Am nächsten Abend fuhr der Vater mit Felix zurück. Fritz hatte sie

zum Zuge begleitet und stand benommen auf dem weiten Bahnhofsplatz.

Das war nun die Freiheit! -- Das Gewirr der Straßenbahnen, die mit

bunten Glotzaugen aus dem Abenddunst auftauchten, kreischend durch die

Kurven bogen und mit singenden Motoren hielten und wieder anfuhren;

die Quecksilberlampen, die grelle Leichenfarbe über die Gesichter

gossen; Lichtreklamen auf den Dächern, und der eigene, herbe Geruch

in der Luft, dieser Großstadtgeruch, der ihm nach tagelangem Einatmen

immer noch beizend neu war, aus Teer- und Asphaltqualm, Pferdeurin und

Kohlenrauch gemischt. -- Das zerrte und rüttelte an seinen überwachen

Sinnen. Und einen Augenblick lang tauchte vor seinen Augen das

Eßzimmer zu Hause auf, mit der großen Lampe und dem dunklen Scheitel

der Schwester im Lichtkreis -- dann zwang er die weiche Regung wütend

nieder: was Teufel, Heimweh! Weil er’s schon gar so gut gehabt hatte!

Und er rief die Erinnerung an alle Bitternisse seiner Jugendjahre

wach, eingebildete und wirkliche, biß trotzig die Zähne aufeinander

und stürzte sich in das Gewühl vor ihm, um den weiten Weg zu seinem

Quartier zu Fuß zurückzulegen. Vielleicht ließen sich gleich ein paar

kleine Abenteuer mitnehmen? -- Bald lag der weite Platz hinter ihm, er

kam durch stille Nebengassen, an Haustüren vorbei, aus denen süßlicher

Frauendunst schlug, an dicht verhängten Fenstern, hinter denen

Grauenhaftes vorgehen mochte. In jedem kleinen Kaffeehaus witterte er

eines der Nachtlokale, die ihm als der Höhepunkt des Lebensgenusses

vorschwebten. Es mochten harmlos biedere, kleine Spießerbuden sein --

aber seine wilde Phantasie bildete sie um zu Stätten der Unzucht und

unerhörter Ausschweifung. Es trieb ihn, einzutreten, einen Geldschein

auf den Tisch zu werfen, herrisch nach Wein und Weibern zu rufen

-- doch ging er immer weiter. Wütend stellte er sich vor, daß es

nun keinen Rektor mehr zu fürchten gab, keinen Krach zu Hause -- er

war frei, frei, zum Henker! -- Sein ängstlich klopfendes Herz war

anderer Meinung und drängte ihn immer wieder vorbei. Es wurde spät.

Die Dienstmädchen, die Hunde an die Luft geführt hatten, verschwanden

von der Straße. Die Haustüren wurden geschlossen. Nun begann wohl

das Nachtleben, und was sich jetzt noch unterwegs zeigte, das waren

sicherlich Dirnen, Lebemänner wie er und Zuhälter. Nun, mochte ihn nur

eine ansprechen, er war gewappnet. „Wieviel verlangst du denn? Mehr als

zwei Mark zahle ich nicht!“ Ach ja, man war nicht durchaus Provinzler,

wenn man auch aus der Kleinstadt kam ...

Als er aber an einer Straßenecke an einer Gruppe von drei dicken Frauen

vorbeikam, die ihm liebreich und eindringlich den Weg zu verstellen

trachteten und ihn mit halb geflüsterten Einladungen überschütteten

-- da verflog die eingebildete Sicherheit im Nu, er bog rasch ab und

begann zu rennen. Und plötzlich ertappte er sich dabei, wie er mit

wütenden Fausthieben sich die Schenkel spornte und anfeuernd „Falko,

Falko!“ keuchte. An der nächsten Hauptstraße erst machte er halt.

