Auch diese Unterredung hatte Fritz belauscht, bebend hin- und

hergerissen zwischen Haß und Ehrfurcht. Er fühlte genau, daß der Vater

ein furchtbares Unrecht begangen hatte und haßte ihn dafür. Daß er

das Unrecht mit keinem Wimpernzucken eingestand und durch verdoppelte

Strenge deckte -- das zwang dem Jungen ehrfürchtige Scheu ab.

Felix stand vor dem Abitur, und einige mitleidige Lehrer hatten ihm

und dem Vater nahe gelegt, die Prüfung um ein Jahr zu verschieben.

Der Vater hatte schroff abgelehnt, der Junge selbst sich in wütendem

Ehrgeiz geweigert. Nun saß er bis tief in die Nächte und lernte

verbissen. Die Mutter steckte ihm heimlich Leckereien zu. Der Vater

hatte nie ein Wort des Lobes oder der Anerkennung.

Die Autorität im Hause war glänzend wieder hergestellt.

23

Felix hat das Abitur mit Auszeichnung bestanden. Die Lehrer, die

Freunde und Bekannten, der Herr Rat vor allem, sind überschwenglichen

Lobes voll über die wunderbare Leistung. Die Mutter ist stolz und

glücklich. Der Vater sagt nur: „Du hast einfach deine Pflicht getan!“

und läßt sich lange bitten, bevor er erlaubt, daß der Herr Rat den

Jungen auf eine Alpenreise mitnimmt.

Fritz hat das erste Gymnasialjahr hinter sich und ist als

Klassendritter versetzt worden. „Berühmt ist das nicht -- die nächste

Zensur muß besser werden, das bitt’ ich mir aus!“ Das war des Vaters

Urteil. Es hatte wilden Trotz in Fritz geweckt, doch wagte er ihn

nicht zu zeigen. Oder doch nur außer Haus. So, als ihn die alte

Witwe Hausotter, in deren Kramladen er Knallerbsen, Knallblättchen,

Blasrohrerbsen und ähnliches Zubehör zu kaufen pflegte, mit einem

Wortschwall überschüttet: „Nein, der Herr Sanitätsrat muß aber eine

Freude haben! Solche brave Kinder! Alle Auszeichnung und Auszeichnung!

Der Herr Max, der Herr Soldat lernt doch auch so gut! -- Wenn ich mir

denk, der Meinige! Vierzig Fehler hat er mir wieder im Aufsatz gemacht,

das Gurkengesicht, das elendige!“ Da hatte er bitter geantwortet: „Mein

Vater ist gar nicht so begeistert -- er sagt, das muß viel besser

werden!“ -- War stolz hinausgegangen und hatte die gutmütige Alte in

sprachloser Ehrfurcht zurückgelassen.

24

Felix hat die Universität bezogen, mit einem schmalen Monatswechsel,

doch mit einem überreichen Schatz an Ermahnungen, Vorschriften und

Verboten ausgestattet. „Das nächtelange Herumsaufen verbiete ich

unbedingt! Ich dulde es nicht! Du ißt deine bescheidene Mahlzeit, und

darfst meinetwegen abends einen Schoppen Bier dazu trinken -- mehr

keinesfalls -- und gehst dann sofort in dein Quartier! Verstanden?“

So der Vater. Felix hatte demütig zugestimmt. -- Doch kurz vor der

Abreise, als Fritz ihm neidisch beim Einpacken zuschaute, hatte er

sich doch zu einer lästerlichen Bemerkung hinreißen lassen: „Verbieten

... Ich dulde es nicht ... ich befehle! -- Ein Schoppen Bier,

lächerlich! -- Ich werd ihn schon nicht um Erlaubnis fragen! Ich bin

jetzt Student!“ Dann hatte er, erschrocken über die eigene Kühnheit,

abgebrochen und in Fritzens Gesicht zu lesen versucht, ob der wohl

das übereilte Vertrauen mißbrauchen würde. Doch Fritz dachte nicht an

Verrat. Er begrüßte die Auflehnung und fand eine fast schmerzhafte

Freude darin, die unnütz übertriebenen Verbote zu verlachen. Dann war

der Herr Rat mit Felix nach Wien gefahren. Die Tafelrunde zu Hause war

nun klein: Der Vater saß mit dem Rücken zum Fenster, zu seiner Rechten

Gretl, links die Mutter, Fritz, im vollen Licht, ihm gegenüber. Bei den

Mahlzeiten regnete es Erziehungsmaßnahmen: „Wie hältst du den Löffel,

zum Donnerwetter! So ißt kein anständiger Mensch! -- Da, schau dir

die Gretl an, wie die geschickt und sauber ißt!“ -- Fritz hat den Kopf

tief über den Teller gebeugt und schielt giftig nach Gretl hinüber:

sie macht es genau so wie er, aber er wird geschimpft, und sie gelobt.

