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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1922 erschienenen Buchausgabe
so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen, Schreibvarianten,
Dialektausdrücke, sowie fremdsprachliche Passagen bleiben gegenüber
dem Original unverändert.
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Junge Triebe
Ein Verzeichnis
der früher bei Albert Langen
erschienenen Werke von
Ernst W. Freißler
findet sich am Schluß
dieses Buches
Junge Triebe
Roman
von
Ernst W. Freißler
[Illustration]
Albert Langen, München
1922
~Copyright 1921 by Albert Langen, Munich~
Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts,
auch für Rußland, vorbehalten
Albert Langen Ernst W. Freißler
1
Die Familie saß an dem quadratischen Eßtisch. Vor den einfachen
Gedecken der Frau und der Kinder zeichnete sich der Platz des
Vaters aus durch eine Wein- und eine Mineralwasserflasche, ein
schwergeschliffenes Kelchglas von seltsam tiefer Form und ein reich
facettiertes Wasserglas, die sämtlich auf silbernen Tellerchen standen.
Besteck und Serviettenring aus schwerem Silber trugen das ihre zur
Distanzierung bei. Tatsächlich schien der Vater, ein straffer Fünfziger
mit eisengrauem Spitzbart und fast übertrieben energischen Zügen,
irgendwie über der Runde zu thronen, wenn auch sein Stuhl denen der
anderen gleich war. Die Mutter, eine zärtliche Blondine mit leisen
Anzeichen des Verblühens, ließ ängstliche Blicke fliegen zwischen
dem strengen Gemahl, -- ob auch nichts seinen Unwillen errege -- und
den beiden Jungen, -- ob sie Messer und Gabel richtig handhabten
und auch sonst keine der verpönten Unarten zeigten. Glaubte sie an
einem der Jungen etwas zu sehen, was einen Zornesausbruch des Vaters
hervorrufen konnte, -- daß er etwa Gabel und Messer benützte, wo die
Gabel allein vorgeschrieben war, oder umgekehrt -- so steigerte sich
ihr Mienenspiel zu ungeahnter Heftigkeit. Durch hastige Kopfbewegungen
und schreckhaftes Augenrollen suchte sie den Missetäter aufmerksam zu
machen, erreichte aber damit nur zu oft, daß der Vater mit gebührender
Schärfe ein Versehen rügte, das ohne ihre stummen und flehentlichen
Warnungen wahrscheinlich unbemerkt geblieben wäre.
Der älteste Sohn, elfjährig, saß dem Vater, der dem Fenster den
Rücken kehrte, in vollem Lichte gegenüber. Ein gedrückter Junge, mit
schwermütigen Augen und einer Stirn, die viel zu wuchtig war für das
schmale Kinn und den schmächtigen Leib und fast häßlich wirkte. Man sah
es wohl, daß ihm Gehorsam und sklavische Angst in den Knochen saßen,
die krampfhafte Abwehr eines zarten Organismus gegen jede leiseste
Brutalität in Sprache und Ton. Der jüngere dagegen, stämmig, gedrungen,
ein Rundkopf mit unregelmäßigen Zügen und Augen wie aus Quecksilber,
schien nur durch die Witterung ewig naher Jagdhiebe in den Grenzen des
steifen Tafelzeremoniells gehalten zu werden. Er war es auch, der sich
erkühnte, die pädagogischen Donnerworte des Vaters, soweit sie sich an
den Bruder richteten, mit lautlosem Gekicher und listigem Zwinkern zu
glossieren, was ihm von der Mutter eine Reihe halb verzweifelter, halb
vernichtender Blicke eintrug.
Das Gespräch floß karg und leer. Der Vater schien, wie viele
schwerarbeitende Männer, die ihre Kinder nur bei den Mahlzeiten
sehen, das Mittagessen als eine Doppelnummer seines Tagesprogrammes
abzumachen: Nahrungsaufnahme mit Pädagogik gemengt. Eine namenlose
Kälte lag über dem Zimmer. Der einzige, der sich gänzlich unberührt
davon zeigte, war der Jüngste, ein goldblonder, zierlicher Bursch von
knapp drei Jahren, der zwischen Vater und Mutter auf seinem hohen
Kinderstühlchen herumturnte und mit Krähen, Lachen und Geplapper auf
eigene Faust Konversation machte. Der Blick des Vaters verlor seine
starre Würde, sobald er sich dem Kleinen zuwandte und zeigte eine so
unverhohlene Zärtlichkeit, daß die strenge Stirn mit den lastenden,
dichten Brauen fast als Maske erschien. Jeden solchen Blick quittierte
das Söhnchen mit unbefangenem Gequietsch. Als sich aber einmal einer
der ewig wandernden Warnerblicke der Mutter zu ihm verirrte und ihn
zum Schweigen zu mahnen suchte, da piepste er ihr entgegen: „Ich bin
dem Papa sein Stutzerle, mir darf niemand was tun!“, holte sich mit
raschem Seitenblick beim Vater die lächelnde Zustimmung und sah dann
siegessicher über die gekränkt errötende Mutter und die beiden älteren
Brüder hin, die sich verbissen über ihre Teller neigten. Man merkte
deutlich, daß der Ausspruch, irgendwann einmal spontan entstanden, dem
Jungen durch steten Beifall zur Redensart geworden war, und daß es
von äußerst fraglichem erzieherischem Wert sein mußte, ihn weiter zu
dulden. Der Vater aber, ein fröhlicher Tyrann, schien nichts davon zu
merken. Kaum war das Fleischgericht abgetragen, so kletterte der Kleine
von seinem hohen Sitz und saß mit einem Sprung auf des Vaters Knie,
zupfte ihn am Bart, spielte mit seiner Uhrkette und trieb allerlei
Unsinn. Der Älteste sah dem mit seltsam brennenden Augen zu. Von
ihm hätte der Vater nie eine körperliche Liebkosung geduldet, außer
dem starren Handkuß, der bei jeder Begrüßung und nach jeder Mahlzeit
zitternd gegeben und gleichgültig angenommen wurde.
Als das Mädchen mit der süßen Speise in der Tür erschien, sang der
Kleine nach primitiver Kinderstubenmelodie: „Jetzt kommt was Gutes, und
die Mama kriegt nix!“ Der Blick aber, den er dabei auf seine Mutter
warf, zeigte klar, daß er in kindlicher Grausamkeit die Lust voll
empfand, straflos wehtun zu dürfen. Die Mutter sah den Vater an mit
einem Blick hilfloser, stummer Klage; es war zu sehen, daß auch dieser
ursprünglich vielleicht naive Kindervers in täglicher Wiederholung zu
einer demütigenden Demonstration geworden war. Der Vater aber hatte nur
ein glückliches Lachen für seinen scharfsichtigen Sohn. Der plusterte
sich selbstbewußt auf.
Die älteren Brüder sahen den Jüngsten an, wie Pferde in schwerem Zug
nach den Fohlen sehen, die frei auf sonniger Koppel laufen. Sehnsucht
und Neid war darin, und ein Wissen um künftiges Leiden.
