Und dann war es Winter, ein reicher Winter, mit viel Schnee, Sonne und

klarem Frost. Weiß und blauer Schneerauch adelte die Einförmigkeit

der engen Gassen, der flachen, toten Felder. -- Da ist der Hund Huck,

ein gelbweißer Kolli, mit schmalem Kopf und prächtiger Halskrause,

nicht sonderlich klug, aber feurig und Fritz blind ergeben. Die beiden

ergänzen sich wunderbar: der junge Mensch, der überall die Verbitterung

über sein hartes Geschick mit sich trägt, der eigenwillig Schranken

setzt zwischen sich und dem weißen Meer draußen, und der gereifte,

verständige Hund, der die Freiheit liebt und die weiten Schneeflächen

in rasendem Laufe durchpflügt. „Was rennst du so und freust dich,

Huck, dummer Huck? Bald müssen wir wieder zurück in die Stadt, dort

wartet der Maulkorb auf dich und die Leine!“ Aber Huck läßt sich nicht

die Laune verderben, er rennt und springt, wälzt sich im Schnee,

überschlägt sich und mit einem Gebell, das fast jubelndes Lachen

ist, will er seinen Herrn dazu bringen, sich gleich hemmungslos der

Freude hinzugeben. Umsonst -- der vergißt Maulkorb und Leine nicht, ist

ständig ihrer Schrecken eingedenk. „Glücklicher Hund!“ denkt er. Und

die Schneefelder blauen weit: „Komm, du Mensch! Wir leben!“ Er aber

sieht nur den Tod, sehnt sich nach ihm und folgt doch, anstatt sich

willenlos zum Sterben hinzubetten, haßerfüllt der dunklen Stimme, die

ihn zum Dasein zurückruft. --

Nach einförmigen Wochen eine Unterbrechung: Eine neue Blutung. Ohne

vorherige Anzeichen, gänzlich unerwartet. Nur unbedeutend auch --

doch immerhin Anlaß zur Unterdrückung der letzten Reste bescheidener

Freiheit. Die Besuche beim Hausmeister fallen fort, desgleichen die

Spaziergänge mit Huck. Tagelanges Bettliegen erst, dann Zimmerhocken.

Fritz rast in seiner Kammer, rennt den Kopf gegen die Wände, beißt

sich die Knöchel blutig: „Hund Gott, warum mir das, warum?“ Und er

hofft auf den rächenden Blitz, der ihn zur Strafe für seine Lästerung

zerschmettern soll. Doch der Himmel schweigt. „Bin ich so nichtig,

daß ich dich nicht einmal beleidigen kann, Hund, meld’ dich, wenn

du +bist+!“ Und toter Unglaube löst den Aufruhr ab. Fritz beginnt

wahre Sträflingsliebe auf sein Zimmer zu verwenden, räumt selbst auf,

macht sein Bett alleine, hält besonders den kleinen Schreibtisch in

peinlichster Ordnung. Auf dem runden Blechuntersatz des Tintenzeugs

liegen links drei Bleistifte, rechts drei Federhalter, sorgfältig

ausgerichtet. Tintenlöscher, Mappe, Lineal haben ihre genau bestimmten

Plätze. Das ist sein Reich, das er regiert. Bis der Vater einmal den

sorgfältigen Aufbau bemerkt und alles durcheinanderwirft: „Was soll

denn der Firlefanz! Wie eine alte Jungfer! Schämst du dich nicht?!“

Fritz baut heimlich wieder auf, der Vater aber macht sich von da ab

den Spaß, täglich zwei, dreimal ins Zimmer zu kommen und Unordnung

zu machen. Fritz läßt es geschehen. Der Schritt des Vaters, seine

Art, die Türen zu öffnen und zu schließen, seine Bewegungen in dem

kleinen Zimmer, alles schnell, laut, energisch, selbstsicher: ich bin

der Herr! -- Fritz läßt es geschehen. Und wenn der Vater draußen ist,

legt er langsam die Bleistifte wieder zurecht, die Federhalter und

das andere. Aber er zittert in glühendem Haß. Oh, wie er den Vater

haßt! Einmal hört er ihn im Vorflur stolpern. Und bei dem Gedanken, er

könnte hingefallen sein und sich weh getan haben, faßt den Jungen wilde

Freude, er reibt sich die Hände, schwenkt die Arme, strampelt mit den

Beinen, in lautlosem, wildem Jubel.