Das Blut wallte ihm stoßweise in Augen und Ohren. Schwindel und die

jähe Müdigkeit, die ihn nun so oft befiel, zwangen ihn, sich an eine

Hausmauer zu lehnen. Endlich winkte er, um seinen ersten Abend nicht

allzu kläglich verloren geben zu müssen, einen Mietswagen herbei,

fuhr an seinem Wohnhause, das ihm zu ärmlich schien, vorbei bis zu

einem Prunkbau, der wenige Schritte weiter stand. Dort stieg er ab und

gab angemessenes Trinkgeld, daß ihn der Kutscher auf Portokassenraub

einschätzte. Dann drückte er sich in den Torbogen, um den Wagen

wegfahren zu lassen, bemerkte zu spät, daß der Prunkbau eine Bank und

sein harmloser Betrug also mißglückt war, und kam endlich erschöpft in

seinem Kämmerchen an.

Am nächsten Morgen erwachte er mit einem eindringlich faden Geschmack

im Munde. Beim Zähneputzen bemerkte er Blutspuren und schrieb sie

der scharfen Bürste zu. Als die Erscheinungen aber die nächsten Tage

hindurch wachsend anhielten, zugleich mit Schwindel, Atemnot und der

toten Müdigkeit, die ihn nun selten verließ, da entschloß er sich,

einen Arzt aufzusuchen. Er geriet an einen Spezialisten für Nase,

Ohren und Kehlkopf, der sich von der Behandlung des schmächtigen

Studentleins wohl keinen sonderlichen Gewinn versprach, ihm also nur

flüchtig und obenhin Hals und Rachen abspiegelte und ihn mit wenigen

flüchtigen Worten als gesund entließ. Fritz glaubte ihm gerne und

nahm sich fest vor, nun, da auch dies letzte Bedenken, Krankheit,

zerstreut war, unverweilt die Genüsse des Nachtlebens auszukosten. Er

wagte es sich nicht einzugestehen, daß weit weniger Sorge wegen seines

Unwohlseins als allgemeine Schüchternheit der Grund seiner bisherigen

Zurückhaltung gewesen war. Der Zufall führte ihn einer Rotte von

Landsleuten in den Weg, die ein Jahr vor ihm abituriert hatten, und

nun vor dem jungen Finken großspurig die Weltstädter mimten. Es wurde

ein rauschendes Fest, zunächst in einem Winkelcafé, bei reichlichen

Schnäpsen, stundenlanges Billard- und Kartenspiel, wobei Fritz übel

Geld zusetzte. Dann, in einem Vorstadtgasthause, ein Abendessen mit

Bier und Wein. Nach mancherlei Bierspielen, wobei immer neue Runden

ausgelost wurden, kamen tobende Chorgesänge und endlich führte der und

jener Kraftstücklein vor. Auch Fritz versuchte sich darin, hob einen

der klobigen Sessel an einem Bein vom Boden auf, hob und senkte ihn

mit gestrecktem Arm. Plötzlich war es ihm, als ob tief in seiner Brust

etwas risse und zugleich fühlte er es warm im Halse aufsteigen. Sein

erster Gedanke war Übelkeit -- der viele Alkohol. Doch da war wieder

der eindringliche, fade Geschmack, stärker als je zuvor, die Mundhöhle

lief voll, das Atmen wurde ihm schwer -- und im nächsten Augenblick

drang ihm Blut, schaumig und hell, aus Mund und Nase. Die Zechbrüder,

jäh ernüchtert, machten Miene aufzubrechen. Nur der Seßhafteste,

schweren Rausch im Nacken, dröhnte in die Stille: „Was denn -- das

bissel Nasenbluten -- da graust’s euch schon? Was wollt ihr dann bei

