Abb. 1 =Georgenfeld bei Zinnwald=]

Durch die Umwandlung osterzgebirgischer Walddörfer in Kurorte ist

natürlich auch die Lebens-, Denk- und Redeweise der Einwohner sehr

verändert worden. In den lebhaftesten dieser Kurorte wird es dem

Naturfreund wie dem Sommerfrischler und Wintergast alten Stils vor der

Fülle der Fremden, zu denen sich auch schon Ausländer gesellen, fast zu

geräuschvoll. Und so sieht man denn hier und da aus dem Waldesgrün auch

ein einsiedlerisches Schiefer- oder Schindeldach auftauchen, das einen

Anhänger der alten natürlicheren und stilleren Verhältnisse beherbergt.

Durch den Weltkrieg ist dieser Prozeß der stärkeren Besiedlung des

östlichen Gebirges zu einem vorläufigen Stillstand, jedoch keineswegs

zum Abschluß gekommen. Er wird sich vielmehr, sowie sich die

wirtschaftlichen Zustände wieder geordnet haben, von neuem beleben, und

zwar um so kräftiger, weil die schmerzlichen Erfahrungen des letzten

Jahrzehnts den Wert der Heimat und die Liebe zur heimischen Landschaft

und zu ihren Erinnerungen so erheblich gesteigert haben.

[Illustration: Abb. 2 =Georgenfeld bei Zinnwald=

(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von

Weicker und Wiese)]

Wir wenden uns nun dazu, die wichtigsten Formen (Typen) der Besiedlung

in einzelnen Musterbeispielen zu betrachten. Da stehen am Anfang als

Schützer und Schirmer des Grenzwaldes, der Pässe und der unbewehrten

Siedler die _Burgen_. Manchmal freilich vergaßen ihre Inhaber auch ihre

eigentliche Aufgabe und wurden zu Bedrückern derer, die sie schirmen

sollten. Aus der nicht allzugroßen Zahl der Burgen des östlichen

Gebirges hebe ich den Purschenstein und den Bärenstein hervor. Beide

sind wichtige Ausgangspunkte der Kolonisation und Mittelpunkte eines

umfänglichen Schutzgebietes, beide haben eine etwa siebenhundertjährige

Geschichte hinter sich. _Purschenstein_ war um 1220 auf einer über

der Flöha liegenden Felsplatte erbaut worden. Schon Heinrich der

Erlauchte brachte die Herrschaft Sayda-Purschenstein (vor 1287) durch

Kauf in Meißnischen Besitz. Aber noch 1300 galt Purschenstein als

Reichslehen; um 1324 war Purschenstein eine Zollstätte an der von Brüx

und Ossegg nach Freiberg führenden Straße. 1352 kam die Burg an die

Meißner Burggrafen aus der Familie Meinher, um 1400 an die Familie von

Schönberg, die sie noch heute besitzt. Von dem ursprünglichen Mauerwerk

der Burg ist nicht mehr viel übrig. Es ist wie die benachbarte Burg

Sayda im Dreißigjährigen Kriege zugrunde gegangen. Nur Teile des

Wallgrabens sind noch zu erkennen, und der jetzige runde Wartturm

mag wohl auf den Grundmauern des alten Bergfrieds stehen. Die meisten

Zimmer und Säle des geräumigen Schlosses stammen aus dem achtzehnten

Jahrhundert.

