Der Herr Rat empfängt den Jungen in seinem prunkvollen Wohnzimmer,

weist ihm einen der üppigen, weichen Lehnstühle an, hüstelt ein wenig,

saugt passend an seiner dicken Zigarre und beginnt endlich sichtbar

verlegen eine vorbedachte Rede. Fritz fühlt sich geschmeichelt von

dem großen Apparat, der seinetwegen in Bewegung gesetzt wird, ist

aber auch gespannt auf die kommenden Enthüllungen. Das Bewußtsein

augenblicklicher Wichtigkeit und der eifrige Wunsch, die dadurch

bedingte Überlegenheit zu wahren und nötigenfalls auszunützen,

beschäftigen ihn so stark, daß er der gutmütigen, leicht kurzatmigen

Stimme des Herrn Rats zunächst nur wohlig lauscht, ohne auf den Sinn

der Worte zu achten. Erst ein stark geräuspertes „Verstehst du mich

auch?“ reißt ihn aus seinen Träumen.

Ja, also: Der Papa ist alt ... zwar außergewöhnlich rüstig ... aber

immerhin -- siebzig Jahre ... hat den begreiflichen Wunsch, die Kinder

versorgt zu sehen. Bei Felix und Max sei das wohl erreicht, und

Gretl, na ja, für die würde sich wohl ein braver Mann finden, ein so

prächtiges Mädel, keine Frage ... Ja, aber (hm, hrrr, pschitt), Fritz!

Ja! Da sei wohl reiflichste Überlegung am Platze! -- Der Geldpunkt

allein dürfe keinesfalls ausschlaggebend sein ... Obwohl natürlich ...

das lange Studium und die Anfangsjahre in jedem akademischen Beruf,

ohne oder fast ohne Gehalt ... immerhin recht weitgehende materielle

Opfer ... aber diese Opfer würden ohne weiteres gebracht werden -- im

Vertrauen: des Vaters Vermögenslage sei durchaus nicht ungünstig, wenn

er selbst sich auch als armen Mann hinzustellen liebe; durchaus nicht

ungünstig, im Gegenteil, hm, hrr! Aber der Kernpunkt: Ob ausgesprochene

Neigung zum Universitätsstudium vorhanden sei, ausgesprochene Neigung

und der feste Wille, es darin rasch vorwärts zu bringen ... Darauf

komme es wesentlich an ... denn sonst allerdings ... Obwohl von Zwang

keine Rede sein solle ... aber immerhin -- wie? Hm? --

Fritz beginnt Mitleid zu empfinden für den verlegen hüstelnden alten

Freund und bricht mit einer Frage ein: „Um welchen praktischen Beruf

handelt es sich?“

Der Herr Rat beantwortet diesen knabenhaften Entwirrungsversuch

feingesponnener diplomatischer Fäden zunächst mit einem mißbilligenden

Funkeln aus runden Brillengläsern und mit verstärktem Hüsteln. Dann

entschließt er sich, in wesentlich trocknerem Ton, zu der sachlichen

Mitteilung, er habe einen befreundeten Bankdirektor in Mailand, der

bereit wäre, Fritz als Volontär einzustellen. Und er will sich über

die Vorzüge und Nachteile des Bankfaches weiter auslassen. Fritz aber

unterbricht ihn atemlos: „In Mailand? Wann könnte das sein?“ „Morgen,

wenn du willst!“ gibt der Herr Rat gemessen zurück. „Oh ja, oh, bitte,

ja, das will ich! Ich gehe nach Mailand!“ Fritz jubelt fast. Umsonst

versucht der Herr Rat ihn zum Nachdenken zu bringen ... der endgültige

Verzicht auf den akademischen Grad dürfe nicht der Entschluß eines

Augenblickes sein, später, im Leben, hänge die gesellschaftliche

Stellung nicht unwesentlich davon ab ... dann sei es aber zu spät zur

Umkehr ...

Fritz aber hält ihm froh entgegen: „Sie sind ja auch nicht Doktor,

und verkehren doch überall!“ Darauf hat der Herr Rat, leise verletzt,

nichts mehr zu erwidern. Er fragt nur, etwas förmlich: „Es ist also

dein freier und fester Wille?“ Und Fritz schmettert ein begeistertes

Ja! Er hat nur +Mailand+ erfaßt, die Weite, die Fremde, die Freiheit!

