Draußen erwartete ihn Gretl, bleich und zitternd vor Mitleid. Er tappte

tränenblind an ihr vorbei, hockte sich in einen Winkel nieder und

stöhnte seine Wut vor sich hin: „Schurigeln, Dreschen, Schimpfen -- das

kann er! Aber einen Finger rühren, wenn einem unrecht geschieht -- da

drückt er sich! Schuft!“ Die Schwester hielt ihn umfaßt, streichelte

ihn, küßte sein Haar. Und sie weinte über ihm.

37

Spätherbst in der Tiefebene. Grau verhängter Himmel, ewiger Sprühregen

in der Luft, zäher, schlüpfriger Schmutz auf Wegen und Straßen.

Alles Leben auf den weiten Feldern ist erstorben. Keine Gespanne

mehr, kein Arbeitslärm. Drinnen in den Straßen stehen die häßlichen

Kleinstadthäuser doppelt unwirtlich im Wasserdunst. Wochenlang keine

Sonne. Kaum, daß ein fahler Schein im Osten oder Westen zeigt, wo sie

froheren Menschen auf- und untergeht. Fritz liebt die Jahreszeit.

Er wirft seine Mißstimmung, seine wehrlose Knabensehnsucht, seine

Todeswünsche in diese Natur, die stumm und trostlos ein unabänderliches

Schicksal trägt. Und die Erde, ertrunken in grauem Regen, saugt den

Tropfen Unglück auf wie ein Meer. Fritz fühlt sich zwerghaft klein

vor den toten Feldern, und doch getröstet. Was war das alles -- der

Jammer mit den Eltern, den Lehrern, mit den Freunden, die einen um

ein Butterbrot verrieten? Nichts, weniger als nichts -- noch nicht

soviel wie ein Hauch, der die Nebel da draußen einen Augenblick lüften

könnte. Er neidete der Erde ihre Leidensgeduld. Jeder Stein, jeder

kahle Zweig, der widerstandslos die Zeit überdauerte, weckte seinen

Neid. Wer sein könnte wie die Steine, wie Sträucher und Bäume, --

ruhig liegen, warten, bis das Leben kam -- oder nicht kam. -- Oft

warf er sich auf die Rasenränder an den Feldwegen, riß mit bebenden

Händen dicke Grasbüschel aus, schleuderte sie mitten in den Schlamm

der Wagengleise: Kein leisestes Zucken verriet Widerstand; sie lagen

welk und dürr, ließen sich vom Morast verschlingen. -- Und Fritz

haßte glühend das Etwas in ihm, das ihn ewig von diesem toten Frieden

in der Natur trennte, dies dunkel Bohrende, das ihn ewig trieb,

Verbotsschranken heimlich zu überklettern; -- heimlich, das war’s; denn

zu offener Auflehnung reichte die Triebkraft nicht. Heimlich: das waren

tausend Lügen an jedem Tage, stündliche Gewissensbisse, schaler Ekel

oft -- Betty, und der Alkohol, und Spaziergänge, wenn er lernen sollte.

Heimlich: das war der Mensch. Hier draußen gab’s keine Heimlichkeit

-- hier paarte sich alles, wuchs und starb, und scheute kein Trieb

das Licht. Und kein Weg von den Häusern, den Städten voll Lüge zu den

Feldern der Wahrheit. Mensch bist du -- und Lug und Trug, Haß und Neid,

Rachsucht und der ewig geduckte Nacken, sie sind dein Los. Das trage

du, bis die Erde dich wieder nimmt und aus deinen verwesten Knochen

Gras und Blumen Nahrung gibt! --

Von solchen Spaziergängen brachte der Junge immer eine fressende Wut

zurück. Verbissen ergab er sich allerlei verbotenem Tun, denn auch

dafür boten die frühen Abende erwünschte Deckung. Man konnte auf

öffentlichen Straßen und Plätzen rauchen, wenn man nur die geringe

Vorsicht übte, die Glut der Zigarette mit der hohlen Hand zu verdecken.

