den schmalen Bürgersteig vor ihren Läden und vermieten sie zu ein, zwei
Piastern. In der Straße drängt sich das Volk. Der Ordnungsdienst ist
einfach: Wenn die Schauîsche zu Fuß nicht mehr ausreichen, um die Bahn
freizuhalten, dann werden oben irgendwo soviel Berittene nebeneinander
gestellt, daß sie die Straße eben ausfüllen. Dann ein letztes,
warnendes „~Ouaah hazîb~ -- oha, Achtung!“ des Polizeioffiziers, und
los, vom Fleck weg im Galopp, die Straße hinunter. Überritten wird fast
nie jemand; und wenn schon -- die Pferde sind nicht beschlagen. Nur
hinter den Reitern ist die Straße dicht bestreut mit großen, gelben
Lederpantoffeln, Tarbouschen und Nabbûts, den krummen Bauernstöcken.
So oft auch die Straße unter der Menschenmenge verschwindet, die Reiter
fegen sie immer wieder rein, bis auch die Hartnäckigsten es müde werden
und sich in die Seitengäßchen verziehen, oder sich in die Lücken der
Sesselreihen auf dem Bürgersteig quetschen.
Auf den Sesseln sitzen die Europäer und warten.
Der aufwirbelnde Staub, der schwere Geruch von Hammelfett, von
gebackenen, gebratenen, gesottenen Unmöglichkeiten, der Dunst der Menge
liegt wie eine wuchtende Plache über der engen Straße, läßt den Schall
nicht verflattern, wirft ihn wieder und wieder zurück -- Schreie,
Flüche, klappernde Hufe, Stimmengesumm.
Endlich -- der Zug. Ein letztes Mal fegen die Reiter vorbei; hinter
ihnen her schweres Blutlicht, überholt sie, hüllt sie ein. Näher --
jetzt -- der Zug.
Ein kleiner Eselwagen mit Holzscheiten, Fackelträger zu beiden Seiten.
Die Fackeln: an langen Stangen Körbe, aus Eisenbändern geflochten.
Darin brennen Holzscheite; will eine verlöschen, so wird aus dem Wagen
neu nachgelegt.
Die offen brennenden Scheite geben Glut und Rauch; es ist, als würde
aus den Eisenkörben dicker, dunkler Wein hochgeschleudert und flösse an
Dingen und Menschen herunter.
Dann ein Pferd, reiterlos, altertümlich reich gezäumt.
Im Sattel stecken ein paar lange Pfeile; früher einmal staken sie im
Pferdeleib -- jetzt nur im Sattel.
Das Pferd als lebendige Erinnerung an das Schlachtroß des toten
Heiligen.
Dann der persische Konsul mit den Notabeln, alle im dunklen Kaftan,
und dem dunklen persischen Tarbousch. Stumm, würdig und -- ein wenig
unbeteiligt schreiten sie vor sich hin.
Ob sie der Glaube treibt, oder die Pflicht? Wir kennen diese Mienen --
zu europäisch -- weiter!
Die Gläubigen. Die erste Gruppe -- zehn, zwölf Leute. Sie haben den
Kaftan offen, die linke Brust entblößt, rufen die Heiligen: Hussein!
Hassan!
Bei jedem Ruf ein Faustschlag an die Brust.
Die dumpfen Schläge und Rufe durchschüttern das glutige Dämmer wie
das Hämmern eines gigantischen Herzens, das Blut durch die Riesenader
dieser Straße triebe.
Ein Abstand -- die zweite Gruppe. Leute mit nacktem Oberkörper --
wieder zehn, zwölf -- eine geschlossene, schwere Eisenkette in
doppelter Windung um den Hals geschlungen. „Hussein! Hassan!“ bei jedem
Ruf ein Riß an der Kette, einmal mit der linken, einmal mit der rechten
Hand. Blut rieselt von den wundgerissenen Schultern.
Ein herrischer Geruch drängt sich vor, pocht hart an die Schläfen,
macht die Augen glitzern --: Blut!
Kein Laut mehr aus den Reihen der Zuschauer; der Rhythmus hat sie
bezwungen, ihre Herzen klopfen hart im Takt mit dem Anruf: „Hussein!
