aus weichem Holz, Regalen und riesigen Tischen, vollgepfropft.
Die geschlossenen Fensterläden geben grünliches Dämmerlicht. In
gegenüberliegenden Ecken, durch die ganze Breite des Zimmers
getrennt, wie feindliche Tiere, kauern zwei übertrieben schmierige
Bürschchen. -- So hätte in Mailand kein Diener aussehen dürfen! --
Der Chef stellt sie säuselnd vor: „Herr Popovich, Herr Karamanian,
Ihre neuen Kollegen!“ Fritz entgeht die boshafte Gleichstellung nicht
-- er lächelt Ablehnung. Ein tückisches Grinsen antwortet ihm. Dann
holt Monsieur de Bergasse zu längerer Rede in peinlich gesetztem
Schriftfranzösisch aus: „Falls Sie sich darüber im unklaren sein
sollten -- dies hier ist die ganze Korrespondenz-Abteilung, deren
Chef ich bin. Sie sind ja allerdings wohl großartigere Verhältnisse
gewöhnt und werden Mühe haben, sich hier hineinzufinden -- aber ich
bitte überzeugt zu sein, daß auch hier gearbeitet wird, recht ausgiebig
gearbeitet!“ Das Grinsen in den Zimmerecken wird hörbar, Monsieur de
Bergasse selbst läßt sich herab, seine Feinheit zu belächeln und fährt
fort: „Wir sind in einem barbarischen Land, mein Herr, und Arbeiten,
die man drüben selbstverständlich den Dienern überläßt, müssen hier
von Beamten besorgt werden. Die hiesigen Diener sind Schwarze, können
weder schreiben noch lesen, und überhaupt ... Sie verstehen! Zu diesen
Arbeiten gehört die Postabfertigung, das Kuvertieren der Briefe und
der meist recht kostbaren Einlagen, Wechsel, Schecks, und so fort.
Diese Arbeit ist in höchstem Maße verantwortungsvoll -- und ich habe
sie Ihnen zugedacht. Von morgen an übernehmen Sie also die Expedition
und werden gleichzeitig Herrn Karamanian bei Kopierpresse und
Registratur zur Seite stehen, während Herr Popovich die Portokasse und
Schreibmaschine zu versehen hat!“ Das Grinsen verstärkt sich, und auch
Monsieur de Bergasse zeigt über die glückliche Diensteinteilung eine
Genugtuung, die kaum noch höflich ist.
Fritz bleibt ungerührt von der versteckten Drohung, die in diesem
Empfange liegt. Der kniffige Franzose macht ihm keinen sonderlichen
Eindruck, und dem feixenden Gesindel in den Ecken wird man den Herrn
zeigen! Der Direktor ist unbedingt ein feiner Mann, zahlt die Reise,
das Hotel; draußen liegt ein Märchenland ... da wird dies hier wohl zu
ertragen sein! --
Ein Abend noch in Freiheit, als rechter Herr! Das Essen im Hotel
wird etwas beeinträchtigt durch die Anstrengung, die das unentwegte
Hochstemmen der neuentdeckten Europäerwürde mit sich bringt. Dann ein
einsamer Weg durch die Stadt, der jedoch über die nächstgelegenen
Plätze und Hauptstraßen nicht hinausführt. Von einer Ecke aus wirft
er einen Blick in das abendliche Gewimmel eines weiten Platzes, der
wohl schon zum Eingeborenenviertel gehört: Straßenlampen und Kaufläden
fremdartig bunt und klein; Menschen in nie gesehenen Trachten hasten
durcheinander, die gedehnten Rufe der Straßenverkäufer werden zerrissen
durch fremde Schreie, durch das scharfe Knallen der Kutscherpeitschen.