Wilder Haß steigt in ihm auf. Er wartet, bis der Vater wegsieht,

rutscht vorsichtig auf seinem Sessel vor und schickt der Schwester

quer übers Eck einen wütenden Fußtritt hinüber. Fein getroffen, ins

Schienbein! Das tut sicher verdammt weh! Der Vater hat nichts gemerkt,

wohl aber die Mutter. Sie beginnt ein entsetztes Augenspiel. Gretl

ist zusammengezuckt, ihr Gesicht verzieht sich krampfhaft, sie möchte

weinen, unterdrückt es aber mit aller Gewalt. Nur zwei Tränen kugeln

ihr langsam über das gute, runde Gesichtel. Der Vater merkt nichts.

Der Aufbau von Karaffen und Kelchgläsern zu seiner Rechten engt das

Gesichtsfeld ein, und Gretl hält sich hinter dem Bollwerk versteckt.

-- Fritz weiß genau, wenn sie jetzt laut weint, oder wenn der Vater

ihr stummes Weinen merkt, dann gibt es furchtbare Prügel. Im Jähzorn

überlegt der Vater nie, wohin er schlägt, und wie stark. Todesangst

sitzt in dem Jungen, lähmende Angst, und doch auch wonnig kitzelnd.

Aber der Vater merkt nichts. Und Gretl petzt nicht. Sie hat das Weinen

unterdrückt und wirft, aus nassen Augen, dem Bruder nur kurz einen

vorwurfsvollen Klageblick zu.

Nachmittag beim Spaziergang erzählt er ihr stundenlang vom „Krieg“

-- wie er, allein, in die von künstlichem Feuer umgürtete Burg des

tschechischen Hauptmanns eingedrungen sei, ihn bekämpft Und überwunden

habe. -- Die Siegfriedsage. --

25

Fritz hat in seiner Klasse zwei Freunde gewonnen, den Kolarczik Oskar

und den Schneider Josef, beide recht üble Bürschchen von etwas dunkler

Abstammung und entschieden mangelhafter Erziehung. Nach Hause darf er

sie nicht mitbringen, denn sie essen alles mit den Fingern und sind

durchaus nicht sauber gewaschen. Darum hat ihm die Mutter, nach einem

ersten probeweisen Besuch, den Verkehr mit ihnen überhaupt verboten.

