kleinlichen Zwischenfälle spurlos an ihm herunterrinnen, wie Wasser am
Fell des Seehunds. Wie lange denn noch ...
Schwer aber beginnt von neuem der Gedanke an den Vater zu drücken. Wie
wird der den Plan aufnehmen, wie wird die Auseinandersetzung ausfallen?
Keinen Augenblick zweifelt Fritz daran, daß sein junger Wille diesmal
obsiegen muß. Doch möchte er dem Alten die Niederlage nicht im Bösen
beibringen. Innerlich, das weiß er von Mailand her, innerlich wird der
Vater wohl dasselbe wünschen -- Universitätsstudium. Aber er kennt
auch den jähen Starrsinn des Kraftmenschen, der sich dem, was er für
Auflehnung hält, eisern verschließt, auch wenn es sich mit seinen
Wünschen deckt. Vorsicht also und jede unnütze Schärfe vermeiden --
aber wie soll das in Briefen möglich sein? Die Nachrichten von Hause
kommen spärlich und wenig gehaltvoll. Auf dem starken Elfenbeinpapier
stehen feingestochen die weichen Schriftzüge der Mutter, doch ein P.
d. im oberen oder unteren Eck des Bogens zeigt an, daß „Papa diktiert“
hat. Ermahnungen, Vorschriften, Verbote ... Arbeiten, Sparen ... „Wir
dulden natürlich nicht ...“ wie freudlos alles! Kein Wort von dem Leben
da drüben, in dem alten Haus unter vielen häßlichen Häusern, mit den
weiten Feldern im Hintergrund ... Selten einmal ein Brief von Gretl,
gütig, zärtlich, doch sie auch seltsam gehemmt in allem, was das Leben
zu Hause anging. Leidet sie unter der steten Nähe der lebensfremden
alten Leute, oder hat sie die Kraft gefunden, der greisenhaften Trübsal
den jungen Willen zur Freude entgegenzusetzen, wie Gitta? Gretl und
Gitta! Der Schwester fehlte wohl Gittas harte Kraft. Die ließ sich ihr
Schicksal aufbürden und trug es stumm und ohne Klage, mit dem gütigen,
treuen Lächeln um die Lippen, das er so gut kannte. Gretl! -- Und Fritz
merkt beschämt, daß er in den Auslandsjahren die Schwester innerlich
vernachlässigt hat, in den letzten Monaten besonders. Wortreiche
Schilderungen der Ritte und Jagden, der fremden Weiten -- mußte er sie
damit nicht eher gequält haben, sie, die in trübster Kleinstadt einen
leeren Alltag lebte? Und nie ein Wort der Klage, kein Schatten von
Neid, immer nur freundliches Miterleben. -- Treue Schwester!
Die Brüder, mein Gott, die Brüder! Felix der Musterhafte, hoher
Verwaltungsbeamter, und Max, nach wilden Reiterjahren, im Generalstab
-- erhabene Würdenträger! Immerhin, es gab Erinnerungen -- die
Löwenjagd, und Haschilipani Maschitzki Baribatzki -- man sollte die
beiden wieder einmal sehen! -- Im Frühsommer stand ihm der erste
Europaurlaub zu, das wußten die Eltern durch den Herrn Rat, und der
Vater hatte ihm erlaubt, die vier Wochen zu Hause zu verbringen: „Wir
haben nichts dagegen ...“ Er kam nicht los von dem majestätischen
Herrscherstil, und dabei gedachte er sicherlich mit dem weitgereisten
Jüngsten zu prunken, auf seine Art. Armer alter Mann --, der kaum sich
selbst, geschweige denn dem Sohne eine Freude einzugestehen wagte! Der
graue Himmel da oben, Nebel und Regen ...
Der Urlaub ließ sich im letzten Augenblick mit der Kündigung verbinden
-- er konnte abreisen, um nicht wiederzukehren, und drüben, drüben,
wenn er erst mit dem Vater Auge in Auge sprechen konnte, da fand sich
wohl die Möglichkeit, alles zu erklären, ihn in Güte umzustimmen, wenn
Umstimmung nötig war ...
Und so soll es sein: Bei Antritt des Urlaubs wird gekündigt. Die Bank
kannte ohnedies keine Kündigungsfrist. Wer gehen mußte, der bekam seine
drei Monate Gehalt in die Hand, wer gehen wollte, dem wurde die Türe
weit aufgemacht und damit Gott befohlen! -- Wochen nur noch bis dahin,
die es zu nützen gilt!