_Bärenstein_ ist eine viel kühnere Anlage als Purschenstein. Es liegt

auf einem steil aus der schmalen Uferaue der Müglitz aufspringenden

Felsen an einer leicht sperrbaren Stelle des Tals, und sein Baumeister

hat wie der von Weesenstein das Mauerwerk mit dem gewachsenen

Felsen zu einer untrennbaren Einheit vermählt. Trotzdem sind von

der ursprünglichen Anlage nur Teile der Untermauerungen, die in den

Stein eingeschnittenen Strecken des Burggrabens und die untersten

Geschosse des Bergfrieds übrig. Merkwürdigerweise hat das Schloß keine

durchgehende Unterkellerung; nur an einer dem Tal zugekehrten Stelle

reichen die kleinen in Tonnenform überspannten Gewölbe ein wenig unter

den gewachsenen Boden; sie bilden den Zugang zu dem jetzt verschütteten

unterirdischen Gang, von dem unten im Müglitztale noch eine Strecke

erhalten ist. Zu beiden Seiten dieses Ganges waren wohl, wie heute noch

im Schönburgischen Schlosse Lichtenstein, kleinere Keller in den Felsen

gesprengt, die jetzt unzugänglich sind. Der Palas, der die wichtigsten

Zimmer enthält, kennzeichnet sich durch das jetzt wieder bloßgelegte

geschnitzte und gemalte Gebälk als ein Bauwerk aus der ersten Hälfte

des sechzehnten Jahrhunderts, und als Bauherren nennen sich über einer

vermauerten gotischen Außentür der herzogliche Rat: Doktor Bernstein

und Elsa Pflugk mit der Jahreszahl 1522. Andere Bauteile des Schlosses,

namentlich die oberen Geschosse des Turms, deren höchstes das Archiv

enthält, scheinen in der heutigen Gestalt erst aus dem achtzehnten oder

dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zu stammen, der jetzige breite

Treppenaufgang zum Palas ist erst aus dem zwanzigsten Jahrhundert.

Die Hauptlinie des großen Geschlechts von Bernstein, das einst fast

das ganze Waldgebiet zwischen dem Oberlauf der Müglitz und der

Weißeritz besaß und dieses herrliche Land der bäuerlichen Besiedlung

und dem Bergbau erschloß, außerdem auch noch ansehnliche Güter in

der Meißner und Pirnaischen Pflege erwarb, hat von seiner großen

Unternehmung weder Lohn noch Dank geerntet. Gleich der erste Bergherr,

Walzig von Bernstein, hat mit den streikenden Arbeitern, noch mehr

aber mit den »Zinnern« von Altenberg und Geising und schließlich

auch mit der Landesherrschaft viel Verdruß gehabt. Er mußte das zum

Berg- und Hüttenwesen nötige Holz fast umsonst liefern und die wilden

Schachtwässer größtenteils auf seine Kosten bewältigen, so daß bei

seinem Tode 1489 sein ganzer Besitz an Erhart Müntzer verpfändet war.

Von dem daraus folgenden wirtschaftlichen Zusammenbruch hat sich der

Hauptzweig der Familie nie wieder ganz erholt: er ist nach tragischen

Schicksalen 1638 mit Dam von Bernstein ausgestorben. Danach kämpften

die überlebenden Glieder seines Geschlechts fast vierzig Jahre um die

Behauptung ihrer Stammburg. Aber da sie die darauf lastenden Schulden

nicht bezahlen konnten, kam keine neue Belehnung zustande, bis endlich

Siegfried von Lüttichau auf Groß-Kmehlen, als Bruder der Witwe Dams,

der Elisabeth Bernstein geborenen von Lüttichau, die Herrschaft

~sub hasta~ erstand und mit ihr 1678 belehnt wurde. Im achtzehnten

Jahrhundert war Bärenstein in den Händen der Herren von Schönberg und

der Grafen von Holzendorff. Am 2. März 1795 kaufte es die Gräfin von

Bünau, eine geborene Gräfin Cossell, und diese verkaufte das Gut am 27.

Januar 1816 an ihren Schwiegersohn, Hans Friedrich Curt von Lüttichau.

Der jetzige Besitzer, Siegfried von Lüttichau, hat viel für die

Wiederherstellung, Erhaltung und innere Ausstattung des ehrwürdigen

Bauwerks getan, so daß es jetzt zu den wohnlichsten und stattlichsten

alten Herrensitzen des östlichen Gebirges gehört, zumal da es sich auch

einen reichen Schatz künstlerisch und geschichtlich wertvoller Bilder

(Abb. 3) und Urkunden bewahrt hat. Nach dem Städtchen Bärenstein zu ist

es von gärtnerischen und landwirtschaftlichen Betrieben umrahmt, von

der Talseite her aber gleicht es noch immer einer mittelalterlichen

Burg, deren romantischer Zauber jeden gefangen nimmt, der ihr von

Lauenstein her auf dem Fußwege des linken Müglitzufers naht.