schweren Säbeln machen, wenn der ganze Kerl rot ist, daß man das

Paukhemd nicht mehr sieht? -- Jetzt wegrennen, lächerlich! Jetzt wird’s

erst lustig! -- Da, sauf eins, das hilft!“ Das galt Fritz. Doch der saß

halb betäubt da und stierte auf das blutgetränkte Taschentuch, das auf

die haltende Hand rot abfärbte. Er fühlte weder Angst noch Schmerz, nur

ein dumpfes Staunen -- warum das, warum gerade ihm, der sich so rasend

nach Freiheit gesehnt, sie sich in langen Jahren strengster Zucht

weiß Gott verdient hatte? -- Endlich rief er den Kellner. Die anderen

bürdeten ihm, wiehernd über den guten Witz, dreiviertel der Zeche auf,

daß der Rest seiner Barschaft drauf ging. Sein Aufbruch weckte eine

Flut von derben Späßen, Anspielungen auf seine unmännliche Weichheit.

Keiner dachte daran, ihn zu begleiten, als er unsicher und langsam

hinausschlich.

Draußen auf der Straße überfiel ihn, ungewohnt wie immer, der beizende

Stadtgeruch. Seine überreizten Nerven witterten Drohung und Verachtung

aus dem fremden Dunst. Da lag die große Stadt mit ihren Lüsten und

Freuden, schickte höhnisch ihren Hauch bis zu ihm, der müde und einsam

an ihrem Rande hinschlich, von ihrem Leben ausgeschlossen.

Als er am nächsten Morgen nach wüsten Träumen spät erwachte, überfiel

ihn schreckhaft die Erinnerung an die nächtlichen Erlebnisse. Sein

Lebensgefühl bäumte sich wütend auf -- es durfte, durfte nicht sein,

daß eine Knochenhand ihm nun das Glas vom Munde schlug, kaum daß er

an seinem Rand genippt hatte. Da draußen lärmte und rief das Leben,

die Freude, und er versäumte in der engen, sonnenlosen Kammer kostbare

Zeit? Er sprang aus dem Bett, und schickte sich an, den Tag unbekümmert

zu beginnen. Doch ein neuer Anfall, stärker, anhaltender als der erste,

warf ihn alsbald röchelnd auf die Knie. Blutbesudelt schleppte er sich

endlich zum Bett zurück. In seinem Hirn glitten, wie hinter grauen

Schleiern, matte Gedanken -- frei sein, jedes Zwanges ledig -- doch

sie hatten ihre wilde Triebkraft eingebüßt, konnten die starre Ruhe

nicht brechen, die über ihn gekommen war. Er lag still. So fand ihn die

Kostfrau, die das Kaffeebrett brachte. Sie hielt die dunklen Flecke auf

Diele, Möbeln und Bett wohl für Rotwein und wollte heftig ausbrechen.

Doch die totbleiche Ruhe des jungen Menschen, der dort schweratmend

lag, nahmen ihr rasch den Irrtum: ein Kranker, Sterbender wohl gar --

Rettungsgesellschaft, Spital. Dies ihre nächste Regung. Dann erinnerte

sie sich an den Vater des Jungen, dessen Erscheinung von Würde und

behäbigem Wohlstand gesprochen und ihr so ausgezeichnet gefallen hatte,

überschlug blitzrasch das nette Sümmchen, das bei häuslicher Pflege zu

verdienen sein müßte, und beschloß endlich, einmal eine Ausnahme zu

machen und ihr gutes Herz frei walten zu lassen.

Als Fritz aus seinem dumpfen Halbschlaf erwachte, fand er sich sauber

gebettet, einen Eisbeutel auf der rechten Brust, einen auf dem Kopf.