2
Über dem Hause lag eine dumpfe Spannung. Die alte Köchin fuhr
aufgeregter als sonst in der Küche herum, zischte dem Mädchen nur
abgerissene Schmählaute zu, statt laut zu schelten und schien überhaupt
bemüht, auf irgendwas Rücksicht zu nehmen.
Der älteste Bruder saß stiller als je über seinen Büchern, der jüngere
kobolzte in allen Ecken und deutete mit listigem Augenfunkeln und
halben Worten geheimes Wissen an. Der Jüngste, endlos verwirrt, stand
überall im Weg und wurde unaufhörlich beiseite geschoben. Doch wagte er
nicht, in sein übliches Wehgeheul auszubrechen und begann schließlich
still zu weinen.
Die Mutter fehlte bei Tisch. Der Vater schien unfroh und gereizt und
hatte mit einmal keinen Sinn für die witzigen Unarten seines Lieblings.
Vergebens haspelte der sein ganzes Repertoire ab, krähte, plapperte,
bellte. Der gewünschte Beifall blieb aus. Auch die, ohne äußeren Anlaß
übrigens, herausgeschmetterte Fanfare: „Ich bin dem Papa sein Stutzerle
...“ verpuffte wirkungslos. Die Brüder begannen heimlich zu grinsen.
Als der Kleine aber die Mehlspeise mit seinem gewohnten Singsang
begrüßen wollte, wies ihn der Vater, heftig wie noch nie, zur Ruhe und
hatte dabei das Zucken in den Augenbrauen, das immer erschien, wenn er
die Brüder schlug. Daraufhin wagte der zweite Bruder ein vernehmliches
Feixen, bekam aber sofort, angeblich wegen unruhigen Sitzens, ein
scharfes Kopfstück. Der Älteste erbleichte zitternd. Doch war das alles
kein Trost für den Kleinen, der wie betäubt stumm dahockte.
Mit dem letzten Bissen im Munde stand der Vater hastig auf, nahm sich
nicht Zeit, den Handkuß der Kinder abzuwarten und verließ grußlos das
Zimmer. Man hörte ihn durch den langen Korridor nach dem Schlafgemach
gehen. Das war zu dieser Tageszeit so ungewohnt, daß es irgendwie
beängstigend wirkte.
Die drei Brüder blieben allein zurück. Max, der mittlere, zeigte
sich herzhaft ausgelassen, sobald der Vater aus dem Zimmer war. Er
juckte wild auf seinem Sitz herum, stieß mit Füßen nach dem Ältesten
und fletschte dem Jüngsten die Zähne. „Ich bin neugierig, wann der
Fritzl ...“ -- das war der Jüngste -- „seine erste Watsch’ kriegt!
Vorhin hab’ ich schon geglaubt, es kracht!“ Und nachäffend sang er:
„Jetzt kommt was Gutes ... ätsch!“ Dabei stieß er Felix, den Ältesten,
schadenfroh und aufmunternd an. Der heftete seine schwermütigen Augen
mit unbestimmbarem Ausdruck auf den Kleinen. In Fritzls blankem
Kindergesicht aber zeigte sich ein so furchtbarer Schrecken, ein so
namenloses Grauen vor Gewalttätigkeiten, daß die Brüder beide, halb
beschämt, halb furchtsam, verstummten.
Am gleichen Tage wurde Fritzls Bett aus dem Schlafzimmer der Eltern in
das der Brüder geschoben. Max hieß ihn plötzlich willkommen und trieb
allerlei Schabernack, Felix aber sah ihn wieder nur stumm an. Wie ein
Verurteilter einen neuen Zellengast betrachten mag.
Vor dem Einschlafen hatte Fritzl einen Weinkrampf. Alle
Tröstungsversuche der böhmischen Magd wies er zurück, nannte auch
keinen Grund seines Weinens. Erst Nanni, der alten Köchin, gelang es,
ihn etwas zu beruhigen. Mit harten Arbeitshänden fuhr sie durch seine
Locken und drückte immer wieder ihr gutes, verrunzeltes Sklavengesicht
an den bebenden, schütternden Kinderleib. „Wos hoste denn, mein
Engerle,“ stammelte sie, selbst dem Weinen nahe. „Do sog ma’s doch!
Sie derfen dir nix tun! Keiner derf dir nix tun!“ -- „Prügeln wollen
sie mich -- der Papa will mich prügeln!“ jammerte der Junge und
wand sich in neuem Weinen. Der Alten, ob sie schon nicht wußte,
woher dem verwöhnten Liebling gerade diese Angst kommen mochte, fuhr
ahnungsvoller Schreck in die Glieder. Sie kannte die eiserne Faust des
Herrn. Nun würde er bald beginnen, auch dies Sonnenkind da zu bändigen
und abzurichten, wie er sie alle abgerichtet hatte: die blonde Herrin,
sie selbst, die alte Nanni, die mit ihr gekommen war, und die beiden
älteren Buben. Wie hatte er die ersten Jahre den Felix verzärtelt --
und wer sah den Jungen jetzt noch lachen? Doch es war der Herr -- und
entsetzt über die eigenen aufrührerischen Gedanken bekreuzte sich die
Alte, beugte sich tiefer über den schluchzenden Jungen und weinte still
mit ihm. Als sie ihn schlafen sah, schlich sie in ihre Küche zurück.
3
Max weckte die Brüder, indem er jedem einen Pantoffel ins Bett warf.
Beide fuhren erschreckt auf. Der Älteste begann zu zetern, daß er nun
wieder den ganzen Tag Kopfweh haben würde, drohte in ohnmächtiger
Wut und schien dem Weinen nah. Fritzl war empört über die freche
Vertraulichkeit. Dann kam ihm dunkel zum Bewußtsein, daß er ja nicht
mehr unbedingt unter dem Schutze des Vaters stand. So schwieg er und
kam sich sehr verlassen vor. Max lachte sie beide aus, stellte sich im
Bett auf den Kopf und schlug Purzelbäume. Da hörte man im Nebenzimmer
des Vaters Schritt: und wie überraschte Murmeltiere fuhren die beiden
Älteren unter ihre Decken und stellten sich schlafend. Fritzl tat es
ihnen instinktiv nach, fühlte dabei aber in seinem Kinderkopf ein
dumpfes Staunen. Warum konnte er nicht, wie sonst, dem Vater jubelnd
entgegenspringen?
