Von _Otto Eduard Schmidt_

Zwischen Sachsen und Böhmen erstreckt sich der hohe und breite

Wall des Erzgebirges und des Elbsandsteingebirges. Während das

Elbsandsteingebirge im Elbtal wenigstens _eine_ zum Verkehr lockende

Lücke aufwies, mußte das Erzgebirge den Menschen lange Zeit als ein

kaum überwindliches Hindernis erscheinen. Dichter Urwald bedeckte die

sich leise abdachende Nordseite wie den steil abstürzenden Südhang.

Außer dem pfadlosen Gestrüpp des Unterholzes und den reißenden

Gebirgsbächen schreckten Bär und Wolf, Luchs und Auerochs den

friedlichen Wanderer. Kaum, daß einmal ein wagemutiger Händler wie

der Araber ~Ibrahim Ibn Jakûb~ (etwa 973) oder ein Fischer und Jäger

die Wildnis durchdrang. Der breite Urwaldstreifen war weder meißnisch

noch böhmisch, sondern ideelles Eigentum des Kaisers, der nach Bedarf

Teile davon vergab. Mit dem Rückgang der kaiserlichen Gewalt wurde

der Grenzwald ein Gegenstand des Kampfes zwischen Sachsen und Böhmen;

erst ganz allmählich hat sich eine feste Grenzlinie durchgesetzt.

Noch in der um 1147 verfaßten »Kaiserchronik«, in der das heutige

Erzgebirge der »~Bêhaime walt~« (Böhmische Wald) genannt wird, heißt

es von ihm, er sei allenthalben »verhaget« gewesen, so daß niemand

ohne Gefahr des Leibes und Lebens hindurchkommen konnte. Nur an einer

Stelle des westlichen Gebirges war die Unwegsamkeit durchbrochen: aus

dem Zwickauer Becken führte ein begangener Saumpfad an den Rändern des

Muldentales und des Schwarzwassertales, also über die Plätze, wo später

Aue und Johanngeorgenstadt entstanden, und über die »Platte« (Platten)

ins böhmische Egertal hinunter, und der Zoll, der von den auf diesem

Wege beförderten Gütern erhoben wurde, betrug im Jahre 1118 fünfzehn

Pfund Silber. Aber von einem regelmäßigen Verkehr über die anderen

Teile des Gebirges, insbesondere über die östlichen Pässe, hören wir

nichts, noch viel weniger meldet uns ein Denkmal oder eine Urkunde den

Namen des kühnen Mannes, der zuerst irgendwo in den höheren Lagen des

östlichen Gebirges eine auf die Dauer berechnete Ansiedlung gründete.

Nur nach den allgemeinen Fortschritten, die damals die Kolonisation im

Meißner Lande machte, kann man mutmaßen, daß etwa um 1150 im Gebiet der

östlichen Mulde jene Dörfer entstanden, die ein Menschenalter später

durch den beginnenden Silberbergbau ein neues Ziel und in _Freiberg_

ihren städtischen Mittelpunkt erhielten. Von Freiberg aus erstieg die

bäuerliche und die bergmännische Siedlung allmählich die höheren Stufen

des Muldentales und seiner Nebenbäche: 1218 wird Schloß Frauenstein,

auf einem zwischen der Mulde und der wilden Weißeritz hinstreichenden

Höhenrücken gelegen, zuerst urkundlich genannt, im gleichen Jahre das

im Tal der roten Weißeritz erbaute _Dippoldiswalde_. Zwei bis drei

Jahrzehnte später vertraut der meißnische Markgraf den Grenzschutz

an der oberen Müglitz zwei Vasallen an, die sich auf sturmsicheren

Felsenhöhen über der Müglitz die verschwisterten Burgen Bärenstein und

Lauenstein erbauen und sich nach deren bedeutsamen Namen benennen.

Unter der Obhut dieser beiden Burgen entstehen in leicht zugänglichen

Bachtälern und auf den sie überragenden Gneismulden zahlreiche

Reihendörfer. Dann aber macht die Besiedlung dieses Gebirgsteiles auf

der Linie Frauenstein, Schmiedeberg, Bärenstein, Lauenstein, Gottleuba

auf fast zwei Jahrhunderte halt.