Natürlich trifft Fritz sie nun gewissenhaft auf dem Wege von und zur

Schule, hat sich in der Klasse einen Platz in ihrer Nähe gesichert,

teilt sein reichliches Frühstücksbrot mit ihnen, und bringt die kurzen

Stunden, die er sich nachmittag, unter irgendwelchen lügenhaften

Vorwänden, von Hause fortstehlen kann, mit ihnen zu. Das Spielen im

Freien ist ihm nämlich nicht erlaubt, ebensowenig der Besuch von nicht

bei ihren Eltern wohnenden Schulkameraden, und auch diese Besuche nur,

wenn erstens die Eltern anerkannt würdige Leute sind, und zweitens eine

richtige Einladung erfolgt ist. Diese förmlichen Nachmittagsbesuche

aber sind Fritz ein Greuel, denn unglücklicherweise haben die

Leute, die den Eltern als Verkehr zusagen, meist gräßlich zahme und

langweilige Musterkinder. Doch Widerspruch gibt es nicht. „Deinen

Verkehr haben wir zu bestimmen,“ sagt der Vater. „Ich dulde es nicht,

daß du dich mit Gassenbuben herumtreibst!“

Also gibt Fritz nun fast täglich in den späten Nachmittagsstunden

Übungen des Schülerchors vor, dem er tatsächlich angehört. Dagegen

können die Eltern nichts einwenden, denn der Schülerchor ist das

Steckenpferd des Rektors, und dieser ruft die Jungen wirklich weit

öfter zu Übungen zusammen, als im Unterrichtsplan vorgesehen ist. Dort

steht nur eine Gesangsstunde wöchentlich. Die leiseste Weigerung der

Eltern, ihre Kinder an diesen häufigen Proben teilnehmen zu lassen,

würde der Rektor als persönliche Beleidigung auffassen. Das alles weiß

Fritz genau, weiß auch, daß die Mutter also nie bei ihren Erkundigungen

in der Schule ein Wort über die vielen Gesangsstunden wagen würde. So

lügt er munter los und weiht die gewonnene Zeit den Freunden. Entweder

in dem weiten, alten Stadtpark, bei wilden und verruchten Spielen,

oder, lieber noch, in dem dumpfigen, düsteren Hinterzimmer, das die

beiden als „Koststudenten“ bei einer ältlichen Witwe zweifelhaften

Gewerbes bewohnen. Das Haus, alt und winkelig, liegt in einem elenden

Seitengäßchen des Armeleuteviertels. Es hat steile, enge Stiegen,

wahre Hühnerleitern, schmale, nie gelüftete Flure, auf die zahllose

Kleinwohnungen münden. Es riecht nach unnennbaren Speisen, und ewig

gibt’s Krawall -- Kinder werden geprügelt, Weiber zanken, oder Eheleute

liegen sich in den Haaren. Fritz keucht jedesmal vor Aufregung, wenn

er bei seinen Freunden landet. Wenn er gesehen und erkannt würde!

Der Vater! -- Aber die Witwe freut sich über den feinen Besuch,

tätschelt ihm wohlwollend den Kopf und sagt schmeichelhafte Dinge.

Und die Freunde ehren den Patriziersohn auf ihre Weise, indem sie

die Leckerbissen, die er mitbringt, überschwenglich loben, und gierig

verschlingen.

Kolarczik ist übrigens fast fünfzehn, reichlich drei Jahre zu alt für

seine Klasse. Sein Bildungsgang ist etwas verworren, um so reifer seine

Weltanschauung. Er hat Kenntnisse von Wein, Weib und Gesang, die, im

zweiten Punkt, wohl anatomisch falsch oder unvollständig, jedenfalls

aber von keinerlei schamhafter Zurückhaltung getrübt sind. Er weiß

zahllose Liedlein, die mit kerniger Eindeutigkeit geheime Vorgänge

schildern, und singt sie gern mit seiner brüchigen Wechselstimme. Fritz

und Schneider Josef müssen die Kehrreime mitsingen. Fritz versteht

kaum den zehnten Teil -- er ist gänzlich unwissend in geschlechtlichen

Dingen, wenn ihn auch längst schon Ahnungen peinigen. Zu fragen wagt er

nicht, weil er sich keine Blöße geben will. Irgendwann einmal verrät er

aber doch in einer unüberlegten Bemerkung, die gerade recht großspurig

wüst klingen sollte, seine völlige Unschuld. Die Freunde verlachen

ihn furchtbar, lassen sich aber schließlich herbei, ihm auf ihre Art

Bescheid zu sagen. Fritz hört mit heißen Wangen zu. Seine Achtung vor

Vater und Mutter bekommt einen furchtbaren Stoß. -- Schöne Sachen

treiben die! Deswegen darf er nie ins Schlafzimmer!

Die Enthüllung beschäftigt ihn nachhaltig und bei irgendeiner

Gelegenheit vermag er der Versuchung nicht zu widerstehen, der

Schwester gegenüber sein Wissen wenigstens anzudeuten. „Was denn --

der Storch! Sei doch nicht so blöd! -- Die Kinder werden der Mutter

aus dem Bauch geschnitten, daß du’s weißt!“ Gretl horcht, wie immer,

gläubig und mit regster Anteilnahme. Irgendwelche Vorstellung verbindet

sie mit dem Gehörten nicht.

Kurz darauf kommt Fritz eines Mittags aus der Schule nach Hause; im

Vorraum läuft ihm Gretl arg verweint in den Weg und macht ihm ein

flehendes Warnungszeichen. Doch da ist schon die Mutter zur Stelle,

mit merkwürdig verbissenem Gesicht -- wenn sie die Zungenspitze so

zwischen die Zähne klemmt, dann gibt’s was -- faßt den Jungen hart

am Arm und führt ihn in die kalte Küche, ganz am Ende der Wohnung.

