Peter machte große Augen, als er diesen Brief las. Er ärgerte sich
zunächst, daß der zufällige Reisegenosse auf solche Weise in sein
Schicksal und Leben eingegriffen hatte. Dazu kam, daß sein Vater und er
sich folgenden Tages das Schulhaus eines näher gelegenen Dorfes ansehen
wollten, von dem viel Rühmens gemacht wurde. Aber bald gab Peter sich
zufrieden. Aus dem Briefe des Superintendenten schien ihm Wohlwollen
zu sprechen. Der alte Bauer in der Eisenbahn hatte ihm auch nicht übel
gefallen, und allzu nahe bei Muttern zu bleiben, darauf kam es ihm ja
nicht gerade an.
Am Dienstag nach Ostern machte Peter sich auf, um seinen Vorgesetzten
und seine künftige Wirkungsstätte kennenzulernen. Der Vater bestand
darauf, ihn zu begleiten.
Anfangs gingen sie schweigend nebeneinander. Aber bald kam es Peter
vor, als ob der Vater etwas Besonderes auf dem Herzen hätte. Er
räusperte viel und spuckte übermäßig oft aus. Endlich machte er
Anstalt, damit herauszukommen.
»Peter, ick mutt di mal wat seggen.«
»Man to, Vader.«
»Weeßt du, wat Mudder und ick uns dacht hewwt?«
»Nee.«
»Wi wollen woll mit di trecken[10].«
»Mit mi? Nah Solten?«
»Ja, min Jung. Süh, dat is bäter för di. Denn mak ick di fein dat Land
to Schick[11]. Du kriegst da doch nix van torecht. Bist ja de starkste
nich, din sel' Mudder wör't ok nich. Und Trina, de kakt[12] di denn wat
... Dat du dine Uppassung[13] hest ... Süh, 'n Fro kannst du di noch
nich nehmen. Da bist du to jung to ... Wat makst du för'n Gesicht? ...
Is Trina de lesten Johren nich jümmer ganz god mit di wän?«
»Och ja, dat güng woll ...«
»Süh, uns well dat in dat ole Hüsselhus gar nicht mehr recht gefallen.
De Bur lett us dat Dak so rein öwer'n Kopp tohopen fallen. Und Land
hewwt wi ok nich genog to Katuffeln for de välen Kinner.«
»Und det schöt denn ok alle mit nah Solten?«
»Alle nich. De beiden öllsten könnt wi all verme'en[14].«
»Denn sünd dat noch veer ...«
»Nee, fief.«
»Is dat nich'n bäten väl för so'n Scholhus?«
»Och nee. Wenn de in so'n Hüsselhus ünnerkreepen[15] könnt, hewwt se in
so'n grot Scholhus Platz mehr als to väl.«
»Meenst du ...?«
»Hm, süh, dat wär doch schön, wenn du dine lütten Bröers und
Süsters[16] sülwst als Scholmester lehren künnst.«
»Och ... dat will ick just nich seggen. Und wenn se mal wecke verdeent
hewwt und ick hau' jüm, wat seggt ehre Mudder denn?«
»Dar is se god van stellt.[17] Up't Hauen hollt Trina grote Stücke.«
»Dar hest du recht. Aber wenn ~ick ehr~ Fleesch und Blod hauen do,
dat well ehr doch woll nich passen.«
»Och, Peter, dat well so slimm woll nich wän. Und dat si di sleit, da
brukst du nich bange vör to wän. Se fat't di nich mehr an.«
»Is dankenswert. Dar harr ick ok keene rechte Lust mehr to.«
»Du bist also davon tofreden, dat wi mit di treckt ...?«
»Och Vader, da mutt ick mi erst up besinnen. Wi möt ok erst tosehn,
wenn dat in Solten mit dat Hus und dat Annere passen deit.«
»Da hest du recht; deshalw bin ick ok hüt mit di gahn.«
Als sie in Brundorf bei der Kirche anlangten, trennten sich ihre Wege.
Der Sohn ging nach rechts zur Superintendentur, der Vater nach links in
ein Wirtshaus, um seine Rückkehr zu erwarten.
Peter wurde von einem älteren, sehr behäbigen Herrn freundlich
aufgenommen, wegen des guten Zeugnisses, das eben angekommen war,
beglückwünscht und in das Sofa genötigt.
Darauf belehrte der Superintendent ihn über die Schulverhältnisse, die
er in Solten vorfinden würde. Die Schule wäre ein Jahr lang bei dem
großen Lehrermangel unbesetzt geblieben. Da würde viel nachzuholen
sein. Und eine frische, junge Kraft sei da gerade am Platze.
Peter versprach, er werde sein Bestes tun.
»Welches ist Ihre religiöse Stellung?« fragte der geistliche Herr
plötzlich und unvermittelt, und sein joviales Gesicht nahm einen
ernsten Ausdruck an.
Peter sah ihn verdutzt an. Danach hatte ihn in seinem ganzen Leben
noch kein Mensch gefragt. »Meine religiöse Stellung?« wiederholte er
langsam, um Zeit zu gewinnen, sich die Antwort zu überlegen.
»Ich wollte wissen, ob Sie ein Pietist sind,« erklärte der
Superintendent seine Frage näher.
»Pietist?« fragte Peter zögernd. Die Spitznamen, mit denen die
verschiedenen kirchlichen Richtungen einander belegten, waren ihm nicht
geläufig.
Der Geistliche machte eine ungeduldige Handbewegung. »Dann muß ich
mich deutlicher aussprechen. Der neue Seminardirektor ist so einer
von den neumodischen Pietisten, die die Welt um zweihundert Jahre
zurückschrauben und den Leuten die Köpfe verdrehen möchten. Ich wollte
gern wissen, ob er das bei Ihnen auch fertiggebracht hat.«
»Der Herr Seminardirektor,« sagte Peter, »lehrte in vielen Stücken
anders als unser Landeskatechismus, den wir in der Schule gelernt
haben. Ob aber seine Lehre so viel besser war, wie er immer behauptete,
das kann ich nicht entscheiden.«
»Es freut mich sehr, mein lieber junger Freund,« sagte der alte Herr
sichtlich erleichtert und klopfte dem jungen Schulmeister auf die Knie,
»daß Sie sich haben nicht einfangen lassen, daß Sie sich Ihre geistige
Freiheit und Selbständigkeit bewahrt haben. Ich begreife gar nicht, was
diese Menschen darin finden, uns immer wieder mit ihren alten unklaren,
mystischen Geschichten zu kommen. Gott, Tugend, Unsterblichkeit, diese
drei Größen stehen fest. Der Philosoph Kant hat sie ein für allemal als
Postulate der praktischen Vernunft nachgewiesen. Was darüber ist, das
ist vom Übel.«
»Ja,« sagte Peter nachdenklich, »diese Dinge sind sehr schwer.«
»Was? Schwer?« fragte der andere verwundert. »Absolut nicht schwer. Man
muß nur seinen gesunden Menschenverstand gebrauchen. Dann ist alles
ganz klar. Daß ein höheres Wesen diese wunderschöne Welt geschaffen
haben muß, daß wir Menschen ohne Tugend nicht menschenwürdig leben
können, und daß für die vielen Ungerechtigkeiten dieses Lebens einmal
eine ausgleichende Gerechtigkeit eintreten muß, das werden Sie doch
nicht leugnen wollen?«
»Gewiß nicht, Herr Superintendent, ich will gar nichts leugnen,« sagte
Peter.
»Es freut mich wirklich,« nahm der andere wieder das Wort, »erst
einmal die Gewißheit zu haben, daß Sie kein Pietist sind. Einen
solchen könnte ich in Solten auch nicht gebrauchen. Die Verhältnisse
sind nämlich in dieser Beziehung dort etwas verwickelt. Freilich, der
Kern der Bevölkerung besteht aus vernünftigen Leuten. Die Tätigkeit
meines Amtsvorgängers, und meine eigene -- das darf ich in aller
Bescheidenheit sagen -- haben in der Gemeinde sehr aufklärend gewirkt
und die alten verstaubten Spinngewebe zum größten Teil aus den Köpfen
herausgebracht. Nun ist aber gerade in Solten mir vor einer Reihe von
Jahren der Wolf in die Herde gebrochen. Ein fremder Schuster, aus der
Rheingegend zugewandert, ist dort hängengeblieben und hat sich eine
Anbauerstelle erheiratet. Der hält wenig auf die Kirche, ist ein echter
Pietist und Okkultist, und sucht in Solten Anhang zu gewinnen. Und,
wie ich leider sagen muß, nicht ganz ohne Erfolg. Es gibt ja immer
urteilslose Menschen, die so einem nachlaufen. Ich hoffe nun, daß
Sie dort dem verderblichen Treiben dieses Mannes entgegenarbeiten und
nicht nur in der Schule, sondern auch außerhalb derselben aufklärend
wirken werden ... Übrigens, ich habe gleich von vornherein die besten
Hoffnungen auf Sie gesetzt. Unser alter prächtiger Claus Mattens,
der Sie neulich in der Eisenbahn für uns eingefangen hat, hat mir
erzählt, wie Sie da im Zuge frank und frei Ihre Geige aus dem Kasten
genommen und eins nach dem anderen gefiedelt haben. Solche frischen,
lustigen jungen Leute, die das Leben genießen, natürlich in Züchten
und Ehren, die habe ich für mein Leben gern. Denn ich bin auch einmal
jung gewesen. Da dachte ich gleich: Der ist kein Kopfhänger, und heute
habe ich ja darüber Gewißheit bekommen. Na, wie denken Sie sich denn
einzurichten?«
»Das weiß ich noch nicht genau,« sagte Peter. »Meine Eltern denken halb
und halb daran, mit mir zu ziehen.«
»Ach du meine Güte! Aber das Schulhaus hat ja nur eine einzige Stube
außer dem Schulzimmer, und Sie haben Reihetisch bei den Bauern.«
»Soo?«
»Ja, hat Ihnen das denn der alte Claus Mattens nicht gesagt?«
»Nein.«
»Und Sie haben sich danach nicht erkundigt?«
»Nein, dazu war keine Zeit; ich mußte aussteigen.«
»Und dann bewerben Sie sich um die Stelle?«
»Herr Superintendent, ich habe mich nicht beworben. Der Mann sagte,
ich müßte in Solten Schulmeister werden. Ich hielt das für Spaß, und
habe gar nicht wieder daran gedacht, bis ich dann auf einmal Ihren
Brief kriegte.«
Der alte Herr schlug die Hände zusammen und schüttelte sich vor Lachen.