Unter den _Klöstern_ des östlichen Gebirges sind die drei

Zisterzienserabteien Altzelle, Ossegg und Grünhain von besonderer

Bedeutung. Den weißgekleideten, mit schwarzem Skapulier versehenen

Ordensbrüdern wird mit Recht ihre tatkräftige und umsichtige Fürsorge

für die Bodenkultur nachgerühmt. Sie wurden deshalb meist dorthin

berufen, wo es darauf ankam, Kolonisationsarbeit zu organisieren und

durchzuführen. Außerdem waren sie Meister im Kirchenbau und, wie

die Altzeller Urkunden beweisen, sehr für den Bergbau eingenommen.

Als der Königliche Kämmerer Zlauko sie in _Ossegg_ (zu deutsch

»Gehau«) ansiedelte, war außer der Sorge für sein Seelenheil der

Hauptgesichtspunkt wohl der, daß das Kloster ein wirtschaftlich

leistungsfähiger Stützpunkt für die geplante Verbindung mit der mächtig

aufblühenden meißnischen Bergstadt Freiberg werden sollte. Denn Ossegg

liegt gerade an der Schwelle der Straßen, die aus dem Dux-Brüxer

Becken über Langewiese–Fleyh–Cämmerswalde–Clausnitz–Mulda und über

Oberleutensdorf–Johnsdorf–Einsiedel–Neuhausen–Sayda nach Freiberg

führen. Zum Schutz des Klosters und der Straßen hatten die Hrabieschitz

(Grabisse, das ist die Familie, aus der die oben erwähnten Zlauko und

Borso abstammten) die _Riesenburg_ da, wo der steile Aufstieg zum

Gebirgskamm beginnt, vor 1250 erbaut. Sie nannten sich seitdem mit dem

deutschen Namen: Herren von Riesenburg. Ihr trotziger Bergfried steht

noch heute wie ein Wächter am Eingange zu dem mühseligen Saumpfad, der

nach Langewiese emporführt.

[Illustration: Abb. 3 =Schloß Bärenstein mit dem Städtlein und dem Dorf

Bärenstein= nach einer Zeichnung von H. Chr. Rößler, Schulmeister und

Organist 1684. Die anderen Namen bezeichnen Schächte und Stollen der

Umgegend von Bärenstein. Das Original ist im Besitz des Herrn Siegfried

von Lüttichau auf Bärenstein]

Die Abtei Ossegg entwickelte sich durch die Gunst des Königshauses

und des deutsch-böhmischen Adels sowie durch eigene Tüchtigkeit zu

einer ausgedehnten Grundherrschaft. Im Jahre 1397 hat der Wettiner

Markgraf Wilhelm I., der schon Brüx und Laun im Pfandbesitz hatte,

auch die Herrschaft Riesenburg mit Dux und Ossegg, deren Gebiet auch

die meißnischen Dörfer Rechenberg, Clausnitz, Cämmerswalde, Nassau,

ja sogar Ammelsdorf und Hartmannsdorf bei Frauenstein umfaßte, von

Borso VI. von Riesenburg für vierzigtausend Mark Silber gekauft. Ein

Menschenalter später wurde das Kloster Ossegg von den durch Hussens

Lehre fanatisierten Tschechen mit Feuer und Schwert verwüstet und

1459 im Vertrag von Eger samt Brüx, Laun, Dux und der Riesenburg

an Böhmen zurückgegeben, dafür aber wurde an anderen Stellen die

böhmische Grenze zugunsten der sächsischen zurückgeschoben. Im Jahre

1580 wurde unter dem Einfluß der lutherischen Reformation auch das

Stift Ossegg aufgehoben, aber im Zeitalter der Gegenreformation

1624 wiederhergestellt. So kommt es, daß die ursprünglich romanischen

Gebäude des Klosters heute in ausgesprochenem Barockstil vor uns

stehen. Namentlich die Klosterkirche ist durch die feinen, wiewohl

etwas überladenen Stuckarbeiten berühmt. Die Zisterzienser, die man

beim Gottesdienst auf den schön geschnitzten Chorstühlen sitzen

sieht, sind alte Herren, die hier als Ruheständler ihren Lebensabend

verbringen, die jüngeren Glieder des Orden versorgen auswärts

kirchliche Ämter oder wirken als Professoren an den Gymnasien von

Leitmeritz und Kommotau.

