greisenhaftem Eigenwillen entsprungen. Ohne sie läge die Gefahr
mangelnder Auslese allzu nahe. Denn nach des Stifters Willen ist
der Mitgliedsbeitrag niedrig bemessen, für den Ärmsten erreichbar:
anderthalb Franks im Monat. Die lauten Brüder, die ohne Wein und Karten
keine Muße kennen, sie mögen anderswo unterkriechen. Die hier unter
den grünen Leselampen lautlos über Bücher gebeugt sitzen, das sind die
wahrhaft Ruhebedürftigen, denen harter Broterwerb tagsüber keine Zeit
läßt zu innerer Sammlung und zum Ausfüllen schmerzlich empfundener
Lücken.
Fritz wird von Guido dem Verwalter vorgestellt, der in einem winzigen
Büro neben der Eingangshalle sitzt. Guidos Fürsprache kürzt die
Aufnahmsförmlichkeiten ab. Zum Schluß nur die würdevolle Mahnung: „Wir
sind an die Stiftungsvorschriften gebunden, mein Herr. Besonders das
Sprechverbot wird streng gehandhabt. Dreimaliger Verstoß dagegen hat
unweigerlich den Ausschluß des Mitgliedes zur Folge. -- Bedenken Sie
das rechtzeitig, mein Herr, es wäre peinlich für mich und Sie ...“
Dann durchschreiten die Freunde langsam die stillen Gemächer und
landen endlich in einer Winkelnische des Sprechzimmers. Fritz sieht
der versprochenen Erzählung siegessicher entgegen: Das jäh verstoßene
Stutzerle, die gegenseitige Angeberei; dann Felix und sein Auge, die
Geschichte vom Storch, die Tanzstunde und vieles, vieles andere -- was
könnte Guido dem an die Seite zu stellen haben? Noch einmal, wie früher
so oft schon, empfindet Fritz, wie das Bewußtsein früh und schuldlos
erlittener Unbill ihn mit brennendem Stolz erfüllt, wie, seit dem
Erwachen dieses Bewußtseins, seine Tage in der verbissenen Erwartung
verstrichen sind, das Leben, das Leben würde gutmachen, reichlich
gutmachen, was elterlicher Unverstand gesündigt. Zwar will auch
diesmal die innere Stimme laut werden, die ihn seit den letzten Jahren
immer eindringlicher mahnt, das träge Warten aufzugeben, dem Leben,
der fremden Gewalt, mit Taten die Vergeltung abzuzwingen. Doch noch
einmal behält der wehleidige Stolz die Oberhand: „Wie ist mir unrecht
geschehn!“
Da beginnt Guido zu sprechen, leise spöttisch, als hätte er des
Freundes Gedanken erraten:
„Als ich dich zum ersten Male sah, da fühlte ich gleich, daß du
irgendwie an deinem Vater krankst. Eine Jugend, wie die meine,
schärft einem den Blick für so was. Und seither habe ich gesehen, daß
du verteufelt stolz darauf bist. -- Ein paarmal Prügel zur Unzeit,
grundlos vielleicht, harte Worte, unsinnige Verbote, die sogenannte
strenge Zucht -- das schmerzt lange nach! Und du denkst dir nun, kein
anderer kann Schlimmeres erfahren haben -- wie? -- Nun -- laß dir
sagen: Mein Vater war ein bildschöner Mensch, so wunderbar wohlgebildet
bis in die Fingerspitzen, daß man ihm die unadelige Geburt gern
nachsah. Doch unter der Maske alter Kultur steckte ein lasterhafter
Rohling. Ihr guten Deutschen habt noch nicht Zeit gehabt, den Typus
auszubilden. Ihr habt den Haustyrannen im verschwitzten Wollhemd -- wie
harmlos! Nun gut -- meine Mutter verliebte sich in die schöne Maske.
Der bloße Gedanke an Niedertracht lag ihr so fern -- sie glaubte an
den Menschen. An Warnungen hat es nicht gefehlt, ihre Eltern boten
alles dagegen auf. Sie hat ihn doch geheiratet. Oh, er wußte sie
schlau zu fangen, der Hund: ‚Wenn Sie etwa finden, daß ich Ihrer nicht
würdig bin, Contessa, ich trete zurück!’ Das einer Frau wie meiner
Mutter, der die Treue zum gegebenen Wort nicht als Tugend, sondern als
selbstverständliche Pflicht im Blute lag! -- Sie hat ihn geheiratet.
