Noch eine Folge hatte das Ereignis: als Gretl wieder einmal vom „Krieg“

hören wollte, sagte ihr der Bruder mit dürren Worten, daß er all die

Geschichten nur erfunden habe. Gretl stürzte aus allen Himmeln -- Lüge

war ihr überhaupt unfaßbar -- und nun eine so ausgedehnte, furchtbare,

durch Jahre hingesponnene Kette von Lügen! Die blinde Verehrung, die

sie dem Bruder für seine vermeintlichen Heldentaten gezollt -- die

rasende Selbstüberwindung, die sie aufgebracht hatte, um das Geheimnis

zu wahren -- die Gebete vor dem Schlafengehen, der Bruder möchte bei

dem heimlichen Verlassen des Hauses oder morgens bei der Rückkehr nicht

erwischt werden --: alles umsonst! Sie weinte fassungslos. Es war die

erste große Enttäuschung.

Wenn ihn auch die Ablehnung der Schwester, die gehässige Verachtung

der ehemaligen Freunde schmerzten, so fühlte Fritz doch starke

Erleichterung bei dem Gedanken, daß er sich hinfort nicht mehr

anzustrengen brauchte, die einmal erfundenen Lügen krampfhaft

durchzuhalten. Und fein war es doch! Der Schneider Josef war ja ein

Trottel -- aber daß Kolarczik, der alte Gauner, ihm so lange geglaubt

hatte -- das war schon was wert! -- Wegen Gretl schlug ihm wohl das

Gewissen -- sie hatte so blind vertrauensselig geglaubt. Und war nun so

furchtbar traurig. Das sah er nicht gern.

Doch hatte diese Entfremdung auch ihr Gutes: Seit der Storchgeschichte

war er fest entschlossen, der Schwester nie wieder von gewissen Dingen

zu reden. Und wieviel Geheimnisse hatte er nun zu hüten: Das Rauchen,

Trinken, die gelegentlichen Griffe in den Weinkeller, sein reiches

Wissen um „die Weiber“, und vor allem: +Betty+. Mit der war er zu einem

merkwürdigen Zustand gekommen: wo immer er sie erwischte, fing er mit

ihr zu raufen an, und sie hielt ihm meist leidenschaftlich Widerpart.

Er boxte sie heftig, rang mit ihr, warf sie zu Boden oder auf ein

Sofa -- sie ließ ihn mit heißen Augen gewähren, preßte ihn an sich,

zog ihn mit in ihren Sturz. Dann fühlte er durch das dünne Kleid die

weiche warme Mädchenbrust und glaubte zu vergehen in dunkler Sehnsucht.

Oft endeten diese Zwischenfälle eigenartig -- das Mädel machte sich

plötzlich aus seiner Umschließung frei, wehrte ihn derb ab, wenn er

sie halten wollte, blitzte ihn verächtlich an und lief davon. Einmal

nannte sie ihn sogar einen dummen Jungen. Fritz blieb gedemütigt,

ratlos zurück und brütete Rache.

Abends beschwerte er sich bei der Mutter, daß seine Schuhe und Kleider

so schlecht geputzt würden. Und Betty bekam einen scharfen Verweis.

28

Weitaus das langweiligste aller Schulfächer war der katholische

Religionsunterricht. Doch man durfte sich nichts merken lassen, denn

der Katechet war aus Härte und Milde unberechenbar gemischt, und wen

er einmal „auf dem Strich“ hatte, der durfte sich vorsehen. Fritz war

ohnedies nicht sein Liebling, denn Felix war während seiner letzten

Schuljahre in dem Verdacht gestanden, daß er „nichts glaube“ -- und das

Mißtrauen hatte sich auf den jüngeren Bruder übertragen. Gegen Menschen

aber, von denen er fühlte, daß sie ihn nicht bedingungslos liebten,

empfand Fritz sofort Haß, der, je nachdem, mit Furcht oder Rachgier

gemengt war. Den Katecheten also haßte er leidenschaftlich -- doch was

konnte er ihm zum Trotz tun? Der Katechet war nahezu allmächtig in der

Lehrerkonferenz; der Rektor war streng klerikal.

