„Aber wie wußten Sie ... Ich meine -- mich kennt doch hier niemand?“

wirft Fritz ein. Doch das Mädchen lacht ihm ins Gesicht: „Glauben

Sie wirklich, daß man in Kairo als Europäer unbekannt bleibt? Unser

Dragoman hatte Sie doch an jenem Abend in der Mouski gesehen -- am

nächsten Morgen schon nannte er mir Ihren Namen, Ihre Pension und

die Bank, in der Sie angestellt sind. Ich weiß sogar noch mehr -- daß

Sie oft ausreiten und auf die Jagd gehen. Das war mir besonders lieb

zu hören, denn ich habe mir oft einen Ritter gewünscht, der mich in

die Wüste begleitet. Der Dragoman ist mir widerlich und die großen

Hotelkavalkaden erst recht!“

„Aber Ihre Mutter ...?“ sagt Fritz und wird rot.

„Meine arme Mutter ist glücklich, daß ich mein Leben so ganz auf sie

eingestellt habe, und gönnt mir die wenigen Vergnügungen, die ich mir

leiste, von Herzen gern. Und Schicklichkeitseinwände verbieten sich von

selbst -- ganz umsonst bin ich denn doch nicht in Amerika geboren und

aufgewachsen. Auch bin ich ja großjährig. -- Aber wenn Sie vielleicht

das beliebte europäische Ärgernis nehmen wollen?“

„Wo denken Sie hin -- Ärgernis ... Ich bin glücklich, wenn ich Sie

begleiten darf und fürchtete nur ein Hindernis.“

„Nein -- fürchten Sie keines! Wenn Sie nichts andres vorhaben, können

wir morgen gleich loslegen! -- Wissen Sie eine schöne Partie? --

Rücksichten auf weibliche Schwäche brauchen Sie nicht zu nehmen --

zehn, zwölf Stunden im Sattel machen mir nichts aus!“

Fritz bleibt erst stumm, erschüttert von ungeahnter Freude. Dann

beginnt er mit hastigen Vorschlägen. Gitta entscheidet sich für das

Wadi Dukla, ein Wüstental, weit drin im Mokattam-Gebirge.

Sie gehen durch die breiten, stillen Straßen des Europäerviertels.

Die große Brücke liegt einsam und menschenleer; durch die uralten

Sykomorenalleen der Nilinsel ziehen leise Nachtnebel. Fritz geht

wortlos und hört zu, wie der kleine Mädchenfuß im flüchtigen Schreiten

die harte Straße klopft. Das weiße Kleid, blaß leuchtend in der

Dunkelheit, rauscht gedämpft im Gehen. So oft eine kurze Abendbrise vom

Flusse herüberspringt, weht sie Fritz den Atem des jungen Mädchenleibes

zu. -- Kein aufreizender Frauengeruch, nur der Duft der sauberen

Wäsche, der guten Seife, mit einem Hauch von Lavendel -- gesund und

rein. „Bist du froh? Bist du froh?“ klopfen die kleinen Absätze auf

der Straße. Und Fritz tritt leise auf, damit der jubelnde Hall seiner

Schritte nicht der nächtigen Weite sein Glück verrate. --

70

Am nächsten Morgen wartet Fritz mit zwei ausgesuchten Eseln auf dem

Platze Atabet-El-Khadr. Mohammed Achmed, der Vermieter, abends vorher

verständigt, hat sich angestrengt und richtige Ledersättel besorgt.

