[Illustration: Abb. 9 =Aus Altenberg=
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von
Weicker und Wiese)]
In Vorderzinnwald, unweit des Gasthauses »Zur Sächsischen Schweiz«,
biegen wir rechts von der Straße ab und gelangen auf einem Fußwege
durch den Wald an den weltbekannten Aussichtspunkt zum Mückentürmchen
(achthundert Meter). Von hier aus führen die Straße und ein abkürzender
Fußweg hinunter nach _Graupen_, der ältesten Zinnstadt des östlichen
Gebirges (Abb. 13.) Denn zu der Zeit, wo in Altenberg die ersten Häuser
gebaut und die ersten Schächte geteuft wurden, war Graupen schon ein
blühendes Gemeinwesen. Es steht fest, daß das böhmische Zinn um 1240
in den Handel kam und einen Preissturz des bis dahin den Weltmarkt
beherrschenden englischen Zinns herbeiführte. Graupen (so benannt
nach der Form der granatroten Zinnerzkristalle) wuchs vom unteren
Ausgang der Schlucht in diese hinein und in ihr am reißenden Gießbach
empor. Zahlreiche im Bergbau erfahrene Geschlechter wie die Breterer,
Genshals, Glatz, Holkro, Hochmutt, Kölbel, Schwärzel, Hengst, Müntzer,
wanderten damals und später in Graupen ein. Die meisten kamen aus
Freiberg und später aus dem vor 1293 fündig gewordenen Zinnrevier von
Ehrenfriedersdorf und Geyer, die Spitzhut aus Goslar. Ordnung, Gestalt
und schließlich das Stadtrecht erhielt die neue Gemeinde durch das aus
Osterland eingewanderte reichsunmittelbare Geschlecht der Herren von
Kolditz. Schon Tino I. baute um 1330 in der Stadt die Rosenburg und
an ihrem südlichen Ausgang die drei Bollwerke: den »alten Hof«, »zur
Scheune«, »Vorwerk Kirchlitz«. Ein kleines Kulturbild des Anbaues am
oberen Ende der Schlucht enthält die Urkunde vom Dezember 1416, in
der den Brüdern Spitzhut und ihren Nachbarn »auf dem oberen Graupen«
die Nutzung eines Waldes und einer Viehweide von den Kolditz verliehen
wird »von dem Brunnen am Steige, so man gehet gegen Ebersdorf, genannt
das Tränkbrünnlein, hinauf an demselbigen Steige bis an den Fuhrweg
und von dem Fuhrweg hinauf bis an die große Buche, mit angehauenem
Kreuze gemerkt, und von derselbigen Buche hin an dem Mückenberg an
den Fuhrweg, der von dem Mückenberge gehet auf die Ladung.« Aber die
erste Blüte der Bergstadt brach der für die gesamte deutsche Kultur
in Böhmen verhängnisvolle Hussitenkrieg. Als am 16. Juni 1426 das
Meißnisch-Thüringische Ritter- und Bürgerheer auf der »Bihanie« bei
Aussig von den fanatisierten Massen des tschechischen Landvolkes
geschlagen, sich in wilder Flucht nach dem Südausgang des Graupener
Passes ergoß, um sich in den Schutzbereich der Burgen Lauenstein und
Bärenstein zu retten, da verklemmte sich das Gewirr der Rosse und
Wagen zwischen den Bollwerken, und am Abend lagen außer einer noch
größeren Anzahl von Stadtbürgern mehr als dreihundert Ritter, die Blüte
des Meißnischen Adels, unter den glutroten Trümmern des »Althofs«
erschlagen. An Stelle des Vorwerks zur Scheune aber erhob sich der
Sühnaltar der »Elenden Maria«, der Mittelpunkt der Kirche Mariascheune,
aus der sich später das Jesuitenstift Mariaschein entwickelte. Auch
die Rosenburg, die 1426 dem hussitischen Ansturm standgehalten hatte,
wurde im Dezember 1429 bei einem neuen Hussitenzuge samt den letzten
Resten von Graupen in Asche gelegt. Trotzalledem beteiligten sich am
Wiederaufbau Graupens und Obergraupens fast noch mehr sächsische
Bergleute und Bergherren als ehedem. Eine enge Verbindung zwischen
Graupen und den angrenzenden Teilen Sachsens war die Folge davon. So
wurde z. B. der Wochenlohn für die in und um Altenberg arbeitenden
Bergleute anfangs in Graupen ausgezahlt, und um 1470 konnten Kurfürst
Ernst und Herzog Albrecht im Namen der »Mannen und Bürger von
Freiberg«, die auf dem Mückenberge Zinn schürften, dafür aber eine
Steuer nach Graupen entrichten sollten, also klagen: »Es ist auch von
demselben Geysing die Stadt zum Graupen groß gebessert, mit dem Gewinne
zum Geysing der Mückenberg gebaut und dadurch erst der Ort zu etwas
geworden, der vorher eine Wüstung gewesen.« (~HSA, W. A. V.~, Bl. 190.)