Man konnte sich draußen in der Vorstadt, bebend zwar, doch mit

ziemlicher Sicherheit, in üble Spelunken wagen und für wenige Pfennige

mitgebrachte Fläschchen mit starkem Fusel füllen lassen. „Rosoglio“

-- das Wort weckte Vorstellungen von orientalischer Ausschweifung,

übte zauberhafte Lockung aus. Das Getränk schmeckte dann süßlich

fade, hinterließ Sausen im Kopf, bitteren Nachgeschmack und leichte

Übelkeit. Doch lag die Schuld natürlich nicht an dem Wundertrank -- die

Knabenkehle war noch nicht ausgepicht, nicht erwachsen genug, und nur

Übung und wieder Übung konnte hier den Meister machen.

In kleinen Bierschenken wurden auch studentische Bräuche fleißig

vorgeübt, aus schmutzigen, dicken Gläsern Unmengen abgestandenen

Bieres getrunken, daß mancher sich elend übergab. Das war Selbstzucht

zum Manne. Dann hieß es, mit dem Überrock am Arm, nach Hause rennen

und dabei fleißig Pfefferminz kauen. Ohne Überwindung konnte man auch

das gute Abendessen zu Hause stehen lassen, Überanstrengung beim

Lernen vorschützen und, je nachdem, ein wenig Mitleid einheimsen. Und

überschwellend vor Bosheit, auf neue Lügen sinnend, endlich schlafen

gehen und auf Betty warten, die spät nachts oft geschlichen kam und

Bett und Zimmer mit dem Geruch ihres Haares und ihrer groben Wäsche

erfüllte. Und in keinem Augenblicke seines Wachseins ließ ihn die Lüge

los. Wenn nach keuchender Umarmung das Mädchen ihn fragte, scheu,

demütig: „Hast du mich auch ein wenig lieb?“ dann zwang er sich ein

„Ja“ ab und genoß schmerzhaft die eigene Niedertracht. Denn er haßte

die Räuberin seiner Jugendkraft, haßte sie glühend, und seinem Trieb

gesellte sich Mordlust.

38

Das Abiturium stand vor der Türe. Fritz schien gänzlich unberührt

von dem bitteren Ernst der Stunde, betrieb nach wie vor das Studium

lässig nebenbei und verließ sich frohgemut auf seinen guten Kopf.

Grammatik, sein Schreckgespenst, kam ja bei der Prüfung nicht in

Betracht. Und bei dem Übersetzen aus dem lateinischen oder griechischen

Urtext konnte ihm nichts geschehen. Davor zitterten wohl einige der

Musterknaben, die Grammatikbüffler und Paradigmenreiter. Die hatten

sich, in sklavischer Anpassung an den Lehrplan, durch lange Jahre den

Kopf mit wüsten Regeln vollgepackt, und keiner, auch der Klassenerste

nicht, hatte es im Latein, geschweige denn in Griechisch, zu irgendwas

wie +Stil+ gebracht. Dafür saßen sie meist kläglich hilflos vor

der Stegreifübersetzung aus dem Urtext. Denn über dem krampfhaften

Aufpassen auf Vokabeln und grammatischen Aufbau ging ihnen der

Zusammenhang verloren. Der Jahreszensur schadete das nicht. Denn für

die Mehrzahl der Lehrer war die klassische Literatur nicht etwa ein

Wert an sich, sondern immer nur Prüfstein für das grammatikalische

Wissen. Wie der Kasernendrill sich im Manöver bewährt. Fritz, der

bekannt faule Bursche, hatte ewig mit der Grammatik zu kämpfen gehabt,

dafür aber ehrliche Liebe zu der behäbigen Redseligkeit des Homer

gefaßt, oder zu dem würdigen Bürger Tacitus, dem oft und oft der Stolz

auf die eigene Tüchtigkeit zwischen die Zeilen rutschte. Danach aber

hatte nie jemand gefragt. Und der Junge empfand es als ausgleichende

Gerechtigkeit, daß sich nun bei der Abschlußprüfung das Blatt wendete.