Die Klasse hielt bei der katholischen Liturgie. Der Katechet

verbreitete sich salbungsvoll und eindringlich über das umständliche

Zeremoniell einer Bischofsweihe -- wieviel assistierende Priester,

wieviel Ministranten, wieviel Rauchfässer, und in welcher Reihenfolge

sie geschwungen werden müßten. Fritz belauerte jedes seiner Worte, um

einen Anlaß zu geheimem Spott zu erhaschen, einen Zungenfehler etwa,

oder eine ungewollte Zweideutigkeit. Doch der Katechet versprach sich

nicht, blieb nicht stecken -- ölig und ungehemmt strömte sein Vortrag.

Mit einem Mal schoß Fritz ein Gedanke durch den Kopf, so heftig und

unvermittelt, daß er fast erschrak: „Das ist lauter Blödsinn, das

Räuchern und Läuten -- davon hat der Herr Christus nix gewußt!“

Entsetzt starrte er den Katecheten an, ob der ihm etwa die lästerlichen

Gedanken von der Stirn ablesen würde. Doch nichts geschah. Die Stunde

ging weiter. Beim Schlußgebet faltete Fritz zwar die Hände und bewegte

die Lippen, die Worte aber sprach er nicht mit. Er summte nur den

leiernden Tonfall der Klasse nach.

Abends ließ er, zum erstenmal und nicht ohne Angst, das Nachtgebet

ungesprochen. Lange wälzte er sich schlaflos, kämpfte mit dem Wunsch,

doch noch, im Dunkel, unter der Decke, die Hände zu falten und das

Versäumte nachzuholen. Der Gedanke aber: wie wütend der Katechet

sich ärgern würde, wüßte er, daß Fritz nun auch „nichts glaube“ --

der Gedanke ließ ihn stark bleiben. Im Hochgefühl befriedigter Rache

schlief er endlich ein.

In einer der nächsten Stunden kam der Katechet auf die unsterbliche

Seele zu sprechen, die Alleingut des Menschen sei, und ließ sich

abschweifend über die Unvernunft des Tieres aus. In Fritz hatte der

Unglaube inzwischen kräftig Wurzel geschlagen und er verspottete

insgeheim die kurzsichtige Verblendung des Lehrers. Zu Hause erwartete

ihn, freudig bewegt wie immer, Flocki, ein schwarzer Zwergspitz, der,

wie die meisten Familienhunde, bis zu hohem Grade zum Verständnis der

menschlichen Gewohnheiten und Worte vorgedrungen war. Fritz stürzte auf

ihn zu, mit stürmischen Liebkosungen, balgte, hetzte mit ihm, kniete

endlich zu ihm nieder und fragte leidenschaftlich: „Flocki! -- sie

sagen, du bist unvernünftig! Flocki! Solche Esel! Was? Flocki!“ -- Der

Hund saß vor ihm und sah ihm starr ins Gesicht. Die Worte waren ihm

fremd, und er suchte zu ergründen, was man von ihm erwarte. Der Junge

wiederholte seine Frage, wilder, eindringlicher. Flocki verstand, daß

man eine Gefühlskundgebung wünsche, bellte kurz auf und fuhr dem Jungen

mit der Zunge ins Gesicht. Es war tatsächlich die beste Antwort, die

er geben konnte. Fritz war begeistert, und da eben nichts Besonderes

gegen ihn vorlag, wagte er sogar bei Tisch davon zu erzählen. Er sah

genau, wie der Vater schmunzelte, und fügte, kühn gemacht, noch die

Andeutung sonstiger Zweifel hinzu. Keine Zurechtweisung kam. Fritz war

namenlos stolz. Nach Tisch aber rief ihn der Vater ins Arbeitszimmer.

Da wich der Stolz rasch arger Beklommenheit -- vielleicht kamen jetzt

die Prügel nach? Man konnte nie wissen! Doch der Vater war nicht böse,

sprach ganz freundlich: „Ich kann dich nicht tadeln, wenn du dir eigene

Gedanken machst -- du wirst ja allmählich ein großer Junge! Aber

das bitte ich mir aus, daß du das für dich behältst, in der Schule

natürlich sowieso, vor allem aber der Gretl gegenüber! Weh’ dir, wenn

ich einmal erfahre, daß du dem Mädel etwa Grillen in den Kopf setzest!