In der Zimmerecke stand die Kostfrau und schien lebhaft gerührt. Am

Fußende seines Bettes aber saß ein fremder, bärtiger Mann, hielt

sein Handgelenk prüfend in weichen, feuchten Fingern und begann ihm,

als er die Augen aufschlug, tröstlich zuzureden: „Ja, ja, Sohnerl,

es geht uns nicht recht gut -- ein bissel rasch gewachsen sind wir,

hoch aufgeschossen, nicht wahr, und für die rechte Breite hat’s nicht

gereicht. Na, das werden wir schon kriegen, -- nur schön ruhig liegen

bleiben, ganz, ganz ruhig, damit die Blutung nicht wiederkommt! -- Da

hab’ ich ein paar Pulver aufgeschrieben, die nehmen Sie schön brav

-- die Frau Specht weiß Bescheid. Gegen Abend schau’ ich wieder her!

Und nicht traurig sein, Sohnerl, ja nicht sich aufregen -- es wird

hoffentlich alles wieder gut!“ Fritz wurde weinerlich zumute beim Klang

der tiefen, leisen Stimme. Doppelt stark empfand er das namenlose

Unrecht, das ihm mit dieser Krankheit widerfuhr, fühlte brennendes

Mitleid mit sich selbst. Dabei wehrte sich etwas in ihm gegen die

weiche Art des fremden Arztes, gegen die rührselige Geschäftigkeit

der Kostfrau. Er suchte sich vorzustellen, was wohl der Vater gesagt

haben würde: „Du bist doch ein heilloser Schafskopf, legt sich

hin und spuckt Blut!“ Und zum ersten Male wurde ihm klar, wieviel

Aufmunterung und Ansporn doch in dieser scheinbaren Härte gelegen,

und wie unbedingt geborgen er sich immer dabei gefühlt hatte. Für

Trost und Mitleid waren ja die Mutter da und Gretl. Gretl! Da kamen

wieder die verfluchten Tränen. -- Als aber die Kostfrau, die vor Stolz

auf den eigenen Opfermut jede Selbstbeherrschung verloren hatte,

rührselige Mutterlaute von sich gab, um das wilde Heimweh des armen,

armen jungen Menschen zu bannen, da bellte er sie böse an: „Was? Wer

weint? Ich? Ein’ Dreck! -- geben Sie mir frisches Eis!“ So daß die gute

Frau Specht, schmerzlich berührt von so viel Undank, eine wesentliche

Erhöhung der Pflegekosten beschloß.

Der Gedanke übrigens kam ihm nicht, daß diese Krankheit sein Tod sein

könnte. Keinen Augenblick schwankte die feste Überzeugung in ihm,

daß ihm das Leben reiche und stürmische Freuden aufbewahrte. Dies

dumme Bettliegen -- ein weiterer Aufschub nach achtzehn Jahren schwer

ertragener elterlicher Zucht, ein Aufschub, widerlich, aufreizend durch

seine grausame Sinnlosigkeit -- aber doch nur ein Aufschub. Durch das

schmale Fenster klang der Puls der großen Stadt. „Wart’ du, wir rechnen

noch ab!“

Die Genesung wurde nochmals durch einen bösen Blutsturz unterbrochen.

Einen Todesfall wollte Frau Specht doch nicht gerne im Hause haben.

In ihrer Angst holte sie einen zweiten Arzt herbei, der sich von da

ab mit dem ersten in die Behandlung teilte und den Jungen reichlich

mit Medikamenten fütterte. Um für alle Fälle gedeckt zu sein,

telegraphierte die gute Frau aber auch dem Vater und, doppelt reißt

nicht, dem Bruder des Kranken, beiden gleich: „Fritz schwer erkrankt,

bitte sofort kommen!“ Beide machten sich sofort auf. Um aber für die

Dauer der eintägigen Reise den Jungen nicht ohne Pflege zu lassen,

telegraphierte der Vater einem Studienfreunde, der es in der Hauptstadt

zum weltberühmten Professor gebracht, und unabhängig davon, Felix

einem Geheimrat, in dessen Hause er viel verkehrt hatte. Die beiden

Geheimräte erschienen fast gleichzeitig und ließen, in peinlicher

Wahrung ärztlichen Anstands, die behandelnden Ärzte herbeiholen. So

fand sich Fritz als Mittelpunkt eines vierköpfigen Konsiliums und

fühlte ungeahnte Wichtigkeit -- Frau Specht erstarb in demütiger Freude

über die große Ehre. Und: ein Mann, der mit Geheimräten Freundschaft

hielt und seine Söhne von ihnen behandeln ließ, der würde auch einer

armen Quartierfrau die aufopfernde Pflege zu lohnen wissen.