»Dieser alte Schlauberger! Darum kam er so pfiffig an und sagte: ›Herr
Zupperndent, ick heww uns'n Scholmester infungen, 'n ganzen nüdlichen
frischen Jungkeerl‹. Schön war das nicht gerade von dem Alten, Sie
so hinters Licht zu führen. Aber schließlich, was soll man dazu
sagen? Jeder ist sich selbst der Nächste. Für sein Dorf hat der Alte
gut gesorgt. Ich fürchtete schon, die Stelle müßte wieder unbesetzt
bleiben. Und ein paar Jährchen werden Sie es da schon aushalten. Nur,
daß Sie Ihre lieben Eltern mitbringen, das ist unmöglich, so leid es
mir tut.«
»Och,« sagte Peter, »das schadet am Ende nicht ganz viel.«
»Es sollte mich freuen,« versetzte der andere, »wenn diese Enttäuschung
nicht gar zu groß für Sie wäre ... Um aber noch einmal auf die
eigentümlichen Verhältnisse in Solten zurückzukommen, ich möchte
Sie bitten, sich den Pietistenschuster vom Leibe zu halten und ihn
überhaupt nicht zu besuchen. Er wird's natürlich probieren, Sie für
seine überspannten Gedanken zu kapern und durch Sie Einfluß auf
die Jugend zu gewinnen. Denn wer die hat, hat ja die Zukunft. Also
hüten Sie sich vor ihm, gehen Sie ihm aus dem Wege! Junge Leute von
Ihrem Alter sind noch nicht innerlich gefestigt genug, um solchen
Einflüssen, wenn sie ihnen Zutritt zu sich gestatten, den nötigen
inneren Widerstand entgegenzusetzen. Und dann noch eins, aber im
Vertrauen. Wir haben einen sehr vernünftigen Amtshauptmann, der
durchaus nicht gewillt ist, solches Konventikelwesen der Dunkelmänner
in seinem Bezirk umsichgreifen zu lassen. Der würde uns ganz gern
einmal seinen Landjäger zur Verfügung stellen. Also, wenn Sie etwas
merken von polizeiwidrigen Abendversammlungen und Zusammenrottungen
in den Häusern, so machen Sie mir gefälligst Meldung. Ich habe auch
schon einigen zuverlässigen Bauern einen leisen Wink in dieser Richtung
gegeben. Aber es ist nun einmal so, gegen die Geistlichkeit hält diese
Gesellschaft immer zusammen, und den Landjäger sehen sie nicht gern
in ihrem Dorf. Also ich verlasse mich auf ~Sie~. Ich würde Ihnen
nun raten, sich heute gleich Ihren künftigen Wirkungskreis und Ihr
Häuschen anzusehen. Und dann treten Sie Anfang nächster Woche frisch
und fröhlich Ihren Dienst an.«
Peter war aufgestanden, machte den tiefen und steifen Bückling, den er
Schulmeister Wencke abgesehen hatte, und bekam von seinem freundlichen
Vorgesetzten einen warmen Händedruck zum Abschied.
Als er in die Gaststube des benachbarten Wirtshauses trat, um seinen
Vater abzuholen, blickte dieser, hinter einem Schnapsglas sitzend,
mit gerötetem Gesicht ihn höhnisch an und sagte, unbekümmert um die
Anwesenheit einiger Gäste: »Du bist doch'n Döskopp und bliwst'n
Döskopp.«
Peter war starr mitten im Zimmer stehengeblieben und fragte aufs
höchste erstaunt: »Wat is denn?«
»Läßt di dor de slechste Scholstelle in't ganze Land uphangen, läßt di
von so'n olen Glattsnacker in de Iserbahn so anfleiten, dat de nu in
alle Wirtschaften vertellen kann, wat ick for'n Dämelklas van Jungen
heww. Hähähähä.«
»Aber Vader, besinn' di doch!«
»Ick? Ne besinn' du di! Wer hett domols, as em dat verlöwt würd,
Scholmester to weern, sinen Vader verspraken, dat he em helpen wull, de
lütten Kinder grot to kriegen?«
»Vader!«
»Wer harr dat grote Wort, dat he sin' olen Öllern, de so väl Godes an
em dan hewwt, to sick nehmen woll?«
»Vader,« sagte Peter, sich mühsam beherrschend, »ick gah nu nah Solten,
wullt du mit?«
»Ick? Hähähä. Ick? Wat heww ick da to söken? In dat ole Muslock, wo
nich mal een Morgen Land to hört, hä! Gah man alleen und kiek di
dine Dummheit an! Hüt abend kummst du hier wedder för und halst mi
aff. Weertsmann, schenk mi noch'n Lütten in! Wenn ener as Vader so'n
Dämelklas van Jungen hett ...«
»Affhalen do ick di nich,« sagte Peter hart und bestimmt, »ick kann god
ahn' di henfinnen, wo ick hen will.«
Der Vater stürzte eben hastig sein Glas hinunter.
»So is't recht,« fuhr Peter voll Bitterkeit fort, »sup di man düchdig
enen an, daß de Lüe glieks Bescheed weten, wat de nee Scholmester för'n
Vader hett. Adjüs.«
»Du verdammte Jung,« keuchte Harm Eggers und sprang in voller Wut
auf. Aber er wurde von zwei Männer, die mit ihm am Tische saßen,
festgehalten. Und Peter ging aufrecht und die Füße hart aufsetzend
hinaus. Draußen hörte er noch, wie der Vater drinnen lärmte und
fluchte, und mit schnellen Schritten eilte er davon.
Es kam ihm zwar für einen Augenblick ein leises Gefühl der Reue, daß er
mit solchem pietätlosen Wort von seinem Vater geschieden war. Aber ein
inneres Kindesverhältnis zu dem Manne, der in den letzten Jahren durch
den Trunk immer mehr heruntergekommen war, hatte er eigentlich doch
nicht mehr gehabt. Dann war es ja schließlich zu ertragen, wenn das
äußerliche lose Band nun auch durchgerissen war. Und das Neue, dem er
entgegenging, brachte ihn schnell über solche Gedanken hinweg.
Als Peter das Kirchdorf hinter sich hatte, lag Solten in der Ferne
auf einer mäßigen Anhöhe vor ihm. Er mußte das Dorf mit Wehlingen
vergleichen. Das behäbige Bauerndorf in dem wiesen- und waldreichen
Bachtale war ohne Frage viel reizvoller als diese neue Heimat auf der
hohen Geest. Heide sah man von dieser Seite nur wenig. An der Straße
zwischen dem Kirchdorf und Solten war alles Ackerland, das aber mit
seiner losen, sandigen Ackerkrume wie mit dem hungrigen Winterkorn den
Eindruck großer Magerkeit und Kargheit machte.
Bei den ersten Häusern des Dorfes griff Peter sich einen Jungen auf, um
sich zum Schulhause führen zu lassen. Der Junge ging mit ihm eine Weile
die ungepflasterte Dorfstraße entlang, bog dann auf ein Gehöft ab und
auf ein Gebäude zu, das man zunächst für eine Scheune halten mußte. Als
sie aber um dasselbe herumgingen, zeigten sich einige Fenster und eine
Tür. Peter stand vor seinem neuen Heim.
Er rüttelte an der Tür, die jedoch verschlossen war. Als er sich umsah,
kam aus dem Bauernhause, auf dessen Hofe das Schulhaus lag, ein Mann in
Hemdsmauen mit einem Schlüssel in der Hand. Der sagte trocken »Dag« und
schloß dem jungen Schulmeister sein Haus auf. Während sie miteinander
die Schulstube und einen zweiten weißgetünchten Raum mit einem Fenster,
in dem eine Scheibe zerbrochen war, besahen, erzählte er, bis vor
wenigen Jahren hätte die Schule und Schulmeisterwohnung von Hof zu Hof
gewechselt. Aber das wäre der Gemeinde schließlich lästig geworden,
und so hätte sie ihm diese Scheune abgekauft und zu einer schönen
Schule umgebaut. Die Fensterscheibe hätten im Winter die Jungens beim
Schneeballen eingeworfen, aber er glaube sicher, daß die Gemeinde eine
neue würde einsetzen lassen. Beim nächsten Bauernmal wollte er das
vorbringen, und Eile hätte die Sache ja wohl nicht; denn es ginge ja
auf den Sommer.
