Lina stand auf, sah vor sich nieder und schwieg.
»Das weißt du nicht? Und alle auf deiner Bank zeigen die Finger. Schäme
dich, du großes Mädchen, setz dich!«
Ihre Nachbarin gab die Antwort.
»Durch gesunde Speise und Trank, durch Mäßigkeit in Essen, Trinken
und Schlafen; durch Mäßigung aufwallender heftiger Gemütsbewegungen,
durch Arbeitsamkeit, Vorsichtigkeit, und durch die, auch zu unserer
Empfehlung bei anderen Menschen unentbehrliche Reinlichkeit.«
»Gut. Wie sagt der weise Sirach darüber?«
Ein Junge schrie die Antwort:
»Mein Kind, prüfe, was deinem Leibe gesund ist, und was ihm ungesund
ist, das gib ihm nicht.«
»Gut. Nun aber du noch mal, du Faule da, so billig können wir dich
nicht laufen lassen. Warum haben wir unseren Gliedmaßen eine gewisse
Leichtigkeit und Gewandtheit zu nützlichen Arbeiten zu verschaffen?«
Lina stand wieder auf und sah verlegen vor sich nieder.
Peter wagte die bescheidene Bemerkung, den kleinen Katechismus Luthers
könnte das Mädchen sicher und gut.
»Das genügt mir nicht,« sagte der Superintendent kopfschüttelnd.
»Gerade auf den Abschnitt unseres Landeskatechismus, der von dem
pflichtmäßigen Verhalten gegen uns selbst handelt, lege ich besonderen
Wert. Lassen Sie das Kind nachher zurückbleiben und das lernen, was es
nicht gewußt hat.«
Ein anderes Mädchen mußte die ausstehende Antwort geben: »Wir
erleichtern uns dadurch unsere Berufsgeschäfte, daß sie uns schneller
und besser vonstatten gehen, und machen uns bei anderen angenehm.«
»Gut, mein Kind. Einen schönen Vers dazu. Finger weg! Im Chor!«
Die Kinder standen auf und schrien:
Gesunde Glieder, muntre Kräfte,
Wieviel sind die, o Gott, nicht wert!
Wer taugt zu des Berufs Geschäfte,
Wenn Krankheit seinen Leib beschwert?
Ist nicht der Erde größtes Gut
Gesundheit und ein froher Mut?
So laß mich denn mit Sorgfalt meiden
Was meines Körpers Wohlsein stört,
Daß nicht, wenn meine Kräfte leiden,
Mein Geist den innern Vorwurf hört:
Du selbst bist Störer deiner Ruh,
Du zogst dir selbst dein Leiden zu!
Darauf prüfte der Superintendent noch kurz im Lesen, Schreiben und
Rechnen. Die »Realien« standen noch nicht auf dem Stundenplan einer
Dorfschule.
Nachdem er sich zum Schluß einen Choral hatte singen lassen, sagte er
freundlich:
»Nun sollt ihr für heute frei haben. Macht, daß ihr nach Hause kommt!«
Lina sah fragend ihren Lehrer an, der aber gerade in anderer Richtung
blickte. Einen Augenblick zögerte sie, dann ging sie mit den anderen
hinaus.
Als das Geklapper der Holzschuhe verhallt war, klopfte der
Superintendent dem jungen Schulmeister auf die Schulter und sagte: »Ich
bin im ganzen mit Ihren Leistungen zufrieden. Das wird schon werden.
Sie müssen nur in der biblischen Geschichte nicht vergessen, den
Kindern die Sachen vernünftig zu erklären. Sonst verdunkeln wir damit
wieder, was wir in anderen Stunden aufklären. Und im Katechismus müssen
Sie alle Kinder gleichmäßig im Auge haben. Das darf nicht vorkommen,
daß ein so großes Mädchen gänzlich versagt. Sie nannten vorhin Luthers
Katechismus. Nun, ich verkenne natürlich nicht, daß Luther für seine
Zeit ein ganz tüchtiger Mann gewesen ist. Aber sein Katechismus ist
im Grunde heute doch veraltet. Es ist auch bezeichnend, daß unsere
neuesten Pietisten sich gerade auf ihn berufen, um uns in das von ihm
nicht überwundene finstere Mittelalter zurückzustoßen. Sehen Sie, wir
haben Männer wie Röhr und Wegscheider, und Teller und Gabler, und auch
der Verfasser unseres Landeskatechismus gehört zu ihnen, die sein Werk
für unsere Zeit fortgesetzt und vollendet haben. Um noch einmal auf
Luthers Katechismus zurückzukommen, wo finden Sie da etwas, was dem
Abschnitt unseres Landeskatechismus ›Vom pflichtmäßigen Verhalten gegen
uns selbst‹ an die Seite zu stellen wäre?«
»Herr Superintendent, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf,
es will mir scheinen, als ob die Dinge, die in diesem Abschnitt
abgehandelt werden, zum Teil eigentlich mit der christlichen Religion
so ganz viel nicht zu tun hätten.«
»Das verstehen Sie nicht, mein lieber Eggers, weil Sie nicht studiert
haben ... Sehen Sie, in der alten Religion grübelte man stets über
Dinge nach, die wir nicht wissen und nicht wissen können. Da ist es
nun gerade der Vorzug der Religion der Aufklärung, daß sie durchaus
praktisch gerichtet ist, daß sie sich um das wirkliche Leben kümmert
und dafür allerhand nützliche Lehren gibt. Sie werden bemerkt haben,
wie ich mich Sonntag für Sonntag bemühe, den biblischen Texten
praktische Seiten abzugewinnen, was wirklich zuweilen gar nicht leicht
ist. Wenn Sie sich daran ein Beispiel nehmen wollen, werden Sie Ihren
Religionsunterricht immer praktischer und fruchtbringender zu gestalten
lernen. Nun aber, wie gesagt, im allgemeinen bin ich wirklich sehr mit
Ihren Leistungen zufrieden. Und was nicht ist, das wird schon noch
werden ...