Merk’ dir das! Und jetzt geh!“ Und Fritz ging beseligt. Die Mutter

kam ihm ins Kinderzimmer nach und sagte mit nassen Augen -- sie war

leicht gerührt --: „Da siehst du wieder, was du für einen guten Vater

hast!“ Dann ließ sie ihn allein. Fritz wartete, bis sie aus dem Zimmer

war, und äffte ihr stumm nach: „Ja, guter Vater! -- Weil er mich nicht

gedroschen hat, wie du wegen dem Storch! Und ihr glaubt’s ja alle beide

selber nix! -- Der Alte geht überhaupt nie einmal in die Kirche!“ --

Und er kam sich groß und gereift vor. Dann schlich er ins Speisezimmer,

wo Betty den Tisch abräumte; das Mädchen war ihm noch böse wegen seiner

letzten Angeberei. Doch er brach ihren Widerstand, faßte sie kühn, wie

nie zuvor, zwang sie auf die breite Ottomane nieder. Da kam plötzlich

ein neuer Ausdruck in ihr Gesicht, sie wurde weich, widerstandslos

unter ihm, ihre Schenkel wichen. -- Er sprang auf und rannte atemlos

davon.

29

Kurz darauf kam die Nachricht nach Hause, Fritz sei von der

Lehrerkonferenz in Sitten getadelt worden, wegen Störung des

Religionsunterrichts durch Schwätzen und Allotria. Mit diesem

Sittentadel hatte es seine eigene Bewandtnis: Fritz hatte, bei der

Erörterung der himmlischen Rangordnung, eine der Form nach einwandfreie

Zwischenfrage getan -- ob nämlich die Engel ewig in ihren Dienststufen

verbleiben müßten, oder ob sie auch befördert würden? Aber in Tonfall

oder Mienenspiel hatte er wohl den richtigen Ernst allzu unvorsichtig

vermissen lassen. Und überdies wußte der Katechet im Augenblick

tatsächlich keine Antwort auf die unerwartete Spitzfindigkeit. So

goß er erst die Schale seines kanonischen Zornes über den frechen

Frager aus und behielt ihn dann scharf im Auge. Und als Fritz, der

das Unwetter vorbei wähnte, endlich grinsend einen beifallsuchenden

Rundblick durch die Klasse schickte, da griff der Katechet zu, trug ihn

ins Klassenbuch ein und verschaffte ihm den Sittentadel. Es war ein

offensichtlicher Racheakt, wohl auch eine kleine Rechtsbeugung. Doch

angesichts des Tadelbriefes ließen die Eltern keinerlei Rechtfertigung

zu, hörten die Darstellung des Jungen gar nicht an. Der Vater prügelte

ihn furchtbar, die Mutter aber bestand überdies noch darauf, er müsse

mit ihr zum Katecheten gehen und um Verzeihung bitten. Das war das

Schlimmste, weit ärger noch als die Prügel, obwohl ihm davon noch jeder

Knochen im Leibe weh tat. Er bat flehentlich, ihm den Bittgang zu

erlassen. Ihm wurde fast übel bei dem Gedanken, den tödlich gehaßten

Schwarzrock um Verzeihung bitten zu sollen. Doch die Mutter gab nicht

nach, faßte ihn am Arm und führte ihn, ganz verweint und verschwollen

im Gesicht, mit sich. Im Vorflur des großen alten Stiftshauses, in

dem der Katechet wohnte, machte Fritz einen letzten verzweifelten

Versuch, der furchtbaren Demütigung zu entrinnen. Da wurde die Mutter

böse, schlug ihn heftig ins Gesicht, krallte ihm die Finger in den

Oberarm -- sie kannte die empfindlichen Stellen -- und zog die Glocke.

Ein hallender Erzton durchzog das weite Haus, dann öffnete ein sanfter

Pförtner die Tür, fragte nach dem Begehr der Besucher und führte sie

durch lange Gänge, bis vor eine schmale Bogentür. Dort klopfte er an

und ging.