Dorthin reichte die Zuchtrute nicht -- dort mochte das Leben beginnen.

Bankvolontär? Mein Gott, man konnte auch Kuhhirte sein -- in Mailand!

Er springt auf, will nach Hause laufen, einpacken ... da hält ihn der

Herr Rat zurück: „Ich werde also meinem Freunde schreiben, daß du

die Stellung, sagen wir, Mitte September antreten wirst!“ -- „Mitte

September, noch drei Wochen, warum so lang?“ fragt Fritz enttäuscht.

„Bei der großen Entfernung ist an ein Nachhausekommen vor einem Jahre

nicht zu denken, wahrscheinlich werden sogar zwei, vielleicht auch drei

Jahre vergehen.“ Der Herr Rat spricht mit eindringlicher Würde, mit

etwas Schärfe sogar. „Da ist nicht nur Verschiedenes vorzubereiten, an

Wäsche, Kleidern und so fort, sondern,“ und die runden Brillengläser

blitzen Ermahnungen, „deine Eltern werden dich vor der langen Trennung

noch einige Zeit bei sich haben wollen!“ -- „Wirklich!“ murmelt Fritz,

und verzieht höhnisch den Mund. „Ich dächte, ich bin nun lange genug

erzogen worden!“ -- Aber der Herr Rat belächelt die Frechheit nicht. Er

bleibt ernst und gemessen: „Du begehst ein großes Unrecht! Deine Eltern

haben sicher immer nur dein Bestes gewollt! Du hast dir nur nicht die

Mühe genommen, sie zu verstehen! Du bist vielleicht auch noch zu jung

...“ -- „Sagen Sie lieber, mein Vater ist zu alt, fünfzig Jahre älter

als ich, und die Mama dreißig, da ist es schwer mit dem Verstehen! Und

mein Vater hat nie daran gedacht, etwa mich verstehen zu wollen ...“

-- „Er ist dein +Vater+,“ sagt der Herr Rat mit Strenge. Und in Fritz

erwacht der wilde Trotz seiner Jungenjahre: „Ich habe ihn nicht darum

gebeten -- und keinesfalls ist das so, daß der Vater nur Rechte hat

und der Sohn nur Pflichten -- und schließlich ist immer der Knüppel

der einzige Dolmetsch! Mein Vater hat mich in die Welt gesetzt -- aber

darum bin ich noch nicht seine Sache!“

Der Herr Rat winkt peinlich berührt ab: „Lassen wir das ... Du wirst

älter werden und über all das ruhiger denken lernen! Da du aber gerade

hier bist, hätte ich gerne noch etwas mit dir besprochen ... um so

mehr, da du ja jetzt weit fort in die Fremde gehen sollst ... Ja! Hm!“

Und das Räuspern und Hüsteln setzt verstärkt wieder ein ... „Dein

Vater findet es sehr schwer, sich mit dir zu verständigen -- du tust

ja auch tatsächlich nichts, um es ihm irgendwie leichter zu machen --

ja! Hm! ... Und so hat er mich gebeten ... Es gibt gewisse Fragen, über

die du schwerlich bisher nachgedacht hast, du bist wohl auch zu jung

dazu ...; nun handelt es sich darum, dich vor Torheiten zu bewahren!

Die Beziehungen des Mannes zum Weibe ... Hm! Hrr! Hrrr!“ Der Herr Rat

versteckt sich zeitweilig hinter einem Hustenanfall. In Fritz aber

knallt die vorherige Spannung zu der jähen Erkenntnis auseinander: „Er

soll mich aufklären!“ Grell wie im Blitzlicht liegt die unerhörte,

weltfremde Ahnungslosigkeit der alten Leute vor ihm: die meinen etwa,

er glaube noch an den Storch, weil man es ihm vor Jahren einmal so

eingeprügelt und seither nicht widerrufen hat! Und der Vater findet es

unter seiner Würde, eine frühere Erziehungslüge zuzugeben, darum muß

der Herr Rat an die Front! Und der gibt sich dazu her, ahnt nicht, oder

will es nicht wahrhaben, daß ein junger Mensch mit neunzehn Jahren sich

selbständig Gedanken gemacht, Erkenntnisse verschafft haben könnte! Oh,

altes Eisen, altes Eisen! -- Und eine entsetzliche, giftige Lachsucht,

auf deren Grunde Tränen lauern mögen, erstickt den Jungen fast. Doch

er bezwingt sich; Wissen zu zeigen, könnte gefährlich sein. Und dann:

dem alten Herrn fällt es ersichtlich schwer, die heiklen Dinge zu

erörtern. Mag er sich plagen -- die beste Rache!