Kurze Zeit darauf kommt eine kleine Wandermenagerie in die Stadt. Ein

runzliger Elefant, ein alter Löwe, ein Tiger, eine Boa -- alle halbtot

vor Hunger und durch das ständige Reisen zum Stückgut entwürdigt. Nur

einer zeigt Leben, unheimlich gespenstisch: ein Wolf. Der rast hinter

den dicken, rostigen Eisenstäben auf und ab. Der Käfig ist so eng, daß

die Bewegung des Tieres zum ewigen Wenden wird, links, rechts, links,

rechts. Die Augen, der triefende Fang glühen Blutdurst, Sehnsucht nach

Weite, nach Gewalttat, nach Fleisch. „Hier, der russische Steppenwolf,

der Schrecken des Landmanns, der größte Feind der Schafherden,“ erklärt

der Besitzer. „Wenn man dieses Tier gefangen hält, dann rennt es

hinter den Gitterstäben immer auf und ab, bis es von ihrem Flimmern

erblindet. Auch dieser Wolf ist blind -- aber er ist noch sehr böse!“

Und der buntgekleidete Mann fährt mit einer Eisenstange klirrend über

das Gitter. Da heult der Wolf schaurig auf, springt an den Wänden hoch,

beißt wütend in das Eisenwerk, das ihn von der Freiheit trennt. Doch

das hält gut.

Fritz steht dabei, und Haß und Tränen würgen ihn zum Ersticken. „Das

bist du,“ kocht es in ihm. „Ein gefangener Wolf, geblendet, der ins

Gitter beißt!“ Gretl, neben ihm, legt unvermittelt die Hand auf seinen

Arm: „Ich möchte fort,“ sagt sie. „Das ist so traurig hier!“

Und sie gehen. Draußen liegt die Vorstadtwiese in grellem Abendschein.

Die Luft ist weich, in dem zertrampelten Rasen regt sich da und dort

ein elender grüner Halm; es riecht stark aus allen Pfützen: das ist

Frühling! Fritz wirft in jäher Bitterkeit beide Arme hoch und spuckt

wütend aus. Und die Schwester geht stumm und blaß neben ihm.