Die Mutter brachte von Stadtbesuchen immer wieder die Kunde, daß der

und jener unter Fritzens Mitschülern, nach dem Zeugnis tiefbewegter

Eltern, weit über jedes Maß, Nächte und Nächte lang studiere. Und

knüpfte lehrhafte Ermahnungen daran und gerührte Bitten. Der Vater

aber verrannte sich in Schwarzseherei und zeigte nicht übel Lust, den

Jungen vor der Prüfung aus der Schule zu nehmen, um sich, wie er sagte,

die Schande zu ersparen, daß einer seines Namens und Blutes mit Pauken

und Trompeten durchfalle. Nur dem wortreichen Zuspruch alter Freunde

gelang es, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Auch Felix und Max

rieten dazu, den Versuch doch zu wagen. Die beiden galten nun beim

Vater vorübergehend fast als Herren, denn Felix hatte mit Auszeichnung

seinen Doktor gemacht, Max war mit gutem Rang zum Leutnant befördert

worden. Ziemlich gleichzeitig waren sie in der Vaterstadt angekommen

und bei den Familienfestlichkeiten zu ihrer Begrüßung bekam Fritz

manchen Vergleich zu schlucken, der für ihn wenig schmeichelhaft war.

Die Vergleiche ließen ihn ebenso kalt, wie die dünkelhaften Ratschläge,

mit denen Felix ihn überschüttete. Wohl aber kränkte es ihn, daß auch

Max, mit dem ihn von Kinderzeiten her ein froher, wenn auch heimlicher

Rebellengeist verband, daß auch Max Ausdrücke wie „der Alte“ nicht mehr

litt, immer sehr förmlich und salbungsvoll von „unserem guten Papa“

sprach und auch sonst seine Stimmberechtigung im Familienrat gewichtig

hervorkehrte. „Wenn ich mich für dich bei unserem guten Papa verwende,

dann erwarte ich aber auch ...“ Solche und ähnliche Redewendungen, die

Max gerne brauchte, entfremdeten ihm den jüngeren Bruder.

Eine Woche vor der Prüfung wurde der Unterricht geschlossen, um den

Abiturienten Zeit zur letzten Sammlung zu geben. An einem der letzten

Schultage gab es noch großen Krach. Fritz hatte sich, leicht erschreckt

über die immerhin erheblichen Lücken seines Prüfungswissens, mit

Feuereifer auf das Studium gedrängter Leitfaden gestürzt, die in der

Klasse von Hand zu Hand gingen. Nun war ihm für einen bestimmten

Tag die leihweise Überlassung einer Aufgabensammlung zur Physik

versprochen. Gerne wäre er zu Hause geblieben, doch erschien es als

völlig aussichtslos, vom Vater die Erlaubnis zu erwirken. Also wählte

er den Ausweg, sich während der ersten Unterrichtsstunde krank zu

melden. Den Vormittag brachte er bei einem Kameraden zu und arbeitete

mit ihm das Hilfsbuch glücklich durch. Nun begab es sich aber, daß nach

Fritz noch ein halb Dutzend andere auf den Gedanken kamen, vorzeitig

wegzugehen, so daß mit denen, die ohne weiteres zu Hause geblieben

waren, rund ein Drittel der Klasse fehlte. Der Rektor konnte es sich

nicht versagen, die Bürschlein, knapp bevor sie seiner Gewalt entrückt

wurden, noch einmal seine Macht fühlen zu lassen und schickte den

Schuldiener von Haus zu Haus, um nach den „Kranken“ zu sehen. Natürlich

waren viele nicht zu Hause -- so auch Fritz. Dafür wurden dann wieder

Gruppen von vier und fünf betroffen, die in furchtbarem Tabaksqualm

auf irgendeiner sturmfreien Kostbude büffelnd zusammenhockten. Als

Fritz, leicht beklemmt, mittags heimkehrte, wurde er von der Mutter

tränendüster empfangen und die Brüder brachen mit wuchtigen Worten

den Stab über ihn. Der Vater nahm den Vorfall zum Anlaß, um sich

des längeren über Fritzens Charakterlosigkeit auszulassen und die

düstersten Prophezeiungen zu äußern.