So senkt der Junge die Augen, um ihr Glitzern zu verbergen, klemmt

schmerzhaft das Wangenfleisch zwischen die Backenzähne, damit nicht das

Gesicht in breitem Grinsen zergehe, und knetet fieberhaft die Finger

ineinander. Der Herr Rat nimmt es für schamhafte Verlegenheit, wird

dadurch selbst noch befangener und räuspert, hustet, stottert linkische

Erklärungen, Andeutungen, Warnungen ... -- Alimente ... Erpressung

... Krankheit ... Zwangsehe ... Das Geheimnis der Menschwerdung

wird in dem Greisenmund zur gefahrdrohenden Klippe, zum häßlichen

Schattenfleck. Fritz fühlt seine Erinnerungen, seine Triebe sich

regen, unrein und doch unwiderstehlich lockend; lastend, wie ein süßer

Fluch. -- Die niedergepreßten Augenlider erzeugen rotglühende Bilder,

in deren Schauern es sich verliert -- Weiber mit geil prunkenden

Geschlechtsmerkmalen, Busen, Hüften, Schenkel, dunkles Kraushaar

auf weißem Fleisch, Weiber, lüstig hingestreckt, kniend, kauernd,

breitbeinig stehend -- Weiber -- +doch keine hat ein Gesicht+. Nur +ihr

Geschlecht+ lockt aus dem roten Nebel ... Weiber ...

Da klingt die Stimme des Herrn Rats, väterlich, mit ernster Rührung

geladen: „Versprich mir das, mein lieber Junge!“ „Ja, ich verspreche

es,“ sagt Fritz mechanisch und gibt eine bebende Hand. Er weiß nicht,

was er versprochen hat. Die Erregung sitzt ihm an der Kehle wie eine

würgende Hand. So tappt er heim.

44

Ein Frühzug gleitet aus dem Kleinstadtbahnhof. Der Morgennebel läßt den

Kohlenrauch nicht verfliegen. Es riecht nach Reise und Abschied. Die

müde Herbstsonne malt Perlmutterglanz auf Dächer und Türme. Sie grüßen

von weither, wie seliges Land. Ist das die Heimat?

Fritz beugt sich ein letztesmal zum Fenster hinaus. Da sieht er weit

weg, verschwimmend schon, ein weißes Tüchlein wehen. Das ist die

Schwester -- und wütende Sehnsucht überfällt ihn, nach den guten,

dunklen Augen, die nur Treue kennen. Was könnte ihm die Fremde bieten,

das besser wäre? -- Angst schleicht sich an. -- Und der Vater -- wie

müde und weich war der Abschied! „Wir sehen uns wohl nicht mehr, mein

lieber Junge,“ hat er gesagt. „Halt dich brav -- vielleicht geht’s

jetzt!“ Das klang wie Eingeständnis eigener Ohnmacht -- und quälend

hatte der Junge die Härte vermißt, die er am Vater, bei allem Trotz und

Haß, doch immer geliebt hat. Immer geliebt hat. --

Die Kleinbahn bleibt zurück -- der Schnellzug auf der Hauptstrecke

klirrt durch weites Land. Die große Stadt wird im Wagen von Bahnhof

zu Bahnhof durchquert. Die Universität dort. -- Student? -- Halber

Pennäler!

Und wieder ein Schnellzug mit riesenhafter, kegelspitzer Maschine,

stiernackig, und langgestreckten Wagen, die lautlos aus der weiten

Halle schwimmen. Und was sich nun zu beiden Seiten im Abenddämmern

dehnt, Felder, Büsche und ferne Waldberge, das ist Neuland, ist die

Fremde. Die Nacht bringt zerrissenen Schlaf.

Im Frühlicht flammen Schneeberge auf, mit Almen an ihrem Fuß und

Dörfern von nie gesehener Bauart. Und Menschen, die ihrem Tagewerk

nachgehen, unbekümmert. Kann diese Natur Alltag werden?

Dann die Grenze, fremde Uniformen, unverständliches Wortgewirr. Der

Junge fühlt sich sehr einsam, und doch dem Neuem fiebernd hingegeben.