Nach einer Weile fängt der Bruder an: „Wenn ich wenigstens eine Liebe

hätte, so eine richtige Studentenliebe, der man Blumen schenkt, und

Gedichte macht, und überhaupt ... Alle meine Schulkameraden haben so

wen gehabt, nur ich nicht! -- ich hab’ mir schon gedacht: sie dürfte

nicht zu weit von uns wohnen, weil ich doch oft schlecht weg kann,

und von zu Hause müßte sie ziemliche Freiheit haben, damit sie mit mir

spazieren gehen kann, weißt du?“ -- „Ja,“ sagt Gretl verlegen, „da

wäre die Else Kalisch, die geht doch immer mit Studenten.“ -- „Kennst

du sie?“ fragt der Bruder. Doch sie wehrt hastig ab: „Nein, nein, nur

vom Sehen. Aber sie wird doch immer beim Lyzeum erwartet!“ „Ach so,

sie hat schon einen,“ meint Fritz enttäuscht. -- „Es ist doch beinah

jedesmal ein anderer,“ belehrt ihn die Schwester, „sie hat viele

Bekanntschaften, allerdings!“ -- „Ach Gott, so eine!“ murrt Fritz. --

„Aber sie wohnt keine hundert Schritt von uns, in der Seilergasse,“

gibt Gretl zu bedenken. -- „Ist das am Ende die jüngste Tochter von dem

Finanzrat, die blonde?“ fragt Fritz. Gretl nickt. „Aber wie soll ich

die kennen lernen? Kann ich sie denn einfach so ansprechen?“ -- „Ich

glaube schon,“ sagt Gretl. -- „Aber wenn sie mir einen Korb gibt?“ --

„Das tut sie nicht!“ sagt Gretl. Und ein Unterton in ihrer Stimme läßt

den Bruder auffahren. „Mein Gott, alle können nicht so fein erzogen

sein wie wir!“ sagt er bissig. „So ein guter Vater, wie unser Vater!

Alle Hochachtung!“ -- Da wird Gretl rot vor Eifer: „Sprich nicht so!“

bittet sie. „Er meint es gut, glaub’ mir! Aber ihr versteht euch nicht,

das ist der Jammer! Das quält mich so ...“ Und sie schluchzt kurz auf.

Der Bruder lacht höhnisch, aber er sagt nichts. Und im Weitergehen

drückt ihm Gretl scheu und flüchtig die Hand.

Wenige Tage später macht Fritz die Bekanntschaft der blonden Else,

indem er ihr, nach alter Sitte, erst eine halbe Stunde „nachsteigt“,

wobei das erkorene Opfer mehrfach überholt, umkreist und angelächelt

wird, und sich endlich in einem stillen Winkel der Anlagen

„anschmeißt“. Es enttäuschte ihn, zu seiner eigenen Verwunderung, daß

alles so glatt ging. Was waren das für Mädel, die sich so einfach

ansprechen und begleiten ließen? Er dachte an Gretl, und Verachtung

für diese Fremde wollte sich regen. Aber der einmal gefaßte Entschluß

erlaubte kein Zurück: Hier war die Gelegenheit zu einer Studentenliebe,

und sie mußte ausgenützt werden. Seine Eitelkeit wehrte sich zwar:

Was war das schon für ein „Erfolg“, den er mit fünf, zehn oder noch

mehr andern teilte? Und wie trostlos alltäglich war das alles, seine

hergebrachten Komplimente, ihre Geziertheit, die leeren Reden hin und

her. Doch er zwang diese inneren Einwände hartnäckig zum Schweigen. Er

+wollte+ lieben; und es gelang ihm bald. Sein Verhältnis zu Minna, der

Nachfolgerin Bettys, hatte sich sehr rasch hemmungsloser gestaltet,

als ihm lieb war. Das Mädel tat ja, als hätte sie körperliche

Ansprüche an ihn zu stellen! Nun, da er die Liebe zu der blonden Else,

der Unberührbaren, in sich groß zog und hütete, bot sich ihm ein

willkommener Vorwand, Minna fernzuhalten. Der Gedanke an Untreue kam

ihm nicht. Was hatten die auch miteinander zu tun, ein Mädel an dem

man gedankenlos seine Herrenlust kühlte, und eine Jungfrau, die man

anbetete? --

Nun liegen die Felder in jungem Grün, das Wetter ist mild und Fritz

kann sich ohne große Schwierigkeit zu täglichen Spaziergängen von

Hause entfernen. Meist trifft er sich mit seiner Erwählten auf

einsamen Feldwegen an der Stadtgrenze; dann gehen sie langsam

nebeneinander hin und er versichert in gewählten Worten, wie sehr und

ausschließlich der Gedanke an ihren blonden Liebreiz seine einsamen

Stunden fülle. Sie hört ihn sittig an, weiß im rechten Augenblick

schämig zu erröten, hat aber manchmal auch eine Art, ihn hastig von

unten her anzublitzen, die ihm unbehaglich ist. Verdammt, das ist

ja genau so wie Betty oder Minna ... Doch entsetzt weist er den

lästerlichen Gedanken alsbald von sich. --

Elsa schwärmt für die Natur und wird nicht müde, mancherlei Schönheiten

mit frohen Ausrufen zu begrüßen. Ein bunter Sonnenuntergang,

ungewöhnliche Wolkenbildungen, doch auch ein blühender Obstbaum oder

ein schillernder Käfer veranlassen sie oft, unvermittelt stehen zu

bleiben: „Sehen Sie nur, wie schön!“ sagt sie dann wohl. Und fügt

andächtig hinzu: „Ja, die Natur!“ Fritz vermag ihr dabei nicht zu

folgen. Der Begriff „Naturgenuß“ fehlt ihm völlig. Wohl kennt er

das tierische Behagen, sich oben in Weißwasser im reifen Sommer in

einem Waldwinkel zu dehnen und sich mit den grüngoldenen Fichten,

dem weichen Moos eins zu fühlen. Doch auch da verläßt ihn nur in

seltenen Augenblicken das Gefühl, er sei in fremdem Hause zu Gast. Von

der Feldebene hier unten trennen ihn quälende Schranken; und Elsas

selbstherrliche Art, die Vorgänge in der Natur wie ein bezahltes

Schauspiel mit gelegentlichem gnädigem Beifall zu begleiten, weckt

unbestimmten Ärger in ihm.

Einmal gibt es darüber eine kleine Auseinandersetzung. Fritz hat

den Hinweis auf eine zartrosa Wolkengruppe mit mürrischem Schweigen

beantwortet. Da sagt Elsa spitz: „Sie sind sicher kein guter Mensch --

Sie haben gar nichts für die Natur übrig!“ --

Und Fritz gibt bockig zurück: „Erstens habe ich gar keinen Ehrgeiz, ein

guter Mensch zu sein; so glänzend geht mir’s schon nicht. Und dann:

wird die Wolke vielleicht schöner, wenn ich mich davor stelle und ‚Ach’

und ‚Oh’ rufe? Über so was kann man doch nicht +reden+!“ -- „Sie sind

aber doch sonst nicht auf den Mund gefallen!“ spöttelt Elsa. Und er

haßt sie plötzlich. Sie scheiden verstimmt. Zu Hause fällt er trotzig

über Minna her und übermannt sie. Doch nachher plagen ihn Ekel und

Selbstverachtung. Ist er so grenzenlos verdorben, daß keine reine Liebe

mehr in ihm wurzeln, ihn vor schmutziger Fleischlust bewahren kann?

Warum ist Elsa ihm so fremd, so fern? Nun kennt er sie schon fast ein

Vierteljahr, sieht sie täglich -- und immer noch dies kalte „Sie“ und

„Fräulein Elsa“ -- und ein Handkuß dann und wann, als einzig gestattete

Liebkosung! Wenn sie sich küssen ließe, das müßte ihm helfen! Aber ein

Kuß? -- Und er denkt an Gretl. Doch Gretl würde sich ja auch nicht

auf der Straße ansprechen oder begleiten lassen ... Und als er fühlt,

daß Elsa bei dem Vergleich schlecht wegkommt, beschließt er heftig,

an Gretl dabei gar nicht weiter zu denken. Es konnte ganz gut sehr

anständige Mädel geben, die sich auch einmal küssen ließen, wenn sie

einen sehr lieb hatten. Und Gretl hatte gar nichts dabei zu tun.