Scharfe Gerüche treiben herüber; schwarzverhüllte Frauen, die wie
dunkle Rätsel vorbeihuschen, wecken beizende Lust zu Gefahr und
Abenteuer, von Moschus, Rosenöl, Sandelholz umweht. -- Jetzt schon dort
hineintauchen? -- Doch die Scheu siegt. Später -- später! --
Große Cafés schicken ihre Tische wie Aufklärer weit über den breiten
Bürgersteig hinaus. Ein kalter Trunk könnte gut tun! Aber die vielen
französisch geschniegelten Burschen, die da mit grellbemalten
Frauenzimmern herumsitzen, den hohen Fez auf graugelben, verlebten
Köpfen ... ob man da als Europäer ...?
Ach ja, in Mailand gab’s das nicht -- da konnte man in jeder kleinsten
Winkelkneipe seinen Durst löschen, ohne sich was zu vergeben. -- Die
weiße Rasse hat der Teufel erfunden! -- Aber er schluckt die Lästerung
schnell hinunter, und geht in verdoppeltem Stolz weiter, ins Hotel, und
zu Bett.
61
Die Verhältnisse in der Bank sind doch schwieriger, als es anfangs
schien. Der Tag vergeht mit dem Einreihen der alten Briefe und Kopien,
mit dem Ausfüllen einiger Drucksachen und dem Adressenschreiben
auf ungezählten Umschlägen. Nachmittags zwischen vier und sieben,
während die Post in der Direktion unterschrieben wird, ist in der
Korrespondenz tote Zeit, die mit unzähligen Täßchen dicken schwarzen
Kaffees, wie ihn die Diener im Keller kochen, mit Zigaretten und
Zeitungen mühsam hingebracht wird. Gegen sieben Uhr aber, wenn alle
anderen Kontore längst geschlossen sind, setzt für die Korrespondenz
nochmals großer Betrieb ein. Die schwarzen Diener drehen die Briefe
durch die Kopiermaschinen; dann sind die dazugehörigen Einlagen genau
zu kontrollieren, ob jeder Scheck und Wechsel richtig ausgestellt
und unterschrieben ist. Schließlich kommen Briefe und Einlagen in
die bereitliegenden Umschläge, deren Gummirand die schwarzen Diener
mit breiten Zungen gierig ablecken. Für die Burschen scheint das ein
Abendessen? -- Endlich werden die Briefe gesiegelt und mit Marken
versehen. Auch die Marken werden von den Dienern abgeleckt und
aufgepickt. Dann nimmt ein Diener den schweren Postsack und wandert
damit zum Amt, von dem malerisch bewaffneten Kawassen begleitet. Das
ist das Tagewerk. Es kann neun Uhr abends werden, bis es getan ist,
vor den Abgangstagen der großen Dampfer auch später. Die eintönige
Arbeit hinterläßt fade, unfrohe Abspannung. Dazu den Tag lang Monsieur
de Bergasses spitze Sticheleien, und die stumpfe Heimtücke der beiden
anderen, die sich in falschen Auskünften, hämischem Festnageln
kleinster Fehler, Angeberei und Verleumdung äußert.
Popovich stammt aus einem Elendsviertel in Triest, ist als
Kohlentrimmer nach Ägypten gekommen, um sein Glück zu suchen. Der
Direktor hat ihn eines Nachts halb verhungert auf einer Bank im
Ezbekiehgarten aufgelesen, hat ihn aus Mitleid aufgenommen und ihm im
Keller der Bank ein kleines Zimmer eingeräumt. Dort säuft er nachts
mit dem Kawassen und den Schwarzen. Auch das ein Europäer? -- Aber er
arbeitet wie ein Pferd, weiß sich und seine Leistungen gut ins Licht zu
setzen und wacht eifersüchtig darüber, daß kein Brief von irgendwelcher
Bedeutung etwa „dem Neuen“ zur Beantwortung überlassen wird. Der mag
sich mit Drucksachen und der Expedition unterhalten; Dienerarbeit.