Das Schönste in Ossegg ist die herrliche Aussicht, die man von

den großen Fenstern des Speisesaals und vom Klostergarten auf die

geschlossene dunkle Waldwand des Erzgebirges und anderseits auf die

abwechslungsreich geformten Bergkuppen des Mittelgebirges genießt.

Das Stift Ossegg besaß bis zum Ende des Weltkrieges durch verpachtete

Ländereien und durch ausgeliehene Kapitalien auch einen bedeutenden

wirtschaftlichen Einfluß auf weite Landstrecken am Südfuße des

Erzgebirges. Wie sich dort jetzt die finanziellen Verhältnisse

gestaltet haben, das entzieht sich unserer Kenntnis.

Von den ländlichen Siedlungen, die durch Burgen geschützt, durch

Klöster gefördert werden sollten, ist der _Einzelhof_ die kleinste.

Ein solcher Einzelhof, das Forstgut, bildet die Urzelle des

ehemaligen Waldarbeiterdorfes, jetzigen Kurortes _Oberbärenburg_.

Christof von Bärenstein hat das Forstgut angelegt, indem er eines

Tages (um 1515) mit seinem Heger auf diese luftige, aussichtsreiche

Waldplatte hinaufritt, die Rodung abstecken und innerhalb derselben

die quadratische Hofraite für das Vorwerk »Neubau« ausmessen ließ.

Die Rodung wurde in Wiesenland verwandelt und wie eine bayrische Alm

mit Rindern betrieben, die hier und auf anderen Waldwiesen ihren

reichlichen Weidegang fanden. Als das Vorwerk ausgebaut war, wird

das Vieh auch im Winter dageblieben sein. Kaspar von Bärenstein

verkaufte das Vorwerk 1613 an den Kurfürsten Johann Georg I., damals

gehörten nicht weniger als zweitausendsechsundvierzig Acker Wald dazu.

Später wurde es der Sitz eines »Forstknechtes« (Förster), und über

die ganze große Waldwiese verstreut erhoben sich die Einhäuser der

Waldarbeiter, jedes inmitten des dem Besitzer zugewiesenen Landes. In

dieser Gestalt war mir Oberbärenburg vor vierzig Jahren der liebste

Ort des ganzen östlichen Gebirges. Das machte die erquickende Stille

und der entzückende Ausblick hinunter in die nahen Waldschluchten,

hinüber zu den blauen Tafelbergen des Sandsteingebirges und hinaus in

die fernen Täler der Menschen, aus denen auch im Sommer nur selten ein

Laut oder ein Ruch oder Rauch in diese reinen Höhen heraufdrang. Jetzt

ist es anders: nur sechs Waldbauern sind hier im Besitz ihrer Scholle

geblieben; das andere Gelände ist aufgeteilt und mit neuzeitlichen

Landhäusern und Fremdenheimen besetzt. Um Dolzes »Berghotel« sammelt

sich im Sommer ein ganzer Park von Kraftwagen, Benzolgeruch streift

über die blumigen Wiesen und die Hupe schreckt das Wild aus den

entlegensten Schlupfwinkeln. Wohl stehen als Zeugen der alten Zeit

noch einige schlichte Fachwerkbauten mit der Linde vor der Tür, unter

denen sich die »Urselhütte« durch den Zahnschnitt des Gebälks als

die älteste darstellt, aber sie ist doch nur ein junges Ding gegen

das alte Forstgut. Seine schlichte Anmut wußte auch ein König zu

schätzen. Friedrich August II., der Pflanzenfreund, war im Frühling

tagelang hier oben, um das Wachstum der Orchideen auf den Bergwiesen zu

beobachten, und jeden Abend um neun Uhr ließ er eine Rakete steigen, um

seiner in Pillnitz weilenden Gattin den Gutenachtgruß zu bieten. Noch

ist das schlichte Königszimmer erhalten. Eine hohe Steinmauer trennt

das Anwesen wie etwas Wesensfremdes von der heutigen Welt, und ein

milder Segen ruht auf der umfriedeten Scholle: ich sah in dieser Höhe

(siebenhundertdreiundsiebzig Meter) dunkelrote Kirschen und rotbäckige

Äpfel über den Mauerrand nicken.