77
Wolkenloser Frühling. Auf den Feldern wuchern meterhoch die jungen
Halme. Gegen den Wüstenrand zu wird das dunkle Grün lichter,
schütterer, verliert sich in kümmerlichen Hälmchen. Im Herbst aber wird
das neue Stauwerk einsetzen, wird die zeugenden Wasser des Stromes
weiter in das durstige Land hineinpressen, die Sakkîjen, Schaddûfs und
die archimedischen Schnecken, da und dort wohl schon dampfgetriebene
Drehpumpen, werden sie über Bodenschwellen heben, weiterdrücken,
weiter ins Land. Und wieder wird ein neues Stück Wüste seine stolze
Keuschheit verlieren, wird Frucht empfangen müssen und gebären. --
Die Wachteln, Bekassinen und Wildtauben sind aus dem Süden gekommen,
sammeln letzte Kräfte zu dem Flug über das weite Meer. Wißt ihr nicht,
ihr Wanderer, daß an den Inselküsten erbarmungslose Feinde euch
erwarten? Daß viele Tausende in Stecknetzen, in Lockgarnen, in Fallen
aller Art, oft unter rohen Knüppeln elenden Tod finden müssen, ehe die
kühlen Ährenfelder des Nordens euch aufnehmen? Wißt ihr das nicht? Seht
doch den Überfluß ringsum: Warum wollt ihr die reiche Tafel verlassen?
Lockt es euch so übermächtig, das Rauschen der Bäche und der Wälder,
die Glocken aus alten Zwiebeltürmen über abendliches Land klingen zu
hören? Geht ihr Wanderer -- Glück auf euren Weg! Bald folge ich euch!
* * * * *
An einem Morgen liegt feiner weißer Dunst über dem Himmel. Die Sonne
blickt glanzlos, als matte Scheibe, gibt keinen Schein. Unerträgliche
Spannung in der Luft -- die Menschen kriechen müde, reizbar durch den
schattenlosen Tag: Chamsîn!
Hier in der Stadt zeigt er nur noch das bleiche Grinsen, zu dem sein
Antlitz nach tobender Wut erstarrt ist; nur ein letzter Hauch seines
sengenden Atems weht jetzt durch die Straßen. Wieviel Leben aber magst
du draußen in der Wüste vernichtet haben, die dir wehrlos untertan ist?
Wieviel Grabhügel hast du über erstickten Menschen, über Tragtieren,
über Nomadenzelten getürmt, verblasen und nochmals getürmt? Wieviel
Mordlust hast du geweckt, wieviel lasterhafte Brunst entfacht, Vater
des Bösen, Teufelsatem, Chamsîn? --
Nun kommt die heiße Zeit. Die Sandstürme folgen einander in kurzen
Pausen, scheuchen Schlaf und Ruhe. Die letzten Touristen fliehen eilig.
Die Stadt wird sommerlich still. Kutscher und Eseltreiber sind demütig
auf bescheidenen Verdienst erpicht. Der halbflüssige Asphalt hemmt
klebrig jeden Schritt. --
Draußen die Wüste, windstill in trockener Glut. Die Hitze legt sich
eng um den Körper, wie ein Gewand. Ein langer Abschiedsritt durch
die Hügel und Täler des Mokkhattam. Weit draußen im Wadi Dukla, im
Windschutz eines Felsblockes, der Abdruck eines kleinen nackten Fußes
im hartblätterigen Sand: Gitta! Da liegt er schon lang hingestreckt,
das Gesicht in die schlanke Fährte gepreßt, tastet mit zuckenden Lippen
die Umrisse nach: Gitta, Gitta! Und die kleine weiße Narbe glüht.
Vorbei auch das! -- Fritz steht wieder fest auf beiden Beinen und
umfaßt mit einem langen Blick das tausendfarbige Sandmeer: Laß mich
dich trinken, fremde Schönheit, erfülle mich mit deinem Licht, daß
es mir graue Tage unter einem Himmel erhellen mag, der deine Farben
nicht kennt. Von dorther kam ich, aus grauen Nebeln -- dorthin muß ich
zurück! Auch dort liegt ein Geheimnis auf dem Grund der Dinge, in Wald
und Bächen, und in den flachen Feldern noch, die sich endlos dehnen.