Beschämt fast gedenkt er der Vaterstadt -- ein Backsteinhaufen inmitten

flacher Rübenfelder, zwecksüchtig dem nüchternen +Heute+ untertan:

die alten Gräben eingeebnet, Wälle und Basteien geschleift, die alten

Häuser niedergelegt oder zu Mietskasernen entwürdigt. Zerstört,

erstickt, in Zweckformen gepreßt alles, was von der Altvordern

behäbiger Lebensfreude künden könnte. Geschichte? Eine trockene

Wissenschaft!

Hier aber lebt ein reiches Gestern, lebt fort, noch in des letzten

Bettlers Haltung und Gebärde! Verwittertes Mauerwerk übt im Verfall

noch Herrenrecht, fordert Ehrfurcht. Und wucherndes Leben in jedem

Blatt, und Sonne, Sonne in nie geahnter Glut.

45

Ein alter Palast an einem stillen, kleinen Platz -- das ist die Bank.

Die edle Nacktheit der Fassade wird schreiend von einer Inschrift in

breiten Goldbuchstaben überklettert. In das Portal ist ein wuchtiges

Gitter neuer Arbeit eingefügt. Der Innenhof, ehemals offen und mit

Springbrunnen und blühenden Büschen eine kühle Insel in dem Steinmeer,

ist nun mit stahlgerahmten Mattscheiben überdacht. Die zierlichen

Säulenbogen rundum sind mit blitzendem Gitterwerk ausgefüllt, davor

sich die Menge der Kunden staut. Die Gesichter schimmern grünlich in

dem bleichen Licht. Lautgerufene Zahlen durchzucken den gedämpften

Stimmenlärm, Gold und Silber klingeln auf den marmornen Zahltischen,

Papier raschelt, wie Schlangenschuppen auf hartem Kies. -- Der

Kassenraum.

Fritz wird vor den Direktor geführt, der in einem hochgewölbten Gemach

mit wuchtigen Möbeln und reichen Teppichen einsam thront. Eine kurze

Musterung aus scharfen Augen unter seltsam müden Lidern, zwei, drei

knappe Fragen, dann ein gnädiger Entlassungswink und ein Befehl an den

begleitenden Diener: „Korrespondenz!“ Und Fritz wird hinausgeführt.

Bald hört der Teppichbelag auf, die Gänge werden kahl und düster, dann

enge Steintreppen ...

In Fritz regt sich ängstliches Verlassensein: so empfing ihn der

Freund des Herrn Rats, kalt, gleichgültig, wie ein Sklavenhändler?

Ahnte der aufgeschwemmte Despot denn nicht, wen er vor sich hatte? --

Da bricht das Klappern zahlloser Schreibmaschinen in seine Gedanken,

der Diener schiebt ihn durch eine schmale Tür, vor einen riesigen

Schreibtisch, hinter dem ein bleicher, überarbeiteter Mann sitzt, macht

eine unverständliche Meldung und geht. Der bleiche Mann zwinkert ihn

an, hüstelt: „Ich bin der Korrespondenzchef -- Sie sind mir zugeteilt

... ich werde Ihnen einen Platz anweisen!“ Und sie gehen durch neue und

immer neue Räume, die durchwegs kahl und härtestem Gebrauch angepaßt

sind. Die alte Pracht verleugnet sich nicht: Mächtige Fenster reichen

bis zum Boden; ihr unteres Drittel ist durch zierlich geschmiedete

Außengitter abgeschlossen. Da sind auch noch die fein gemusterten

Eichenböden und die alten Stuckdecken, beide willkürlich zerrissen

durch eingebaute Zwischenwände. Deckenhohe Regale an den Wänden,

zwischen denen da und dort ein Stück der alten Tapete hervorglüht.

Rohe Holztische mit handfesten Stühlen. Und überall Menschen, hastig,

reizbar, über klappernde Maschinen oder blanke Briefbogen geneigt.

Zahleneifer in allen Mienen.

