Aufstehen fühlt er quälenden Kopfschmerz, ziehende Mattigkeit in allen
Gliedern. In der Bank überfällt ihn jäher Schüttelfrost, er taumelt
frierend durch die breite Mittagsonne nach Hause, wirft sich ins
Bett. Ihm ist, als wäre sein Hirn zur Bleikugel eingeschrumpft, die
nun bei der leisesten Regung schmerzhaft an die Schädelwände schlägt.
Ruhig liegen, ruhig. -- Da kommt ihm ein leises Klingen ins Ohr, das
schmutzige, oft geflickte Mückennetz wird zum prunkenden Betthimmel,
der dumpfe Straßenlärm fügt sich zu rauschendem Rhythmus und jetzt,
hinter geschlossenen Lidern, das Bild, das er so lange nicht mehr
gesehen hat: ein weiter, glattgepflasterter Platz, auf den in langen,
dichtgedrängten, glasharten Schnüren und Strähnen vielfarbiger Regen
niederfällt, in allen Farben, blau, rot, gelb, grün. Regen, Regen ...
Den Poporutscher haben sie wohl ins Nebenzimmer gesteckt -- aber warum
zünden sie die große Lampe nicht an? Felix und Max müssen doch lernen
... Und die Mutter läßt sich nicht blicken ... aha, da kommt sie,
bringt Licht ... und der Vater ... Ja, Vater, das hab’ ich mir nun auf
der Jagd geholt, ein wenig Fieber, nicht schlimm ... das verfluchte
Gerippe hat wieder einmal recht ... wart’, Hund, ich werf’ dich ab
... Ja, Vater, ich reite jetzt auch viel, fahre oft im Wagen, rauche
Zigaretten ... Gott, ja ... man lebt eben ...
Da klingt eine laute, fremde Stimme: „Aspirin -- alle Stunden ein
Gramm, dreimal! --“ Ein bitterer Geschmack im Munde, Wasser drauf ...
Das ist nicht der Vater! Ein fremder Mensch, und die Pensionswirtin
... Dann wieder Halbschlaf und Feuerregen, der langsam blasser wird,
farblos -- erlischt. --
Und ein Auffahren: „Wer steht dort neben der Türe, hoch und schlank, im
weißen Kleid? -- Gitta -- Fräulein Gitta Hostrup -- gewiß, ich hatte
das Vergnügen, neulich in der Mouski -- oh, bitte, nur ich habe zu
danken, nur ich ... Mädel, sag, wo kommst du her? Weißt du denn, wie
ich mich nach dir gesehnt habe -- nach deinen großen Augen und deiner
festen, langen Hand -- willst du mir gut sein? Oder kannst du es nicht
verzeihen, daß ich durch Sumpf gegangen bin? Sieh doch, ich war blind,
ich kannte den Weg nicht ... Steh nicht so steinern dort an der Tür! --
komm näher, komm, -- verflucht, es ist der Bademantel ... oh, Gitta!
-- --“
Die starke Aspirindosis hat das Fieber gebrochen. Der nächste Morgen
schon findet Fritz fieberfrei, aber lächerlich schwach und zerschlagen.
Der Puls ist kaum zu spüren, im Schädel rollt immer noch die
verwünschte Bleikugel. -- Milch als einzige Nahrung -- sie ist lauwarm,
schmeckt nach Büffel. -- Draußen hat sich eben die Sonne durch die
Morgennebel gekämpft, pocht herrisch an die Fensterläden; ein heißer
Wind fegt Staub herein -- zwei Kakerlaken rennen erschreckt über den
Steinfußboden. -- Da ist so eine verdammte Mücke im Netz, schwirrt
singend herum -- bis man die Bestie erwischt, hat sie einen zehnmal
gestochen ...
In Weißwasser werden jetzt die Brombeeren reif, die Tage sind still
und klar, und die Nächte kalt, mit ersten Frösten ...
Draußen verzittert der Gebetsruf des Muezzin ...
