Für Fritz wurden keinerlei Vorbereitungen getroffen. „Du hast deinen

blauen Sonntagsanzug, der ist noch ganz tadellos, und dazu die neuen

Schnürschuhe. Die sind auch so fest, daß wenigstens kein Wasser

durchdringt, wenn ihr zu Fuß hingeht!“ So hatte der Vater verfügt.

Fritz hatte bestimmt mindestens auf Lackschuhe und Galoschen gehofft.

Denn die Schnürschuhe waren zwar neu, aber reichlich groß und schwer.

Eine schüchterne Andeutung in dieser Richtung wurde aber kurz

abgewiesen: „Du bist wohl verrückt? -- Ich werde doch einem solchen

dummen Jungen keine Lackschuhe kaufen -- oder gar Gummischuhe! Hat man

so was schon gehört! Eitler Fratz!“

Also stapfte Fritz unglücklich und verbissen mit der Schwester durch

nassen Tauschnee zur ersten Tanzstunde. Die andern Jungen waren

natürlich alle in Ballkleidung, trugen tief ausgeschnittene Spenzer

aus feinem schwarzen Tuch, kleine Maschenbinder, und, vor allem,

Lackschuhe. Fritzens Schuhe hatten von der Nässe allen Glanz verloren.

Er schämte sich innerlich fast zu Tod, kochte vor Haß und Neid gegen

die andern und hätte sie alle gern sterben sehen. Mit größter Mühe

nur zwang er die Tränen zurück, die ihm in der Kehle saßen. Seine

Verbeugungen und Tanzschritte gewannen durch die Gemütserregung nicht

an Anmut. Er fühlte die hochmütig verächtlichen Blicke der andern, sah

sie untereinander spöttisch zischeln.

Die Eltern kamen die Kinder abholen. Der Herr Musikmeister, ein kleiner

Buckliger, stadtbekannt wegen seiner giftigen Bosheit, musterte Fritz

von Kopf zu Fuß mit einem langen Blick voll unverhüllten Hohns. Das

machte den Jungen vollends rasend. Auf dem Heimweg mußte er mit Gretl

vor den Eltern hergehen. Er weinte wütend in sich hinein und wies die

Schwester, die vor Mitleid selbst mit den Tränen kämpfte, gehässig

und neidvoll ab. Zu Hause erklärte er der Mutter, fast schreiend

vor maßloser Erregung, er gehe nie mehr dahin, und er lasse sich

nicht auslachen, und er sei wie eine Vogelscheuche unter den anderen

gestanden.

Die Mutter war, bei allem Schrecken über die unerhörte Auflehnung,

fast geneigt, dem Jungen recht zu geben. Ihre eigene Eitelkeit

hatte darunter gelitten, daß der Junge tatsächlich weitaus am

unvorteilhaftesten ausgesehen hatte. Und sie wagte Fürsprache

beim Vater. Das ging übel aus: Der Vater fuhr wie der Blitz ins

Kinderzimmer, wo Fritz, immer noch wütig heulend, in einem Winkel

hockte, und riß den Jungen am Ohr hoch: „Was unterstehst du dich?

Du willst nicht mehr hingehn -- du -- willst -- nicht?“ Und drei

Ohrfeigen knallen. „Jetzt bekommst du grade keine neuen Kleider,

zur Strafe nicht! -- Und machst die Tanzstunde bis zu Ende durch.

Pünktlich! -- Dir werd’ ich’s zeigen, Lausbub, elender!“ Noch ein

scharfes Kopfstück, und die Kinder sind allein. Fritz bekommt einen

förmlichen Tobsuchtsanfall, wälzt sich auf dem Boden, beißt sich die

Fäuste blutig, um nicht durch lautes Schreien strengere Strafe auf sich

zu lenken. Gretl, die still weinend in einem Winkel gekauert hatte,

kommt schüchtern zu ihm, will ihn streicheln, trösten. Da hört sie den

Bruder furchtbare Schmähungen stöhnen: „Der Hund, der verfluchte ...

immer dreschen ... wenn er nur krepieren möcht ...!“ Und sie erstarrt

in lähmendem Entsetzen.