Unterdes war auch von Süden her der Versuch gemacht worden, den Kamm

des Gebirges kolonisierend zu erreichen. Um 1200 hatte Zlauko, der

Oberkämmerer des böhmischen Königs Ottokar I., die Burg und Zollstätte

Sayda und die benachbarten Dörfer Friedebach und Schönfeld erbaut und

einen Teil des Saydaer Zolles und die Abgaben der Dörfer dem von ihm

1193 gestifteten Kloster Ossegg überwiesen. Die Ossegger Zisterzienser

aber hatten ihren gebirgischen Besitz noch durch Gründung des Vorwerks

und Dorfes Pfaffroda erweitert, und Borso, Zlaukos Bruder, hatte etwas

südwärts von Sayda über der Flöha die Burg Borsenstein (Purschenstein)

gebaut. Dreißig Jahre später wurde das an den unteren Abhängen des

Mückenbergs zutage liegende Zinn entdeckt – das erste Fündigwerden von

Zinngraupen auf dem europäischen Festlande – und danach am unteren

Ausgang der wasserreichen Schlucht der Zinnort Graupen, am oberen

Ausgang etwas später Obergraupen gebaut. Aber Sayda und Obergraupen

blieben für lange Zeit auch die einzigen Punkte, an denen Böhmen

mit Erfolg die Erschließung des Gebirges gefördert hatte, und die

dazu nötige landwirtschaftliche und bergmännische Einsicht war nicht

getragen von der damals noch in dumpfer Starrheit verharrenden

Masse des tschechischen Volkes, sondern von dem deutsch gesinnten

Königshause, dem deutsch fühlenden und deutsch gebildeten Adel und

den aus Franken ins Egerland eingewanderten deutschen Bauern. Nach

einer neueren Ansicht lag der deutschen Bewegung in Böhmen vielleicht

sogar etwas Bodenständiges zugrunde: eine von den Markomanen her

zurückgebliebene dünne deutsche Bevölkerungsschicht, die zwar das

Eindringen der Tschechen nicht hindern konnte, aber doch durch ihre

höhere Kultur und stärkere Volksart bald wieder zu Einfluß und

führenden Stellungen kam. Wie dem auch sein mag, jedenfalls ist an dem

deutschen Wesen der ersten Siedlungen auf dem Südabhang des Gebirges

nicht zu zweifeln, und wenn der Name Sayda = Zawidow (»der Ort hinter

dem Walde«) wirklich slawischen Ursprungs ist, so bedeutet das nur, daß

zur ersten Rodung des Waldes dort slawische Hörige verwandt wurden,

aber die ersten Insassen der Burg und des Städtchens Sayda sowie der

Dörfer Friedebach, Schönfeld und Pfaffroda waren deutsche Kolonisten.

Den Anstoß zu einer von Norden her bis zum obersten Kamm des Gebirges

durchstoßenden Besiedlung gab um das Jahr 1440 ein neuer Zinnfund,

diesmal auf sächsischer Seite »in der Zinnkluft am Geusingsberge«.

Das ist die Gegend der großen Pinge bei Altenberg. Von Freiberg und

Graupen eilten die Unternehmer herbei, um den neuen Fund zuerst in

Zinnwäschen, bald auch mittelst geteufter Schächte auszubeuten.

Außer dem Landesherrn standen wichtige Nutzungsrechte auch dem

Grundherrn zu, auf dessen Gebiet das Zinn fündig geworden war: Walzig

von Bärenstein. Ihm gehörten auch die drei neuen Bergstädte, die

alsbald rings um die Fundgruben entstanden: Alt-Geising, Neu-Geising,

Altenberg. Zu der Zinnausbeute gesellten sich Funde von abbauwürdigem

Kupfer- und Eisenerz. Infolgedessen füllten sich die Täler der

Müglitz, der Weißeritz und ihrer Nebenbäche mit erzschürfenden und

metallbereitenden Anlagen: mit Schächten, Pochwerken, Schmelzhütten,

Hochöfen, Hammerwerken, Teichen und künstlich geleiteten Wassergräben.