68
Nach zwei kurzen Rückfällen ist das Fieber überwunden, doch die
Genesung geht langsam vor sich. An weite Ritte oder Jagd ist nicht
zu denken. Die Pensionsfreunde nehmen keine Rücksicht auf Fritzens
geminderte Bewegungsfreiheit. Sie leben ihr Leben weiter. -- Werktags
harte Arbeit, abends lärmende Spiele und an den Feiertagen hinaus
in die Sümpfe oder in die Wüste. So ist Fritz viel allein, doch die
Einsamkeit drückt ihn nicht, denn in ihrer Hut blüht täglich stärker
ein Gefühl empor, zu dem er sich in der spottlustigen Runde nie zu
bekennen gewagt hätte. Der Gedanke an das fremde Mädchen verläßt
ihn keinen Augenblick. Wütend wehrt sich sein Stolz: „Das ist so
eine hochnäsige Gans, ein paar Millionen schwer, will bestenfalls
Schindluder mit mir treiben -- wahrscheinlich hat sie mich aber längst
vergessen. -- Nicht dran denken -- laufen lassen, laufen lassen!“ Doch
sein Gedächtnis läßt sich nicht betrügen. Unverlöschlich haftet das
Bild des schlanken jungen Leibes, das ruhige Gesicht mit großen Augen.
Und die Stimme -- weich, lockend, wie eine Abendglocke hinter Hügeln!
Wieviel gütiges Verstehen lag noch in dem leisen Spott der Frage: „Sie
haben wenig Verkehr hier?“ Oh, dieses Mädchen lieben dürfen, sie nur
lieben dürfen -- das allein könnte wohl den Fluch löschen, der von
früher Jugend an auf seinem Leben lag. Noch wagt sein Ehrgeiz sich
nicht bis zu der Hoffnung, vielleicht, vielleicht auch geliebt zu
+werden+. Auch ist ein Wiedersehen so wenig wahrscheinlich -- Wochen
sind seit dem Abend in der Mouski vergangen. Die dumme Schüchternheit
erst, dann die Krankheit -- nun, nach so langer Zeit, verbietet sich
ein Besuch im Hotel von selbst. Sie ist wohl längst abgereist -- sicher
längst abgereist -- hat ihn vergessen ...
„Oh Gitta, Schöne, Schöne, Schutzengel -- ich vergess’ dich nicht!“
* * * * *
Ein stiller Sonntag in der Pension. Sechs von den lauten Genossen sind
in die Wüste geritten, kommen wohl abends erst zurück. Nur Herr Lustig
ist daheim, weil ihn sein ewiges Magenübel plagt. Und Fritz.
Zum Nachmittagstee findet sich ein deutscher Bekannter ein, Herr
Heinze. Der ist, von dem scheinbar hohen Gehalt gelockt, nach
Ägypten gekommen, um Ersparnisse machen und eine arme Jugendliebe
heiraten zu können. Nun arbeitet er zwei Drittel des Tages in einem
Kommissionskontor in einem der verwinkelten, stickigen Seitengäßchen
der Mouski, wohnt in einem elenden Mietszimmer und ißt im Gasthause,
weil sich dabei leichter sparen läßt als in einer Pension. Kein noch
so harmloses Vergnügen gönnt er sich, knickert am Essen und Trinken,
an Wäsche und Kleidung, lebt nur für sein kleines Bankguthaben, das
langsam, langsam wächst.
Das Bild seiner Braut trägt er ständig bei sich. Fritz hat es einmal
zu sehen bekommen: ein leeres, blondes Gesicht, nicht jung, nicht
alt, mit kleinlichen Sorgen Vertraut. Wie groß muß die Liebe sein,
die solches Leben um solches Ziel erträgt? Fritz fühlt, bei aller
Ablehnung der fremden Art, mitleidige Zuneigung zu dem Arbeitstier, das
sich eigenwillig die Jugend verkümmert. Und leisen Neid: der blonde
Rundschädel mit dicker Brille und schlechten Zähnen -- der durfte
glücklich lieben, durfte sich geliebt wissen und Besitzerfreuden kosten
-- und Gitta? --
Herr Heinze empfindet das Mitleid nicht -- er fühlt sich ja reich und
beneidenswert --, setzt vielmehr den Neid als selbstverständlich voraus
und nimmt die Zuneigung dankbar an.
Um die Dämmerstunde fahren sie zu den Pyramiden hinaus. Hinter der
großen Brücke fügt sich der Wagen in die breite Doppelkette von
Gefährten ein, die auf der breiten Straße hingleitet. Was spreizt
sich da alles im rotgoldenen Licht des Winternachmittags! Hakennasige
Spaniolen mit ihren Weibern, schnaubend im Fett, hilflos in Pariser
Moden geklemmt, ewigen, gierigen Haß in den unsteten Jettangen.