Spät abends traf der Vater ein. Frau Specht empfing ihn im Vorraum,

wollte sich in aufgeregte und weinerliche Schilderung des furchtbaren

ersten Schrecks verlieren; und dennoch habe sie sich entschlossen, das

große Opfer zu bringen, aus Mitleid mit dem armen, jungen Menschen ...

Sie wurde betrübt und enttäuscht durch die abweisende Bemerkung, der

Transport in ein Krankenhaus wäre zweifellos richtiger gewesen. Dann

betrat der Vater das Krankenzimmer, wo Fritz ihn schlaflos erwartete.

„Schöne Geschichten führst du auf!“ Dies die Begrüßung. Dann eine

rasche Prüfung der Fiebertabelle und der Rezepte, einige kurze Fragen

an Frau Specht, die gekränkt, doch selbstbewußt Auskunft gab. Und als

Fritz seine eigenen Beobachtungen äußern wollte, ein kurzes: „Du halt

den Mund und liege still, das ist das einzig Vernünftige!“ Und zu

seinem eigenen Erstaunen empfand Fritz keine gehässige Auflehnung gegen

des Vaters schroffen Ton, fühlte sich sogar getröstet und innerlich

befreit, als der Vater fortfuhr: „Soviel ich bis jetzt sehe, ist die

ganze Sache gar nicht schlimm -- nur maßlos übertrieben.“ Dies mit

einem Seitenblick auf Frau Specht, der ihren Zahlensinn aufpeitschte.

„Die arme Mama und Gretl ängstigen sich halb zu Tod -- ich muß ihnen

gleich telegraphieren. Morgen spreche ich mit deinen Ärzten. Auch ein

Unsinn übrigens, gleich zwei zu rufen! Also schau, daß du einschläfst!“

Fritz fühlte kurz des Vaters fleischige, kühle Hand auf seiner Stirn.

Dann war er allein. In sein leises Eindämmern verfolgte ihn die Frage,

warum ihn die kurze Berührung wohl so glühend durchzuckt hatte. Und er

träumte von früher Kindheit.

Die Ereignisse des nächsten Morgens ließen die versöhnliche Stimmung

rasch verfliegen: gründliche Untersuchung und Besprechung ergaben,

daß die rechte Lunge, zwar durchaus nicht ernsthaft, leider aber

in nächster Nähe einer größeren Arterie angegriffen sei. Daher die

starke Blutung. Nun sei, im Hinblick auf die schmächtige Schlankheit

des Jungen, größte Vorsicht geboten, besonders aber der weitere

Aufenthalt in der Großstadt undenkbar. Die Geheimräte legten dem Vater

nahe, den Jungen auf ein, zwei Jahre in einen der großen Schweizer

Höhenkurorte zu schicken. Dabei müßte, nach menschlicher Voraussicht,

eine endgültige Heilung nahezu sicher zu erreichen sein. Die andern

beiden Ärzte schlossen sich dem Urteil der Berühmtheiten ehrfurchtsvoll

an. Auch Felix sprach dafür. In ihm kämpfte die bittere Erinnerung

an die Umstände, die den Verlust seines Auges begleitet hatten, mit

dem halb väterlichen Wunsche, dem jüngsten Bruder ein besseres Los zu

sichern. Fritz war ja noch so jung -- knapp achtzehn Jahre -- hatte

durch blindes Glück beim Abiturium eben erst ein Jahr erspart, in den

ersten Universitätssemestern versäumte er ohnehin wenig, konnte auch

auf eigene Faust anfangen ...

