Die Catalanganen sind nur ein Zweig der Irayas, verdienen aber eine
Sonderstellung, weil sie in ihren Sitten, Bräuchen und Anschauungen
von den letzteren gänzlich abweichen. Ihren Namen erhielten sie von
dem Rio Catalangan, einem rechten Zuflusse des Rio Grande de Cagayán,
an dessen Ufern ihre Hauptsitze zu suchen sind (Provinz Isabela).
Prof. Semper hält sie für stark mit chinesischem Blute gemischt und
bemerkt hierüber: "Die Abstammung von der mongolischen Rasse liess
sich auf den ersten Blick erkennen, an dem hohen Körperbau der Leute,
dem länglichen schmalen Gesichte mit stark zurücktretendem Kinn und
der hohen, von Haarwuchs freien, aber sehr nach hinten gekrümmten
Stirn, an den starken Backenknochen und den kleinen Augen" (Erdk. X,
257). Innere historische Gründe sprechen gegen eine starke Beimischung
chinesischen Blutes. Semper nimmt auch Mengung mit Japanen oder
wenigstens starken japanischen Einfluss an (Semper, Erdk. X, 265,
und Skizzen 55). Unter den Catalanganen leben friedlich Negritos
(Semper, Erdk. X, 260; Cavada I, 81). Was die günstigen Seiten ihres
Charakters anbelangt, so werden ihre Friedfertigkeit, welche aber
nur ihrer grossen Feigheit zu verdanken ist, ihre Ordnungsliebe,
Subordination, Nüchternheit und Frugalität gerühmt, ihnen dagegen
aber Habsucht, Geiz, Indolenz, Ungastlichkeit &c. vorgeworfen (Semper,
Erdk. X, 261). In Bezug auf letzteres hebt Cavada gerade das Gegentheil
hervor, vielleicht im Irrthume begriffen, indem er die Irayas meinte,
oder es hat seit Semper's Besuch ein Umschwung Statt gefunden.
Sie tätowiren sich, die Muster sind chinesischen oder japanischen
Ursprunges (Semper, Erdk. X, 265, u. Skizzen 55), nach einer anderen
Stelle (Semper, Erdk. X, 254) aber von derselben Art, wie sie bei
den Negritos üblich ist. Die Männer und Weiber tragen eine ähnliche
Kleidung wie die "Indier", d. h. die christlichen Malaien. Um den
Leib über Hüften und Nabel werden buntgefärbte geflochtene Bänder und
Messingstreifen getragen (Semper, Erdk. X, 260). Ausserdem tragen
Männer und Weiber einen Gürtel mit einer dicken Patronentasche,
welche rückwärts hängt und in welcher der Buyo, der von ihnen auch mit
Leidenschaft gekaut wird, sich befindet (l. c.). Diese Tasche dient
auch als Stützpunkt für die kleinen Kinder, welche mittelst eines
Zeuges von der Mutter auf dem Rücken nach Zigeunerart getragen werden
(l. c.).
Ihre Schmucksachen gleichen denen der Negritos (Semper, Erdk. X,
260). Am Arme und in den Ohren tragen sie Messingringe, in einem Ohre
mitunter 6 Ringe, wodurch die Ohrlappen eine unnatürliche Verlängerung
erleiden (l. c.). Auch Glasperlen, Ohrgehänge aus Silber oder schlecht
vergoldetem Kupfer kaufen sie gern von christlichen und chinesischen
Krämern ein (Semper, Erdk. X, 259). Ihre Waffen sind Bogen und Pfeile
(l. c. 261).
Ihre Rancherías bestehen nur aus wenigen Hütten, und diese selbst
liegen weit auseinander, so dass selbst die grössten Dörfer nicht
mehr als 20 bis 30 Hütten zählen (Semper, Erdk. X, 258). Die Hütten
stehen auf Pfählen, so dass man nur auf einer Leiter in das Innere
gelangen kann; in der Nacht wird die Leiter aufgezogen. Die Dächer sind
sehr dicht und solid aus Gras oder Rohr über dem Gebälke hergestellt
(Semper, Erdk. X, 260, u. Skizzen 54). Das Innere der Hütte wird nur
durch eine Schwelle in Küche und Wohnzimmer geschieden, der Rauch
muss sich durch die Thüre und durch die Fensterluken (selten mehr
als zwei) den Ausweg suchen (Erdk. X, 259). Oft ist an das übrigens
kleine und niedrige Haus eine ebenso armselige Scheune angebaut
(l. c.), und wenige Hütten giebt es, welche ohne eine Schmiede wären,
die stets den Ahnen, den Anitos, geheiligt ist (l. c. 262). Neben dem
Hause liegen gewöhnlich zwei Scheunen, eine für den Reis, die andere
für den Mais (l. c. 257), ebenso sind auch in der nächsten Nähe kleine
Götterhäuschen angebracht (l. c.). Die Hütten selbst liegen auf freien,
sorgfältig reingehaltenen (man denke an den Igorrotenschmutz!) Plätzen
(l. c. 256), selbst der unter dem Hause befindliche freie Raum wird
sauber gefegt (Semper, Skizzen 55).
