Zwischen Sachsen und Böhmen erstreckt sich der hohe und breite
Wall des Erzgebirges und des Elbsandsteingebirges. Während das
Elbsandsteingebirge im Elbtal wenigstens _eine_ zum Verkehr lockende
Lücke aufwies, mußte das Erzgebirge den Menschen lange Zeit als ein
kaum überwindliches Hindernis erscheinen. Dichter Urwald bedeckte die
sich leise abdachende Nordseite wie den steil abstürzenden Südhang.
Außer dem pfadlosen Gestrüpp des Unterholzes und den reißenden
Gebirgsbächen schreckten Bär und Wolf, Luchs und Auerochs den
friedlichen Wanderer. Kaum, daß einmal ein wagemutiger Händler wie
der Araber ~Ibrahim Ibn Jakûb~ (etwa 973) oder ein Fischer und Jäger
die Wildnis durchdrang. Der breite Urwaldstreifen war weder meißnisch
noch böhmisch, sondern ideelles Eigentum des Kaisers, der nach Bedarf
Teile davon vergab. Mit dem Rückgang der kaiserlichen Gewalt wurde
der Grenzwald ein Gegenstand des Kampfes zwischen Sachsen und Böhmen;
erst ganz allmählich hat sich eine feste Grenzlinie durchgesetzt.
Noch in der um 1147 verfaßten »Kaiserchronik«, in der das heutige
Erzgebirge der »~Bêhaime walt~« (Böhmische Wald) genannt wird, heißt
es von ihm, er sei allenthalben »verhaget« gewesen, so daß niemand
ohne Gefahr des Leibes und Lebens hindurchkommen konnte. Nur an einer
Stelle des westlichen Gebirges war die Unwegsamkeit durchbrochen: aus
dem Zwickauer Becken führte ein begangener Saumpfad an den Rändern des
Muldentales und des Schwarzwassertales, also über die Plätze, wo später
Aue und Johanngeorgenstadt entstanden, und über die »Platte« (Platten)
ins böhmische Egertal hinunter, und der Zoll, der von den auf diesem
Wege beförderten Gütern erhoben wurde, betrug im Jahre 1118 fünfzehn
Pfund Silber. Aber von einem regelmäßigen Verkehr über die anderen
Teile des Gebirges, insbesondere über die östlichen Pässe, hören wir
nichts, noch viel weniger meldet uns ein Denkmal oder eine Urkunde den
Namen des kühnen Mannes, der zuerst irgendwo in den höheren Lagen des
östlichen Gebirges eine auf die Dauer berechnete Ansiedlung gründete.
Nur nach den allgemeinen Fortschritten, die damals die Kolonisation im
Meißner Lande machte, kann man mutmaßen, daß etwa um 1150 im Gebiet der
östlichen Mulde jene Dörfer entstanden, die ein Menschenalter später
durch den beginnenden Silberbergbau ein neues Ziel und in _Freiberg_
ihren städtischen Mittelpunkt erhielten. Von Freiberg aus erstieg die
bäuerliche und die bergmännische Siedlung allmählich die höheren Stufen
des Muldentales und seiner Nebenbäche: 1218 wird Schloß Frauenstein,
auf einem zwischen der Mulde und der wilden Weißeritz hinstreichenden
Höhenrücken gelegen, zuerst urkundlich genannt, im gleichen Jahre das
im Tal der roten Weißeritz erbaute _Dippoldiswalde_. Zwei bis drei
Jahrzehnte später vertraut der meißnische Markgraf den Grenzschutz
an der oberen Müglitz zwei Vasallen an, die sich auf sturmsicheren
Felsenhöhen über der Müglitz die verschwisterten Burgen Bärenstein und
Lauenstein erbauen und sich nach deren bedeutsamen Namen benennen.
Unter der Obhut dieser beiden Burgen entstehen in leicht zugänglichen
Bachtälern und auf den sie überragenden Gneismulden zahlreiche
Reihendörfer. Dann aber macht die Besiedlung dieses Gebirgsteiles auf
der Linie Frauenstein, Schmiedeberg, Bärenstein, Lauenstein, Gottleuba
auf fast zwei Jahrhunderte halt.