Die Tiere sind gewaschen und zierlich geschoren, die klirrenden

Messingketten um ihre stämmigen Nacken blank geputzt. Pünktlich um

sieben Uhr fährt Gitta im Wagen vor. Das Mädchen sieht ganz jungenhaft

und doch nicht verkleidet aus. Der kurze, geteilte Rock läßt die

hohen Schaftstiefel frei und das schmale Knie, von der Reithose eng

umschlossen. Das Haar ist mit glatter Schleife zu kurzem, dickem

Barockzopf gebunden, der unter der flachen Krempe des Tropenhelms in

den Nacken hängt. Die kleine Hand in festem Stulphandschuh hält eine

Nilpferdpeitsche. Und wie sie mit Selbstverständlichkeit im Herrensitz

in den Sattel springt und losreitet, grinst der würdige Mohammed Achmed

selbstvergessen: „Gut, oh Wunder Gottes, überaus gut!“

Bald ist das Eingeborenenviertel durchquert, und über eine Schutthalde

reiten sie dem Kuppelgewirr der Kalifengräber zu, das schillernd im

Frühdunst verschwimmt. Fritz deutet auf das Grabmal des Emir-el-Gouri,

das am Wüstenrand einsam steht: „Dort war ich einmal drin, allein,

kroch in jeden Winkel, und sah mir alles genau an. Von der Mittelhalle

geht ein merkwürdiger Mäandergang weg, der in einer winzigen Zelle

endet -- es muß wohl ein Sanktuarium sein. Als ich mich umwende, um

wieder herauszugehen, steht mir ein Fellache unmittelbar gegenüber,

der mir auf nackten Füßen nachgeschlichen war. Ich glaubte schon

den Mörderstahl zwischen den Rippen zu fühlen, und so riß ich den

Revolver heraus und feuerte blindlings die fünf Schuß in die Luft.

Der Fellache stürzte mit Wehgebrüll davon -- ich sehe noch, wie er

den schwarzen Hemdkittel zwischen die Zähne klemmte und heillos mit

den Armen ruderte. Ich stieg in die Kuppel hinauf und hielt Umschau

-- da sah ich den Burschen, mit einem zweiten zusammen, zweihundert

Schritte weit draußen auf den Fersen hocken. Nun glaubte ich, die

Mörder wollten mich belagern und war etwas bedrückt. Meinen Revolver

hatte ich ausgeschossen und sonst hatte ich keine Waffen bei mir als

ein Federmesser und ein Feuerzeug. Darum beschloß ich zu unterhandeln,

trat in die Fensternische der Kuppel und winkte. Sofort sprangen die

Belagerer auf und rannten heulend hundert Schritte weiter. Dann hockten

sie sich wieder hin und gafften. Das wiederholte sich einige Male, bis

die Burschen einen halben Kilometer weit weg waren. Da nahm ich mir ein

Herz, sauste die Stiegen hinunter und zum Portal hinaus, der Stadt zu.

Jetzt rannten die Kerle auf mich zu und gewannen mühelos Boden. Mir

ging die Luft aus, ich wollte mich auch nicht fliehend abschlachten

lassen, darum lehnte ich mich keuchend an eine Mauer und erwartete

die Angreifer mit geballten Fäusten. Auf etwa zwanzig Schritte vor

mir machten sie halt, traten verlegen von einem Fuß auf den andern

und beäugten mich aus zweifelnd schief gehaltenen Köpfen. Dann flehte

der eine: ‚No guide, Sorr?’ Und der andere säuselte dazwischen:

‚Bakschisch, please!’ Das war mir ein lehrreiches Erlebnis! Meine

Gegner und ich, wir hatten mindestens gleichviel Angst vor einander

ausgestanden, hatten unser Leben in Gefahr geglaubt -- und schließlich

doch nur Fangen gespielt, wie die jungen Hunde. Gott im Himmel mag

seine Freude an uns gehabt haben! -- Wie dumm man sein kann!“

„Ja, das ist allerdings erstaunlich!“ sagte Gitta, und beide lachen

los. Das laute Lachen schreckt die Esel aus ihrem kurzen Trab, und

ohne weiteren Ansporn galoppieren sie über den schmalen Wüstenplan den

nahen Hügeln zu. Am Fuße des Roten Berges rauchen plumpe Kalköfen, als

häßliche Wahrzeichen der sieghaften Neuzeit. Doch bald bleibt ihr

stickiger Dunstkreis zurück, und die Wüste, die zeitlose, nimmt die

Reiter auf. -- --

Mittagsrast im Kessel des Wadi Dukla, des „Tales der Verirrungen“.