Hassan!“
Noch ein Pferd; ein weißes Bündel darauf; eine Puppe -- nein -- ein
Kind! Ein dreijähriger Bub in weißem Hemdchen, gestützt und gehalten
von dem Mann, der das Pferd führt. Ein blankes Dolchmesser in der
Kinderfaust. Auf dem kleinen, glattrasierten Kopf eine Schnittwunde.
Das dünne Stimmchen kräht mit, fest im Rhythmus: „Hussein! Hassan!“
Und ein kurzes Schlürfen dazwischen, weil ihm das Blut in dünnem Faden
übers Gesicht in den rechten Mundwinkel läuft.
Dringlicher wird der Blutdunst, drückender und aufreizender.
Nun die letzten -- die Schwertmänner. Zu beiden Seiten der Straße je
ein Dutzend Leute, mit kahlen Köpfen und langen, weißen Gewändern,
die vom geronnenen Blut mit schweren, inkrustierten Mustern überdeckt
sind und starren, wie Brokat. In den Händen alte Schwerter, haarscharf
geschliffen. Alle hundert Schritte bleiben sie stehen, der Straßenmitte
zugewandt, fassen die Schwerter mit beiden Händen und -- Hussein!
Hassan! -- bei jedem Ruf ein Schnitt über den Schädel. Im freien
Raum zwischen ihnen springt ein Kerl herum, mit einem blutgetränkten
Lappen; der wischt über die Gesichter, daß sie nicht geblendet werden
vom rieselnden Blut. Und will einer nachlassen, dann springt er vor
ihn hin und brüllt ihm ins Gesicht: „Hussein! Hassan!“ bis der wieder
das Schwert fester packt und losschlägt. Der Heilige will keine
Schwächlinge unter seinen Dienern.
Die Schwertmänner schreiten weiter; hundert Schritte. Hinter ihnen läßt
ein kurzes Grauen noch einen freien Raum, dann schlägt die Menschenflut
über der Straße zusammen und verebbt langsam in die Seitengassen.
Der Blutdunst bleibt liegen, wie ein sattes Tier ...
In einem der kleinen Kaufläden drängt sich eine erregte Gruppe.
Vielsprachiges Durcheinander: „Wasser! ... Einen Arzt! ... Einen
Wagen!“ -- Eine Europäerin ist ohnmächtig geworden. Bestrafter
Touristenehrgeiz! -- Und Fritz will gleichmütig den vorangehenden
Fremden folgen. Da sieht er, die Menge der kopflos diensteifrigen
Syrianer und Fellachen überragend, ein Mädchen im Hintergrund des
Ladens stehen, deren Augen ihn mit ruhiger Bitte rufen. Er steht
zögernd, kämpft mit wütender Schüchternheit, mit Mißtrauen, will
achselzuckend fort, doch die blauen Augen lassen ihn nicht los. Er
drängt sich durch den schmalen Raum, da klingt ihm ein tiefer Alt
entgegen: „Sie sind Deutscher -- bitte helfen Sie mir -- meine Mutter
hat den entsetzlichen Dunst nicht vertragen. -- Es war so maßlos
töricht vom Dragoman, uns herzuführen -- wir hatten keine Ahnung ...“
Der feiste Dragoman, in knisternde Rohseide gekleidet, will den Vorwurf
wortreich abwehren, beginnt tönende Versicherungen, daß dieses, gerade
dieses Schauspiel von den fremden Ladies sehr geliebt sei -- und
seine breiten Lippen wollen Unrat schmatzen. Fritz sieht das fremde
Mädchen peinvoll erröten und fällt dem Schwätzer scharf ins Wort:
„Schweige, o Dragoman, und hole einen Wagen, sogleich und schnell!“
Und der Dragoman berührt bei dem arabischen Befehl demütig Brust und
Stirne und eilt davon. Fritz wendet sich zu der Schar der schaulustigen
Stutzer mit französischer Höflichkeit: „Die Herren haben zweifellos
nur die Versicherung abgewartet, daß ihre Dienste von den Damen nicht
gewünscht werden, um sich zurückzuziehen!“ Und die Syrianer stolpern
mit verlegenem Grinsen hinaus. Nur der Ladeninhaber bleibt. „Durch
deine Güte aber, o Hausherr,“ spricht Fritz ihn an, „wird sogleich
ein wenig Essigwasser hierher gebracht werden!“ Und wieder klingt der
tiefe Alt: „Vielen Dank ... es war nur eine kleine Schwäche ... die
vielen zudringlichen Leute vor allem ... Vielen Dank!“ Fritz sieht die
weißhaarige alte Dame an, die kraftlos hingesunken in der gepolsterten
Eckbank lehnt: Gesicht und Hände wachsfarben, mühsames Atmen weitet
zuckend die feinen Nasenflügel. Nun umfaßt ihn prüfend ein müder Blick
aus großen, blauen Augen: „Gitta, wer ist der Herr?“ -- „Ein Landsmann,
Mama, der uns die Gaffer vom Hals geschafft hat!“ Und Fritz verbeugt
sich gehemmt, stottert seinen Namen. -- „Sie haben wenig Verkehr hier?“
fragt die weiche Stimme, und ein Unterton, wie von leisem Lachen, läßt
ihn jäh aufschauen.
