grinst gierig im Gewinnen, schreit angemessen beim Verlieren und
verschmäht gelegentliche kleine Selbsthilfen nicht. Warum sollte man
auch nicht einen verlorenen Einsatz zu retten versuchen, wenn es rasch
und unauffällig geschieht, ohne daß der Bankhalter es merkt? Und merkt
er’s doch, dann werden ihm, nach dröhnenden Unschuldsbeteuerungen,
die paar Kupfermünzen großartig zugeschoben -- als Geschenk, da! So
handelt ein Edelmann!
Fritz hat das Manöver mehrmals mit angesehen, und seine ohnedies
geringe Wertschätzung für den neuen Bekannten ist rasch geschwunden.
Wenn ihn aber Marinetti, wie es immer öfter geschieht, mit fabelhafter
Nebensächlichkeit um ein Darlehen angeht, so mag er nicht nein sagen.
Der Mann hat eben doch die Manieren der großen Welt -- da darf er nicht
zurückstehen! --
Eines Abends, als das gewohnte Hasard mit giftigem Zank und
schließlicher Versöhnung zu Ende gegangen ist, schlägt Marinetti
einen „~Giro artistico~“ vor, eine Kunstreise, und die Runde grölt
Beifall. Fritz hat den Sinn des Vorschlags nicht begriffen, aber er
schließt sich neugierig an, als der lärmende Aufbruch erfolgt. Über
breite Straßen und Plätze hinweg geht der Weg, in enge, verzwickte
Seitengäßchen, an Winkeln und Sackgassen vorbei. Schlüpfriger Unrat auf
höckerigem Pflaster. Süßliche Fäulnis in der Luft. Die Schritte hallen
schwer, öde Hauswände bellen die lauten Stimmen nach. Marinetti, an der
Spitze, taucht in eine schmale Tür, die andern hinter ihm. Ein dunkler
Gang, an seinem Ende glitzert Licht aus Türritzen. Dann ein Salon von
fadenscheinigem Prunk, zerrissene Plüschbänke an den Wänden entlang,
unter blinden Spiegeln. Eine fette Alte in speckiger Seide erhebt sich
träge, mustert mißbilligend die große Schar der neuen Gäste. Marinetti
flüstert eine galante Begrüßung, da klatscht sie in die Polsterhände,
krächzt in das schwammige Dämmer des Stiegenhauses hinaus: „Mädchen,
in den Salon!“ Oben schlagen Türen, Stöckelschuhe klappern die
Steinstufen herunter, dann drängen sich weibliche Gestalten herein,
zwei, drei, fünf: hohe Seidenstrümpfe, oft geflickt, durchsichtig
dünne, kurze Seidenhemdchen, nach Kinderart mit Maschen bebändert,
und wüste, zerstörte Gesichter unter getürmten Haaren, mit Schminke
und Puder überkleistert, stumpfes Laster in nächtlich geweiteten
Augensternen. Wie sie dem Schwarm der Männer nahen, überlegt unzüchtig
in Wort und Haltung, scheinen sie unbeseelte, von einem Teufelshirn
erdachte Werkzeuge niedrigster Lust. Und doch liegt mehr als Lockung in
dem starren Lächeln, das sie alle zeigen. Angst ist darin, Angst ums
tägliche Brot, Angst vor Roheit, Heimweh vielleicht; doch auch Haß und
dunkle Drohung: „Hier bin ich, Mann, wie du mich gewollt hast! Kehr’
ein in den verfluchten Schoß -- er soll dir Siechtum gebären, und Tod!“
Fritz drückt sich scheu in eine Ecke, zwischen Wunsch und Abwehr
schmerzhaft schwankend. Die andern greifen herzhaft zu. Bald knallen
liebkosende Schläge auf nacktem Fleisch, Dirnenlachen schrillt auf, und
breite Zoten. Marinetti, ein derbes Bauernmädel auf den Knien, der die
Stadt wohl die Frische, nicht die breithüftige Wucht nehmen konnte,
Marinetti wendet sich halb über die Schulter zurück zu Fritz: „Warum so
tugendhaft, Freund? Sehen Sie nur, welch schönes Stück Fleisch!“ Und
leiser: „Im Vertrauen, das arme Kind ist verrückt nach mir, und ich
kann nicht gut anders ... Unglücklicherweise habe ich kein Kleingeld
zu mir gesteckt ... zwei Franks vielleicht ... Aber wenn Sie den
Vortritt wollen ... gerne ...“
Fritz würgt der Ekel. Bevor er aber noch eine Antwort geben oder die
verlangte Münze hervorziehen kann, nach der er mechanisch gegriffen
hat, springen zwei handfeste Kerle herein, stellen sich zu beiden
Seiten der Tür auf, ein dritter macht zwei lange Schritte bis in die
Mitte des Zimmers, schreit befehlend: „Mädel hinaus -- die Herren