Der Vater blieb allen Vorstellungen taub: „Daran ist nicht zu denken!

Den Buben etwa zum Weltreisenden erziehen? Er kann’s gar nirgends

besser haben als zu Hause -- gute Kost und Pflege -- und ich habe ihn

immer unter den Augen! Und kurz und gut -- der Junge kommt nach Hause!“

41

Da sind sie wieder, die engen Gassen und Plätze, mit schlüpfrigem

Schlamm auf Fahrdamm und Bürgersteig, die häßlichen Häuser, die sich

verwittert, schmutzig ducken, die weiten Felder ringsum, die im Grau

des sprühenden Nebels verschwimmen. Alle Dinge haben Blicke, Gesichter

und ihre stumme Sprache: „Zogst du nicht aus, das Leben zu erstreiten?

Wo ist die Siegerkrone, wo die Freude, die du an deinen Wagen ketten

wolltest? Woher die bitteren Falten um deinen Mund, du stürmender

Bezwinger?“ -- Und Fritz schleicht scheu und verbissen an den hämischen

Häusern entlang. Das Mitleid der Menschen aber folgt ihm auf Schritt

und Tritt. Ihm entrinnt er nicht -- es hat scharfe Augen, schnelle

Beine und eine geläufige Zunge. Es blickt hinter geschlossenen Fenstern

hervor, es züngelt aus Menschengruppen auf, an denen er vorbeihastet,

oder es stellt sich ihm breit, selbstbewußt, drohend fast, in den Weg:

„Ich bin das Mitleid, ich will deinen Dank zehnten, wag es nicht, mich

abzuweisen!“ -- Und es hat einen weiten Mantel, in dessen Falten Haß,

Neid, Eifersucht und Selbstgerechtigkeit sich kichernd verbergen.

Verfluchtes Mitleid!

„Was seh’ ich, der Jüngste vom Herrn Sanitätsrat? Sie tun mir ja so

furchtbar leid, so jung, kaum ins Leben getreten -- und nun diese böse,

böse Krankheit! Ein Blutsturz, wie? Und was sagt denn der Papa? Glaubt

er denn, daß es noch besser werden kann?“ -- „Mein Gott, lassen Sie

sich doch ansehen -- Sie scheinen doch sehr angegriffen! Ein Blutsturz!

-- Mein Mann sagt immer: nur nichts mit der Lunge! Das ist das Ärgste!“

Verfluchtes Mitleid!

Zu Hause: Die Mutter, vergrämt, ewig auf Schonung bedacht, den

Tageslauf mit Ermahnungen begleitend. Der Vater ernst und leicht

gereizt. Sein eigener Sohn -- lungenkrank! Schande! Nun -- wenn stete

Aufsicht und strenggeregelte Lebensweise helfen können -- daran soll’s

nicht fehlen!

Gretl bleibt still. Sie fühlt, daß Mitleid den Bruder quälen müsse. So

zeigt sie ein aufmunterndes Lächeln, wenn ihr auch Tränen in der Kehle

sitzen.

