Hierin versagt seine geheime Beziehung zu Gitta -- er vermag ihre

Meinung nicht zu ergründen. Wenn er von Zukunftsmöglichkeiten spricht,

hört sie zu, gewiß nicht gleichgültig, doch ohne Beifall, ohne

Widerspruch. Als er ihr einmal, beinahe heftig, ihre Kälte vorwirft,

sagt sie: „Ich schwärme nicht für Luftschlösser! Das Wünschen alleine

tuts ja doch nicht!“ -- In jähem Trotz gibt er bissig zurück: „O bitte

-- ich werde auch alleine mit mir fertig!“ „Hoffentlich,“ lächelt sie

und ein rätselhafter Blick läßt ihn verwirrt erröten.

73

Eines Tages findet Fritz in einer technischen Zeitschrift eine Tabelle,

die die fortschreitende Entwicklung der Schußwaffen und Verkehrsmittel

vom Beginn der geschichtlichen Zeitrechnung bis in die letzte Neuzeit

bildlich darstellt. Und er sieht, wie die Kurve durch Jahrtausende

allmählich, unmerklich fast, ansteigt, um plötzlich scharf geknickt,

senkrecht in die Höhe zu schnellen.

Mit den altpersischen Postreitern und Schnelläufern reisten Briefe

ebenso rasch wie zu Napoleons Zeit. Und die Garden des großen

Kaisers schossen nicht weiter als die schottischen Bogenschützen des

Mittelalters.

Dann der Sprung: Eisenbahn, Telegraph, Telephon, Hinterlader,

Schnellfeuergeschütz. -- Wie sollte ein Geschlecht, dem

jahrtausendaltes Beharrungsvermögen schwer im Blute lag, in seiner

breiten Masse sich dem verzehnfachten Tempo anpassen? Mußte es nicht

haltlosen Taumel, trotziges Gegenstemmen geben, bis neuer Nachwuchs

herangereift war, der das schwebende Gleichgewicht, die ewige

Sprungbereitschaft mitbrachte?

Und Fritz denkt an des Vaters müde Worte, als das elektrische Licht

kam, an die Scheu vor dem Telephon, denkt auch mit Beschämung an sein

eigenes Frohlocken: „Er kann nicht mehr mit!“ --

Nein, er konnte nicht mehr mit. -- Aber wieviel knorrige

Wurzelfestigkeit war doch in diesem Stehenbleiben! Ein Vater aus der

Zeit, wo man allen Hausrat für Lebensdauer anschaffte, auch noch auf

Kind und Kindeskinder vererbte; und ein Sohn, in stetem Wechsel groß

geworden, immer bereit, das kaum erfaßte +Heute+ für ein neues +Morgen+

hinzuwerfen, abzutun: so wahr nie zuvor das Weltrad gleich rasend

vorgeschnellt war, so wahr auch mußten an diesem Brechpunkt der Kurve

Vater und Sohn einander fremd, feindlich fast gegenüberstehen, wie

nie zuvor. Und die letzten Reste wehleidigen Stolzes auf die Unbilden

der Kindheit, auf das harte Ausnahmsschicksal, verfliegen, weichen

beschämender Frage: „Lebte wahrhaft das Neue in mir, fühlte ich mich

mit emporgerissen im steigenden Ast --: warum dann habe ich nicht, hart

auf hart, den Willen zum Neuen dem alten Willen entgegengesetzt? Warum

aber, vor allem, warum habe ich nie wahrhaft versucht, dieses Gestern

zu verstehen, zu durchdringen, das schön sein mochte, und ererbter

Wahrheit voll --, warum habe ich gehaßt, ohne mich zu prüfen, ob ich

nicht lieben könnte? Warum? ...“

Reuig trägt er seine Selbstanklage Gitta vor. Da kommt ein froher

Schein in ihr Gesicht, und einen Augenblick lang fühlt er ihre Hand auf

der seinen. „Liebe kommt nie zu spät“, sagt sie leise. Und er sehnt

sich plötzlich nach dem Vater.