Monsieur de Bergasse tut nichts dagegen. Der Triestiner nimmt ihm
alle Arbeit ab, so daß ihm kaum mehr zu tun bleibt, als die Abteilung
der Direktion gegenüber mit Würde zu vertreten. Auch kränkt es seine
Eitelkeit empfindlich, daß der junge Deutsche den gleichen Gehalt
bezieht, wie er selbst, der Sproß aus altem, königstreuem Adel.
Karamanian, der Armenier, ist ein Findelkind, von den Jesuiten erzogen.
Er klebt vor Schmutz, hat ewig Schweißperlen auf der Stirn, und riecht
frühmorgens schon nach Knoblauch. Ein Insekt.
In den anderen Abteilungen sieht es ähnlich aus. Wenige gutbezahlte
Europäer, Deutsche, Österreicher, Franzosen, die öffentlich treues
Zusammenhalten heucheln und sich insgeheim nach Kräften zu schädigen
trachten, sich gegenseitig belauern und verleumden. Die Unterbeamten
Levantiner, Griechen, Armenier. Dann noch ein Eingeborenen-Dienst,
durchwegs mit Fellachen besetzt.
In den ersten Tagen denkt Fritz stündlich mit Wehmut an Mailand zurück.
Ein begeisterter Brief der Schwester erfüllt ihn mit Bitterkeit: Was
wissen die ...! Das Leben ist teuer, mit dem angeblich so großen
Gehalt läßt sich hier weniger anfangen, als mit dem Drittel davon
in Mailand. Und das Land ist so unerbittlich fremd. Nicht nur die
Mohammedanerinnen tragen Schleier vor dem Gesicht; vor dem ganzen Leben
des Eingeborenenviertels steht das gleiche dunkle Fragezeichen. Und was
sich im Europäerviertel, in Bars und Hotels breitmacht, das sind oft
fragwürdige Gesichter, die wohl wissen mögen, warum sie der heimischen
Ordnung den Rücken gekehrt haben. So unerbittlich fremd alles und
gefahrdrohend. Und die langen, öden Tage in dem stinkenden Affenkäfig
...
Das Hotel ist mit einer Pension vertauscht, die er sich auf gut Glück
selbst gesucht hat. Nur keine Landsleute fragen! -- Der Stil ist steif
englisch, vornehm, das Essen schlecht. „Wenn ich nun heikel wäre, müßte
ich verhungern,“ denkt Fritz. Und die Stimme des Vaters klingt ihm ins
Ohr: „Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!“ War das so unvernünftig
hart? -- Na ja, der arme Alte -- an Kairo hat der sicher nicht gedacht!
--
In der Buchhaltung sitzt ein Herr Fleischmann, ein Wiener, der sich mit
schwärmerischer Liebenswürdigkeit an Fritz heranschlängelt. Er trägt
sich streng englisch, läßt sich den Mund von wuchtiger Stummelpfeife
schief ziehen und scheint nicht zu ahnen, wie lächerlich seine jüdische
Beweglichkeit immer wieder die steife Maske durchbricht. Fritz
bleibt kühl und mißtrauisch. Marinetti der zweite! Als ihn aber der
freundliche Fremde für den ersten Sonntag zu einem Ritt vor die Stadt
auffordert, bringt er es nicht über sich, abzuschlagen. Es konnten ja
Wochen, Monate vergehen, bis er allein dazu kam, den Schritt in die
Fellachenviertel oder gar darüber hinaus zu wagen! --
Herr Fleischmann holt Fritz zu dem Ausflug ab. Er trägt Tropenhelm,
enge Reithosen mit Ledergamaschen, hat einen Revolver umgeschnallt und
schwingt eine wüste Sklavenhändlerpeitsche aus Nilpferdhaut. Fritz
kommt sich neben soviel kriegerischer Pracht dürftig und wehrlos vor.
„Ich kann nicht reiten,“ sagt er schüchtern. -- „Das lernen Sie schon,
ich zeig’ es Ihnen,“ meint Herr Fleischmann großartig.