32

Nach dem Winterhalbjahr ist ein neuer Mitschüler eingetreten, Robert

Henschel, der bisher in einem Jesuitenkonvikt erzogen worden war. Er

ist sehr freundlich und gefällig, hat für jeden eine Schmeichelei zur

Hand. Aber die Klasse mißtraut ihm. Dinge, die man ihm sagt, kommen auf

geheimnisvolle Weise zur Kenntnis der Lehrer. Noch nie ist es gelungen,

„den Neuen“ als Spion zu überführen. Aber der Verdacht ist da und will

nicht verstummen: Wenn einer seiner Nebenmänner bei der Schularbeit

einen Schmöker benutzt oder während einer Stunde für die nächste lernt

-- immer werden sie erwischt. Nachher kommt Henschel und bemitleidet

sie.

Fritz kann sich seiner Freundschaftsanerbietungen kaum erwehren.

Henschel sitzt in seiner nächsten Nähe, macht sich während der

Unterrichtsstunden an ihn heran, begleitet ihn nach Hause und trifft

ihn wie zufällig auch auf dem Weg zur Schule. Immer wieder bringt er

das Gespräch darauf, daß Fritz wohl sehr ungerecht behandelt würde, daß

besonders der Katechet augenscheinlich ein Vorurteil gegen ihn habe.

Niemand hätte ein Recht, einem Vierzehnjährigen vorzuschreiben, daß er

unbedingt den ganzen Katechismus blind glauben müsse. Fritz sei eben

offenbar sehr gescheit und habe wohl seine eigenen Gedanken -- und ihm

könne er sie ruhig anvertrauen. Das klang ehrlich und bieder. Und Fritz

begriff oft selbst nicht, was ihn immer abhielt, dem Neuen sein Herz

auszuschütten. Es war so viel in ihm, was nach Aussprache drängte. Denn

seit dem Bruch mit Kolarczik und Schneider war er ohne Freund. Doch

blieb er, fast wider Willen, verschlossen und ablehnend und ging nie

auf eines der Gespräche über die Lehrer oder gar die Religion ein, die

ihm der andere immer wieder nahe rückte.

Henschel blieb unverändert nett, war nicht loszuwerden. Dabei hatte er

stets das Bestreben nach körperlicher Nähe, hängte sich unversehens

eng an Fritzens Arm, preßte ihn an sich, streichelte ihn. Fritz fühlte

sich unerklärlich abgestoßen dadurch und wurde noch abweisender.

Henschel sagte ihm Schmeicheleien über sein schönes blondes Haar,

über die herrlichen Augen und die geraden, schlanken Beine, und bekam

dabei heiß glänzende Augen und feuchte Mundwinkel. Bald auch brachte

er ihm Gedichte, „An Fritz, meinen liebsten Freund“; darin war, in

schülerhaften Versen, von der Freundesliebe die Rede und von der Wonne

des Kusses. Fritz fühlte Ekel vor diesen Gefühlsergüssen, wagte ihn

aber nicht zu zeigen, denn noch war ihm der Grund unverständlich. Bis

ihn Henschel eines Abends, nachdem er ihn auf dem Rückweg von der

Turnstunde mit seltsamen Fragen und Andeutungen bestürmt hatte, in der

Toreinfahrt des Elternhauses plötzlich in einen dunklen Winkel drängte,

mit wütender Umschlingung überfiel und keuchend einen Kuß verlangte.

Da schlug ihm Fritz mit aller Kraft ins Gesicht und floh die Stiegen

hinauf. In der Wohnung fand er Betty alleine vor. Die Eltern waren

mit Gretl spazieren gegangen und kamen wohl nicht so bald zurück. Die

Köchin hatte Ausgang. In Fritz flog stürmische Erregung auf, sein Blut

sang. Betty war eben dabei gewesen, das schwarze Kleid mit weißer

Schürze anzulegen, das sie während der Mahlzeiten immer trug. Sie hielt

die offene Bluse mit der Hand zusammen. Fritz stürzte sich auf sie,

rang mit ihr, biß in die wehrende Hand, bis die Bluse aufsprang und

die quellende Brust freigab. Fritz fühlte Angst, verbarg den Kopf in

dem wogenden Fleisch, fühlte die flaumige Haut an Wangen und Ohren,

biß und küßte sie. Das Mädchen wehrte ihm nicht, -- krallte die Hände

in sein Haar und preßte ihn enger an sich. Sie verkämpften sich wie

junge Tiere, sanken keuchend zu Boden. Fritz rang haßerfüllt, mit

drängendem Knie, den letzten leisen Widerstand nieder und nahm sich,

was ihm plötzlich sein Recht schien. -- Dann sprang er auf und stierte

die Liegende böse an. Der Geruch warmen Mädchenfleisches, der ihn eben

noch zu rasender Anspannung aller Kräfte aufgepeitscht hatte, schuf ihm

nun würgenden Ekel. Das Mädchen richtete sich langsam auf, streckte mit

scheuer Zärtlichkeit die Hand nach ihm aus. -- Er stieß sie roh zurück

und rannte aus dem Zimmer.