Die Tür wurde von innen aufgetan, und der Katechet stand auf der

Schwelle. In seinem Gesicht kämpfte Genugtuung und Rachsucht, als er

Mutter und Sohn erblickte. Er bat sie ins Zimmer, und die Mutter setzte

ihm auseinander, wie sehr sie und ihr Mann über das Benehmen des Jungen

empört seien; er habe strenge Strafe bekommen und nun habe sie ihn

hergebracht ... Der Katechet unterbrach sie höflich und salbungsvoll,

sagte einiges, was Fritz nicht verstand. Haß und das Gefühl völliger

Ohnmacht erstickten den Jungen fast. Da hörte er die Mutter sagen:

„Also vorwärts -- bitte um Verzeihung!“ Und wieder zwickte sie ihn

unmerklich in den Arm. „Ich ... ich ...“ stotterte Fritz schluchzend.

Immer noch hoffte er, das Aussprechen der widerlichen Formel werde ihm

erspart bleiben. Doch der Katechet sagte gedehnt: „Nun ...?“ und Fritz

hörte deutlich den beißenden Hohn des Siegers. Der schenkte ihm nichts!

Da gruben sich abermals die Finger der Mutter in seinen Arm, und er

stieß hervor: „Ich ... bitte ... um ...“ -- das Wort „Verzeihung“ aber

ging in furchtbarem Aufheulen unter. Der Katechet wollte wohl den

Bogen nicht überspannen. Er gab sich zufrieden, gab süß lächelnd der

Mutter einige Ratschläge, die ebenso viele giftige Spitzen waren und

strich Fritz mit der Gebärde der Vergebung über den Kopf. Dem Jungen

rann die Berührung der weichen, fetten Priesterfinger wie Gift durch

den Körper. Dann zog ihn die Mutter hinaus.

Von da an zog Fritz nicht mehr den Hut, wenn er an einer Kirche, einem

Kruzifix oder Heiligenbild vorbeikam, und zischte unflätige Lästerungen

durch die Zähne: „Krepierter Hund!“ -- Das war seine Rache.

30

Kolarczik und Schneider haben sich an Fritz herangemacht und mit

Honigmienen Versöhnung angeboten. Sie quellen über von reumütigen

Erinnerungen an die schöne Zeit von ehemals. Fritz spielt zunächst den

Unerbittlichen, doch schmeichelt ihm die Unterwürfigkeit der andern

doch so sehr, daß seine Widerstände rasch dahinschmelzen.

Im Stadtpark hausen die „Parkindianer“, das sind Kinder der

untersten Schichten, von rohen Sitten, Schüler der Volks- und

Fortbildungsschulen; auch viele Handwerker -- und Fabrikslehrlinge sind

darunter. Sie nennen die Gymnasiasten „Gimpel“ und die Realschüler

„Retiradschüler“. Denn sie hassen alles, was eine höhere Schule

besucht oder einen sauberen Rock trägt. Sie sind ein unzuverlässiges

Volk, halten keine Bündnisse und kehren sich nicht an ritterliche

Kampfregeln. Sie greifen nur an, wenn sie in der Überzahl sind, dann

aber rücksichtslos und ohne Anlaß. „Gelbmütz“ und „Rotkappel“ sind

ihre Führer, gefürchtet wegen ihrer Roheit. „Die schmeißen mit Dreck,“

behauptet die Sage.

Für Fritz und seine Freunde ist ein Gang in den Stadtpark stets mit

der Gefahr verbunden, von einer erdrückenden Übermacht verprügelt zu

werden. Denn wenn auch nur ein einzelner Parkindianer sie erblickt,

dann ruft er mit gellendem Pfiff aus den Arbeiterhütten am Parkrand

Verstärkung herbei und die Hetzjagd beginnt.

Fritz und seine Freunde +gehen+ nicht -- sie geben stets vor, mutige

Renner zu reiten. Beim Verlassen der Stadt reißt sich jeder eine Gerte

ab, die als Reitpeitsche dient. Damit klopfen sie sich die Waden und

tänzeln dahin, während die steifgehaltene linke Faust gedachte Zügel

handhabt. Dringt Übermacht auf sie ein, so rasen sie davon und geißeln

sich wütend. Fritz besonders kann gänzlich das Gefühl verlieren, daß

die Beine zu ihm gehören. Er schlägt sich blutige Striemen, während er

atemlos vor den Verfolgern dahinjagt. Noch nie ist er eingeholt worden.