Da ist der Platz, der an jenem ersten Abend dumpfe Ehrfurcht weckte:
Atabet-el-Khadr steht weiß auf blauer Tafel, arabische Schnörkel
darunter. Und da der Haufe der Mietesel. Künstliche Muster ins graue,
weiße, braune Fell eingeschoren, mit Messingzieraten und Glasperlen
behängt, unter roten, dickgepolsterten Tuchsätteln stehen sie da,
nicken mit den übergroßen Köpfen, schwenken die Langohren und sehen
stumpf und harmlos aus. Ab und zu schürzt ein Hengst die Oberlippe, daß
die langen gelben Zähne sichtbar werden, streckt den Kopf sehnsüchtig
vor und bricht in schallendes Geschrei aus, das in heiserem Röcheln
verklingt. Zwei, drei andere antworten, suchen ihn an Künstlichkeit und
Ausdauer zu übertreffen. Wie gut fügt sich dieser Schrei wilder Brunst,
aufreizend und klagend, in das bunte Gesamtbild der Stadt, die von
stürmischem Lebensdrang überquillt! --
Kaum haben die Eseltreiber, die in müßigen Gruppen herumhocken, die
beiden Fremden erblickt, als der übliche wütende Wettstreit unter
ihnen ausbricht. In fanatischen Riesensätzen springen sie heran, die
jäh aufgeschreckten Tiere wild hinter sich herzerrend. Mit höchster
Lungenkraft werden unverdaute Brocken fremder Sprachen hervorgegellt:
„~Wontju donky reid -- dat’s wery gud donky, Sorr!~“ Herr Fleischmann
mimt marmorne Überlegenheit. Doch mit einem Blick beseligten Stolzes
flüstert er dem Begleiter zu: „Ich wurde allgemein für einen
Engländer gehalten!“ Dann trifft er umständlich seine Wahl, schwingt
sich in den Sattel; die Treiber nehmen die langen Hemdenkleider
hoch, daß die nackten, dürren Beine in kurzen Pluderhosen sichtbar
werden, keuchen tiefe Kehllaute: „Chcha Chcha!“ knallen die breiten
Pantoffel bedrohlich aufs Pflaster und lassen die langen Rohrstäbe in
blitzraschen Doppelhieben auf dem Hinterviertel der Esel tanzen, daß
die in vollem Galopp davonspritzen. Fritz ist atemlos verwirrt von dem
jähen Aufbruch, schwankt im Sattel. Doch sieht er zu seiner Beruhigung,
daß auch Herr Fleischmann sein steinernes Gleichgewicht vermissen läßt
und sich mit einer Hand an den dicken Sattelknauf klammert, während die
andere nach rückwärts den Treibern abwinkt. Kaum sind die hetzenden
Kehllaute, das Pantoffelknallen verstummt, so fallen die Tiere in
kurzen, fördernden Zuckeltrab, der den leise geschüttelten Reitern ein
wenig Blick für die Umgebung läßt.
Da trägt einer eine Holzplatte von reichlich einem Meter Durchmesser
auf dem Kopf, mit zahllosen Schüsselchen beladen; ein abgerissener
Sudanese winkt ihm -- sofort wird ein kleiner Dreifuß aus Holz
aufgeklappt, die Platte vorsichtig daraufgesetzt, und der Gast kann
unter zwanzigerlei Gerichten wählen: Brotfladen, Gemüse, gekocht oder
als Salat, oder in Fett gebraten. Das bißchen Staub und Straßenschmutz,
das überall haftet, wird von nachsichtigen Fingern weggewischt. Dort
ein Wasserverkäufer, den prallgefüllten Schlauch aus Ziegenhaut über
der Schulter; dunkelgebräunte Bauern neben kleinen Eseln, die unter
Riesenlasten von Melonen oder Kürbissen verschwinden. Reiche Kaufleute,
die weibisch zierlich die feinen Tuchgewänder raffen, während sie über
Unrathaufen steigen. Engbrüstige Häuser zu beiden Seiten, künstlich
gedrechselte Holzgitter vor den Fenstern, wie Schutzbrillen. Und enge
Seitengäßchen, von rissiger Leinwand überdacht. Da mag heute noch das
Märchen wohnen, Sindbad, oder Ali Baba ...