Da ging schon die Türe und der Vater rief ins Zimmer: „Jungen,
freut euch, ihr habt ein Schwesterl bekommen!“ -- Felix und Max
mimten Erwachen aus tiefem Schlaf und zeigten gehorsam Freude --
Felix durch sein höfisches Lächeln, Max, indem er alle Glieder
durcheinanderwirbelte. Fritzl blieb stumm. In ihm weckte die Nachricht
keinerlei klare Vorstellung, schärfer als zuvor fühlte er ängstliches
Staunen. Der Vater beugte sich über sein Bett: „Na, Fritzl, freust du
dich?“ -- Fritzl hatte, zum erstenmal, Angst vor dem großen Mann, der
so laut auftrat und sprach, las, zum erstenmal, eine Drohung aus dem
bärtigen Gesicht und starrte ratlos und stumm empor. „Na, was ist denn,
Faulpelz, kannst du nicht reden?“ polterte der Vater, und meinte es
scherzhaft. Fritzl aber, tödlich erschrocken, stammelte nur „Ja, Papa!“
und mühte sich, zu lächeln, wie Felix immer lächelte. Sein Gesicht war
wie eine Maske der Angst.
4
Taufe. Durch die große, leere Pfarrkirche heult die Orgel, schwillt an,
bricht dröhnend ab. Auf dem hohlen Bretterbelag des Hauptganges hallen
die Schritte. Es riecht süß und schwer, einschläfernd. Aus dunklen
Nischen, von brennenden Kerzen umrahmt, Gestalten mit unverständlichen
Gesten. Drohen sie, locken sie? Fritzl taumelt an der Hand des
Kindermädchens durch die tobende Stille; er fürchtet sich namenlos,
läßt sich in eine tiefe, lange Bank ziehen, sitzt still und zitternd.
Weit, endlos weit weg, um den Kanzelpfeiler geschart, eine Gruppe
Menschen. Dort soll Papa sein, Mama, die Onkel und Tanten? Unerreichbar!
Plötzlich ein scharfer, durchdringender Ton, herrisch, Beachtung
fordernd. Fritzl fühlt: so schreit das neue Wesen, um das sich jetzt
alle so sehr kümmern. Er hat die Schwester noch nicht gesehen. Als
ihn der Vater an die Wiege führte, war ihm unsäglich aufgeregt, alles
zu gräßlichem Weiß verschwommen. Er weiß nur, daß ein Neues zwischen
ihm und den Eltern ist, weit gefährlicher als die älteren Brüder. Das
schreit nun dort. Und es sind doch alle bei ihm. Er aber, Fritzl, ist
allein und weit, weit fort.
Wieder zu Hause. Der große Salon voll Leuten. Im Speisezimmer eine
reichgedeckte Tafel. Aus der Küche riecht es nach guten Dingen. Felix
und Max sind da. Sie müssen die fremden Onkel begrüßen. „Verbeugen!
Hand küssen!“ kommandiert der Vater. Fritzl tut betäubt mit. Dann
werden sie alle aus dem Zimmer geschoben. Alle drei. Hinter ihnen sagt
jemand: „... die drei Brüder.“ Fritzl hört die Gleichstellung und ist
sprachlos überrascht.
Felix und Max sind in der Schule. Der Jüngste sitzt allein an dem
großen Tisch des Kinderzimmers. Das Mädchen bringt ihm, fertig auf dem
Teller, Maronipüree mit Schlagrahm, dicke Schokolade, süßes Gebäck.
Fritzl ißt ohne Freude. Durch leere Nebenzimmer hört er den Lärm der
großen Tafel. Eine Einsamkeit, zu mächtig für den kleinen Körper, droht
ihn zu sprengen. Er weint. Draußen vertropft ein Regenabend. Und alles
ist grau.
5
Die Mutter ist zum erstenmal wieder bei Tisch -- sehr blaß und matt.
Der Vater zeigt bärbeißige Ritterlichkeit, zankt nicht mit den Jungen.
Diesmal ist er es, der mit Blicken warnt und rügt. Die Buben sind
artig, und dies mal nicht aus Angst. Alles könnte sein wie früher. Nur
Fritzl hat die alte Sicherheit verloren, wetzt ratlos auf seinem hohen
Sitz herum. Vom Vater trennt ihn eine unnennbare Scheu, die er nur
fühlt, und nicht begreift. Noch ist es nicht körperliche Angst, wie bei
den Brüdern. Doch auch der Vater ist anders -- ermuntert ihn nicht zur
Ausgelassenheit, verlangt kein Verschen von ihm, beachtet ihn kaum.
Fritzl, sehr bedrückt, muß an das Neue denken, das irgendwo hinten in
einem der Zimmer liegt.
Wie die Mehlspeise kommt, sagt er plötzlich ganz laut: „Nicht wahr,
Mama, du bleibst jetzt immer bei uns!“ Der Vater sieht ihn sehr
überrascht an. Die Mutter, errötend, streicht flüchtig über seine Hand.
6
Wieder ein Morgen im Bubenzimmer. Max hat den Felix grob geweckt, der
hat sich aufgerafft und, ohne zu jammern, zugeschlagen. Jetzt raufen
sie, Fritzl schaut zu, fast unbeteiligt. Noch immer fühlt er sich als
Günstling, nicht recht zu den „Buben“ gehörig.
Nun beginnen sie um den Tisch zu rennen. „Hilf mir!“ keucht Felix im
Vorübersausen. „Ich schenk dir eine Kanone!“ -- „Ich streich dir deinen
Hammer blau an!“ kräht Max und wirft einen Schuh nach dem Ältesten.
Den Hammer -- blau? Der Hammer, ganz aus Holz, ist Fritzls große
Liebe. Schon springt er aus dem Bett, fest entschlossen, den Lohn
zu verdienen. Wie Felix wieder vorbeirast, stößt er ihm einen
Kinderschemel vor die Füße. Felix stürzt brüllend, Max über ihn. Sie
prügeln sich wütend. Fritzl jubelt.
Da hören sie, schnell und böse, des Vaters Schritt, stieben
auseinander, zu läppischen Beschäftigungen: Felix bürstet sich
krampfhaft die Haare, Max sucht unterm Bett nach seinem Schuh, Fritzl,
in höchster Angst, springt zu seiner Waschschüssel, die auf einem
Holzstuhl steht. Für den Waschtisch der Brüder ist er noch zu klein.
Da fährt der Vater unter sie, und gleich knallen die Backpfeifen.
Felix heult angemessen, Max knurrt nur; Fritz beugt sich atemlos über
die Waschschüssel. Da trifft ihn ein Schlag ins Genick, und im Sturz
reißt er den ganzen Apparat zu Boden, wälzt sich zwischen starrenden
Stuhlbeinen im Wasser, lautlos. Ein wütendes Scheltwort schneidet
durchs Zimmer, dann schmettert eine Tür, und die drei sind wieder
allein.
Felix hockt vor seinem Bett auf dem Boden, wie ihn ein Schlag
hingeworfen hat, und heult leise, gedehnt, wie ein krankes Tier.
Max knurrt böse, ermuntert sich aber rasch und schabt höhnend die
Zeigefinger gegen den Jüngsten: „Kisch! Kisch! Stutzerle! Kisch! Kisch!
Stutzerle!“
Fritz steht sehr langsam auf, wie gelähmt. Er hat irre, leere Augen.