74

Die Beziehung zu Gitta hat sich irgendwie verschoben. Keine Abkühlung,

o nein; keine Abkühlung. Aber das warme Gefühl der ersten Tage ist

manchmal wie überwuchert von fremdartigem Gerank. Wünsche sind

aufgewacht, heiße Wünsche, die Fritz sich kaum einzugestehen wagt

und die ihm doch mit lastender Süße im Blute liegen und nicht zu

verscheuchen sind. Und Gitta, als ob sie seine Gedanken erriete, zeigt

oft unvermittelt heftige Abwehr, jähes Erröten. In Gegenwart der Mutter

oder bei Spaziergängen und Ritten durch dicht belebte Straßen ergibt

sich immer wieder der alte, übermütige Plauderton. Sobald sie aber

alleine sind, außer Sehweite fremder Augen, stellt sich unfehlbar die

unerklärliche Befangenheit ein. Kaum, daß ein Wort gesprochen wird. Sie

verständigen sich mit Blicken und Gebärden, gehemmt, wie Kinder. Und

doch liegt ein Reiz in diesem wortlosen Nebeneinander, den sie beide

immer wieder suchen. --

Gitta hat gewünscht, den Abendanstand auf Schakale oder Füchse am Köder

mitzumachen. So fahren sie am frühen Nachmittag eines Sonnabends bis

zu den Kalifengräbern und wandern von dort zu Fuß ins Mokhattamgebirge

hinein. Fritz trägt im Rucksack eine alte Henne, die unwillig gackert.

In einem engen Seitental, an dessen steilen Rändern frischbefahrene

Baue kenntlich sind, wird halt gemacht. Die Henne bekommt eine Schlinge

um den Leib und wird an einen Ginsterbusch festgebunden. Von ihrem

Ständer läuft eine dünne Schnur zwanzig Meter weit weg, bis zu dem

erhöhten Felsblock, hinter dem die Jäger sich verbergen. Regloses

Warten beginnt. Die Henne hat ihren anfänglichen Widerstand gegen die

Fesselung aufgegeben und hockt teilnahmslos da. Ein Ruck an der dünnen

Schnur weckt gackernden Einspruch. Doch das Raubzeug bleibt taub --

weder Fuchs noch Schakal läßt sich sehen. Es ist auch noch früh -- kaum

Sonnenuntergang. -- Reglos warten, reglos. Jede unzeitige Bewegung kann

den Erfolg gefährden. --

Gitta sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf dem feinen Sandboden,

das Gewehr über die Knie gelegt. Fritz kauert halb knieend hinter

ihr. An seiner rechten Schulter fühlt er die Wärme ihres Arms, ihres

Rückens. Wenn er leise, vorsichtig, den Kopf vorstreckt, weht ihn aus

dem offenen Kragen der Hemdbluse der reine Atem des Mädchenleibes an;

ein loses Haar spielt an seiner Wange. Unter der dünnen Schläfenhaut

sieht er das Blut pochen. Nieempfundenes greift ihm ans Herz: letzte

Schranken fällen -- eins werden mit dem geliebten und doch so fremden

Leib da -- die eigene Körperlichkeit aufgeben, um sie verdoppelt wieder

zu empfangen ....

Oh, wer nun rein wäre, unberührt, nicht das Zerrbild gieriger,

gleichgültiger oder gekaufter Umarmungen mit sich schleppte, wie ein

Schandmal!