Kolarczik und Schneider können auch gut rennen, doch ist er ihnen immer

meterweit voraus. Sind sie dann in Sicherheit, so klopft er stolz und

dankbar seine schlanken Schenkel. Er hat sie „Falko“ getauft.

An einem Winternachmittag ziehen die frisch versöhnten Freunde hinaus

in den Park. Fritz tänzelt und kurbettiert auf Falko.

Weit draußen, am Ufer des dick gefrorenen Flüßchens, finden sie ein

halbes Dutzend Parkindianer dabei, auf dem Eis eine lange Rutschbahn

herzustellen. Es sind lauter kleine Burschen, die trotz ihrer

Überzahl keinen Angriff wagen. Die drei Stadtbuben wollen aber auch

nicht anfangen, denn sie wissen, daß ein kleiner Anfangserfolg sich

unweigerlich in eine schließliche Niederlage verkehren müßte. Die

herbeigepfiffene Verstärkung würde ihnen den Rückweg durch den Park

verlegen. -- So kommt es zu einem friedlichen Einvernehmen, die

Parteien bemühen sich einträchtig um die Rutschbahn. Die ist unheimlich

glatt und lang und endet wenige Meter vor einer offenen Stelle, wo das

schwarze wirbelnde Wasser durch das Eis dringt. Es handelt sich darum,

richtig Anlauf zu nehmen, die Bahn stehend zu durchfahren und möglichst

knapp vor dem Loch im Eis mit kurzem Schwung anzuhalten. Das Spiel ist

fesselnd. Fritz treibt es toller als die andern. Mit wahrer Wollust

läßt er sich bis hart an die Kuhle gleiten. „Weil der Vater immer sagt,

ich bin ein Feigling!“ denkt er mit zusammengebissenen Zähnen. „Der

weiß viel!“

Da dröhnen durch die dunstige Winterluft die Schläge der Stadtuhr

herüber: Dreiviertel vier! Und um vier ist Gesangsstunde, diesmal aber

wirkliche Gesangsstunde. Im Laufschritt könnte man noch annähernd

zurechtkommen, die kleine Verspätung wäre leicht zu entschuldigen. --

Während Fritz noch überlegt, treten die beiden Freunde auf ihn zu: „Du

denkst wegen der Gesangsstunde? Sei doch nicht blöd -- jetzt wird’s

grad schön, da werden wir doch nicht schon weggehen! Schwänzen wir

halt! Es kommt ja nicht raus! Und singen können wir hier überhaupt

auch!“ Und Kolarczik stimmt ein kerniges Lied an. Fritz ist schnell

verführt. Und sie tollen weiter auf dem Eise. Knapp nach fünf brechen

sie auf, durchjagen den nächtigen Park -- hinter jedem der bereiften

Büsche können Feinde lauern -- und zu angemessener Zeit landet Fritz

im Elternhaus. Falko ist prachtvoll galoppiert, allerdings nicht ohne

Peitsche.

Am nächsten Morgen wird Fritz in der Klasse mit den entsetzten

Gesichtern, den Gebärden des Abscheus empfangen, wie sie die Mitschüler

den überführten Verbrechern aus ihren Reihen zu zeigen pflegen. Er

verlangt Aufklärung, doch alle ziehen sich scheu vor ihm zurück,

besonders heftig Kolarczik und Schneider. Die erste Stunde, Mathematik,

hat der Klassenlehrer. Er ruft sofort Kolarczik, Schneider und Fritz zu

sich aufs Katheder und beginnt das Verhör: „Warum habt ihr gestern die

Gesangsstunde geschwänzt?“ Und bevor Fritz noch den Mund auftun kann,

um die verabredete Entschuldigung vorzubringen, legt Kolarczik schon

heulend los. --

Es ist schmählicher Verrat. -- Aus Rache! Fritz ist in eine plumpe

Falle geraten. Er steht starr vor Entsetzen über soviel Niedertracht:

Früh morgens schon waren Kolarczik und Schneider zum Direktor gerannt

und hatten weinend gebeichtet, sie hätten sich von Fritz verleiten

lassen, die Gesangsstunde zu schwänzen und sie wollten es auch nie,

nie, nie wieder tun. Und man möchte sie doch um Gottes willen nicht

bestrafen, ihre Kostfrau sei so streng, und ihre Eltern noch mehr.