Für den nächsten Spaziergang wählt er einen Weg, der einsam und in

vielen heimlichen Windungen zwischen hohen Hecken hinführt. Elsa

ist von gestern her noch leicht verletzt und gibt sich hoheitsvoll

unnahbar. Er braucht lange, um zu seiner Bitte Mut zu fassen. Dann

beginnt er leise: „Ich habe eine große Bitte, Fräulein Elsa!“ und

bricht ab. Sie blitzt ihn aus den Augenwinkeln an, es sieht fast wie

Spott aus. Seine Augen bitten beredt weiter, er faßt schüchtern nach

ihrer Hand. Doch das Mädchen wehrt ihm ab: „Ich kann mir schon denken,

was Sie wollen! -- Ihr Männer seid alle gleich, -- Liebe, Zutrauen,

genügen euch nicht -- ihr müßt mehr haben -- +das+! Schämen Sie

sich!“ Fritz ist sprachlos verwirrt: Ist es möglich, daß die Bitte um

einen Kuß solcher Empörung begegnet? Und er fühlt, wie ihm das Weinen

schmerzhaft in die Kehle steigt. Wütend strafft er das Gesicht, um das

Zucken der Mundwinkel zu verbergen und stolpert trostlos neben dem

Mädchen her. Da trifft ihn wieder, kurz und spöttisch, ein blitzender

Seitenblick, und sein Mißtrauen will jäh aufspringen. Doch er zwingt

es nieder, und sagt, nach langer Pause, sehr demütig: „Ist das etwas

so Schmähliches -- ein Kuß?“ Elsa dreht den Kopf weg, aber er sieht

sie lächeln. Lebensfreude kehrt ihm zurück, er beugt sich, küßt

den kindlichen Mund. Da beißt sie ihm scharf in die Lippe, daß er

erschreckt zurückfährt -- was war das? -- Elsa sieht ihm gerade in die

Augen und sagt: „Held!“ Nichts weiter. Er begleitet sie stumm nach

Hause. Kaum ist er allein, meldet sich Siegergefühl. Doch Mißtrauen

streitet heftig dagegen an, er muß sich mit Gewalt zwingen, den

Vergleich mit Gretl auszuschalten: „Ihr Männer ...“ Könnte Gretl jemals

so sprechen? -- Doch endlich behauptet sich frohlockende Siegerfreude.

Am nächsten Tage bringt er Krachmandeln mit, schlägt vor, Vielliebchen

zu essen, auf Dusagen. Und sein Stolz auf die kühne Erfindung fühlt

sich leicht verletzt durch den allzu geringen Widerstand. Immerhin:

„Du, Elsa, gib mir noch einen Kuß!“ Wie das klingt! Und er bekommt den

Kuß, noch einen, kann sich ohne Bitten noch viele nehmen -- das ist

Liebe!

Dann zieht Elsa den linken Handschuh aus, zeigt ihm, in den Handballen

blutig eingeschnitten ~F~. „Das heißt Fritz“ sagt sie und sieht

ihn fest an. „Das hab’ ich mir selber eingeschnitten, mit dem

Taschenmesser!“ Er ist überwältigt. +So+ wird er geliebt! „Schneidest

du dir ein ~E~?“ fragt sie lockend. -- „Nein!“ sagt er überrascht. Doch

als er sieht, daß die kurze Ablehnung sie verstimmt, fügt er schnell

hinzu: „Schneid’ du mich, daß ich eine Narbe behalte! Zum Andenken!“

Sie drückt ihm wortlos die kleine Klinge in den Handrücken und zieht

sie langsam durch, daß aus einem tiefen Schnitt reichlich Blut quillt.

„Laß mich kosten,“ flüstert sie, beugt sich über seine Hand und er

fühlt ihre scharfen Zähne. Er beginnt zu zittern vor Verlegenheit,

reißt seine Hand zurück und umwickelt sie dick mit dem Taschentuch.