Syrianische Winkelagenten und Schieber in kostbaren Sportwagen. --
Arabische Würdenträger lassen im Gedränge die reich gekleideten
Vorläufer neben den silbergezäumten Hengsten traben. Große Kokotten
stellen sich zur Schau, wecken Besitzgier. Da und dort Engländer
im Dogcart oder Tilbury, aufdringlich fast in der schmucklosen
Gediegenheit von Gespann, Wagen, Insassen.
Die edlen Vollblutpferde vor den kostbaren Gefährten aber geben sich
schäumend der Lust an der Weite hin, unbekümmert um die Fracht von Haß,
Neid, Gier und Wollust, die sich an ihren stürmenden Lauf geheftet hat.
Die Pyramiden sehen den glitzernden Zug kommen, wenden und eilig
zurückfluten nach der gärenden Stadt. Sie ragen unberührt aus dem
Sandmeer, das ihre Grundfesten benagt. Verachtung strahlt von ihnen
aus, und breiter Hohn:
„Uns haben Menschen erbaut, Menschen mit weiten Götterseelen, die
noch für ihre sterblichen Leiber Unvergänglichkeit und unzerstörbare
Ruhestätten erzwangen. Wo habt Ihr ihresgleichen? Sie gehorchten
niemand, aber sie wußten die Peitsche zu führen. Und zahlloses
Sklavengezücht Eures Blutes und Euerer Art mußte fronend verrecken,
bis wir standen. Doch künden wir von Schweiß und Tod auch der namenlos
Unterlegenen, die Peitsche nur und Stachelstock zu solchem Werke trieb.
Ihr alle, Ihr alle liegt hart unter goldener Geißel! -- Wo aber sind
Eure Werke, die Jahrtausende überdauern sollen?“
* * * * *
Die Sonne ist versunken, die schlammigen Felder hauchen kühle Dünste
aus. Die gleitende Ordnung beginnt sich rasch zu lösen. -- Wie der
Mietwagen der Freunde stadteinwärts wendet, kommt ihm jäh ein reiches
Gespann entgegen, wendet unmittelbar in engstem Zirkel und fegt sausend
wieder vor, daß die Langschwänze der Vollblüter fahnengleich wehen.
Fritz fährt auf wie gestochen, sinnlos, unbeherrscht --: Das klare
Gesicht, das da aus matten Seidenkissen aufgeleuchtet hat, -- die
wachsblasse alte Dame daneben -- und jäh aussetzender Pulsschlag zwingt
ihm einen heiseren Jungenschrei ab. Er sieht noch, wie das Mädchen im
Wagen aufspringt, eindringlich zurückwinkt -- dann verschwimmt das Bild
im Straßenstaub und Abenddunst.
Lustig und Heinze bestürmen ihn mit aufgeregten Fragen: „Was ist ...
was soll das ... kannten Sie die Dame?“ -- Er findet keine Antwort,
nickt gedankenlos, halb unbewußt. -- Sie hat ihn erkannt! Hat ihm
zugewinkt -- +wie+ zugewinkt! -- Schon wollen sich Zweifel melden:
War der Gruß nicht allzu formlos, galt er überhaupt ihm? Warum hatte
sie den Wagen nicht halten lassen? -- Sein Herz aber, bebend noch vor
Glück, bringt sie zum Schweigen: „Gitta hat mir zugewinkt, mir ganz
auffallend zugewinkt -- und also ist es recht so! -- Und den Wagen
halten lassen -- mitten im Gewühl -- angefahren werden vielleicht, und
wenn nicht das, so vor Lustig und Heinze Bekanntschaft erneuern? --
Ach was! Sie ist noch hier, hat mich erkannt -- hat mich vielleicht
erwartet, die Wochen her? Oh Gitta! --“
Die Freunde machen den Umweg über die Mouski, um Herrn Heinze nach
Hause zu bringen. Der Wagen windet sich umständlich durch das
dichte Gewimmel der engen Straße, unter endlosem Peitschenknallen
und heiserem Gebrüll des Kutschers, der die Fußgänger im Wege nach
Geschlecht und Stand warnend anruft: „Ouaah, oh Töchterchen ... ouaah,
oh alter Mann ... ouaah, oh Vater, ouaah ... fünfzigmal habe ich’s
gesagt, oh Kuppler, ouaah, gib acht zu deiner Rechten, hörst du mich
nicht, du Sohn von sechzig Hunden? Ouaah!“ ... Immer wieder werden die
Pferdchen hart angehalten, von neuem angetrieben. Erschreckte Flüche
klingen auf: „Warum rufst du nicht, oh Vater des Straßenkotes? Willst
du mich töten? Dreck auf dein Gesicht!“ Und der Kutscher, empört über
die ungerechte Beschuldigung, dreht sich auf dem Bocke um, bellt heiser
zurück: „Ich habe gerufen -- ich rufe immer -- du aber hörst nicht!
