Namen aufzuzählen: links der Como-See, mit den spitzen Buchten von Como
und Lecco, rechts der Lugano-See, dort hinten taucht ein Stück vom
Lago Maggiore auf, dort liegt die Isola Bella; weit im Norden flammen
Schneeberge, die gehören schon zum Engadin ... und da ... und dort ...
Fritz hört selbstgefällig zu. Das ist wohl was anderes als das flache
Rübenland mit halbslawischen Nestern ...! Pallanza Menaggio ...
Bellaggio ...
Doch plötzlich fühlt er, wie das strahlende Antlitz der Landschaft
sich verzerrt zum kalten, höhnischen Grinsen, voll Verachtung: „Du
Überwinder, der den Vater morden wollte -- sieh, wie du auf Schritt
und Tritt den Gedanken an ihn mit dir schleppst, wie ein entlaufener
Sklave die gesprengte Fessel! Du siehst nicht, wie die Pinie da
unten, fächerig, zart, in dunklem Grün gegen See und Himmel steht,
siehst nicht die weißen Wolken über Wiesenhügel treiben, siehst das
Farbenspiel der Seewellen nicht, und die Freude an der seligen Weite,
an lichtem Leben ist dir fremd. -- Namen brauchst du und Zahlen, die
dir ins Ohr klingeln, und deine zertretene Eitelkeit aufrichten und
stärken sollen: ‚Das hab’ ich gesehen!’ -- Blind könntest du sein, und
sähest darum nicht weniger! Armseliger Wicht!“
Wahr, tausendmal wahr! Der Gedanke an den Vater verläßt ihn nicht. Wird
der Haß nie sterben? Oder -- ist es kein Haß? Ist es ...
Aber er tut die Schwäche mit wütendem Kopfruck ab: Haß ist es,
gerechter Haß! Und wer ihm den antasten will, der ist sein Feind! --
Stumm und trotzig steigt er neben dem Freunde die steilen Hänge hinab,
an die sonnigen Ufer. Und fragt verbissen immer aufs neue nach Namen,
hört kaum die Antwort, fragt weiter -- und fühlt brennend, am ganzen
Körper, den lachenden Hohn der Berge und Täler um ihn: „Komm wieder,
wenn du frei bist!“
Unten am See trillern die Lerchen in den weiten Gärten. Da sagt Guido:
„Wart’, gleich hier wohnt ein Bekannter -- vielleicht borgt er mir sein
Gewehr, dann könnten wir ein wenig auf die Jagd gehen!“ -- „Jagd, gibt
es das hier?“ fragt Fritz begeistert. -- „Natürlich, wart’ nur!“ ruft
Guido zurück und eilt einem reichen Landhause zu, das aus alten Bäumen
hervorleuchtet. Fritz hat sein ungetrübtes Selbstbewußtsein wieder.
Das ist die rechte Antwort auf das Hohnlachen: „Komm wieder, wenn du
frei bist!“ Ein Gewehr in die Hand, und Löcher in die grinsende Fratze
gedonnert! Die Kreatur beschleichen, überwinden, töten ...