Die steilen Wände ringsum sind noch bedeckt von tiefen Rissen und

Schrunden, die die Wogen eines längst versiegten Meeres in sie

gefressen haben. Zahllose Versteinerungen von Muscheln, Schnecken,

Fischgerippen bedecken den weichen Sandboden. Hoch oben am Rande des

Absturzes reitet ein Beduine an, läßt sein Kamel niederknien und steigt

zu Fuß die felsigen Hänge herab, bis zu dem engen Wasserloch im Munde

des Kessels. Dort beugt er sich durstig nieder, trinkt und steigt

langsam wieder zu seinem wartenden Tiere hinauf. Gitta sieht ihm nach,

bis er im Blau verschwindet, dann sagt sie leise: „Die Erdkunde ist

eine trostlose Wissenschaft! Hier haben nun einmal Lebewesen mit dem

Wassertode gekämpft, mit Meeresungeheuern -- nun ist von dem Meere der

Tümpel da übrig geblieben und stillt Wüstenreitern den Durst. Was sind

wir für elende Sandkörnchen! -- Die Weltgeschichte ist schon grausig

genug -- aber wie lächerlich stehen ihre paar tausend Jahre neben den

Jahrmillionen, mit denen die Erdkunde rechnet! Ich weiß noch, wie

maßlos bestürzt unser alter Hauslehrer war, als ich ihm aus der ersten

Stunde Entwicklungsgeschichte heulend fortrannte. -- Ich hatte solche

Angst! -- Und heute noch packt sie mich manchmal, wie eben jetzt, als

ich den Beduinen sah. -- Der zwingt die Zeit -- und wir sind ihre

Sklaven!“

„Wir sind ihre Sklaven!“ wiederholt Fritz, und Gedanken, die ihn seit

Monaten unklar verfolgen, springen ihm plötzlich ins Hirn. Er fährt in

die Höhe, schreit fast: „Sklaven? Das ist kein Muß! Das liegt an uns!

An uns!“ Und Gitta richtet sich erschreckt auf. Da wird er weich und

zärtlich, kniet neben ihr und stammelt: „Was machen Sie aus mir ... ich

bin verwandelt -- so viel Glück, so viel Kraft ...“ Und während er an

Tränen tiefster Erschütterung würgt, legt sie die Hand auf seinen Arm

und flüstert: „Großer Junge -- lieber großer Junge!“ --

Fritz fühlt sich friedlich geborgen und wunschlos wie nie zuvor, fühlt,

wie lebenslange, haßvolle Verbitterung in jagenden Wellen aus ihm

weicht. Klarheit breitet sich aus, um die er in den Jahren, seit er dem

Vater entrückt ist, quälend gerungen hat. Das fressende Fragezeichen,

das sich ihm ewig hinter alle Erlebnisse drängte, schmilzt hin in

froher Wärme. --

Die Sonne beginnt sich zu senken, die Eselhengste, ermuntert durch das

Nachlassen der stillen Mittagsglut, springen aus dem Schattenwinkel,

wo sie, der Sättel ledig, reglos geruht haben, und beginnen im weiten

Rund des Talkessels wilde Spiele, gehen drohend auf den Hinterbeinen,

umklammern sich mit schlagenden Vorderhufen, beißen einander in Hals

und Nacken und entfernen sich dabei immer weiter vom Rastplatz. Gitta

und Fritz fahren aus wortlosem Glück auf und beginnen lachend die

Verfolgung. Fritz klettert in halber Höhe des Hanges hin, bis er den

Tieren voraus ist, springt dann ins Tal hinunter und treibt sie mit

Steinwürfen vor sich her, zurück in den Kessel. Gitta lauert hinter

einem Felsblock, fährt mit einem Pantersatz hervor und faßt den einen

Esel beim Kopf. Der andere, schreckensstarr, läßt sich von Fritz

greifen. Schnell sind die Sättel aufgelegt und mit Hallo beginnt der

Heimweg. Nach kurzem Anfangsgalopp fallen die Tiere in ihren schnellen

Trab. Die großen, langohrigen Köpfe nicken wichtig zum Takt der kleinen

Hufe, die emsig durch den Sand mahlen. Gitta fragt unvermittelt: „Von

sich haben Sie mir noch gar nichts erzählt -- von Ihrem Zuhause --

Ihrem Vater ...?“

Fritz hat die Frage längst erwartet. Nun überrascht sie ihn doch.

Denn er merkt verblüfft und ratlos, daß eine neue Antwort in ihm ist.

Die langen Wochen, in denen er ein Wiedersehen ersehnte, und doppelt

stark, seit sie ihm in der Bank aufgesucht, ja gestern noch, hatte

er den brennenden Wunsch gefühlt, ihr sein Leid zu klagen: den jähen

Sturz aus des Vaters Gunst, die frühe Eifersucht, das Ducken und Lügen.

Jetzt also könnte er loslegen, sich die Märtyrerkrone aufs Haupt

setzen, namenloses Mitleiden einheimsen -- da hat die Märtyrerkrone

ihren Schein verloren, dünkt ihm nichtig, schändlich fast, wie ein

Strohkranz, den die Angeprangerten tragen.