Doch Gitta ... wenn sie ahnte? Und ihre Mutter? -- Schändlicher

Vertrauensmißbrauch, Ehrlosigkeit ... Und er zwingt sich zu starrer

Ruhe, wenn auch sein Herz wütend flattert. --

Rotes Dämmerlicht mit violetten Schatten. Die Köderhenne hat sich

müde gezappelt, achtet kaum mehr auf das Rucken der dünnen Leine,

kauert aufgeplustert neben dem Ginsterbusch. Da schrillt ein heiserer

Schrei aus der Luft -- ein großer Weißkopfgeier streicht niedrig

über den Talkessel, wendet scharf, als er die Henne erspäht und will

niederstoßen. Im Augenblick hat Gitta das Gewehr an der Wange, die

starke Korditladung bellt auf, einmal, zweimal ... im Doppelschuß

überschlägt sich der riesige Vogel, stürzt schwer in den Sand, knapp

neben der entgangenen Beute, nach der er verzuckend noch die Fänge

reckt.

Gitta bejubelt den glücklichen Schuß in wildem Tanz, und Fritz, von

ihrer Freude mitgerissen, tobt mit ihr um die Wette. Da gleitet sie auf

dem steinigen Hang aus, droht zu stürzen, Fritz will sie auffangen, und

der Wirbel wirft sie gegeneinander.

Fritz fühlt ihre Last in den Armen, fühlt ihre Arme um seinen Hals --

da preßt er sie wie rasend an sich, sucht die roten, starken Lippen und

verliert sich in den namenlosen Schauern des ersten Kusses. -- Die Füße

in den Sand gestemmt, schwankend im Takt des jagenden Pulsschlages,

stehen sie umschlungen, und ihr Atem mengt sich keuchend. -- Als die

Lippen voneinander lassen, späht er ängstlich in ihr Gesicht, bereit,

seine Arme zu lösen, in den Tod zu rennen, wenn sie ihn verdammt ...

Doch nur Liebe, unendliche Liebe, strahlt aus den großen Augen. Und

sie flüstert: „Du hast dich gequält ... ich weiß ... Sei froh, du, sei

froh! Ich hab dich lieb! Sei froh!“

Da überfällt ihn haltloses Weinen, furchtbar, ein Schluchzen, das die

Brust zerreißen will. Er bricht ins Knie, hält ihre Hand mit seinen

beiden umfaßt und würgt abgerissen hervor: „Weißt du denn ... wieviel

Schmutz ...“ -- Doch die kleine Hand schließt ihm den Mund. Gitta beugt

sich über ihn, trinkt küssend seine Tränen, murmelt: „Laß ... Laß ...

Sei froh, du, sei froh!“

75

Nun regieren neue Sterne -- nun ist das Leben da, das Leben,

gebefreudig kaum erträumten Genuß spendend. Immer noch liegen drei

Viertel des Tages in totem Schatten -- die Brotarbeit in der Bank, die

Pension mit den Freunden von gestern, heute Halbfremden -- ertragen nur

in glühender Erwartung der wenigen Stunden mit Gitta.

Fritz ertappt sich dabei, wie er die lichtlose Kindheit segnet. Hat

sie ihn nicht unverbraucht erhalten, ihm die Fähigkeit bewahrt, freier

nun und bewußter, mit ganzer Seele sich Freuden hinzugeben, die

tausend andern seines Alters, von Jugend auf vertraut, nun kaum noch

sonderlichen Gefühlsaufwandes wert erschienen? Selbst die Krankheit

noch segnet er. Der Gedanke an den Knochenmann, den er, ewig lauernd,

auf dem Rücken trägt, fügt süß und schmerzhaft die letzte Steigerung

zum Genuß sinnenfroher, junger Körperlichkeit.

Vergessen, versunken die eingeprügelte Scheu, die finstere Lüsternheit

der Jugendjahre; frei ringt sich göttliche Schamlosigkeit auf: Gott

schuf den Menschen nach +Seinem+ Bilde! -- Wie durstig trinkt die

Haut die ungewohnten Sonnenstrahlen, den reinen Hauch der Weite, wie

unirdisch leuchten die jungen Leiber im blaugoldenen Schein der Wüste!