Als die beiden mit ihrer Besichtigung fertig waren und wieder ins
Freie traten, sah Peter, daß sein alter Freund aus der Eisenbahn auf
die Schule zugeschritten kam, den Brösel im Munde und sein pfiffigstes
Lächeln im Gesicht. Peter fühlte einen Grimm gegen den Mann und
überlegte sich, wie er dem Ausdruck geben sollte. Der Alte kam ihm aber
zuvor: »Kiek mal an, da is he ja all, unse lütte Scholmester van de
Iserbahn.« »Jawoll,« unterbrach ihn Peter, »den ji so bannig anföhrt
hewwt. Dat harr ick van jo nich dacht.«
»Anföhrt?« fragte der Alte mit der unschuldigsten Miene von der Welt,
indem er die Pfeife aus dem Munde nahm und behaglich ausspuckte.
»Jawoll, anföhrt! Wat is denn dat för'n Scholhus?«
»Och, so'n jungen Bengel, de keen Fro und Kinder hett, kann't genog
dormit don.«
»Und de por elenden Daler, för de ener sick hier schinnen mutt.«
»Oh, he kriegt ja Äten und Drinken to. Wo woll he denn mit väl Geld
hen? Dat hett all mannigenen up slechte Weg' brocht. Abers nu kam he
man, min lüttje lewe Scholmester. Min Olsch' is bi und kakt'n Tass'
Kaffee. Dorbi wöt wi uns wedder verdrägen.«
Peter wollte noch Schwierigkeiten machen, aber der Alte streckte den
Arm mit der Pfeife aus und schob ihn lachend vor sich her. Da ergab er
sich und ging mit.
»Spaß mutt makt weern,« begann der Bauer wieder, »aber nu lat uns dar
mal vernünftig öwer snacken. Süh, wi hewwt all'n ganz Johr keenen
Scholmester hatt, und de, den wi harrn, wör'n ganzen Natten. Aber unse
Kinner könnt doch nicht upwassen as de armen Heiden, as dat lewe Veih.
Nich wohr, dat geiht doch nich?«
»Nee, dat geiht nich,« sagte Peter. »Aber möß ick denn jüst her?«
»Och nee, min beste Minsch, harr ick'n annern in de Iserbahn
drapen[18], de mi ebenso god gefallen harr as he, denn harr ick den
nahmen.«
»Dat glöw ick,« sagte Peter lachend.
»So, nun sünd wi to Hus,« sagte der Bauer und trat mit Peter in die
große Missentür seines stattlichen Hauses.
Während sie über die lange Diele gingen, beobachtete er Peters Gesicht
von der Seite, blieb dann plötzlich stehen und sagte: »Scholmester,
hett he denn keene Ogen in sinen Kopp?«
»Wat is denn?« fragte Peter erschrocken und sah sich vor die Füße, ob
er etwa dem umherlaufenden Federvieh zu nahe getreten wäre.
»Dor rechts und dor links steiht dat beste Veih in't ganze Dorp und he
sleit[19] dor keen Og' nah hen?«
»Och ja, dat is ok wahr ...« sagte Peter und holte das Versäumte nach.
»De Koh dor mit den Blessen vor den Kopp, dat is gewiß de beste.«
»Nee, lütt' Scholmester, dat is just de ordenärste in'n ganzen Stall.«
»Ach soo ... ick verstah van so wat nich ganz väl.«
»Gor nix versteiht he; dat seh ick,« sagte Clas Mattens.
Am Herde angekommen rief er: »Hier, Mudder, is he, unse Scholmester. Nu
bring dinen Kaffee man rin.«
Sie gingen in die Stube und nahmen auf der Bank am gedeckten Tische
Platz.
»Na Scholmester, nu segg he mal,« begann Mattens wieder, »geiht he noch
wedder nah Hus oder bliewt he forns[20] hier?«
»Forns hier bliewen? Güng dat woll?« fragte Peter lebhaft.
»'t geiht allens,« antwortete der Bauer. »Min' Peer hewwt woll mal'n
Dag Tied. Denn spannt wi morrn an und halt sin Saken, Bedd, Disch und
wat he süssen[21] noch hett, und denn is't ferdig. 't schall em ok nich
väl kösten.«
»Hmhm.«
»Schall ick morrn anspannen?«
»... Da is man'n Haken bi ...«
»Wat denn?«
»Ick heww keen Bedd und Disch und Stohl und wat dor süssen noch tohört
...«
»Denn mutt he sick dat köpen. Is keen annern Rat.«
»Dor is ok man wedder 'n Haken bi.«
»Wat denn?«
»To'n Köpen hört Geld.«
»Dat stimmt.«
»Und dat heww ick nich.«
»Hett denn sin Vader nix?«
»Wat de hett, dat brukt he sülwst.«
»Dat is'n verdullten Kram,« sagte Clas Mattens und kratzte sich hinter
den Ohren. »Nee, dat gelt nich, erst Bodder un denn dick Honnig up. Dat
smeckt bäter.« Er schob Butter und Honigteller nahe an Peter heran, und
dieser war auch nicht blöde. Da er den Honig schon aufgestrichen hatte,
schmierte er die Butter dazwischen.
»Dat is'n verdullten Kram ...« wiederholte der Bauer nachdenklich.
»Ohn' Bedd geih't nicht, und'n Disch und Stohl is ok nödig.«
Nach einer Weile sagte er entschlossen: »Scholmester, he hett seggt,
ick harr em anföhrt. Dat mag wän, he harr süssen woll'n bätern Platz
kriegen könnt. Aber nu hör he to: ick will dat wedder god maken. Ick
will em dat Geld, wat he nödig hett, lehnen[22], dat he sick inrichten
kann. Aber denn mutt he mi dat'n bäten upschriewen, dat dat Bedd und
de annern Saken mi tohört, bet he se ganz betalt hett. 't is man wegen
Lewen und Starwen ... Is em dat so recht?«
»O beste Vader Mattens, daför schall he väl dusendmal bedankt wän! Up
wecke Ort schall ick dat noch wedder ...«
»Nu mak he keenen langen Dröhnsnack. Dat wör afmakt. Hören deit em also
nix as wat he up'n Liew hett? Wo hett he denn sin Vigelin'?«
»De is noch tu Hus. Und ok süssen heww ick dar noch allerhand, wat hier
her mutt, Strümp und Hemden und'n bäten Tüg und min Böker ...«
»God, denn spann ick morrn an, und wi beiden föhrt hen und halt den
ganzen Kram her. Und wat wi süssen brukt, dat köpt wi uns unnerwegs.«
»Dat geiht ja schön. Aber, wat ick noch seggen woll, in min Stuw' is'n
Fenster twei.«
»Dat schall Discher Buck insetten. Dat well ick woll vör de Gemeen' up
mi nehmen.«
»Och Vader Mattens, wat freu ick mi, dat ick jo in de Iserbahn drapen
heww, und dat ick nah Solten kämen bin!« sagte Peter mit ehrlicher
Freude.
Clas Mattens, der nach beendigtem Kaffeetrinken eben seine Pfeife
wieder angesteckt hatte, schmunzelte und blies ein paar mächtige Wolken
von sich.
* * * * *
Am nächsten Morgen spannte Mattens mit dem Frühesten an, und neben
dem breitschulterigen, behäbigen Bauersmann nahm der schmale, lang
aufgeschossene Schulmeister Platz. So fuhren sie langsam in den
frischen Aprilmorgen hinaus.
Das Gespräch zwischen ihnen riß nicht ab. Die Führung lag in den
Händen des Bauern. Er sprach von den Feldern, Heiden, Wäldern, Wiesen,
Dörfern, Gehöften, Menschen und Tieren und allem andern, was in seinen
Gesichtskreis gehörte, mit jener Treffsicherheit und Sachlichkeit
und jenem trockenen Humor, die nur aus dem intimen Umgang mit den
Dingen und der behaglichen Freude an ihnen sich ergeben. Er sprach in
jener urgesunden echten Bauernart, die den nicht gar zu blasierten
Kulturmenschen immer wieder überrascht, und ihn erquickt wie der
frische Duft der Scholle, die nachdenkliche Menschen immer wieder
zweifelhaft macht, ob unsere ganze Kultur und »Bildung« wirklich so
viel wert ist, wie es uns von allen Dächern gepredigt wird, ob wir
für sie nicht einen zu hohen Preis gezahlt haben; in jener Art, von
der ein Bücherschreiber, der nicht raffiniert für ein raffiniertes
Publikum, sondern deutsch für das deutsche Volk schreiben möchte, immer
wieder lernen muß, und um die er manchmal so einen schlichten Heide-
und Moorbauer aufrichtig beneidet. Denn ganz lernt's einer doch nicht
wieder so, der leider »schrecklich viel gelesen.«
Hätte Peter vor einem Jahre mit einem Mann wie Clas Mattens eine Fahrt
über die Heide gemacht, so würde er mit Kunst und Tücke das Wort an
sich gerissen und belehrende Vorträge über wer weiß was für abliegende
Dinge gehalten haben. Denn damals hielt er sich wegen seines bißchens
Bücherweisheit für »gebildet« und verpflichtet, andere zu bilden und
zu belehren. Heute aber hielt er den Mund, hörte zu und fragte. Denn
er war jetzt gebildet genug, um einzusehen, daß auch ein Schulmeister,
der ein gutes Abgangszeugnis vom Seminar in der Tasche hat, noch nicht
alle Weisheit mit Löffeln gefressen hat, daß er noch tüchtig lernen
mußte und sich auch nichts vergab, wenn er von einem Bauern lernte. Er
war gebildet genug, um die Welt des gefestigten, auf seine Scholle und
Arbeit stolzen Bauerntums als eine ganze und reiche Welt zu empfinden,
die es durchaus nicht nötig hatte, sich vor der Welt der Bildung und
Bücher, in die er selbst ein wenig hineingerochen hatte, schamhaft zu
verkriechen. Und er war gebildet genug, um einzusehen, daß er an diese
Welt, in der er ja auch leben sollte, wieder mehr Anschluß suchen
mußte, daß neben dem, was in den Büchern stand, auch das ihn umgebende
Leben Beachtung verdiente. So machte er denn während dieser Fahrt Ohren
und Augen weit auf und war des Bauern lernbegieriger Schüler.