Am nächsten Morgen gab es in der Schule ein Strafgericht. Der Rektor

schwelgte, ein letztes Mal dieser Klasse gegenüber, im reichlichen

Gebrauch von Blitz und Donner. Doch erwies es sich, daß alle zwölf

Missetäter glaubhafte Ausreden, auch elterliche Zeugnisse zur Hand

hatten -- bis auf einen, Fritz. Ihm wurde nun anheimgegeben, bis

zum Nachmittage ein elterliches, also zugleich ärztliches Zeugnis

beizubringen, widrigenfalls er eine Karzerstrafe von drei Stunden zu

gewärtigen habe. Der Junge war der Verzweiflung nahe und bat zu Hause

flehentlich um Ausstellung des Zeugnisses. Der Vater lehnte es schroff

ab: „Dir fehlt gar nichts, du bist nicht krank. Falsche Zeugnisse

unterschreibe ich nicht. -- Du hast dir die Suppe eingebrockt, nun

löffle sie auch aus!“ Dabei blieb es. Dem Rektor schien es aber letzten

Endes doch nicht geraten, allzu scharf zuzupacken -- denn die elf

anderen Zeugnisse waren naturgemäß alles eher als stichhaltig -- und so

gab er vor versammelter Klasse Fritz kund und zu wissen, daß ihm die

rechtens verhängte Karzerstrafe in Gnade erlassen sei.

Eine Woche später begann das Abiturium. Am Morgen des zweiten

Prüfungstages kam Fritz an die Reihe und bestand mit guter

Durchschnittsnote. Seine erste Regung bei Verkündigung des Ergebnisses

war Rachsucht und frohlockender Haß. Am liebsten wäre er dem Gorilla

und dem Rektor an die Kehle gefahren. Doch bezwang er sich und stürzte

grußlos aus dem grauen Steinbau hinaus auf die Straße, wo ihn die

Brüder besorgt erwarteten. Sie wollten ihm zunächst nicht glauben, denn

für sie war es nur die Frage gewesen, ob er auf zwei Monate oder auf

ein Jahr durchfliegen würde. Dann aber zeigte Max ehrliche Freude über

das kühne Stücklein, während Felix in seiner Anerkennung mit leisem

Neid zu kämpfen schien: Da war also dem Jungen mühelos ein Erfolg

zugefallen, um den er selbst bitter hatte kämpfen müssen. --

Der Heimweg führte an einer Bodega vorbei. Die Brüder traten mit dem

Jüngsten ein und nahmen ihn, mit einigen Gläsern Portwein, feierlich

unter die Erwachsenen auf. Der starke Wein auf leeren Prüfungsmagen

hatte die betrübliche Wirkung, daß Fritz die Herrschaft über seine

Gliedmaßen etwas verlor und unter entsetzlichen Lästerungen gegen die

nun abgetanen Zwingherren, vor allem den Gorilla, dahinschwankte.

Die Mutter, die mit Gretl am Fenster stand und nach dem Kandidaten

ausspähte, mißverstand diese zügellose Haltung und sah darin den

Ausdruck wütiger Zerknirschung über völligen Mißerfolg. In diesem

Sinne begann sie eben den Vater vorzubereiten, als Fritz von den

Brüdern hereingeschoben wurde und sofort ein häßliches Wort über den

Gorilla fallen ließ. „Natürlich ist der Kerl schandbar durchgeflogen?“

fragte der Vater böse. Und man konnte sehen, daß es ihm im Grunde

unlieb war, das Gegenteil zu hören, weil er die längst überdachte,

erschütternde Strafpredigt nun ungebraucht bei sich behalten mußte.

Es folgten wortreiche Auslassungen über den geradezu haarsträubenden

Dusel, den der Faulpelz bewiesen hatte. Hier tat sich Felix sachkundig

hervor.

Gretl aber benützte einen unbewachten Augenblick, um dem Bruder

zuzuflüstern: „Alle haben gesagt, du fliegst unbedingt. Aber ich

nicht! Ich hab’ gewußt, du kommst durch!“ -- „Ah was,“ zischelte Fritz

zurück und mimte Verachtung, „die wissen viel, wer ich bin! Ich und

durchfliegen -- zum Lachen!“ Aber er küßte der Schwester die kleine

feste Hand.