33

Fritz hat den Widerstand gegen die Tanzstunde aufgegeben. Denn

die kleine Komteß Christl hat es ihm angetan. Sie ist der einzige

reinadelige Gast der Tanzstunde und kommt wohl nur, weil ihre Eltern es

so wünschen. Sie ist kalt und stolz und unnahbar. Beim Tanzen wendet

sie immer den Kopf leicht zur Seite, um ihren Partner nicht ansehen zu

müssen, legt die schmale kleine Hand so leicht auf den führenden Arm,

daß man sie gar nicht fühlt, und tanzt wie eine Feder. Fritz liebt sie

namenlos und ist doch so scheu, daß er sie kaum aufzufordern wagt. Er

muß erst lange Mut fassen. Hat er sich dann so weit bezwungen, daß er

mit kurzer Verbeugung vor sie tritt, so steht sie langsam auf, nickt

hochmütig und tanzt mit abgewandtem Kopf. Nie spricht sie zu ihm, doch

Fritz trägt ihr Bild in der Seele. Er kommt sich elend und verworfen

vor, ringt glühend nach Besserung. Mit inbrünstigem Entschluß hat

er seinen Unglauben niedergezwungen, betet lang und heiß zur Nacht,

geht jeden Morgen vor der Schule kurz in die Kirche, um den Schutz der

Jungfrau zu erstehen. Er ist aufmerksam und fleißig, daß es den Lehrern

auffällt. Der Klassenlehrer knurrt ihn böse an: „Du hast sicher eine

bedeutende Lumperei begangen und bebst nun vor der Entdeckung! Daher

wohl das so plötzliche musterhafte Betragen! Aber verlaß dich drauf --

ich komme dir schon hinter deine Schliche!“ Trotz dieser groben und

böswilligen Verkennung seines Seelenzustandes brachte Fritz keinen Haß

gegen den Lehrer mehr auf. Er nahm alles als Strafe früherer Sünden

reuig hin.

Betty aber, die sich ihm immer wieder in einsamen Winkeln in den Weg

stellte, mit gewährenden Blicken, mit Gebärden voll Sehnsucht, Betty

behandelte er mit kalter Verachtung. Wohl peinigte ihn mitunter sein

Blut, das eben erst zum Bewußtsein erwacht war. Doch rang er stets die

Versuchung mit wollüstiger Qual nieder, biß sich die Lippen blutig und

schlug sich mit Fäusten dunkle schmerzende Male. „Christl, Christl!“

Der Anruf half ihm zum Sieg. Daß Betty oft mit den Tränen kämpfte,

während sie ihn gedemütigt umkreiste, weckte kein Mitleid in ihm.

Er haßte sie, weil sie ihn hinderte, seine unreine Vergangenheit zu

vergessen. Maria, hilf! Christl!

Christl, die so glühend Verehrte, fuhr fort, ihn nicht zu beachten,

ließ aber dem jungen Jonathan gegenüber in ihrer eisigen Zurückhaltung

etwas nach. Sie tanzte öfters mit ihm, hielt den Kopf nicht mehr so

starr abgewandt, sprach wohl auch einige Worte während des Tanzes.

Fritz beobachtete es mit wilder Eifersucht und fühlte den gierigen

Wunsch, das strahlende Jockeigesicht seines Nebenbuhlers grauenhaft

zu verunstalten. Dem Sonntag, an dem er zum erstenmal eine beginnende

Beziehung zwischen Christl und Jonathan festgestellt hatte, folgte eine

lange Woche voll wüster Anfechtungen. Bald erschien ihm die neue Pein

als weitere gerechte Strafe, seine Auflehnung dagegen als verwerfliche

Verstocktheit. Denn wie durfte er es wagen, auch nur daran zu denken,

daß Christl, der reine Engel, sich je so weit erniedrigen konnte, ihn,

ihn zu lieben? Und er weinte vor Reue und Scham. -- Bald wieder fuhr

sein tief verwundeter Stolz machtvoll auf: wozu die Selbsterniedrigung?