Das Mädchen steht frei vor ihm; knapp und klar fließt das weiße
Tuchkleid von den kräftigen Schultern, der schmale Kopf sitzt stolz auf
edlem Halse. Unter dem kleinen Lederhut quillt straffes, dunkles Haar,
starke schwarze Brauen tragen die weiße Stirne, lange schwarze Wimpern
säumen das Auge von tiefem Blau. Der Mutter Auge. Von der Mutter auch
die feine Nase, den Lippen aber, blutvoll, fest, die sich über starken
Zähnen öffnen, fehlt der Mutter kränkliche Weichheit. Darunter, fast zu
wuchtig für das Mädchengesicht, ein kantiges Kinn, das keinen Kleinmut
kennt. Da deutet nichts auf eine Kindheit voll Gewalt und Lüge --
Ruhe und Freiheit liegen auf dem schönen Gesicht, und das Bewußtsein
reicher Kraft. In Fritz züngelt trotziger Neid auf, doch der klare
Blick entwaffnet ihn schnell. Sie wiederholt ihre Frage, und schickt
ihr ein Lächeln nach, das wohl der hartnäckigen Musterung gelten mag:
„Sie haben wenig Verkehr hier?“ -- „Ich habe einige Kameraden,“ sagt
Fritz. Aber es klingt leise und weich, und sollte doch scharfe Abwehr
unerwünschten Spottes sein.
Da fährt der Wagen vor. Der Dragoman hüpft heraus, gibt, über die
Schulter zurück, dem Kutscher laute und überflüssige Weisungen, füllt
den Laden mit lärmender Geschäftigkeit. Die alte Dame erhebt sich,
auf den Arm der Tochter gestützt. Fritz eilt an ihre andere Seite.
Sie dankt mit leisem Kopfneigen und legt federleicht eine schmale
Greisenhand auf seinen Arm, wie um seinen Diensteifer nicht zu
verletzen. Nun sitzen die Damen im Wagen, der Dragoman schwingt sich
auf den Bock, da beugt sich die Tochter vor: „Nochmals schönen Dank
-- und bitte, besuchen Sie uns doch -- wir wohnen im Ghezireh-Palace
-- Hostrup, Gitta Hostrup heiße ich. -- Ja?“ Die Mutter nickt
bekräftigend, und Fritz verbeugt sich tief, unnötig tief, wie er
wütend fühlt. Als er verwirrt aufschnellt, springen die Pferde, unter
Peitschenknall, eben ins Geschirr, und eine Straßenbiegung schluckt
den Wagen. Im letzten Augenblick noch trifft ihn ein Blick aus klaren
Mädchenaugen.
Fritz beginnt, wo er steht, gegen sich selbst zu wüten -- stampft
hart den Fuß aufs Pflaster, krallt sich die Finger der Linken um die
Kehle, und die rechte Faust fällt dröhnend auf den Schenkel. „Esel,
neunmal verfluchter Esel -- benimmt sich wie ein Wildschwein!“ zischt
er giftig. Und wie er das Erlebnis überdenkt, wächst seine Wut. Das
Zögern erst, bevor er sich zur Hilfe herbeiließ -- zur Hilfe! Hilfe!!