In einem engen Raum macht der Chef halt: „Herr Kurz, Herr Schmitt

..., hier ein neuer Kollege!“ Zwei Schreibmaschinen brechen klirrend

ab, zwei dürftige Menschen erheben sich halb, nicken zerstreut,

sinken zurück und klappern weiter. Der Chef weist auf einen kleinen

Nebentisch: „Hier wird Ihr Platz sein! -- Heute ist übrigens die Arbeit

schon ausgeteilt -- treten Sie morgen früh an! Pünktlich um halb neun,

bitte!“ Dann geht er. Fritz will ihm folgen, da sieht er, wie Herr

Kurz ihm zuwinkt, und bleibt stehen. Kaum hat sich die Tür hinter

dem Vorgesetzten geschlossen, da klappern die Maschinen langsamer,

verstummen, und Herr Kurz lacht unvermutet dröhnend auf: „Volontär sind

Sie? Na, zu arbeiten werden Sie hier kriegen, daß Ihnen der Schopf

raucht! Aber dafür wenig Gehalt und gelegentlich einen Anpfiff, damit

sich’s ausgleicht!“ Herr Schmitt bemeckert den Witz verkniffen. Und

Fritz denkt an die Kinderstube daheim, wenn der Vater aus dem Zimmer

war ... die Brüder ...

Da fragt Herr Kurz: „Haben Sie schon ein Zimmer? Nein? Meine Wirtin hat

eins frei -- kommen Sie mittags mit mir! In zehn Minuten gehe ich!“ Als

Fritz freudig zusagt, grinst ihn hinter des anderen Rücken Herr Schmitt

höhnisch und schadenfroh an. Gedrückte Bosheit liegt in der Luft --

aber die Stimmung mutet Fritz vertraut an, und er beschließt, wehrhaft

auf der Hut zu sein.

46

Das Zimmer ist gemietet und einen Monat im voraus bezahlt. Doch es

erweist sich als schlimmer Hereinfall: Schmutz, Lärm und kleine

Diebereien; das Essen schlecht und unpünktlich aufgetragen: wie konnte

das ein Landsmann empfehlen? Die Erklärung ergibt sich bald: Herr Kurz

steht in zarten Beziehungen zu der Wirtin, einer etwas abgebrauchten

Witwe auf der Kippe des Altwerdens. Er fährt nicht schlecht dabei --

nimmt die Mahlzeiten in ihrem Zimmer, und die kleine Magd muß ihnen

auftragen, was gut und teuer ist. Sie besorgt Theaterkarten; jeden

Abend sieht man sie in bunter Pracht aus dem Hause segeln. Herr Kurz

steuert auf seine Art zum Haushalt bei, indem er gelegentlich einen

grünen Landsmann oder sonstigen Bekannten als Zimmerherrn anschleppt.

Fritz ist wütend über den listigen Betrug, dabei nicht frei von

ehrfürchtigem Neid: das war immerhin ein Stück großes Leben -- ein

Verhältnis mit einer Witwe! Ein Schuft dieser Kurz, aber doch ein

Teufelskerl! -- Und der bezahlte Monat mußte abgesessen werden. --

Einmal in der Bank, als sie eben allein in dem engen Zimmer sind, fragt

Herr Schmitt mit offenem Hohn: „Na, sind Sie recht zufrieden mit Ihrem

Quartier?“ Und als Fritz errötend schweigt, fährt er spöttisch fort:

„Mir können Sie’s ruhig sagen -- mich hat er ja auch hingeschleppt, als

ich neu ankam! Ich weiß Bescheid!“ Fritz fährt giftig auf: „Warum haben

Sie mir nichts gesagt?“ Doch der andere zuckt gleichmütig die Achseln:

„Ich werde mich wohl hüten, mich einzumengen! Jeder hat das Recht auf

seine eigenen Dummheiten!“ Fritz ist sprachlos vor soviel Niedertracht.

„Was habe ich Ihnen getan?“ stammelt er endlich. -- „Getan? Gar

nichts!“ gähnt Herr Schmitt. „Aber warum sollte ich mir Ihretwegen

den Kurz zum Feind machen? -- Seit gestern trägt er übrigens einen

neuen Ring -- zu dem werden Sie wohl unbewußt beigesteuert haben!“ Ein

schadenfrohes Kichern geht schleunig in wütendem Maschinenklappern

unter. Denn aus dem Nebenzimmer klingt die Stimme des Chefs.