In der Stadt: Eine junge Dame, die sich sehr förmlich von ihrem Ritter

geleiten läßt. -- Kaum aber ist der Dunstkreis der Menschenherde

überwunden, da fallen die hemmenden Kleider, zwei nackte Menschen

taumeln durch die Unendlichkeit, wie liebesselige Falter.

Kein Gestern, kein Morgen. -- Weite Ritte, Nachtlager in freier Wüste,

auf lauem Sand. Sonne, Mond und Sterne, und wieder Sonne. Ihr Auf

und Nieder bescheint unwandelbares Glück. „Deine Mutter ..., mein

Vater ...? Laß -- laß! Wir sind der Urbeginn, das erste Paar, die

Menscheneltern!“ -- Kein Gestern, kein Morgen.

Lag je eine Frage quälend auf dem Grund der Dinge, auf die es die

Antwort zu finden galt? Vorbei die Qual -- hier die Antwort: Selige

Nacktheit unter freien Gestirnen. -- Kein Gestern, kein Morgen.

Kein Morgen? -- Die eine Frage pocht und brennt, ist nicht zum

Schweigen zu bringen. In einsamen Nächten -- die sonnendürre Haut wehrt

sich schmerzhaft gegen leichteste Hülle, der ganze Leib glüht wie mit

flüssigem Blei ausgegossen, rasender, unstillbarer Durst scheucht jeden

Schlaf -- in einsamen Nächten springt ihm folternd die Zwiespältigkeit

seines Daseins ins Hirn. Kein Morgen? Soll dieses Heute unverändert

währen? Heute, das ist: Gitta, Sonne, Freiheit. Heute aber, das ist

auch: Bank, armselige Schreibarbeit, widerwillig oder doch gleichgültig

getan, acht, zehn, zwölf Stunden im Tag. -- Heute: Das ist der kleine

Handelsangestellte, dem ein namenloses Glück in den Schoß gefallen ist,

das er nun heimlich, heimlich genießt.

Trotz bellt auf: „Heimlichkeit? -- In offener Wüste?“ -- Doch das

Gewissen läßt sich nicht belügen: „Seid ihr so kettenlos frei,

Urbeginn, erstes Paar, Menscheneltern -- was ist es dann, das euch

immer wieder in die Stadt zurückzwingt, hinein in die Herde, in Kleider

und Gesetze? Dort selige Nacktheit unter freien Gestirnen -- hier öder

Werktag, enge Formen --: Wollt ihr ein Leben lang dazwischen pendeln?“

Was soll werden? Die Zweifel überwuchern seine Einsamkeit nicht nur,

sie greifen fressend über auch auf die Stunden mit Gitta, daß langsam

neue Befangenheit aufwächst. -- Heiraten -- Weib und Kind ernähren

von dem lächerlichen Gehalt, der knapp für einen reichte? Das war dein

Traum, armer Heinze, und seine Erfüllung hat dir ein gnädiger Tod

erspart! -- Aber Gitta ist reich, nach europäischen Begriffen unerhört

reich, und man könnte ... man könnte -- was? Sich mit dem Geld einer

geliebten Frau zur Ruhe setzen, ohne je ehrlich müde gewesen zu sein?

Der Vater ... ach was -- keine Beispiele! Der eigene Stolz reckt sich

auf. -- Was soll werden?

* * * * *

Ein Tag auf dem Nil. Vom frühen Morgen an hat das scharfgeschnittene

Segelboot sich gegen strammen Südwind rauschend stromaufwärts gekämpft.

Gitta und Fritz haben sich redlich abgeplagt bei dem ewigen Kreuzen,

sie am Steuer, er an den Segeln. Kurz nach Mittag fällt tote Flaute

ein; das Boot liegt abgetakelt vor Anker und schwait leise im Strom.

