Ehrenfried? Der Mummelgreis!«

Da erbietet sich der kleine, flotte Köckeritz: »Ich werde Fuchsen

einfach mal fragen.«

Sausig aber weiß es noch besser; er schießt den Vogel damit ab. »Wir

schreiben es an die Tafel!«

Und der Klassenbarde, der Schmuck, ist gnädig genug und erbietet sich:

»Ich werde die Verse dazu machen!«

»Schmuck soll leben! Los, Schmuck!«

»Jetzt nicht! Morgen!«

»Unsinn!« -- Der Fritze Köhn greift immer feste zu. -- »Jetzt haben

wir bei Fuchsen! Also los! Dir wer’n wer sonst ’n Schnörgel nach links

drehn!«

Da steht auch schon alles um Schmuck herum und schiebt ihn auf das

Katheder. »Los doch, Schmuck, los doch!«

Von hinten wird ~a tempo~ vorgeschlagen:

»Sechs mal sechs ist sechsunddreißig,

und die Klasse war so fleißig!«

Sausig ist in dem Augenblick an die Tafel gesprungen und schreibt

auch schon diese beiden Musterverse an. Und um seinen Dichterruhm

nicht unrettbar zu verlieren, hat jetzt auch Schmuck nach der Kreide

gegriffen:

»Ruhig mal! Also gefällt euch das? Hier steht schon:

»Sechs mal sechs ist sechsunddreißig,

und die Klasse war so fleißig.« --

»So!« --

»Will auch noch sehr fleißig sein!«

»Na,« wirft da der dicke Puntz ein, »wollen lieber nischt versprechen!«

Aber schon hat Schmuck weitergeschrieben:

»Denkt indes, es wäre fein,

nicht zu schwitzen in dieser Pein.«

»Ja, allens wat recht is!« gibt hier Fritze Köhn wieder sein

gewichtiges Urteil ab.

»Sondern zu wandern weit hinaus

und möglichst spät zu kommen nach Haus.«

Dem einen gefällt’s, dem andern nicht; aber es steht nun einmal da, und

-- plötzlich tritt auch der Ordinarius in die Klasse.

Da steht alles stramm und mäuschenstill. Als aber Doktor Fuchs die

erhobene Hand schnell und mit einem kleinen Knall des Daumens und des

Mittelfingers senkt, da setzen sich die Jungen, daß es nur so ruckt und

zuckt.

Und dann kommt der große Moment! Doktor Fuchs dreht sich herum, um auf

das Katheder zu steigen, und -- er sieht die voll beschriebene Tafel,

die doch sonst in ihrer unbefleckten Schwärze blitzsauber sein muß. Er

liest jetzt die Verse halblaut und recht bedächtig.

Als er aber bis zu Ende gekommen ist, da dreht er sich schaudernd um

und sagt: »Brr! Da korrigiere ich ja lieber den größten Stoß Hefte!«

O weh! Das sieht nun zwar wie ein frühzeitiges Ende aller Partiegelüste

aus; aber die Klasse freut sich doch stürmisch über das »Brr!« und über

den »größten Stoß Hefte«.

Endlich kommt auch Doktor Fuchs wieder zu Worte. »Na, also Jungs, über

die Sache läßt sich reden, aber erst müßt ihr mal bessere Verse machen!«

Na, freilich! Jetzt weiß es auf einmal jeder. Das sind furchtbar

schlechte Verse. Der dicke Puntz hatte ja auch gleich gewichtige

Bedenken gehabt, und Fritze Köhn plädiert am Ende der Stunde dafür:

»Schmuck muß zu morjen anständije Verse machen, oder wir hau’n uff’n

Kopp, det er Plattbeene kricht!«

Damit hat der Fritze Köhn auch die Meinung der andern durchaus

zutreffend und richtig ausgesprochen. »Oder er wird verhauen!« So denkt

und sagt jetzt jeder, und das glaubt schließlich auch Schmuck. Und

weil er nicht verhauen werden will, so will er auch anständige Verse

machen. -- -- --

Aus Abend und Morgen wird wieder ein Tag. Und alles stürmt am nächsten

Morgen auf den Klassenbarden ein. Jeder will die Verse sehen. Aber

Schmuck bleibt fest: »Ich schreibe sie nachher an; da könnt ihr sie

dann alle lesen!«

In der Pause vor Doktor Fuchs’ Stunde bleibt also der Pegasusreiter

oben, mit Erlaubnis des inspizierenden Herrn draußen auf dem Flur. Und

nachher prangen denn auch die erhofften Verse in Schmucks schönster

Schrift an der Tafel.