bleiben hier!“ -- Polizei! Schon rennen die Mädchen kreischend davon,
der Geheimpolizist läßt die Gäste längs der Wände in eine Reihe treten
und tastet jeden einzelnen nach Waffen ab, mit kundigen, harten
Griffen. „Was tragen Sie in der Westentasche?“ -- „Ein Federmesser!“ --
„Vorzeigen und öffnen!“ Die Klinge wird an der Breite des Handtellers
gemessen; ragt sie darüber hinaus, dann ist es eine verbotene Waffe,
auf deren Tragen Gefängnis steht. Fritz wartet trotzig, bis die Reihe
an ihn kommt. Die rohe Polizeigewalt empört ihn. Plötzlich fühlt er ein
Ziehen an der Rocktasche, greift hin und merkt, daß ihm Marinetti, sein
Nachbar, ein grobes Jagdmesser zustecken will. Auf seine hastige Abwehr
antwortet Marinetti mit einem zischenden Fluch und stopft die Waffe
blitzschnell hinter sich in einen Riß des Sofas. Die Polizisten haben
nichts gemerkt, sie haben wohl die Stammtischbrüder schon als harmlose
Leute erkannt und führen die Untersuchung nur der Form halber flüchtig
durch. Fritz und sein Nachbar bleiben verschont. Sobald die Polizisten
die Türe freigeben, bricht die Runde, leicht verstört, auf. Marinetti
sagt mit bleichem Grinsen: „Es war natürlich nur ein Scherz, ich wußte
ja vom ersten Augenblick an, daß wir gar nicht mehr drankommen würden!“
-- Fritz denkt angestrengt nach, dann sagt er mit größtem Nachdruck ein
Wort, das er eben erst beim Koch gelernt hat, in die grinsende Larve:
„~Cimice~ -- Wanze!“ Ein besseres Schimpfwort ist ihm nicht zur Hand.
Der andere will auffahren, besinnt sich aber rasch, wohl wegen der
schwebenden Schuld, und meckert tückisch. Fritz lacht herzhaft mit.
Enttäuschung fühlt er nicht; doch heiße Freude am Abenteuer.
Draußen kurze Beratung; die „Kunstreise“ soll ja durch alle
Frauenhäuser der Stadt führen, von den billigsten aufwärts, und darf
wegen des kleinen Zwischenfalls nicht abgebrochen werden. Im Gegenteil
-- nun ist erst die rechte Stimmung da. Sie haben ihr grölendes Lachen
wiedergefunden, und der und jener beteuert schmetternd, wie er den
dreckigen Spitzel angeschnauzt, niedergebrüllt, nötigenfalls auch
erwürgt hätte, wenn nicht eben ...
Und die Kunstreise geht weiter. Die roten Plüschmöbel werden besser,
die goldgerahmten Spiegel heller, die Mädchen jünger -- aber die
Stimmung bleibt die gleiche: Angst, Haß und Drohung hinter starrem,
lockendem Lächeln. Die Schar der Zechbrüder lichtet sich -- manche
bleiben zurück, von billigen Reizen bezwungen. Die andern toben weiter,
wie Helden. Marinetti prahlt verächtlich, zu seiner Zeit sei es bei
solchen Kunstreisen Ehrensache gewesen, in jedem Hause ein Mädchen zu
lieben, mindestens eins ... „Langsam, langsam!“ brüllt der Chor. „Der
Mensch ist kein Hahn!“
Den Endpunkt bildet ein prächtiges Haus, fast schon ein Palast, mit
dem herrlich gottlosen Namen St. Peter im Obstgarten. An dessen Tor
erhebt ein bärbeißiger Pförtner Eintrittsgeld, und ein großer Trupp
springt ab. Nur zwei Agenten, deren einer, nach gezischeltem Hin und
Her, für Marinetti mit bezahlt, und Fritz treten ein. Auch hier die
hergebrachte Einrichtung, roter Plüsch und goldgerahmte Spiegel, doch
von höherem Geschmack beherrscht. Keine „Mädchen“ mehr, junge Damen,
die in Abendkleidern Konversation machen. Kein schrilles Gelächter,
keine Handgreiflichkeiten. Fritz fühlt die kaum errungene Überlegenheit
ins Wanken geraten: Dies hier wäre wohl wert, erlebt zu werden. Das
ist nicht unzüchtiges Laster schlechthin, das sich mit Nasenrümpfen
abtun ließe -- hier braucht es weltmännischen Schliff, um unbelächelt
bestehen zu können. Brennende Demütigungen: kleiner Bankvolontär,
knappes Taschengeld, schlecht angezogen -- -- -- Und doch: wo nimmt
nur Marinetti, die häßliche Wanze, die Sicherheit her! Keinen Pfennig
in der Tasche und scharmutziert wie ein Pascha, gönnerhaft fast.