Es kam bei diesen Gesprächen zwischen Bauer und Schulmeister zufällig
heraus, daß Clas Mattens nicht schreiben und nur mangelhaft lesen
konnte. Peter kannte ja viele, die statt ihres Namens drei Kreuze
machten. Aber bei Mattens wunderte ihn das doch, und er sagte: »Dat
harr ick nich dacht.« »Jawoll,« lachte der Alte, »ji Scholmester bild't
jo jümmer in, wenn da'n düchdigen Keerl is, de in de Welt paßt und
sinen Kram versteiht, denn harrt ji dat Meiste darto dan. Kinners,
Kinners, 't hett all Keerls in de Welt geben, as noch keen Scholmester
de Jungs de Böxen stramm tög.«
Nach einer Fahrt von vier Stunden langte das Gefährt vor Harm Eggers'
Häuslingskate an. Als Peter innerlich auf alles gefaßt und gegen alles
gewappnet, in die Tür trat, hörte er den Vater in der Stube laut
schnarchen. Seine jüngste Schwester erzählte ihm eifrig, er wäre
dun[23] nach Hause gekommen und hätte von Muttern schreckliche Prügel
gekriegt. Sie zeigte ihm auch lachend den Stock, der in der Ecke stand.
Die Mutter wäre auf der Nachbarschaft zum Waschen. Peter raffte in
größter Eile seine Sachen zusammen, trug sie auf den Wagen, sprang
selbst hinauf und bat Mattens, davonzufahren.
»Wat? Nich mal'n Tass' Kaffee kakt uns din' Mudder? Dar harr ick mi
bannig up spitzt.«
»Se is nich to Hus,« sagte Peter kurz.
Auf der Rückfahrt kauften sie in einem Flecken, was sie für die erste
Einrichtung für nötig hielten. In ihren Ansichten darüber stimmten
sie bis auf einen Punkt überein. Der Bauer meinte, Peter könne sich
wenigstens den Sommer über ganz gut draußen am Hofbrunnen waschen
und brauchte kein Waschgeschirr. Aber Peter, der an diesen Luxus von
Wehlingen und vom Seminar her gewöhnt war, wollte nicht gern auf ihn
verzichten. Mattens meinte, die Schulmeister würden immer großartiger,
und man wüßte nicht, wo das schließlich noch hinaus sollte, gab aber
endlich doch nach.
Es ging bereits gegen Abend, als sie wieder zu Hause anlangten. Der
Bauer half dem jungen Schulmeister, die Siebensachen abzuladen und ins
Haus zu schaffen. »So,« sagte er, als sie damit fertig waren, »nu mak
he sick man allens fein to Schick, und adjüs ok.« Dann hängte er in die
Stränge ein und zog mit seinem Gespann ab.
Peter stand in seiner Stube zwischen seinem Hausrat. Jetzt war's
wirklich eine kleine Aussteuer. Da kam ihm plötzlich die Erinnerung,
wie Schulmeister Wencke in Wehlingen ihn vor drei Jahren auf seine
Kammer geführt und gesagt hatte: »So, nun mach's dir nur gemütlich
in deinem Heim.« Wehmütig dachte er daran, mit was für einem jäh
erwachenden Heimgefühl er damals von dem Dachstübchen Besitz ergriffen
hatte. Von dem Glück und Jubel jener Stunden war er heute weit
entfernt. So konnte er sich überhaupt nicht mehr freuen. Aber froh
war er doch, daß er nun wieder ein eigenes Heim hatte. Das enge
Zusammenleben mit innerlich ihm fremden Altersgenossen, wie das Seminar
es mit sich gebracht hatte, war ihm zuletzt fast unerträglich geworden.
Es mochte ja zuerst ganz heilsam für ihn gewesen sein. Aber im Grunde
war er doch einer der Menschen, deren Bestes nur in der Stille und
Einsamkeit reift, und denen es darum einfach Lebensbedürfnis ist, oft
und viel allein zu sein. Das war ja nun im Soltener Schulhause wieder
möglich. Und darüber freute er sich.
Er machte sich an die Einrichtung seines Zimmers. Denn gemütlich sollte
es hier auch werden.
Die schwierigste Arbeit nahm er zuerst in Angriff: das Bettmachen. Da
sie hierfür nur Oberbett und Kissen gekauft hatten -- ein Laken hatte
Frau Mattens aus ihrem Leinenschatz hergegeben und mäßig verrechnet --
so brauchte Peter Stroh, um die Butze aufzufüllen und sich eine weiche
Unterlage zu bereiten. Er ging in das Bauernhaus, auf dessen Hof die
Schule lag, und bat darum. Swiebertsbauer war glücklicherweise nicht
zu Hause. Wahrscheinlich hätte er Peter auf das nächste Bauernmal
vertröstet, wo beschlossen werden könnte, welche Höfe je ein Bund Stroh
für das Bett des Schulmeisters zu liefern hätten. Die Bäuerin aber war
menschenfreundlicher. Sie kommandierte ihre Magd, das nötige Stroh nach
dem Schulhause hinüberzutragen und dem Schulmeister auch gleich das
Bett fertigzumachen. »So'n Mannsminsch kennt dar doch nix von,« sagte
sie.
Als die Magd nach Ausführung ihres Auftrages gegangen war, fuhr Peter
mit dem Einrichten fort. Die Geige, sein wertvollstes Besitztum,
stellte er auf den niedrigen Beilegerofen, dessen Eisenplatten
zweimal mit dem »Fräuwlein von Samaria« und einmal mit Christi Taufe
geschmückt waren. Den gekauften Tisch stellte er an die Längswand und
baute seine Bücher an dieser auf. Die Wände waren gänzlich kahl, und
gerade über dem Tische war ein Stück Bewurf abgefallen. Aber Peter
besaß ein Mittel, diesen Schönheitsfehler zu verdecken und der kahlen
Fläche einigen Schmuck zu verleihen. In der Seminarstadt hatte er sich
einmal bei einem Althändler für wenige Groschen ein paar ungerahmte
Bilderblätter gekauft. Die brachte er mit kleinen Nägeln über seinem
Tische an. Das eine Blatt zeigte das Bild eines alten Mannes mit
tiefgefurchten Zügen und wallendem Barte, der einsam auf seinem Lager
saß und das Haupt auf eine vor ihm stehende Harfe gestützt hielt,
auf deren Saiten seine welken Finger leise Töne zu greifen schienen.
Darunter standen die Worte:
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Wegen dieser Worte vor allem, die er zum erstenmal an jenem
glücklichsten Tage seines Lebens gelesen hatte, als seine Seele eben
mit Goethes Mailied gejubelt hatte, war ihm dieses Bild in dem Fenster
des Antiquars so lieb geworden, daß er es sich endlich kaufen mußte.
Und da hatte der Mann ihm gleich ein anderes Bild gezeigt, das dazu
gehöre, und er hatte sich dieses auch gekauft. Da stand ein Mädchen in
langem, weißem Kleide, halb Kind, halb Jungfrau, an eine Säule gelehnt
und schaute mit schmerzlich sehnsüchtigem Blicke in die Weite. Darunter
stand:
So laßt mich scheinen, bis ich werde;
Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
Ich eile von der schönen Erde
Hinab in jenes feste Haus.
Als Peter mit dem Einräumen seines Zimmers fertig war, setzte er sich
an seinen Tisch, stützte den Kopf in die Hände, sah gerade vor sich auf
seine Bilder und ihre Verse, und verfiel in tiefes Sinnen.
Tränenbrot und durchweinte, kummervolle Nächte ... ja, er selbst kannte
sie auch, so jung er war gegen den Alten auf dem Bilde ...
Der alte Harfenspieler hatte durch sie die himmlischen Mächte kennen
gelernt. Konnte er das auch von sich sagen? ... Nein. Im Gegenteil.
Vorher hatte er von Gott -- so setzte er stillschweigend für die
himmlischen Mächte ein -- gewußt und ohne Bedenken und Zweifel, aber
freilich, auch ohne sich viele Gedanken zu machen, über ihn gelehrt.
Das war so leicht gewesen. Es stand ja alles fertig im Katechismus
und in der Bibel. Dann hatte er in jener Verzweiflungsnacht zu Gott
geschrien und keine Antwort bekommen, keine Erhörung gefunden. Seitdem
fühlte er im Unterricht manchmal etwas wie ein böses Gewissen, wenn er
von ihm lehrte. Aber er beruhigte sich: Wir Schulmeister müssen's alle,
es steht einmal in den alten Büchern so drin, und Religion ist immer
gewesen und muß auch sein.