Gitta ist stiller als sonst, und seltsam ernst. Fritz wehrt sich gegen

einen inneren Druck, der ihm die Sonnenstunden verleiden will. -- Da

wendet sich Gitta, die ausgestreckt neben ihm im Bootskasten liegt,

auf dem Ellenbogen ihm zu, und ihre freie rechte Hand greift weich und

zärtlich in sein Haar. „Sag mir, du -- bist du geheilt?“ -- Er fährt

aus seinem Grübeln auf, wie auf einem Verbrechen ertappt, wiederholt

verwirrt: „Geheilt -- Gitta?“ -- „Ja, geheilt, von deiner Bitterkeit,

von Haß, von all dem Häßlichen, sag?“ -- „Ja, oh ja!“ stammelt er

glühend, will sie küssen. Doch sie wehrt ihm leise: „Wird nichts,

nichts, was immer auch geschieht, dich nochmals verbittern können?“

Der Ton der Frage schreckt ihn, er sieht sie starr an. Sie hält den

Blick ruhig und ernst aus, drängt ihn: „Sag mir, du, wirst du nie

wieder, nie wieder bitter sein, wie damals, als wir uns trafen? Sag?“

-- „Nie wieder, Gitta, gewiß nie wieder -- aber warum ...“ -- „Schwöre

mir das, ich bitte dich, schwöre mir das, bei allem was uns heilig

ist, bei der Wüste, bei der Sonne ... sag: ich schwöre!“ -- Er will

sich wehren, doch sie beharrt ernsthaft auf ihrem Willen, läßt ihn

einen Schwur nachsprechen, daß er den Glauben an die Sonnenstunden ewig

bewahren will. Kaum hat er, von ihrer andächtigen Inbrunst bezwungen,

das letzte Wort nachgesprochen, da wirft sie sich über ihn, umschlingt

ihn rasend und flüstert zwischen saugenden Küssen: „Sei froh, du, sei

froh!“

* * * * *

Gegen Abend springt der Wind wieder auf. Das Boot zieht vor der

stetigen Brise den Strom hinab, die Segel weit ausgelegt, lautlos

ruhig. Gitta sitzt am Steuer, Fritz vor ihr auf dem Bootsboden, die

Wange an ihre nackten Kniee gelehnt. „So werde ich dich immer sehen,“

flüstert er weich, „du am Steuer meines Schiffs, und ich dir zu Füßen!“

-- Da flammt eine Röte, dunkler als der Abendschein, in ihrem Gesicht

auf und sie sagt hart wie nie zuvor, heftig: „Das sollst du nicht --

das sollst du nicht!“ -- „Gitta, was ist dir?“ -- Da ist die weiche

Stimme wieder, und der zärtliche Blick: „Verzeih, ich bin wohl etwas

müde -- nimm du das Ruder, bitte!“ --

Das Boot ist im Segelhafen festgemacht, und Fritz will einen Wagen

herbeipfeifen. Gitta faßt seinen Arm: „Bitte, gehen wir zu Fuß!“ -- Er

gibt gerne nach.

Hinter der großen Brücke, im nächtigen Dunkel der Sykomorenallee,

nimmt Gitta seinen Arm. „Hier sind wir seit dem ersten Abend bei

Hesselbach nie mehr gegangen -- immer nur gefahren oder geritten.