Gleichzeitig führte der Bedarf der bergmännischen Bevölkerung an

Wohnstätten und der Bedarf der berg- und hüttenmännischen Anlagen an

Brenn- und Bauholz sowie an Holzkohlen zu umfänglichen Rodungen, so

daß sich das bis dahin kaum durchdringliche Gewebe des Waldes erst an

den Rändern, dann auch im Innern allmählich etwas auflockerte. Dieser

zweite große Abschnitt der Besiedlung des östlichen Erzgebirges umfaßte

ungefähr die Zeit von 1440 bis 1560. In dieser Zeit entstanden außer

den drei obengenannten Bergstädten als vierte und fünfte Glashütte

und Gottleuba, ferner die Bärensteinschen Vorwerke Hirschsprung (um

1450), Neubau = Forstgut Oberbärenburg. Bärenfels (vor 1519), die

landesfürstliche Siedlung Zaunhaus, die Dörfer Neudorf = Schellerhau

(1534), Dönschten (um 1540), Kipsdorf (um 1560), außerdem bildeten die

neuangelegten Zinn-, Eisen- und Kupferstraßen die ersten Maschen eines

Netzes von Verkehrswegen.

Eine dritte Periode der Siedlung brach an infolge der Unduldsamkeit

und der Verfolgungen, die die habsburgischen Herrscher, von spanischen

Jesuiten geleitet, nach dem Dreißigjährigen Krieg über die böhmischen

Protestanten verhängten. Wie die evangelischen Einwohner der Städte

Platten und Gottesgab, die 1547 böhmisch geworden waren, im Jahre

1654 hilfeflehend über die Grenze herüberkamen und vom Kurfürsten die

Erlaubnis erhielten, sich auf dem Fastenberg über dem Schwarzwasser

in »Johanngeorgenstadt« anzusiedeln, so bauten böhmische Vertriebene

mit Erlaubnis des Kurfürsten 1671 die eigenartige Reihensiedlung

Georgenfeld (Abb. 1 u. 2) zwischen Zinnwald und Altenberg, und

1728 wiederholte sich derselbe Vorgang, als die vom Fürsten Clary

aus Böhmisch-Zinnwald vertriebenen Evangelischen zwischen ihrer

alten Heimat und Georgenfeld auf sächsischem Grund den Bergflecken

Sächsisch-Zinnwald errichteten.

Zum vierten Male war ein stärkerer Anbau im östlichen Erzgebirge

zu beobachten etwa seit dem Jahre 1880. Um diese Zeit begann die

Erschließung des östlichen Gebirges durch mehrere Kleinbahnen und

im Zusammenhang damit seine stärkere Inanspruchnahme durch die

Industrie. Die Eisenbahnlinien Pirna–Berggießhübel–Gottleuba,

Heidenau–Geising–Altenberg, Hainsberg–Schmiedeberg–Kipsdorf,

Klingenberg–Frauenstein, zu denen sich bald noch die Linie

Schmiedeberg–Oberpöbel–Zinnwald–Moldau gesellen wird, befördern außer

den Sachlasten alljährlich auch Millionen von Sommerfrischlern,

Wanderern und Sportsleuten aus dem dichtbevölkerten Elbtal und dem

Niederlande hinauf in die erfrischenden, lungen- und nervenheilenden

Waldzonen. Dadurch haben sich manche vorher wenig beachteten Orte

des Gebirges wie Geising, Altenberg, Gottleuba zu Sommerfrischen und

Wintersportplätzen entwickelt, Walddörfer wie Kipsdorf, Bärenfels,

Oberbärenburg sind durch neue, aus halbstädtischen Landhäusern

bestehende Ortsteile vergrößert worden, in Hirschsprung, Schellerhau,

Falkenhain, Bärenstein, aber auch in Bienenmühle, Rechenberg, Holzhau

sind Waldarbeiter- und Bauernhäuser von Städtern angekauft und umgebaut

worden, ebenso in dem hart an der Reichsgrenze gelegenen Rehefeld,

wo schon die Kronprinzessin Carola 1870 ihrem Gemahl Albert ein

stimmungsvolles Jagdhaus erbaut hatte.

[Illustration:

(Aufnahme von Dr. Kuhfahl, Dresden)

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XIII, Heft 3-4 · 第 47 / 69 题