Und doch waren auch wieder Stunden in seinem Leben, in denen er das
Gefühl gehabt hatte, als ob er jetzt, nachdem er den Gott seiner
kindlichen Vorstellungen verloren, erst auf dem Wege wäre, Gott von
ferne zu ahnen, ihn vielleicht einmal zu kennen; als ob er sein
Liebesglück und Liebesleid, seine Jubelstunden und seine durchweinten
Nächte einbeziehen könnte, ja müßte, in einen verborgenen Liebeswillen,
der geheimnisvoll über seinem Leben waltete. Selten waren solche
Stunden, und es waren auch dann nur Ahnungen, die ganz leise und
heimlich durch seine Seele zogen. Die entgegengesetzte Stimmung, daß
er mit einem blinden, grausamen Geschick haderte, daß er sich dumpf
und stumpf unter etwas Unabänderliches zu beugen suchte, hatte die
Vorherrschaft ... Der Harfenspieler war ein alter Mann. Vielleicht
hatte der auch nicht immer so an seine Leiden und Schmerzensnächte
gedacht, so voll stiller Ergebung, ja voll Dankbarkeit für das, was
solche Zeiten ihm gegeben. Das kam vielleicht erst mit den Jahren ...
Peter ließ seine Augen auf dem zweiten Bilde ruhen. Von dessen Versen
hatte er bislang überhaupt nichts verstanden. Es war ihm lieb geworden,
weil das weiße Kleid des Kindes und ein leiser Zug in ihrem Gesicht
ihn an seine Tote erinnerte. Und bei dem festen Hause hatte er ganz
unbestimmt an das goldene Tor gedacht. Wie er nun so in stillem
Sinnen hinschaute, haftete sein Auge an einem kleinen Wörtlein: So
laßt mich scheinen, bis ich ~werde~ ... Werden ... Werden ...
~Was~ werden? Das stand da nicht ... Nur: werden ... Wie er
darüber nachdachte, wollte es ihm plötzlich scheinen, als sei in
diesem schlichten Wörtlein sein ganzes Jugendsehnen auf das kürzeste
und treffendste ausgedrückt. Nicht, was so an der Oberfläche getrieben
hatte: Hauptseminar und Küsterstelle usw., sondern das, was in der
Tiefe geströmt und jene Wünsche getragen hatte. Und es kam ihm die
Erinnerung an eine Frühlingszeit seines Lebens, da er dieses Werdens
mit seligen Schauern selber inne geworden war. Aber dann waren ja
wieder Zeiten gekommen, in denen er die Empfindung hatte, als ob alles
in ihm tot und still läge. Nun stand dieses Wort vom Werden über seinem
Schreibtisch, und er wollte es als eine freundliche Verheißung nehmen,
daß das Werden doch noch nicht aufgehört habe, daß die alte Sehnsucht
noch Erfüllung finden könnte.
Die beiden Bilder hingen nebeneinander. Und der Antiquar hatte ihm
beim Kauf gesagt, daß sie eng zusammengehörten. Er hatte auch irgend
eine Geschichte erzählt, die das beweisen sollte. Die war ihm aber
entfallen, wenn er sie überhaupt recht aufgefaßt hatte.
Ja, vielleicht gehörte, auch ohne diese besondere Geschichte, überhaupt
im Leben, alles dieses zusammen: Die kummervollen Nächte und das
Tränenbrot und das Werden, die schöne Erde und das feste Haus und das
goldene Tor; das Suchen und Sehnen, das Weinen und Verzweifeln, das
Wachsen und Werden, und ... Gott ...
Es war etwas in ihm, was sich nach Aussprache sehnte. Da nahm er
seine Geige. Den Blick auf den Harfenspieler gerichtet, begann er zu
spielen, schmerzvoll klagende Weisen mit einem leisen Unterton der
Ergebung, wie sie der Alte einst seiner Harfe entlockt haben mochte.
Dann wandte er sich dem andern Bilde zu und zog lange, süße, innige
Töne. Tränen füllten seine Augen, und mit den umflorten Blicken sah er
in Mignons Bild das Bild seiner teuren Toten. Da packte ihn ein wilder
Schmerz, und schrill und scharf zog er mit dem Bogen über die Saiten.
Dann schaute er wieder auf den zum Frieden gekommenen Alten, strich
allmählich ruhiger, und ging zuletzt in Händels Largo über, das ihm
von allen Tonstücken, die er kannte, das liebste war. Er stand jetzt
vor dem Fenster, und sein Blick flog zu dem Stückchen Himmel auf, das
zwischen der Schule und dem nahen Bauernhause sichtbar war.
* * * * *
Am nächsten Tage fing Peter an, sich in Solten herumzuessen. Das Dorf
zählte sieben Halbhöfe, und jeder hatte die Verpflichtung, einen Tag
der Woche den Schulmeister zu Mittag und Abend zu beköstigen. Den
Morgenimbiß nahm er zu Hause ein, und traf mit einer benachbarten
Häuslingsfrau, der er auch die Wartung seines Zimmers übergab, das
Abkommen, daß sie ihm durch eins ihrer Kinder dazu einen Becher
frischgemolkener Ziegenmilch herüberschickte.
Da Peter jetzt des Willens war, die Welt, in der er lebte, und das
ihn umgebende Leben kennenzulernen, so war ihm der Reihetisch ganz
lieb. Denn dazu bot er ja die beste Gelegenheit, die sich nur denken
ließ. Wenn er des Mittags mit hungrigem Magen auszog, kam er sich fast
wie ein Entdeckungsreisender vor und hielt Augen und Ohren offen. Er
versuchte von dem Aussehen der Häuser auf ihre Bewohner, von dem Vieh
auf die Menschen, von den Menschen auf das Vieh, von den Eltern auf
die Kinder, von den Kindern auf die Eltern zu schließen, er verglich,
stellte Betrachtungen an, kurz, er studierte das Leben und die
Menschen. Was die Hofbesitzer betraf, so fand er bald heraus, daß er
gleich am ersten Tage die größten Gegensätze kennengelernt hatte: den
wortkargen, stumpfen, geizigen Swiebertsbauern, und den humoristischen,
klugen, noblen Mattensbauern. Frauen gab's, wie überall, ordentliche
und schlampige, heitere und mürrische, gut aussehende und häßliche,
mütterliche und stiefmütterliche. Von den Altenteilern hatten die
einen etwas Patriarchalisches in ihrem Wesen, die andern hatte das
Leben, Arbeit und Sorge müde und stumpf gemacht. Peter packte das Leben
mit wachen Sinnen, und wo er's packte, da wurde es ihm interessant.
Während er die Menschen beobachtete, beobachteten die Menschen ihn, und
schon am Ende der Woche stand das Urteil über ihn ziemlich fest: »Wi
hewwt'n lütten schönen Scholmester krägen. He is gar nich stolz, itt
wat up'n Disch kummt und hett Ogen in'n Kopp.« Nur die Schulkinder,
die ja demnächst am meisten mit ihm zu tun haben sollten, hielten ihr
Urteil in der Schwebe. Die wollten doch lieber erst sehen, wie er sich
in der Schule machen würde.
Am Sonntag ging Peter nach Brundorf zur Kirche. Er setzte sich auf
den Orgelchor, woselbst der Organist ihm schlimmes Herzeleid antat.
Er hatte seine Orgel schlecht in Stimmung und griff und trat mehr als
einmal böse daneben. Denn er dachte: Was verstehen die dummen Bauern
von Musik? Wenn's ihnen man tüchtig in die Ohren braust! Peter drehte
sich einige Male herum und bearbeitete den breiten Rücken des Kollegen
mit empörten Blicken. Aus dem Stadium, in dem ein Tongeräusch wie
Schulmeister Wenckes Geigenkratzen Musik für ihn gewesen war, war er
jetzt heraus, und die gute und gutgespielte Orgel der Hauptkirche der
Seminarstadt hatte ihn verwöhnt.
Als der Superintendent auf der Kanzel erschien und seine Predigt
begann, hörte Peter aufmerksam zu. Viel aufmerksamer und angestrengter,
als je früher in Steinbeck und Olendorf. Denn es war nun einmal der
Trieb in ihm erwacht, das Leben und die Menschen, wo und wie sie sich
ihm boten, kennenzulernen. Da hatte er nun bald das Gefühl, solche
Predigt könnte nur ein Mann halten, der mit Gott und der Welt, vor
allem aber mit sich selbst auf das schönste zufrieden ist. Er beneidete
den geistlichen Herrn und alle, die wie er das Leben im hellsten
Sonnenschein liegen sahen, verklärt von der Güte eines alliebenden
Vaters und von einer allgemeinen, die Welt -- wenigstens mit Worten
-- umspannenden Menschenliebe. Indem er dann aber tiefer darüber
nachdachte, fand er doch, die wirkliche Welt und das wirkliche Leben
zu erkennen und zu verstehen, das hatte doch auch seine Vorzüge, wenn
dabei auch mancher schöne Traum zerrann, und so schöne Phrasen, wie
sie von der Kanzel herunterpurzelten, unmöglich wurden. Die Erkenntnis
des Wirklichen empfand der junge Schulmeister, wenn er auch erst eben
angefangen hatte, die Augen und Ohren aufzumachen, doch schon als eine
Bereicherung des eigenen Lebens.
Wie seine Augen so auf dem glattrasierten, runden, strahlenden Gesicht
des Geistlichen ruhten, sah er plötzlich neben diesem den abgehärmten,
von langem weißen Bart umwallten Kopf seines alten Harfenspielers.
Da mußte er die beiden nach ihrem Aussehen und nach ihren Worten
vergleichen und von diesen Aeußerungen aus auf das dahinterliegende
Wesen schließen. Der eine redete des langen und breiten von der Güte
und Liebe eines großen Vaters über dem Sternenzelt. Der andere sprach
bescheiden, fast scheu, von himmlischen Mächten. Der Mann auf der
Kanzel redete von sich und seinem fröhlichen Glauben und legte dabei
beteuernd vor der ganzen Gemeinde die Hand auf die breite Brust. Der
alte Harfner saß allein in einer engen Zelle, auf die Harfe gestützt,
und sprach, ganz für sich, wie von einem Dritten, aber in Worten, in
denen des eigenen schwergeprüften Herzens Schlag zitterte ... Da fühlte
der junge Schulmeister sich dem Manne auf der Kanzel fremd und fremder,
und dem alten Harfenspieler immer verwandter.