Fühlt er, daß ein unerbittlich greller Tag das glückselige Dämmer
seiner ersten Kindheit durchbrochen, daß sich seinem Hirn eben die
erste +Erinnerung+ eingeprägt hat? Und daß diese erste Erinnerung, an
sinnlos erlittene Gewalt, durch sein ganzes Leben fortbrennen wird wie
ein Schandmal?
7
Das Neue kriecht schon auf dem Boden herum. „Es tschindert auf dem
Popo,“ hat Max gesagt und vom Vater einen Klaps bekommen für das
unanständige Wort. „Du hast mir aber schon oft gesagt, ich krieg eins
auf den Popo,“ hatte Max gekränkt erwidert. Nicht zu seinem Glück.
Denn der Vater war böse geworden: „Was ich darf, das darfst du deswegen
noch lange nicht, Lausbub, elender!“ Und dem ersten Klaps war eine
ernsthafte Ohrfeige gefolgt. Fritzl war dumpf empört deswegen, wie
so häufig, seit er der jüngste Bub war, und nicht mehr „der Jüngste“
schlechthin. Er tröstete Max, und sie nannten das Neue untereinander
nur mehr „Poporutscher“. Das sollte sehr gehässig sein, denn sie
liebten es nicht. „Was sie mit dem Poporutscher für Geschichten
machen!“ sagte Max zu den Brüdern. „So ein Gripsch, ein elendiger!
Wenn ich ihm einen Renner gib, fliegt er bis auf die Decke!“ Fritz
bewunderte ihn ob solcher Rede. Überhaupt liebte er Max weit mehr als
den stillen, schwermütigen Felix. Oft taten sich die Jüngeren zusammen,
um den Ältesten zu peinigen. Dazu gehörte nicht viel, besonders wenn er
über den Büchern saß. Sie brauchten nur einen Kindervers oder auch eine
ganz sinnlose Lautreihe endlos zu wiederholen. Einmal erfand Max einen
prachtvollen Satz: „Haschilipani Maschitzki, Baribatzki, Baribatzki!“
Der tat ganz ausgezeichnete Dienste. Oft hielt sich Felix schon bei
der ersten Silbe die Ohren zu, beim zweiten Wort begann er zu zittern
und längstens bei der dritten Wiederholung wurde er wütend und schmiß
mit Büchern. Fritz deklamierte stets nur aus sicherem Versteck, Max
aber ließ sich ein Buch oder was hinaufwerfen und begann dann gleich zu
raufen. Sehr häufig nahm Fritz dabei Partei, auf seine Art, indem er
den Ältesten von hinten zwickte oder mit einer Stricknadel anbohrte,
während Max ihn festhielt.
Einmal aber geschah es, daß Felix, entsetzlich gequält, den Brüdern
zuschrie: „Was hab ich euch denn getan?“ sich zu Boden warf und haltlos
zu weinen begann. Max spuckte leise nach ihm und schlich betreten
hinaus. Fritz aber kniete verzweifelt neben dem Liegenden und bat ihm
ab: „Lixl, nie wieder! Lixl, sei gut, Lixl!“
Felix weinte nicht mehr. Doch hielt er den Kopf in die Arme gepreßt und
blieb taub allem Bitten um Verzeihung. So rächte er sich.
8
Fritz saß bei Tisch nicht mehr in dem hohen Kinderstuhl, sondern auf
einem Sessel wie alle anderen. Nur hatte er ein dickes Sitzkissen. Er
mußte auch schon mit Messer und Gabel essen. Der Vater schonte ihn
nicht. Der Junge fürchtete die Mahlzeiten und ging oft, wie die Brüder
auch, nachher in die Küche, um sich bei der alten Nanni ein Stück
Fleisch zu holen, oder Mehlspeise. Das aß er dann unter den Trostworten
der Alten und fühlte sich stolz als Märtyrer.
Bei einer Mahlzeit, die dem Jungen ein paar scharfe Verweise
eingebracht hatte, kam schließlich ein Gericht auf den Tisch, das
keiner kannte. Auf des Vaters Frage erklärte die Mutter, es seien „Arme
Ritter mit Spinat“. Der Name fuhr dem Jungen in den Magen, daß er vor
Mitleid und Ekel fast erstickte. In den gerösteten Semmelscheiben sah
er deutlich die Gesichter der armen, armen Ritter, die tot auf grünem
Grunde lagen, und wollte lieber sterben als davon essen. Doch das litt
der Vater nicht. „Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!“ donnerte
er. Aus heller Angst vor Prügeln schob Fritz schließlich einen Bissen
in den Mund, gab ihn aber alsbald heulend auf den Teller zurück. Die
Mutter wollte sanft vermitteln, doch wies sie der Vater zur Ruhe und
bestand auf seinem Willen, der Junge müsse essen, und die verdammten
Faxen dürften nicht geduldet werden. Stand auch auf, als wollte er
zuschlagen. Fritz glitt vom Stuhl, gab alles Essen von sich, auf den
Teppich, und brüllte sich von Besinnung. Sie mußten ihn ins Bett tragen
und zwei Tage lag er mit Fieber. Die Mutter pflegte ihn. Auch der Vater
kam nachsehen. „Ich brauche sie nicht essen, nicht wahr?“ jammerte er.
„Nein, nein, du brauchst nicht!“ tröstete die Mutter.
Am zweiten Abend, mit den Brüdern allein, flüsterte er stolz und
trotzig: „Ich hab sie doch nicht gegessen!“
Max nickte und knurrte nach seiner Art. Felix sah ihn bewundernd an.
Und Fritz war glücklich.
9
Es kam eine Zeit, in der die kleine Schwester den Reiz der Neuheit in
etwas verlor und sich vom interessanten Neutrum zum normalen kleinen
Kind entwickelte. In diesen Wochen wandte sich Fritz die liebevolle
Aufmerksamkeit des Vaters mehr zu und einige Male schien es fast, als
sei die frühere Vorzugsstellung wieder fest begründet. Fritz verlor
darum Maxens eben erst gewonnene Freundschaft. Doch litt er kaum
darunter und verschaffte dem Älteren gelegentlich eine Tracht Prügel.
Sofort tat sich Max mit Felix zusammen und beide behandelten ihn als
gefährlichen Angeber, warnten einander mit Blicken und Gesten und
hatten ewig verschwörerhaft zu tuscheln.
Auch die Mutter zog sich von ihm zurück, nachdem er sie mit dem wieder
aufgetauchten Mehlspeislied neu gekränkt hatte. Fritzl merkte das alles
und wandte sich mit verdoppelter Zärtlichkeit dem Vater zu, und in
seine Bemühungen, den Beifall des Gestrengen zu erringen, kam etwas
krampfhaftes. Die Onkel und Tanten, und nicht zuletzt der glückliche
Erzeuger trugen die unerhörten Äußerungen seines Kindermundes in der
ganzen Stadt herum, und nicht selten wurde der Junge, wenn er mit dem
Dienstmädchen spazieren ging, von Fremden angehalten und tätschelnd um
Wiedergabe irgend eines Ausspruches gebeten.