Die ersten paar Wochen mag ihm ihre Reinheit Spaß gemacht haben. Dann
begann er sie zu vernachlässigen, nahm sein altes Leben wieder auf --
Pferde, Weiber, Karten. Meine Mutter brachte mich mit Lebensgefahr
zur Welt. Die Schonung aber, die jeder Rüde seiner Hündin gönnt, die
brachte der Mensch für meine Mutter nicht auf. Die kanonischen Gesetze
verbieten es der Frau, sich dem Manne zu entziehen; darauf berief sich
der Schuft, weil er wußte, daß die Bramatis streng katholisch sind.
Genug, er brachte sie ein zweites Mal dem Tode nah, bis meine Mutter,
um mich nicht schutzlos in seiner Gewalt zu lassen, um ihr Leben zu
kämpfen begann. Zu kämpfen, versteh mich recht -- er hat sie blutig
geschlagen, hat ihr ganze Strähnen Haare ausgerissen, bis sie ihm
einmal, halb irrsinnig vor Schmerz, einen kleinen Spielzeugdolch in die
Hand stieß; da bekam er Angst. Denn er war feig, oh, feig!
Du denkst: Scheidung? -- Vergiß nicht: katholische Ehen sind unlösbar.
Und dann: sie hatte ihn gegen den Rat, halb gegen den Willen ihrer
Eltern geheiratet -- sollte sie nun ihren entsetzlichen Irrtum
eingestehen? Das verbot ihr Stolz. Sie mimte vor aller Welt stilles
Glück. Und was ich dir bis jetzt sagte, das habe ich langsam aus alten
Dienern herausgefragt, der Amme meiner Mutter, die als Kammerfrau bei
ihr geblieben war, und dem alten Kutscher Battista; die sind beide tot.
Sehr bald aber lernte ich selbst sehen, und ich kann dir sagen, mein
erstes klarbewußtes Gefühl war tödlicher Haß gegen den Mann, bei dessen
bloßem Schritt meine Mutter zitternd erbleichte. Und das Furchtbarste:
sie liebte ihn immer noch. Und es gab Zeiten, wo ich sie selbst darum
mithaßte.
Als ich sechs Jahre alt war, nahm er, unter dem Vorwand, ich sollte zu
Hause unterrichtet werden, seine Geliebten als meine Lehrerinnen ins
Haus. Der Form halber mußte ich dann und wann eine Stunde bei ihnen
sitzen. Ich habe sie noch in der Nase, die seidenraschelnden Weiber
mit gefärbten Haaren, gepudert und geschminkt. Denk’ auch daran: mit
sechs Jahren wußte ich schon, was eine Dirne ist. Der Haß ist ein guter
Lehrmeister!
Unterrichtet hat mich meine Mutter. Mein Vater kümmerte sich gar
nicht mehr um mich, seit ich ihm einmal, als Achtjähriger, mit einem
Kindersäbel zu Leibe gegangen war, als er mich schlagen wollte. Er
war so feig! -- Aber die Maitressenwirtschaft ging weiter, und die
‚Lehrerinnen’ wurden immer jünger, schließlich waren es halbe Kinder,
selbst der Schule kaum entwachsen. Es gab schmutzige Geschichten,
Erpressungen. Einmal wär’ es ihm fast an den Kragen gegangen, er sollte
vor Gericht. Damals gestand meine Mutter ihrem Vater alles, bat um
seine Hilfe. Ich horchte an der Tür. Ich war elf Jahre alt. Ich höre
heute noch, wie der alte Mann, mein Großvater, wild aufschrie und dann
hilflos schluchzte. Kein Wunder: er wollte den Kerl vernichten -- und
meine Mutter bat kniefällig für ihn. Sie liebte ihn immer noch. Immer
noch. So wurde alles vertuscht -- aber mein Großvater, mein schöner,
vornehmer Großvater starb kurz darauf. Eine Bramati in solchen Händen
-- das hat ihn wohl umgebracht.
Mein Vater, -- wie das klingt, he? -- mein Vater trieb es munter fort.