Unterdes war auch von Süden her der Versuch gemacht worden, den Kamm
des Gebirges kolonisierend zu erreichen. Um 1200 hatte Zlauko, der
Oberkämmerer des böhmischen Königs Ottokar I., die Burg und Zollstätte
Sayda und die benachbarten Dörfer Friedebach und Schönfeld erbaut und
einen Teil des Saydaer Zolles und die Abgaben der Dörfer dem von ihm
1193 gestifteten Kloster Ossegg überwiesen. Die Ossegger Zisterzienser
aber hatten ihren gebirgischen Besitz noch durch Gründung des Vorwerks
und Dorfes Pfaffroda erweitert, und Borso, Zlaukos Bruder, hatte etwas
südwärts von Sayda über der Flöha die Burg Borsenstein (Purschenstein)
gebaut. Dreißig Jahre später wurde das an den unteren Abhängen des
Mückenbergs zutage liegende Zinn entdeckt – das erste Fündigwerden von
Zinngraupen auf dem europäischen Festlande – und danach am unteren
Ausgang der wasserreichen Schlucht der Zinnort Graupen, am oberen
Ausgang etwas später Obergraupen gebaut. Aber Sayda und Obergraupen
blieben für lange Zeit auch die einzigen Punkte, an denen Böhmen
mit Erfolg die Erschließung des Gebirges gefördert hatte, und die
dazu nötige landwirtschaftliche und bergmännische Einsicht war nicht
getragen von der damals noch in dumpfer Starrheit verharrenden
Masse des tschechischen Volkes, sondern von dem deutsch gesinnten
Königshause, dem deutsch fühlenden und deutsch gebildeten Adel und
den aus Franken ins Egerland eingewanderten deutschen Bauern. Nach
einer neueren Ansicht lag der deutschen Bewegung in Böhmen vielleicht
sogar etwas Bodenständiges zugrunde: eine von den Markomanen her
zurückgebliebene dünne deutsche Bevölkerungsschicht, die zwar das
Eindringen der Tschechen nicht hindern konnte, aber doch durch ihre
höhere Kultur und stärkere Volksart bald wieder zu Einfluß und
führenden Stellungen kam. Wie dem auch sein mag, jedenfalls ist an dem
deutschen Wesen der ersten Siedlungen auf dem Südabhang des Gebirges
nicht zu zweifeln, und wenn der Name Sayda = Zawidow (»der Ort hinter
dem Walde«) wirklich slawischen Ursprungs ist, so bedeutet das nur, daß
zur ersten Rodung des Waldes dort slawische Hörige verwandt wurden,
aber die ersten Insassen der Burg und des Städtchens Sayda sowie der
Dörfer Friedebach, Schönfeld und Pfaffroda waren deutsche Kolonisten.
Den Anstoß zu einer von Norden her bis zum obersten Kamm des Gebirges
durchstoßenden Besiedlung gab um das Jahr 1440 ein neuer Zinnfund,
diesmal auf sächsischer Seite »in der Zinnkluft am Geusingsberge«.
Das ist die Gegend der großen Pinge bei Altenberg. Von Freiberg und
Graupen eilten die Unternehmer herbei, um den neuen Fund zuerst in
Zinnwäschen, bald auch mittelst geteufter Schächte auszubeuten.
Außer dem Landesherrn standen wichtige Nutzungsrechte auch dem
Grundherrn zu, auf dessen Gebiet das Zinn fündig geworden war: Walzig
von Bärenstein. Ihm gehörten auch die drei neuen Bergstädte, die
alsbald rings um die Fundgruben entstanden: Alt-Geising, Neu-Geising,
Altenberg. Zu der Zinnausbeute gesellten sich Funde von abbauwürdigem
Kupfer- und Eisenerz. Infolgedessen füllten sich die Täler der
Müglitz, der Weißeritz und ihrer Nebenbäche mit erzschürfenden und
metallbereitenden Anlagen: mit Schächten, Pochwerken, Schmelzhütten,
Hochöfen, Hammerwerken, Teichen und künstlich geleiteten Wassergräben.