Das Neue schien verdrängt und abgetan, bis es eines Tages zu laufen
und fast gleichzeitig zu sprechen anfing. Da hörte Fritz mit einem
Schlag zu existieren auf. Jeden freien Augenblick verbrachte der Vater
im Kinderzimmer und entzückte sich an jeder Regung der Kleinen. Fritz
konnte nicht begreifen, was an dem unverständlichen Gelall und dem
plumpen Tappen Schönes oder Bemerkenswertes sein sollte und suchte sich
immer wieder Beachtung zu erzwingen. Vergebens. Das Neue hatte gesiegt.
10
Die kleine Schwester tapste in gestrickten Pantöffelchen durch das
große Zimmer, hielt lange Reden „Arra alla ulu Mamma“ und schien
selbstsicher und lebensfroh. Das Band des einen Pantoffels war
aufgegangen und schleifte nach. Fritz sah es aus seiner Spielecke,
trat hinterrücks darauf und brachte die Kleine klatschend zu Fall.
Schon war er zur Tür draußen und alarmierte die Küche: „Die Gretl ist
hingefallen!“ Aus dem Kinderzimmer gellte Wehgeschrei. Im Nu war die
Kleine aufgehoben, wurde gestreichelt, gehätschelt und mit Fragen
bestürmt: „Hast du dir weh getan, mein Goldhaserle, mein einziges? Wo
tut’s wehweh, wo, sag, Engele, süßes! Mach dem Teppich Dudu, mach ihm
Dudu! Du! Du! Mein Schatzerle, mein goldenes!“ --
Abends im Bubenzimmer vertraute Fritz dem Max an: „Ich hab’ heut früh
den Poporutscher umgeschmissen!“ und dachte sich damit die Hochachtung
des anderen zurückzugewinnen. Doch kein Grinsen kam, kein beifälliges
Knarren. Max zog sich wie vor einem scheußlichen Verbrecher zurück
und bestimmte auch Felix zur gleichen Haltung. Die beiden berieten
tuschelnd und mit entsetzten Seitenblicken. Fritz war übel zumut.
Schließlich wurde ihm verkündet: „Morgen mittag wird’s gesagt!“
Nicht gleich, nicht morgen früh -- morgen mittag! Fritz schlief nicht.
Am nächsten Morgen flehte er um Schweigen und Nachsicht. Vergebens.
Max sang ihm ins Gesicht: „Heute mittag wird’s gesagt, juja, wird’s
gesagt, und der Stutzerle kriegt Dresch, ja kriegt Dresch!“ Felix
nickte düster.
Bis zum Mittagessen lebte der Junge kaum. In allen Winkeln wurde ihm
zugezischelt: „Jetzt sag’ ich’s -- jetzt sag’ ich’s.“ Doch wurde
nichts gesagt. Bei Tische hörte und sah er unzähligemal die drohende
Geste des Anklägers. Schließlich holte Max hörbar Atem, warf ihm einen
furchtbaren Blick zu, öffnete den Mund -- und tat eine gleichgültige
Frage. Fritz war halbtot.
Sie sagten es nicht, drohten nur tage- und wochenlang damit. So mußte
Fritzl büßen.
11
Fritzl fieberte leicht: Erkältung, verdorbener Magen, jede stärker
blutende Schramme -- alles ging bei ihm mit jähem Fieber einher. Der
Vater, wie so viele Ärzte, schätzte Kranksein im eigenen Hause nicht,
schalt zunächst immer über Verweichlichung und Schlappheit, wurde wohl
auch heftig oder schlug zu, wenn Beschwerden weinerlich oder irgendwie
übertrieben geäußert wurden. Nur in ernsteren Fällen ließ er sich zu
genauer Untersuchung herbei und begleitete die Diagnose stets mit
einem bärbeißig-spaßhaften Scheltwort: „Masern hat der Schafskopf!“ --
Weit herum gesucht und gepriesen wegen seiner ruhigen Freundlichkeit
am Krankenbett, schien er der Familie gegenüber von der Anschauung
auszugehen, daß Krankheit, wenn nicht eine Schande, so doch Verschulden
des Betroffenen, Dummheit, Unvorsichtigkeit, keinesfalls aber ein
Anlaß zu Mitleid oder Bedauern sei. Ein rechter Bub zumal sollte
Kleinigkeiten allein abmachen. So konnte es geschehen, daß er leichte
Fälle mit einem Donnerwetter abwies: „Geh’ weg, Lehmpatzen, du bist
nicht mein Sohn!“ --
Die Mutter war leichter zu überzeugen. Bei aller Unterwürfigkeit
brachte sie es doch über sich, ohne ausdrückliche Ermächtigung,
manchmal sogar gegen das Donnerwort: „Gar nichts fehlt dem
Jammerlappen!“ einen heulenden, bebenden, heißen Buben ins Bett zu
bringen und mit Umschlägen, Tee und Zärtlichkeiten zu behandeln.
Mit Zärtlichkeiten. -- Weit mehr Frau als Mutter, ahnte sie nur
dumpf, daß die jungen Wesen oft und oft mit Husten und Fieber nichts
weiter verlangten, als ihr Recht auf Zärtlichkeit, das ihnen in dem
kaltgeordneten Hause ständig verkümmert wurde.
Felix hätte sich leidenschaftlich gerne pflegen lassen, doch war er
scheu und fürchtete den Vater viel zu sehr. Max, als der herzhafteste
der Brüder, liebte das Bettliegen und Gepäppeltwerden nicht. Fritzl
aber gab gern und willig nach. So konnte er sich gelegentlich in die
Zeit zurückversetzt fühlen, da er der verhätschelte Liebling war. Wenn
es auch nur die Mama war, die ihm schön tat. --
Dazu kam noch, daß er das Fieber liebte. War er zu Bett gebracht, dann
hob leise erst, bald stärker sein Blut zu singen an. Das Kinderzimmer
verlor sein altvertrautes Gepräge, fremd und prächtig standen die
Dinge um ihn her, die Tapete wurde zum Wald, von allerlei Getier
belebt, wurde zur dichtgedrängten Ritterschar, ihm untertan. Die Luft,
seltsam körperlich, schwamm von Harmonien. Das Ticken der Uhr, fernes
Wagenrollen, das leise Reden der Brüder, die bei der abgeblendeten
Lampe am Mitteltisch saßen, klangen zu rauschender, überirdischer Musik
zusammen. Das gedämpfte Licht tat den Augen angenehm wehe. Schloß er
aber die Lider, so stellte sich alsbald ein Bild ein, das er über
alles liebte: ein weiter, glattgepflasterter Platz, auf den in langen,
dichtgedrängten, glasharten Schnüren und Strähnen vielfarbiger Regen
niederfiel, in allen Farben, blau, rot, gelb, grün, Regen, Regen. In
gesunden Tagen konnte er mit keinen Mitteln eine Vorstellung dieses
Bildes wiedererwecken. An jedem Fieberabend genoß er es mit neuer
Freude.