Das also ist die Fremde, die vielersehnte? -- Grundsätzliche Bosheit

und Schadenfreude auf Schritt und Tritt, geistlose Abschreibarbeit

dazu -- jeder kleinste Fehler Anlaß zu hämischer Zwischenträgerei. Und

die fremde Sprache, von der er kaum mehr als fünf Worte versteht! Oft

sprechen Kurz und Schmitt in seiner Gegenwart unvermittelt Italienisch,

schießen Seitenblicke und wiehern straflos Hohn -- und er kann ihnen

nichts anhaben. Einmal stellt er sie wohl zur Rede: „Ob sie ihn

meinten?“ Da bellen beide empörte Abwehr, Herr Kurz rennt eilends aus

dem Zimmer, und keine zehn Minuten später wird Fritz vor den Direktor

gerufen. Der sagt, kalt wie immer: „Für studentische Raufhändel ist

bei uns keine Zeit! Hier wird gearbeitet! Und da Ihre Vorbildung für

das Bankfach ohnehin recht mangelhaft ist und Sie also ständig auf die

wohlwollende Nachsicht Ihrer Kollegen angewiesen sind, so kann ich

Ihnen nur doppelt dringend zu verträglichem Benehmen raten! Ich hoffe

auch ganz bestimmt, nie wieder eine Klage darüber zu hören -- sonst

müßte ich Ihnen raten, doch lieber an die Universität zurückzugehen.

Dort könnten Sie dann nach Herzenslust den Ehrenstandpunkt wahren!“

Beim Rückweg durch die dunklen Gänge hatte Fritz mit wütenden Tränen

und dem trotzigen Wunsch zu kämpfen, nun alles hinzuwerfen und

zurückzugehen ... Doch die ruhige Besinnung kam bald nach: zurück?

Noch einmal als Besiegter zurück, diesmal aus eigener Schuld, sich von

Mitleid foltern lassen und von Schadenfreude, und, schlimmer noch, alle

düsteren Vorhersagen des Vaters dadurch rechtfertigen? Nein -- zurück

nicht! Dies hier mußte zu überwinden sein: an Kleinkrieg, mit listiger

Bosheit und Verleumdung, war er von jung auf gewöhnt. Der nächste

Feind: die Sprache! Der galt es beizukommen. Und Haß, Rachsucht, Trotz,

wilde Selbstbehauptung, alles, was an aufpeitschendem Gefühl in ihm

ist, stürzt sich auf die fremden Laute, die ihn rings umgeben, sucht

ihr Gewirr zu erschließen.

Teures Geld für einen Lehrer ausgeben? -- Alles, was entfernt nach

Unterricht, nach Schule schmeckt, ist ihm unweigerlich verhaßt. Der

Gorilla fällt ihm ein und er spuckt wütend vor sich hin. Aber die

Preistäfelchen in den Schaufenstern bieten Anschauungsunterricht. Bei

kleinen Einkäufen hilft gelegentlich die Zeichensprache nach. Eine

Zahnbürste fehlt. Endloses Rennen durch lange Geschäftsstraßen, bis

sich in einem Schaufenster das Gesuchte findet. Doch ohne Bezeichnung.

Kurze Schüchernheit -- dann steht er im Laden, wetzt den Zeigefinger

an den Zähnen und deutet ins Schaufenster hinaus, wie ein Taubstummer.

Die Verkäuferin reicht ihm Zahnpulver -- nein! Zahnpasta -- nein! Sie

macht einen gutmütigen Scherz -- zeigt einen Schwamm, einen Reibfleck.

Da stampft er wütend mit dem Fuß und greift nach der Klinke. Und schon

liegt die Zahnbürste vor ihm. Sie ist hart und viel zu breit für ihn

-- doch für heute mag’s genügen. Der Preis ist schamlos übertrieben --

aber ein klingendes Wortgebilde ist für immer gewonnen.

Ein Sprachführer, ein Wörterbuch? Nein! Stück um Stück will er die

Sprache erobern, die Türe einbrechen, die ihm das Aufgehen in dieser

fremden Welt verwehrt.