Die kleine Französin dort, mit weichen braunen Augen ... die sollte
zu kaufen sein? Geld sollte die runden Arme, die zarten Beine, den
ganzen, feinen Knabenkörper bewegen können? Nein, sicher: Geld gehörte
wohl dazu, aber es gab nicht den Ausschlag. Dies schöne Kind war kein
Lustautomat -- sie wollte in Liebe erobert sein! Und Fritz fühlt
heiße Zärtlichkeit für das zerbrechliche Wesen, das ihn schmachtend
anblickt. Der Lebemann in ihm flüstert Einwände: „Gott ... ein Weib
... einfach zusammenpacken ... denk’ an Betty!“ Doch das strahlende
Seidenkleid siegt. -- Dann enge Geldsorge: „Wer weiß, wieviel sie
verlangt ... sie wird dich überhalten ...“ Da bäumt sich hochgemut der
Lebemann: „Geld spielt keine Rolle!“
So sitzt er stumm und läßt kein Auge von dem jungen Weib, das
längst die Sachlage erfaßt hat und, als sicherste Lockung, scheue
Zurückhaltung zeigt. Die andern wollen gehen. Wütende Scham: sie
sollen nicht Zeugen sein ... sehen, daß er zurückbleibt! So geht er
mit. Vorher aber blitzt er dem Mädchen zu: „Ich komme wieder!“ Und die
braunen Augen antworten ein flammendes Ja.
* * * * *
Allein mit der braunen Yvonne in einem kleinen Gemach, das fast
gesprengt wird von einem übergroßen Bett. Fremdartiges Waschgerät
in einem Winkel. „Stätte der Unzucht ... Lasterpfuhl,“ klingt es
schreckhaft in Fritz auf. Er steht linkisch stumm. Yvonne öffnet mit
raschen, geübten Griffen das Kleid -- sie trägt keine Wäsche darunter
-- wirft es sehr selbstverständlich ab, steht nackt vor ihm. Vor dem
matten Glanz ihres jungen Körpers senkt er verwirrt den Blick. „Du hast
noch keine Frau geküßt, sag’, mein Kleiner?“ Da springt sein Stolz auf,
tief verletzt: „Ich? -- Oh, Dutzende!“ Und er faßt herrisch zu, will
sie unterjochen. Sie wehrt ihn mit trockenem Nachdruck ab: „Pfui, wie
schlecht erzogen! So behandelt man eine Frau nicht! Hast du keinen
Respekt?“
+Respekt?+ Ist die Dirne toll? -- Ein Weib, das nackt vor einem
liegt, das man überdies noch bezahlt, teuer genug bezahlt, verlangt
-- -- Respekt? -- Nochmals will er sich auf sie stürzen -- doch
die braunen Augen glitzern ihm hochmütig entgegen, lähmen seinen
Ansturm. Und wieder die spitze Stimme: „Man benimmt sich doch nicht
wie ein Tiermännchen!“ Dann leise gurrendes Lachen über seine wütende
Verwirrung: „Nun, nun, mein kleiner Wolf, nicht böse sein! Ich meine
es gut, man muß dich ein wenig erziehen! Einen ~Cognac fine Champagne~
trinkt man doch auch nicht aus Bierhumpen! Man riecht daran, hält
ihn gegen das Licht, nippt langsam ... und eine Frau sollte soviel
Verfeinerung nicht wert sein?“ Ein kleiner Fuß wird hochgestreckt,
und rosige Zehen, zart wie Finger, spielen in seinem Nacken. -- So
gibt es Wesen, die frei sind von der brennenden Scham, von dem Fluch
sündiger Heimlichkeit, der doch auf dem Geschlecht lastet? Ein letztes
Mal taucht das verbissene Zelotengesicht des Katecheten auf, seine
schleimige Kehlstimme klingt an ... Dann des Vaters eisengrauer Kopf,
arbeitsmüde, freudearm -- und +die+ sollten recht haben? Recht gegen
