Apropos, was machen denn unsere hiesigen Dunkelmänner?«

Peter sagte, er hätte den Schuster erst einmal gesprochen, am ersten

Schultage, als er seinen Sohn gebracht habe.

»Hat er auch schon ältere Kinder in der Schule?« fragte der alte Herr

interessiert.

»Eins,« sagte Peter kurz.

»Wie machen seine Sprößlinge sich denn?«

»Gut. Es sind tüchtige und fleißige Kinder.«

»Naja, wir wollen hoffen, daß die Schule ihnen die Rückständigkeiten

aus dem Kopfe herausbringt, die ihnen zu Hause hineingesetzt werden.

Haben Sie auf die Kinder besonders acht! Na, nachher kriege ich sie ja

auch noch, im Konfirmandenunterricht ... Haben Sie etwas gemerkt von

heimlichen Wühlereien und Winkelversammlungen?«

»Och, Herr Superintendent, es widerstrebt mir, dahinter her zu

spionieren. Ich denke immer: Was die Menschen so in ihren Häusern

treiben, das geht dich nichts an. Ich möchte auch nicht, wenn einer

sich darum kümmerte, was ich zwischen meinen vier Wänden treibe.«

»Es handelt sich aber hier um unerlaubte, heimliche Zusammenrottungen,«

sagte der Superintendent mit einem verwunderten Blick auf den jungen

Schulmeister.

»Wenn der Schuster sich einige gute Freunde einladen will, um mit ihnen

zu singen und zu beten, was ist dagegen zu sagen?«

»Dagegen ist zu sagen, daß zum Singen und Beten die öffentlichen

Gottesdienste in der Kirche eingerichtet sind. Ich muß jetzt gehen,

damit meine Frau nicht mit dem Essen auf mich zu warten braucht.

Vergessen Sie aber nicht, mein Freund, daß Kirche und Schule gemeinsam

berufen sind, über dem Wohl und der Gesundheit des Volkslebens zu

wachen. Und lassen Sie sich nicht verführen! Bleiben Sie ein geistig

freier und aufrechter Mensch!«

Der alte Herr hatte Hut und spanisches Rohr genommen und ging. Peter

gab ihm über den Hof bis an die Straße das Geleit. Nachdenklich ging er

dann nach seinem Hause zurück. Alle diese Menschen, der Superintendent,

der Schuster, Claus Mattens, lebten zusammen in einer kleinen

Heidegemeinde, fernab von der großen Welt, aßen dasselbe Brot, tranken

dasselbe Wasser, und doch lebte jeder von ihnen in seiner eigenen Welt,

ohne den anderen und seine Welt zu kennen. Und alle waren sie bemüht,

ihn, den Unfertigen, der sich noch nicht irgendwo festgesetzt hatte, zu

sich herüberzuziehen, der eine durch sein Gewicht als Vorgesetzter, der

andere durch seine Bauernklugheit, der dritte durch sein Gebet. Eine

wunderliche Welt!

Peter schüttelte den Kopf. Wie leicht wurde der alte Herr mit den

Dingen fertig, die er selbst für die schwersten hielt! Der sagte

einfach: »Ich habe das studiert; ich muß das wissen. Und Sie haben

nicht studiert; folglich verstehen Sie nichts davon.« Wenn es mit

der Religion nicht mehr auf sich hat, als dieser studierte Herr sich

darüber zusammenstudiert hat, dann weg damit, lieber heute als morgen,

aus der Schule, und aus dem Leben auch. Aber etwas mehr sitzt doch

wohl dahinter ... Oder wenigstens ursprünglich ist's mehr gewesen ...

Darüber würde wohl die Bibel am besten Auskunft geben können, die ja

damals geschrieben ist. Will mich doch einmal danach umtun, unbekümmert

darum, was Kirchenleute und Schuster nachher aus dem Ursprünglichen

gemacht haben. Interessant ist und bleibt die Sache nun doch einmal.