Denkst du noch dran?“ -- „Oh ja, oh ja!“ sagt Fritz und zieht die

kleine Hand zärtlich an die Lippen. „Damals hattest du Stöckelschuhe,

die klimperten eine Frage auf der harten Straße!“ -- „Eine Frage?“ --

„So klang es mir. -- Bist du froh, bist du froh?“ -- Da wirft Gitta

die Arme um ihn, stammelt an seinem Ohr, und er hört Tränen in ihrer

Stimme: „Bist du froh? -- Wirst du froh bleiben, immer, immer, sag?“

Der jähe Überschwang macht ihn bestürzt -- er faßt ihren Kopf, will

ihr Gesicht sehen -- doch sie preßt sich enger noch an ihn: „Immer,

immer, sag?“ Und eine heiße Träne rinnt ihm über Wange und Hals. „Ja,

Liebling, tausendmal ja -- ich wäre ja ein Schuft ...“ Da schnellt sie

ihren Kopf dem seinen entgegen, daß zwischen vollen Lippen die Zähne

aufeinander knirschen, und in einem langen Kuß keucht sie ihm in den

Mund: „Denk dran -- du hast geschworen!“ Dann ein scharfer Biß, daß ihm

augenblicklich ein Blutfaden von der Unterlippe übers Kinn läuft --

sie reißt sich los und ist mit zwei Sprüngen im Lichtkegel des nahen

Hotelportals. Alter Verabredung nach begleitet er sie nie mehr bis zum

Eingang. So bleibt er ratlos im Dunkel, saugt an der zerbissenen,

schmerzenden Lippe. Als er sie zögern sieht, fragt er: „Morgen?“ Da

ruft sie über die Schulter zurück: „~Not to morrow -- you’ll hear from

me -- God bye!~“ winkt mit abgewandtem Kopf und läuft ins Haus.

Der aufgeregte Abschied -- wie fremd und ungewohnt! -- Und daß sie

englisch geantwortet hat? -- Natürlich -- um in Hörweite des Hotels

nicht „du“ sagen zu müssen! -- Doch eine ziellose Unruhe läßt sich

nicht unterdrücken. Dazu noch die Lippe, die dick aufschwillt -- es

wird am Ende dreckige Bemerkungen in der Pension geben, und morgen in

der Bank ... „Morgen nicht -- du hörst noch von mir -- Gott befohlen!“

--

76

Morgen nicht. -- Der Montag bricht öde an. Härter als sonst drückt

das Einerlei des Bankdienstes; an den Sonnentag auf dem Strome mahnt

quälender Durst und die dicke Lippe. Fritz saugt immer wieder an der

kleinen Wunde. Der leise Schmerz und der Blutgeschmack rufen ihm

inbrünstig immer wieder den Kuß wach. Gitta! -- Dienstag morgens liegt

ein Brief in der Bank. Von Gitta. Fritz reißt den Umschlag hastig

auf -- lange Seiten, engbeschrieben ... Im ersten Schreck laufen die

klaren, steilen Buchstaben durcheinander -- dann liest er:

Liebster -- Dieser Brief erreicht Dich, wenn ich schon auf hoher See

bin. Ja, Liebling, ich gehe fort von Dir. Und daß ich es Dir nicht

zu sagen, keinen Abschied zu nehmen wagte -- das allein mag Dir

beweisen, wie furchtbar schwer es mir fällt. Könnte ich doch bei Dir

sein und Dich trösten; -- aber dann hätte ich nicht mehr die Kraft

fortzugehen. Und es muß doch sein. Ich bin nicht sehr gewandt mit

der Feder und verzweifle fast daran, Dir hier aufzuschreiben, was

ich doch so klar und notwendig fühle. Du mußt mir glauben, Liebling.

Und wenn Du in der ersten Heftigkeit mir nicht glauben willst, dann

glaube der Sonne, die über uns geleuchtet hat. Wer müßte ich sein, um

zu vergessen, was wir erlebt haben? Und denk auch Du an Deinen Schwur!

Ich habe nie zuvor geliebt, das weißt Du. Dich aber hatte ich lieb

vom ersten Augenblick, und mit jedem Tage mehr, bis mir nichts

Lieberes mehr blieb als Du. Darum muß ich fort. Versteh das doch, ich

bitte Dich! -- Du hast mir nie davon gesprochen, und doch weiß ich

bestimmt, daß Dich in den letzten Wochen die Frage zu quälen begonnen

hat: Was weiter? -- Mich hat sie nicht weniger gequält, glaub mir.