Gitta sieht ihn forschend an, während er stumm vor sich hin grübelt.

„Ist es so schlimm,“ fragt sie leise. -- Da richtet er sich stolz auf:

„Nein, gar nicht schlimm! Ich habe nicht mehr erlebt als hunderttausend

andere Jungen, nur stärker vielleicht, -- aber das ist eine Frage der

Einbildungskraft und der eigenen Wehleidigkeit. -- Mir ist nicht mehr

geschehen, als ich mir tun ließ!“ -- „Nicht mehr als Sie sich tun

ließen?“ wiederholte Gitta fragend. -- „Nein, nicht mehr als das. --

Keinem geschieht mehr Unrecht, als er irgendwie verdient hat, sei es

auch nur durch eigene Schwäche!“ -- Nach einem kurzen Schweigen sagt

Gitta: „Verzeihen Sie mir -- ich möchte wirklich weder rechthaberisch

noch aufdringlich sein -- aber so weise sind Sie noch nicht lange! So

kann mich mein Gefühl nicht getäuscht haben!“ -- Und Fritz wird rot wie

ein Schuljunge. Gitta fährt eifriger fort: „Ich will mich nicht in Ihr

Vertrauen drängen, aber ich weiß natürlich so gut wie Sie, daß mein

Benehmen während unserer Bekanntschaft, besser, die Art, wie ich diese

Bekanntschaft erzwang, selbst nach amerikanischen Begriffen kaum noch

mädchenhaft war. -- O, bitte, bestreiten Sie das nicht -- wir wissen es

beide! -- Das muß doch einen +Zweck+ gehabt haben -- und nicht nur den,

einen Begleiter zu Wüstenpartien zu gewinnen! Nein, wirklich nicht den!

-- Ich wollte Ihnen helfen, wollte sehen, ob die frühe Bitterkeit um

Ihren Mund sich nicht wegwischen ließ. -- Vergessen Sie auch nicht, was

ich Ihnen gestern von meinem Bruder sagte -- der ist aus Trotz in Elend

und Tod gerannt!“ -- „Sie haben mir schon geholfen!“ jubelt Fritz.

„Ich leugne ja nicht, daß ich geprügelt, geduckt, getreten worden bin,

daß ich mich als Opferlamm fühlte, zu Haß, Lüge und jeder Niedertracht

berechtigt. -- Als Junge, und auch später -- und selbst gestern noch,

damit Sie es wissen. Aber seit heute weiß ich, welche erbärmliche

Sklavenmoral das ist! -- O Gitta, was ist in Ihnen, das Ihnen solche

Macht gibt? Warum mußte ich mich vom ersten Augenblicke an so namenlos

nach Ihnen sehnen? Und jetzt, wo ich Sie neben mir sehe, bin ich mit

einem Schlag ein glücklicher und freier Mensch -- der alte Jammer

liegt so lächerlich überwunden hinter mir!“ -- „Sie widersprechen

sich,“ wirft Gitta lächelnd ein. „Wie könnte ich Ihnen eine Kraft geben

über Ihre eigene hinaus?“ -- „Wenn nicht die Kraft, so doch Glück

und Selbstvertrauen! -- Ahnen Sie denn, was das für mich bedeutet?“

-- Und in einer Erregung, die an Wahnsinn streift, beginnt er von

seiner Kindheit zu erzählen, von dem wütenden Kampf mit dem Vater, von

Gretl ... Gitta hört zu, stumm und bleich, und ihre Augen werden naß.

„Entsetzlich!“ stöhnt sie. „Sagen Sie das nicht,“ sagt Fritz, „damit

verdammen Sie +mich+! +Ich+, +ich+ war schuld. Warum habe ich mich

nicht gewehrt, warum habe ich durch Lüge und Heimlichkeit meinen Vater

in die Tyrannenpose hineingesteigert? -- Verfluchte schwarze Brille!“

schreit er plötzlich und wirft beide Arme in die Luft. Sein Esel

springt hastig in Galopp und er hält ihn nicht, jagt ein weites Stück

voraus, eine wellige Düne hinauf. Dort erwartet er das Mädchen.