Da kommt Guido zurück, mit einer schweren Entenflinte von schöner
englischer Arbeit, und mit einem seltsamen Messinggehäuse. Fritz erhebt
sachverständige Bedenken: „Hast du keinen Hund mitgebracht?“ -- „Hund
-- wozu denn?“ lacht der andere. „Wo fangen wir an?“ fragt Fritz. --
„Gleich hier, auf dem Stück Sturzacker,“ sagt Guido, gibt Fritz das
Gewehr, der es mit Kennermiene prüft, öffnet und schließt, und kniet
mit dem Messinggehäuse auf den Ackerboden. Auf einen Stift, der aus
dem Deckel ragt, werden rechtwinklig zueinander zwei kleine Querbalken
aufgesetzt, in die viele kleine Spiegelstückchen eingelassen sind. Dann
das Knirschen einer aufgezogenen Uhrfeder, und die beiden Querbalken
beginnen sich wirbelnd zu drehen, einer rechts, einer links herum. Die
Spiegelstückchen schießen bunte Blitze im Sonnenschein, Guido kommt
eilig zurück, nimmt das Gewehr, ladet und drückt den Freund hastig in
die Knie: „Jetzt still, sie werden gleich da sein!“ -- „Was soll denn
kommen -- Raubvögel?“ flüstert Fritz verständnislos. Aber Guido hält
die Augen fest auf das wirbelnde Spiegelwerk geheftet und schüttelt
ablehnend den Kopf. Er ist aufgeregt, und aus seinem starren Blick
spricht richtiges Jagdfieber. Fritz beginnt ebenfalls die Umgebung des
Uhrwerks scharf zu belauern -- vielleicht soll ein Fuchs kommen, oder
ein seltener Nager, Hamster vielleicht? Da wirft ihn ein donnernder
Schuß fast auf den Rücken vor Schreck. „Was war’s? Hast du getroffen?“
fragt er bebend. Aber Guido, weiß bis in die Lippen, springt wortlos
die fünf Schritte bis zum Uhrwerk, bückt sich einmal, noch einmal
und hebt zwei Körperchen auf. Fritz, auf Wild von mindestens
Hühnergröße gefaßt, sieht erst gar nichts, dann, als Guido sieghaft
die Beute schwenkt, erkennt er Lerchen. Lerchen, mein Gott! Sie sind
so lächerlich klein und wehrlos -- man könnte sie fast in die Mündung
der schweren Entenflinte stopfen ... das heißt Jagd? -- Aber Guido ist
sehr stolz: „Zwei auf einen Schuß! Wart’ nur, wir müssen ein volles
Dutzend zusammenbringen. Das gibt ein feines Nachtmahl! -- Willst
du jetzt versuchen?“ Doch Fritz verneint stumm. Er sieht die weiten
Nadelwälder von Weißwasser vor sich, denkt an den Vater, der wochenlang
unverdrossen einem heimlichen Berghirsch nachspürt ... Wieder der
Vater! -- Aber er ist +doch+ ein Weidmann! -- Dies hier, auf Singvögel
donnern aus halben Kanonen ...
Und zum erstenmal stemmt er der prunkenden Fremde den Stolz auf die
arme Heimat entgegen.
56
Ein kurzer, warmer Frühling ist unversehens zu strahlendem Frühsommer
geworden. Wie das wuchert und blüht! Nun werden die Werktage in der
Stadt zur lastenden Bürde, die Sehnsucht nach Wald und Wasser singt
im Blut. An jedem Wochenende geht es hinaus an die Seen; einmal auf
die Berge bei Lecco, den Monte Pertüs und die kleine Grignetta. Da
führen schmale Pfade durch wahre Dickichte von Alpenrosen, und eisige
Bäche schäumen. Der kleine Lugano-See ist weicher, von hügeligem
Laubwald umgeben und beherrscht von dem kahlen Almenkegel des Generoso.
Am schwersten ist dem Lago Maggiore beizukommen, der kann recht
hochmütig sein, mit der verwaschenen Pracht seiner Schlößchen und den
altmodischen Terrassengärten. Doch wird die eitle Lust an Namen langsam
überwunden, und langsam schwindet auch die kalte Distanz zu der fremden
Landschaft. Keine drohende Frage mehr klingt aus der großartigen Weite,
auch kein Hohn. Es gibt Raststunden voll seliger Entrückung, wo jeder
Nebengedanke stumm zerrinnt in dem Meer von friedlicher Stille.
„Sag, Guido, glaubst du, daß jedes Volk sich das Land ausgesucht hat,
das ihm am besten zusagte -- oder hat der Boden die Menschen geformt,
die auf ihm gelandet sind?“ --
„Ich glaube sicher nicht, daß der Boden uns Menschen formen kann -- wir
sind die Herren der Erde!“
„Ach Gott, arme Herren, Guido! Im Winter sterben wir vor Kälte, im
Sommer vor Hitze -- und wenn der Boden nichts tragen wollte, müßten wir
verhungern!“
„Er muß tragen, wir zwingen ihn!“
„Zwingst du Hagel, Blitz und Regen? -- Und wenn schon -- wie willst
du auf Rübenboden Wein ernten, Reis und Oliven? -- Nein, nein, wir
sind Kinder der Scholle, nicht ihre Herren. Und glücklich, wer die
Seele des Himmelsstriches mit bekommt, unter dem er geboren ist.