-- Vielsprachige Mätzchen mit dem käuflichen Schwein, dem Dragoman,
mit den schmierigen Syrianern! -- Dem Dragoman einen Tritt in den
speckigen Steiß und den Syrianern jedem eins in die Fresse, das wäre
das Richtige gewesen! -- Dafür wieder kein Wort zu der alten Dame,
keine Frage nach ihrem Befinden, und dort, bei Gott, stand unbenützt
die spitzbäuchige Messingkanne mit dem verlangten Essigwasser!
Unbenützt! „Möge dein Haus den heutigen Abend nicht überleben, o Sohn
zweier Juden!“ krächzt er dem bestürzten Krämer zu. „Warum hast du der
kranken Frau das Essigwasser nicht angeboten?“ -- „Durfte ich ihr etwas
anbieten, o Herr,“ verteidigt sich der Gekränkte, „in ihrer Tochter und
deiner Gegenwart? Gott ist gütig!“ -- „Verflucht sei dein Vater!“ meint
Fritz und wendet sich zum Gehen.
So also -- das war die Lebensreise des Weltreisenden! Für die alte
Dame keinen Finger gerührt, und der Tochter unverschämt ins Gesicht
gestarrt, daß sie ihn zweimal fragen muß, ob er wohl wenig Verkehr hat?
Natürlich, mit solchem Benehmen! Tanzstundenbär -- Bauernlackel! Die
ewige Schüchternheit, die ihn zwischen kopflosem Trotz und Lakaiendemut
hin und her riß! Wie war es denn mit Komteß Christel -- war das gestern
oder vor zehn Jahren? -- Und er ertappt sich dabei, wie er mit lautem
Stöhnen Falko zum Galopp boxt. -- Die blauen Augen unter dunklen
Brauen! Das schlanke, edle Ebenmaß! -- Schmerzgeschüttelt bleibt er
stehen, beißt sich die Knöchel blutig, spuckt giftig aus: „Hab’ mich
gern, Bestie!“ -- Wie ihn der Blick immer noch durchsengt! O Schöne,
Schöne! Und würgende Tränen ...
Dann plötzlich knallt die Frage auf: „Wozu der Jammer? -- Ich gehe hin
-- gehe ins Hotel -- mache meinen Besuch -- Fräulein Gitta Hostrup,
Hostrup, jawohl! -- und wenn ich Zeit habe, mich vorzubereiten, nicht
überrumpelt werde, wie heute, dann benehme ich mich sicher wie ein
Herr!“
Ins Hotel -- Ghezireh-Palace? -- Das ist das ganz feine, unten auf
der Nilinsel, wo Fürsten und Millionäre wohnen -- drei Portiers und
siebentausend verdammte Lakaien -- dort Besuch?
Ach ja: Sich peinlich anziehen, im Wagen bis zum Portal fahren,
dann die zwanzig Schritte bis zum Hauseingang -- dann aufstampfen,
ausspucken, und zum Wagen zurück rennen und fluchend heimfahren und
sich tagelang elend und verworfen fühlen! Ach ja!
„Nicht mir bist du bestimmt, du Licht aus blauen Augen,
Nie werd’ ich, schlanke Hand, dich auf der Stirne fühlen,
Euch, roten Lippen, bleibt mein Name ewig fremd!“
„Ein Waschlappen bin ich -- daran ändern die schlechtesten Verse
nichts!“ Und verbissen in selbstgewollten Schmerz langt er zu Hause an.
66
Der zweite Kassier ist ein Deutscher, ein blonder, stiller Mensch.
Eggert heißt er. An den seltenen Tagen, wo die leidige Expedition
früh beendet ist, geht Fritz mit ihm langsam spazieren, um vor dem
Abendessen Luft zu schöpfen.
Eines Abends sind sie bis Atabet-el-Khadr hinaufgeschlendert und
plaudernd stehengeblieben. Kaum hundert Schritte weiter, am Eingang der
Mouski, nur durch die Breite des belebten Platzes getrennt, liegt die
Pension, in der Eggert wohnt. Ein flüchtiger Gruß: „Auf morgen!“, dann
verschwindet der andere im Gewühl, und Fritz geht langsam nach Hause.