Ich sage dir: Keine Unzucht ist unserm Haus erspart geblieben -- nach
den Mädchen kamen die Knaben -- ewig Erpressungen, Klatsch, die Diener
wurden frech. Und ewig die lähmende Angst vor dem Skandal, vor dem
Staatsanwalt. So bin ich aufgewachsen.
Ich wollte Kunstgeschichte studieren, vielleicht selbst Maler werden.
Als ich im dritten Semester war, kam das Ende.
Mein Vater hatte sprichwörtliches Glück im Kartenspiel. Er wird
wohl falsch gespielt und aus Angst vor Entdeckung damit aufgehört
haben -- jedenfalls: dieses Glück verließ ihn plötzlich. Die
Verluste nahmen überhand. Da warf er sich in Börsenspekulationen,
verband sich, natürlich, mit dem übelsten der hiesigen Makler, einem
gerichtsbekannten Wucherer und Halsabschneider. Auch der kam nun fast
täglich als Gast ins Haus. Ich hätte den Kerl weiß Gott gerne die
Treppe hinabgeworfen -- nur die Rücksicht auf meine Mutter band mir
immer wieder die Hände. Aber ich begann meinem Vater nachzuspüren,
ihn zu umlauern, seinen Schreibtisch durchzustöbern, bis ich endlich
einen Wechsel mit gefälschter Unterschrift in die Hände bekam. Es war
ein halber Zufall -- aber doch auch feine Spitzelarbeit! Da brachte
ich meine Mutter in das Landhaus am Comersee, das wir damals noch
besaßen, fuhr allein in die Stadt zurück und kaufte einen schönen,
amerikanischen Revolver, das Beste, was zu haben war. Den legte ich
abends, als mein Vater alleine in seinem Zimmer saß, vor ihn hin und
sagte: ‚Du hast auf einem Wechsel über 100000 Lire die Unterschrift
des Marchese Boselli gefälscht. Der Wechsel und alle sonstigen Beweise
liegen in versiegeltem Umschlag beim Notar Sciaccaluga, mit der
Weisung, sie morgen früh acht Uhr dem Staatsanwalt zu übergeben, wenn
er bis dahin nicht Gegenbefehl erhält. Diesen Gegenbefehl werde ich ihm
sofort nach deinem Tode geben, sonst nicht. Das schwöre ich dir. Und
damit du ungestört nachdenken kannst, will ich dein Zimmer abschließen
und draußen warten!’
Was glaubst du, er hat mich winselnd wie ein Hund um Gnade angebettelt.
Ich schloß ihn im Zimmer ein und saß die lange Nacht draußen auf dem
Gang. Ums Morgengrauen kam dann der schwache Knall. Ein gefälliger
alter Hausarzt hat Tod durch Unfall beim Reinigen einer Waffe
festgestellt. Das war vor drei Jahren, an meinem neunzehnten Geburtstag.
Dann kam der Zusammenbruch. Unser Haus, das alte Stammhaus, das
Landgut, alles wurde verkauft. Der Makler hat uns schwer betrogen,
aber ich kam gegen seine Kniffe nicht auf. Ihm zuliebe bin ich zur Bank
gegangen. Er soll der erste sein, den ich an die Wand drücke. Und bald
ist es so weit.“
Der dunkelgekleidete Diener kommt aus dem Nebenzimmer, sagt laut und
eintönig: „Mitternacht, meine Herren! Es wird geschlossen!“ und bleibt
wartend in der Tür stehen. Fritz begrüßt die Unterbrechung. Er ist im
Innersten aufgerührt und macht sich mit leisem Grauen klar, was er
empfindet. Das Ungeheuerliche an dem fremden Schicksal entgleitet ihm.