War er nicht besser als viele? Waren nicht ungezählte andere weit

schlechter als er? Und vor allem, war er nicht tausendmal den dummen

Jonathan wert, diesen protzigen Pferdeknecht in feinen Kleidern? Hatte

er nicht Betty erobert, die ihm nun wie ein Hund nachlief? Er brauchte

nur die Hand auszustrecken ...

Doch hielt der Stolz nie lange an, machte jäh doppelt quälender Reue

Platz. Christl! Und gegen Ende der Woche schien blinde Liebe gesiegt zu

haben. Da sah er Sonnabendnachmittag, als er auf einem der verhaßten

Spaziergänge mit Gretl vor den Eltern herschritt, eine Reiterschar

der Stadt zutraben: Christl, sehr erwachsen im langen schwarzen

Reitkostüm, neben ihr der junge Jonathan, zwei Lakaien hinterdrein.

In Sehweite der Familie beugte sich Jonathan zu seiner Begleiterin

und machte grinsend eine Bemerkung. Christl sah den Kommenden kurz

entgegen, nickte ihrem Ritter gnädig Beifall und sah dann eisig

hochmütig geradeaus. Fritz beobachtete sie genau und wollte vergehen

vor Qual und Schande. Kaum zwang er sich noch zu einem verlegenen Gruß,

und als der kühl und wegwerfend erwidert wurde, stolperte er weiter,

totenbleich, von zügellosem Haß erfüllt. Gretl ging eine Zeitlang stumm

neben ihm her, dann sagte sie unvermittelt: „Den Jonathan mag ich gar

nicht -- ich bin immer ganz bös, wenn ich mit ihm tanzen muß. -- So

ein grauslicher Kerl.“ Sie wollte ihn trösten. Doch er blieb stumm. Er

dachte an Betty, sehnte sich nach dem Sündenfall.

34

Und wieder ist Sommer. Die Familie ist vollzählig. Felix hat seinen

Referendar gemacht. Er sieht matt aus, überarbeitet, beinahe dürftig.

Doch aus manchen Einzelheiten, aus dem merkwürdigen Knoten seines

Selbstbinders, aus dem langen Nagel des kleinen Fingers, aus raschen,

wissenden Blicken spricht die Großstadt, das freie Leben. Der Vater

behandelt ihn durchaus nicht als erwachsen. Es fehlt nicht an Verweisen

und Verboten. „Das Rauchen erlaube ich keinesfalls,“ sagt der Vater.

„In +meinem+ Hause gilt eben +mein+ Wille. Und überhaupt du mit deinem

Aug’ hast es schon gar nicht nötig, dich noch künstlich nervös zu

machen!“ Das sagt der Vater und läßt die lange Pfeife qualmen. Felix

sitzt stumm, mit rotem Kopf. Die Mutter schickt ihm beschwörende Blicke

zu. Max aber faßt ihn leicht am Arm und deutet mit wegwerfender Gebärde

nach dem Bubenzimmer.

Abends, im Dunkeln, flüstern die Brüder einander von Bett zu Bett

wüste Erinnerungen zu. Fritz, den sie schlafend glauben, lauscht

atemlos. Er glaubt die schwüle Luft der Nachtlokale förmlich zu

riechen, Zigarettenrauch, Weindunst, aufreizende Parfüms. Vor seinen

festgeschlossenen Augen tauchen unerhört üppige Frauengestalten auf,

halb nackt, in märchenhaften Prunkgewändern. Eine wütende Sehnsucht

nach Freiheit, nach Erwachsensein, nach Mitmachendürfen überfällt ihn

quälend. Die Brüder erzählen kichernd weiter: von schweren, sinnlosen

Räuschen, von Nikotinvergiftungen, von verliebten Kokotten, die aus

Gefallen an der schneidigen Jugend Preisnachlässe gewährten; von

nächtelangem Karten- oder Billardspiel. -- Das war +Leben+! --

Einen Trost nur stellte er sich verbissen immer wieder vor: Betty hatte

ihm erzählt, daß die Brüder beide sie mit Anträgen und Versprechungen

bedrängt, und daß sie beide abgewiesen hatte: „Du bist mir lieber, du

bist mir überhaupt der Liebste“, hatte sie hinzugefügt und ihn mit

brünstiger Hingabe überwältigt. Fritz hatte sie gnädig gewähren lassen.