Der mag zufrieden sein mit noch so hartem Los, denn er kennt kein
besseres und hat die Sehnsucht nicht, es kennen zu lernen. Aber wer im
grauen Norden aufwächst mit einer südlichen Seele, der bleibt arm und
heimatlos!“
„Sprichst du von dir?“
„Ja und nein. Hier ist alles Weite, Überfluß, Schönheit -- wie leicht
ist es da, zufrieden und gütig zu sein. Aber du ahnst ja nicht, wie
trostlos arm an Freude es dort oben bei uns ist! Häßliche Häuser, eng
zusammengewinkelt, um den kostbaren Rübenboden zu schonen. Ringsum
ebene Felder, weiß im Winter, braun im Frühling, grün im Sommer,
gelb im Herbst -- in ewigem Wechsel. Wie sollen dort frohe Menschen
erwachsen? Dort ist das Leben eine Schuld, die abgearbeitet werden muß.
-- Ich denke an meinen Vater -- was wäre aus dem geworden, hätte ihn
das Schicksal in diese Landschaft gestellt. Und aus mir ...!“
„Du stehst ja mitten drin in der gepriesenen Landschaft!“
„Ja -- aber die Kindheit dort oben läßt mich nicht los!“
„Wirklich, läßt sie dich nicht los, du Ärmster! -- Nun, ich glaube weit
eher, du willst +sie+ nicht loslassen -- oder?“
„Nein, ich will nicht,“ sagt Fritz langsam.
57
Es geht dem Herbst zu, und das erste Bankjahr nähert sich seinem
Ende. Da kommt ein langer Brief vom Herrn Rat, der neben ernsthaften
Ermahnungen auch viel unerwartetes Lob enthält und, nach langwierigen
Betrachtungen darüber, daß es für Fritz, nun er einmal diesen Beruf
gewählt, vorteilhaft sein müßte, möglichst viel von der Fremde zu
sehen, in der überraschenden Frage gipfelt: wie er über eine Versetzung
nach Kairo dächte? Er solle sich ernsthaft prüfen und vor allem auch
bedenken, daß er die neue Stellung anschließend an seine jetzige
antreten müßte, ohne vorher nach Hause kommen zu können. Bliebe er
aber weiter in Mailand, so wäre ein Urlaub von zwei Wochen wohl zu
erreichen. Dies und manches andere müßte er mit sich selbst ausmachen,
jedenfalls aber sich bald entscheiden. Natürlich ohne Übereilung.
Vom Vater ein paar kurze Zeilen, die ihm den Entschluß freistellen. Er
sollte rechtzeitig Bescheid geben. Natürlich dürften Sentimentalitäten,
wie die weite Entfernung oder die lange Trennung, keine Rolle spielen.
Die einzige Frage sei vielmehr, ob er nach diesem ersten Jahr an dem
selbstgewählten Beruf festhalten wolle oder nicht. Die Rückkehr an
die Universität, nach dem kostspieligen Umweg über Mailand, wäre ja
natürlich ein haarsträubender Blödsinn, aber es würde sich in Gottes
Namen darüber reden lassen. Hauptsache sei, daß er endlich einmal einen
festen Willen zeige ...
Da ist das kaum errungene Gleichgewicht jäh gestört. Von einer Rückkehr
an die Universität hat er nie ein Wort geschrieben. Wenn nun plötzlich
der Vater davon anfängt, so heißt das, daß er sie erwartet, vielleicht
sogar wünscht ...
Er geht mit beiden Briefen zu Guido. Der ist in letzter Zeit merkwürdig
verändert, wie von heimlicher Freude getragen. Sobald ihm Fritz
den Brief des Vaters übersetzt hat, schlägt er ihm übermütig auf
die Schulter: „Das trifft sich gut -- da gehen wir beide auf die
Universität!“ -- „Wie denn, du auch?“ fragt Fritz verblüfft. -- „Ja,
ich auch!“ jubelt Guido. „Vor einem halben Jahre etwa habe ich endlich
einen Anwalt gefunden, der sich bereit erklärte, den Konkurs meines
Vaters und besonders die Forderungen jenes Maklers zu überprüfen. Nach
meinen Angaben. Dabei ist endlich die Gaunerei an den Tag gekommen,
der Bursche ist seit gestern verhaftet, sein Vermögen beschlagnahmt.