Wenn unsereiner nur Lesen, Schreiben und Rechnen pauken sollte, es

wäre ja, um aus der Haut zu fahren. Hierbei kann man doch einmal warm

werden, kann seinen Kindern mal ans Herz kommen ...

Wenn unter eine Spatzenschar ein Spatz kommt, der etwas anders aussieht

als die anderen Spatzen, dann hacken diese so lange auf ihm herum, bis

er tot ist. Ein Spatz soll eben ein Spatz sein, von der alten guten

Spatzenart. Jede Abweichung davon ist ein todwürdiges Verbrechen.

Die Rolle eines solchen unglücklichen Vogels spielten unter der

Soltener Schuljugend die Schusterskinder. Warum hatten die dunkle

Augen? Warum kamen sie nicht mit Holz- sondern mit Lederschuhen zur

Schule? Warum balgten sie sich nicht wie die anderen? Warum kamen sie

abends nicht zum Spiel? Warum machten sie sich durch ihre Streberei

bei dem Schulmeister so beliebt? Kurz, warum waren sie anders als die

anderen? Das konnte die Schuljugend nicht hingehen lassen, und wo sie

konnte, wischte sie den Fremden eins aus. Und sie hatte dabei das

allerbeste Gewissen von der Welt. Sie war überzeugt, damit die Sache

der Heimat gegen das Fremde, ja die der Kirche gegen die Abtrünnigen zu

vertreten. Ja, sie war eben auch ein getreues Abbild der großen Welt,

die Schule in Solten.

Peter hatte einige Male den Stock gebraucht, als er von diesen

Hänseleien und Quälereien etwas gemerkt hatte, aber damit die Sache

nur schlimmer gemacht. Nur daß die Bösewichter jetzt vor den Augen des

unbegreiflich parteiischen Lehrers sich hüteten, wenn sie ihrer guten

und gerechten Sache weiter dienten.

Peter war jetzt fünfviertel Jahr in Solten. Er hatte sich gut

eingelebt, und die Leute hatten ihn gern. Er fühlte sich wohl im Dorfe

und brachte auch die Ferien dort zu. Nach Hause zu gehen, konnte er

nicht mehr über sich gewinnen, seitdem der Vater ihm öffentlich im

Wirtshause von Brunsdorf Undankbarkeit für die empfangene Wohltaten

vorgeworfen hatte. Von der bei Clas Mattens geliehenen Summe hatte er

bereits einen Teil zurückgezahlt.

Am Abend vor dem Wiederbeginn der Schule nach den Sommerferien sah

Peter zu seiner Verwunderung den Schuster auf sein Haus zukommen. Er

hatte sonst keine Beziehung zu ihm, als daß er sich von ihm seine

Schuhe flicken und besohlen ließ. Was mochte der Mann wollen? Wollte er

einen Bekehrungsversuch machen? Peter nahm sich die größte Kühle und

Zurückhaltung vor.

Er schlug sein dickstes Buch auf und begann irgendwo zu lesen.

Es klopfte. Peter schwieg.

Es klopfte noch einmal. »Herein,« sagte Peter wie aus dem tiefsten

Nachdenken heraus.

»Guten Tag, Herr Lehrer.«

»Guten Tag,« sagte Peter tonlos und las seinen Satz zu Ende. Dann

wandte er sich langsam herum und fragte kühl: »Was wünschen Sie?«

»Herr Lehrer,« sagte der Schuster, wobei er in großer innerer Erregung

die Mütze zwischen den Händen drehte, »meine Kinder müssen von den

anderen Kindern im Dorfe viel leiden. Aber ich habe bis jetzt immer

dazu still geschwiegen. Denn es steht geschrieben: Selig sind, die um

Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr.