„Furchtbare Schweine sind die Eingeborenen,“ näselt Herr Fleischmann.
Und Fritz haßt ihn plötzlich, ihn und den dummen Europäer-Hochmut, der
mit Schnellzügen, Maschinengewehren, mit läppischem Warenhauskram in
diese farbige Welt eingebrochen ist, sie tausendmal im Tage schändet
und im maßlosen Dünkel des Kulturbringers noch Dank ernten will, wo er
Verachtung und Unverstand gesät hat.
Die Straße weitet sich, das schlüpfrige Pflaster hört auf, harter
Sandboden beginnt. Ein sanfter Hügel wird erklommen -- dann füllt den
Sehkreis ein wildes Meer glühender Farben: die Wüste!
Den weiten Talboden deckt feiner Pulversand, vom grellsten Weißgelb
bis zum sattesten Orange abgetönt. Am jenseitigen Rande springen jähe
Felshügel auf, die in tausend Schattierungen von Rot, Lila, Violett,
bis zum Schwarz hinab, dunkel glühen. Über ihrem zackigen Kamm tanzen
flimmernde Luftbänder wie über Feueressen. Kleine Inseln grünen
Buchwerks da und dort eingestreut. Ginster grüßt mit gelben Blüten. Und
ein Himmel darüber, von dröhnendem Blau, und goldene Sonne. Dies sind
keine Farben mehr, mit denen das Auge allein fertig werden könnte. Wie
schwingender Glockenton teilen sie sich dem Ohr mit, jagen wollüstige
Schauer über die Haut, füllen alle Poren mit bebenden Wellen, wie ein
laues Bad. Fritz erliegt seufzend dem stürmischen Eindruck, läßt sich
hingegeben überfluten. Das Meer? Wie kalt und fremd! Hier, hier pulst
glühendes Leben!
62
Eine Zufallsbekanntschaft im Café führt zur Entdeckung einer neuen
Pension. Dort geht es wild her. Die Wirtin, eine deutsch-russische
Witwe in den besten Jahren, ist vor irgendwelchen Wirren im weiten
Zarenreich hierher geflohen, um neuen Wohlstand zu erwerben. Sie hat
ihre schmerzliche Freude an dem Toben der Gäste. Mit Fritz sind
es acht junge Leute, keiner älter als zweiundzwanzig Jahre, die
tagsüber in Kontoren schwer arbeiten, in den Freistunden aber die
enge Wohnung mit lärmenden Spielen beleben. Die Küche versieht ein
schieläugiger, blatternarbiger Fellache mit verfilztem Stirnschopf
auf dem Verbrecherschädel. Auch wird weniger auf die Güte geachtet,
als auf die Menge. Doch auch die ist immer knapp berechnet. Jeder
trachtet sich seinen Anteil zu sichern -- dazu ist jedes Mittel recht.