47

In der italienischen Abteilung der Korrespondenz sitzt der Nobile

Marinetti, ein bewegliches, schwarzes Männchen von etwas zweideutiger

Eleganz in Kleidung und Gebärde. Aber er zeigt Fritz bei jedem Anlaß

freundschaftliche Zuneigung, und Fritz nimmt es dankbar hin. Seine

ersten Erfahrungen haben ihn gegen Landsleute mißtrauisch gemacht. Auch

sucht er italienischen Verkehr, zu steter Übung im Sprechen. Zwar sagt

ihm an dem Nobile mancherlei nicht zu: seine ölige Freundlichkeit, das

ständige Betonen seiner edlen Geburt, dabei die vielen falschen Ringe,

das scharfe Parfüm und die allzu lang getragene Wäsche. Überhaupt ist

nur einer unter den paar hundert neuen Dienstgenossen, den er sich

von Herzen zum Freunde wünschen könnte: der junge Guido Colonna, ein

schlanker Junge, um den es wie ein Mantel von Reinheit liegt. Er trägt

tiefe Trauer, doch das eintönige Schwarz läßt sein schönes Gesicht nur

klarer leuchten. In den Bureaus flüstert man sich seine Geschichte

zu: Der Vater, ein reicher Großgrundbesitzer, hat sein und der Frau

Vermögen an der Börse verspielt und sich das Leben genommen. Der Sohn

hat das Studium aufgegeben und den Bankposten angetreten, um die

Mutter zu erhalten. Ein guter Kopf, er hätte es sicher zum Professor

gebracht! Poveretto! -- Zu ihm fühlt Fritz sich drängend hingezogen;

aber der junge Colonna tut kühl und fremd seinen Dienst und wünscht

offenbar keine Annäherung. Und noch hat Fritz keine Möglichkeit,

wählerisch zu sein. So schließt er sich an Marinetti an.

Das Zimmer bei Herrn Kurz und seiner Witwe wird aufgegeben. Marinetti

weist ihm ein anderes, bei einem alten Koch, der von früher her

angeblich in irgendwelchen schleierhaften Beziehungen zum edlen

Hause Marinetti stehen soll. Der Koch und seine Frau sehen aus wie

das Menschenfresserehepaar im Märchen. Ihre südliche Mundart bleibt

unverständlich. Das Zimmerchen liegt im Dachgeschoß eines zweiten

Hinterhauses, blickt auf einen stillen, kümmerlich begrünten Hof und

stumpfrote Ziegeldächer. Abends klingt Musik aus den ärmlichen Häusern,

Gitarren, Mandolinen und weiche, biegsame Stimmen.

Bald hat Fritz einen neuen Bekanntenkreis: Marinetti führt ihn an einem

Stammtisch ein, der allabendlich ein gutes Dutzend Börsenagenten und

junge Kaufleute vereint. Der Ton ist frei und wenig gewählt. Ist das

fremdartig bunte Abendessen vorüber -- lachsrote Zuckermelonen, stark

gepfeffert; Reis mit rohen Trüffelscheiben, Lerchenbrüste mit Polenta

-- und mit billigem Landwein reichlich begossen, dann beginnt meist ein

Kartenspiel, Hasard der ödesten Art. Naschi Waschi, Grüne Wiese oder

Einundzwanzig. Fritz tut mit, doch die Begeisterung der ersten Tage

geht bald in leise Ablehnung über. Daß er fast ständig verliert, drückt

ihn weniger, obwohl er weiß, daß sein schmales Taschengeld nicht zu

lange reichen kann. Aber was sind das für Menschen, die da fieberhaft

nach Kupfermünzen gieren, kleinste Verluste mit Faustschlägen auf den

Tisch und schmetternden Lästerungen begleiten, ewig Betrug wittern und

unerlaubte Kniffe, und sich nach ehrenrührigen Beschimpfungen doch

wieder überschwenglich vertragen?

Oft geht es auch in eines der vielen Nachtlokale, wo selbsttätige

Spielmaschinen zu leichtem Gewinst locken. Vor flirrenden Farbscheiben

entfaltet sich wütender Spieleifer. Auch die Maschine ist nicht sicher

vor dem Vorwurf schmutzigen Betruges. Kaum hat einer mehr als drei

Einsätze verloren, da werden heulend Wirt und Kellner zusammengerufen,

verbrecherischer Handhabungen beschuldigt, mit Verwüstung oder doch

Meidung des Lokals, auch polizeilicher Anzeige bedroht. Dann gibt

wohl der Wirt eine Runde schillernden Likörs zum besten, man läßt

ihn freudig bewegt hochleben und beglückwünscht sich insgeheim zu

dem schönen Erfolg energischer Beredsamkeit über einen verstockten

Bösewicht.

Junge Triebe: Roman · 第 9 / 18 段