Als von der Kanzel ein Ausfall gegen die Feinde des Lichts und der
Aufklärung kam, mußte er an den Schuster denken, vor dem er so
eindringlich gewarnt war. In Solten hatte er sonst noch nichts über
den Mann gehört, als daß er gute und billige Ware liefere. Jetzt, wo
der Superintendent gegen Leute seiner Art zu Felde zog, fühlte Peter
beinahe etwas wie Sympathie für ihn und beschloß, trotz aller Warnung
vor der damit verbundenen Gefahr, seine Bekanntschaft zu machen.
Als Peter nach beendigtem Gottesdienst sich auf den Heimweg machte,
beschäftigten ihn die Gedanken, die ihm während der Predigt gekommen
waren, noch immer. Dieser Superintendent gehörte ohne Zweifel zu
den Menschen, die der Seminardirektor als »öde, platte, geistlose
Rationalisten und Totengräber der Kirche« bezeichnet hatte. Und der
letztere war ja von ersterem als »Pietist und Dunkelmann« gebrandmarkt
worden. »Und welches ist ~Ihre~ religiöse Stellung?« hatte der
Superintendent ihn gefragt. Peter lachte, als ihm die wunderliche
Frage einfiel. Aber sofort wurde er wieder ernst. Er gestand sich,
daß er jetzt, nachdem der Trieb, das Wirkliche zu erkennen, in
ihm erwacht war, den Wunsch verspürte, auch über diese schweren,
schwersten Fragen, die in der Schule täglich vorkamen, Klarheit zu
gewinnen. Aber wie? Aus Büchern? Zu ihnen hatte er in dieser Sache
wenig Vertrauen, seitdem er wußte, wie die hochstudierten Herren, die
sie schrieben, einander widersprachen. Da dachte er wieder an seinen
alten Harfenspieler. Der wußte von den tiefen verborgenen Kräften,
die der Menschen Leben gestalten, tragen und segnen, wohl mehr als
jene hochgelehrten Herren. Wo hatte er das gelernt? In der Schule des
Lebens ... In der Schule der Leiden ... Ja, in der Schule der Leiden,
vielleicht war da das Letzte und Tiefste und Größte zu lernen ...
»Na, lütte Scholmester,« rief hinter ihm Clas Mattens' muntere Stimme,
»he hollt den Kopp ja so dal, he is woll ganz deepdenksch[24] vandag?«
Peter blieb stehen und erwartete den herankommenden Bauern.
»Hewwt wi nich'n schönen Zupperndenten?« fragte dieser, nachdem er
Peter eingeholt hatte.
»Och ja,« meinte der Schulmeister, »he kann bannige Wöer[25] maken.«
»Blot eenen Fehler hett he,« sagte Mattens, »he makt ~to väl~
Wöer. He künn datsülwige in de halwe Tied seggen. Aber dat hört woll
to de Gelehrsamkeit van de groten Herrns, dat se sick nich so kort
befaten könnt as'n dummen Buersmann. Ick hol't mit den Spruch: 'n lange
Wost[26] und'n korte Predigt, dorbi kann'n dat Winderdag und Sommerdag
utholen.«
Am nächsten Morgen wurde Peter durch die Stimmen der Kinder, die sich
frühzeitig vor der Schule versammelten, aus dem Schlaf geweckt. Er
stand schnell auf, schloß die Schultür auf, trank seine Ziegenmilch und
trat zum erstenmal vor die ihm anbefohlene Kinderschar.
Das Gesicht der Schule war das ihm von Wehlingen her vertraute: Blaue
und graue Augen, hellblonde Haare, die Langköpfe weit zahlreicher als
die Kurzköpfe. Der Kinder, die irgendwie von dem allgemeinen Typus
abwichen, waren nur wenige. Aber ein Kind -- das sah Peter auf den
ersten Blick -- machte in dieser Umgebung einen fremdartigen Eindruck.
Es war ein Mädchen von etwa zwölf Jahren. Das schmale Gesichtchen war
feiner geschnitten und weißer in der Farbe als die der Kameradinnen,
und die dunklen Augen hatten ganz ihren eigenen Ausdruck. Peter
glaubte die Gesamtheit der übrigen Kinder auf den ersten Blick
ihrem Grundcharakter nach zu kennen. Es war dieselbe Art, mit der
er herangewachsen war, und die er in Wehlingen zweiundeinhalb Jahre
unterrichtet hatte, die ungemischte niedersächsische Rasse. Aber dieses
eine Gesicht gab ihm Rätsel auf.
Peter eröffnete seine Tätigkeit als selbständiger Lehrer nach einigen
Gesangversen mit einer kleinen Ansprache, in der er die Kinder zu
Fleiß, Aufmerksamkeit, gesittetem Betragen und anderen Schülertugenden
ermahnte und die Hoffnung aussprach, daß sie selbst es ihm möglich
machen würden, den Stock nicht zu gebrauchen. Denn er schlüge
höchst ungern und wäre in seiner ersten Schule beinahe ganz ohne
Schläge ausgekommen. Dieser Teil seiner schönen Rede fand die größte
Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Ein großer Bengel wechselte mit seinem
Banknachbarn einen vielsagenden Blick.
Darauf begann Peter nach dem Stundenplan mit der Religionsstunde.
Er wollte zunächst feststellen, was die Kinder an Memorierstoff
beherrschten, und stellte Fragen aus dem Landeskatechismus. Die Kinder
hatten den Text leidlich binnen, trotz des lehrerlosen Jahres, während
dessen nur selten ein Schulmeister aus der Nachbarschaft zur Vertretung
herübergekommen war. Aber, so oft Peter fragte, fiel es ihm auf, daß
das fremdartige Mädchen nicht aufzeigte, ja, nicht einmal aufblickte.
Wie verlegen saß sie da und sah vor sich nieder. Zuletzt stellte er
eine ausgesucht leichte Frage und rief sie auf, obgleich sie sich
wieder nicht meldete. In die Schule kam eine Bewegung, die Kinder
stießen sich an, lachten, legten sich auf die Tische und wandten die
Köpfe, um die Gefragte zu beobachten. Peter brachte durch ein paar
energische Worte die Gesellschaft zur Ordnung und Ruhe und wandte
sich dann wieder an die aufgerufene Schülerin, die mit gesenktem Kopf
schweigend in der Bank stand. Er versuchte ihr zu helfen, indem er die
Antwort anfing. Vergeblich. Ratlos sah er sich in der Klasse um. Da
meldete sich ein anderes Mädchen, und als Peter ihr zunickte, sagte:
»Lina ihr Vater will das nicht haben, daß sie den Katechismus lernt.«
»Sooo?« fragte er verwundert.
Da flog die kleine Plappertasche wieder in die Höhe und fuhr fort:
»Lina ihr Vater sagt, im Katechismus steht der rechte Glaube nicht in.«
»Setz dich und halt deinen Mund!« sagte Peter ärgerlich.
»Was ist dein Vater?« fragte er freundlich das Kind, das noch immer
stand und jetzt rot übergossen war.
»Schuhmacher,« war die schüchtern gegebene Antwort.
Die Plappertasche zeigte wieder eifrig den Finger, wobei sie dem
Schulmeister den Arm entgegenzuckte und sich über die Bank warf.
»Was willst du denn nur?« fragte Peter ärgerlich.
»Lina ihr Vater ist ein Fremder, er ist ...«
»Wenn du dich noch einmal um Sachen kümmerst, die dich nichts angehen,
stelle ich dich dort in die Ecke,« sagte Peter, scharf verweisend. Das
Mädchen nahm die Schürze und maulte.
»Na, Lina, setz dich,« wandte er sich wieder an die andere, »ich
denke, fortan müssen wir hier in der Schule lernen, was der Lehrer
will. Das geht wohl nicht anders.« Er sagte das ganz freundlich. Das
Kind in seiner Verlegenheit tat ihm leid. Und über die andern, die mit
Interesse und Schadenfreude die Szene zwischen dem neuen Lehrer und
dem Kinde des fremden Schusters verfolgten, ärgerte er sich. Er hatte
gleich die Empfindung, daß diese Fremdartige keinen leichten Stand
unter ihren Mitschülern hätte, und nahm sich vor, auf sie besonders zu
achten und sie zu schützen, wenn es nötig sein sollte. Denn er kannte
die Herzlosigkeit und Grausamkeit der Jugend gegen alles, was anders
ist und sich nicht glatt dem Hergebrachten fügt. Hatte er doch selbst
in seiner Jugend sie öfter erfahren.
Nach einer Weile ging er zu der biblischen Geschichte über. »Wer kann
mir die Geschichte von Maria und Martha erzählen?« fragte er.
Einige Finger wurden zaghaft gehoben und wieder zurückgezogen. Nur
Schusters Lina zeigte ruhig und sicher auf, und ihre dunklen Augen
sahen den Lehrer voll an.
Peter war froh, daß er ihr vor der Klasse eine Genugtuung geben konnte,
und rief sie freundlich auf.