Von der benachbarten Waldhöhe aus sieht man den langgestreckten

sargähnlichen Rücken des Kahleberges, und ihm zu Füßen weiß ich im

Walde versteckt eine noch einsamere Siedlung als das Oberbärenburger

Forstgut ehedem war: die _Paradies-Fundgrube_. Sie ist der oberirdische

Rest einer bergmännischen Anlage, auf der einst im Zusammenhang mit

dem Altenberger Bergbau Zinn- und Kupfererz gewonnen wurde. Aber es

ist lang her, daß hier der letzte Steiger den »verbrochenen Schacht«

befuhr. 1873 hat der Staat das verlassene Grubengebäude gekauft und

meist dazu verwendet, einem Forstinvaliden Wohnung zu gewähren –

freilich eine weltabgeschiedene Wohnung in einer fast märchenhaften

Waldeinsamkeit. Als ich vor langen Jahren einmal vor einem herbstlichen

Dauerregen, der mich unter den Wetterfichten des Kahlebergs bis auf die

Haut gepeitscht hatte, im »Paradies« Unterschlupf suchte, bewohnte es

eine behagliche alte Frau, die mir auf der Ofenbank unter dem Ticken

der Schwarzwälder Uhr und beim Schnurren der großen Katze allerhand

gruselige Geschichten erzählte. Am gruseligsten war der Einbruch in

der Novembernacht, wo sich schon das Bein des Einbrechers über den

Fensterstock schob, als die Frau gerade noch aus dem warmen Bette durch

die Tür entwischte. Sie rannte nach Altenberg, um Hilfe zu holen.

Auf vieles Bitten kam endlich der Nachtwächter mit hinaus und indem

er selbst vor Angst schlotterte, schob er den Spieß in die dunkle,

kleine Flur mit den herzhaften Worten »Alle guten Geister loben Gott

den Herrn«. In der Stube aber fand man den Einbrecher laut schnarchend

im Bett. Es war ein Bauer aus der Umgegend, der seinen Kirmesrausch

ausschlief.

Der letzte Insasse des Paradieses, der »alte Walther«, machte sich

bei der Ausübung einer kleinen Gastwirtschaft einen Namen durch

seine naturwüchsige Grobheit. Wehe dem Gaste, der etwa, während die

Wirtin in Altenberg Einkäufe besorgte, einen Kaffee zu bekommen

wünschte. Ich habe selbst diese Erfahrung gemacht, als ich einmal

für meine durch eine größere Wanderung ermattete Frau beim alten

Walther eine solche Herzstärkung bestellte und mich nicht gleich von

der Unmöglichkeit, den Wunsch zu erfüllen, überzeugen ließ. Mit zwei

kurzen Sätzen gelangte der Biedere zur Schlußformel, und diese lautete:

»Ner naus, ner naus!« Es ist schon manches Jahr her, daß der alte

Walther seine langen Glieder in dem steinigen Grunde des Altenberger

Friedhofes zur Ruhe gestreckt hat, aber ich stehe mit ihm immer noch

in Verbindung. Denn die Säge, mit der ich mein Buchenholz schneide,

habe ich aus seinem Nachlaß erworben. Ihr Bügel ist eckig und knorrig,

wie ihr ehemaliger Besitzer, aber ihre Seele, das heißt ihr Blatt,

ist scharfkantig und tüchtig. Hoffen wir, daß des alten Walthers

Seele auch so gewesen sei. Jetzt ist das »Paradies« an die Dresdner

Rudergesellschaft »Neptun« als Sporthaus vermietet. Aber schon hat

sich eine Aktiengesellschaft gebildet, um hier den einst auf Zinn und

Kupfer betriebenen Bergbau wieder aufzunehmen. Es wird die Aufgabe des

Heimatschutzes sein, achtzugeben, daß dabei die unentweihte Schönheit

der Abhänge des Kahlebergs, der Galgenteichwiesen und der Umgebung der

Paradies-Fundgrube nicht Schaden leide. Die ganze Herrlichkeit dieses

Gebietes ist mir am 13. Januar, an einem hellen Wintersonntag, von

neuem vor Augen gestellt worden. Ich wanderte von Hirschsprung aus

über dieses Waldrevier nach Schellerhau. Über den blauen Himmel jagt

der Südsturm durchsichtiges Gewölk, das sich als lichtdurchfluteter

Nebel in die Täler senkt. Das gibt der ganzen Landschaft eine magische

Stimmung. Von Kölners Vorwerk an bläst der Sturm mit Trompetenstößen

gegen den kleinen Bannwald, der die Forstmeisterei und die Dorfgasse

schirmt. Wohl ächzen die Fichten und beugen sich in beängstigendem

Rhythmus vor dem wilden Riesen, aber sie halten Stand. Dann nimmt uns

der gutausgeschaufelte Wettinweg in seine sonst dunkelgrünen Arme.

