Eltern essen später. Dann sitzen die Kinder unter der Hängelampe am
Mitteltisch, die einen scharfen Lichtkegel herunterwirft und die Ecken
im Halbdunkel läßt. Der Weg zur Küche führt durch ein fensterloses
Durchgangszimmer, dessen Tür zum Kinderzimmer stets offen steht und das
abends samtig schwarz und böse hereinglotzt. Immer sitzen sie so, daß
Gretl die dunkle Türöffnung im Rücken hat, und Fritz ihr gegenüber.
Dann braucht er nur, während des Essens, das Besteck sinken zu lassen
und mit weitaufgerissenen Augen in die Finsternis zu starren, stöhnend:
„Was seh’ ich -- was seh’ ich!“ -- und Gretl weint auf, birgt entsetzt
das Gesicht in den Händen und rast wohl auch halb wahnsinnig vor
Angst hinaus, um bei der alten Köchin Trost zu suchen. Fritz gellt
ihr ein Hohngelächter nach und freut sich lasterhaft. Er weiß genau,
daß die Kleine, was sie sonst haßt, lieber lügen, als ihn je angeben
würde. Sie kann es nicht sehen, wenn er Prügel bekommt. Und prügeln
würde ihn der Vater furchtbar, käme es je zu Tage, daß er den kleinen
Liebling ängstigt. Aber Gretl petzt nicht, auch nicht in sinnlosester
Angst. -- Um sie zu versöhnen, muß er vom „Krieg“ erzählen. Einmal
nämlich hat er ihr, als kein anderes Beruhigungsmittel verfangen
wollte, mit Verschwörergeste anvertraut, er sei der Führer einer großen
Buben-Armee, die Nacht um Nacht den Jungen aus den tschechischen
Dörfern große Schlachten liefere. Sie mußte einen gräßlichen Eid
darauf schwören, daß sie das Geheimnis unverbrüchlich wahren wolle
-- auch auf der Folter, und bis zum Tode. Diese erste Lüge wagte er
nicht zu widerrufen, sie aber verlangte, vom Reiz des Geheimnisvollen
gestachelt, immer mehr, immer Neues zu wissen. Und er erzählte. Alle
Lesefrüchte aus finsteren Indianer-, Ritter- und Mordgeschichten, die
er sich von Schulfreunden geliehen, alle grausigen Mären, die er den
Dienstleuten abgelauscht hatte; aber auch alles, was ihm bei Tag und
Nacht, in Traum und Sehnsucht vorschwebte -- alles verwob er in seine
Erzählung vom „Krieg“. Waren die Kinder allein und ungestört, vor dem
Schlafengehen, oder bei den leidigen Familienspaziergängen, wo sie
vor den Eltern hergehen mußten -- immer drängte die Schwester, und
er begann flüsternd und geheimnisvoll zu erzählen, stets bereit, mit
gemachter Unbefangenheit das Thema zu wechseln, wenn Unberufene in die
Nähe kamen. Die Schwester hörte ihm gläubig und atemlos gespannt zu.
Der Junge genoß die Heldenrolle vollauf, doch verrannte er sich beim
Erzählen oft so heftig in seine Fabelwelt, daß ihm die Rückkehr zur
trüben Wirklichkeit -- Schulgang, Hausaufgaben und strengste Aufsicht
-- bitter schwer schien und er sich plötzlich einmal in jähem Ausbruch
den Tod wünschen konnte. Die kleine Schwester, ohne jede Ahnung der
Zusammenhänge, nahm ihn auch in seinen Selbstmordgedanken furchtbar
ernst, redete ihm weinend zu, bettelte und flehte, und war glückselig,
wenn er schließlich groß erklärte, er werde eben doch leben bleiben.
Sie liebte ihn sehr.
18
Wieder ist Sommer, und die Familie ist hinauf in das Landhaus gezogen.