Am nächsten Morgen fehlt Eggert in der Bank. Der Kassier! Aufgeregte
Prüfung: Die Kasse stimmt aufs Haar. Die Bücher in Ordnung. Der Kawaß
wird in die Wohnung geschickt, bringt den Bescheid: „Herr Eggert
ist seit gestern mittag nicht mehr zu Hause gewesen!“ Seit gestern
mittag? Was soll das? Wer hat ihn zuletzt gesehen? -- Fritz meldet
sich, gibt Auskunft, sagt, er habe sich gegen acht Uhr abends in
nächster Nähe seiner Pension von Eggert getrennt und keinen Augenblick
daran gezweifelt, daß der geradeswegs zum Essen gehe. Das Gespräch?
Alltägliche Dinge -- ein Abendplausch. Eggert war weder aufgeregt, noch
traurig -- hungrig und müde eben, wie man es abends ist.
Das Konsulat wird verständigt, die einheimische Polizei. Eine
Durchsuchung des Zimmers gibt keinerlei Aufschluß. Die Pensionsinhaber,
ein ältlicher Franzose mit seiner Frau, seit Jahren ansässig, können
auf keine Weise verdächtigt werden. -- Keine Liebesbriefe, keine
irgendwie verdächtigen Schriftstücke. Ein Tagebuch verzeichnet
ordentlich und ein wenig trocken die alltäglichen Vorkommnisse; an
einem Mittwoch ist Eggert verschwunden; unter dem Dienstag steht noch
da: „... In der Bank nichts Besonderes; sieben Uhr nach Hause. Nach
dem Abendessen Café Khédivial, Zeitungen gelesen. Zehn Uhr zu Bett.“ So
schreibt kein Mensch, der sich etwa mit Selbstmordgedanken trägt.
Tage vergehen, und Eggert bleibt verschwunden. Das Konsulat verständigt
die Eltern; der Vater ist Handwerker, Tischler, in einer deutschen
Kleinstadt. Die Antwort kommt, nach Wochen, verzweifelt, ratlos, bringt
die gewünschte Photographie, verspricht eine Belohnung von zweihundert
Mark für Aufklärung des Falles. Zweihundert Mark! Das sind hier zehn
Pfund -- soviel wirft ein reicher Syrianer in Weinlaune als Trinkgeld
hin ... Und deswegen zwei Wochen kostbare Zeit verloren? Oh deutsche
Gründlichkeit! Ein englischer oder französischer Konsul hätte doch wohl
mehr Tatkraft entwickelt!
Immerhin: eines Abends leuchten von allen Straßenecken, allen
Anschlagsäulen, an Zäunen und Haustüren grellrote Plakate; das
Lichtbild des verschwundenen Hans Eggert in der Mitte, ringsum, in
vier Sprachen, englisch, französisch, griechisch und arabisch, die
Schilderung der Begleitumstände und das Versprechen einer Belohnung von
zehn ägyptischen Pfund für nähere Angaben an Konsulat oder Polizei.
Am nächsten Morgen ist aus allen Plakaten das Lichtbild herausgerissen,
oft das ganze Plakat zerfetzt.
Fritz geht zum Polizeikommandanten, einem Schweizer. Der sitzt,
dicknackig, vollblütig, von Sonne und Whisky rot gebrannt, in seinem
weiten Amtszimmer. Als er hört, um was es sich handelt, poltert er
aufgeregt los: „Was wollen Sie -- ich kann gar nichts tun! Gar nichts!
Ohne zwingenden Verdachtsgrund kann ich in kein mohammedanisches
Privathaus! Die Harîms sind unverletzlich, auch für die Polizei.
-- Und wären sie das auch nicht -- soll ich vielleicht die ganze
Stadt umkehren? Fast jedes Haus hat seine eigene Senkgrube, seinen
Brunnen, Oublietten, Schlupflöcher -- was weiß ich -- wie sollte man
da zurechtkommen? Hier sind schon mehr Leute abhanden gekommen, und
gewichtigere als dieser Herr Eggert, glauben Sie mir! Beim Bau der
neuen Brücke hat man gemauerte Kammern voll Gerippen aufgedeckt, jedes
einzelne ein Mordfall, meinen Kopf darauf! Aber gehen Sie den Burschen
was beweisen! -- Ja, früher!“ und er läßt träumerisch die schwarze
Nilpferdpeitsche mit Silberknauf durch die fleischigen Finger gleiten,
„früher war es leichter. Da durften wir noch Prügelstrafen verhängen.