Beliebt sind sachliche Randbemerkungen über Herkunft und Zubereitung
der Speisen. Vielleicht vergeht einem oder gar zweien der Appetit, und
ihre Portionen würden frei? -- Saures Mischbrot gibt es zur Genüge,
doch nur acht dünne Scheiben Kornbrot zu jeder Mahlzeit. Um die toben
Kämpfe; die eroberten Stücke werden abgeleckt, unter den Arm geklemmt
-- was hilfst’s? In einem unbewachten Augenblick reißt sie der Nachbar
doch an sich und schlingt sie hinunter. -- Da ist der Herr Lustig
aus Prag, der ekelt sich so leicht. Ein Beutetierchen. -- Der Filter
liefert nur eine bestimmte Menge Trinkwasser im Tage, und auch das läßt
im Glase leichten Bodensatz. Herr Lustig trinkt Syphon. Er hat Zuschuß
von daheim und kann sich’s leisten. Als eben wieder eine neue Kiste für
ihn geliefert worden ist, wird in der Runde der anderen mit schöner
Offenheit die Frage erörtert, ob wohl die Syphonfabriken beim Reinigen
der Spritzhähne genügende Rücksicht auf die Tatsache nähmen, daß die
Araber sich mit Vorliebe mit Syphons purgierten? -- Und Herr Lustig
stiftet wehmütig die neue Kiste für die Allgemeinheit. Zum Dank werden
neue grausige Gesprächsstoffe ersonnen.
Fritz empfindet zunächst abwehrendes Staunen vor solchen Tischmanieren.
Bald aber fährt auch ihm der ungeschriebene Grundsatz ins Blut, der,
stärker als sonstwo, in diesem Lande neuen Reichtums und alten Elends
regiert: „Friß oder laß dich fressen!“ Und er wehrt sich seiner Haut,
gilt rasch als achtbarer Gegner und denkt in bitterer Beschämung der
langen Jahre, in denen er sich geduckt, immer wieder geduckt hat. Gibt
es eine andere Antwort auf stummes Dulden, als neue Verachtung, neue
Gewalt? --
63
Langsam beginnt der Schleier vom Antlitz des fremden Landes zu weichen.
Schon sind zehn, zwanzig Wortgruppen erobert. Welcher Stolz, wenn es
nun ab und zu gelingt, einen Eingeborenen, der im Vertrauen auf die
völlige Sprachunkenntnis des Fremden mit heuchlerischer Unterwürfigkeit
Verwünschungen murmelt, zu entlarven und mit einem ellenlangen,
blumigen Fluche zu zerschmettern? Und welch ein Volk, diese Fellachen!
Seit Menschengedenken waren sie keinen Tag unfrei, nie einem Herrscher
ihres Stammes untertan. So liegt es ihnen im Blut, zu lügen, zu
stehlen, flüsternd der Fremdherren zu spotten, und sie doch bäuchlings
anzubeten. Erwachsene Männer weinen kindisch haltlos, um eine
betrügerische Überforderung doch noch durchzudrücken. Ist der Versuch
als aussichtslos erkannt, dann fügen sie sich lächelnd, fließen über
von Beteuerungen ehrlicher Zuneigung und Dienstbereitschaft. Ein ander
Mal! Kein Manneswort, kein Einzelwille gilt. Über allem und jedem liegt
der göttliche Ratschluß, der jede Verpflichtung, jede Verantwortung
im Geben und Nehmen aufhebt. Zu dreien Malen an jedem Tage hämmern es
die ehernen Stimmen der Muezzins von unzähligen Minaretts herab in die
Herzen der Gläubigen:
Kein Gott ist außer GOTT
Und keine Macht außer bei IHM
Und Mohammed ist SEIN Prophet.
Ist das noch die Lehre, die die ersten Moslim mit wildem Tatendrang,
mit hemmungsloser Todesverachtung erfüllte und erobernd fast bis ins
Herz des zitternden Abendlandes führte? Welche Verheerung hat sie in
diesen Sklavenköpfen angerichtet! Kein Versprechen ohne den Zusatz:
„~Insch’allah!~ So Gott will!“ Bleibt es unerfüllt, so hat Gott nicht
gewollt. Keine Auflehnung gegen einen Schicksalsschlag, und möchte er
auch durch Tat zu mildern, abzuwenden sein. Tote Ergebung: „Maktub
Kedde“ -- so ist es geschrieben! --
Fritz erblickt in der Ehrlosigkeit, den Untugenden und Lastern der
Eingeborenen ein Zerrbild seiner eigenen Knabenschwäche, und der
Verachtung paart sich rasendes Mitleid.