Gretl hat eben schreiben gelernt und trägt in ein kleines Notizbuch
in kurzen Schlagworten alles Unrecht ein, das Fritz oder Felix ihr
tun. Diese Buchführung soll eine furchtbare Drohung sein, bleibt es
aber nicht lange, denn es zeigt sich, daß die Kleine ihr Büchlein
vor Vater und Mutter ängstlich geheimhält. Einmal nennt Fritz sie im
Streit „Krüppel“. Die Kleine hört eine furchtbare Beschimpfung aus
dem ungewohnten Wort heraus, holt zitternd ihr Büchlein und beginnt
zu schreiben. Über der Anstrengung, die großen, ungelenken Buchstaben
in den engen Raum zu pressen, versiegen ihre Tränen und schließlich
überschaut sie mit listigem Lächeln ihr Werk. Da reißt ihr Fritz das
Buch aus der Hand, klettert damit auf einen hohen Schrank und liest,
während sie unten in höchster Wut tanzt, die Eintragung: „Fiz mir eimal
Griebel sagt.“ Brüllendes Hohngelächter, in das auch Felix gnädig
einstimmt, der eben hinzukommt. Gretl ist außer sich vor Zorn, spuckt
nach Felix, beißt Fritz ins Bein und rennt schließlich, als sie ihr
liebes Büchlein wieder hat, davon und versteckt sich im Garten.
19
Max ist, seit Jahresfrist zum ersten Mal, auf Ferien gekommen. Er ist
noch immer der stämmige, gelenkige Knirps, und der vorschriftsmäßig
glattgeschorene Rundkopf und die aufs Wachsen berechnete Kommiß-Uniform
lassen ihn etwas dürftig erscheinen. Aber er fühlt sich gewaltig und
zeigt mit namenlosem Stolz den Mittelfinger der rechten Hand, an dem
er sich bei irgendeiner höchst überflüssigen Verrichtung den Nagel
abgequetscht hat. Die Fingerkappe ist kugelig verdickt, der neue Nagel
bleistiftstark und hart wie Stahl. „Probiert’s einmal,“ sagt er zu
den Brüdern, „schneidets ihn ab, mit der Schere oder mit dem Messer,
da!“ Und sie können es nicht. „Den muß ich mir immer mit der Laubsäge
absägen! Mein Lieber!“ So trumpft Max auf, und die Brüder horchen stumm.
Fritz trägt an einer furchtbaren Enttäuschung --, er hat fest daran
geglaubt, daß Max Pferde mitbringen würde. Oft und oft hatte er es
sich sogar ausgemalt, daß der Bruder überhaupt vierspännig anfahren
würde. Als er ihn dann, klein und unscheinbar unter den vielen
großen Menschen, aus dem Zuge klettern sah, verbiß er das Weinen und
klammerte sich krampfhaft an die Hoffnung, die Pferde, oder doch +das+
Pferd würden nachkommen. Zu fragen wagt er die ersten Tage nicht,
der Bruder ist ihm entfremdet und entrückt, er steht im Mittelpunkt
des Interesses, die Mutter hätschelt ihn, der Vater hört ihn gnädig
an und stellt sogar gelegentlich gönnerhafte Fragen. Felix zeigt ihm
höflichste Hochachtung, und Gretl staunt ihn mit runden Augen an. Das
ist nicht mehr der Max von einst. -- Nach geraumer Zeit erst beginnt
Fritz die Scheu zu überwinden, rafft sich zu Anspielungen auf, die
unbeachtet bleiben, und endlich zu einer unverhüllten Mahnung. Die
Antwort ist niederschmetternd: „Pferde, natürlich hab’ ich Pferde,
drei sogar, ich reit’ jeden Tag ein paar Stunden,“ lügt Max großartig.
„Aber ich werd doch +dir+ keins mitbringen, du kannst doch nichts damit
anfangen! So ein Tschuller!“ -- „Aber du hast doch versprochen ...“
wehklagt der Kleine. Doch Max bleibt unnahbar. „Ja, versprochen!“ höhnt
er. „Mit der linken Hand hab’ ich dabei eine Faust gemacht, das hast du
nicht gesehn. Da gilt das Versprechen nix! So ein Tschuller, laßt sich
anschmieren!“ Er brüllt vor Lachen, und Felix meckert höflich beflissen
mit. An Fritz nagt verbissene Wut.
Abends kommt der Vater vom Pirschgang mit einem starken Bock heim.
Bei Tisch erzählt er mit Jägerfreude alle Einzelheiten der Erlegung.