Nur die Erkenntnis brennt sich ihm ein, daß so, und nur so väterlicher
Zwingherrschaft begegnet werden durfte, gleichgültig, in welchem
Ausmaß sie sich zeigte. Indem man einen stahlharten jungen Willen
dagegen setzte und seinen Weg selbst suchte. Nicht durch verlogene
Unterwürfigkeit und heimliche Seitensprünge. Mit ungeahnter Gewalt
donnert die fremde Stimme in ihm alle wehleidigen Erinnerungen nieder
mit der Frage: „Wenn dir unrecht geschehen ist, du Junger, was hast du
dagegen getan?“
Sie gehen durch die langsam entschlafende Stadt. Guido sagt
unvermittelt: „Was ich dir heute sagte, weiß niemand außer dir und
mir. Mir hat es wohlgetan, das alles einmal auszusprechen, aber ich
glaubte auch dir zu nützen. Ich hab’ dich gern -- ihr Deutsche gehorcht
tieferen Gefühlen, seid nicht so unmittelbare Triebwesen wie der
Durchschnitt hierzuland. Doch vielleicht hast du nur den Vatermord
herausgehört -- denn ich habe ihn ja getötet -- und verdammst mich
jetzt?“
Da fährt Fritz aus tiefem Nachdenken auf: „Nein, nein, glaub’ das
nicht! Jetzt weiß ich: Wir alle müssen unsre Eltern morden, in Liebe
oder in Haß, müssen sie morden. Sonst geht es uns ans Leben. Du hast ja
tausendmal recht! Daß ich mich nicht gewehrt habe! Weißt du was -- das
ist der Eunuchenglaube, den sie uns von klein auf eintrichtern: Wenn
dir einer die linke Backe schlägt, so halt ihm die rechte hin! So wehrt
sich ein Kadaver -- mit Verwesung! -- Oh, was hab’ ich mir antun lassen
-- ich könnte heulen, wenn ich dran denke!“
Da faßt ihn Guido lächelnd beim Arm: „Laß gut sein -- du stehst noch
immer nicht drüber! Nicht zurück -- vorwärts mußt du schauen! Läßt du
dich nicht immer noch treiben? Weißt du denn überhaupt, was du willst?“
Da ist sie wieder, die quälende Frage: wollen? Blitzartig zucken Bilder
vorbei -- ein Palast in weitem Park, Vollblutpferde, Jagdhörner,
ersterbende Lakaien -- aber der Weg dahin? Ein Schatz -- ein Wunder?
Auf die Fee warten, oder auf die guten Zwerge, wie der arme Hirt im
Märchen? Endlich sagt er trotzig:
„Du hast leicht reden -- du bist in einer Großstadt aufgewachsen, hier,
unter diesem Himmel, und wenn dein Vater noch so arg war, darum war
doch dein Haus ein alter Palast, und du hattest Diener und Pferde, und
ein Landgut ...“
„Das entbehre ich leicht. Und ich werde mir alles wieder schaffen!“
„Mag sein -- du hast das alles jedenfalls schon +gehabt+, du kennst
es! Aber ich? Ich tappe ja noch wie blind herum! Ich muß erst sehen
lernen! Dann werde ich sagen können, was ich will!“
52
In einer Nacht wacht Fritz von leichtem, lockeren Husten auf. Ein
süßer, fader Geschmack im Mund, ein Rasseln in der Luftröhre -- und mit
einem Schlag bricht in sein verschlafenes Hindämmern die Erkenntnis:
eine neue Blutung! Er liegt starr, bewegungslos, horcht in sich hinein,
wie das Blut mit jedem Atemzuge steigt, fällt, steigt, fällt, mit
einem Geräusch, wie wenn leiser Wind Fallaub vor sich hertreibt. Mit
weitoffenen Augen stiert er in die trostlose Dunkelheit. Wo ist nun
die Schwester, hilfsbereit, mit leichten, kühlen Händen! Oder die
ängstliche Sorgfalt der Mutter? Es ist wohl nur ein kleiner Anfall --
doch immerhin: er könnte auch arg sein, und er liegt da, allein in
einer Mietskammer, könnte ersticken in strömendem Blut ... Die Lippen
beginnen weinerlich zu zucken, doch er beißt sie wütend fest. Denn
durch die seidige Dunkelheit klingt eine tiefe Stimme: „Da liegt nun
der Waschlappen und heult! Will immer den großen Weltreisenden spielen,
und heult, um ein paar Tropfen Blut! Gar nichts fehlt dem Lehmpatzen!“
Des Vaters Stimme -- und im Augenblick weicht das lähmende Entsetzen,
das weinerliche Mitleid mit sich selbst. Was denn! Eine Blutung? So
spuckt man eben Blut! Daß es aus der Lunge kommt, und nicht etwa aus
der Nase, oder aus einem Riß im Finger, oder aus einem schlechten Zahn
-- das geht keinen Teufel was an. Nur nichts reden davon! -- Wenn er
den Wirt ruft? Der kann nichts helfen, aber er schickt ihn womöglich
ins Krankenhaus. Und wenn die in der Bank davon erfahren, so geht’s
ihm noch schlimmer. Sechs Wochen Krankengeld und die Entlassung!