Die Catalanganen sind Ackerbauer, und zwar sind wie bei den Apayaos
Mais und Reis diejenigen Feldfrüchte, welche nahezu ausschliesslich
cultivirt werden (Semper, Erdk. X, 257). Ausserdem bauen sie
Zuckerrohr, einen trefflichen Tabak, die Wurzeln: Samate, Ubi, Gabe
oder Gabi (l. c. 258), letztere ist uns schon bekannt, überdiess
wird noch ein Strauch "Tubá" gezogen, dessen gepulverte Frucht zum
Betäuben der Fische verwendet wird (l. c. 259). Sie zeichnen sich
durch die Sorgfalt aus, mit der sie ihre Äcker von Baumstümpfen,
Steinen und Unkraut reinigen (l. c. 257; Semper, Skizzen 54). Ihr
Fleiss ist schon dadurch gekennzeichnet, dass sie--wenigstens vor
zwanzig Jahren--nur in einer einzigen Ranchería Büffel besassen und
zur Feldarbeit benutzen konnten, während in allen übrigen Dörfern
nur Menschenhände zur Verfügung standen (Semper, Erdk. X, 258,
Skizzen 54). Da sie keine Werkzeuge zum Säen und Ernten besitzen, so
müssen sie bei der Ernte mühsam jeden Halm mit einem kleinen Messer
abschneiden (Semper, Skizzen 54). Durch Anlage von Dämmen suchen
sie ihre Felder vor Überschwemmungen zu sichern (Semper, Skizzen
56). Durch Aufspeichern grosser Getreidevorräthe haben sie sich für
die Zeiten der Hungersnoth, der Missernte &c. geschützt, werden aber
durch diese weise Vorsicht geizig und ungastlich, sie weigern sich
sogar, etwas von ihren Vorräthen zu verkaufen (Semper, Erdk. X, 257,
u. Skizzen 55). Ausser den Früchten ihrer Felder bildet Honig auch
einen Hauptbestandtheil ihrer Nahrung, während sie das Wachs wie alle
Bergstämme an die Christen verkaufen (Semper, Erdk. X, 258). Da ihre
Flüsse und Bäche von Fischen wimmeln, so liefert das Fleisch derselben
nicht nur ihre wichtigste animalische Kost, sie sind vielmehr in der
Lage, selbst von ihrem Überflusse an die Christen etwas zu verkaufen
und zwar sind es meist gesalzene Fische, welche der Gegenstand dieses
regen Handelsverkehrs sind (Semper, Erdk. l. c.). Der Fischfang selbst
findet auf alle mögliche Weise Statt: das Betäuben der Fische durch die
Tuba-Frucht, das Ausspannen von Grundnetzen, die Benutzung von Angeln,
Fischreusen, das Sperren, alle diese Methoden werden nebeneinander
angewendet (Semper, Erdk. 258 n. f.; Skizzen 57).
Ihre Religion kennt zwei Götterpaare, welchen zu Ehren grosse hölzerne
Tafeln unter dem Dache der Thür gegenüber schräg befestigt werden, auf
den Tafeln sind Schriftzeichen angebracht, "die sehr an chinesische
erinnerten" (Semper, Erdk. X, 261). Die Namen dieser Götterpaare
sind: Tschiehónau [25] mit einer Frau Bebenángan und Sialó mit
seinem Weibe Binalínga. Sie scheinen auch Götteridole zu besitzen,
wenigstens erwähnt Semper, er hätte in einem Hause das geschnitzte
Bild eines Gottes gesehen (Semper, Erdk. l. c.). Im Juni wird diesen
Götterpaaren zu Ehren in einem ihrer Dörfer ein Fest gefeiert, in
jener Ranchería ist ihnen nämlich ein Haus geweiht, "worin der letzte
Priester Hantasan und sein Weib Talamajäu [26] gewohnt haben"; seit
dem Tode dieses Priesterpaares kennen die Catalanganen keine Priester
mehr (Semper, Erdk. X, 261). Es wäre sehr interessant, wenn wir über
diese Sage mehr in Erfahrung brächten.