Die Familie lauscht andächtig, nur Fritz wetzt unruhig hin und her und
platzt in den allgemeinen Beifall hinein: „Bitt’ schön, der Max hat
aber gesagt, das ist eine Grausamkeit, so ein armes Reh erschießen, was
einem nix getan hat! Was das schon für eine Kunst ist, hat er gesagt!“
Mutter und Kinder sitzen starr vor Schreck. Felix wird totenblaß, er
weiß ja, daß Max tatsächlich einmal im Schlafzimmer die furchtbare
Lästerung ausgestoßen hat, weiß aber auch, daß sie gewiß nicht für des
Vaters Ohren bestimmt war. Wenn der Kleine ihn nun als Zeugen anruft
-- was soll er sagen? -- Max hat einen roten Kopf bekommen und wartet
bockig ab. Aus dem Augenwinkel schießt er dem Bruder einen Blick zu,
der nichts Gutes verspricht. -- Die Mutter möchte vermitteln, blickt
ängstlich auf den Gatten, vorwurfsvoll auf Fritz, mahnend auf die
anderen. -- Gretl hat nichts verstanden, doch spürt sie den allgemeinen
Druck und macht ängstliche Augen. Der Vater hat das unnahbarste
Hoheitsgesicht aufgesetzt, blickt wie aus Wolkenhöhen auf Max herab
und fragt mit starker Stimme: „Ist das wahr?“ -- Keine Antwort. Max
schweigt bockig. Und das übliche Donnerwetter hebt an: „Du bist der
größte Schafskopf, der mir je untergekommen ist.“ Die Stimme wird
heftiger, jetzt und jetzt muß es Hiebe setzen. Da rettet Gretl den
Bedrohten, indem sie in angstvollem Mitleid aufweint und den Kopf in
der Mutter Kleid verbirgt. Dem kann der Vater nicht widerstehen, er
nimmt das Mädel auf den Schoß, streichelt sie, spricht ihr zu. „Nicht
schlagen, Max! Nicht schlagen!“ schluchzt Gretl. „Aber nein, wer denkt
denn dran! Wein’ nur nicht!“ knurrt der Vater zärtlich. „Verdient
hättest du’s ja, Lausbub!“ Dies mit einem letzten Wutblick zu Max.
Doch das Gewitter ist gebrochen. Die Mutter greift rasch ein, schickt
Fritz zu Bett, winkt Felix, daß er dem Vater die lange türkische Pfeife
mit allem Zubehör zureiche, legt selbst die Abendzeitung zurecht und
nimmt dann Gretl auf den Arm, um sie ins Schlafzimmer zu tragen. Felix
und Max sitzen lautlos und atmen die starkduftenden Tabakwolken ein,
die hinter der Zeitung hervorwirbeln. Sie wagen weder zu lesen, noch
irgendein Brettspiel zu beginnen, noch gar miteinander zu flüstern.
Max zeigt nur unter dem Tisch eine furchtbar geballte Faust und winkt
vielsagend nach dem Bubenzimmer. -- Dort liegt Fritz mit weitoffenen
Augen im Dunklen. Die Mutter kommt nochmals nach ihm sehen, nachdem
sie Gretl zur Ruhe gebracht hat, setzt sich an den Bettrand und fragt
vorwurfsvoll, fast weinerlich: „Wie konntest du nur, Fritz, wie
konntest du nur?“ -- „Weil er mir kein Pferd mitgebracht hat! -- Und
weil er mich noch ausgelacht hat!“ gibt Fritz trotzig und ungerührt
zurück. Die Mutter erhebt sich kopfschüttelnd und läßt ihn allein.
Er liegt noch wach, als die Brüder eine Stunde später schlafen gehen.
Max möchte ihn leidenschaftlich gern prügeln, aber der Kleine zischt
giftig: „Trau dich nicht! -- Ich weiß noch ganz was anderes auf
dich!“ Da strafen sie ihn mit Verachtung. Max erzählt im Dunkeln,
ausdrücklich nur an Felix gewendet, wie es im Kadettenkorps den
Angebern ginge: „Der kriegt eine Decke über’n Kopf und wird so gehaut,
so gehaut, sag’ ich dir, daß er sich gar nimmer auskennt! Voriges Jahr
haben sie einen totgeschlagen, und niemand hat gewußt, wer’s war! Mein
Lieber!“ Das letzte ist eine faustdicke Lüge. Aber Fritz schaudert vor
Angst und die anderen fühlen es erfreut.