Die Entlassung! Und er sieht sein Zimmer zu Hause vor sich, mit dem
peinlich geordneten Schreibtisch, sieht sich mit dem Schuster Karten
spielen. Und die häßlichen Häuser, die öden Rübenfelder dahinter
grinsen durch die Fenster herein: „Bist du wieder da? Nun lassen wir
dich nicht mehr!“ -- Vorbei die Sehnsucht nach Pflege, nach ein wenig
Verzärtelung, selbst nach der Schwester lieben Händen. -- Erst große
Worte -- wir müssen alle unsre Eltern morden -- und dann winselnd
unterkriechen, sobald es einmal schief geht? Nein, stark bleiben,
einsam bleiben, sich selbst helfen, aus eigener Kraft ... „Der Alte
kriegt mich nicht wieder unter die Fuchtel, und wenn mich der Teufel
holt!“
Da sagt sehr deutlich die tiefe Stimme aus der Nacht: „So gefällst
du mir!“ Und in zwei strengen Augen, auf Lippen, die ein eisengrauer
Bart umrahmt, springt ein kurzes Lächeln auf. Fritz fühlt es wie eine
unerhörte Liebkosung, die den starren Druck von ihm nimmt, fühlt
dankbare Hingegebenheit: Vater! Und versinkt in erlösenden Schlaf.
Das Erwachen bei Tageslicht bringt mit der Erinnerung an die Nacht
jähes Erschrecken zurück. Doch einen Augenblick nur -- dann ist die
lächelnde Entschlossenheit wieder da. Gut, man trug ein Gerippe
Huckepack mit sich, das einen gelegentlich mit kaltem Knochenfinger
antippte und ans Grab mahnte. Gut, verfluchtes Gerippe, mitschleppen
muß ich dich -- aber unterkriegen sollst du mich nicht, du nicht und
dein boshafter Meister nicht, der läppische Gott, der dich mir ins
Genick gesetzt hat.
Er tritt auf die Straße hinaus, spuckt knallend vor sich hin und sieht
mit bitterem Stolz den dunklen Blutfleck auf dem grauen Pflaster. Ein
Schicksal, hart zu tragen! Aber er war der Mann dazu!
53
Eines Nachts, beim Heimweg von stundenlangem Schachspiel im Klub, sagt
Guido: „Was bist du für ein komischer Kauz! Nun bist du schon vier
Monate hier und warst noch nicht einmal an den Seen -- oder doch?“ --
„Nein, wirklich nicht!“ sagt Fritz überrascht. -- „Sagt dir denn die
Natur gar nichts?“ -- „Natur -- im Winter?“ fragt Fritz zurück und
bleibt stehen. Vor seinem Blick tauchen die weiten, öden Rübenfelder
auf, speckig glänzend in endlosem Regen, oder in Schneedunst bläulich
verschwimmend -- Natur? -- Weißschäumendes, lärmendes Wasser zwischen
dunklen Tannenwänden, und Sonnenkringel auf Mooskissen; Sommer! --
Aber der Winter gehörte der Stadt! Wohl sind die Knabenträume von
„Leben“ überwunden -- Alkohol, Weiber, Karten. Obzwar -- Yvonne? --
Doch war noch so viel, so vieles nachzuholen! Noch lockte der Klub
mit ungeschwächtem Reiz. Wie das schon klang, in den Briefen an die
Schwester: „... Die Abende verbringe ich regelmäßig in meinem Klub
...“ Schach und Bücher, endlos viele Bücher, und niemand, der sich in
blöden Bemerkungen erging: „Das finde ich entschieden unpassend, dazu
bist du wohl noch zu jung!“ Und nächstens kam das Theater dran, die
Oper natürlich, sobald nur die verdammte Schüchternheit überwunden
war, die ihn schon dreimal, angesichts der glänzenden Menge, aus dem
Foyer hinausgetrieben hatte. Alle, alle Augen hatten sich an seiner
Unscheinbarkeit spöttisch festgesaugt.