Abends bekamen die drei Brüder die Erlaubnis auszugehen. Sie setzten

sich in eine Bierstube. Max erzählte kernige Witze, Felix gab

gönnerhaft einige Stücklein aus seinem Studentenleben zum besten und

Fritz war nahezu glücklich, nur ärgerte es ihn, daß ihn die Brüder

augenscheinlich für viel ahnungsloser hielten, als er es tatsächlich

war. Doch hütete er sich wohl, etwas von seinen Nebensprüngen zu

berichten. Natürlich kam auch die Prüfung nochmals zur Sprache, und

Felix meinte scherzhaft, doch mit unverkennbarer Bitterkeit: „Du weißt

ja gar nicht, wie gut du’s hast! Wenn ich denke, was ich gekeilt

hab’, damals noch dazu, knapp nach der Geschichte mit meinem Aug’!

Nächte und Nächte durch! Und nie ein Lob, und immer Krach -- alles mit

Auszeichnung war selbstverständlich, und weniger als sehr gut war schon

elende Lumperei -- und du? Bei dir haben sie ja förmlich geweint vor

Freude, weil du nur nicht durchgeflogen bist. Und, sind wir ehrlich

-- du warst doch wirklich unanständig stinkfaul!“ Doch Fritz war um

die Antwort nicht verlegen: „Wer hat dich denn gezwungen zum Büffeln?

Und was hast du denn gehabt davon? Schließlich hat der Alte ja doch

geschimpft! -- Na, bei mir hat er auch geschimpft -- aber ich hab’ mich

wenigstens nicht zerrissen! Auszeichnung oder nicht -- danach fragt

einen später kein Teufel!“ -- „Na, mit solchen Ansichten wirst du’s ja

weit bringen,“ gab der Älteste würdevoll zurück. Doch Fritz merkte gut,

wie betroffen er war.

39

Und Träume reifen: Die Freiheit ist nah! -- Die Wochen verfliegen

mit emsigen Vorbereitungen; Wäsche wird besorgt, Schuhe, ein Anzug,

dessen Schnitt sich von der quäkerhaften Einfachheit der Schulgewänder

vorteilhaft unterscheidet. Fritz geht ständig in leisem Fieber umher.

Er sehnt sich so maßlos hinaus, daß die Allotria seiner Schulzeit

ihm schal und reizlos erscheinen. Betty läßt ihn ganz kalt, er

wehrt sie heftig ab, wenn sie sich ihm nähern will. Wozu jetzt noch

Heimlichkeiten, die doch nur kläglichen Ersatz bieten konnten! In

wenig Wochen war er an der Universität, der strengen Fuchtel endlos

weit entrückt -- da sollte das Freiherrenleben angehen! Übrigens

fühlte er sich häufig seltsam müde, auch ein wenig ratlos vor dem

neuen Lebensabschnitt. Ganz insgeheim regte sich mitunter die

Selbsterkenntnis, daß ihm der streng geregelte Pflichtenkreis der

Schule doch etwas fehle, daß die vertrauten Hintertürchen wohl ihren

Reiz hatten. Nun gab es bald nichts mehr zu lügen -- konnte das noch

lustig sein?

Über die Wahl der Fakultät gab es langes Hin und Her. Fritz war beim

besten Willen außerstande, eine bündige Antwort auf die Frage zu geben,

was er nun studieren wolle? Er empfand es sogar als schmerzliche

Schattenseite der neuen Freiheit, daß man ihn überhaupt fragte und

nicht wie bisher immer einfach vor fertige Tatsachen stellte. Die

Mutter liebte es, ihm den und jenen Bekannten in besonders glänzender

Stellung als Beispiel zu nennen, mit der Frage, ob er nicht Lust

hätte, dasselbe zu erreichen? Da war ein Gerichtspräsident, ein

Universitätsprofessor, ein hoher Regierungsbeamter und, natürlich,

auch der Vater, der Herr Sanitätsrat. Und Fritz hatte für jeden der

angeführten Berufe ein zögerndes Ja. Das Fertige, die Machtfülle,

reizten ihn. Zu innerst aber empfand er Grauen vor dem Beruf, der

Tretmühle, dem Angehängtsein. Letzten Endes war es ja nicht zu

vermeiden, man mußte eine „Stellung“ haben -- aber später doch, viel

später! Jahre noch lagen dazwischen -- was konnte da alles geschehen?