Bist du ein Mensch oder ein Tier, oh Kuppler mit der gespaltenen
Zunge?“ -- Unterdessen stoßen die Pferdchen, führerlos, mit nickenden
Köpfen eine Gruppe eifriger Plauderer auseinander. Neues Gezeter, neue
Flüche. -- Welch ein Volk! Wieviel Kraft wird da nutzlos, sinnlos
vergeudet an den leeren Augenblick! Und Fritz, immer noch in strahlend
hingegebener Stimmung, dem Leben zugewandt, das ihm mit einmal neu und
neuer Zusammenhänge voll sich zu offenbaren scheint, Fritz denkt mit
jäher Zärtlichkeit an die Waldbauern in Weißwasser, die auf steile
Berglehnen, ungangbar für jedes Zugtier, in Traglasten den mageren
Dünger hinaufschleppen, sich mit Frau und Kindern vor Pflug und Egge
spannen, hart und schweigsam werden im ewigen Kampf mit dem harten
Boden. --
Fritz empfindet es erstaunt, wie glühend nahe ihm plötzlich die Heimat
ist. -- Gitta, Gitta hat ihm den Weg dahin gewiesen! „Ich darf nicht so
bettelarm vor sie treten, so unverwurzelt, als irgendwer. -- Noch habe
ich kein zweites Mal mit ihr gesprochen, und sie beschenkt mich schon!“
--
Der Montagmorgen bringt trübseliges Erwachen, beißende Sehnsucht
nach dem Gestern, dem einen Augenblick am Fuße der Pyramiden, um
Sonnenuntergang. Eine graue Arbeitswoche dehnt sich öde, ohne
Freizeit, ohne Möglichkeit, eine Zufallsbegegnung zu suchen ... und
ein Besuch? -- Giftige Selbstverspottung hebt an: „Gestern so verdammt
siegessicher, Indianergeheul als Gruß -- und heute wieder Angst vor
dem betreßten Affen am Hotelportal? Oh Held aus Heldensamen und Vater
vieler Helden!“
Und doch -- da war so vieles ungeklärt! Hatte der Gruß wirklich
und wahrhaftig ihm gegolten, ihm, dem sonntäglichen Bankbeamten in
dürftiger Mietskutsche? -- Recht unwahrscheinlich, im Grunde! Und wenn
schon wirklich, dann war es eben ein Jux, den er herausgefordert hatte
durch sein vollständig unmögliches Benehmen! In Gegenwart der beiden
traurigen Flibustier heulend aufspringen und eine kaum, eigentlich gar
nicht bekannte Dame grüßen! Eine andere hätte vielleicht mit stummer
Verachtung geantwortet -- ein lustiges und selbstsicheres Mädel winkte
ebenso ekstatisch zurück -- das war eine wohlverdiente Lehre, nichts
weiter!
Nein, kein Besuch! Weiter gerackert in der Tretmühle -- und kein
Gedanke mehr an junge Mädchen, die in seidenen Polstern spazieren
fuhren und in fürstlichen Hotels wohnten. Kein Gedanke weiter! -- Oh
Gitta!
Dienstag kommt Herr Lustig im dunkelblauen Anzug mit schwarzer Krawatte
zum Abendtisch. Erstaunte Fragen wegen der feierlichen Tracht:
„Waren Sie bei einem Begräbnis?“ -- „Ja! -- Der arme Heinze ist doch
gestorben!“ -- Fritz fährt entsetzt auf: „Heinze, sagen Sie? Ja, aber
...“ -- „Ja, ja!,“ nickt Herr Lustig, wehmütiger noch als sonst, „es
ist schnell gegangen! Gestern mittag mit Dysenterie ins Spital, heute
früh gestorben -- nachmittag begraben! -- Mein Gott!“
Die andern, länger im Land und an das jähe Tempo gewöhnt, gehen mit
raschen Scherzen über das Unabänderliche hinweg. Fritz aber fühlt
eine kalte Knochenhand an der Kehle: Welch ein Land! Es leidet keine
Vertiefung -- zu kostbar ist der Augenblick, die dünne, schillernde
Oberfläche.