»Fein, Schmuck!« -- »Ach, _der_ Vers taugt nichts!« -- »Da muß noch

hinein, wohin wir wollen!«

Aus dem Durcheinander von Lob und Tadel aber erhebt sich Puntz und

findet: »Das ist sehr fein! Ick hätte es nicht so gekonnt! Und ein

anderer auch nicht!«

Puntz nicht und ein anderer auch nicht! Das galt. --

Auch der Ordinarius kam dann und las wieder die Verse ebenso bedächtig

wie gestern.

»Fröhlich lacht uns entgegen die Sonne,

Jugend tummelt sich draußen mit Wonne;

sämtliche Schulen fliegen schon aus,

nur unsere Klasse darf nicht hinaus!

Lehrer gehen doch auch gern ins Freie,

besonders im wunderschönen Maie!

Und wenn’s nicht mehr kann sein im Mai,

der Juni ist auch noch nicht vorbei!

Die Pfingsten sind ja nun heran,

die schönste Jahreszeit bricht an.

Gewähren Sie uns doch die eine Bitte,

beim Ausflug zu thronen in unserer Mitte!

Die Unter-Tertia ~O~.«

Als der Ordinarius geendet hat, da wartet er noch einen Augenblick, als

müßte er sich erst von seinem Staunen über solche Leistung erholen.

Dann sagt er aber: »Schön! Wer ist der Poeta?«

»Schmuck! Schmuck! Schmuck!«

»Das ist ganz nett! Aber deshalb darf er mir nun noch kein Trauerspiel

schreiben!«

Schmuck freut sich mehr, als je ein ~poeta laureatus~ sich gefreut

hat. Und die Klasse freut sich mit ihm, besonders da nun Doktor Fuchs

fortfährt: »So, Jungs! Morgen bringt jeder einen Zettel mit. Darauf

steht neben eurem Namen der Ort wohin der Träger dieses Namens die

Partie machen will.«

Da ist nun die Begeisterung kolossal. Alle reiben sich die

Hände vor Vergnügen; man lacht sich fröhlich an, und schon

schwirrt es durcheinander: »Märkische Schweiz!« -- »Potsdam!« --

»Königswusterhausen!« -- »Zwei Tage, Herr Doktor! Ach ja, zwei Tage,

Herr Doktor!«

Der aber winkt ruhig ab. »Morgen Zettel! ~Notabene~: hoffentlich

beteiligen sich alle an der Partie!« -- -- --

Ein armer Junge.

Der Primus, der Ernst Ehrenfried, ist aufgestanden. »Ich weiß es noch

nicht!«

Die ganze Klasse lauscht mäuschenstill; im selben Augenblick aber

lispelt auch der kleine Köckeritz seinem Nachbar, dem Hänsel, empört

zu: »Der ist immer der Spielverderber!«

Das ist zwar leise, doch immerhin noch so deutlich gesagt, daß es

die ganze Klasse gehört haben muß. Auch Dr. Fuchs hat es sicherlich

gehört; indes, er will es offenbar nicht gehört haben; denn er sagt

nur in scheinbar zürnendem, dabei aber auch lustig schmollendem Tone

zu Ehrenfried hin: »Was! Unser Primus will uns im Stich lassen! Ih,

das wäre noch schöner! Da muß ich schon unsern Primus nachher mal extra

bearbeiten!«

Der Ernst Ehrenfried kriegt einen roten Kopf, und ganz verwirrt setzt

er sich nieder. Zugleich aber hat auch ein Blick des Ordinarius den

kleinen, impulsiven Köckeritz gestreift. Der versteht den Blick; denn

er sagt nichts mehr, sondern richtet sich gerade auf und verläßt jetzt

den Ordinarius mit keinem Auge. Dann macht sich Doktor Fuchs an sein

Pensum, und vierzig Minuten lang hat kein Junge Zeit, an die Partie zu

denken.