Denn wenn ich auch nie geheuchelt habe, so oft ich mit Dir ganz in

den Augenblick versank, so hat sich meine amerikanische Erziehung

doch nicht verleugnet, sobald ich alleine war. Ich sehe die Welt

nüchterner als Du.

Du hast Deine Kindheit halbwegs überwunden, Deine Selbsterziehung

begonnen und wirst heute oder morgen zu einem Entschluß über Dein

Leben kommen, den Du eigentlich schon früher hättest fassen müssen.

Du bleibst nicht bei der Bank, bleibst auch nicht im Ausland. Die

Heimat steckt Dir tiefer im Blut als Du weißt. Und Du wirst lernen

müssen, viel lernen; nicht wegen des dummen Doktortitels, aber weil

Dein ganzes Wesen die feste Unterlage braucht.

Nun sieh doch, Liebling: dabei würde ich Dich hindern! Sag nicht, Du

würdest durch mich und mit mir ... sag nichts von Hilfe! Kannst Du

als Student eine Frau brauchen? Oder nachher, als junger Künstler?

Und wie sollten wir leben? Als reiche Leute im großen Stil? Das

ertrügest Du keinen Tag. -- Oder sollte ich, Deinem Stolz zuliebe,

mich von Dir ernähren lassen, durch Stundengeben oder so? -- Und

meinst Du wirklich ... aber ich will Dir nicht weh tun. --

Sieh doch, Liebling: wie hat uns das Schicksal zusammengebracht, wie

hat es uns emporgerissen, steil aufwärts! Können wir weiter steigen,

weiter noch so steil steigen? Müßte nicht ein Stillstand kommen, und

ein Bergab?

Was haben wir erlebt in diesem halben Jahr, Liebster, Liebster! Wir

haben nicht gerechnet, nicht gespart. Und es war gut so. Aber ich

könnte es nicht ertragen, Deine Küsse kälter werden zu fühlen. Und

das müßte, muß kommen. Wir sind ja so jung, und das Leben ist lang.

Frag nicht, was aus mir wird. Du hast mir unendliches Glück

geschenkt, und es wird kein Opfer sein, wenn ich noch lange Jahre mit

meiner armen Mutter durch die Welt ziehe. -- Es wird kein Opfer sein,

solange ich fest glauben kann, daß es so für +Dich+, Liebster das

Beste ist. Nun tue ich Dir wohl weh -- aber vielleicht hilft Dir der

Schmerz, den Künstler in Dir zu finden, den Du suchst. Und dann wird

der Schmerz Frucht tragen und auch das Glück, das wir genossen haben.

Suche mich nicht. Du würdest mich namenlos quälen, aber doch keinen

Augenblick irre machen in dem, was ich als richtig erkannt habe. Ich

will keine Briefe, ich will aus Deinem Leben verschwinden. Dabei

will ich Dich im Auge behalten -- aber ich werde Dich niemals unter

den Vielen suchen. Vielleicht finden wir uns einmal, wenn Du allein

stehst, über den Andern ...

Nun kann ich nicht weiter, denn die Sehnsucht packt mich und es

könnte sein, daß der Brief ins Feuer fliegt und ich --

Lieber, Liebster, nun fühlst Du wohl, wie heilig ernst es mir war,

als ich Dich gestern auf die Freude schwören ließ. Gestern war das? --

Mama ruft mich. Sie ist aufgeregter als sonst bei einer Abreise, denn

sie fühlt wohl, daß wir fliehen. Ich fliehe nur vor meiner Schwäche.

Denn Du -- bist Du der, den ich liebe, dann wirst Du stark sein.

Leb’ wohl, Liebster!

Gitta.

Ich habe dich gestern gebissen und hoffe sehr, es wird eine kleine,

weiße Narbe geben. Fremde Lippen werden sie küssen -- aber sie

sollen nie jemandem gehören, der dich weniger lieb hat als ich. Das

versprich du mir.