Und nun erzählte sie. Und erzählte so, daß Peter sie verwundert ansehen
mußte. Es kam ihm vor, als hörte er eine ganz neue Geschichte, ja, als
sähe er sie vor sich, die geschäftige Martha und die stille, innige
Maria, und den Herrn, der von der Wanderung in dem Heim der Schwestern
eingekehrt ist. Als sie fertig war, sagte Peter: »Das hast du gut
erzählt, Lina. Darüber habe ich mich gefreut.«
Er ließ sich dann noch einige Geschichten von anderen Kindern
erzählen. Die beherrschten den Text ja auch wohl. Aber wie hölzern und
plump kamen sie damit über, wie ging dabei das Zarte, Schöne, Tiefe
verloren! Er konnte sich nicht versagen, Linas Erzählen den anderen als
vorbildlich hinzustellen. Als er es getan hatte, bereute er es aber
auch schon. Die Kinder, die ihre Geschichten ebenso fließend aufgesagt
hatten, machten verwunderte Gesichter und sandten einen nicht gerade
freundlichen Blick nach der durch das erste Lob des neuen Schulmeisters
ausgezeichneten Mitschülerin hinüber.
Um zehn Uhr entließ er die Kinder. Er hatte, dem Beispiel seines alten
Lehrmeisters folgend, für diese Stunde die Schulneulinge bestellt.
Auch hier in Solten kamen die Eltern der Kleinen zum Lehrer und
überreichten ihm süße Anlockungsmittel. Die nahrhafteren Beigaben für
den Schulmeister selbst fehlten hier natürlich, wegen des Reihetisches.
Peter schrieb auf jede Tüte den Namen des Kindes, das er mit ihr an
sich fesseln sollte. Als er fünf Tüten vor sich hingelegt hatte, trat
ein Vater mit leeren Händen vor ihn hin und redete ihn hochdeutsch an:
»Herr Lehrer, mein Paulchen kommt auch ohne Zuckertüte gern zu Ihnen.
Wir haben ihm erzählt, daß Sie ein lieber, freundlicher Herr sind.«
Peter sah sofort an den Augen des Mannes, die Ähnlichkeit mit denen der
kleinen Lina hatten, daß er den Schuster vor sich hatte.
Vor den versammelten Eltern erklärte der junge Schulmeister, er werde
die Kinder einstweilen nach dem Abc setzen, und später nach Betragen,
Fleiß und Tüchtigkeit. Die Eltern räusperten sich, einige sahen sich
an, und ein Bauer, den Peter von den Hofbesitzern, die er bislang
kennen gelernt hatte, am wenigsten leiden konnte, weil er in seinem
Wesen etwas Dummprotziges hatte, sagte: »Jea, dat is man so'ne Sak';
min Kinner hewwt bi den olen Scholmester jümmer baben an säten. Und
ick bin ok de böberste wän. Min sel. Vader harr den grötsten Hoff.«
»Denn will ick wünschen, Westermann,« sagte Peter, »dat jon Willem 'n
düchdigen Jungen is und ok wedder den böbersten Platz innenehmen kann.«
Er entließ die Eltern und rief seine Kleinen in die Schulstube. Sie
kamen ängstlich und zaghaft. Denn auch in Solten hatten die lieben
Mütter aus erzieherischen Gründen die Person des Schulmeisters mit
allen erdenklichen Schrecken umkleidet. Auch die Zuckertüten konnten
nicht alle Angst aus den Gesichtern verscheuchen. Nur ein kleines,
eckiges Bürschchen kam munter angestapft, sah sich mit den schwarzen
Äuglein interessiert um und ließ sie dann voll Vertrauen in denen
des Lehrers ruhen. Als aber die anderen ihre Zuckertüten bekamen,
verdunkelte sich das fröhliche Gesichtchen, und in den schwarzen Augen
wurde Regenwetter. Peter fragte Westermanns Willem, der, weil sein
Vater den größten Hof besaß, die größte Tüte hatte, ob er Paul etwas
abgeben wollte. Willem sagte stramm: »Nee.« Er wandte sich an die
anderen. Die wollten sich, Willems Beispiel folgend, ebenfalls auf
nichts einlassen. Peter hielt eine kleine plattdeutsche Rede über das
Wohltun und Mitteilen und bat dann die Kinder, sie möchten je zwei
Boltjen aus der Tüte nehmen, und ihm, dem Schulmeister, schenken. Alle
taten es, bis auf Willem. Peter ärgerte sich über den dickköpfigen
Bengel und nahm sich von ihm, was die andern freiwillig gegeben hatten.
Da stellte sich der kleine Kerl steil hin und sagte: »Dat segg ick to
minen Vader, dat du mi de Boltjen stahlen hest. De hett he för mi
kofft, und nich vör den Schoster sinen.« Peter überreichte die auf
diese Weise verfügbar gemachten Süßigkeiten dem kleinen Paul, bei dem
nach dem Regen denn auch sofort wieder Sonnenschein eintrat.
Darauf wies er den Kleinen ihre Plätze an. Paul Döhler wurde nach dem
Alphabet der erste, Willem Westermann mußte den letzten Platz erhalten.
Dieser machte ein Gesicht, als ob er protestieren wollte, sagte aber
doch nichts.
Peter beschäftigte die Kinder ein Stündchen mit einem Bilde, auf dem
Haustiere fraßen, brüllten, krähten, schliefen und sonst sich ihres
Lebens freuten. Viel brachte er aus ihnen noch nicht heraus. Aber es
schien ihm, als würde sowohl Paul Döhler seinen ersten wie Willem
Westermann seinen letzten Platz während der Schuljahre behaupten.
Als er die Kinder entlassen hatte und in seine Stube gegangen war,
hörte er plötzlich draußen ein lautes Geschrei. Er lief hinaus und
sah, daß der große, starke Willem den zarten Schusterpaul zu Boden
geworfen hatte und auf ihn losschlug. Als er hinzugeeilt war, erhob er
sich soeben, die dem Schwächeren geraubten klebrigen Bonbons in der
Hand. Peter nahm den Jungen beim Kragen, schnitt sich von einem nahen
Birkengebüsch eine Rute und erteilte ihm eine tüchtige Tracht Schläge.
Die Süßigkeiten warf der Junge dabei in den Sand.
Als Peter den kleinen Bösewicht losließ, entfernte dieser sich um
einige zwanzig Schritt, und aus dieser sicheren Entfernung streckte er
die Hand drohend nach dem Schulmeister aus und sagte: »Töw[27] man, dat
segg ick minen Vader, dat du mi slan hest.«
Peter mußte über den erbosten kleinen Kerl laut lachen, aber ganz wohl
war ihm doch nicht. Die ersten Schultage nach Ostern in Wehlingen
beim Schulmeister Wencke waren harmonischer, zu größerer allseitiger
Zufriedenheit, verlaufen. Und er selbst hatte das Gefühl, nicht in
allem ganz richtig gehandelt zu haben.
Wenn er in Solten Schwierigkeiten haben würde, das fühlte er, so
würden sie irgendwie mit den Schustersleuten zusammenhängen. Dem
Superintendenten blühte von dieser Seite her viel Verdruß, und der
junge Schulmeister machte sich darauf gefaßt, daß es ihm ebenso
gehen würde. Er stellte sich aber die Frage, ob er darum die beiden
schwarzäugigen Kinder missen möchte, und beantwortete sie sich mit
einem entschiedenen Nein. Die beiden würden seine Tätigkeit als Lehrer
und seine Stellung im Dorfe erschweren, aber die beiden würden ihm auch
Freude machen. Um der beiden willen erschien ihm gleich heute seine
Schule so interessant, wie ihm die in Wehlingen mit ihrer ungemischten
Niedersachsenrasse niemals erschienen war.
An diesem Tage war der Reihetisch bei Clas Mattens. Beim Mittagbrot
war der Bauer sehr aufgeräumt, und über seinen originellen Schnäcken
überwand Peter die etwas unbehagliche Stimmung, die sich seiner
bemächtigt hatte. Als er aber am Abend wieder zu ihm kam, war ander
Wetter eingetreten. Der Bauer fuhr seine Frau an, und dann den Knecht,
und war über Tisch sehr einsilbig. Als die Familienangehörigen nach
dem Abendbrot das Zimmer verlassen hatten, räusperte er sich einige
Male und sagte dann endlich: »Scholmester, dat helpt nich. Ick mutt em
mal'n bäten vörnehmen. In't Dörp is düssen Nahmiddag väl öwer em snackt
worrn.«
»Soo?« fragte Peter. »Wat harrn de Lüe denn to snacken? Wat Godes?«
»Nee,« sagte Mattens kurz, »hüt' wör't nix Godes!«
»Wat denn?«
»De Lüe hett dat verdraten[28], dat he glieks den ersten Dag enen van
de Lütten dörtagelt[29] hett.«
Peter erzählte, wie ehrlich Willem seine Schläge verdient hatte, und
sprach seine Überzeugung aus, daß sie ihm sehr heilsam sein würden.
Der Bauer zuckte die Achseln. »Wenn ick min' Meenung seggen schall,«
sagte er, »de Scholmester is Meister van de Schol. Wat buten[30]
passeert, dat geiht em nix an. Daför sünd de Öllern.«
»Nee, Mattens-Vader, dar stah ick up'n ganz anner Stück,« rief Peter
lebhaft, »ick bin Scholmester in de Schol, up de Straten und in de
Hüser, Alldag und Sünndag. Ick will de Öllern düchdig helpen, de Kinner
god uptotrecken.«
»Scholmester, Scholmester, ick ra'e[31] em god. Lat he sine Näs' davon!
Dormit makt he blot böse Lüe und't helpt nix. Unse Lüe sind god, wenn
ener jüm gewähren lett. Abers wenn ener jüm an den Wagen föhrt ...