Und wenn man da einen Verdächtigen fest hatte, da war er manchmal doch
zum Sprechen zu bringen. Manchmal, nicht immer. Die Burschen haben ein
hartes Fell! -- Aber jetzt? Wo nur das Verhör nach europäischer Methode
zulässig ist? Die verdammten Burschen werden nicht rot, nicht blaß,
kennen keine Scham und lügen, lügen grenzenlos! Man könnte in die Luft
gehen -- aber man kann nichts machen.“
Fritz merkt erstaunt, daß dieses Eingeständnis völliger Ohnmacht
unbestimmte Freude in ihm weckt. Er gönnt dem feisten Polizeimenschen
den Abbruch an seinem hohlen Europäerdünkel, gönnt dem Sklavenvolk da
draußen das schützende Geheimnis. Doch rasch hat wieder der Gedanke
an den Kameraden die Oberhand: „Haben Sie keinerlei Vermutung, Herr
Major, was überhaupt geschehen sein könnte, und wie?“ Das dicke
Gesicht legt sich in kriminalistische Falten: „Vermutungen? Ha, --
ich kann es Ihnen fast mit Bestimmtheit sagen, als hätte ich’s selbst
mit angesehen! Der junge Mensch geht über den Platz. Er war blond,
groß, hübscher Bursch, wie? Nun gut: neben ihm fährt sich im Gedränge
plötzlich eine Haremskutsche fest, der Schlag geht wie zufällig auf,
eine Dame winkt ihm, einzusteigen, ein Eunuch hilft von draußen nach
-- das geht eins, zwei und bevor er noch recht zur Besinnung gekommen
ist, sitzt er neben einer begehrlichen Schönen im Wagen, der im
Galopp davon fährt, freut sich vielleicht des Abenteuers, zu dem er
so mühelos gekommen ist ... ja -- und dann? Dann kriegt es entweder
die Dame mit der Angst, und läßt ihn lautlos und gründlich beseitigen
-- denn er könnte ja plaudern, und sie selbst um den Kopf bringen --,
oder er wird erwischt. Das ist dann weniger erfreulich. Die Ehemänner
hierzulande rächen sich etwas umständlich. Mir sind da Fälle bekannt
... aber das führt zu weit! Ja, wie gesagt, so etwa denke ich mir
den Vorgang. Aber in der Stadt und der nächsten Umgebung gibt es
Tausende von Haremskutschen -- nun sagen Sie selbst: was kann ich da
tun? Gar nichts, gar nichts! -- Tut mir ja leid um den armen jungen
Menschen, tatsächlich leid ... aber, wie gesagt ...“ Ein bedauerndes
Achselzucken, und die fleischige Hand schiebt sich lässig vor, zu
gleichgültigem Abschied.
67
Nun sind die Schnepfen da, die Wildenten und Kiebitze. Nun gibt
es reiche Jagd für jedermann. Mit einem Hochgefühl sondergleichen
ersteht Fritz von den Resten des reichlichen Reisegelds ein Gewehr. In
finsterer Mitternacht geht es mit ein, zwei Genossen aus der Pension zu
Fuß hinaus zu den Pyramiden -- die Wagen sind zu teuer, die erste Tram
geht viel zu spät -- und das erste Dämmern des Sonntagmorgens findet
sie weit draußen im Röhricht, das die überschwemmten Felder umsäumt; im
offenen Wasser, zehn, zwanzig Meter weit weg, schaukeln die Lockenten.
