30. Catalanganen.

Die Catalanganen sind nur ein Zweig der Irayas, verdienen aber eine

Sonderstellung, weil sie in ihren Sitten, Bräuchen und Anschauungen

von den letzteren gänzlich abweichen. Ihren Namen erhielten sie von

dem Rio Catalangan, einem rechten Zuflusse des Rio Grande de Cagayán,

an dessen Ufern ihre Hauptsitze zu suchen sind (Provinz Isabela).

Prof. Semper hält sie für stark mit chinesischem Blute gemischt und

bemerkt hierüber: "Die Abstammung von der mongolischen Rasse liess

sich auf den ersten Blick erkennen, an dem hohen Körperbau der Leute,

dem länglichen schmalen Gesichte mit stark zurücktretendem Kinn und

der hohen, von Haarwuchs freien, aber sehr nach hinten gekrümmten

Stirn, an den starken Backenknochen und den kleinen Augen" (Erdk. X,

257). Innere historische Gründe sprechen gegen eine starke Beimischung

chinesischen Blutes. Semper nimmt auch Mengung mit Japanen oder

wenigstens starken japanischen Einfluss an (Semper, Erdk. X, 265,

und Skizzen 55). Unter den Catalanganen leben friedlich Negritos

(Semper, Erdk. X, 260; Cavada I, 81). Was die günstigen Seiten ihres

Charakters anbelangt, so werden ihre Friedfertigkeit, welche aber

nur ihrer grossen Feigheit zu verdanken ist, ihre Ordnungsliebe,

Subordination, Nüchternheit und Frugalität gerühmt, ihnen dagegen

aber Habsucht, Geiz, Indolenz, Ungastlichkeit &c. vorgeworfen (Semper,

Erdk. X, 261). In Bezug auf letzteres hebt Cavada gerade das Gegentheil

hervor, vielleicht im Irrthume begriffen, indem er die Irayas meinte,

oder es hat seit Semper's Besuch ein Umschwung Statt gefunden.

Sie tätowiren sich, die Muster sind chinesischen oder japanischen

Ursprunges (Semper, Erdk. X, 265, u. Skizzen 55), nach einer anderen

Stelle (Semper, Erdk. X, 254) aber von derselben Art, wie sie bei

den Negritos üblich ist. Die Männer und Weiber tragen eine ähnliche

Kleidung wie die "Indier", d. h. die christlichen Malaien. Um den

Leib über Hüften und Nabel werden buntgefärbte geflochtene Bänder und

Messingstreifen getragen (Semper, Erdk. X, 260). Ausserdem tragen

Männer und Weiber einen Gürtel mit einer dicken Patronentasche,

welche rückwärts hängt und in welcher der Buyo, der von ihnen auch mit

Leidenschaft gekaut wird, sich befindet (l. c.). Diese Tasche dient

auch als Stützpunkt für die kleinen Kinder, welche mittelst eines

Zeuges von der Mutter auf dem Rücken nach Zigeunerart getragen werden

(l. c.).

Ihre Schmucksachen gleichen denen der Negritos (Semper, Erdk. X,

260). Am Arme und in den Ohren tragen sie Messingringe, in einem Ohre

mitunter 6 Ringe, wodurch die Ohrlappen eine unnatürliche Verlängerung

erleiden (l. c.). Auch Glasperlen, Ohrgehänge aus Silber oder schlecht

vergoldetem Kupfer kaufen sie gern von christlichen und chinesischen

Krämern ein (Semper, Erdk. X, 259). Ihre Waffen sind Bogen und Pfeile

(l. c. 261).

Ihre Rancherías bestehen nur aus wenigen Hütten, und diese selbst

liegen weit auseinander, so dass selbst die grössten Dörfer nicht

mehr als 20 bis 30 Hütten zählen (Semper, Erdk. X, 258). Die Hütten

stehen auf Pfählen, so dass man nur auf einer Leiter in das Innere

gelangen kann; in der Nacht wird die Leiter aufgezogen. Die Dächer sind

sehr dicht und solid aus Gras oder Rohr über dem Gebälke hergestellt

(Semper, Erdk. X, 260, u. Skizzen 54). Das Innere der Hütte wird nur

durch eine Schwelle in Küche und Wohnzimmer geschieden, der Rauch

muss sich durch die Thüre und durch die Fensterluken (selten mehr

als zwei) den Ausweg suchen (Erdk. X, 259). Oft ist an das übrigens

kleine und niedrige Haus eine ebenso armselige Scheune angebaut

(l. c.), und wenige Hütten giebt es, welche ohne eine Schmiede wären,

die stets den Ahnen, den Anitos, geheiligt ist (l. c. 262). Neben dem

Hause liegen gewöhnlich zwei Scheunen, eine für den Reis, die andere

für den Mais (l. c. 257), ebenso sind auch in der nächsten Nähe kleine

Götterhäuschen angebracht (l. c.). Die Hütten selbst liegen auf freien,

sorgfältig reingehaltenen (man denke an den Igorrotenschmutz!) Plätzen

(l. c. 256), selbst der unter dem Hause befindliche freie Raum wird

sauber gefegt (Semper, Skizzen 55).