Aber, Herr Lehrer, heute darf ich nicht schweigen. Denn wenn Menschen

schweigen wollten, müßten die Steine schreien.«

»Was ist denn passiert?« fragte Peter. »Machen Sie doch nicht so viele

Worte!«

Der Schuster erzählte nun kurz und sachlich, seine Tochter Lina hätte

mit dem kleinen Paul diesen heißen Nachmittag unten in den Wiesen das

letzte Heu trocken gemacht, das wegen der Regenzeit nicht eher hätte

eingebracht werden können. Und da hätten die beiden wegen der großen

Hitze sich in der Aue gebadet. Während sie im Wasser waren, wären ein

paar Jungens gekommen, die von ihnen unbemerkt im Gebüsch geangelt

hätten, und hätten Linas Kleider versteckt und sich dann von ihrem

Gebüsch aus an der Verlegenheit des Mädchens geweidet und ihr häßliche

Worte zugerufen. Paul hätte lange suchen müssen, bis er die Kleider

wiedergefunden hätte. Und seine Tochter läge nun im Bette, müsse in

einem fort krampfartig weinen und wolle sich gar nicht beruhigen lassen.

Peter war aufgefahren und fragte zornblitzenden Auges: »Wer hat das

getan?«

»Erkannt haben meine Kinder,« sagte der Schuster, »nur Westermanns

Johann. Aber es ist noch ein anderer dabeigewesen.«

»Gut,« sagte Peter, »ich werde die Buben schon herauskriegen und sie

dann in einer Weise bestrafen, daß Sie zufrieden sein sollen.«

Der Schuster sagte sanft: »Ach, Herr Lehrer, es ist ja nicht um

meinetwillen. Es ist doch nur der armen Jungen wegen, daß die nicht so

auf dem Weg des Verderbens weitertaumeln.«

»Meinetwegen können Sie's auch so ansehen,« sagte Peter, unangenehm

berührt. »Übrigens, ... es tut mir sehr leid, daß gerade Ihre Lina

von einer solchen Bosheit und Schändlichkeit betroffen ist. Ich kann

mir denken, wie sie das mitgenommen hat. Sie ist so ein feines,

zartfühlendes Kind. Überhaupt eigentlich meine liebste Schülerin.«

»Das freut mich, Herr Lehrer,« sagte der andere, »Lina erzählt

uns auch immer viel Schönes vom Herrn Lehrer, aus der biblischen

Geschichtsstunde.«

»So? Das freut mich! In diesen Stunden habe ich auch am meisten Freude

an ihr. Sie hat so eine feine Art, die biblischen Geschichten zu

erzählen, die einem wohltut.«

»Ach ja,« sagte der Schuster und hielt den Kopf ein wenig schief, »sie

hat den Herrn Jesum recht lieb, und es freut mich, daß wir einen Lehrer

haben, der auch auf das eine, was not ist, hinarbeitet. Die Geschichte,

wo der Herr dies zu der Maria und Martha sagt, ist ja die erste

gewesen, die der Herr Lehrer sich hier in Solten haben erzählen lassen.«

»Ach ja,« sagte Peter, »das machte sich so zufällig.«

»Ich dachte,« fuhr der andere fort, »der Herr Lehrer hätten uns wohl

schon einmal besucht.«

»Ich war auch schon einmal auf dem Wege,« sagte Peter, »aber ich

glaubte zu stören.«

»Warum?«

»Sie hatten die ganze Stube voll Menschen und sangen und ...«

»Ach so, dann war das an einem Mittwochabend. Ja, da sind immer einige

Brüder und Schwestern bei uns, und wir betrachten Gottes Wort ... Aber

wenn der Herr Lehrer uns sonst mal besuchen will, dann stört er nie ...

Oder wenn er auch mal an unseren Versammlungen teilnehmen will? ...«

»Ich danke,« sagte Peter kurz und schroff, »ich fürchte, zu Ihren

Freunden passe ich nicht.«

»Nichts für ungut, Herr Lehrer! Es war nicht böse gemeint ...«

»Weiß ich, weiß ich. Wir Menschen sind eben verschieden ...«

Der Schuster ging. Peter blieb nachdenklich zurück.