Ewige Fremde!
69
Und ein Tag unter vielen Tagen, gleichgültig begonnen mit brummigem
Erwachen, kalter Dusche, Frühstück und der nüchternen Morgenarbeit
in der Bank. Ein Tag unter vielen. Da ruft ein Diener Fritz in den
Parteienraum hinunter -- eine Dame wünsche ihn zu sprechen. Eine
Dame? -- ein Irrtum zweifellos ... Doch immerhin ... Und er folgt
entgeistert. --
Unten in der weiten Halle, leicht an die Marmorbrüstung eines schwer
vergitterten Fensters gelehnt, steht eine Dame in weißem Tuchkleid, das
knapp und klar von kräftigen Schultern fließt. Ein kleiner Lederhut auf
dunklem Haar ... Es ist Gitta. Sie tritt ihm rasch entgegen, streckt
froh die Hand aus, grüßt: „Guten Morgen!“ Der Klang der dunklen Stimme
weckt in Fritz ein Echo, daß er meint, das hohe Gewölbe müßte davon
bersten, und die Hand, die sich ihm da entgegenstreckt, sie hat er in
tausend Träumen ersehnt und gesegnet ...
Dennoch sind Widerstände in ihm: die Augen der Herren Kollegen ringsum
hinter den Schaltergittern, und überhaupt ... Die Idee, ihn während der
Dienststunden rufen zu lassen ...
Aber die großen Augen ruhen voll Freude und Zuversicht auf ihm, und
er wird frei und hemmungslos unter ihrem Blick, umspannt die langen,
festen Finger, drückt seine Lippen auf die mattweiße Haut. -- Dann
steht er tief atmend vor dem Mädchen: „Sie sind hierher gekommen ...!“
-- In ihrer Antwort zittert wieder der leise lachende Unterton: „Ich
mußte wohl -- denn Sie haben sich ja nicht sehen lassen! Und ich hatte
doch das bestimmte Gefühl, daß wir uns mancherlei zu sagen haben!“
Fritz fühlt neue Unsicherheit. Kann ein Mädchen, ein Mädchen der besten
Stände, tatsächlich so unbefangen sein, oder ... Doch sie läßt ihn
nicht zu Ende denken: „Mein Benehmen will Ihnen nicht in den Kopf,
wie? Nun, -- dies ist nicht der Augenblick zu langen Erörterungen,
-- aber glauben Sie mir, Sie werden noch alles begreifen lernen! --
Hören Sie jetzt: Man sagt mir, daß Sie Sonnabendnachmittag früher
Schluß machen, schon gegen fünf Uhr. Nächsten Sonnabend also, das ist
übermorgen, erwarte ich Sie spätestens um fünf Uhr in der kleinen
deutschen Teestube, Hesselbach heißt der Mann, glaube ich, Sie
kennen sie? -- Ja? -- Gut! -- Und merken Sie noch eins: Ich verstehe
allerhand Hemmungen. Besonders Schüchternheit ist mir vertraut. Kämen
Sie aber etwa übermorgen +nicht+, dann müßte ich annehmen, daß mehr
als Schüchternheit am Werke ist, daß Sie nämlich durchaus nichts mit
mir zu tun haben wollen. Und das täte mir leid, denn dann könnte
ich auch keinen Finger mehr rühren, um Sie etwa wiederzusehen. --
Übermorgen um fünf also, ja?“ Und sie streckt ihm die Hand hin. Fritz
fühlt, wie maßlose Beglückung ihm Tränen in die Augen treibt; er
beißt die zuckenden Lippen wütend fest und zwingt sich zu gemessener
Tanzstundenverbeugung, während glühende Andacht ihn drängt, ins Knie zu
sinken. Das Mädchen merkt wohl, daß seine Beherrschung an der Grenze
ist. Ein kurzer Gegendruck der weißen Hand, ein Abschiedswort -- und
mit wenigen raschen Schritten hat Gitta die Halle durchquert und tritt
in den Sonnentag hinaus.
Fritz blickt ihr nach -- da klingt vom nächsten Schalter die erste
Spottfrage an; und im Augenblick hat er sich wieder fest in Händen,
zeigt kühle Abweisung und geht in sein Bureau zurück.