20
Der älteste und weitaus beste Freund der Familie ist der Kommerzienrat
Arnold, ein reicher Großkaufmann, alter Junggeselle und großer
Feinschmecker, der rundlich, vergnügt und behäbig von seinen Renten
lebt. Er liebt die Kinder sehr, doch Felix, den verschüchterten,
geduckten Jungen hat er ins Herz geschlossen. Ihm zuliebe kann er sich
sogar zu einem Widerspruch gegen den Vater aufraffen, in dem er sonst
den Gewaltmenschen ein wenig fürchtet und zugleich den Arzt seines
Vertrauens verehrt. -- Alljährlich bringt er ein paar Sommerwochen
in Weißwasser zu, dem Landhaus der Familie. Altväterisch kommt er
im eigenen Wagen angefahren, mit großen, alten Lederkoffern, deren
unergründliche Tiefen für jedes der Kinder, doch auch für die alten
Dienstleute gediegene Geschenke bergen. Ein Herzleiden verbietet ihm
weite Bergwanderungen, doch zwingt ihn Rücksicht auf sein Wohlbefinden
mehrmals täglich zu kleinen Verdauungsspaziergängen, auf denen
er sich gerne von einem oder zwei der Kinder begleiten läßt. Das
entmenschte, lallende Kauderwelsch, das viele Erwachsene für die
richtige Verkehrssprache mit Kindern halten, liegt ihm nicht. Er nimmt
die Kinder richtig ernst, hört ihren Erzählungen aufmerksam zu und gibt
gewichtigen Rat, wie ein böses Steckenpferd zu bändigen, oder eine
schlechtschießende Holzpistole zu verbessern sein könnte. Gelegentlich
läßt er sich auch in Spiele mit hineinziehen, doch immer nur in
passiven Rollen, die keinerlei Bewegung erfordern. So läßt er sich
gern als wilder Elefant mit größter Vorsicht beschleichen und lebendig
fangen, während er in Wahrheit auf einem schattigen Aussichtsplätzchen
seine Morgenzigarre raucht. Am liebsten aber schmiedet er Knittelverse,
in denen die Ereignisse des Alltags festgehalten werden. Dabei tut
Fritz mit größter Begeisterung mit. Er behält alles nach einmaligem
Zuhören und trägt oft abends, nach Tisch, lange Dichtungen vor. Dann
lachen alle, der Vater schmunzelt geschmeichelt, lobt ihn, schenkt
ihm einen Groschen oder läßt ihn auch, was mehr gilt, einen Schluck
Wein trinken. Abends ärgern ihn dann die Brüder im Schlafzimmer. Felix
aus Eifersucht, weil er den Kommerzienrat als seinen persönlichen
Schutzpatron betrachtet, und Max, weil ihm Verse ein Greuel sind. Und
beide aus Neid, weil ihn der Vater vorübergehend wieder bevorzugt. Für
kurze Tage ist er wieder das „Stutzerle“.
21
Felix hat als Firmgeschenk vom Herrn Rat -- so heißt der Kommerzienrat
in der Familie -- ein Tesching bekommen. Es hat einen kleinen Kampf
gekostet, bis der Vater Annahme und Gebrauch erlaubte. Aber es ist
geglückt, und Felix darf mitunter den Vater in den Wald begleiten
und gelegentlich auf ein Eichkatzel oder einen Würger schießen. Er
trifft nichts und kränkt sich darüber bis zu Tränen. Der Vater spart
nicht mit Spott, und die Brüder tun mit Freuden das ihrige, besonders
Max, der als „Soldat“ natürlich Schießsachverständiger ist. „Wenn
er“ -- das ist der Vater -- „mich nur lassen möcht’ -- ich möcht
dir schon zeigen, wie ich treff! Immer Zentrum! Mein Lieber!“ --
Aber der Vater duldet kein Scheibenschießen. Das Tesching hat er in
Verwahrung, schießt wohl selbst damit auf Spatzen, trifft auch meist.