Dort liegt schon ein Rohrstock bereit. Ein kurzes Verhör: „Wie darfst

du dich unterstehen, der Gretl so unerhört unanständige Sachen zu

erzählen? Und so unverschämte Lügen!?“ -- „Aber was ist denn ... ich

hab doch nix gesagt ... ich ...“ stottert Fritz, der wirklich nicht

weiß, was los ist. Er denkt an den „Krieg“ -- aber das wär doch nicht

so schlimm? -- Die Mutter schüttelt ihn: „Lüg’ nur nicht! Mir machst

du nichts vor! -- Was sagst du? es nicht wahr, daß der Storch die

Kinder bringt? Und was hast du noch gesagt?“ -- Die Stimme bricht ihr

vor Wut und sie beginnt zu schlagen, lange und mitleidslos. Der dünne

Rohrstock zieht schmerzhafte Striemen über Rücken, Arme und Beine.

Fritz heult furchtbar und denkt dabei doch noch entsetzt, ob wohl

„alles“ herausgekommen sei, die Besuche bei den Freunden und das.

Endlich hört die Mutter atemlos auf und fragt ihn abgerissen, böse:

„Wirst du sowas noch einmal sagen? Ha?“ Fritz schüttelt heulend den

Kopf. „Wer bringt die Kinder?“ -- Fritz wagt nicht gleich zu antworten,

er wittert eine Falle. Doch da klatscht schon eine böse Ohrfeige und er

stößt fast schreiend heraus: „Der Storch!“ Die Mutter geht hinaus --

er wartet eine Weile, trocknet sich krampfhaft die Augen und schleicht

dann in die Vorderwohnung. Im Kinderzimmer sitzt Gretl in einem Winkel

und weint still vor sich hin. Fritz fühlt giftigen Haß gegen die

Schwester. Er zischt: „Was ist los? Hast du gepetzt?“ -- Gretl verneint

entsetzt und weint weiter. Er muß sie erst mit einem saftigen Puff zum

Sprechen bringen. Dann kommt stockend die Wahrheit: Gretl hat ihren

Schulfreundinnen, den Zwillingen des Apothekers, Fritzens Entdeckung

weitererzählt. Und die Frau Apotheker ist sich zur Mutter beschweren

gekommen. ‚So leid es ihr tue, müsse sie ihren Mäderln wohl den Verkehr

verbieten, denn solche Sachen ...’ Und die Mutter hatte sofort Gretl

vorgenommen, und die mußte wohl oder übel eingestehen, woher ihr das

Wissen gekommen war. Und Gretl hatte, zum ersten Male, einen Hieb

bekommen: „Da schau!“ jammert sie, und zeigt einen blaßroten Streifen

auf dem Unterarm. „Ja, da schau!“ äfft Fritz wütend nach, streift die

Strümpfe von den Beinen und zeigt ihr die breitaufgeschwollenen dunklen

Striemen. „Dumme Gans, mußt du alles gleich weitertratschen! Ich könnt

dich so dreschen!“ -- „Und es ist alles gar nicht wahr!“ trumpft

Gretl auf. Doch gleich fällt ihr ein, was die Mutter noch gesagt hat:

„Und die Schande, wenn die anständigen Kinder gar nicht mehr mit mir

verkehren dürfen! Und nur wegen dir, weil du mich so angelogen hast!

Alles gar nicht wahr!“ Fritz kämpft mit dem wütenden Wunsch, den

Vorwurf zu widerlegen. Er weiß genau, daß das mit dem Storch dummer

Schwindel ist. Doch die Selbsterhaltung siegt. Wenn Gretl wieder

klatscht, dann schlagen sie ihn wohl tot. Aber irgendwie muß sich seine

Wut Luft machen. „Ah du, Kohlhobel, verdammter!“ flüstert er. „Seitdem

du auf der Welt bist, ist es nimmer schön für mich! Früher, da war der

Vater gut zu mir, und hat mich in Schutz genommen. Und jetzt krieg ich

Dresch’, und Ohrfeigen, und Schimpfe -- alles wegen dir! Bis ich mich

einmal umbring’!“ Und er heult auf, vor Mitleid mit sich selbst. --

Da ist Gretl schon bei ihm, streichelt ihn, spricht ihm zu. „Ich kann

doch nix dafür, schau, Fritzl, ich kann doch nix dafür!“ Und sie weint

herzbrechend. Fritz muß sie schnell beruhigen, denn er hört den Vater

nach Hause kommen. Die Mutter ist bei ihm im Zimmer. Nun sitzen die

Kinder, käseweiß, zitternd, und warten, was noch kommen soll.