12
Felix ist im Gymnasium und vom Vater angewiesen, Fritzens Hausaufgaben
zu überwachen. Der Älteste fühlt sich gewaltig. Glücklich vor allem
macht ihn der Umstand, daß er mit dem Vater in engere Fühlung kommt.
Fritz ist in der Schule unruhig und vorlaut, mancher unter den Lehrern
nimmt ihm das übel und beauftragt den Musterschüler Felix, auf den
Bruder bessernd einzuwirken. Felix erzählt alles dem Vater wieder
und tut noch aus Eigenem manches an Befürchtungen oder düsteren
Prophezeiungen hinzu. Das gibt viel Aufregung. Einmal schlägt der Vater
Fritz mit dem Rohrstock über den Handrücken, daß aus einem kleinen
Hautriß Blut tropft. Felix steht mit glitzernden Augen dabei. Er hat
dem Jüngeren die Strafe verschafft. Fritz ist so maßlos entsetzt über
den Bluttropfen, daß er nicht einmal weint -- er starrt nur auf die
kleine Wunde. Der Vater ist längst aus dem Zimmer, da kommt Max zurück.
Der geht jeder Prügelszene aus dem Wege, sein ewig schlechtes Gewissen
läßt ihn immer fürchten, es könnte auch für ihn was abfallen. Fritz
stürzt auf ihn zu: „Der Lix hat wieder gepetzt, und da hat er mich
blutig geschlagen, mit dem Stock, da!“ Der Kleine ist so außer sich,
daß Max alle Schadenfreude vergißt und ihn zu trösten beginnt. Er zieht
ihn in einen Winkel und schwört ihm zischelnd, sie wollten es dem
Ältesten gemeinsam besorgen. Gründlich. Fritzl läßt das Weinen und sie
schießen giftige Blicke auf Felix. Dem wird übel zumut. Er weiß, daß
auch Max ihn nicht mehr liebt, seit er, auf des Vaters Geheiß, mit ihm
Mathematik treibt. Felix hat sich verleiten lassen, dem Vater ein Wort
über Maxens Faulheit zu sagen, es setzte einen Jagdhieb. -- Nun hat er
beide Brüder zu Feinden. Wird ihn der Vater schützen können?
Die beiden Jüngeren tuscheln noch immer. Dann geht es los:
„Haschilipani, Maschitzki, Baribatzki, Baribatzki“, immer lauter,
immer wilder, gehässiger. Felix fühlt, wie sie ihn belauern, daß sie
ihn herausfordern wollen; er wehrt sich verzweifelt gegen die blinde
Wut, die ihn packen will, sucht ruhig und unbeteiligt zu erscheinen.
Umsonst. Die unsinnige Lautreihe tut auch diesmal ihre Wirkung. Schon
duckt er den Kopf, hält sich die Ohren zu, will davonrennen, stößt
dabei an Max, der sich ihm geschickt in den Weg gestellt hat, und sie
raufen erbittert. Fritz schießt geschäftig aus dem Zimmer, um sich eine
Waffe zu suchen. Im Vorhaus gerät er an den großen Werkzeugkasten,
durchwühlt ihn rasch und bekommt eine messerscharfe englische
Schneidezange in die Finger. Die faßt er mit beiden Händen und jagt ins
Bubenzimmer zurück. Die beiden haben ausgerauft. Max sitzt in einem
Winkel und reibt sich einen Kratzer an der Wange mit Speichel ein,
Felix lehnt mit dem Rücken zum Zimmer an der Fensterbrüstung und starrt
verbissen hinaus. Fritz schleicht ihn an, unhörbar, haßerfüllt, die
Zange in beiden Händen. Jetzt ist er knapp hinter ihm, holt tief Atem,
schnappt mit aller Kraft zu --.
Felix tut einen Schrei, der nichts Menschliches mehr hat. Der Vater
fährt ins Zimmer, bereit, gewaltig einzugreifen. Da sieht er den
Ältesten, beide Hände krampfhaft auf die Kehrseite gepreßt, Mund und
Augen weit aufgerissen, als hätte ihm der erste Wehschrei allen Atem
genommen. Fritz vor ihm, die Zange krampfhaft vor sich; zwischen den
Schneidbacken steckt ein Stück Tuch und ein Fetzchen blutgetüpfeltes
Weißzeug; der Knirps hat weit mehr Triumph als Schreck im Gesicht.
Aus dem Winkel schielt Max, wie der Geist alles Bösen. -- Da wird
einen Augenblick lang Fritz wieder zum Stutzerle, den Vater freut die
wehrhafte Rachsucht des Kleinen, dem Schleicher Felix gönnt er die
derbe Lektion. Was Recht, was Unrecht! Ist er nicht Herr über seine
Kinder? Er lacht laut auf und geht. Hinter ihm toben Max und Fritz ihre
Siegesfreude aus, vorsichtshalber stumm, mit Blicken, Gebärden und
Grimassen. Felix ist vernichtet.
13
Max hat in der Schule eine Bande gebildet, die ihn freudig als
Hauptmann anerkennt. Stämmig und geschickt ist er, furchtlos, tollkühn,
wenn es ans Raufen mit feindlichen Jungen geht, dabei lügt er die
Lehrer und Eltern großartig an, ist nie um einen Ausweg verlegen. Sein
Klassenlehrer haßt ihn, weil ihm der Junge ewig Scherereien macht und
nie recht zu fassen ist. Die Tadel- und Beschwerdebriefe aus der Schule
hören nicht auf. Oft kommen auch fremde Eltern klagen, weil er ihre
Kinder irgendwie mißhandelt oder sie auch zu bösen Streichen verführt
hat. Der Vater kennt als Erziehungsmittel nur Schelte und Prügel. Die
verfangen bei dem Jungen nicht. So hebt ein erbitterter Kampf zwischen
den beiden an: der Vater schlägt immer rücksichtsloser, immer länger
zu. Aber Max ist nicht klein zu kriegen. Er schreit nicht, weint nicht,
wehrt sich nicht, läßt sich seine Tracht Prügel aufmessen, schüttelt
sich wie ein junger Jagdhund -- und geht weiter seine verbotenen Wege.
Die Mutter möchte vermitteln, doch kommt sie von dem Vorstellungskreis
des Mannes nicht los und spricht tränenreich von dem Schandfleck auf
dem ehrlichen Namen, von Schimpf und Schande, von Schande und Schmach.
Der Junge fühlt mit gesundem Bubeninstinkt, wie lächerlich unangebracht
die großen Worte sind, da er ja wirklich „nichts gemacht hat“ --
gerauft halt, an fremden Türen geklingelt, ein Fenster eingeworfen.
So hört er die weinerlichen Reden verstockt an und fühlt etwas wie
Verachtung für die Frau, die ihn so furchtbar prügeln läßt und doch
verlangt, er solle den lieben Eltern Freude machen. Was, liebe Eltern!