Er konnte einen Schatz finden, ein alter Fürst konnte ihn adoptieren,

er konnte eine Erfindung machen, kurzum, zu rasendem Reichtum kommen --

und dann ade! Gerichtspräsident, Professor und Regierungsrat! Er sah

sich schon auf feurigem Rappen durch Wälder und Fluren sprengen, die

ihm untertan waren, sah sein Schloß vor Augen, das stolz und weiß von

steilem Hügel grüßte. --

Die Träume behielt er für sich, kaum daß er sie der Schwester

andeutete, die ihn mit sehnsüchtigem Lächeln anhörte. Inzwischen

ließen die Eltern nicht ab, ihn zur Entscheidung zu drängen. Einmal

sagte ihm der Vater mit größtem Nachdruck: „Ich bestehe darauf, daß

du dich selbst entscheidest! Du sollst nicht sagen dürfen, daß du zu

einem Studium gezwungen wurdest! -- Nun? Wird’s bald?“ -- Und Fritz,

um der Sache ein Ende zu machen: „Ich will Medizin studieren!“ -- Dem

widersetzte sich jedoch der Vater mit einer Heftigkeit, die mit der

anfangs angekündigten Entschlußfreiheit in argem Widerspruche stand.

Sonderlich stichhaltige Gegengründe wußte er übrigens nicht anzuführen,

gab sich auch, wie gewöhnlich, keine Mühe dazu. Fritz erriet als wahren

Grund, wie bei manchen anderen Verboten, dumpfe Eifersucht -- es sollte

nur einen Arzt in der Familie geben, wie es nur einen Jäger gab,

einen Schützen. Da wurde die innere Gleichgültigkeit des Jungen zum

bitteren Trotz, und er schwieg beharrlich auf alle weiteren Fragen, bis

ihm endlich der Beschluß verkündet wurde, er sollte, wie Felix, Jura

studieren. Als Jurist hätte er dann die Wahl unter zahllosen Berufen,

könne eigentlich unter den gegenwärtigen Verhältnissen tatsächlich

alles werden. „Bist du damit einverstanden?“ fragte der Vater dröhnend.