Doch es kommt nichts mehr. Der Vater ist finster, erwidert den Gruß

nicht, spricht bei Tisch kein Wort -- aber es geschieht nichts weiter.

Als ob er gar nichts wüßte. Und die Mutter hat es ihm doch ganz

bestimmt gesagt. Und in Fritz regt sich, ganz geheim und schüchtern

vorerst, ein neuer Gedanke: „Aha, er schämt sich -- weil ich die

+Wahrheit+ weiß! -- Aber die Mutter? -- Gott, die Mutter -- die kann

halt besser lügen!“

Nach Tisch, während die Eltern Siesta halten, schleicht Fritz zur

alten Nanni in die Küche und klagt ihr sein Leid. Er zieht Jacke und

Hemd aus, zeigt ihr den übel zerschlagenen Rücken. Die Alte stottert

vor Erbarmen: „Aber mein Gott im Himmel, so därf man a Kind doch nie

schlagen ... und wegen sowas ... Jesus Maria, ich därf ja nix sagen

... aber Fritzerle ...!“ Sie weint über ihm, und auch Fritzens Tränen

fließen neu, doch diesmal sind sie süß. Die Alte holt Läppchen, tränkt

sie in Öl, reibt leise, vorsichtig die bösen, dunkelblauen Striemen

ein. Betty, das Stubenmädchen, kommt vom Aufräumen aus dem Eßzimmer

und beteiligt sich an dem Liebeswerk. Ihre Augen glitzern. Fritz

fühlt an seinem bloßen Fleisch da und dort die Berührung des weichen

Mädchenkörpers und ein ungekanntes Gefühl durchrieselt ihn. Sein Wissen

um lasterhafte Geheimnisse wird rege.

Im Schlafzimmer sagt derweil die Mutter zum Vater: „Ich habe ihn fest

durchgewichst. Das wird er sich wohl merken!“

26

Fritz geht es in der Schule nicht gut. -- Nicht, daß er dumm wäre. Die

Lehrer sind sich einig darüber, daß er sogar „einen sehr guten Kopf“

hat. -- Aber sie wissen alle, daß er faul ist, die Hausaufgaben meist

erst in der Schule macht, kurz vor Beginn des Unterrichts, oder sogar

während der Stunde, in der er geprüft werden soll. Manchmal erwischen

sie ihn, meist aber rettet ihn sein gutes Gedächtnis, und er rutscht

an dem „Ungenügend“ vorbei. Auch ist er unaufmerksam, und schwätzt,

und zeigt gelegentlich Ansätze zu Unbotmäßigkeit und frecher Kritik.

Der Ehrgeiz und der verbissene Lerneifer seines älteren Bruders Felix,

rühmlicher Erinnerung, sind ihm fremd.

Darum lieben sie ihn nicht und zwicken ihn gern. Wenn Vater oder Mutter

in die Schule kommen, um nachzufragen, dann erhalten sie unerfreulichen

Bescheid: „Der Junge ist begabt, er könnte viel leisten. Aber er

hat zuviel Allotria im Kopf! Er müßte wohl kürzer gehalten werden!“

Die Eltern hören den Vorwurf heraus -- als ob sie dem Jungen zuviel

Freiheit ließen -- und ärgern sich wütend. Besonders der Vater. Ihm

zeigt der Junge bei den eindringlichsten Strafpredigten, doch auch

sonst meist, ein fast dämlich starres Gesicht, hört wortlos, mit

niedergeschlagenen Augen, alles an -- Ermahnungen, Drohungen, Verbote,

Befehle. Der Vater fühlt, daß diese augenscheinliche Fügsamkeit eine

Maske ist, hinter der sich Auflehnung oder Trotz verbergen mögen.

Doch scheint ihm der Gedanke so ungeheuerlich, daß er es vorzieht,

den Jungen für einen Schleicher und Duckmäuser zu halten, für ehrlos

kurzum. Das sagt er ihm auch immer wieder, und Fritzens Liebe für ihn

wird dadurch nicht gesteigert, doch seine Ehrfurcht nimmt Schaden. „Der

Alte kann lang reden,“ sagt Fritz dann verächtlich zur Schwester, „der

weiß viel, wer ich bin!“ Und er erzählt ihr vom Krieg.