Übermorgen um fünf -- das sind sechsundfünfzig Stunden! Und er stürzt
sich in gleichgültige Arbeit, rechnet das Portobuch durch, sieht die
Kopierregister nach, legt neue Adreßlisten an. -- Ach, jeder Hammer ist
recht, den verdammten Klumpen Zeit zu zerbröckeln!
Verleidet die laute Tischrunde daheim. Endlose Nächte, von wirren
Träumen zerrissen. Schleimig langsam vertropfen Sekunden und Minuten.
-- -- --
Zur festgesetzten Stunde betritt Fritz die kleine Teestube. An einem
kleinen Ecktisch, von einem Wandschirm halb verborgen, sitzt Gitta und
nickt ihm freundlich zu. Noch während er die dargereichte Hand küßt,
merkt Fritz mit Staunen, wie in des Mädchens Nähe die maßlose quälende
Erwartung der letzten Stunden von ihm abläßt, einem guten, warmen
Gefühl des Geborgenseins weicht. Dies ist keine Fremde! --
Der weißbefrackte Kellner hat das Teebrett auf den Tisch gestellt und
ist mit starrer Verbeugung verschwunden. Fritz wagt es nicht, die
Tasse zum Munde zu führen, denn er fürchtet das klägliche Zittern
seiner Hand. Gittas Augen ruhen in wohlwollender Prüfung auf ihm. Und
unvermittelt fängt sie zu sprechen an:
„Sie erinnern mich unglaublich stark an meinen verstorbenen Bruder!“
„An Ihren Bruder!“ stottert Fritz, und kann tiefe Enttäuschung nicht
verbergen. In ihrer Antwort klingt wieder der leise lachende Unterton:
„Ja, an meinen Bruder! Aber nur im Wesen, körperlich gar nicht.“ In
Fritz zucken häßliche Zweifel auf: Was soll das heimliche Lachen ...
und die merkwürdigen Reden ... das ist denn doch wohl mehr als bloße
Unbefangenheit ...
Als hätte sie ihm die Gedanken von der Stirne abgelesen, sagt Gitta
mit plötzlichem Ernst: „Ich muß Ihnen mehr erzählen, sonst könnten Sie
mein Benehmen recht falsch verstehen. -- Wir kommen aus Kalifornien.
Mein Vater hatte als Auswanderer ganz klein angefangen und es aus
eigener Kraft bis zum großen Farmer gebracht. Es ging uns gut und
wir hätten sehr glücklich sein können, meine Eltern, mein Bruder und
ich. Aber mein Vater konnte zum Unglück nie seine eigene harte Jugend
vergessen und konnte sich nie an die amerikanische Erziehungsart
gewöhnen, die die Kinder aufwachsen läßt wie die Bäume im Wald, frei
und ungehemmt. Meinem Bruder wieder lag der blinde deutsche Gehorsam
nicht mehr im Blut, er war in die neue Freiheit hineingeboren und
verlangte sie als sein Recht. So habe ich von klein auf mit ansehen
müssen, wie die beiden Menschen, mir beide lieb, sich das Leben zur
Hölle machten. Mein Bruder war nur drei Jahre älter als ich und ich
war in allem seine Vertraute. Mein Vater aber brachte mir alle die
zärtliche Liebe entgegen, die er meinem Bruder nicht zeigen zu dürfen
glaubte und die doch auf dem Grunde seines Wesens lag. Ich wurde von
allen Seiten verwöhnt, und war doch so unglücklich, daß ich mich oft
in Schlaf geweint habe. Schließlich kam mein Bruder von Hause fort, an
die Universität, und ich dachte, nun müsse alles gut werden, und er
würde nach drei, vier Jahren ruhig und fest nach Hause kommen, mit
dem Vater Frieden machen und die Farm übernehmen. Mein Vater selbst
hatte keinen anderen Wunsch, denn er begann zu kränkeln und sehnte
sich nach Ruhe. Aber es zeigte sich, daß mein Bruder der Großstadt
nicht gewachsen war. Nach wenig Wochen schon verliebte er sich in eine
Brettlsängerin und wollte sie heiraten. Mit Güte wäre er zweifellos
leicht davon abzubringen gewesen, und ich bat meinen Vater flehentlich,
mich hinfahren zu lassen oder mit mir hinzufahren. Aber er blieb
fest, wie er es nannte, schrieb einen empörten Brief, worin er mit
dem väterlichen Fluch, mit Verstoßung und Enterbung drohte, wenn mein
Bruder nicht augenblicklich heimkäme. Keine Antwort. Nach drei Wochen
endlich, als uns die Angst fast erwürgte, brachten wir den Vater dazu,
doch in die Stadt zu fahren. Aber da war es zu spät. Mein Bruder hatte
die Chansonette geheiratet und hatte sich ihrer Truppe zu einer Tournee
nach Südamerika angeschlossen -- als Klavierspieler, glaube ich.