Wieviel meine Mutter wiederbekommt, steht nicht genau fest, aber es ist
bestimmt reichlich genug, daß dieses Elend mit Gärtnerhaus und Bank
ein Ende hat. Bisher wollte ich nicht davon sprechen, um es nicht zu
beschreien. Aber jetzt ist keine Gefahr mehr -- morgen kündige ich in
der Bank! Und du doch auch, natürlich!“ -- „Ich weiß wirklich nicht,
ich glaube beinahe ...“ sagt Fritz zögernd. -- „Was denn, das kann
doch keine Frage sein, du gehst an die Universität?“ -- „Das weiß ich
nun wirklich nicht,“ meint Fritz. Guido wird heftig: „Ja, willst du
am Ende bei der Bank bleiben? Dazu taugst du doch wahrhaftig nicht!
Du hast doch keine Spur von Geschäftssinn -- und lernen läßt sich der
nicht!“ -- „Das weiß ich,“ unterbricht ihn Fritz. „Aber wer denkt
denn an ‚bleiben’! Natürlich reizt es mich nicht, mein Leben etwa
als kleiner Bankbeamter zu beschließen. Ich denke auch nicht daran.
Sollte ich mich aber heute für ein Fakultätsstudium entscheiden, so
stände ich genau so ratlos da, wie vor zwei Jahren. Theologie ist ja
überhaupt zum Lachen. Medizin -- dazu müßte ich selbst fester sein. Jus
-- mein Gott, was wartet da auf mich? Eine Kanzlei, und Paragraphen,
und Kurszettel und ‚Geschäft’. Und Philosophie -- was wird man damit?
Du sagst einfach: Ich studiere Kunstgeschichte und werde Maler! Dabei
hast du jetzt aber wieder die Mittel, vielleicht jahrelang Privatdozent
zu bleiben und schließlich Professor zu werden. Die habe ich nicht,
und überdies weiß ich genau, daß ich zum Lehrberuf noch weniger tauge
als zum ‚Geschäft’. -- Nein, nein, versteh’ das doch: Mein Leben lang
durfte ich mir meine Krawatten, meine Anzüge und Schuhe nicht selbst
wählen, mußte bei jedem Schmarren dreimal um Erlaubnis bitten, bin
überdies in der trostlosesten aller Kleinstädte aufgewachsen -- wie
könnte ich heute schon sagen, was ich ein für allemal +will+! -- Weißt
du, schon von Kind auf habe ich immer wieder das Gefühl, daß die
Umwelt eine Frage an mich stellt, auf die ich die Antwort finden muß.