Der heimliche Verkehr mit den Freunden dauert an. Fritz hat ihnen

erzählt, daß er wegen der Storchgeschichte Prügel bekommen hat. Das hat

ihren Spott geweckt, aber doch auch eine gewisse Hochachtung vor dem

feinen Haus, in dem die Naturgesetze willkürlich abgeleugnet werden.

Zum Überfluß hat Fritz ihnen anvertraut, daß er gar nicht der richtige

Sohn seiner jetzigen angeblichen Eltern ist, sondern ein Grafenkind,

und daß er bis zu seinem zehnten Lebensjahr auf einem riesigen Gut,

tief drinnen in Ungarn, aufgewachsen sei, mit Pferden, Hunden und Jagd.

„Kannst du auch Ungarisch?“ fragen sie ihn. „Natürlich,“ sagt er stolz

und spricht einige Sätze eines selbsterfundenen Kauderwelsch. Dann

erzählt er von Bayard, seinem Lieblingsroß, von den Fuchshetzen und der

Jagd auf Bär und Eber, nur mit dem kurzen Spieß und den treuen Hunden.

Er kommt ins Feuer beim Erzählen, und die Freunde hören ihm gerne zu.

Ihr Stillschweigen hat er sich durch furchtbaren Eid gesichert.

Kolarczik fühlt, daß er sein Ansehen als Ältester wahren muß, da ihn

Fritz sonst ganz in den Schatten stellt. Darum erzählt er von seinem

Vater, der sich totgesoffen habe. „Im Irrenhaus ist er gestorben. Die

Ärzte haben gesagt ~Desiderium tramons~ oder sowas.“ „~Desiderium~,“

so weit reichten grade noch die Lateinkenntnisse der drei. Weit

entfernt von jeder moralistischen Ablehnung, empfinden sie vielmehr

tiefe Ehrfurcht vor der merkwürdigen Todesart. Kolarczik hat wieder

das Übergewicht. Der Grafensohn ist beinahe ausgeglichen. Sie möchten

selbst zu trinken anfangen, aber das Geld reicht nicht dazu. Fritz

hat zehn Pfennige Monatsgeld. Sein Vater sagt: „Essen, trinken,

schlafen kannst du zu Hause, Bücher und Kleider werden dir gekauft --

also brauchst du kein Geld!“ Hin und wieder steckt ihm wohl der Herr

Rat oder sonst ein Freund des Hauses ein paar Groschen zu, vielleicht

gar eine Mark. Doch das sind seltene Glücksfälle. Und die Schulbücher

kann man doch nur zu Ende des Jahres verkaufen. Schließlich ergibt

sich ein Ausweg: Schneider Josef gehört zu den armen Schülern, die

vom Hilfsverein für freien Mittagstisch oder monatliche Unterstützung

empfohlen werden. Nun setzt es Fritz bei der Mutter durch, daß er

sich monatlich einen Taler holen darf. Schneider Josef tut natürlich

begeistert mit; so oft er aber seine Spende einkassiert hat, lauert

ihn Fritz auf der Treppe ab und läßt sich sein Drittel, eine Mark,

auszahlen. Dann geht es auf der finsteren Studentenbude ein paar Tage

lang hoch her, mit Bier, Rollmöpsen und Zigaretten. Wein ist zu teuer,

und Schnaps ist zu scharf. „Aber von Bier muß man so viel trinken,

bis man richtig besoffen ist,“ meint Kolarczik. „Das ist fad! -- Ihr

habt’s doch so einen großen Weinkeller -- schau halt, daß du ein paar

Flaschen klauen kannst!“ Fritz wehrt sich zunächst -- die Gefahren des

Unternehmens sind ungeheuer. Aber die Freunde lassen nicht nach: „Ein

schöner Grafensohn!“ höhnen sie. „Wenn’s einmal heißt, Kurasche haben,

macht er in die Hosen!“ Das gibt den Ausschlag. Kurz darauf bringt

Fritz zwei dickverstaubte Flaschen an. Mehr hat er nicht unbemerkt

fortbringen können. Es ist uralter Bordeaux, ganz trüb vom Schütteln.