Fritzl ist ihm fanatisch ergeben, lauscht begeistert der Schilderung
seiner Kämpfe, zittert mit ihm vor Entdeckung, erlebt die Züchtigungen
qualvoll mit, streichelt die häßlichen, blauroten Striemen und gleitet
unmerklich in eine immer verbissenere Auflehnung gegen den Vater
hinein. Die Mutter nehmen sie beide nicht sehr wichtig.
14
Die kleine Schwester ist ein kugelrundes Mädel geworden, mit straffem,
schwarzem Haar und Kirschaugen. Sie ist unendlich gutmütig, wenn man
sie aber ärgert, kann sie furchtbar böse werden. Dann springt sie wie
ein Gummiball, beißt und kratzt. Das ist lustig anzusehen. Sie petzt
niemals. Eigentlich könnte man sie sehr gerne haben. Aber das geht
nicht. Denn erstens ist sie Vaters Abgott, und zweitens kümmert sich
auch Felix sehr um sie, seit er bei den Brüdern abgewirtschaftet hat.
Er spielt mit ihr und zeigt ihr Bilder.
Die Kleine lispelt ein wenig. Max stößt selbst leicht mit der Zunge an,
aber wohl eben darum hat er ein feines Ohr für Sprachfehler. So singt
er der Kleinen alle Augenblicke vor: „Zisch, zisch, zisch, Tischler
hoble den Tisch!“ Das trifft alle beide; die Kleine wird wütend über
das Zisch, zisch und Felix über den eintönigen Singsang. Max und
Fritz sind außer sich vor Freude. Sie nennen die Schwester nur noch
„Kohlhobel“.
15
Große Dinge sind geschehen: Max hat ein etwas gehässiges Bild des
Klassenlehrers auf die Schultafel gezeichnet. Niemand wollte den Täter
verraten. Der Lehrer hat es aber schlau angestellt und willkürlich
Maxens besten Freund als Täter herausgegriffen und trotz heftigem
Leugnen als überführt erklärt. Die Rechnung auf Maxens Großmut war
richtig: Der Junge hatte sich daraufhin selbst angegeben. Der Lehrer
hatte ihn erst beißend verhöhnt, daß er in die Falle gegangen sei,
dann war eine niederschmetternde Predigt gefolgt und schließlich die
Behauptung, er werde noch am Galgen enden. Max, wütend wegen der
gemeinen Überlistung, hatte geantwortet, daß man „wegen so was“ nicht
gehängt würde; und eher werde noch der Lehrer an den Galgen kommen.
Das war zuviel: Lehrerkonferenz, Zeugeneinvernahme und, trotz aller
Rücksicht auf den Herrn Sanitätsrat, die Relegation. Schließlich wurde
eine Einigung erzielt, indem der Vater sich verpflichtete, den Jungen
sofort nach dem knapp bevorstehenden Semesterschluß von der Schule zu
nehmen, und die Schulleitung daraufhin von dem Ausspruch der Relegation
Abstand nahm.
Max war glückselig. Zwar hatte er furchtbare Prügel bekommen, der
Vater sah ihn schon seit Wochen nicht mehr an, die Mutter hatte nur
tränenvolle Strafblicke -- doch aus der Zwangslage hatte sich die
Erfüllung seines langgehegten, sehnlichsten Wunsches als einziger
Ausweg ergeben: er kam ins Kadettenkorps.
Fritz vergoß hin und wieder schon ein Tränchen in Vorahnung des
bitteren Abschieds. Max wußte ihn immer rasch zu trösten durch glühende
Schilderungen des künftigen Herrenlebens. Die Anstalt, für die man ihn
bestimmt hatte, lag weit weg an der polnischen Grenze. „Dort gibt’s
massenhaft Pferde“, erzählte Max. „Und so billig! Zwanzig Mark eins!
Sie sind ja nur klein, aber laufen können die! Mein Lieber! Wart’, wenn
ich dann auf großen Urlaub komm, dann bring’ ich dir eins mit, eins
bestimmt, vielleicht mehr!“ -- „Bestimmt, Max, wirklich?“ keuchte der
Kleine. -- „Wenn ich dir’s sage!“ schloß Max würdig.
16
Der Vater hatte in einem Bergdorf, mitten in endlosen Wäldern, ein
Stück Land gekauft, drei Morgen, und darauf ein Blockhaus gebaut. Bis
an den Gartenzaun reichte starrer alter Hochwald, mit lichten Flecken
von Moos und Beerengesträuch zwischen den Stämmen. Ein Mühlbach
tanzte gischtend über Kiesel. Das wurde dem Knaben untrennbar von
der Vorstellung „Sommer“: weißschäumendes, lärmendes Wasser zwischen
dunklen Tannenwänden und Sonnenkringel auf Mooskissen. -- Zahm und
zögernd erst, bald reich und zügellos bevölkerte die ungelenkte
Phantasie den alten Forst mit Zauberwesen, wohl- und übelgesinnten. Die
Feindschaft mit der kleinen Schwester konnte davor nicht standhalten.
Aus Rinde und Fallholz bauten sie einträchtig Hütten für die Zwerge,
mit Moos gedeckt -- kleine Teiche davor, mit bunten Kieseln eingefaßt,
lose Blüten dazwischen. Gretl liebte den Bruder sehr, fügte sich blind
und trug ihm keinen Augenblick die alten Quälereien nach. Dies Übermaß
von Güte in dem kleinen Wesen bedrückte ihn, und so knuffte er sie oft
unversehens, riß sie an dem kurzen Zopf oder gab ihr böse Worte. Weinte
sie dann, so trieb er’s nur ärger. Wehrte sie sich aber, mit Kratzen
und Fauchen, so war er irgendwie erleichtert und rasch versöhnt.
Max sollte gleich nach den Ferien abreisen. Er bekam eine
vorschriftsmäßige Wäscheausstattung und kam sich, bei fortwährendem
Maßnehmen und Probieren, wichtig und erwachsen vor. Die Dorfbuben
verehrten ihn, weil er schon zu den Soldaten sollte. Auch Felix nahte
sich bewundernd und mit leisem Neid. Max nahm alle Huldigung gönnerhaft
an. Die enge Freundschaft mit Fritz litt ein wenig -- der Junge war ihm
mit einmal zu kindisch, unbrauchbar für wilde Spiele, wie er sie mit
Vorliebe veranstaltete. Fritz kämpfte verzweifelt um seinen Platz. Die
Märchenspiele mit der kleinen Schwester waren ihm schnell verleidet.
Ein Teil des Gartens, höckeriger Felsboden, war durch Sprengungen
geebnet worden. Die Felsbrocken lagen noch umher, wild durcheinander.
Ein leiser Geruch von Pulverdampf haftete ihnen an. Das war Maxens
Reich, die Steinwildnis, in der es sich Räuber und Gendarm spielen
ließ, Zieten aus dem Busch und Löwenjagd.
Solange der Vater im Hause war, ging es still und gesittet zu. Aber
er nützte die kurze Ferienzeit die er sich gönnte, nach Kräften
zu leidenschaftlicher Pirsche auf Bock und Hirsch, hielt knapp
die Mahlzeiten ein und verbrachte Vor- und Nachmittage auf weiten
Waldgängen. So blieben die Kinder tagsüber fast ungestört und nützten
es weidlich.