Fritz steht gelähmt. -- Der Brief in seiner Hand zittert, flattert

-- er muß ihn gegen die Mauer halten, um den und jenen Satz nochmals

überfliegen zu können. Gitta fort! -- Und die Welt, die gestern

noch strahlend in Sonne lag, ist mit einem Schlage grau und leer.

-- „Schlechte Nachrichten, mein Herr, wie es scheint?“ feixt der

Buchhalter im Vorübergehen. Und Fritz zuckt die Hand -- er möchte die

geile Fratze zertrümmern. -- „Bist du der, den ich liebe ...“ klingt es

auf und er wird stolz und kalt. Da im Stiegenhaus stehenbleiben und den

Affen ringsum ein Schauspiel geben, daß sie ihm den Jammer schadenfroh

an der Nase ablesen können? Nein und nein! -- Nicht nachdenken, die

Fronstunden absitzen -- Abend dann, zu Hause, blieb Zeit, zu heulen,

mit dem Kopf gegen die vier Wände des engen Zimmers zu rennen ...

Und er stürzt sich verbissen in die eintönige Arbeit, tobt auf der

Maschine, schreibt sich den Krampf in die Finger ... und der Abend

findet ihn, zu seiner eigenen Überraschung, gefaßt und ruhig, zu ruhig

beinahe, und unfähig zu jedem Ausbruch.

Wohl rauscht sein Blut auf: Gitta! Gitta! -- Und die wunde Lippe

brennt: Gitta! -- Doch neuer Stolz stemmt sich dagegen: Ich kenne dich,

Satan! Der Vater konnte mich nicht klein kriegen, die Krankheit nicht,

und nicht die Bankarbeit -- nun sollte ich mich an die Sinne verlieren,

mich verliegen? Was Gitta heute getan hat, das habe ich längst geahnt,

gefühlt, hätte es morgen vielleicht selbst erkannt -- nun ist es getan.

Herrliches Mädchen! Der Schwur war unnütz -- nie wieder wird mich der

Glaube an Sonne und Glück verlassen, den du mir geschenkt hast! --

Was mag das Mädel gelitten haben und gekämpft -- und wie hat sie es

getragen! Kaum daß in letzter Stunde das Herz ihr aus den Händen

geglitten ist -- herrliches Mädchen! „Bist du der, den ich liebe ...“

Ja, ich bin stark, ich lasse mich nicht zwingen, und unter den vielen

sollst du mich nie zu suchen haben -- Gitta, Gitta! --

Noch kommen Rückfälle in Kleinmut und Rührseligkeit. An manchen Abenden

durchrennt Fritz die Straßen, die Gitta neben ihm gesehen haben. Die

dunkle Sykomorenallee hinter der großen Brücke ist sein liebstes

Ziel. Dort steht er oft im Dunkel, wenige Schritte vor dem Lichtkegel

des Hotelportals, klammert die Arme um den mannsdicken Stamm eines

Alleebaumes und läßt seine Tränen haltlos die kühle Rinde feuchten,

während er wütend an der wunden Lippe saugt. Er will sie lange nicht

heilen lassen, denn in dem leisen Schmerz und dem Blutgeschmack brennt

jedesmal die Flamme jenes letzten Kusses auf ...

Doch die Lippe heilt. Über Nacht einmal hat sich der kleine Riß

geschlossen und bald ist die kleine weiße Narbe da, ganz wie Gitta sie

gewünscht hat. Ein wenig wulstig noch, und er streicht gerne mit der

Zunge darüber hin.

Die Lippe ist geheilt, und der Entschluß, den Gitta vorausgesehen hat,

ist gefaßt, steht unerschütterlich fest: Weg von der Bank, an die

Universität erst, und dann ... wenn es zum „Dichter“ nicht reichte,

konnte man Kritiker werden oder Schriftsteller. -- Jedenfalls: nur ein

freier Beruf, der Kunst gewidmet, konnte ihn ausfüllen.

Junge Triebe: Roman · 第 17 / 18 段