Vor ihnen weitet sich das Tal. -- Zwischen sanft verlaufenden Vorbergen

blitzt ein Ausschnitt des Stromes hervor, purpurn leuchtend, dahinter

die Pyramiden von Ghizeh. Über den Spitzen der Dreiecke schwebt die

Sonne, eine scharf umrissene, glühende Scheibe, senkt sich dem grell

schwarzen Wüstensaum zu, taucht unter. Wilde Lichtgarben, gelb und

grün, lohen auf. Aus den Niederungen springt in weiten Flächen das

Violett und beherrscht die Landschaft.

Fritz hält die Augen starr auf das Ringen greller Farben gerichtet und

sagt: „Das also nennt Baedeker ein erhebendes Naturschauspiel. Und wie

kalt läßt es einen innerlich! Nur der Sinn fürs Außerordentliche kommt

auf seine Rechnung. -- Dreiecke und Kreise, und die Spektral-Palette am

Himmel -- die reine Lichtreklame für den Allmächtigen!“ -- „O pfui --

was soll das nun wieder!“ lacht Gitta empört. Fritz sieht immer noch

starr geradeaus. „Ich denke an Weißwasser,“ sagt er. „Wenn man dort

im schütteren Fichtenwald die Sonne untergehen sah, das gab Frieden

und Ruhe, und die quälenden Wünsche wurden still. Ein paar Augenblicke

lang wenigstens. -- Aber das hier? Man möchte Bravo rufen, und ist

irgendwie beschämt, weil man keinen Eintritt bezahlt hat, und die

Erinnerung schreibt geschmeichelt auf: ‚Heute abermals den berühmten

Sonnenuntergang an den Pyramiden mitgemacht. Wirklich sehr nett!’“ --

„Nicht, nicht so bitter -- das tut mir weh!“ flüstert Gitta. Fritz

wendet sich ihr hastig zu: „Das soll es nicht, bei Gott nicht! -- Ich

komme langsam drauf, wo meine Heimat ist -- das tut gewiß nicht weh!“

-- „Heimat,“ wiederholt Gitta leise, in maßloser Trauer. Und Fritz

erfaßt plötzlich das ganze Elend des jahrelangen Wanderlebens, um das

er sie gestern noch gedankenlos beneidet hat. So steht er nicht nur als

Bettler, als ewig Beschenkter, vor der Weitgereisten, Selbstsicheren,

Freien. -- Vor ihr voraus hat er den festen Punkt, den stillen

Bergwinkel da oben, von dem aus sich jede noch so strahlende fremde

Welt aus den Angeln heben läßt. Grausamer Besitzerstolz will auffahren.

Doch schnelle Besinnung hält ihn nieder: Nicht eigene Kraft -- die

Heimatlose da hat ihm die Heimat geschenkt! In unendlicher Zärtlichkeit

küßt er die kleine Hand. Und ein tapferes Lächeln dankt ihm. --

Lange reiten sie stumm durch die schnell fallende graurote Dämmerung,

der Zitadelle zu, die mit schlanken Minaretts wie mit spitzen Fingern

lockend winkt. Friede in der Luft und Abendgeruch. Fritz hält im

Augenwinkel einen Bildausschnitt fest: die kleine Zügelhand im

Stulphandschuh, ein schmales Knie, die Fußspitze im engen Steigbügel.

Das Knarren des Sattelleders am feinen Lack des Reitstiefels gibt

wohltuend den Begriff von warmer Nähe. Glückselige Stunde, da alle

Wünsche satt schlafen! Warum noch ein Morgen ... alleine wieder unter

Fremden ... die Bank ... verfluchter Käfig!

Um der steigenden Wehleidigkeit Herr zu werden, singt Fritz ein

Rekrutenlied laut hinaus:

„Meine Mutter, wenn du kommst,

Meine Mutter, wenn du kommst

Nach Erlau,

In dem Fenster von Kasern’,

In dem Fenster von Kasern’

Hineinschau!