Doch zog er heimlich unendliches Selbstbewußtsein aus seiner Rolle als

wonnespendender Pascha und aus dem geheimen Sieg über die Brüder.

35

Über der weiten Ebene rings um die Stadt liegt goldklarer Herbst.

Endlos dehnen sich die abgeernteten Rüben- und Kartoffelfelder. Aus

seidigen Fernen leuchten sanfte Hügel mit buntem Wald. Der bittersüße

Rauch der Queckenfeuer liegt in der Luft. -- Leise klatschen

Flintenschüsse. -- Die Jagdlust peinigt den Jungen wie ein körperliches

Übel. Aber der Vater hat nur ein starres wütendes „Nein!“ für den

zaghaft geäußerten Wunsch. Und die vielen Jagdfreunde lehnen es ab,

den Jungen heimlich mitzunehmen. Nur einer hat Erbarmen, ein alter,

ausgedörrter Weidmann, der an dem stürmischen Trieb des jungen Blutes

eine Freude hat. Es folgen Nachmittage voll schmerzender Wonne: die

Rebhühner, Hasen werden zu wehrhaften Untieren, die es mit Anspannung

aller Nervenkräfte zu beschleichen gilt. Töten -- fliehende Bewegung

freier Tiere mit einem Fingerdruck jäh hemmen, in krampfiges Verzucken,

in Todesstarrheit wandeln zu können -- dies gibt dem Knaben einen

Rausch, der seine Augen gierig weitet, alle Muskeln fieberhaft strafft

und in wütendem Pulsschlag das Blut durch alle Adern jagt. Das Wild,

das ungeschossen oder unverletzt entkommt, weckt schrankenlos Haß und

Rachsucht. Die Beute preßt er in bebenden Händen, fühlt die Lebenswärme

langsam weichen. Leidenschaft macht ihn fast vom ersten Augenblick an

zum sicheren Schützen. „Donnerwetter, Junge, du schießt ja besser als

dein Vater und ich zusammen,“ sagt der alte Jagdherr lobend. Und Fritz

ist stolz und ein wenig bitter, denn er fühlt, daß Eifersucht der Grund

für das „Nein“ des Vaters sein mag.

36

Im Deutschen unterrichtet der Herr Oberlehrer Dimmel, ein Bauernsohn

von ungeschlachtem Körperbau -- die Beine leicht gekrümmt, Füße und

Hände unförmlich kurz und breit, der ganze Leib, zumal die Schultern,

derart mit Muskeln überladen, daß sich die Arme nicht mehr anlegen

lassen, sondern pendelnd abstehen. Aus den massigen Schultern wächst

ein Stiernacken. Der glattgeschorene Rundschädel ist im Verhältnis viel

zu klein und wirkt durch die furchtbaren Kiefer brutal ungeistig. Ein

Gladiator. Die Klasse aber nennt ihn den Gorilla. Und sein polternder

Scherz, mehr noch die jähen, maßlosen Wutausbrüche, mit Gebrüll und

erhobenen Fäusten, rechtfertigen den Spitznamen.

Sein Verhältnis zu Fritz ist zwiespältig: Tagelang hat er seinen

Spaß an der aufgeweckten Fassungsgabe des schlanken, blonden Jungen.

Bis irgendeine, manchmal vorlaute, oft auch harmlose Bemerkung

seinen Jähzorn weckt. Dann donnert er Kathederflüche. „Verzogenes

Muttersöhnchen“ -- die Schmähung kehrt unweigerlich jedesmal wieder.

Fritz hört sie mit innerem Hohn stumm an -- was weiß der Bauernlackel,

wie es bei ihm zu Hause zugeht! Verzogen -- du lieber Gott!