Doch Felix muß jedesmal bitten, ob er „sein“ Gewehr mitnehmen dürfe.
In der Woche drei, vier Schuß -- damit kann er’s zu keiner Fertigkeit
bringen. So ist es dem Vater wohl recht -- denn er selbst ist +der+
Jäger und Kugelschütze. Wozu Rivalen großziehen? -- Felix klagt dem
Herrn Rat sein Leid -- es ist doch +sein+ Gewehr, und der Vater hält
es eingesperrt, schießt selbst damit, ohne ihn zu fragen -- und so
ein Geschenk hat doch wirklich keinen Wert. -- Und der Herr Rat wagt
eine schüchterne Vorstellung beim Vater, wird aber rasch zum Schweigen
gebracht durch eins, zwei, drei vollwichtige erzieherische Gründe und
ein abschließendes „Und überhaupt!“ Der gute alte Rat denkt innerlich,
er hätte den heißen Wunsch seines Lieblings Felix doch lieber nicht
erfüllen sollen. -- Um den Jungen zu entschädigen und zu trösten,
möchte er ihn gerne in die Alpen mitnehmen, wohin er geschäftlich
reisen muß. Der Vater aber verweigert die Erlaubnis, weil der Junge
lernen und sich nicht unnütz zerstreuen soll. So reist der Herr Rat
alleine ab, recht bekümmert. --
Wieder einmal war der Vater in den Wald gegangen, ohne Felix
mitzunehmen. -- „Ich kann dich nicht brauchen, du machst das ganze
Revier närrisch mit deiner Knallerei,“ so hatte er barsch erklärt. --
Das Tesching knallte natürlich fast gar nicht, und Felix durfte ja
nicht schießen, wann er wollte, sondern wann es ihm erlaubt wurde. Aber
um die Wahrscheinlichkeit der Gründe, die er für ein Verbot anzugeben
für gut fand, kümmerte sich der Vater nie. Und Widerspruch wagten die
Kinder so wenig wie die Mutter. Lautete doch das oberste Hausgesetz:
„Ich kann mein Heu Stroh nennen!“
So saß der große Junge, Wuttränen in den Augen, auf den Steinstufen
vor dem Hauseingang und sah dem Vater nach, der durch den Garten dem
Walde zuschritt. Hinter ihm, in der gedeckten Veranda, summte Max leise
Hohngesänge, hinter einer Hausecke, gut gedeckt, spähte Fritz hervor
und wetzte schadenfroh die Zeigefinger aneinander. Nur Gretl tappte
gutmütig herbei und suchte ihn zu trösten; doch er entzog sich ihr mit
einem Schimpfwort, das halb Schluchzen war. --
Einer der letzten Schüsse aus dem Tesching war ein Versager gewesen
und Felix hatte die Zündkapsel aufgehoben. Die holte er nun aus der
Tasche und untersuchte sie eingehend, einmal, um den Brüdern seine
Tränen zu verbergen und dann in der Hoffnung, durch das selbständige
Umgehen mit Schießbedarf den vorherigen üblen Eindruck verwischen zu
können. Schließlich legt er die Kapsel vor sich auf die Steinstufen,
nimmt einen Kiesel in die Hand und schlägt zu. Ein kurzer, scharfer
Knall -- der Junge schreit auf, schlägt die Hand vors Gesicht und rennt
davon. -- Max und Fritz springen hinzu; sie haben beide gesehen, daß
Blut von einer Wange tropfte. Und da, auf den Stufen: Blut! Max pfeift
durch die Zähne und verzieht sich unauffällig in den Garten. Gretl, aus
Erstarrung erwachend, stößt ein lautes Geheul aus und läuft ins Haus.
-- Fritz, mehr von Neugier als von Angst getrieben, geht Felix nach.