Drinnen sitzt dein Andrusz Ferencz,

Den du hast

Geboren. --

Sein gelocktes Haar ist kurz,

Sein gelocktes Haar ist kurz

Geschoren! --“

Gitta lacht hell auf: „Armer, kurzgeschorener Andrusz Ferencz -- Sie

denken wohl an die Bank, morgen?“ Und er lacht erlöst mit. Wie könnte

auch Wehleidigkeit vor diesem Mädchenlachen bestehen? Glückselige

Stunde! --

Dann ist die Stadt erreicht. Küchendunst, Holzrauch, Staub wirbelt

durch die Straßen, legt sich drückend auf Lungen und Hirn. Schon glüht

der Lichtschein von Atabet-El-Khadr durch den Nebel. Kaum hundert

Schritte noch ... Da fragt Gitta: „Ist nicht in dieser Woche Vollmond?“

-- „Ja, Mittwoch,“ sagt Fritz hastig. „Möchten Sie ...“ -- „Gewiß, mein

Herr, ich möchte zur Mosesquelle. Treffen wir uns Mittwochabend neun

Uhr wieder hier an dem Platz?“ -- „Schön -- aber bis dahin?“ wimmert

Fritz trübselig. -- „Bis dahin bin ich jeden Tag in meinem Hotel zu

sprechen. -- Und auch meine Frau Mama wird sich sehr freuen, Ihre werte

Bekanntschaft zu machen! -- So sagt man doch in solchen Fällen?“ fügt

sie lernbegierig hinzu. Fritz denkt angestrengt nach: „Ich erinnere

mich, es in der Tanzstunde so gelernt zu haben,“ sagt er dann. -- „Oh,

Sie waren in einer Tanzstunde?“ meint sie überrascht. „Dann müßten

Sie doch mit Leichtigkeit die nötige Grandezza gegen Hotelportiers

aufbringen?“ -- „Die schon -- aber gegen böse Mädchen bin ich wehrlos!“

Da taucht neben ihnen der biedere Mohammed Achmed aus dem Gewühl und

begleitet ihr Lachen mit zügellosem Grinsen. Die Esel und seinen Lohn

nimmt er mit hallenden Segenswünschen in Empfang und gibt dem Wagen,

der die Reiter davonträgt, in Hechtsprüngen ein Stück weit das Geleit.

Da ist schon die große Brücke, nun noch das kurze Stück durch die

Sykomorenallee -- dann hält der Wagen im Lichtkreis des Hotelportals.

Ein Händedruck -- ein kurzer Gruß -- und die blitzende Drehtür hat die

feine Gestalt verschlungen.

Mit einem Schlag ist Nacht ringsum, und kalte Fremde. Dann bäumt sich

neuer Stolz: Kein Jammer, keine Tränen! Den Schwächling liebt sie

nicht. -- Ist das Heute vorbei -- laß uns ein Morgen erzwingen!

71

Der Besuch ist vollbracht. -- Ein Sieg über die eigene Schüchternheit,

mit Herzklopfen, mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten

erkämpft. Falko wütend zum Angriff gespornt auf die Portierloge, die

schimmernde Festung. -- Die alte Dame gütig und teilnahmsvoll, Gitta

lieb wie immer. -- Fritz wandert alleine durch die dunklen Alleen nach

Hause und sucht die stürmenden Eindrücke zu sammeln. Die riesige Halle,

halb europäisch eingerichtet, mit schweren englischen Klubmöbeln,

halb orientalisch, mit reichen Teppichen, eingelegtem Schnitzwerk,

Messingzierat; wuchtige Antilopengehörne an den Wänden, vor dem

mächtigen offenen Kamin ein Leopardenfell. Und die Menschen, die sich

in dem prunkvollen Raum bewegen: Herren und Damen tragen die kostbaren

Abendgewänder mit Selbstverständlichkeit, nicht wie Feierkleider,

liegen lässig in den tiefen Sitzen, stemmen die Füße gegen das kupferne

Kamingitter -- Mokka, guter Tabak, die vielen feinen Haarwasser,

Mundwasser, Waschwasser, unaufdringliche Parfüms, der leise Holzrauch

aus dem Kamin, das Leder der Möbel, der scharfe Geruch der präparierten

Wildfelle und Köpfe: das alles klingt zusammen, schafft eine Atmosphäre

von erhabener Besonderheit, die scheue Ehrfurcht weckt. Bruchstücke von

Gesprächen: Polo ... Golf ... Gymkhana ... Jagd im Sudan ... in Indien

...

Ein Ausschnitt aus der großen Welt, aus reichstem Leben. Doch Fritz

merkt überrascht, erschreckt fast, daß kein Neid mehr in ihm ist.