So geht es geraume Zeit wechselnd fort, bis unversehens einmal eine

entscheidende Wendung eintritt. Wieder einmal hat der Gorilla getobt

und brüllend das unvermeidliche „Muttersöhnchen“ vorgebracht. Fritz

hat eben tags zuvor zu Hause einen besonders demütigenden Auftritt

gehabt, empfindet wohl stärker als sonst, wie unangebracht gerade

dieser Vorwurf ist, und grinst. „Was lachen Sie?“ brüllt der Lehrer. --

„Weil ich ein Muttersöhnchen sein soll,“ gibt Fritz zurück und grinst

weiter. Der Gorilla gerät vollends außer sich. „Das sind Sie auch --

ein jämmerlich verzogenes Muttersöhnchen!“ -- Da macht Fritz sein

hochmütigstes Gesicht und sagt mitleidig: „Das werde ich wohl besser

wissen!“ Sagt es nicht einmal -- murmelt es nur, damit er gerade noch

von seinem Sitznachbar verstanden werden und später mit seiner Kühnheit

Ehre aufheben kann. Aber der Gorilla hat, wenn nicht die Worte, so

doch den Sinn erfaßt und tobt furchtbar los. „Was sagen Sie? Was

unterstehen Sie sich? Sie glauben wohl, Sie können hier auf den Papa

pochen, auf den Herrn Sanitätsrat? Wie? Nun -- ich pfeife auf den Herrn

Sanitätsrat, mit allen seinen Orden, verstehen Sie mich? Ich pfeife

drauf! Hier befehle +ich+! Und bei mir haben Sie ausgefressen, das

sollen Sie noch ganz verdammt zu spüren bekommen, verlassen Sie sich

drauf!“ Die Klasse tut alles, was eine gut gezogene Mittelschulklasse

in solchen Fällen tut: grinst dem Pöbelzorn des Lehrers Beifall zu,

knurrt gemessen Zustimmung, äußert in sprechenden Gebärden Ekel und

Abscheu vor dem schwarzen Schaf aus ihrer Mitte. Die Nächstsitzenden

rücken angewidert ab und rümpfen Pharisäernasen. „Hunde!“ denkt Fritz,

und Haß würgt ihn zum Erbrechen. Er verrennt sich in wüste Rachepläne:

„Wenn ich zaubern könnte ... wenn ich Hauptmann wäre ... wenn ... wenn

...“ und er sieht Lehrer und Mitschüler hündisch gedemütigt, gefoltert,

gepeitscht, entehrt, hört sie, bäuchlings hingestreckt, um Gnade

winseln. Da schreckt ihn des Gorilla Stimme auf: „Heraus mit Ihnen aufs

Katheder, und sagen Sie einmal den ‚Prometheus’ auf! Gestern haben

Sie’s miserabel gemacht. -- Wollen sehen, wie’s heute geht! Los!“

Fritz fühlt, weit fressender, als er es mit Worten ausdrücken könnte,

die Demütigung, die darin liegt, daß man ihn gegen seine erkannte

Stimmung zwingen will, dieses, gerade dieses Gedicht zu sprechen, das

er innerlichst erlebt hat und liebt -- freien, offenen Trotz! Wie ein

Peitschenhieb noch dazu die Herabwürdigung seiner gestrigen Leistung.

Er weiß genau, daß es weit mehr als Schulpathos war, was gestern noch

aus seiner Stimme geklungen hat, als er die Verse glühenden Aufruhrs

sprach. Nun dies: Miserabel! -- Wütende Auflehnung ist in ihm -- er

möchte mit Füßen stampfen, schreien, sich wehren -- blitzschnell

zucken ihm verzweifelte Möglichkeiten durch das Hirn -- durchbrennen,

Schiffsjunge, Selbstmord. -- Doch ist er so grenzenlos allein; die

ganze Klasse schwelgend in lüsterner Schadenfreude. Keiner wird ihm

helfen, keiner. Der Gorilla, siegessicher, rachedurstig. Die Eltern --

blinde Verurteilung, Prügel vielleicht. -- Da siegt die Knute -- er

schleicht aufs Podium, würgt an seiner Scham, stammelt eintönig Worte,

Sätze. -- Der Gorilla hört mit verschränkten Armen zu, ohne Regung von

Lob oder Tadel. Nur ein Flimmern ist in seinen Augen; um die breiten

Lippen, in deren Winkeln noch Schaum hängt von dem Gebrüll vorher,

zuckt Triumph. Er unterbricht nicht, schenkt dem Jungen kein Wort,

keine Silbe. Als die zagende, brüchige Knabenstimme längst verklungen

ist, nach einer quälenden Pause erst, sagt er mit sattem Hohn: „So,

mein Lieber, damit Sie’s wissen: das ist ganz ungenügend! Abtreten!“

Und die Klasse gröhlt Zustimmung. Jeder weiß, daß es ihm morgen,

vielleicht heute noch, genau so gehen kann. Grund genug zur Freude,

nun, da es einen andern trifft.