Und Fritz sei doch allein an allem schuld. -- Ihr Fernbleiben war

tatsächlich gar nicht bemerkt worden. Und da sie trotzdem -- dies

unterstrich der Klassenlehrer salbungsvoll -- freiwillig ein reumütiges

Geständnis abgelegt hätten, so sei gnadenweise von einer Bestrafung

abgesehen worden. Nicht so bei Fritz, dem böswilligen Anstifter. „Du

wirst vielleicht“ -- die Stimme des Lehrers knarrte vor Verachtung --

„durch gehäufte Lügen deine Schuld zu mindern, dich der wohlverdienten

Strafe zu entziehen trachten! Versuche es nicht, zur Schuld noch die

Schande zu fügen! Du bist überführt durch das gleichlautende Zeugnis

deiner armen Mitschüler! Schweige also!“ -- Doch Fritz dachte gar nicht

an Verteidigung. Er war wie gelähmt und nahm wortlos das harte Urteil

hin: Zwei Stunden Karzer und Bestätigung vom Vater. -- Als er stumm

auf seinen Platz zurückging, knarrte ihm die böse Stimme nach: „Ein

verstockter Sünder! Nun, ich hoffe, daß dir dein Vater das Verständnis

für die Tragweite deiner Handlungsweise erschließen wird! Haha!“ Die

Klasse gröhlte pflichtschuldig Beifall. Kolarczik aber warf ihm hinter

vorgehaltenem Buch einen Blick voll teuflischer Schadenfreude zu.

Und zufällig war am selben Vormittag die Mutter in der Schule und

hörte vom Direktor brühwarm die empörende Nachricht. Sie empfing den

Knaben zu Hause, bleich und bebend vor Entrüstung, sprach nur wenige

schneidende Worte und schickte ihn in die kalte Küche, um die Heimkehr

des Vaters abzuwarten. „Ich schlage dich nicht -- o nein! Das kann der

Papa besser! Warte nur, bis er kommt!“

Der Vater kam gerade diesmal mit arger Verspätung, müde und hungrig,

und war doppelt wütend, daß er noch mit Erziehungsfragen aufgehalten

wurde. Er fand den Buben halb ohnmächtig von dem stundenlangen Warten

auf die Exekution. Irgendeine Verteidigung ließ der Vater so wenig zu,

wie es die Mutter getan hatte. Der Fall lag ja sonnenklar. Und die

Züchtigung fiel darnach aus. Mehr noch als die gewiß vollwichtigen

Prügel schmerzte den Jungen aber die furchtbare Beschimpfung: „Ehrloser

Schuft!“ -- Und doch erfüllte ihn das Bewußtsein, daß er alle die

Qualen zu Unrecht erduldete, mit grausamer Freude. Er zog nicht einmal

Gretl nachher ins Vertrauen, auch Nanni und Betty nicht. Dieses stumme

Leiden tröstete ihn.

31

Weitaus der feinste Mann der kleinen Stadt war der Graf Orlofsky. Zwar

hatte sein Vater eine geborene Krakauer geehelicht und er selbst eine

Tochter der weitbekannten Bankiersfirma Pollack & Cie. heimgeführt.

Doch war aus dem Goldbad dieser beiden Verbindungen der alte Adel im

Glanze neuer Reichtümer hervorgegangen. Der Graf besaß in der Umgegend

riesige Güter und hatte sich in der Stadt ein prunkvolles Haus gebaut.

„Das Palleeh“ hieß es bei den Einwohnern und galt allgemein als

Richtungspunkt. Fragte einer der seltenen Fremden einmal nach dem

Wege, so erhielt er unweigerlich die Auskunft: „Da gehen Sie bis zum

Palleeh -- Sie wissen doch, vom Herrn Graf Orlofsky -- und dann rechts

-- oder links hinunter -- oder grad gegenüber, die schmale Gasse ...“

Der Graf veranstaltete für seine sechs Kinder eine Tanzstunde. Und da

er stark demokratische Neigungen hatte -- die wohl begreiflich waren,

denn weder er noch seine Kinder wurden von der Vollblutaristokratie als

gleichwertig betrachtet -- so wurden auch „Bürgerliche“ hinzugezogen.