Fritz selbst empfindet alle Befürchtungen und düsteren Voraussagungen,

als könnte ihm die Krankheit ans Leben gehen, immer noch als

übertrieben lächerlich. Er fühlt sich nun, da die Blutung überwunden

ist, so wenig wie je in seiner Bewegungsfreiheit gehemmt. So weit

es auf ihn, auf seinen Körper ankommt. Kein Fieber, kaum ein wenig

Husten -- keines der ekelhaften Symptome, von denen Zeitungen und

Konversationslexikon zu erzählen wissen. Er hat die Krankheit fast

vergessen, wäre innerlich bereit, das Studentenleben unverzüglich

aufzunehmen. Die andern aber und vor allem der Vater: die haben

nicht vergessen, vergessen keinen Augenblick, daß er krank,

schonungsbedürftig, unfrei ist, und daß man ihn also, natürlich zu

seinem eigenen Besten, mit Verboten umzirken muß. Rauchen, Trinken,

abends ausgehen, Theater, Jagd -- kurz alles, was den „Erwachsenen“

ausmacht, die Freiheit also -- alles wird schroff verboten. Dazu auch

noch das bescheidene Maß von Sport, das ihm während der Schulzeit

bewilligt war -- Radfahren, Fußball. Sie brechen ihm die Flügel --

und er läßt es ratlos verbittert geschehen. Von Jugend auf hat er

gegen die wuchtige Persönlichkeit des Vaters, gegen seinen starren,

oft ungerechten Willen, wohl blinde Verneinung, auch Haß aufgebracht,

doch nie offenen Trotz, Widerstand. Wie oft hatte er, mit glühender

Verachtung gegen sich selbst, seinen Sklavensinn verflucht, das Ducken,

Lügen und heimliche Toben, hatte wilde Vorsätze gefaßt, -- um sie

dann vor einem Blick des Vaters in Nichts zerflattern zu sehen. Und

jetzt: zu unbändig stürmisch war sein Lebensdrang, zu sprühend jung,

zu ungeleitet er selbst noch, als daß ruhige Überlegung ihm den Weg zu

innerer Freiheit hätte weisen können. Wenn er nun alle unerfüllbaren

Wünsche abtat, den freien Verzicht auf alles aufbrachte, was nach des

Vaters Meinung mit seinem Zustand unvereinbar war, sich zu einem zahmen

Stubenleben, mit Büchern und physikalischen Experimenten entschloß? Gab

es nicht unter den Erwachsenen Nichtraucher, Nichttrinker, Nichtjäger

in Menge? Machten wirklich nur diese Genüsse so unbedingt +das Leben+

aus, daß man sich sie nötigenfalls heimlich verschaffen mußte, um

vor sich selbst Geltung zu behalten? -- Und in jäher Sehnsucht nach

friedlicher Ausgeglichenheit mit seiner Umgebung warf er sich auf

Bücher, fraß die väterliche Bibliothek gierig in sich hinein, bis ihm

der Vater eines Tages einen Cooperband wegnahm: „Das ist noch lange

nichts für dich; such’ dir was Vernünftiges, Weltgeschichte oder

Brehm! Und überhaupt hast du von jetzt ab zu fragen, was du lesen

darfst! Meine Bücher sind durchaus nicht für dich da!“ Noch hielt

sich der Junge, ließ zwar die Bücher sein, warf sich aber auf Physik,

baute elektrische Anlagen, Läutewerke, Lampen, Motor, alles von einer

Batterie gespeist. Eine Spielerei nur, doch er nahm sie ernst, träumte

sich über Jahre hinweg, zum mächtigen Fabriksherrn, bis der Vater auch

hier eingriff: „Die Bastelei ist vollständig wertlos -- Techniker wirst

du ja doch nicht! Fang’ etwas Nützliches an!“

Und da war es vorbei mit allem guten Willen: die Krankheit war nur ein

Vorwand, um das Überwachen, Hineinreden, Schurigeln, Drillen ungestört

andauern lassen zu können! Darauf allein kam es an, ihn weiter unterm

Absatz zu behalten. Um seine Jugend wollte man ihn betrügen!

Böse Zeit! Die Tage schleichen grau und leer. Draußen Regen, Nebel,

Stürme. Selten ein Sonnenblick. Beim Frühstück sagt der Vater ein Mal

ums andere: „Bei diesem Wetter ist es natürlich ausgeschlossen, daß

du ausgehst!“ Und die Wohnung wird zum Kerker. Doch: unten im Keller

wohnt der Hausmeister, ein Schuhmacher. Wenn man den besuchte? Das

heißt doch nicht ausgehn? Ein Besuch innerhalb des Hauses! -- Da unten

hockt der Schuster an seinem Werktisch. Die Luft ist schwer und fade

-- es riecht nach Pech, Leder, altem Schuhwerk und Armeleute-Küche.