Da sagt Guido mit leisem Lachen: „Das kann ich nicht länger mit
ansehen, das ewige Stadthocken. Nächsten Sonnabend nehme ich dich mit
hinaus!“ Fritz will trotzig ablehnen, aber er besinnt sich schnell:
„Gut, abgemacht! Aber nur, wenn du Donnerstag mit mir in die Scala
gehst. Es ist volkstümliche Vorstellung!“ Und Guido sagt zu.
54
Atemlos, mit klopfendem Herzen ist das strahlende Foyer durchquert,
wo sich die große Welt wie in einem Brennpunkt drängt. Auf kahlen
Seitentreppen ist die letzte Galerie erklettert. Sitze, so eng, daß
sich die Knie schmerzhaft an die Brüstung drücken. Und ein Blick
über das riesige Rund, der ehrfürchtigen Schwindel weckt. Fressende
Großmannssucht angesichts des schimmernden Prunks der Logen. Unten im
Parkett, in untadeligen Fräcken, fremde Riesenblumen im Knopfloch: die
Habitués. Das Wort, von manchem Schmöker her mit lasterhaftem Glanz
umwoben, weckt Augenblicke lang gierigen Ehrgeiz, einst zu werden wie
jene -- ein Habitué. Doch gleich folgt trotziger Widerspruch: Ich weiß
mir Besseres! -- Immerhin: +mein+ Klub ...!
Da schüttert dumpfer Erzton, die Lichter verlöschen, und vierzig Geigen
weinen die schneidende Wehklage der Traviata.
Vergessen Ehrgeiz und Eitelkeiten. Nur die wilde Sehnsucht, qualvoll
wachsend, Schmutz und Wirrsal des Alltags abstreifen, befreit eingehen
zu können in das Reich dieses Wohlklangs. Der Vorhang rauscht auf.
Die engelhafte Stimme der Storchio entzündet glühende Liebe. Wer der
letzte, geringste ihrer Gäste sein dürfte! ...
Die Handlung geht ihren Gang; die Zwischenakte, von heißen Träumen
erfüllt, fallen kaum ins Bewußtsein. Das Vorspiel des Schlußaktes
schwingt zitternd ins Ohr, treibt Wasser in die starren Augen. Und als
die Traviata, von törichtem Unverstand in den Tod getrieben, sterbend
noch Liebe, Liebe kündet und Vergebung, da bricht Weinen haltlos aus
... „Brava, brava!“ dröhnt Beifall; und die schöne Tote steht da,
verbeugt sich geschmeichelt. Es war nur Spiel -- da draußen wartet die
neblige Stadt, morgen die Bank ... Leb’ wohl, klingende Insel!
55
Der Abendzug der Gotthardtbahn stampft durch nächtige Felder. Guido und
Fritz, der Bank mit Mühe entronnen, kauen atemlos an Weißbrot, Käse und
kaltem Fleisch. „Verdammt,“ sagt Fritz, „ich hab’ schon geglaubt, wir
kommen nicht mehr mit! Im letzten Augenblicke wollte mich der Chef noch
einen ellenlangen Brief umschreiben lassen, wegen eines lächerlichen
Fehlers. ‚Radiert wird nicht!’ sagt der Schöps. Aber ich hab’ natürlich
doch radiert. So eine Schufterei, daß man auch am Sonnabend bis in die
Nacht hinein felbern muß!“ -- „In der Buchhaltung ist’s noch ärger, da
sitzen sie jetzt jede Nacht bis ein, zwei Uhr über der Bilanz!“ meint
Guido gleichmütig.
Fritz würgt schweigend an einem übergroßen, trockenen Bissen,
verschluckt sich, hustet krampfhaft und lauscht gespannt in sich
hinein, von eiskaltem Schreck durchzuckt: „Ist das nicht wieder ...“
Aber es ist nichts. Die Knochenhand läßt sein Herz los, das wild
lostobt und langsam wieder in Gleichtakt fällt. „Verfluchtes Gerippe,
nun hättest du mir wohl gerne die Freude verdorben! Grad nicht! Hier
fahre ich mitten durch die Weltgeschichte, lauter große Namen um mich
her -- Mailand, Gotthardtbahn, Como -- und die Scala, und mein Klub ...
das ist so meine tägliche Umgebung! Und es kommt noch besser, wart’
nur! In die verfluchten Rübenfelder kriegst du mich nicht mehr!“ Und
beseligt sprudelt er Lästerungen vor sich hin, ersinnt fabelhafte
Schimpfworte, singt endlich nach der Sterbearie der Traviata laut
hinaus:
Verfluchter Knochenmann, du dummes Luder,
Nein, nein, du kriegst mich nicht, ich bin zu jung für dich!