Zunächst einmal der jüngere Sohn des Herrn Geheimen Kommerzienrats

Jonathan. Das war eine unerhört reiche und dementsprechend vornehme

Familie, die seit Jahren ständig die Verleihung des Adels erwartete

und nur in den allerfeinsten Kreisen verkehrte. Die Söhne waren

unweigerlich Klassenerste und ließen sich nach der Schule gerne vom

livrierten Groom mit gesattelten Pferden erwarten, um die fünfhundert

Meter bis zum elterlichen Hause in kurzem Galopp zurückzulegen.

Nachmittags sah man sie oft die Stadt durchtraben. Den Mitschülern

gegenüber zeigten sie sich äußerst zurückhaltend und waren angesehen,

viel beneidet, aber kaum geliebt. Denn selbst durch noch so hündische

Unterwürfigkeit war ihnen nicht richtig beizukommen. Fritz hatte

nie eine Annäherung versucht und war ihnen stets verachtungsvoll

ausgewichen.

Auch Fritz und Gretl wurden zur Tanzstunde geladen. Denn der

Sanitätsrat war Hausarzt in der gräflichen Familie. Und als weitere

Bürgerliche endlich noch Karl und Lina, die Kinder des Musikmeisters.

Als der Vater eines Mittags mitteilte, daß die Kinder von nächster

Woche an die Tanzstunde besuchen sollten, -- er kleidete jede

Erlaubnis in die Form eines Befehls -- da erwartete er wohl einen

Freudenausbruch. Fritz aber schien die Aussicht auf den Zwang zu

ungeheuer seinem Benehmen wenig verlockend; er blieb stumm. Und Gretl

wurde durch seine abweisende Miene mißtrauisch gemacht. Sie traute

seinem erfahrenen Scharfblick immer noch blind. Da polterte der Vater

unwillig los: „Da hast du’s ja, Mama! -- Da möchte man dem Kerl einmal

eine Freude machen, und er sitzt da und verzieht keine Miene! Der

richtige Lehmpatzen -- gar keinen Funken Temperament!“ Die Mutter

stieß Fritz unter dem Tisch an und zischelte heftig: „So bedanke dich

doch!“ Fritz war glückselig, daß es ihm gelungen war, den Vater auf

ungefährliche Weise zu ärgern. Er erhob sich langsam und murmelte eine

gleichgültige Dankesformel: „Ich küss’ die Hand, ich danke schön!“

-- Der Vater ging böse aus dem Zimmer, die Mutter folgte ihm, nach

einem Strafblick auf den undankbaren Sohn. Kaum waren die Geschwister

allein, da erkundigte sich Gretl eifrig: „Was hast du? Freust du dich

nicht?“ -- „Ah, hör mir auf,“ meinte der Bruder wegwerfend, „mit den

adeligen Affen herumhopsen, das wird schön fad sein! Und der dumme

Esel, der Jonathan ist auch dabei! Paß nur auf, wie der stolz ist! Aber

ich erwisch ihn schon einmal, im Dunkeln wo, wenn er gar nicht wissen

wird, wer’s ist! Den box ich so in’ Magen, daß er gleich umfallt!“ --

Hier wurde Gretl ängstlich und glaubte abmahnen zu müssen. Doch Fritz

unterbrach sie: „Und hast du gesehn, wie sich der Alte gefuchst hat,

weil ich so wurstig war? Und die Alte hat mit den Augen geschmissen,

so!“ Und er schnitt greuliche Fratzen. --

In den nächsten Tagen wurde für Gretl eifrig eingekauft und

geschneidert. Sie bekam ein neues weißes Kleid, mit breiter

Seidenschärpe. Und feine Strümpfe und richtige Lackschuhe. Und

Galoschen, denn die Kinder mußten zu Fuß in die Tanzstunde gehen.

Junge Triebe: Roman · 第 4 / 18 段