Die Catalanganen sind Ackerbauer, und zwar sind wie bei den Apayaos

Mais und Reis diejenigen Feldfrüchte, welche nahezu ausschliesslich

cultivirt werden (Semper, Erdk. X, 257). Ausserdem bauen sie

Zuckerrohr, einen trefflichen Tabak, die Wurzeln: Samate, Ubi, Gabe

oder Gabi (l. c. 258), letztere ist uns schon bekannt, überdiess

wird noch ein Strauch "Tubá" gezogen, dessen gepulverte Frucht zum

Betäuben der Fische verwendet wird (l. c. 259). Sie zeichnen sich

durch die Sorgfalt aus, mit der sie ihre Äcker von Baumstümpfen,

Steinen und Unkraut reinigen (l. c. 257; Semper, Skizzen 54). Ihr

Fleiss ist schon dadurch gekennzeichnet, dass sie--wenigstens vor

zwanzig Jahren--nur in einer einzigen Ranchería Büffel besassen und

zur Feldarbeit benutzen konnten, während in allen übrigen Dörfern

nur Menschenhände zur Verfügung standen (Semper, Erdk. X, 258,

Skizzen 54). Da sie keine Werkzeuge zum Säen und Ernten besitzen, so

müssen sie bei der Ernte mühsam jeden Halm mit einem kleinen Messer

abschneiden (Semper, Skizzen 54). Durch Anlage von Dämmen suchen

sie ihre Felder vor Überschwemmungen zu sichern (Semper, Skizzen

56). Durch Aufspeichern grosser Getreidevorräthe haben sie sich für

die Zeiten der Hungersnoth, der Missernte &c. geschützt, werden aber

durch diese weise Vorsicht geizig und ungastlich, sie weigern sich

sogar, etwas von ihren Vorräthen zu verkaufen (Semper, Erdk. X, 257,

u. Skizzen 55). Ausser den Früchten ihrer Felder bildet Honig auch

einen Hauptbestandtheil ihrer Nahrung, während sie das Wachs wie alle

Bergstämme an die Christen verkaufen (Semper, Erdk. X, 258). Da ihre

Flüsse und Bäche von Fischen wimmeln, so liefert das Fleisch derselben

nicht nur ihre wichtigste animalische Kost, sie sind vielmehr in der

Lage, selbst von ihrem Überflusse an die Christen etwas zu verkaufen

und zwar sind es meist gesalzene Fische, welche der Gegenstand dieses

regen Handelsverkehrs sind (Semper, Erdk. l. c.). Der Fischfang selbst

findet auf alle mögliche Weise Statt: das Betäuben der Fische durch die

Tuba-Frucht, das Ausspannen von Grundnetzen, die Benutzung von Angeln,

Fischreusen, das Sperren, alle diese Methoden werden nebeneinander

angewendet (Semper, Erdk. 258 n. f.; Skizzen 57).

Ihre Religion kennt zwei Götterpaare, welchen zu Ehren grosse hölzerne

Tafeln unter dem Dache der Thür gegenüber schräg befestigt werden, auf

den Tafeln sind Schriftzeichen angebracht, "die sehr an chinesische

erinnerten" (Semper, Erdk. X, 261). Die Namen dieser Götterpaare

sind: Tschiehónau [25] mit einer Frau Bebenángan und Sialó mit

seinem Weibe Binalínga. Sie scheinen auch Götteridole zu besitzen,

wenigstens erwähnt Semper, er hätte in einem Hause das geschnitzte

Bild eines Gottes gesehen (Semper, Erdk. l. c.). Im Juni wird diesen

Götterpaaren zu Ehren in einem ihrer Dörfer ein Fest gefeiert, in

jener Ranchería ist ihnen nämlich ein Haus geweiht, "worin der letzte

Priester Hantasan und sein Weib Talamajäu [26] gewohnt haben"; seit

dem Tode dieses Priesterpaares kennen die Catalanganen keine Priester

mehr (Semper, Erdk. X, 261). Es wäre sehr interessant, wenn wir über

diese Sage mehr in Erfahrung brächten.