Sie gehen stumm weiter, bis zu einer abgelegenen Feldscheuer. Da sagt

Elsa: „Ich bin müde.“ Er, noch halb in Gedanken verloren, wirft seinen

Mantel auf den Wegrand und ladet sie zum Niedersitzen ein. „Nein,

nicht hier!“ sagt sie. „Gehn wir in die Scheune!“ Und während er sie

verblüfft anstarrt, kommt unverhüllt der Ausdruck in ihr Gesicht,

den er bisher in kurzen Augenblicken erspäht hat und nie wahr haben

wollte: ein Blitzen in den Augen, die Lippen, dunkelrot, öffnen sich

halb -- das ist Betty, Minna, das ist der Schmutz! Seine Liebe ist

verflogen. Was, Jungfrau, unberührbare! Wütende Enttäuschung und,

stärker noch, Angst befallen ihn, Angst davor, mit diesem begehrlichen

Weib allein zu sein in geschlossenem Raum. Blitzschnell jagt seine

Erinnerung vergangene Eindrücke vorbei. Sein Mißtrauen, überwach nun

und ungezügelt, zieht grausam die Summe: die leichte Bekanntschaft,

die Bereitwilligkeit zu einsamen Gängen; die Empörung damals, als er

um den Kuß bitten wollte -- wie falsch und hohl, wohl nur gespielt, um

ihn herauszufordern! Anbeten -- die? -- Bleich vor Verachtung macht er

seine gezierteste Tanzstundenverbeugung und fragt: „Darf ich Sie nach

Hause begleiten?“ -- Da läuft sie wütend davon. Er fühlt sich in seinem

Heiligsten verraten, weidet sich wollüstig an bitterem Weltschmerz.

Auch Stolz meldet sich, daß er der Versuchung nicht erlegen ist. Die

Angst ist vergessen. Keine leiseste Regung mahnt ihn, es könnte ein

schönes und heiliges Feuer sein, das zwei junge Körper ineinander

schmilzt. Ihm selber unbewußt sind seiner Seele wohl eingebrannt die

Striemen jener Züchtigung, die ihn zum Glauben an den Storch zwingen

wollte, und geifernde Pfaffenworte springen ihm durchs Hirn, von

fleischlicher Vermischung und Unkeuschheit.

Wo bist du, sonniges Hellas!

42

Kurz darauf reist die Mutter mit Fritz und Gretl nach Weißwasser.

Klarer Bergsommer, der Wäldern und Bächen nichts von ihrer Frische

nimmt, sie nur segnend durchwärmt. Jede Stunde hat ihr Gesicht, ihren

Geruch. Fritz kennt sie alle. Frühmorgens herrschen die Fichten,

stehen taubeperlt nach kalter Nacht und füllen die sonnendunstige Luft

mit ihrem herben Atem. Am hohen Mittag duften die Walderdbeeren und

das Harz am stärksten; die Kreuzotter sonnt sich träge; Kuckucksruf

und Taubengurren. Sinkt aber früh am Nachmittag die Sonne hinter den

hohen Berg, -- tief unten das Tal liegt noch in ihrem Schein -- da

rieseln die Quellen lauter, die Moospolster senden leise Nebel aus, die

sich ziehend mit dem Holzrauch und dem süßlichen Stallgeruch aus den

Dorfhäusern mengen.

Fritz geht mit der Schwester durch den Wald, und aus tausend

Erinnerungen weht Kindheit und Heimatsgefühl: hier stand die

Zwergenhütte, und das hier war Falkos Stall -- weißt du noch? In beiden

erwacht die Lust, alles Wissen abzutun, wieder gläubig zu spielen.

Doch scheue Verlegenheit hält sie ab. Sie sind erwachsen! --

Wieder empfindet Fritz quälend den Abschnitt in seinem Leben. Vorbei

die Kindheit -- und war so kurz, kaum gelebt. Vorbei das unbefangene

Hinnehmen; nun steht das Leben da und fordert ein Tun, ein Wollen

zumindest. „Was bin ich und was soll ich?“ Die alte Frage hat plötzlich

schreckhaft neuen Sinn. Die Bäume rauschen Antwort. Doch der Junge

versteht ihre Sprache nicht.

43

Immer häufiger beginnt der Vater von seinem nahen Ende zu sprechen.