Beim Mühlgraben findet er ihn, kniend, den Kopf zum Wasser geneigt,
fieberhaft waschend. Blut -- Blut -- aus dem rechten Auge! Da faßt
auch Fritz die Angst und er rennt brüllend davon, begegnet der Mutter,
die erschreckt aus dem Hause eilt, weist sie zum Mühlgraben -- dort,
dort! Im dunklen Flur trifft er Max, der in einer Ecke lauert und das
Gebrüll des Bruders mit ein paar Püffen verstummen macht. „Was ist
los? Heul’ nicht so und red’! Verdammtes Geplärr!“ Fritz stottert eine
Antwort: „Blut aus dem Aug’ ... wäscht sich ... Huhu!“ -- Max läßt ihn
stehen, wetzt unbehaglich mit den Schultern und schleicht davon. Er
ist entschlossen, fest zu behaupten, daß er gar nichts gemacht hat
und nichts weiß, und überhaupt nicht dabei war. Denn „mitgefangen --
mitgehangen“ gehört auch zu Vaters Lieblingssprüchen. -- Sie werden
auch ohne ihn fertig werden. Und es wird überhaupt schon nichts sein. --
Es ist aber ein großes Unglück: Felix ist ein Metallsplitter ins Auge
gedrungen, knapp unter dem Stirnbein. Die Blutung hat zwar aufgehört,
doch das Auge ist geblendet. Die Mutter hat ihn zu Bett gebracht, legt
ihm kalte Tücher auf. Der Junge wimmert halb irr: „Ich bin blind --
ich bin blind!“ Die Mutter weiß kaum Trost, kämpft mit dem Weinen.
Fritz und Gretl sind dem Kindermädchen übergeben, das sich mit ihnen im
entlegensten Zimmer eingeschlossen hat und die Kinder durch Erzählung
höchst grausiger Unfälle in sprachlosem Entsetzen erhält. --
Endlich kommt der Vater nach Hause. Die Köchin ist ihm weinend
entgegengelaufen und hat ihm kurz berichtet. Er hat sie unwillig
angehört und mit dem Fuß gestampft. Heulende Weiber sind ihm verhaßt.
-- Dann hat er in seinem Zimmer ohne Eile den Kugelstutzen im
Gewehrschrank versorgt, das Jagdmesser abgeschnallt, die Hausjoppe
angezogen und geht nun mit starken Schritten dem Bubenzimmer zu. Bei
seinem Nahen wimmert Felix lauter, er weiß, daß er harte Vorwürfe zu
hören bekommt. Der Vater tritt ein, läßt sich von der Mutter kurz
Bescheid geben und knurrt böse: „Schafskopf!“ Dann sagt er, schroff
und hart: „Ich bitte mir aus, daß das Gejammer aufhört! Sofort! Damit
wird die Dummheit nicht besser!“ Felix verstummt. Der Vater nimmt den
Verband vom Auge, untersucht sorgfältig die winzige Wunde, richtet sich
dann auf und starrt den Jungen finster an. Die Mutter will in höchster
Angst in seinem Gesicht lesen. Sie hofft noch. Der Junge bebt in
stummer, qualvoller Erwartung.
Da kommt es halblaut, knurrend aus des Vaters Mund: „Ich kann es ohne
Spiegel nicht genau feststellen -- aber das Auge ist wahrscheinlich
verloren! Eine schöne Geschichte!“ -- Als Felix aufheulen will, bringt
er ihn mit einem Donnerwort zum Schweigen, wendet sich dann kurz und
geht hinaus. Die Mutter weiß, daß es ihm nahe geht, daß er keine
Weichheit zeigen will und sie in Wut umsetzt. Sie fühlt aber auch, wie
furchtbar diese Härte auf Felix wirken muß. So beugt sie sich zu ihm,
der nun fassungslos weint, umschlingt ihn und mischt ihre Tränen mit
den seinen.
Nachmittags fährt der Vater mit Felix in die Stadt und kommt am
nächsten Tag allein zurück. Er sieht finster und gereizt aus, und die
Kinder gehen ihm aus dem Weg. Die Mutter ist sehr bedrückt und kämpft
oft mit den Tränen. Von Felix wird nicht gesprochen. -- Der Vater macht
die großen Hirschjagden mit und schießt einen starken Kronenzwölfer. --
Nach etwa zehn Tagen kommt plötzlich der Herr Rat angereist, diesmal
von der Bahnstation. Als die Kinder ihn jubelnd begrüßen wollen, wehrt
er sie ab und fragt seltsam aufgeregt nach dem Vater. Der Vater ist
im Wald. Und die Mutter im Dorf. Der Herr Rat sitzt vor dem Haus, die
Kinder leisten ihm auf ihre Art Gesellschaft. Plötzlich fragt er sie in
einem Ton, wie sie ihn noch nie von ihm gehört haben, seltsam scharf
und bitter, ob sie denn gar kein Mitleid mit ihrem armen Bruder hätten?