Gleichzeitig führte der Bedarf der bergmännischen Bevölkerung an
Wohnstätten und der Bedarf der berg- und hüttenmännischen Anlagen an
Brenn- und Bauholz sowie an Holzkohlen zu umfänglichen Rodungen, so
daß sich das bis dahin kaum durchdringliche Gewebe des Waldes erst an
den Rändern, dann auch im Innern allmählich etwas auflockerte. Dieser
zweite große Abschnitt der Besiedlung des östlichen Erzgebirges umfaßte
ungefähr die Zeit von 1440 bis 1560. In dieser Zeit entstanden außer
den drei obengenannten Bergstädten als vierte und fünfte Glashütte
und Gottleuba, ferner die Bärensteinschen Vorwerke Hirschsprung (um
1450), Neubau = Forstgut Oberbärenburg. Bärenfels (vor 1519), die
landesfürstliche Siedlung Zaunhaus, die Dörfer Neudorf = Schellerhau
(1534), Dönschten (um 1540), Kipsdorf (um 1560), außerdem bildeten die
neuangelegten Zinn-, Eisen- und Kupferstraßen die ersten Maschen eines
Netzes von Verkehrswegen.
Eine dritte Periode der Siedlung brach an infolge der Unduldsamkeit
und der Verfolgungen, die die habsburgischen Herrscher, von spanischen
Jesuiten geleitet, nach dem Dreißigjährigen Krieg über die böhmischen
Protestanten verhängten. Wie die evangelischen Einwohner der Städte
Platten und Gottesgab, die 1547 böhmisch geworden waren, im Jahre
1654 hilfeflehend über die Grenze herüberkamen und vom Kurfürsten die
Erlaubnis erhielten, sich auf dem Fastenberg über dem Schwarzwasser
in »Johanngeorgenstadt« anzusiedeln, so bauten böhmische Vertriebene
mit Erlaubnis des Kurfürsten 1671 die eigenartige Reihensiedlung
Georgenfeld (Abb. 1 u. 2) zwischen Zinnwald und Altenberg, und
1728 wiederholte sich derselbe Vorgang, als die vom Fürsten Clary
aus Böhmisch-Zinnwald vertriebenen Evangelischen zwischen ihrer
alten Heimat und Georgenfeld auf sächsischem Grund den Bergflecken
Sächsisch-Zinnwald errichteten.
Zum vierten Male war ein stärkerer Anbau im östlichen Erzgebirge
zu beobachten etwa seit dem Jahre 1880. Um diese Zeit begann die
Erschließung des östlichen Gebirges durch mehrere Kleinbahnen und
im Zusammenhang damit seine stärkere Inanspruchnahme durch die
Industrie. Die Eisenbahnlinien Pirna–Berggießhübel–Gottleuba,
Heidenau–Geising–Altenberg, Hainsberg–Schmiedeberg–Kipsdorf,
Klingenberg–Frauenstein, zu denen sich bald noch die Linie
Schmiedeberg–Oberpöbel–Zinnwald–Moldau gesellen wird, befördern außer
den Sachlasten alljährlich auch Millionen von Sommerfrischlern,
Wanderern und Sportsleuten aus dem dichtbevölkerten Elbtal und dem
Niederlande hinauf in die erfrischenden, lungen- und nervenheilenden
Waldzonen. Dadurch haben sich manche vorher wenig beachteten Orte
des Gebirges wie Geising, Altenberg, Gottleuba zu Sommerfrischen und
Wintersportplätzen entwickelt, Walddörfer wie Kipsdorf, Bärenfels,
Oberbärenburg sind durch neue, aus halbstädtischen Landhäusern
bestehende Ortsteile vergrößert worden, in Hirschsprung, Schellerhau,
Falkenhain, Bärenstein, aber auch in Bienenmühle, Rechenberg, Holzhau
sind Waldarbeiter- und Bauernhäuser von Städtern angekauft und umgebaut
worden, ebenso in dem hart an der Reichsgrenze gelegenen Rehefeld,
wo schon die Kronprinzessin Carola 1870 ihrem Gemahl Albert ein
stimmungsvolles Jagdhaus erbaut hatte.
[Illustration:
(Aufnahme von Dr. Kuhfahl, Dresden)