Und ich wußte nicht recht, soll ich die Dinge erlösen, befreien, oder
soll ich werden wie sie und dadurch mich befreien. Ich könnte dir von
Herbstabenden erzählen, auf den Rübenfeldern bei uns zu Hause -- eine
Ebene, flach wie der Tisch, Dreck bis an die Knöchel, Nebel und Regen
-- da bin ich als Junge halb verzweifelt. -- Das Jahr hier hat mir gut
getan -- ich habe ein wenig Blick bekommen, und Ruhe, und Festigkeit
-- aber fertig bin ich darum noch lange nicht!“
„Na schön,“ sagt Guido, „und was willst du also tun?“ „Ich will zur
Besinnung kommen, mich noch ein wenig in der Welt umsehen! Natürlich
ist die Bankarbeit ekelhaft -- aber zu bloßen Vergnügungsreisen habe
ich doch nicht das Geld! Wie denn auch! Und Kairo -- Kairo -- sag’
einmal: Ist das nicht ein Traum?“
Da faßt ihn Guido lächelnd an: „Wozu die langen Reden! Sag’ du einmal
ehrlich: du warst schon fest entschlossen, nach Kairo zu gehen, als du
zu mir kamst, nicht?“
„Nein, wirklich nicht,“ wehrt Fritz ab. „Aber weißt du was -- ich
kann nicht nachdenken. Wenn ich an jemanden hinrede, dann kommen mir
Gedanken, auf die ich alleine nie verfallen wäre. Der andere braucht
nicht einmal den Mund aufzumachen. Besser ist es freilich, wenn er ein
wenig widerspricht; ein wenig nur, sonst wird er mir zuwider. Gerade
soviel, daß ich ihn blendend widerlegen kann!“
„Eine schmeichelhafte Rolle, die du deinen Freunden zudenkst!“ lacht
Guido gutmütig. Fritz drückt ihm dankbar die Hand: „Du tust mir einen
großen Dienst damit! -- Weißt du, das kommt wohl daher, daß ich im
steten Widerspruch mit meiner Umgebung aufgewachsen bin. Da war immer
zuerst ein Wille, ein Verbot, das Gegenwillen erzeugte. Das hängt mir
nun an!“
„Und wie lange willst du in Kairo bleiben?“
„Mein Gott -- das weiß ich nicht! Ein Jahr, zwei, drei, immer
vielleicht -- ich weiß nicht!“
Und Guido schüttelt zweifelnd den Kopf: „Das reine Kind! Ich weiß nicht
recht, soll ich dich auslachen oder beneiden?“ --
„Auslachen bestimmt nicht, und beneiden erst später!“ gibt Fritz stolz
zurück.
58
Was ist die Sprache, was das geschriebene Wort? Das Wesen der Dinge
berühren sie nicht! Tanzende Irrlichter über verschwiegenem Moor!
Da ist das Meer! Wie kläglich sinkt in seiner Gegenwart in Nichts
zusammen, was man je davon gehört, gelesen! Die trübe Pfütze, mit
Unrat durchsetzt, die sich im Hafenbecken staute: das Meer! Das gelbe
Brackwasser über seichtem Strand, an der Hafenausfahrt: das Meer! Der
weite, blaue Seidenteppich, der willig die Last des weißen Schiffes
trägt: das Meer! und die tosende Naturkraft, die mit jedem Hauch das
stolze Menschenwerk zu läppischem Tand erniedrigt: das Meer!
Wie füllt dein Anblick die toten Buchstaben der Geschichte mit heißem
Leben, wie klingt nun die Seele mit in dem jubelnden Ruf, mit dem die
Zehntausend um Xenophon dich grüßten: Thalatta!
Was birgt dein weiter Schoß? Bietest du in dunklen Tiefen immer noch
Wesen längst verklungener Art Zuflucht, Wesen, denen das neidige
Menschenvolk hier oben längst Luft und Erde verleidet und die es ins
Fabelreich verbannt hat, in +dein+ Reich, Urmutter? --
Das weiße Schiff pflügt sich mit messerscharfem Bug seine Bahn, selige
Sonnentage, klare Sternennächte lang. Daß diese Fahrt doch nie ein Ende
nähme! Hier endlich ist Ruhe und Freiheit, keine Frage, kein Hohn, kein
quälendes Erinnern. Nun fällt der Druck der engen Kindheit ab, mit
Heimlichkeit und Lüge. Kein Haß mehr, keine Bitterkeit, nur brennende
Sehnsucht nach Wahrheit und Güte. Dank dir, du blaue Weite!
59
Weit im Süden, Meer und Himmel trennend, ein dünner, gelber Strich:
Afrika. Rasch wechselt die Farbe des Meeres von tiefem Blau zu immer
lichterem Grün. Der dünne Strich wächst, sandfarbene, würfelige
Häuser tauchen auf, Palmen wachsen langsam aus dem Meer. Der Dampfer
verlangsamt seine Fahrt, nimmt aus jäh aufkreuzendem Boot den Lotsen an
Bord. Ein letzter Blick noch auf die untadelige Reinheit der offenen
See -- dann schließen sich die Molen wie weitgestreckte Arme, ziehen
das Schiff an die Brust der fremden Stadt.