Aber auf deren Gewand ist heute soviel Silber und bauschige weiße

Seide versponnen, daß man den grünen Grund kaum noch erkennt. An den

Ecken und Biegungen des Wegs, wo der Rauhreif angreifen konnte, stehen

die hohen Würdenträger des Waldes wie die Cherubim der Gottheit; ihre

weißen Rüstungen und silbernen Schwerter glitzern im Sonnengold. Wir

überschreiten die Dresden–Teplitzer Straße und biegen nach einer kurzen

Strecke links ab auf Schneise 31, die uns in schnurgerader Richtung zum

Paradiese führt. Dann gehen wir zum Schellerhauer Wege zurück an der

Stelle vorüber, wo sich der Neugraben von dem jungen Weißeritzflüßchen

trennt, (Abb. 4) und senken uns mit ihm zur »Schinderbrücke«

nieder (Abb. 5). Hier öffnet sich nach links hin der Blick auf den

langgestreckten Kahleberg, den aus Schneewolken dampfenden Altar der

großen Winterkirche, dem wir denselben Gruß gönnen dürfen, mit dem

einst der jugendliche Goethe den Brocken grüßte:

Du stehst mit unerforschtem Busen

geheimnisvoll offenbar

über der erstaunten Welt

und schaust aus Wolken

auf ihre Reiche und Herrlichkeit.

In der Tat, von allen Seiten her ziehen die Skifahrer heran, um dem

höchsten Gipfel des östlichen Gebirges zu huldigen und von seinem

»schneebehangenen Scheitel« herunterzuschauen in die goldenen Nebel,

die südwärts in die Tschecho-Slowakei, nordwärts ins Deutsche Reich

hinunterwallen. Meist still und gelassen ziehen die Verehrer der

winterlichen Schönheit ihre Bahn; heute sind es Hunderte, die den Dunst

und den Ruß der Städte mit der lichtdurchfluteten Klarheit und Reinheit

dieser Höhen vertauscht haben. Heil ihnen! Rechts unter uns aber

schlummert das Dorf (Abb. 6) mit seinen weithin verstreuten Höfen und

Einhäusern in weiße Schleier gehüllt, und beim Heimwege leuchtet vom

dunkelblauen Himmel die flimmernde Sichel des Mondes, aber noch viel

heller das blau zitternde, zackige Sternbild des Sirius.

[Illustration: Abb. 4 =Seitlicher Abfluß= (links) =vom Neugraben= (eine

»Quelle« der Roten Weißeritz)

(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von

Weicker und Wiese)]

Die Übergangsform vom Einzelgehöft zum eigentlichen Dorf bildet der

_Weiler_. Das ist eine so kleine ländliche Gemeinde, daß sie keine

selbständige Behörde besitzt, sondern rechtlich einer größeren

Nachbargemeinde angegliedert ist. Beispiele dafür sind Bärenklau und

Bärenhecke an der Müglitz (zwischen Bärenstein und Schüllermühle).

Ihre Namen beweisen nichts für das einstige Vorkommen von Bären in

diesem Tal, sie hängen vielmehr mit dem Wappentier des kolonisierenden

Burgherrn (von Bärenstein) zusammen, sind also heraldischen Ursprungs.

Weit zahlreicher sind die ansehnlichen, wohlhäbigen _Dörfer_ (Abb. 7

u. 8) des östlichen Gebirges, zumeist _Reihendörfer_ aus der ersten

Periode der Siedlung.