Wie bei allen Malaien der Philippinen wird auch hier den Seelen

der Ahnen, den Anitos, eine grössere Verehrung erwiesen, als den

eigentlichen Göttern. Anito wird die Seele eines jeden Todten,

der zu seinen Lebzeiten Grossvaterfreuden erlebte (Semper, Erdk. X,

262). Der Anito behält auch als solcher den Namen, den er einst als

Mensch getragen. Vor den Hütten werden den ältesten Anitos der Familie

rohe Hausmodelle von 1-1/2 bis 2 Fuss Höhe als Wohnsitz angewiesen,

dem ältesten Anito aber ist "der kleine freie Platz vor der Leiter, auf

dem der Pilan (Reismörser) steht, geweiht; er darf weder durch Feuer

noch durch Essen entweiht werden" (Semper, Erdk. X, 262). Jüngeren

Anitos sind eigenthümlich geformte Bänke, auf denen dem Chinesischen

ähnliche Schriftzeichen eingeritzt sind (Semper, Erdk. l. c.),

geweiht. Anderen Anitos sind als Sitze Töpfe in irgend einer Ecke

aufgestellt (Semper, Erdk. l. c. u. Skizzen 56). Die Catalanganen

heben die Perlenschnüre und Schmucksachen ihrer Verstorbenen als

wunderthätige Reliquien auf und verkaufen sie, ähnlich den Apayaos,

um keinen Preis (Erdk. l. c.). Von jeder Schüssel wird beim Speisen

den Anitos ein Theil geopfert, während aber bei einigen Stämmen Luzons

ein kleiner Rest zu dieser Art Libation verwendet wird, pflegen die

Catalanganen diess Opfer zu bringen, bevor sie zu essen beginnen

(Semper, Erdk. X, 263). Ähnlich den anderen Bergstämmen feiern sie

den Anitos zu Ehren zur Saat- und Erntezeit allgemeine Feste (l. c.).

Ihre religiösen und nationalen Feste richten sich nach dem Laufe

der Sonne (Semper, Skizzen 57). Bei diesen Festlichkeiten bildet

Tanzen einen wichtigen Programmpunkt. Ihre Tänze sind pantomimische

Darstellungen der Liebe, und so tritt immer nur ein Paar auf: die

Tänzerin dreht sich mit unbeweglich ausgestreckten Armen um sich

selbst, während der Mann wie rasend mit den Armen herumfuchtelt und

das Weib stampfend umkreist. Sinkt der Tänzer erschöpft zur Erde, so

tritt sofort ein anderer für ihn ein. Ihre nationalen Musikinstrumente

sind Gongs, welche mit flachen Händen bearbeitet werden. Ausser diesen

Liebestänzen besitzen sie auch einen Kriegstanz (Semper, Erdk. X, 263).

Die ehelichen Bande sind leicht zu lösen: sind Eheleute gegenseitig

unzufrieden, so gehen die Gatten ohne jeden Ceremonienkram auseinander

und schliessen neue Ehen; trotz dieser Leichtigkeit der Ehescheidung

kommen solche Fälle nur selten vor (Semper, Erdk. X, 264).

Die Särge sind an beiden Enden offen; die Todten werden in ihren

Kleidern und Schmucksachen in diese Särge gelegt, auch Habseligkeiten

werden mit hineingegeben. Unter grossem Heulen und Wehklagen der

Hinterbliebenen wird der Sarg unter dem Hause in die Erde gesenkt,

bemerkenswerth ist, dass bei dieser Gelegenheit die Trauernden um

das Grab herum knieen (Semper, Erdk. X, 263). Die Leichenfeier wird

mit einem Festschmause geschlossen (l. c. 264).

Prof. C. Semper rühmt ihnen Achtung vor dem Eigenthume nach: Diebstahl

wird mit dem Feuertode bestraft (Semper l. c. 261).

Sehen wir von dem Flechten von Matten ab, so ist der wichtigste Zweig

ihrer Industrie die Verfertigung von Booten, welche sie an Christen

und chinesische Händler in Ilagán um einen geringen Preis verkaufen

(Semper, Erdk. X, 259).

Seit 30 Jahren sind sie der spanischen Regierung unterthan, doch

begnügt sich diese mit der Einhebung einer kleinen Kopfsteuer (dem

"Reconocimiento"), welche ein Commissär jährlich einhebt. Die Spanier

haben in jedem Dorfe einen Gemeindevorsteher, den Gobernadorcillo,

durch Scheinwahl eingesetzt; diese Gobernadorcillos haben aber in ihrem

Dorfe weder Ansehen noch Macht, nur ihre Eitelkeit kann sich durch

das Tragen des silberbeschlagenen Amtsstockes und einer dunklen Jacke

befriedigt fühlen und sie so für die Lasten und Verantwortlichkeiten

entschädigen, die sie den spanischen Behörden gegenüber übernehmen

(Semper, Erdk. X, 264).

Versuch einer Ethnographie der Philippinen · 第 45 / 80 题