den jungen Leib da, goldgebräunt unter freierer Sonne und ganz dem
Leben zugewandt? Er hascht den spielenden Fuß, küßt ihn scheu, zögernd
noch. Herrenwürde? Dann erkämpft er sich mit heißen Lippen ein Reich,
an dessen Grenzen er bisher blind umhergetappt ist. --
Daheim in der Dachkammer -- ferne Lauten zirpen, kämpfen spöttelnd
mit des fetten Kochs Geschnarch, das durch die dünne Zwischenwand
schüttert, -- ziehen Frauen durch seine Träume -- zum erstenmal Frauen,
deren glatte Nacktheit unbefangen beherrscht wird von einem frohen
+Gesicht+ mit braunen Augen. Yvonnes Augen!
48
In der Bank ödes Einerlei. Noch versteht er den weltumfassenden
Machtwillen nicht, der sich hinter gleichgültigen, abgebrauchten
Formeln verbirgt. Wenn in den Bureaus aufgeregt von neuen
Riesengeschäften gesprochen wird, bleibt er teilnahmslos, schreibt
teilnahmslos die hergebrachten Briefe, wenn große Pläne gereift sind:
„Wir beehren uns ... belasten ... erkennen ...“ Geschäft? -- Mehr
fordern als man selbst gegeben hat -- Betrug also! Lieber stehlen oder
rauben, als so schmutzig verdienen!
Diese Teilnahmslosigkeit bleibt nicht unbemerkt. Bald steht er wieder
vor dem Direktor: „Wie notieren heute Rima-Muranyer?“ Und Fritz
schweigt. -- „Lesen Sie keine Börsenberichte?“ -- „Nein!“ -- „Welche
Zeitungen lesen Sie überhaupt?“ -- „Gar keine!“ -- „Ja, was denken Sie
sich denn? -- Glauben Sie etwa, mit dem bißchen Schreibarbeit wird man
schon Bankmann? So einfach geht das nicht! -- Von morgen an kommen Sie
übrigens in die Börsenabteilung. Und ich muß sehr bitten, daß Sie Ihrem
Beruf mehr Interesse entgegenbringen!“
Beruf -- Interesse -- wie maßlos lächerlich! Das kehrt auch in den
Briefen der Eltern ewig wieder: „Dein selbstgewählter Beruf ...
vorwärts bringen“ und endlose Ermahnungen. Als ob er sich fürs Leben
gebunden hätte! Und Beruf? Dies Stubenhocken und Tintenschmieren konnte
bestenfalls ein +Erwerb+ sein, dem man, traurig genug, nachgehen mußte,
weil das Geld nicht reichte! Aber Beruf?
Aus Gretls Briefen klingt es anders: „... Ich hoffe von Herzen, daß es
Dir gut geht und daß Du nicht mehr so verbittert bist. -- Du hast ja
nun alle Freiheit. Schade nur, daß die Bank Dir so wenig Zeit läßt. --
Aber das muß ja leider sein! ...“
Tapfere Schwester! Wie mag es ihr jetzt zu Hause gehen, alleine mit
den beiden alten Leuten? Der Vater wird sie wohl, auf seine Art,
mit bärbeißiger Zärtlichkeit umgeben, doch sicher auch, wenn schon
unbewußt, mit der lebensfremden Eifersüchtelei des Greises. Nie
aber ein Wort der Klage in ihren Briefen, nur Sorge um des Bruders
Wohlergehen, und wünschender Glaube! Diesen reinen starken Glauben der
Schwester empfindet Fritz manchmal fast drückend, nie aber verläßt ihn
das Bewußtsein, daß er ihn zu hüten hat wie ein kostbares anvertrautes
Gut, und daß er ihn einst zu rechtfertigen haben wird. --
49
In der Börsenabteilung kommt Fritz an einen Tisch mit dem jungen
Colonna, und die enge Arbeitsgemeinschaft ergibt bald engeren Verkehr.