Der liege in der Stadt, allein, im dunklen Zimmer, habe Schmerzen und
Heimweh -- -- -- dem Herrn Rat zittert die Stimme. -- Max spuckt leise
aus und geht langsam fort. Fritz macht runde Augen und denkt krampfhaft
nach: Felix -- Felix. -- Gretl aber sieht dem Herrn Rat starr ins
Gesicht und weint plötzlich laut auf.
Da kommt die Mutter zurück und scheint sehr erschrocken, als sie den
Herrn Rat erblickt. Sie geht mit ihm ins Haus, nachdem sie Gretl dem
Kindermädchen übergeben, und Fritz in den Garten geschickt hat. --
Fritz schleicht ums Haus, bis unter die Fenster des großen
Speisezimmers. Dort, unter eine dichte Jasminhecke gekauert, findet er
Max, der ihm wütende Zeichen macht. Der Kleine kriecht zu ihm hin, Max
drückt ihn hart zu Boden und zischt: „Da hock dich her und trau dich
nicht zu mucksen! Die sind oben im Zimmer -- da hören wir gleich, was
los ist!“ Und schon klingt aus dem offenen Fenster die Stimme des Herrn
Rats, laut und heftig. Dazwischen ein paar Worte der Mutter -- sie
weint.
„Ich muß Ihnen gestehen, gnädige Frau, daß ich ein solches Vorgehen nie
für möglich gehalten hätte! Den Buben in einem glühheißen, verdunkelten
Stadtzimmer einsperren -- allein, ohne Trost, als Pflegerin nur die
alte Köchin! Seit Tagen hat er kaum noch geschlafen, als ich gestern
von der Reise zurückkam und von dem Unglück hörte, lief ich gleich
zu ihm und war geradezu entsetzt! Er war halb wahnsinnig, hatte
einen förmlichen Weinkrampf! Gnädige Frau -- wenn Ihr Herr Gemahl das
verantworten zu können glaubt -- wie durften Sie das zulassen?“ Hier
hört man die Mutter stammeln: „Mein Gott, was kann ich denn tun?“
und dann hilflos aufweinen. Fritz bebt am ganzen Körper in maßloser
Aufregung. Max hält ihn hart am Genick gefaßt und schüttelt ihn leise.
In seinen Augen ist ein böser Glanz. -- Nun geht oben eine Tür, fällt
scharf ins Schloß -- ein paar starke Schritte -- dann des Vaters
Stimme: „Was ist denn los?“ -- Und wieder des Rates Stimme -- Klagen,
Vorwürfe. Man hört die Mutter weinen. Der Vater will heftig werden,
der Rat gibt nicht nach. -- Fritz hat sich ein wenig aufgerichtet und
starrt dem Bruder atemlos ins Gesicht: dort steht wilder Triumph. --
„Jetzt kriegt er’s einmal ordentlich! Mein Lieber!“ zischt Max. Dann
lauschen sie weiter -- der Rat sagt aufgeregt, laut: „Es muß sofort
etwas geschehen -- hoffentlich ist es noch nicht zu spät. Das Gesetz
verlangt die Einwilligung des Vaters -- nur deshalb bin ich noch
herausgekommen. Ich fahre mit dem Buben morgen früh nach Wien, zu
Hofrat Bergmann. Wollen Sie mir eine schriftliche Erklärung mitgeben,
daß Sie nötigenfalls mit einer Operation einverstanden sind!“ Das
klang wie ein Befehl -- die Buben harren entsetzt -- jetzt muß etwas
Furchtbares folgen. Doch nein -- ein kurzer, heftiger Ausruf nur,
ein Aufweinen der Mutter, dann tritt der Vater ans Fenster, schließt
es umständlich -- die Buben drücken die Köpfe tief ins Gras, liegen
atemlos still -- dann werden die Stimmen leiser gedämpfter, gehen in
ruhigen Gesprächston über. Worte versteht man nicht mehr.