Doch ist es süß und tief, birgt fruchtbaren Frieden, nicht Tod und
Qualen, wie dein glühender Schoß, du prunkende Fremde!
78
Fritz steht im Zimmer des Direktors: schwere, englische Ledermöbel,
reiche Teppiche, ein großer Marmorkamin. Starker Duft von Mokka
und feinem Tabak. -- In dem breitlehnigen Kippstuhl hinter dem
Doppelschreibtisch ein Mann mit großen, festgeschnittenen Zügen,
klaren Augen unter hoher Stirn ... Fritz steht wartend und grübelt:
Wann hat er den Raum zum erstenmal betreten, war das gestern oder vor
zehn Jahren? -- Und er sieht sich im Geiste wieder als den Neuling,
frisch aus Mailand, ehrfürchtig schaudernd noch von den Eindrücken der
Seereise und der neuen Würde des „Europäers“ -- und ungeliebt -- o
Gitta!
Da ist auch die klingende Stimme -- der Direktor sieht von seinen
Unterschriften auf: „Was haben Sie auf dem Herzen?“ -- Fritz stottert
sein Begehren hervor: kein Urlaub -- Abschied, Entlassung ... Studien
vollenden ... Und die Größe des Entschlusses läßt seine Stimme zittern.
Auch merkt er plötzlich, daß er den gütigen, wortkargen Mann da auf
eigene Art geliebt hat. -- Der Direktor hat ihn zu Ende gehört und sagt
nach kurzem Schweigen: „Ich hab’s mir wohl gedacht, daß Sie im Bankfach
nicht glücklich werden -- übelnehmen kann ich’s Ihnen nicht! Also --
viel Glück zu Ihrem Entschluß -- ich lege Ihnen gewiß nichts in den
Weg!“
Fritz fühlt sich maßlos ergriffen von den paar einfachen Worten,
meckert aus zugewürgter Kehle Dank und die Bitte, von der Kündigung
nichts nach Europa zu berichten. „.. Mein Vater ist alt -- ich kann
mich brieflich schwer mit ihm verständigen ..“ -- „Na, hoffentlich geht
es mündlich um so leichter,“ kommt es gutmütig zurück. „Also nochmals
-- viel Glück -- und machen Sie’s gut!“
79
Die Eingeborenenviertel prangen im Schmuck von ungezählten bunten
Wimpeln, edlen Teppichen und Stickereien, zu Ehren des Frühlingsfestes
Cham-El-Nessîm. Fritz kehrt froh und farbensatt von einem weiten
Gang durch die alte Stadt zurück und merkt mit leiser Überraschung,
daß bei seinem Eintreten die laute Runde am Abendtisch in drückendes
Schweigen verfällt. Vergebens sucht er ein Gespräch in Gang zu bringen;
selbst die Stiftung einer Abschiedsbowle verfängt nicht. Nur stummes
Kopfschütteln und seltsame Blicke sind die Antwort. Endlich erhebt sich
Herr Lustig und fordert ihn mit einem Augenwink auf, ihm zu folgen.
Fritz wittert einen der üblichen Scherze und wappnet sich zu schlauer
Abwehr. Doch Herr Lustig schließt die Zimmertüre, beginnt stockend
und verwirrt zu sprechen: „Es sind Nachrichten gekommen .. der Vater
...“ Dann starrt er Fritz ängstlich, fast flehend an, als sollte der
ihm die Fortsetzung erlassen. Doch Fritz schweigt. Herr Lustig beginnt
abermals, stößt nach kurzem Zögern hervor: „Der Vater ist tot!“ --
„Wessen Vater?“ fragt Fritz, immer noch völlig verständnislos. „Ihr
Vater!“ murmelt Herr Lustig. -- „Mein Vater? Der war ja gar nicht
krank .. das ist ja ...“ dumm gelogen, will er sagen. Doch er besinnt
sich: +den+ Scherz erlaubt sich keiner! Ein Mißverständnis also, das
rasch aufgeklärt werden muß! -- „Woher haben Sie die Nachricht?“
fragt er rauh. Und Herr Lustig beginnt sich erschreckt von dem
Verdacht zu reinigen, er habe eine solche Mitteilung etwa leichtfertig
gewagt. Mit der Abendpost ist ein Brief für Fritz gekommen und eine
schwarzgeränderte Todesanzeige. Die wurde, da der Umschlag offen war,
aus reiner Neugierde gelesen. Um nun die Wirkung des Versehens zu
mildern -- zweifellos ein Versehen --, habe er sich auf Wunsch der
Tafelrunde entschlossen ... einige vorbereitende Worte ... in der
besten Absicht ...