Wie viele gemeinhin verschlossene Menschen geht Guido, sobald erst das
Eis gebrochen ist, ungehemmt aus sich heraus.
Der Verkehr mit Marinetti ist abgebrochen. „Ich habe es nie begriffen,
wie Sie sich mit dem unmöglichen Menschen abgeben konnten!“ sagt Guido.
Und Fritz schämt sich. Seine Schuld hat der Nobile übrigens bezahlt,
allerdings erst auf nachdrückliches Verlangen, dann aber mit der
gewohnten großartigen Gebärde: „Gott ja, die Kleinigkeit -- ich habe
tatsächlich kein Gedächtnis für solche Bagatellen! In meinen Kreisen
...“
Der Dienst in der Börsenabteilung ist schwer. Der kurze Vormittag zwar
-- neun bis halb zwölf -- wird fast untätig, mit Zeitunglesen und
Zigaretten verbracht. Nach der Mittagspause aber, um ein Uhr, geht es
unter stärkstem Druck an das Aufarbeiten der neuen Börsenschlüsse.
Dann schwirren die Maschinen an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit,
die Beamten, rote Flecken auf den Wangen, mit zwinkernden Augen und
fahrigen Händen, liegen hingegeben über die Schreibtische geworfen,
oder hasten nach Auskünften in die Nachbarzimmer. Abgehackte,
ungeduldige Fragen finden knappe, gereizte Antwort, halb schreiend
gegeben. Türen schmettern, die Diener rasen durch die Abteilung, teilen
neue Stöße Post aus, sammeln die fertigen Briefe zur Unterschrift.
Gegen sieben Uhr beginnt der Chef einen wilden Rundgang, Uhr in
der Hand: „Meine Herren, beeilen Sie sich, die Post muß fort!“ Und
wilderes Hasten hebt an. Nach sieben Uhr flaut der Wirbel ab, die
Buchungsbriefe sind durch, nun folgen in Stößen die unwichtigeren
Drucksachen, die mechanisch ausgefüllt werden. Die Zigaretten qualmen
wieder, für die in den Arbeitsstunden keine Zeit war; von Tisch zu
Tisch, von Zimmer zu Zimmer fliegen laute Scherzreden, Verabredungen
für den Abend. Vergessen die feindselige Hast. -- Zwischen acht und
neun leeren sich die Räume.
Fritz verachtet die Sklavenseelen, die sich so willenlos der
Hetzpeitsche fügen. Doch ihr wildes Tempo nimmt ihn mit, reizt ihn,
seinen Mann zu stellen. Der Abend findet ihn mit wirrem Kopf, müde
und hungrig, doch friedlicher Betrachtung geneigt. Dann geht er mit
Guido langsam durch die Straßen der Stadt, die nun im Spätherbst
allabendlich in schwerem Nebel liegt. Nebel! Die Bogenlampen glotzen
wie ungeheuere Kugelaugen, nasse Kälte kriecht spinnenfingerig durch
dickste Gewänder, tastet nach warmem Leben. Die arbeitsame Stadt aber,
von harter Tagesfron befreit, genießt ihren Feierabend, unbekümmert
um die gespenstige Drohung der sumpfgeborenen Ungeheuer, die dumpf
lauernd und doch ohnmächtig die Luft erfüllen. Vor den breiten
Zinntischen der Bar drängt sich die schwatzende Menge der Kaufleute
und Angestellten um die abendlichen Apéritifs, schillernde Getränke,
halb Medizin, halb scharfer Nervenkitzel. Gasthäuser, die hinter
unscheinbarer, schmaler Gassenfront langgestreckte Innenräume bergen,
schlucken gierig neue Gäste. Gleich beim Eingang, von der Straße aus
sichtbar, locken und prunken wuchtige Schautische, reich beladen
mit riesigen Bratenstücken, mit Mastgeflügel, Fischen, Langusten,
mit Trüffeln, Käslaiben und ausgesuchtem Obst. Die Gäste stehen
genießerisch wählend davor; manche, die einen unverhofften Börsengewinn
gelandet haben mögen, fordern prahlend Taglöhnerportionen von seltenen
Leckerbissen; andere halten sich bedächtig an die strotzenden
Rinderstücke; dann verteilen sie sich an die vielen kleinen Tische,
machen Neukommenden Platz. Da und dort klingt noch die Erregung des
Arbeitstages in heftigen Gesprächen nach. Die Seide! -- Muster, Kokons