Sie trinken ihn aus schlechtgespülten Biergläsern und singen wüste

Lieder dazu. Die Witwe kommt herein und tut mit. Sie setzt sich neben

Kolarczik, der sie dreist anfaßt, schlenkert mit den Beinen, daß man

die groben, blau und weiß geringelten Strümpfe bis zum Knie hinan

sieht. Sie ist recht unsauber und riecht stark. Fritz ist dabei übel

zumut. Er fühlt sich als todeswürdiger Verbrecher, hat entsetzliche

Angst vor Entdeckung -- und ist doch prickelnd aufgeregt und stolz. --

Bevor er nach Hause geht, rennt er im bloßen Rock in der Winterluft auf

und ab und kaut Pfefferminz, um den Tabak- und Weingeruch loszuwerden.

In der Dienstbotenkammer zieht er rasch den Hausanzug an und versteckt

die verrauchten Kleider. Betty ist ihm beim Umziehen behilflich, mit

merkwürdig eindringlichen Griffen. Fritz hält sich zeitweilig an ihrer

Brust an, und sie läßt es geschehen. „Die ist verrückt auf mich!“ denkt

er. Aber sein Sieg macht ihm Angst.

27

Kolarczik und Schneider haben, trotz Eid, das Geheimnis von Fritzens

hochadliger Abstammung nicht gewahrt. -- Bei der Witwe erscheint des

öfteren ein Schlossergesell, begeisterter Gelegenheitsarbeiter und

Brotzeitmacher, im Nebenberuf wüster Lebemann. Den haben die beiden

ins Vertrauen gezogen, er aber hat die Enthüllung mit brüllendem

Hohngelächter aufgenommen. Er kennt, wie die ganze kleine Stadt, den

Sanitätsrat und seine Familie genau, kann sich an Fritzens und seiner

Brüder Geburt und Kinderjahre genau erinnern und läßt keine Silbe von

Fritzens kühner Dichtung bestehen. Letzte Zweifel der Buben zerstreut

er, indem er seinerseits die Witwe als Zeugin anruft. Die stimmt

ihm natürlich bei und verspottet die Jungen wegen ihrer unerhörten

Leichtgläubigkeit: „Na, ihr seid’s mir schöne Eseln! Wenn ihr auch vom

Dorf hereingekommen seid’s -- aber +so+ blöd braucht’s ihr euch doch

nicht anschmieren lassen! -- +Der+ ein Sohn von einem Grafen! -- Ich

weiß noch wie heut -- die Frau Czepinka, die Hebamme, hat ihn gebracht

-- damals haben sie am untern Markt gewohnt, in dem großen Haus, wo

unten der Sattler Malik die Werkstatt hat! Da schaut man’s wieder:

die Kinder von die feinen Leute! +So+ lügen! Ob ich mich nie schämen

möcht’!“

Gleich am nächsten Tage fielen sie über Fritz her und überschütteten

ihn mit hohnvollen Vorwürfen so beißend und unerschöpflich, daß er gar

nicht dazu kam, sie wegen des gebrochenen Eides zur Rede zu stellen.

Kolarczik schnitt ihm gleich das Wort ab: „Du mit deinem Eid! Du kannst

mir am Buckel steigen! So a Liegner! Weißt du, was du bist? Du bist a

großer Schöps! Das bist du!“

So hatte die Freundschaft ein jähes Ende. Furchtbare Drohungen wurden

ausgestoßen, doch blieb es dabei. Sie wußten gegenseitig zuviel „auf

einander“ und keiner konnte wirksam den andern verpetzen, ohne selbst

mit hineinzufallen. Eine kleine Genugtuung für Fritz war es, daß

er die Einstellung der monatlichen Unterstützung an Schneider Josef

durchsetzte. Zuerst hatte Kolarczik wohl gedroht, Fritzens Eltern

„alles zu sagen“. Aber Fritz hatte ihm wütend entgegengehalten, daß

erstens der Sanitätsrat einen so schmierigen Jungen wie den Kolarczik

gar nicht einmal anhören würde. Und wenn schon, und wenn er, Fritz,

auch totgeschlagen würde -- vorher würde auch +er+ noch „alles sagen“

-- von der Kostbude, und dem Verhältnis zu der Witwe, und alles

überhaupt -- und dann würden sie alle aus der Schule hinausgeschmissen,

und die Witwe würde sicher eingesperrt. Da hatten sich Kolarczik und

Schneider zähneknirschend gefügt. Denn des einen Mutter wie des andern

Vater befaßten sich zwar selten mit der Erziehung ihrer Sprößlinge,

dann aber höchst gründlich, und schlugen beide keine schlechte Klinge.

Und Fritzens Rachsucht kannten sie. Er war „ein Luder“!

Junge Triebe: Roman · 第 3 / 18 段