Noch sind die weißgekleideten Beamten der Quarantäne-Kommission mit
kühler Oberflächlichkeit am Werk, da wird das Deck heulend überschwemmt
von einer Unzahl dunkelhäutiger Burschen in langwallenden blauen oder
schwarzen Hemden, riesige, gelblederne Pantoffel an den nackten Füßen,
lächerliche Häkelhäubchen auf den kahlen Köpfen. Sehnige, nackte Hälse
blähen sich in maßlosem Geschrei, furchtbare Gebisse blitzen zwischen
breiten Lippen auf, dunkle Hände mit schweren Silberringen eifern,
werden beschwörend gespreizt, flehend gefaltet, drohend gegen den
Nebenbuhler geschwungen: ein lächerlicher Willkommsgruß des schwarzen
Erdteils.
Fritz ergibt sich einem ebenholzfarbigen Nubier, der sich das Gepäck
seines Opfers auf die Schultern türmt, an Riemen vor die Brust hängt,
unter die Arme klemmt und, unaufhörlich schnatternd, mit Riesengewalt
durch das Gedränge bricht: „Yes, Sorr, ollrreit, Sorr, Cairo-Expreß,
Station, zuerst Dogana, Sorr, Zoll, hier!“
Eine kurze Untersuchung, -- dunkle Finger stöbern aufreizend in weißer
Wäsche, -- dann wird das Gepäck schwunghaft auf einem gebrechlichen
Wagen verstaut, der Nubier schwingt sich auf den Bock und auf seinen
stimmgewaltigen Zuruf knallt der Kutscher mit beißender Bogenpeitsche
auf die schlanken Pferdchen ein, daß sie vom Fleck in hemmungslosem
Wüstengalopp losrasen. Der Nubier fühlt sich verpflichtet, Konversation
zu machen und überbellt heiser das Toben der Hufe: „Schiff sehr
verspätet, Sorr, wenig Zeit für Expreß, noch ten Minüts, ten!“ --
Und die rechte Hand, fächerig gespreizt, senkt sich zweimal mit
furchtbarem Nachdruck. -- Noch ein kreischender Zuruf an den Kutscher,
der entrüstet erwidert wird. Die Bogenpeitsche klatscht fieberhaft.
Endlich der Bahnhof. Vor dem Säulenportal werden die Pferdchen jäh
zusammengerissen, daß sie sich, die Mäuler weit gesperrt, fast auf die
Hosen setzen. Fahrkarte, Gepäckaufgabe, alles in fieberiger Hast,
von des keuchenden Nubiers Raserei mitgerissen. Endlich der Bahnsteig
-- fremdartige Riesenwagen, in die man ebenen Fußes, ohne Stufen,
einsteigt. Die Handtaschen fliegen schnaubend ins Gepäcknetz, und der
Nubier streckt mit einem Grinsen übermenschlicher Genugtuung die dürre
Hand bis zum Ellenbogen aus dem weiten Ärmel: „Schweres Gepäck, Sorr,
grroße Eile, sehrr gearbeitet, Sorr, kleines Bakschisch, please!“ Fritz
hält ihm eine Handvoll der fremden Silbermünzen entgegen, die ihm der
Steward zu Wucherkurs eingewechselt hat. Der Nubier wählt mit spitzen
Fingern etwa das Zwanzigfache seiner Taxe, deutet dann stolz auf seine
Brust: „+Ich Ali+, Sorr, +Ali+! Nächstes Mal wieder!“ verbeugt sich mit
süßem Lächeln und geht. Fritz weiß genau, daß er übervorteilt wurde,
aber er ist verwirrt und wehrlos.
Der Zug rollt ab, unmerklich fast, steigert sich rasch in wütende
Schnelligkeit hinein. Durch die großen, festgeschlossenen
Spiegelfenster beginnt feiner Staub zu sickern, der sich wolkig über
die glatten Lederkissen legt, Nase und Augen brennend füllt und
zwischen den Zähnen leise knirscht. Draußen fliegt flaches Land vorbei,
strotzend in blauem Grün; Palmenhaine und Lehmhütten, Sandflächen
dazwischen. Die Hitze in dem geräumigen Abteil wird drückend. Und Fritz
sinkt in bleiernen Schlaf.