und Halbgespinnste wandern durch prüfende Finger, werden gekostet,
berochen, leicht angesengt und genau bewertet, bis sie endlich wieder
in bauchigen Taschen verschwinden. Morgen ist auch ein Tag -- nun heißt
es ungeheuer essen, um dem abgejagten Körper halbwegs zu ersetzen, was
er tagsüber hergeben mußte. --
Fritz sieht die wirbelnde Feierstimmung wie ein Schauspiel an; die
wirkenden Triebkräfte, Börsenspiel, Umsatz, Geldgewinn, lassen ihn
unberührt, kalt. Anders Guido. In dessen bleichem Gesicht arbeitet
zuckende Erregung: „Siehst du, wie sie ums goldene Kalb rasen? Wo ist
der Prophet, der ihnen den Götzen zerschlüge! Sind das noch Italiener
-- diese Halbamerikaner, die sich um Spielgewinste balgen? Oh, ich
wollte euch ...! Gib mir Geld, viel Geld, Milliarden, dann beherrsche
ich die Börse und treibe das Kleinzeug da zu Paaren, daß ihm Hören und
Sehen vergeht! Draußen vor den Toren liegt weites, fruchtbares Land
unter den Posümpfen begraben, wartet auf die Erlösung durch ehrliche
Menschenhände -- oh, ich wollte den Kerlen das Spiel verleiden, wollte
sie zurückpeitschen zu nützlicher Arbeit!“ -- „Laß sie doch,“ meint
Fritz gleichmütig, „schließlich leben wir von ihrem Laster, du und ich,
und tausend Bankmenschen!“ -- Doch Guido fährt heftig auf: „Du und ich?
Verzeih, das ist nicht dasselbe! +Ich+ weiß, was ich will, ich will
Geld verdienen, rasend viel Geld, und dazu muß ich den Schwindel von
Grund auf mitmachen, wenn mich auch der Ekel halb erstickt. Aber +du+?
Du bist nicht Fisch, nicht Fleisch. Sitzt in der Bank und kümmert sich
nicht ums Geschäft -- könnte studieren und tut’s nicht -- was willst
denn du?“ Und Fritz, jäh erschrocken, bleibt ihm die Antwort schuldig.
Endlich stammelt er, halb trotzig: „Du kennst meinen Vater nicht ...!“
Und Guido sagt hart: „Nein, ich kenne ihn nicht -- aber glaub’ mir,
es gibt ärgere als ihn!“ Fritz will auffahren, qualvolle Erinnerungen
losschreien, doch Guido unterbricht ihn hastig: „Laß, sag’ mir nichts,
höre erst mich! -- Jetzt muß ich nach Hause, die Mutter erwartet mich,
aber nachher ... Oder halt: begleite mich nach Hause, wir gehen dann in
den Leseklub; ich wollte dich ohnedies längst einführen!“
50
Eine stille Seitenstraße mit alten Adelshäusern. Eines darunter,
in edler Renaissance. Sie durchschreiten den holzgedielten Torweg;
im Zierhof macht Guido halt, weist auf die ruhige Innenfront,
die klafternden Seitenflügel: „Das war unser Haus, das Stammhaus
meiner Mutter, sie ist eine geborene Contessa Bramati. Jetzt ...
aber komm weiter!“ Durch ein hohes Gitter, an dessen künstlichen
Zieraten Nebeltropfen hängen, treten sie in den Park, gehen lange,
glatte Kieswege, an Rasenflächen und gepflegtem Buschwerk hin. Da
und dort glänzt feuchter Marmor auf -- eine Schulter, ein schlankes
Bein. Dann ein Weiher, von Quadern umrahmt. Auf dem dunklen Wasser
treibt Fallaub. Endlich, hinter dichten Baumgruppen verborgen, in
ein Eck der Umfassungsmauer hineingebaut, ein ebenerdiger Pavillon
mit hochgeschweiftem Dach. Wieder bleibt Guido stehn: „Das ist das
alte Gärtnerhaus -- meine Mutter hat, aus Gnade, das lebenslängliche
Wohnrecht darin behalten. Das ist alles, was ihr geblieben ist!“
In dem kleinen Wohnzimmer steht nüchterener Hausrat neben kostbaren
Möbeln, deren reife Pracht für weite Prunksäle erdacht und gefertigt
scheint. Im Licht der grünverhängten Lampe blitzen vergoldete
Bronzebeschläge auf, Einlagen aus Elfenbein und Perlmutter, doch auch
ein Küchenschrank drängt seine grobe Ungestalt vor. -- Strandgut! --
Aus dem Lehnstuhl in der tiefen Fensternische klingt eine müde Stimme.