Fremde Vogelstimmen füllen das dämmrige Himmelsgewölbe. Kraniche
ziehen, Wildgänse, Störche. Der sausende Flügelschlag klingt gedämpft
herab, weckt Sehnsucht nach Höhe. „Schieß, Herr, schieße!“ flüstert der
hitzige Fellache. Er weiß natürlich, daß nicht einmal die Kugel die
scheuen Flieger erreichen könnte. Aber er liebt wohl den Knall, die
gefahrlose und doch mörderische Geste. --
Nun kommt Opalschimmer in die leichten Nebel, die ringsum lagern, zarte
Farben fließen leise ineinander, vertiefen sich, geben den Dingen
langsam feste Gestalt. Da -- ein Quaken in der Luft, ein Flattern --
die ersten Enten kreisen spähend über den lockend bemalten Puppen,
fallen klatschend ein; die letzte stürzt getroffen, die ersten stieben
plätschernd wieder hoch, da fällt eine zweite und dritte. Der Fellache
heult Jubelrufe, wird mühsam zur Ruhe gezwungen. Andere Enten kommen,
lassen sich täuschen, oder streichen ungerührt vorbei. Dann ist es
heller Tag und weiteres Warten nutzlos. Die Kleider liegen klamm und
dunstig vom Nachtnebel an, in den Schuhen, die zäher Schlamm einhüllt,
steckt nasse Kälte. Von der Pyramidenstraße her kommt springend,
watend, die blaue Galabieh bis zu den Achseln hochgeschlagen, der Sohn
des Trägers, um dem Vater beim Einsammeln des Wildes und beim Rudern zu
helfen.
Weit draußen im Überschwemmungsgebiet stehen reglos rosenrote
Flamingos; Reiher, Pelikane, in Gruppen streng gesondert, treiben
ihr Wesen. Sie scheinen sorglos und leicht zu überlisten, lassen den
Schützen auch schleichend, kriechend, bäuchlings in wässerigem Schlamm,
bis auf zweihundert Schritte heran; dann aber ein greller Schrei ihrer
Wächter, die Schwärme donnern rauschend auf, wirbeln durcheinander,
formen sich zu langgezogenen Figuren, Spitzkeilen, Halbkreisen; drei,
vier wilde Schwenkungen noch -- und die Weite schluckt ihren sausenden
Flug.
Die Fellachen rudern das plumpe Boot der Straße zu und singen einander
abwechselnd den Takt zu den Schlägen der schweren Einzelruder:
„Oh Gott! -- Oh Mohammed!“
Oh Schiffer -- oh Meister,
Vorwärts! -- so ist es!
Mit Kraft! -- ja Kraft!
Noch einmal! -- und immer!
Mit Kraft! -- Vorwärts!
Oh Schiffer! -- Oh Meister!
Oh Gott! -- oh Mohammed!
Auf den Feldern ist das Leben erwacht. Die Schöpfwerke knarren; Büffel
wühlen sich in den Schlamm, fahren beim Nahen des Bootes knallend hoch.
Fern klagt ein Esel, auf der hohen Dammstraße antwortet ein anderer,
unter schwere Bürde geduckt. Ein nackter Bauer watet hüftenhoch durch
den weichen Schlamm eines Feldes, das gestern wohl noch unter Wasser
stand, streut mit weitem Arm Samen aus und singt mit näselnder Stimme
ein hallendes Lied. Der junge Fellache im Boot läßt sein Ruder fahren,
wirft den Kopf verzückt in den Nacken und schmettert tremolierend in
den breiten Tag:
„Ich bin der Dampfer, der durchaus schwarze ...“ Sein Vater unterbricht
ihn böse: „Willst du nicht arbeiten, oh Hundesohn, oh Kuppler,
verflucht sei der Glaube deiner Mutter!“ Dann wendet er sich mit
Vaterstolz zu den Gästen: „Er ist noch jung, aber seine Stimme ist sehr
schön!“
Und sie rudern ...
Fritz bringt von diesen Ausflügen eine schwere Müdigkeit heim, und das
Essen will nicht schmecken. Der Tischälteste, seit Jahren im Land,
sagt ihm einmal gutmütig warnend: „Passen Sie auf, mein Lieber, Sie
holen sich da draußen in der Sumpfluft ein Fieber, das sich gewaschen
hat! Lassen Sie die Jägerei lieber sein -- das ist was für Europa!“ --
„Oh, es wird schon nicht so schlimm sein!“ sagt Fritz leichthin und
fühlt gehässigen Trotz. -- Jagen -- in Europa! Als ob es ihm dort nicht
verboten gewesen wäre! Nein -- die neue Freiheit hier soll ihm kein
Warner verkümmern!