60
Auf dem Bahnhof in Kairo wieder ein Haufe tobender Eingeborener,
die brüllend auf die breiten Armschilder aus Messing schlagen, das
Abzeichen der amtlich zugelassenen Träger, und untereinander wilde
Kämpfe um das Handgepäck ausfechten. Fritz schwankt noch, welchem
der Feinde er sich ausliefern soll, da tritt ein Montenegriner in
pomphafter Volkstracht, klobige Revolver im Gürtel, höflich grüßend
auf ihn zu, nennt ihn fragend bei Namen ... Es ist der Kawaß der Bank,
der ihn ins Hotel bringen soll, wie er in hartem Italienisch erklärt.
Alle +europäischen+ Beamten der Bank würden so empfangen, setzt er mit
Nachdruck hinzu, und trennt gleichzeitig mit einem nebensächlichen
Fauststoß zwei kämpfende Träger, die eine Handtasche zwischen sich hin
und her zerren, wie Hunde einen Knochen.
Fritz fühlt staunendes Hochgefühl: so kann die weiße Haut allein
auszeichnende Bedeutung haben, ohne Rücksicht auf den Kerl, der drin
steckt! -- Und das reiche Jahr in Mailand verblaßt zu gleichgültiger
Vorstufe: „Hier bin ich Europäer!“
Vor dem Riesenbau des Continental-Hotels hält der Wagen. Fritz
erschrickt bis ins Innerste: allein würden ihn keine zehn Pferde in den
Prunkpalast hineinbringen. Aber er strafft sich wütend -- Europäer!
-- unterdrückt mannhaft jedes Entzücken über den prachtvoll schlanken
Berberiner im langen weißen Gewand, mit bunter Leibbinde und hohem
Tarbousch, der mit Verbeugungen herbeieilt, und folgt mit ungemessener
Würde dem Voranschreitenden. „Wenn der Herr sich umgezogen hat, wird
ihn ein Boy zur Bank führen -- ich sage dem Portier Bescheid,“ spricht
hinter seinem Rücken ehrerbietig der Kawaß. Fritz nickt kurz zurück.
Sprechen kann er nicht. --
Die Bank nimmt in einer breiten Gartenstraße des Europäerviertels
eines der neugebauten Einzelhäuser europäisch-arabischen Stils
ein. Am Gartentor ein grauhaariger Sudanese, der grüßend die Hand
an Brust, Mund und Stirne führt; im Vorraum drei, vier wartende
Diener, die ihn mit gleichem Gruße weitergeleiten. Dann das Zimmer
des Direktors: schwere englische Ledermöbel, reiche Teppiche, ein
großer Marmorkamin. Starker Duft von Mokka und feinem Tabak. -- In
dem breitlehnigen Kippstuhl hinter dem Doppelschreibtisch ein Mann
mit großen, festgeschnittenen Zügen, klaren Augen unter hoher Stirn.
Fritz fühlt unvermittelt Vertrauen und Zuneigung. Eine klingende
Stimme sagt ein paar gutmütig aufmunternde Worte auf seine schüchterne
Vorstellung: „Sie sind gut empfohlen ... hoffentlich gewöhnen Sie sich
bald ein!“ Ein kurzes Klingelzeichen, dem hereintretenden Diener knapp
hingeworfen: „Monsieur de Bergasse!“ und wieder zu Fritz: „Sie bleiben
im Hotel, bis Sie eine Wohnung gefunden haben ... es eilt nicht ...
Dann geben Sie mir Ihre Reiserechnung, die wird von der Bank bezahlt
... Und, bitte: Sie dürfen hierzulande nie vergessen, daß Sie Europäer
sind, Angehöriger der weißen Rasse!“
Da schiebt sich, verbindlich lächelnd, ein kleiner, rundlicher Mann
herein, mit grimmem Schnauzbart in dem listigen Gesicht ... Fritz denkt
krampfhaft nach, er kennt den Menschen, -- mein Gott, das Titelbild zu
Tartarin von Tarascon, im Klub, in Mailand ...
Der Direktor stellt vor: „Monsieur de Bergasse -- Ihr neuer Beamter ...
Wollen Sie ihn, bitte, oben einführen, er tritt morgen ein!“