„Bist du da, Guido?“ -- „Ja, Mama, und ich bringe dir Besuch mit, einen
Freund ...“
Fritz sieht ein bleiches, hoheitsvolles Gesicht vor sich, über
schmuckloser, schwarzer Seide. Ein grauer Scheitel neigt sich ihm
grüßend entgegen. Doch die schmale Hand, die ihm hingestreckt wird,
hat rissige, harte Haut, von schwerer Arbeit. Ein unruhig fragender
Blick auf den Sohn -- da sagt Guido schnell: „Wir haben in der Stadt
gegessen, und gehen dann gleich noch in den Klub. -- Wir wollten dir
nur guten Abend sagen ...“
Kurze Fragen, deren hergebrachte Gleichgültigkeit geadelt wird durch
die klingende Stimme und das Spiel der klaren Augen in dem edlen
Gesicht. Dann beugt sich Guido in zärtlichem Abschied über die Mutter.
Fritz küßt die kleine Hand, und seine Lippen zucken in plötzlicher
Rührung, als sie die Schicksalsnarben berühren.
Draußen sagt Guido: „Meine Mutter war berühmt wegen ihrer schönen
Hände. -- Hast du sie jetzt gesehen? Sie kocht und wäscht, tut gröbste
Arbeit, wie eine Magd! -- Noch kann ich ihr keine Dienerin halten --
aber warte nur!“ Und sein Gesicht erstarrt in wütender Entschlossenheit.
51
Da ist der Klub. Ein reicher Sonderling hat ihn mit großen Mitteln
gegründet, doch seine Schenkung an strenge Bedingungen geknüpft.
Eine große Bücherei ist in zwei Sälen und drei kleineren Räumen
untergebracht und birgt das Beste, was in vier Sprachen geschrieben
wurde. Um die großen Mitteltische stehen bequeme Stühle, begehrter noch
sind die großen Lehnsessel in den Fensternischen, unter abgedämpften
Seitenlampen. In allen Leseräumen ist das Sprechen strenge verboten.
Dicker Bodenbelag dämpft den Schritt. Durch die wohlverwahrten Fenster
dringt kein Außenlärm. Die gewünschten Bücher dürfen nur mit kleinen
Zetteln angefordert werden, gegrüßt wird mit stummem Nicken. Die
Bibliothekare gleiten auf Gummisohlen die hohen Stehleitern auf und
nieder. Die tote Stille springt den Eintretenden erst schreckhaft an,
bis er, nach wenig Augenblicken, ihre Wohltat dankbar zu fühlen beginnt.
Hinter gefütterten Doppeltüren zwei kleine Spielzimmer. Nackte Wände.
Unter gedämpften Mittellampen lange Tische, jeder mit vier ins Holz
eingelassenen Schachbrettern. Es darf nur Schach gespielt werden,
Gespräche sind auch hier verboten, mit Ausnahme der knappen Worte,
die das Spiel erfordert. Die Figuren gleiten lautlos auf kleinen
Filzunterlagen. Durch die samtige Stille klingt nur das Atmen der
Spielenden und immer wieder das eine Wort: „Schach! ... Schach!“
Als letzter Raum, nochmals durch Doppeltüren verwahrt, ein
Sprechzimmer; dicke Filzvorhänge teilen es zu einem halben Dutzend
Nischen, in denen zwei, drei Stühle um ein rundes Tischchen stehen.
Zu dem Bodenbelag der anderen Räume kommt hier noch deckenhohe
Wandbespannung, die den Stimmenklang dämpft und einsaugt. Man spricht
im Flüsterton.
In keinem der Klubräume dürfen Speisen oder Getränke verabfolgt werden.