Eines Nachmittags hatte sich, zahlreicher als sonst, die Schar der
Dorfbuben eingefunden. Max bestimmte „Löwenjagd“ -- Felix sollte
der Löwe sein, Max die Schar der todesmutigen Jäger führen. Fritz
bettelte leidenschaftlich um Beteiligung, als Jäger etwa, oder doch
als Spürhund. Doch Max fand, es seien Jäger genug, und Hunde auf Löwen
sei lächerlich. Aber -- und der Kleine verbiß das Weinen schleunigst,
das ihm schon in den Mundwinkeln saß -- Fritz könnte dem Löwen brüllen
helfen! Felix, der sich in der Rolle des Löwen ohnedies unbehaglich
fühlte, weil er die Schrecken der Jagd, des Kampfes und der endlichen
Erlegung bitter vorausahnte, stimmte begeistert zu. Und während die
Jäger sich beim Holzschuppen mit Latten, Scheiten und Tannenzapfen
waffneten, zog Felix mit Fritz der Steinwüste zu. Dort verbarg er sich
in schwer zugänglichem Felsgewirr und wies Fritz einen vorgeschobenen
Posten an, mit dem strengen Auftrag, beim Nahen der Jäger furchtbar
zu brüllen und damit nicht nachzulassen. Sonst dürfe er nie wieder
mitspielen. Dann gab er das verabredete Zeichen, daß die Jagd beginnen
könne. Mit blutdürstigem Geheul stürmten Max und sein Troß herbei.
Fritz brüllte, daß ihn fast Angst vor seiner eigenen Stimmgewalt
überkam. Die Jäger, wohlerfahren im Weidwerk, hielten kurzen Rat und
schlichen dann, geduckt und kampfbereit, der Löwenstimme nach. Fritz
bebte vor Aufregung, wie nur je ein gehetztes Wild, und brüllte immer
verzweifelter. Aus seinem Felsversteck spähte Felix lauernd herüber.
Nun war das Anschleichen beendet, das wehrhafte Wild umstellt, und mit
gräßlichem Aufschrei stürzten die Jäger vor, Tannenzapfen prasselten,
Holzscheite schwirrten, einzelne Angreifer wälzten sich in ihrem Blute
und zeigten vorsichtshalber ihre Erlebnisse schreiend an, um die
anderen nicht im unklaren zu lassen: „Der Löwe -- er beißt mich -- oh,
mein Bein, mein Bein -- ha, ich blute!“ Das stachelte die Kampflust
der übrigen zur Raserei auf, und Max, jede Wirklichkeit vergessend,
hob den treuen Speer -- eine rauhe Latte -- zielte genau und schoß
nach dem Untier. -- Ein Kerntreffer hätte Fritzls Lebenslicht wohl
ausgeblasen. So streifte ihn das Holz nur an der linken Schläfe, doch
blutete die Schramme stark. Im Augenblick änderte sich die Stimme des
Wüstenkönigs von gemachter Wut zu echter Wehklage. Und im Augenblick
erkannten die Gäste das Unheil, warfen alle Waffen von sich und suchten
heulend das Weite, Todesschreck im Nacken. Felix legte sich hinter
seinem Felsen platt auf den Bauch, barg den Kopf in den Armen, um
nicht sehen, nicht hören zu müssen und wimmerte in sinnloser Angst.
Max stand allein vor seinem zuckenden, heulenden Opfer, und angesichts
des Blutgerinnsels wich, trotz wütender Selbstbeherrschung, die
Jägerfreude zusehends bleicher Angst. Rauhe Reden, von männlicher
Schmerzüberwindung, von weibischer Wehleidigkeit, weckten kein Echo,
steigerten nur das Wehgeheul. Auch Versprechungen verfingen zunächst
nicht. Erst die feierliche Schenkung eines Wasserrades mit Klapperwerk,
das Max sich eben selbst gebaut hatte, fand Aufmerksamkeit. Das Geheul
verstummte, und aus tränendicken Augen kam ein prüfender Blick, ob das
Angebot wohl ernst zu nehmen wäre. Im Augenblick war Max beruhigt über
die Verletzung. Zu oft hatte er selbst den Schreck des Gegners über
blutende Schrammen ausgenützt. Nun hieß es, einen glaubwürdigen Unfall
erfinden. Sie einigten sich auf einen Sturz beim Laufen und legten
die Baumwurzel, über die Fritz gestolpert sein sollte, genau fest.
Dann wurde Felix geholt, durch die wütende Behauptung, er sei an allem
schuld, maßlos eingeschüchtert und durch die höhnende Feststellung,
er sei ein schöner Löwe, der sich abseits verstecke und den kleinen
Kerl für sich brüllen lasse, zum Nichts erniedrigt. An den Spottreden
beteiligte sich Fritz mit Begeisterung und kam dadurch bald zu einem
Lächeln unter Tränen. So zogen sie ins Haus, Fritz ließ sich waschen
und verbinden und war glücklich als doppelter Held. Denn sogar der
Vater hatte ein anerkennendes Wort dafür, daß er die Wunde stumm trug.
Abends aber, im Schlafzimmer, als jede Gefahr vorbei war, meinte
Max wichtig zu den Brüdern: „Aber fein geschmissen war es doch!
Min--de--stens fünfzehn Schritte -- und wenn er den Kopf nicht gedreht
hätt’, wär’ ihm die Lanze durch und durch gegangen! Mein Lieber!“
17
Max ist fort. Den Geschwistern schreibt er nicht, nur den Eltern,
pflichtgemäß alle vierzehn Tage. Felix hat viel zu lernen und sitzt
tagsüber in einem kleinen Kämmerchen, ganz am Ende der weitläufigen
Stadtwohnung. Fritz verbringt die langen Winternachmittage allein
mit Gretl in dem großen Kinderzimmer. Allzu laut dürfen die beiden
nicht sein, denn nebenan, nur durch eine große Glastür getrennt, ist
Vaters Arbeitszimmer. Gegen Abend ist er meist zu Hause und schreibt.
Er liebt keine Störung, und ein scharfes „Pßt“ macht die Kinder auf
Stunden verstummen. Sie spielen Küche, oder Festung, oder Krieg mit
Bleisoldaten. Auch Puppentheater. Fritz entwickelt großartige Entwürfe,
die Gretl bedingungslos gutheißt. Stunden vergehen über langwierigen
Vorbereitungen. Und meist ist es so, daß das Spiel abbricht, wenn
es richtig beginnen sollte. Denn abends, vor dem Essen, muß alles
Spielzeug sauber aufgeräumt sein, das ist strenges Gebot. Gretl ist
oft recht unglücklich, wenn sie die herrlichen Kunstbauten -- Festung,
Meierhof mit vielen Ställen -- niederreißen soll, ohne damit gespielt
zu haben. Fritz aber lacht sie aus. Ihm ist es gerade recht so.