Abends müssen die Buben in ihrem Zimmer essen. Der Herr Rat, heißt
es, ist wieder weggefahren und lasse sie grüßen. Schwüler Druck über
dem ganzen Haus. Max wartet, bis das Mädchen mit dem Essen aus dem
Zimmer ist und beginnt dann flüsternd seine Ansicht zu entwickeln: „Die
Patrone wird ihm ins Gehirn gegangen sein und jetzt müssen sie ihm den
ganzen Kopf aufmachen! Ich weiß, bei uns hat sich voriges Jahr beim
Turnen einer den Kopf aufgehaut, dem haben sie auch alles rausgenommen!
Mein Lieber!“ -- Und Fritz hört bebend zu.
22
Wieder in der Stadt. -- Max ist fort. -- Felix ist mit dem Herrn Rat
aus Wien zurückgekommen. Blaß und elend. Er trägt rechts ein Glasauge,
das kann er ganz schnell herausnehmen und wieder einsetzen. Nimmt er’s
heraus, dann sieht die leere Augenhöhle zum Fürchten aus. Gretl kann
es nicht ertragen und weint jedesmal. Auch Fritz graut davor, aber er
verlangt es doch immer wieder zu sehen.
Felix erzählt von Wien, von der Untersuchung beim Hofrat. Der wollte
zuerst von einer Operation nichts wissen, es sei zu spät, die
Entzündung habe auch das linke Auge ergriffen. Dann habe der Herr Rat
sehr gebeten, und der Hofrat sei heftig geworden und habe von der
unbegreiflichen Herzlosigkeit des Vaters gesprochen. ‚Unbegreifliche
Herzlosigkeit!’ -- Felix bebt vor Stolz und Schadenfreude. Fritz mit
ihm. -- Und endlich habe der Professor erklärt, er wolle den Versuch
wagen. Dann die Klinik, die Narkose, die Operation. Und das Erwachen im
dunklen Zimmer, furchtbare Übelkeit und Schmerzen. Und der Herr Rat,
der Herr Rat. Der hat im Dunkeln richtig geweint.
Der Vater darf von diesen Erzählungen nichts wissen. Gleich am ersten
Abend ist er Felix scharf über den Mund gefahren. Kommt aber die Mutter
ins Zimmer, wenn Felix erzählt, dann bekommt sie Tränen in die Augen
und geht gleich wieder hinaus. Oft hat sie schüchterne Liebkosungen für
den Ältesten.
Der Vater nicht. Der ist finster und reizbar. Und sagt merkwürdige
Dinge. -- Felix gewöhnt sich nur langsam an das einseitige Sehen. Will
bei Tisch eine Schüssel nehmen, und greift ins Leere. Oder er will
Wasser eingießen und gießt neben das Glas. Dann sagt der Vater wohl:
„Mach doch dein Aug auf,“ oder „wozu hast du denn dein Aug!“ und betont
die Einzahl. Dann kämpft die Mutter mit dem Weinen, der Vater setzt
wohl noch ein heftiges Wort darauf und Felix weiß, wie maßlos Unrecht
ihm geschieht. Und wenn ihm auch Tränen über die Wangen laufen, so
fühlt er doch geheime Märtyrerwonne.
Mit dem Herrn Rat hatte der Vater übrigens noch eine Auseinandersetzung
gehabt und war dabei allen Anklagen durch den heftigen Vorwurf
zuvorgekommen, der Herr Rat habe, mit dem unsinnigen Geschenk eines
Teschings, die Hauptschuld. Und überhaupt müsse er sich diese Art von
Einmischung verbitten. Das Unglück sei einmal geschehen -- nun ginge
es nicht an, den Jungen stündlich und täglich in alle Ewigkeit zu
beklagen und zu verzärteln. Er denke gar nicht daran, einen wehleidigen
Jammerlappen groß zu ziehen. Der Junge müsse mit den Folgen seiner
eigenen Dummheit selbst fertig zu werden lernen.