„Wo sind die Briefe?“ flüstert Fritz. Und Herr Lustig zieht sie aus der
Rocktasche, bleibt einen Augenblick unschlüssig stehen, geht dann auf
Zehenspitzen hinaus. Die Tür klappt zu.
Fritz entfaltet das schwarzgerahmte Blatt mit fliegenden Händen. Da
steht es -- Name -- Titel -- Orden -- nach kurzem, schwerem Leiden ...
Vor sieben Tagen gestorben! Und er hat diese sieben Tage ahnungslos
gelebt, hat sein bißchen Dienst gemacht, Spaziergänge, Ritte, hat
gelesen, geplaudert, gegessen, geschlafen -- gestern, heute, vor einer
halben Stunde noch, als der Vater längst schon in der Erde lag?
Der Vater gestorben -- und hat wohl noch in den Tod das alte Bild
des Jüngsten mitgenommen -- schlimmer noch: Die Kündigung, auf
eigene Faust, doch in der festen Absicht unternommen, vor dem Vater
dafür einzustehen -- nun wird sie zur Heimlichkeit, zur nie wieder
gutzumachenden! -- Er hätte den Vater sehen, sprechen, ihm die Wandlung
beweisen müssen ... zu spät!
Nach kurzem, schwerem Leiden ... Der Vater war krank, und man hat ihm,
dem Sohn, nichts geschrieben; er ist gestorben, und man überläßt es
dem Zufall, ob der Sohn nicht durch eine gedruckte Todesanzeige davon
erfährt -- wer durfte ihm das tun? Und erstickende Wut steigt in die
Kehle. -- Da fällt sein Blick auf den zweiten Brief, der die steile
Mädchenschrift der Schwester zeigt. -- Am Todestage aufgegeben -- die
Karte zwei Tage später ... Sie haben nicht daran gedacht, daß die Post
in Genua gesammelt wird ... Ein Mißverständnis noch im Tode ...
Da kommen die Tränen.
* * * * *
Die Schwester schreibt kurz, sichtlich unter dem unmittelbaren Eindruck
des Hingangs: Der Vater habe jede Nachricht von seiner Erkrankung
ausdrücklich verboten ... keine unnütze Aufregung gewünscht ... dann
das Ende so plötzlich ... Die arme Mama ... „In wenig Wochen bist Du ja
hier -- ich hatte so viel von dem Wiedersehen gehofft -- nun findest Du
ihn nicht mehr ...“
Wo ist nun die Herrengebärde, der Sieg des jungen Willens -- wozu nun
alle Einkehr, alle Selbstbesinnung, da +er+ nicht mehr davon erfährt?
Und einen Augenblick scheint ihm der Abschied von der Bank, nun, da
er sich widerstandslos und selbstverständlich vollziehen könnte, fast
verleidet. Doch bei allem Schmerz merkt er den eitlen Trotz, der den
verlorenen Widerpart vermißt, und zwingt ihn wütend nieder: Soll dies
letzte Jahr umsonst gelebt sein, soll Gitta umsonst um mich geweint,
gelitten haben? -- Nicht dem Vater, ob lebend oder tot, zuliebe oder
zuleide, auch Gitta nicht -- +mir selbst habe ich mich zu beweisen+!
-- --
80
Ein weißes Schiff zieht durch die Hafeneinfahrt, läßt das lehmige
Brackwasser hinter sich, gewinnt das blaue, sonnige Meer. Fritz
steht im Heck, über den Schaumwirbeln der Schraube, sieht die hellen
Strandhäuser mit den Palmen und Büschen ihrer Gärten langsam unter den
Horizont versinken. Das Lotsenboot jagt unter kräftiger Brise zum Lande
zurück. Endlich nur weit im Süden, Meer und Himmel trennend, ein dünner
gelber Strich: Afrika! Ein letzter Blick noch -- vorbei!