War ihm der Mann sympathisch oder unsympathisch? Seine höfliche

Art, das ewige »Herr Lehrer« berührte den an die einfache Anrede

»Scholmester« Gewöhnten fremdartig. Mit den vielen biblischen

Redewendungen in seiner Sprechweise machte er ihm den Eindruck eines

Menschen, der auf Stelzen geht, statt auf den eigenen gesunden Füßen.

Aber trotzdem war in seiner Art und auch in seinem Gesicht etwas, was

Peter zweifelhaft machte, ob er ihn kurzerhand als einen Frömmling

und Pharisäer abtun dürfte. Er fühlte, daß dieser Mann gegen den

Strom schwamm, daß er anders war, als die anderen. Solche nannten die

Menschen dann gleich Pharisäer, was ja -- so hatte er auf dem Seminar

gelernt -- »Abgesonderte« hieß. Auch er selbst hatte diesen Titel auf

dem Seminar einmal bekommen, weil er ja auch mehr seine eigenen Wege

ging.

Der Schuster hatte die feine, stille Art seines Kindes damit erklärt,

daß sie den »Herrn Jesum recht lieb« habe. Das klang ja nun recht

pietistisch und hatte Peter sehr fremdartig berührt, und die schiefe

Kopfhaltung des Mannes bei diesen Worten erst recht. Aber, indem er

jetzt darüber nachdachte, erschien die Sache selbst ihm doch gar

nicht mehr so unwahrscheinlich. Warum sollte nicht ein Kindesherz

dem Menschensohn, wie sie ihn das letzte Jahr aus seinen Worten und

Gleichnissen kennengelernt hatten, etwas wie Liebe entgegenbringen?

Und warum sollte dieses freundliche, holde Bild nicht auf eine

Kindesseele schließlich einwirken? -- Auch er, der Lehrer selbst,

hatte ja gegenüber dieser Gestalt, die in solchen Stunden vor ihnen

stand, etwas empfunden. Liebe würde er es gerade nicht nennen. Eher

Bewunderung, Ehrfurcht oder so ähnlich ... Aber vielleicht konnte man

es auch Liebe nennen. Man mußte dieses Wort dann nur anders verstehen,

als es gewöhnlich im Leben gebraucht wurde. Wenn der Schuster davon

sprach, klang das etwas süßlich und weichlich. Das mußte heraus. Dann

war eigentlich nicht so viel dagegen zu sagen.

Peter dachte plötzlich wieder daran, wie schändlich man diesem Kinde

mitgespielt hatte. Da packte ihn ein großer Zorn, und er ging auf den

Hof und schnitt sich ein paar tüchtige Eichenstöcke. Swiebertsbauer kam

zufällig darauf zu und fragte: »Na, Scholmester, wat will he denn mit

de Eken?«

»Tweislan[39] up den Puckel[40] van böse Buben,« sagte Peter grimmig.

»Scholmester, nehm he lewer Barken, de sünd daför wussen.«

»Barken, de dot't düttmal nicht. Dor möt de Eken ran.«

»Wer schall de Släg denn hewn?«

»Wer se verdeent hett.«

»De armen Jungs ...«

* * * * *

Als Peter am nächsten Morgen in die Schulstube trat, suchte sein erster

Blick Schusters Lina. Sie fehlte.

»Wo ist deine Schwester?« fragte er den kleinen Paul.

»Im Bett,« sagte der, »is krank.«

Über die Gesichter einiger großer Jungens ging ein verstohlenes Grinsen.

»Johann Westermann, komm eben mal mit in meine Stube!« sagte Peter.

Der Junge kam frech mit seinen Holzschuhen angeklappt.

Als Peter ihn in seinem Zimmer allein hatte, trat er dicht vor ihn hin:

»Hast du gestern nachmittag Linas Kleider versteckt?«

Das goldene Tor · 第 11 / 12 题