Zwar ist er unverändert rüstig, und dem straffen, aufrechten Körper

merkt niemand die vollen siebzig Jahre an. Noch waidwerkt er ungehemmt

auf den Brunfthirsch in steilen Waldbergen, keine Frühpirsch, kein

Nachtansitz, keine winterliche Treibjagd wird ihm zu sauer. Vielleicht

ist es nur eine Redensart, um von den Zuhörern immer wieder die

Versicherung zu erhalten, wie so gar kein Anlaß zu solcher Befürchtung

gegeben sei. Eine späte Koketterie also, wie sie manchen rüstigen Greis

befällt? Oder fühlt er innerlich, daß die Welt schneller zu laufen

beginnt, zu schnell, als daß er lange noch mit ihr Schritt halten

könnte? --

Nun hat die Stadt endlich ein Kraftwerk gebaut, und es gehört zum

guten Ton, elektrisches Licht zu brennen. Die Einrichtung ist nicht

länger mehr zu umgehen. Beim Abendessen kommt einmal das Gespräch

darauf. Da sagt der Vater, leise und seltsam müde: „Mein Vater, mein

Groß- und Urgroßvater haben Öllampen und Kienspan gebrannt, und an

Festtagen Wachskerzen. Und mein Vater hatte noch mit neunzig Jahren

Augen wie ein Luchs. Aber jetzt? In den letzten zehn Jahren haben wir

viermal die Beleuchtung gewechselt -- erst die neuen Petroleumlampen

mit Rundbrenner, dann das offene Gaslicht, dann Auerlicht, jetzt soll

Elektrisches kommen, und morgen vielleicht schon wieder was Neues! Man

kommt gar nicht mehr zur Ruhe -- die Welt ist verrückt!“ Fritz hat ein

unbestimmtes Siegergefühl und beginnt unvermittelt seine Kenntnisse

über die neue Erfindung auszukramen: „Die Glühbirne muß luftleer sein,

sonst würde der Kohlenfaden verbrennen. Und gegen den Kurzschluß gibt

es Sicherungen, das sind ganz dünne Silberdrähte, die in den Stromkreis

eingeschaltet werden ...“ Da weist ihn der Vater heftig zur Ruhe: „Halt

den Mund und warte, bis du gefragt wirst!“ Und Fritz verstummt, aber er

schießt der Schwester einen Triumphblick zu. Und in ihm jubelt es: „Er

kann nicht mehr mit -- er kann nicht mehr mit!“

Schließlich werden die elektrischen Leitungen gezogen, aber der Vater

weigert sich hartnäckig, in den Schlafzimmern Bettlampen anbringen zu

lassen. Der Schalter kommt an die Eingangstür, in die Mitte des Zimmers

eine Deckenlampe. Auf den Nachttischen werden nach wie vor Kerzen

gebrannt. „Das Gas konnte man ja auch nicht vom Bett aus anzünden oder

löschen,“ sagt der Vater. Fritz aber meint spöttisch zur Schwester:

„Der glaubt, er hält die Zeit auf, wenn er sich’s ja recht unbequem

macht! -- Ist ja lächerlich!“ --

Und da ist das Telephon, das endlich auch seinen Einzug erzwungen

hat. Mein Gott, da hängt nun so ein dunkelpolierter Holzkasten an

der Wand, der mit Drahtwerk, Hartgummi- und Nickelteilen geradezu

medizinisch anmutet. Das schrille Läutwerk bringt jedesmal das Haus

in Aufruhr. Der Vater geht an den Apparat, hebt den Hörer ab, ruft

„Halloh“ in die Sprechmuschel, alles mit gemessener, wenn auch etwas

krampfhafter Würde. Dabei läßt er kein Auge von der breitgedruckten

Gebrauchsanweisung, die daneben an der Wand hängt. Und nachher versäumt

er es nie, den Inhalt des Gesprächs der aufhorchenden Gattin kurz

zu wiederholen. „Der Direktor Keil bittet, ich soll gegen fünf Uhr

nachmittags hinkommen, und ich habe ihm geantwortet ...“ -- „Wie Moses

nach der Rückkehr vom Berge Sinai, als er mit Gott geplaudert hatte,“

sagt Fritz zur Schwester. Ihm ist übrigens die Benützung des Telephons

verboten. „Das ist ein sehr kostspieliger und komplizierter Apparat,

den ich beruflich brauche, aber kein Spielzeug für die Kinder!“ So

sagt der Vater. Und Fritz trägt, wie gewöhnlich, seinen Ärger zu

Gretl: „Wenn er telephoniert, dann spricht er selbst und hört den

anderen sprechen -- aber deswegen glaubt er doch nicht, daß es so was

überhaupt gibt! Ich bin überzeugt, er hat im Grunde Angst! Und wenn

er telephonisch wohin gerufen wird, dann geht er zwar, aber bis zum

letzten Augenblick ist er nicht sicher, ob es nicht nur ein dummer Witz

war! Und deswegen darf ich nicht telephonieren, weil ich mich eben

auskenne! Eifersucht, nichts weiter!“ Gretl lächelt gequält und sagt:

„Laß ihn, du änderst ihn nicht mehr! Er ist alt!“

* * * * *

Es geht dem Herbst zu, und noch ist über Fritzens nächste Zukunft

nicht entschieden. Gegen die Rückkehr an die Universität, in die

Großstadt, sprechen gewichtige gesundheitliche Gründe: „Jetzt hat man

den Buben ein Jahr lang mühsam herausgefüttert,“ sagt der Vater, „und

in der staubigen Großstadt geht der Tanz nach ein paar Wochen wieder

los! Dazu habe ich wenig Lust! -- Und überhaupt die Universität! Bei

deiner notorischen Faulheit brauchst du sicher fünf, sechs Jahre bis

zum Doktor, und selbst dann kannst du dich noch lange nicht selbst

erhalten. Und wenn ich heute oder morgen einmal nicht mehr da bin,

dann möchte ich nicht, daß du etwa Jahrzehnte lang der armen Mama

auf der Tasche liegst! -- Es gibt ja auch praktische Berufe, in

denen man viel schneller zum Verdienen kommt! Was sagst du dazu?“ --

Und Fritz schweigt, hauptsächlich, weil er weiß, daß er den Vater

damit ärgern kann. Teils aber auch aus wirklicher Ratlosigkeit. Das

freie Studentenleben schreckt ihn nach den ersten Erfahrungen mehr,

als es ihn reizt. Und wirklich studieren, die elende Schulpaukerei

gleich wieder fortsetzen? -- Aber ein praktischer Beruf? Schlosser

vielleicht? -- Der Vater hat wohl schon einen festen Plan, und will

jetzt nur sein Einverständnis erlisten, um später einmal sagen zu

können: „Du hast’s ja selbst gewollt -- man hat dir ja die Wahl

gelassen!“ -- Wie kläglich war das! Früher einmal, da hieß es: Biegen

oder brechen! Der Vater befahl, und die „Kinder“ hatten zu gehorchen.

Kein schöner Zustand, bei Gott, aber einfach und klar. Jetzt aber, die

Jesuitenkünste! Dem alten Löwen wackelten die Zähne!

Und Fritz schweigt, der Vater aber wird pünktlich böse: „Da hat man’s

ja, da steht der ellenlange Kerl wie ein Stück Holz, und sagt nicht ~A~

noch ~B~! -- Aber ich werde mich nicht mit dir herumärgern und mir die

Lunge aus dem Leib reden! -- Du gehst heute nachmittag zum Herrn Rat,

der wird dich vielleicht eher zum Sprechen bringen!“

Junge Triebe: Roman · 第 8 / 18 段