Steht Euch kein Rächer auf, ihr Knechte, kein Führer, der Euch die
krummen Rücken strafft?
64
Hinter dem weiten Ezbekiehgarten dehnt sich ein Netz von Straßen und
Gäßchen, in denen Haus um Haus mit grellen Lampen prunkt und lockt.
Aus aufreizend verhängten oder schamlos weit offenen Fenstern dringt
schrilles Lachen, Musik, Gläserklang. Weiber lehnen an den Brüstungen
der Fenster und Balkone, lassen pralle Dirnenbeine in durchbrochenen
Seidenstrümpfen sehen, nackte Arme und Brüste, mehlweiß gepudert und
von Schweißperlchen getigert. Da und dort wirft eine einen Lockruf
in den Straßenlärm, ein derbes Scherzwort auch, halb Schimpf. Und im
Strome der Müßiggänger, der träge durch die Straße treibt, bleibt
mancher Fant stehen, schickt prüfenden Käuferblick empor, lüsterne
Wechselrede oder rohe Abwehr; Fische, die nach eklem Köder schnappen.
-- Beizend, würgend fast, springt der Geruch scharfen Räucherwerks aus
Hausfluren, Wolken von Rosenöl, Sandelholz, Moschus dazwischen. Da und
dort drängt sich billiges europäisches Riechwasser dünkelhaft vor. Ein
Stadtteil, in dem hemmungslos der Trieb herrscht, die Brunst, die alles
färbt und durchdringt, was in ihren Dunstkreis gerät. Da weiten sich
gierige Nüstern über tierisch gebleckten Zähnen, aus rollenden Augen
blitzt Fleischhunger, und die alltäglichen Rufe der Straßenhändler
klingen wie Lustschreie in der überreizten Luft. Der röchelnde Schrei
der Eselhengste aber weckt Vorstellungen maßloser Ausschweifung, weckt,
ansteckend, das Tier in manchen der Männer, daß sie jäh die Gebärde
des müßigen Bummlers abtun und sich atemlos, keuchend in eines der
Haustore stürzen, um das erstbeste Weib ihrem Trieb zu unterjochen.
Weiter weg von der Stadtmitte werden die Gassen enger, die Häuser
winkeliger, schmutziger, bis sie sich in das Elendsviertel des
„Fischmarktes“ verlieren. Dort haben die Häuser keine Türen mehr. Derbe
Holzgitter schließen die breiten Öffnungen der Erdgeschosse. In den
schmutzigen Höhlen dahinter, von Messinglämpchen kaum erhellt, kauern
Weiber auf dem nackten Lehmboden, eingeborene Weiber, in grelle Lumpen
gekleidet, die unverhüllten Gesichter mit Henna und Kohle geschminkt,
Messingzierat im verfilzten Haar, und ihre Lockrufe schneiden durch
den stickigen Brodem wie Klageschrei gefangener Tiere: „Oh Moslim,
bleibt stehen!“ So manche unter ihnen weist grausige Merkmale ihres
Gewerbes auf, fressende Schwäre an Gesicht und Brust. Doch wer kennt
die Männer und ihre Launen? Vielleicht läßt sich einer verlocken, oder
er übersieht das Gebreste im spärlichen Lampenschein -- und der sieche
Leib verlangt seine Nahrung. „Bleibt stehen, oh Moslim: um ein Stück
Brot, um ein Gericht Bohnen, oh Moslim!“
Fritz stolpert über das höckerige Pflaster wie in bösem Traum, von
bitterem Ekel geplagt. -- Die elendeste, räudigste Hündin folgte zur
Paarung nur dem eigenen Trieb, biß sich die ungewollten Bewerber vom
Leibe. Und jeder Hund, auch der stärkste, achtete ihr Wahlrecht, ließ
sich beißen und biß nicht zurück. So konnte ein Menschenweib tiefer
sinken als das elende Tier, unter die Grenzen der Natur hinab? Und