Des Schiffes Bug zeigt nach Norden.
Ernst W. Freißler
Schwefelblüte
Novelletten. 2. Auflage
+Hamburgischer Korrespondent+: Diese kleinen, teilweise schon im
Simplicissimus erschienenen Geschichtchen sind in dieser Einfachheit
so spannend und unterhaltend geschrieben, daß man bedauert, sie so
schnell durchgelesen zu haben. Jede einzelne von ihnen zeigt Freißler
als amüsanten Plauderer, der die Schwächen, Fehler und Launen seiner
Mitmenschen in geradezu diabolischer Weise bespöttelt. Den Banausen
und Philistern versetzt er manchen Schlag. Trotzdem er voller Ironie
und Sarkasmus steckt, weist er doch auch dem echten Humor seinen Platz
an und entwirft harmlos ulkige Bilder. Die Knappheit der Handlung
und des Stils werden den Leser erfrischen. Versteht der Verfasser es
doch, durch seine glänzende Dialektik zu überzeugen und mit einzelnen
Novelletten Hypochonder zum Lachen zu bringen.
+Breslauer Zeitung+: Ernst W. Freißler ist als E. W. Günter aus dem
„Simplicissimus“ bekannt. Nun hat er sein Pseudonym gelüftet und
seine kleinen psychologischen Feuilletons und die geistreichen,
ironischen Menschenporträts, die man von ihm bereits kannte, gesammelt.
„Schwefelblüte“ nannte er diesen Band, der eine nachdenkliche Stunde
vermittelt. Freißler hat glänzende Mittel. Er verfügt über eine
stilistische Gewandtheit, die ihn interessant darstellen läßt, aber
auch über einen sprachlichen Reichtum, dem glänzender Arabeskenzierat
bei der Abrundung und Ausschmückung seiner novellistischen Bilder
gelingt.
+Saale-Zeitung, Halle+: Der Verfasser gibt Genrebilder mannigfaltigster
Art. In diesen knappen Bildern zeigt sich die Begabung Freißlers am
deutlichsten. Ein mit wenigen Strichen scharf umrissener Hintergrund,
vor dem die mit kraftvoller Hand gezeichnete Studie sich markant abhebt.
Albert Langen, Verlag in München
Ernst W. Freißler
Der Hof zu den Nußbäumen
und andere Novellen
8. Auflage
+Literarisches Echo, Berlin+: Freißler vereinigt in dem schmucken
Bändchen ein paar ernste und heitere Erzählungen. Die lustige Wirkung
verdankt er seiner satirischen Sehschärfe und einem ironischen
Erzählerton, der voll reizender Bosheiten steckt, weil er sich
mit anscheinender Biederkeit gibt ... All diese Dinge erzählt
Freißler unterhaltend, gewandt, auf das Psychologische bedacht,
unterschiedlicher Töne fähig und mit guter Herausarbeitung des Effekts.
+Schlesische Zeitung, Breslau+: Mit raffinierter Wortkunst drängt er
seine Geschichten zuweilen in kleinste feuilletonistische Formate
zusammen und erzielt dabei auch ohne unerwartete Schlußpointen
nachhaltige Wirkungen.
+Die Post, Berlin+: Freißler erlebte den Krieg. Er suchte ihn geistig
und seelisch zu begreifen und gibt nun die Bilder seines Schauens
wieder. Seine Erzählungen sind vertieft und doch auch lebendig und
frisch, sie zeigen Freißlers Gestaltungskraft, wie die Fähigkeit zu
einer treffenden Satire.
+Breslauer Zeitung, Breslau+: Kurze Erzählungen, in denen der unter dem
Namen E. W. Günter bekannt gewordene Mitarbeiter des „Simplicissimus“
mit seiner reifen stilistischen Kunst und psychologischen Schärfe,
die zuweilen -- wie in der Erzählung „Der Patriot“ -- zu satirischer
Charakterschilderung sich zuspitzt, zum Teil Probleme behandelt, die
aus kriegerischen Erlebnissen sich ihm aufgedrängt.
+Vossische Zeitung, Berlin+: ... „Die Familie“ und „Die fremde Frau“
auch „Der Sturm“ zeigen sichere Beobachtung, festen Griff, kühlen Blick
ins Menschliche. Streben, aus der Kleinheit des Geschehens in den
Zusammenhang der ganzen Welt zu münden, gewissermaßen im abgesprungenen
Splitter die Totalität darzulegen -- dieses Streben des echten
Novellisten wird erfreulich sichtbar.