Und so blieb es von da an. Der Gorilla erwies sich als weit

erfinderischer im gefahrlosen Quälen, als irgend jemand vermutet

hätte. Bis er sich zu einer offenen Rechtsbeugung hinreißen ließ. Da

war eine Hausaufgabe gestellt worden: „Die Hand, ihre Bedeutung in

der Entwicklung der Menschheit“. Ein sogenanntes ‚freies Thema’ also,

wie sie Fritz von Herzen mochte. Denn es gab auch andere, religiöse,

oder scharf patriotische, oder gar grammatikalische, wie „ing, ling,

ung, drei Endungen und ihre Bedeutung“. Mit denen wußte er nie was

anzufangen, obwohl viele aus der Klasse sie freudigst begrüßten, denn

dabei ließen sich aus dem Katechismus, dem Geschichtsbuch oder der

Grammatik oft ganze Absätze verwerten. Die freien Themen hingegen

waren vielen ein Schreck. -- Fritz also schrieb mit Eifer, baute

atemraubende Perioden, prägte Bilder, sparte nicht mit Zutaten. Es

wurde ein wohlgerundeter Aufsatz, auf den man wohl stolz sein konnte.

Am letzten Abend vor der Ablieferung kam atemlos Müller Fritz an,

weitaus der Schlechteste der Klasse, der nur seinem inbrünstigen

christkatholischen Glauben und der Gönnerschaft des Katecheten das

Weiterrutschen von Jahr zu Jahr dankte. Müller also bat dringend,

Fritz möchte ihm doch bei dem Aufsatz helfen, er wisse nicht ein noch

aus. Und Fritz kam der Aufforderung gerne nach, gab einiges aus seinen

kühnen Gedankengängen zum besten, ließ den andern auch die fertige

Arbeit durchlesen. Der dankte sehr und ging.

Fritz sah der Rückgabe des Aufsatzes mit Ungeduld entgegen. Gemeinhin

war Deutsch der einzige Gegenstand, in dem er auf gute Zensuren mit

Selbstverständlichkeit rechnen konnte. Doch war diesmal sein Ehrgeiz

stärker als sonst im Spiele, der glücklichen Behandlung des schönen

Themas wegen, dann, weil es ihm Freude machte, gerade dem Gorilla eine

gute Note abzuzwingen. So schlug er, als die Hefte verteilt wurden, das

seine mit Siegermiene auf. Was stand da: „Von Müller abgeschrieben,

daher ungenügend!“ -- Er, der seit Jahren stets den besten Aufsatz

schrieb, er sollte von Müller abgeschrieben haben! Von Müller, der in

Deutsch bitterer als in jedem andern Fach mit dem Durchfallen kämpfte!

-- Der maßlose Schimpf erstickte den Jungen fast. Bald aber regte sich

die Rachsucht: Diesmal sollte es dem Gorilla einmal schlecht bekommen!

Denn Vater und Mutter hatten den Aufsatz gelesen und gut befunden,

sehr gut sogar. Die Mutter war leicht gerührt gewesen, der Vater hatte

sich zu einem beifälligen Knurren aufgerafft. Nun mußte er bei ihnen

Schutz finden! Der Vater würde zum Direktor gehen, sich beschweren,

dabei würden die alten Sachen, über die er bisher geschwiegen, auch

zur Sprache kommen -- „ich pfeife auf den Herrn Sanitätsrat mit allen

seinen Orden!“ -- Das, und vieles andere. Warte, Gorilla, Hund, Schuft!

Es kam anders. Die Mutter zwar zeigte sich verletzt über die Unbill,

von einer Beschwerde aber wollte sie nichts wissen. Und der Vater hörte

die empörte Erzählung gar nicht bis zum Ende an. „Der Herr Oberlehrer

Dimmel wird ganz genau wissen, was er tut! Du wirst dich eben

niederträchtig benommen und den Mann bis zur Raserei geärgert haben

-- das hast du jetzt davon! Beschweren! Was bildest du dir eigentlich

ein? Als ob ich nicht schon genug Scherereien mit dir hätte, Lausbub,

elender! Daß ich kein Wort mehr von der Geschichte höre! Da -- nimm den

Fetzen mit!“ Damit warf er dem Jungen das Heft vor die Füße und schob

ihn unsanft zur Türe hinaus.

Junge Triebe: Roman · 第 5 / 18 段