herrische Verachtung will sich regen -- Weib! -- Der Mann aber, dem
dies lustlose Anbieten und Gewähren gilt, der Mann, der es brünstig
nutzt, feilschend entlohnt, entmenscht er sich nicht schamloser,
schmutziger noch? War es Herrenlust, wenn man dem geilen Tier die
Zügel ließ, gab nicht jeder, der einmal nur, irgendwann, blindem Trieb
gefolgt, damit auch der letzten, aussätzigen Dirne recht? -- Und die
prahlend genossenen Erfolge der frühen Jugendjahre schrumpfen ein zu
häßlichen Flecken. Betty, Minna, und Yvonne selbst -- schmähliche
Siege. Kam es darauf an, begehrt zu +werden+, in kaltem Jägerehrgeiz
ein Wild zu hetzen, das gern erlegt sein wollte? Oh, Liebe fühlen
können, frei und allmächtig durchflutend, wie die Wüstensonne draußen,
ohne sinnepeitschendes Beiwerk, Liebe, die kein ekles +Nachher+ kannte,
von Selbstverachtung durchgeifert, Liebe, Liebe ...
Doch wo die Frau finden, der diese Liebe gelten konnte, die Frau, deren
reiner Leib die Lust noch zu adeln, zu heiligen vermochte, wo sie
suchen, die Erlöserin? Qual der Erwartung!
Draußen, hinter den Lehmmauern voll Brunst und Unrat atmet lau die
nächtige Wüste. Dort ist der Jungbrunn, dort die sühnende Quelle. Dort
laß den Leib Genesung finden, Vergessen trüber Lüste, daß er geläutert
der Königin harre!
Und jeder freie Tag und drei Nächte in jedem Monat -- Vollmond, die
Nacht vor- und die nachher -- gehören der Wüste. Stundenlanges Reiten
durch feinen Sand, durch scharfes Geröll, über felsige Hänge hinauf,
hinunter. Die kleinen Esel klettern wie Ziegen, legen sich schwer in
die Zügelhand, ungeachtet des scharfen Stangengebisses. Der heiße
Wüstenwind wirbelt feine Kieskörnchen an die dürrgebrannte Haut, bläht
das weitoffene Hemd, weckt stürmende Daseinsfreude. „Nun erst bin ich
jung!“ denkt Fritz beseligt. -- Gibt es da oben im Norden irgendwo eine
düstere Kleinstadt inmitten flacher Rübenfelder, die grau in endlosem
Regen verschwimmen? Gab es je ein Leben, von Verboten eng umzirkt,
einen Vater, dessen harte Strenge man haßte, mit Lüge umging -- und
doch neidisch ersehnte? -- Armer, alter Mann, du hast dir, schwer
genug, das bißchen Macht erkämpft -- die Sonne aber, die Freude sind
dir fremd geblieben! Laß mich stark werden hier draußen, und frei --
dann will ich heimkehren, und ein Abglanz dieser farbensatten Tage soll
Licht in deine müden Augen bringen!
65
Draußen bei den Pyramiden steht das Wasser meterhoch auf den Feldern,
setzt guten, schwarzen Schlamm ab und spart den Fellachen das Düngen.
Durch die Stadt geht das Herbstfieber, Denga nennen sie es, packt ein
paar sommerbleiche Europäer und schüttelt sie, bis sie krebsrot sind,
wie vom Sonnenbrand. Morgens und abends ziehen Nebel durch die Straßen,
herrisch und drohend, wie die feiernden Soldaten eines Invasionsheeres.
Das ist die Zeit, wo die Schiiten zu Ehren ihres Heiligen ihren
alljährlichen Umzug halten.
Von einer Moschee hoch oben in der Mouski kommt der Zug und geht durch
die Mouski zum Hause eines persischen Notabeln. Es sind fast durchwegs
Perser, die mittun.