Keinen Wunsch mehr fühlen können, weil doch jedem, kaum gedacht,

schon Erfüllung gewiß war: konnte das Neides wert sein? War es nicht

unendlich stärker, dem tückischen Gerippe, dem schmalen Monatsgeld,

der harten Brotarbeit zum Trotz, seltenen Feierstunden den letzten

Tropfen Freude abzuzwingen? -- Da ertappt er sich dabei, daß er nur

Gittas Worte nachdenkt. Wie hatte sie gesagt, als er der alten Dame so

begeistert vom Wadi Dukla erzählte? „Um Ihre Freudefähigkeit sind Sie

zu beneiden! -- Das Erlebnis an sich ist nichts -- nur die Kraft, mit

der man empfindet, gibt ihm Gehalt!“

Wunderbares Mädchen! -- Wie hatte sie in kurzen Tagen seine Gedanken

so ganz in ihren Bann gebracht! Kein Trotz nun, keine Gegenwehr --

innige Hingabe nur an die neue Süße, gelenkt zu werden von geliebten

Händen.

72

Der Bankdienst beginnt zu drücken. Wohl hat der Direktor unversehens

eingegriffen und über Monsieur de Bergasse hinweg eine gerechtere

Arbeitsteilung verfügt, wonach Fritz nun mit dem Triestiner in der

Expedition und der eigentlichen Korrespondenz abwechselt. Ist aber der

Unterschied so groß, ob man Briefe, ewig dieselben langweiligen Sätze,

auf der Maschine schreibt, oder ob man die fertigen nur faltet und in

Umschläge steckt? Ewig das öde Einerlei -- wie ein Eichhörnchen in

der Trommel; es krabbelt wütend und kommt doch nicht vom Fleck. Das

als Beruf? -- Auch hier wird es übrigens mißbilligend bemerkt, daß

Fritz keine Zeitungen lesen will. Zeitungen -- geschmacklose Lügen

in schlechtem Stil, kleinliche Fehden, Ränke, Winkelzüge, -- matter

Abklatsch der alten Condottieri!

„Als Geschäftsmann kommen Sie ohne Zeitungen einfach nicht aus,“ sagt

der Direktor. Als ob er, Fritz, Geschäftsmann wäre oder auch nur werden

wollte! Er will, weiß Gott, was anderes, er will ...

Ja, er will Antwort geben auf die Frage, die er immer dringlicher,

immer quälender aus allen Dingen herausfühlt. -- Ein Falkenschrei,

der die Mittagsrast nach langem Wüstenritt durchzittert; ein letzter

Sonnenstrahl auf einsamer Palmenkrone; eine Herde, die durch goldrote

Staubwolken heimzieht, der sinkenden Sonne zu; und fernes Schakalgebell

in nächtlicher Wüste, und vieles, vieles andere, das ihn im innersten

berührt, ihn erbeben läßt in dem Gefühl: nun finde die rechte Antwort

und du kannst einen Zauber lösen, kannst ein entrücktes Königsschloß

wieder erstehen lassen, die Steine zu reichem Troß wandeln, die Herde

zu streitbarem Heer, den Falken aber, den Vogel der Sehnsucht, zur

schönsten Prinzessin. Finde die rechte Antwort -- finde die Antwort!

Zutiefst in seinem Koffer bewahrt er ein Heftchen, das mancherlei

Ergüsse birgt. Er hält es sorgsam geheim. -- Ein dichtender

Bankbeamter! -- Die andern würden ihn tothacken, wie Sperlinge einen

gelbgefärbten Artgenossen. -- Und die Antwort, das Zauberwort, das er

finden will, steckt in keinem der linkischen Versuche. Woran es fehlt?

Wie innig empfindet er die Natur, nun, da der drückende Zwang von ihm

genommen ist; wie glühend erfüllt ihn der Gedanke an Gitta, Gitta ...

Was aber dann in Worten vor ihm steht, klingt matt, farblos,

abgebraucht.

Es genügt wohl nicht, die Sprache neu zu erleben, hergebrachte Formen

mit eigenem Sinn zu füllen, fremde Lügen zu empfangen und eigene

Wahrheiten zu gebären? -- Wer bist du, Würmchen, daß du das All neu

erdenken, freventlich mißachten willst, was ungezählte Geschlechter vor

dir erdacht, erkannt, geglaubt haben?

Lernen ... lernen ... Aber hieße das nicht wieder Schule, Zwang,

Unfreiheit? Oder gibt es eine Freiheit, die sich fügen kann, weil sie

jedem Zwange überlegen ist?

Junge Triebe: Roman · 第 16 / 18 段