Nach der Stunde aber tut Doktor Fuchs gar nicht, als ob er den

Ehrenfried »extra bearbeiten« wolle. Er hat es offenbar vergessen; er

geht auch schnurstracks auf den Hof, wo er allerdings in dieser Pause

die Aufsicht zu führen hat.

Dabei läuft ihm der kleine, lustige Köckeritz über den Weg, und Doktor

Fuchs winkt ihn zu sich hinan.

»Sage mal, Achim, was hast du denn immer mit Ehrenfried vor?«

»Ach, gar nichts, Herr Doktor! Ich uze ihn nur immer ein bißchen!«

»Warum?«

»Er ist immer so still und so steif. Das kann ich nicht ausstehen!«

»Wenn er dich aber nun mal verhaut! Er ist ja doch viel älter und viel

größer als du!«

»Ja, das wohl! Aber das tut er nicht. Wir sind sonst ja die besten

Freunde!«

Einen Augenblick geht Doktor Fuchs neben dem kleinen Köckeritz her, so

daß der Zeit hat, so fröhlich und schelmisch mit den Augen nach links

und nach rechts zu blinzeln, um seine Bekannten zu suchen. Endlich aber

sagt Doktor Fuchs: »Nun, höre mal, Achim! Du bist ja sonst ein ganz

vernünftiger Junge. Ja, Ehrenfried ist etwas steif und schwerfällig;

aber das kommt doch von den Verhältnissen her, in denen er lebt. Du

weißt doch, daß er keinen Vater und keine Mutter mehr hat?«

»Das habe ich gehört; er selbst hat’s noch keinem von uns gesagt!«

»So? Er ist aber doch nun schon über ein Jahr auf unserer Schule!«

»Ja, er trat hier in die Quarta ein; aber er hat noch keinem was über

sein Leben erzählt. Ich weiß nur, daß er draußen in Moabit wohnt, bei

seinem Onkel. Der ist gewöhnlicher Fabrikarbeiter!«

»Siehst du, Junge, Fabrikarbeiter! Gewöhnlicher Fabrikarbeiter, mein

Junge! Das sagt noch gar nichts; aber er ist sicher ein sehr ehrlicher

und fleißiger Mann, und das sagt viel! Und nun -- jetzt halt mal die

Ohren steif! -- gefällt es mir gar nicht, daß du immer so an Ehrenfried

herumhakst. Er schleppt das Bewußtsein mit sich herum, eine Waise zu

sein und seinem Onkel zur Last zu liegen; vielleicht verstehst du das

noch nicht recht, mein Junge; aber du mußt es mir glauben, daß das auf

den armen Ernst Ehrenfried drückt. Na also, Achim, von jetzt ab läßt du

mir unsern Primus etwas in Ruhe!«

»Herr Doktor!« -- Dem kleinen Köckeritz ist jetzt das Weinen näher als

das Lachen. -- »Wir sind ja sonst die besten Freunde. So hatte ich es

ja auch gar nicht gemeint!«

»Es ist gut! Lauf jetzt! Dahinten balgen sich zweie.«

Mit großen Schritten geht Doktor Fuchs auch schon auf die beiden

Kampfhähne los, die freilich bei seiner Annäherung schnell Frieden

schließen und versuchen, sich in dem Kreis der Jungen, der sich im

Handumdrehen um sie herum gebildet hat, zu verlieren. Aber Doktor Fuchs

hat schon seine Pappenheimer erkannt; er winkt die beiden zu sich

hinan. Dann nimmt er sie beim Kopf und reibt, ohne noch ein Wort zu

sagen, die beiden Dickschädel aneinander. Das tut, auch ohne Worte, den

beiden sehr gut und freut alle andern riesig. Und da sich kein Junge

gern auslachen läßt, so merken sich das die beiden und noch mancher

andere dazu, so daß in der Inspektion des Doktor Fuchs recht wenig

Ungehöriges vorkommt; er kann also ruhig einmal bei seiner Inspektion

mit einem Jungen sprechen, wie er es eben mit dem kleinen Köckeritz

getan hat.