Noch 1510 nahm Albrecht von Kolowrat, Stadtherr von Graupen, Herrn
Christoph von Bärenstein für einen Jahressold von hundert rheinischen
Gulden in seinen Dienst, damit er den sächsisch-böhmischen Grenzbezirk
von räuberischem Gesindel reinige.
[Illustration: Abb. 10 =Holzlaubenbau in Altenberg= Das ursprüngliche
Gebälk ist durch Ziegelpfeiler ersetzt
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von
Weicker und Wiese)]
[Illustration: Abb. 11 =Alte Faktorei des Zwitterstocks=
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von
Weicker und Wiese)]
Die zweite Blütezeit Graupens fällt in die letzten Jahrzehnte des
sechzehnten Jahrhunderts, als die Stadt sich 1584 von jeglicher
Grundherrschaft losgekauft hatte und zur kaiserlichen freien
Bergstadt emporgestiegen war. Der würdelose Kaiser Matthias stieß
sie leichtfertig von dieser Höhe wieder herunter, indem er sie an den
Grafen Sternberg verschenkte (1616). Danach vernichteten tyrannische
Bedrückung und die Leiden des Dreißigjährigen Krieges in Graupen allen
Wohlstand und beeinträchtigten auch den Bergbau. Trotzdem lieferten
die Gruben noch länger als zwei Jahrhunderte das feine Zinn, aus dem
die anmutigen Formen des egerländischen Zinngeschirrs gegossen und
ziseliert wurden: die Innungshumpen, Bierkannen, Rosenteller, denen
man in den Museen der nordböhmischen Städte so gern begegnet. Von
1728 bis 1734 wurden in Graupen sechshundertzweiundneunzigeinhalber
Zentner Zinn gewonnen. Der gesamte Reingewinn dieser sieben Jahre für
die Gewerkschaft betrug zweitausendvierhundertachtundsechzig Gulden,
während Graf Clary als Grundherr zweitausendachthundertzweiundzwanzig
Gulden an Zehnten und dann nochmals vom Reingewinn
achthunderteinundsiebzig Gulden erhielt. Von 1795 bis 1856 wurden in
Graupen neunzehntausenddreihundertfünfundsiebzig Zentner Zinn, also
jährlich im Durchschnitt nur dreihundert Zentner erzeugt. Drum kamen
dort außer den üblichen Handwerkerinnungen auch solche auf, die einen
Ersatz für den verfallenden Bergbau bieten sollten, so 1752 die Innung
der Strumpfwirker und seit 1807 die »Leinen- und Kattunweberei«.
Der Stolz der Stadt blieb außer der stattlichen Pfarrkirche und dem
hölzernen fünfhundertjährigen, von Bergzimmerlingen zusammengefügten
Glockenturm (Abb. 14) die lange Zeile ihrer alten Patrizierhäuser
in der Hauptstraße. Aber der große Brand vom 5. August 1904 legte
sie in Asche. Glücklicherweise sind wenigstens einige von ihnen
übriggeblieben, die uns einen Begriff von dem alten Graupen zu erwecken
vermögen. Breitbeinig stehen sie da, mit dem Rücken an die Felswand
gelehnt. Über dem zweistöckigen massiven Unterbau erheben sich
unter dem weit herabreichenden Schindeldach drei bis vier kunstvoll
angeordnete Bodengeschosse, das mittelste zeigt eine große Luke mit
dem Windekran, durch den außer dem Wiesenheu auch die Kaufmannsgüter
hinaufgezogen wurden (Abb. 15 u. 16).
[Illustration: Abb. 12 =Alte Schmelzhütte am Schwarzwasser= (zwischen
Altenberg und Geising)
(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von
Weicker und Wiese)]
[Illustration:
(Aufnahme von Walter Möbius, Dresden)