„Was hast du?“ fragt Guido erstaunt. „Mir ist was eingefallen,“ grinst
er zurück.
* * * * *
„Como!“ brüllt es draußen. Sie verlassen den Zug, der eilig
weitersaust, wandern durch den kleinen Bahnhof in den stillen Ort
hinaus. Die Nacht ist klar geworden. Zackige Hügelkuppen zerreißen
den mondlosen Sternenhimmel. Weithin dehnt sich, leicht gewölbt,
die bleifarbene Wasserfläche, spiegelt glitzernd die Lichter der
Strandhäuser wider. Leise und langsam pocht der See an die Kaimauern.
Es klingt wie ruhiger Pulsschlag. Unendlicher Friede. --
Sie gehen ein Stück auf der breiten Straße nach Chiasso, biegen dann
in einen engen Waldweg ein. „Das ist ein Schmugglerweg, der die großen
Serpentinen abschneidet,“ erklärt Guido. Und Fritz fühlt kribbelnden
Stolz. -- Da kriecht man nun auf Schleichwegen durch eine fremde,
mitternächtige Landschaft, so ganz selbstverständlich -- Donnerwetter,
ja: das war nun doch wohl schon +Leben+!
Spät nachts pochen sie an die Tür einer kleinen Schenke in Chiasso,
durch deren morsche Fensterläden noch trübes Licht schimmert.
Aufgeregtes Hin und Her drinnen, dann eine rauhe Stimme: „Wer ist
draußen?“ -- „Keine Angst, ich bin’s, Colonna!“ sagt Guido und flüstert
dem Freunde zu: „Sie haben uns für Gendarmen gehalten -- sie haben
öfter Schmugglerbesuch!“ Fritz stampft vor Entzücken lautlos mit den
Füßen.
In der rußigen Wohnküche, von einer eisernen, altmodischen Öllampe
dürftig erhellt, sitzen ein paar dunkelhäutige Gesellen beieinander,
verwitterte Filzhüte auf den struppigen Köpfen, die weiten Samthosen
von roten und blauen Leibbinden gegürtet. -- Es mögen harmlose Dörfler
sein, die eben erst jenseits der Grenze ihren Wochenbedarf an Reis und
Öl gegen Tabak und Zündhölzer eingetauscht haben und nun bescheiden den
Sonnabend feiern. Aber Fritzens aufgestachelte Phantasie denkt sie zu
wüsten Grenzräubern um, deren jeder ungezählte Zöllner auf dem Gewissen
hat. Und prüfend sucht er den Don José unter ihnen herauszufinden.
Die eine Schmalwand nimmt fast ganz ein riesiger offener Kamin ein,
der mit einem Vorbau wie ein kleines Haus ins Zimmer ragt. In der
rußigen Höhlung steht ein klobiger Dreifuß mit schwarzgebranntem
Kessel. Auf den schmalen Steinbänken, hart neben der sterbenden Glut,
sitzen die Freunde einander gegenüber, und Fritz vergeht fast in
stolzem Wohlgefühl. Was war man doch für ein Kerl, der solche Nächte in
Räuberschenken einfach so mit machte!
Ungern nur und auf Drängen des Freundes entschließt er sich zu kurzer
Ruhe in der dürftigen Schlafkammer. Das bleiche Morgenlicht findet sie
wieder in der rußigen Küche, vor riesigen, henkellosen Schalen mit
heißer Milch und Traubenschnaps. Lustiges Frühstück! Wenn das der Vater
wüßte!
Dann die mattgelben Wiesenhänge des Monte Generoso, gegen den Gipfel zu
brüchige Schneefelder. Die Luft ist rein und mild. Überall springt die
Fremde in den Sehkreis, mit weißen, seltsam nackten Häusern, flachen
Ziegeldächern, mit Zypressen und Pinien, mahnend: welche Auszeichnung,
das sehen zu dürfen! Unerhörtes Übergewicht über die Eltern -- die
waren nicht weiter als Bozen. -- Die Eitelkeit wächst.