Ohne Wissen und gegen den Willen meines Vaters setzte ich ein großes
Detektivbureau in Bewegung, um seinen Aufenthalt ausfindig zu machen.
Und bald bekam ich auch Nachricht: in einem elenden Städtchen an der
mexikanischen Grenze war er zugleich mit seiner Frau und einem dritten
Mitglied der Truppe am gelben Fieber gestorben.
Die Nachricht hat meinen Vater getötet. Er zermarterte sich mit
Selbstvorwürfen, sein altes Herzleiden wurde zusehends schlimmer,
und in knapp einem halben Jahre war er tot. Ich blieb allein mit
meiner Mutter, doch auch sie, kaum vierzig Jahre alt, war zur Greisin
geworden. Sie war immer eine rechte deutsche Gattin, keine schlechte
Mutter, aber doch vor allem dem Manne untertan. Und nun quälte es sie,
daß sie dem Sohne nicht kräftiger beigestanden, es quälte sie aber
auch nicht minder, daß sie dem über alles geliebten Mann Unrecht geben
sollte. Ihre Welt ist an einem Tage eingestürzt, und ein furchtbarer
Wandertrieb jagt sie durch die Länder. Die Farm haben wir verkauft
und führen seither das übliche Globetrotterdasein -- den Winter in
Indien und Ägypten, den Frühling an der Riviera, dann im Sommer über
Deutschland nach Schweden und Norwegen, und im Herbst zurück nach dem
Süden, immer in Hotels, immer aus den Kofferbergen lebend, kaum jemals
länger als drei Wochen an einem Ort, nur wenn sie, wie eben jetzt,
wieder einmal gänzlich erschöpft ist von der Hetzjagd, dann bleiben wir
wohl ein paar Monate still liegen. --
Ich wollte Ihnen nur begreiflich machen, woher mir die Gabe gekommen
ist, Menschen und ihren Schicksalen so leicht auf den Grund zu sehen.
Es ist wie eine Witterung, ein Instinkt, halb tierisch und mir selbst
oft unheimlich. Manchmal fühle ich mich alt, so alt und weise, daß
mir meine eigene Mutter wie ein unmündiges Kind erscheint, das ich
trösten und mit Liebkosungen zur Ruhe bringen muß. Und, vor allem, ihre
Jugend, ob glücklich oder unglücklich, lese ich den Leuten, die meinen
Weg kreuzen, so schnell ab, als stände sie ihnen groß auf dem Gesicht
geschrieben. Dann peinigt mich oft ein rasendes Mitleid, und die
Sehnsucht, helfen, ausgleichen zu können. --
Nun zu Ihnen! Kaum hatte ich Sie an jenem Abend in der Mouski gesehen,
da fiel mir die frühe Bitterkeit um Ihren Mund auf, das eigene
Schwanken zwischen Trotz und Unterwerfung -- ich mußte an meinen
Bruder denken, an dem mir das alles so vertraut gewesen war. Und ich
wollte Sie kennen lernen -- vielleicht nur, um zu sehen, ob ich recht
geraten hatte -- bitte, lassen Sie die Unterlippe nicht so hängen, ich
wollte Sie gewiß nicht kränken! -- Ja -- Ihren europäischen Formensinn
hatte ich allerdings unterschätzt. Ich dachte, Sie würden eines Abends
einfach kommen und Hallo rufen, wie man bei uns eben Besuche macht.
Aber das brachten Sie ja natürlich nicht fertig -- wie? Nun lachen Sie
selbst! -- Bei den Pyramiden draußen gefielen Sie mir schon besser --
das war natürlich!“ --
„Es war Schreck -- oder Freude -- mir blieb das Herz stehen ...“
stottert Fritz beseligt. Und Gitta lächelt ihm strahlend zu:
„Das habe ich wohl gemerkt. Und als Sie sich wieder nicht blicken
ließen, da dachte ich mir, nun will ich dem Burschen die Schüchternheit
austreiben -- und ging in die Bank!“