Auf den aber waren schon längst die andern zugestürzt: »Was wollte denn

Fuchs von dir?«

Der kleine Köckeritz wehrt ab: »Halt doch mal das Maul jetzt! Das sieht

doch Fuchs! Nachher!«

Nachher aber meinte er nur zu den Neugierigen: »Ach, er hat gehört, daß

ich zu Hänsel gesagt habe: ›Ehrenfried ist immer der Spielverderber!‹

Da hat er mir eine Standpauke gehalten, daß sich das nicht

gehörte!« -- -- --

Der »Spielverderber« war so erledigt; für die Klasse wenigstens, doch

nicht für Doktor Fuchs. Er dachte daran, dem Ehrenfried aus eigener

Tasche das Geld zur Partie zu geben; aber er wußte, wie feinfühlig der

Ernst Ehrenfried trotz seiner Armut war. Um ihn also nicht noch erst

recht kopfscheu zu machen, ließ er den Jungen an diesem Nachmittag noch

laufen.

»So eilt die Sache nicht,« sagt er zu sich selber, »und über Nacht

kommt Rat!« -- -- --

Und der kam. Am nächsten Vormittag hatte Doktor Fuchs nur bis 11 Uhr

Unterricht, während doch seine Klasse erst um 1 Uhr herauskam. So

suchte er denn um 11 Uhr schnell das Nationale seiner Jungen hervor

und las daraus vor sich hin: »Ernst Ehrenfried. Geboren am 1. Mai 1890

in Schöneberg bei Berlin. Klassenalter I. Semester. Schulalter 1 Jahr.

Wohnung des Vaters: Vater und Mutter verstorben. Stand des Vaters:

war Gärtner. Wohnung des Schülers: Aha! ~NW~, Havelberger Straße 250.

Aufsicht: Ehrenfried, Onkel, Arbeiter. Vormund: Silber, Schutzmann,

Schöneberg, Torgauer Straße 105.«

Da stand nun Doktor Fuchs. Zum Vormund gehen? Nach Schöneberg und nach

der Torgauer Straße? »Die weiß ich ja gar nicht mal! Nein, ich möchte

dabei doch auch gleich die Pflegeeltern meines Primus kennen lernen.

Also aus nach Moabit! Das ist bekanntes Gebiet. Wie war es doch gleich?

Havelberger Straße 250! Leicht zu merken! Genau ein Vierteltausend!«

Schnell steckt Doktor Fuchs das Nationale wieder weg und wickelt

sich noch ein Paketchen Hefte zusammen. Und nach einem guten halben

Stündchen steht er draußen vor der Mietskaserne Havelberger Straße 250.

Der stille Portier, wie der Berliner das Verzeichnis der Bewohner des

Hauses nennt, sagt ihm: Ehrenfried, Arbeiter, rechter Seitenflügel, 3

Treppen links. -- -- --

Auf sein Klingeln oben macht ihm ein kleines Mädchen von etwa fünf

Jahren auf. Das hat den Zeigefinger der linken Hand in den Mund

gesteckt und sieht den vornehmen Besucher staunend an.

»Mein Kind, ist vielleicht Papa oder Mama da?«

Die Kleine läßt die Tür offen stehen, läuft in die Küche zurück und

ruft leise: »Mutti! Mutti! Ein Mann ist da!«

In dem Augenblick kommt auch schon die Mutter aus der Küche heraus.

Sie war gerade beim Kartoffelschälen und hat die Schalen noch in der

Schürze; die Schürze aber hat sie zusammengenommen und die Zipfel

über den linken Arm geschlagen. Da sieht noch die Hand hervor, die

jetzt das Messer hält, während die Frau die rechte Hand schnell an der

Schürze abwischt. An dieser Schürze hängt noch ein kleines Mädchen von

vielleicht drei Jahren, während ein noch kleinerer, pausbäckiger Junge

eben aus der Küchentür hinter der Mutter her heraustorkelt.

»Guten Tag, mein Herr!«

Doktor Fuchs grüßt freundlich: »Guten Tag! Ich bin der Ordinarius des

Ernst Ehrenfried. Sie sind wohl seine Tante?«

Die Frau, an der jetzt die drei Kinder hängen, nickt: »Ja, ja!« so daß

Doktor Fuchs fortfährt: »Da kann ich Sie vielleicht einmal auf einen

Augenblick sprechen.«

»Ja, bitte sehr, wollen Sie nähertreten?«

Sie schiebt sanft die Kinder zur Seite und öffnet die Tür eines

Zimmerchens, das neben der Küche liegt. »Wollen Sie einen Augenblick

eintreten, Herr Lehrer?«

Eine feine Woche! · 第 3 / 9 段