+Tagespost, Graz+: In diesem Bändchen gibt der aus dem früher
erschienenen Buche „Schwefelblüte“ bestens bekannte Autor eine Anzahl
Novellen, ernsten und heiteren Charakters, die Proben einer gereiften
Kunst darstellen.
Albert Langen, Verlag in München
Joseph Conrad
Der Nigger vom „Narzissus“
Roman. 2. Auflage
Deutsch von Ernst Wolfgang Günter
+Das literarische Echo, Berlin+: Hier wird die Fahrt der Brigg
„Narzissus“ geschildert von einem, der dabei war. Conrad kennt
die Menschen, die da aus aller Herren Länder zu einer Fahrt
zusammengewürfelt werden zu der sonderbaren Kameraderie, wie sie
nur an Bord möglich ist, in dem ungesprochenen Gelübde, dem stummen
Glaubensbekenntnis, das die Besatzung eines Schiffes verbindet. Seine
Menschen +leben+, und er +sieht+ sie. Das +sind+ die Heimatlosen,
Unbehausten, jeder mit der Tragik, die ihm erlaubt ist. Kinder und
verrucht, weichherzig und roh, fromm und vom Glauben an seltsame
Gewalten erfüllt. Da ist kein Zug verzeichnet, alles ist echt und
salzig.
Mit den Augen des Westens
Roman. 2. Auflage
Deutsch von Ernst Wolfgang Günter
+Leipziger Neueste Nachrichten+: Stofflich zeigt sich eine nicht
unbedeutende Verwandtschaft mit Dostojewski, der auch seine Probleme
aus dem unergründlichen Thema der verbrecherischen Seele geholt hat.
Hier wird ein junger, russischer Student geschildert, der ganz durch
Zufall mit einem von der Polizei gesuchten Mörder zusammenkommt; ihn
erst beschützend, dann verratend von der Behörde als Spitzel engagiert
wird, aber schließlich den hohen Entschluß faßt, diese innerlich
unwahre und bedrückende Existenz zu enden. Zu feinen psychologischen
Beobachtungen und Anmerkungen bietet solche Handlung natürlich
reichlich Gelegenheit, und vor allem die packende und überzeugende
Darstellung der seelischen Wandlung des Helden vermögen lebhaft zu
interessieren. Eine auffallende Vertrautheit mit dem Charakter des
russischen Volkes und Landes machen den Roman wertvoll.
Albert Langen, Verlag in München
Joseph Conrad
Das Duell
Novellen. 3. Auflage
Deutsch von Ernst Wolfgang Günter
J. E. Flecker
Hassan
Schauspiel in fünf Akten
Deutsch von Ernst W. Freißler und Herbert Alberti
Flecker führt uns in seinem Werk in das Bagdad Harun al Raschids, des
Prächtigen. Mit stärkster dichterischer Kraft ist der Zauber jener
versunkenen Zeit erfaßt und gestaltet, jenes seltsame, berückende
Gemisch aus Märchen und grausamster Wirklichkeit, aus reichster
Pracht und erbärmlichstem Elend, aus Gold und Blut, aus Hymnen und
Wehklagen, aus Wollust und Tod. Dabei ist Harun, der Märchenfürst, ganz
neuartig gesehen, ohne jede Anlehnung an irgendwelche Überlieferung,
als selbstgerechter Alleinherrscher, der in willkürlichem Spiel mit
Menschenleben künstlerischen Genuß sucht und findet. Hassan, der Held,
wird ein Opfer der fürstlichen Spiellaune, wird aus niederstem Stande
emporgehoben zu einem Tag voll Pracht und Glanz, zu einem strahlenden
Tag, dessen Abend ihn gestürzt, gedemütigt, in tiefster Erniedrigung
findet. Wie Hassan dies Schicksal trägt, wie er, dem Erliegen nahe,
doch noch zu innerer Erlösung und Befreiung kommt, das bildet, neben
zwei seltsam verwobenen Liebesgeschichten, den Inhalt des Werkes.
Albert Langen, Verlag in München
Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Einbände von E. A. Enders in Leipzig