Durch das kleine Fenster hoch an der Decke dringt fahles Licht, bricht

sich in der runden Schusterkugel, die an einer Schnur hängt. Man sieht

die Beine der Leute, die auf der Straße vorübergehen. Der Schuster

fühlt sich geehrt durch den Besuch, gibt gewichtig Aufklärung über sein

Handwerk, läßt es grinsend geschehen, daß Fritz sich im Einschlagen

der widerspenstigen Holznägel versucht. Allmählich wird er wärmer,

erzählt Stücklein aus seiner Gesellenzeit; er hat ganz Deutschland auf

der Walz durchquert, war auch tief im Böhmischen drin und in Tirol.

Eine freie, eine wechselvolle, eine bedeutende Zeit! Die schönen,

fremden Gegenden, die lustigen Spracheigentümlichkeiten, merkwürdige

Bekanntschaften in den Herbergen unterwegs, wohl auch Zwischenfälle

mit hohen Ortsobrigkeiten, wegen unerlaubter Erleichterung übervoller

Obstbäume oder Weinstöcke -- und die Mädel, die Mädel! Durch Wochen

jede Nacht eine andere, dann wieder, wenn sich’s grade traf, eine

Meistersfrau, die dem jungen Gesellen auch nach Feierabend zu tun gab

... vorbei! Jetzt hat der Schuster ein todböses Weib, das gottlob

tagsüber außer Haus ist, auf Bedienung. Aber sie belauert seine Arbeit,

seine Ausgänge, knausert mit dem Essen, es gibt Zank und Streit, wohl

auch Prügel. „Ich hob sie heiraten missen,“ sagte der Schuster in

seinem groben Deutsch, „weil ich ihr a Kind gemacht hob. Ober das hat

sie nur geschwindelt, die Bestie. Dos Kind wor von ganz wen andern! --

So a Drach, so a böser, ich sog Ihnen, Herr Fritz, monches Mol könnt

mich gleich der Teifel holn! So a Kanalje, so a verfluchte!“ Dann

bricht er plötzlich ab und lauscht, ob die Frau nicht eben die Treppe

herunterschleicht oder gar schon an der Türe steht und horcht, wie es

ihre Gewohnheit ist.

Fritz hört ihm gerne zu. Das, ja das war Leben, diese Maßlosigkeit im

Genuß! Was, +ein+ Apfel dann und wann, +ein+ Gläschen, +ein+ Weib?

Nein! Einen Baum leer fressen, daß man wochenlang das Bauchweh nicht

los wurde, den Schnaps in Flaschen, den Wein in Krügen, das Bier

in Kübeln saufen, daß Sinn, Verstand und alle Bedenken zum Teufel

gingen, und die Weiber kurzerhand zusammenpacken, in einem Graben, in

einem Kornfeld, auf dem Heuboden, im Stall -- wo sich’s gerade traf.

Das tat ein ganzer Kerl! -- Er dachte an Betty. Die hatte er bei

seiner Rückkehr nicht mehr vorgefunden. Sie war in ihrem Heimatsdorf

verheiratet. Aber ihre Nachfolgerin? Ein strammes Bauernmädel, der das

heiße Blut aus den Augen blitzte -- warum nicht die? Auch dem Schuster

gefiel sie. „Dos is a tüchtige Trulle,“ sagte er. „Ober solche junge

Mädel sein noch dumm -- die fürchten sich vorm Kinderkriegen! Do is nix

zu machen!“ Aber Fritz bekam sie doch, fast mühelos, und sein inneres

Übergewicht über den weitgereisten Schuster war wiederhergestellt, wenn

er ihm auch seinen Triumph verschwieg. --

Junge Triebe: Roman · 第 7 / 18 段