„Ja,“ antwortete Fritz, verbeugte sich kurz und war entlassen. Draußen

vertraute er sich der Schwester an: „Das haben sie natürlich längst

ausgemacht gehabt, daß ich Jurist werden soll. Was sie da noch lang

gefragt haben!? So ein blödes Theater, so ein verfluchtes!“ -- Doch als

die Schwester ängstlich fragte, ob er mit der Wahl unzufrieden sei, gab

er großspurig zurück: „Ah was, mir ist doch das ganz wurst, für was die

mich jetzt einschreiben -- ich werde doch ganz was anderes -- du wirst

schon sehen!“

Dann kam der Abschiedstag. Die Mutter war gerührt, stammelte

Ermahnungen, küßte ihn auf Mund und beide Wangen. Als sie ihm mit

zitternder Hand das Kreuzeszeichen auf die Stirne machte, empörte sich

sein wilder Unglaube und er hatte große Mühe, eine Gebärde wütender

Abwehr zu unterdrücken. Der Vater, der ihn in die Hauptstadt bringen

wollte, schien einer gewissen Weichheit nicht abgeneigt und sprach mit

tiefer Kehlstimme. „Na, sieh dich noch einmal gut um, Junge,“ sagte

er, „du gehst jetzt aus deinem Elternhaus -- von nun an kommst du nur

noch als Gast zurück!“ Und Fritz dachte blitzschnell ein gehässiges

„Gott sei Dank!“, dann wandte er sich der Schwester zu, die mit

zuckenden Lippen abseits stand. Sie kämpfte tapfer mit dem Weinen und

lächelte, faßte seinen Kopf mit beiden Händen und flüsterte ihm ins

Ohr: „Ich werde immer an dich denken, immer!“ Dann küßte sie ihn mit

den kühlen, schmalen Mädchenlippen, und eine Träne blieb auf seiner

Wange. Da erst kam dem Jungen der Abschied zum Bewußtsein, die Trennung

von diesem treuen, gütigen Wesen, das durch alle Bitterkeit und Süße

der Jugendjahre neben ihm hergegangen war, immer bereit zu helfen,

zu trösten und mitzuleiden. Hatte er ihr je vergolten, je auch nur

gedankt? Eine rasende Angst packte ihn, als könnte es für immer zu spät

sein. Gestern noch, als sie seinen Koffer packte, da hätte er ihr sagen

müssen ... oder frühmorgens ... doch der Vater mahnte zum Aufbruch, mit

seltsam heiserer Stimme. Da warf der Junge beide Arme um die schlanke

Schwester und küßte sie wild. Und in diesem Kusse, bitter von reichen

Tränen, lag Dank und Abschiedsweh und ein Gelöbnis unverbrüchlicher

Treue an sie, die seine Kindheit in sich trug, seine Heimat und sein

reinstes Gefühl.

40

Die Großstadt erdrückte den Jungen fast. Er sah, wie auch der Vater

vor dem hastigen Getriebe viel von seiner starren Würde verlor. Kein

Schutzmann, kein Schaffner grüßte mehr, der Herr Sanitätsrat samt

seinem Sohne ging spurlos in der Menge unter. -- Felix war vom Vater

hinausbestellt worden, um die Einzelheiten der Immatrikulation und

Vorlesungswahl zu erledigen. Er prunkte mit seiner genauen Kenntnis der

Universitätsverhältnisse und seine Stimme fiel bei der Miete eines

Kostquartiers entscheidend ins Gewicht. Fritz ließ, halb betäubt,

alles geschehen. Bald sehnte er sich nach dem Tag, wo der Vater mit

Felix abreisen und diese letzte Bevormundung aufhören würde -- bald

fürchtete er das endgültige Alleinsein. Sein Körper machte ihm Sorge,

durch ständige, bleierne Müdigkeit. Dann kamen wieder Augenblicke

eines übernatürlichen Hellempfindens, in denen er sich wie abgehäutet

vorkam, als ob jeder Laut, jede Farbe unmittelbar auf seine nackten

Nervenstränge träfe. Dann konnte ihn die weite Aussicht über lange

Reihen riesiger Prunkbauten fast weinerlich stimmen. Oft genügte ein

Stück klaren Herbsthimmels in einem rußigen Dachausschnitt, um ihm den

süßen Schmerz des Fremdseins zu vermitteln. -- Der Vater führte ihn

in die Oper. Und als auf ein dumpfes Glockenzeichen die riesige Halle

in Dunkel versank und aus einem unsichtbaren Orchester mit unerhörter

Gewalt die Carmen-Ouvertüre aufquoll, ein Katarakt von Klängen ihn

umbrauste, die alle auf ihn, auf ihn zielten, da schlug der Junge

stöhnend die Hände vors Gesicht, daß die Nachbarn mißbilligende Blicke

warfen und der Vater ihn mit hartem Griff zum Anstand mahnte. Das

Bühnenbild des ersten Aktes, der riesige Volksaufwand, die Chöre, die

wie Glocken dröhnten, die Solostimmen, die übermenschlich schienen, --

dies alles steigerte seine Erschütterung ins Unerträgliche. -- Beim

Fallen des Vorhangs, als jäh die schmerzende Lichtflut niederbrach,

lehnte er totenblaß und bebend in seinem Sitz und bat den Vater

flehentlich, sie sollten fortgehen. Der wollte zunächst nichts davon

wissen, die teuren Sitze ungenützt verfallen zu lassen. Nach einem

prüfenden Blick auf die verstörte Haltung des Jungen willigte er aber

doch ein. Fritz kämpfte sich wie ein Ertrinkender durch das Gewühl und

zog vor dem Portal die bittere Nachtluft in verzweifelten Zügen ein,

als sei er dem Erstickungstode knapp entronnen. Der Vater polterte

über die verrückten Faxen. Fritz hörte ihn kaum mehr, stolperte im

Halbschlaf durch die Straßen bis zum Hotel.

Junge Triebe: Roman · 第 6 / 18 段