Wie bei allen Malaien der Philippinen wird auch hier den Seelen
der Ahnen, den Anitos, eine grössere Verehrung erwiesen, als den
eigentlichen Göttern. Anito wird die Seele eines jeden Todten,
der zu seinen Lebzeiten Grossvaterfreuden erlebte (Semper, Erdk. X,
262). Der Anito behält auch als solcher den Namen, den er einst als
Mensch getragen. Vor den Hütten werden den ältesten Anitos der Familie
rohe Hausmodelle von 1-1/2 bis 2 Fuss Höhe als Wohnsitz angewiesen,
dem ältesten Anito aber ist "der kleine freie Platz vor der Leiter, auf
dem der Pilan (Reismörser) steht, geweiht; er darf weder durch Feuer
noch durch Essen entweiht werden" (Semper, Erdk. X, 262). Jüngeren
Anitos sind eigenthümlich geformte Bänke, auf denen dem Chinesischen
ähnliche Schriftzeichen eingeritzt sind (Semper, Erdk. l. c.),
geweiht. Anderen Anitos sind als Sitze Töpfe in irgend einer Ecke
aufgestellt (Semper, Erdk. l. c. u. Skizzen 56). Die Catalanganen
heben die Perlenschnüre und Schmucksachen ihrer Verstorbenen als
wunderthätige Reliquien auf und verkaufen sie, ähnlich den Apayaos,
um keinen Preis (Erdk. l. c.). Von jeder Schüssel wird beim Speisen
den Anitos ein Theil geopfert, während aber bei einigen Stämmen Luzons
ein kleiner Rest zu dieser Art Libation verwendet wird, pflegen die
Catalanganen diess Opfer zu bringen, bevor sie zu essen beginnen
(Semper, Erdk. X, 263). Ähnlich den anderen Bergstämmen feiern sie
den Anitos zu Ehren zur Saat- und Erntezeit allgemeine Feste (l. c.).
Ihre religiösen und nationalen Feste richten sich nach dem Laufe
der Sonne (Semper, Skizzen 57). Bei diesen Festlichkeiten bildet
Tanzen einen wichtigen Programmpunkt. Ihre Tänze sind pantomimische
Darstellungen der Liebe, und so tritt immer nur ein Paar auf: die
Tänzerin dreht sich mit unbeweglich ausgestreckten Armen um sich
selbst, während der Mann wie rasend mit den Armen herumfuchtelt und
das Weib stampfend umkreist. Sinkt der Tänzer erschöpft zur Erde, so
tritt sofort ein anderer für ihn ein. Ihre nationalen Musikinstrumente
sind Gongs, welche mit flachen Händen bearbeitet werden. Ausser diesen
Liebestänzen besitzen sie auch einen Kriegstanz (Semper, Erdk. X, 263).
Die ehelichen Bande sind leicht zu lösen: sind Eheleute gegenseitig
unzufrieden, so gehen die Gatten ohne jeden Ceremonienkram auseinander
und schliessen neue Ehen; trotz dieser Leichtigkeit der Ehescheidung
kommen solche Fälle nur selten vor (Semper, Erdk. X, 264).
Die Särge sind an beiden Enden offen; die Todten werden in ihren
Kleidern und Schmucksachen in diese Särge gelegt, auch Habseligkeiten
werden mit hineingegeben. Unter grossem Heulen und Wehklagen der
Hinterbliebenen wird der Sarg unter dem Hause in die Erde gesenkt,
bemerkenswerth ist, dass bei dieser Gelegenheit die Trauernden um
das Grab herum knieen (Semper, Erdk. X, 263). Die Leichenfeier wird
mit einem Festschmause geschlossen (l. c. 264).
Prof. C. Semper rühmt ihnen Achtung vor dem Eigenthume nach: Diebstahl
wird mit dem Feuertode bestraft (Semper l. c. 261).
Sehen wir von dem Flechten von Matten ab, so ist der wichtigste Zweig
ihrer Industrie die Verfertigung von Booten, welche sie an Christen
und chinesische Händler in Ilagán um einen geringen Preis verkaufen
(Semper, Erdk. X, 259).
Seit 30 Jahren sind sie der spanischen Regierung unterthan, doch
begnügt sich diese mit der Einhebung einer kleinen Kopfsteuer (dem
"Reconocimiento"), welche ein Commissär jährlich einhebt. Die Spanier
haben in jedem Dorfe einen Gemeindevorsteher, den Gobernadorcillo,
durch Scheinwahl eingesetzt; diese Gobernadorcillos haben aber in ihrem
Dorfe weder Ansehen noch Macht, nur ihre Eitelkeit kann sich durch
das Tragen des silberbeschlagenen Amtsstockes und einer dunklen Jacke
befriedigt fühlen und sie so für die Lasten und Verantwortlichkeiten
entschädigen, die sie den spanischen Behörden gegenüber übernehmen
(Semper, Erdk. X, 264).