[Illustration: Abb. 5 =Die Schinderbrücke= bei Schellerhau im Tal der

Roten Weißeritz (1790)

(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von

Weicker und Wiese)]

Ein typisches Reihendorf Bärensteinischer Gründung ist _Johnsbach_,

benannt nach einem Siedlungsordner (Locator) Jonas, der von dem

Grundherrn für seine Mühewaltung das Amt des Erblehnrichters mit

einer Doppelhufe nebst dem Schank- und Fleischverkaufsrecht erhielt.

Sein Anwesen ist in dem Lehngerichtsgasthof erhalten. In der Mitte

des Ortes liegt die 1749 neuerbaute Kirche. Die Gehöfte von Johnsbach

liegen zu beiden Seiten des der Prießnitz zueilenden Baches und der

ihm folgenden Straße und bilden die Ausgangspunkte der Hufen, die in

gleichlaufenden Streifen wie die Federn zweier ausgespreizter Flügel

nach zwei Seiten hin die sanften Böschungen des Tales hinaufstreifen

bis an den Wald. Die bei dieser Fluraufteilung angewendete Waldhufe

(54 Scheffel = 27 Acker = 15 Hektar) »vermag sich in ihrem oft

gewundenen Lauf den Unebenheiten des Bodens am leichtesten anzupassen.

Sie gewährt zugleich Anteil an der fetten Wiesenaue, dem fruchtbaren

Abschwemmungsboden der Gehänge und dem steinigen Land der Bergkuppen«.

(Hennig).

[Illustration: Abb. 6 =Am Butterfaß= (in Schellerhau)

(aus den Vorarbeiten für den Bilderatlas zur Dresdner Heimatkunde von

Weicker und Wiese)]

Die Johnsbacher Talmulde beginnt etwa fünfhundert Meter hoch noch im

Gebiet des Gneises und zieht sich etwa drei Kilometer lang aufwärts

einer Bergkuppe entgegen, die schon mit Granitporphyr überdeckt ist

(sechshundertfünfunddreißig Meter). Hier stoßen an die Johnsbacher Flur

die Äcker von _Falkenhain_, die völlig auf Granitporphyr liegen. Dieses

geologische Verhältnis drückt sich auch in der Siedlung aus: Falkenhain

zeigt eine _Mischform_ von Reihendorf und Streusiedlung. Wandern wir

auf der alten Dresden–Teplitzer Poststraße über Hirschsprung und

Altenberg (Abb. 9–12) weiter südwärts, so erreichen wir in Sächsisch-

und Böhmisch-Zinnwald die größte und anziehendste _Streusiedlung_

des östlichen Erzgebirges. Auf dieser seit Jahrhunderten durch

bergmännische Rodung von Wald entblößten Hochfläche bot kein Bach den

Ansiedlern die Leitlinie: regellos, wie sie die Aussicht, Quellwasser

oder eine leichter zu behackende Humusschicht zu finden, oder den

Schutz einiger stehengebliebener Bäume zu genießen, anlockte, so

bauten sich die Berghäuer und Schmelzer auf diesem nebelumwallten,

sturmgepeitschten, und doch im Sommer mit bunten Blumen geschmückten

Wiesenboden an. Bei ihren schmucken Häuschen ist der Hauptteil das

eisenbraun oder silbergrau verwitterte, schindelbewährte Dach, das

sich, vier- bis fünfmal so hoch als das Mauerwerk, wie ein schirmender

Doppelschild über das niedrige, weißgetünchte Bruchsteingeschoß

niedersenkt. Es blieb Erich Buchwalds Zeichenstift und Radiernadel

vorbehalten, den Rhythmus der in und über diesem kargen Gelände

waltenden Kräfte zu entdecken und in seinen Bildern festzuhalten. Auch

die von Professor Kühne entworfene und von ihm und Lossow ausgeführte

evangelische Kirche in Sächsisch-Zinnwald, die sich mit breiten Füßen

und gedrungenen Formen im Felsboden festklemmt wie ein Faustkämpfer,

der den Anprall des Gegners erwartet, wirkt wie eine Verkörperung der

ernstgestimmten Landschaft, die uns umgibt.

[Illustration:

(Aufnahme von Georg Marschner, Dresden)

Abb. 7 =Dorfstraße in Oelsen bei Gottleuba= Die Straße führt durch ein

Gehöft]

[Illustration:

(Aufnahme von Georg Marschner, Dresden)

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 3-4 · 第 48 / 69 题