Scholmester, he is noch jung, he kennt de Buern noch nich.«
»Bangemaken gelt[32] nich,« sagte Peter zuversichtlich. »De Lüe willt
dat woll marken, dat ick dat god mit jüm und ehre Kinner meen.«
»Und denn is da noch väl hen und her snackt. Dat den frömden Schoster
sin Jung as de böberste[33] sitt, und Krischan Westermann sin, den
grötsten Buern in't Dörp sin, as ünnerste ...«
»Kann ick wat darto, dat de Schoster 'n D und de grötste Buer 'n W in
sinen Namen hett?« fragte Peter.
»So is dat niemals Mode wän,« sagte Clas Mattens ernst. »Süh,
Scholmester, unse Herrgott hett dat so inricht, dat't Kaiser und
Könige und Edellüe und Börger und Buerslüe in de Welt giwt. Und unse
Herrgott hett dat ok inricht', dat't in de Dörper Buern und Anboer und
Hüsselüe[34] giwt. Dor kann he nix an ännern.«
»Will ick ok nich. Aber deshalw kann den Schoster sin doch baben sitten
in de Schol.«
»Dat is Revolutschon.«
»Revolutschon!?«
»Jawoll. Wat is Revolutschon denn anners as wenn dat, wat nah ünnen
hört, nah baben kummt, und wat nah baben hört, nah ünnen. So 'ne
Grappen as de, dat he nu up'n Mal de Kinner anners setten well, as dat
van Adam sine Tieden her begäng[35] wän is, de stammt ok van dat dulle
Jahr achtunveertig.«
»Dor mögt ji woll recht hewn, Mattens Vader. Van dat Johr stammt
öwerall väl Godes.«
»Godes?« Der Bauer machte ein bedenkliches Gesicht. »Scholmester, ick
ra'e em god, spräk he sökke Ansichten nich vör de Lüe ut! So wat mögt
wi Buern up'n Lanne nich hören.«
»Na, de Revolutschonstied hett doch för den dütschen Buernstand ok väl
brocht. Dar hett de Erbuntertänigkeit uphört und ...«
»Erbuntertänigkeit? So lange as de Heide bläuht und de Wind weiht und
de Hahn kreiht, sünd wi Lüneborger Buern kenen unnerdan wän as den
Herrgott in sinen hogen Hewen[36]. Nee, lütte Scholmester, mit sökke
Geschichten mutt he uns nich kamen! Daför sünd wi to klok, und mit den
olen Demokratenkram wöt wi nix to don hewn. Ick ra'e em god, richt' he
sick nah't Dörp und föhr he keene neen Moden in! Dormit schad't he sick
man sülwst. Und mi ok. Ick heww em ja 'ranhalt, und wenn dat mal mit
em nich so inslan schöll, as ick dat höpen[37] do, denn krieg' ick de
Nackensläg.«
Claus Mattens griff nach seinem Nacken, als ob er die Schläge schon
fühlte.
Peter ging von dieser Unterredung nachdenklich nach Hause. Die ersten
Tage in Solten hatte er das Gefühl gehabt, daß es ihm leicht werden
würde, sich in diese Welt der Bauern, die ihm plötzlich interessant
geworden war, einzuleben. Heute war es ihm deutlich geworden, wie
tief doch die Kluft war, die ihn von dem Empfinden dieser Leute
trennte. Ganz konnte einer, der einmal etwas durch die Bücher in einer
weiteren Welt zu Hause geworden war, doch in dieser engen Welt eines
Bauerndorfes nicht wieder heimisch werden. Da er aber gelernt hatte,
von sich und seinem Berufe etwas kleiner und von dem ihn umgebenden
Leben größer zu denken, so nahm er sich vor, so weit es ihm möglich
wäre, dem Hergebrachten und den Wünschen der Gemeinde Rechnung zu
tragen. Und als er sich ins Bett legte, war er bereits entschlossen --
am nächsten Tage die Kleinen nach der Ordnung: Bauern-, Anbauer- und
Häuslingskinder umzusetzen.
Dem gegenüber, was ein ganzes Dorf als das Selbstverständliche,
Natürliche, weil Althergebrachte, ansah, seine eigene Ansicht
durchzudrücken, war Trinas Stiefsohn und Schulmeister Wenckes Zögling
denn doch nicht Charakter genug. Und andererseits war er zu klug und
kannte die Bauern zu gut, um nicht zu wissen, daß er mit Hartnäckigkeit
in dieser Lappalie den Erfolg seiner Berufstätigkeit in Solten gleich
am ersten Tage aufs Spiel setzte.
Außerdem war die Beweisführung des alten Bauern nicht ohne Eindruck auf
ihn geblieben. Er war ja auch selbst der Sohn eines der konservativsten
deutschen Stämme. Und wenn er auch ein Wörtlein für achtundvierzig
geredet hatte, so hatte er einfach nachgeschwatzt, was er irgendwo
einmal gelesen hatte. Er wußte weder, um was es sich damals gehandelt
hatte, noch, was dabei herausgekommen war. Von Politik hatte er
überhaupt nicht die geringste Ahnung. Ihre bewegenden Fragen wirklich
kennenzulernen, dazu fehlte es ihm an Anleitung und Gelegenheit. Und
auf ein paar leicht aufgeschnappte Schlagworte zu leben und zu sterben,
dafür war er schon zu reif.
Kurz und gut, am nächsten Morgen nahm er die Umordnung vor. Die Kinder
waren damit einverstanden, und das Dorf sehr befriedigt. »'n düchdigen
Scholmester,« hieß es, »he is nich so'n Hornoss', de mit den Kopp dör
de Wand well. He well noch wat toleern[38].«
Als Claus Mattens den jungen Schulmeister zuerst wiedersah, klopfte er
ihm freundlich auf die Schulter und sagte: »Ick heww mi doch nich in em
irrt. He hett Charakter.«
Peter sah ihn verwundert an. Daß er in dieser Sache nun gerade viel
Charakter gezeigt haben sollte, war ihm neu.
Die ganze körperliche Kraft der Jugend, den vollen Schwung eines
jugendlichen Idealismus hatte der junge Lehrer nach Solten nicht mehr
mitgebracht. Eine gewisse körperliche und seelische Müdigkeit lag
vielmehr auf ihm. Er vergaß sie, wo seinem suchenden Geist sich etwas
Neues zum Erkennen bot. Aber in dem täglich wiederkehrenden Einerlei
des Schulbetriebes fühlte er sie, da drückte sie auf ihn. Unter diesem
Druck war die Gefahr groß, daß er mit der Zeit in den alten Schlendrian
des Unterrichtens zurückfiel, in den er bei Schulmeister Wencke im
zweiten Jahre, nachdem der Reiz des Neuen verflogen, schon ziemlich
tief hineingeraten war: daß er sich nämlich begnügte, den Text der
biblischen Geschichten stumpfsinnig einzuprägen und abzufragen, mit dem
Landeskatechismus das gedruckte Frage- und Antwortspiel zu treiben,
das Lesen nach der Seite der rein mechanischen Fertigkeit zu betreiben
usw. Der eingesessenen Soltener Schuljugend gegenüber hätte er dabei
sein Gewissen mit der Zeit beruhigt. Die säßen ihre Stunden und Jahre
ab, um konfirmiert zu werden und dann möglichst schnell alles zu
vergessen, so hätte er sich wohl vorgeredet. Nun war da aber in der
Schule ein Augenpaar, das gehörte nicht einem Leib, der seine Stunden
absaß, sondern einer Seele, die hungrig war, die etwas verlangte. Den
Eindruck hatte Peter am ersten Tage gewonnen, und er wurde ihn nicht
wieder los. Es war, als ob diese Augen ihm zuriefen: Schulmeister, laß
dich nicht gehen. Hüte dich vor dem Schlendrian. Bereite dich ernsthaft
vor. Komm nicht mit dem alten abgeleierten Formelkram ... Schulmeister,
das war heute mal schwach. Das hast du nur so dahingeschwatzt, um die
Stunde auszufüllen ... Schulmeister, in dieser biblischen Geschichte
liegt viel mehr drin, als du herausgeholt hast. Dieses und Ähnliches
las Peters Gewissen in den dunklen Augen des Kindes und konnte darüber
nicht einschlafen.
Indem aber Peter sich zusammenraffte, um dem einen Kinde etwas zu
geben, gab er auch den andern mehr. Er merkte bald selbst, daß sein
Unterricht Interesse weckte. Hier und da bekam ein Augenpaar einen
lebhafteren Ausdruck. Hin und wieder erhielt er gute Antworten von
Kindern, von denen er sie nicht erwartet hatte. Es war doch ein anderes
Unterrichten, als früher in Schulmeister Wenckes Manier.
Und vor allem auch für sich selbst gewann Peter etwas, indem er sich
zwang, es mit der Vorbereitung ernst zu nehmen und in der Stunde seine
Kraft einzusetzen. Er bemerkte mit Verwunderung, wie ihm an den alten
Unterrichtsstoffen, die er längst an den Schuhen abgelaufen zu haben
glaubte, ganz neue Seiten aufgingen, wie ihm dabei Gedanken kamen,
die ihn selbst überraschten und die ihm persönlich wertvoll wurden.
Vor allem erging's ihm so mit den biblischen Geschichten. Als Jungen,
und auch noch als jungen Schulmeister in Wehlingen, hatte ihn bei
diesen besonders das Fremdartige, Wunderbare, das von seiner Umgebung
und von dem gewöhnlichen Lauf der Dinge Abweichende interessiert. Das
trat jetzt zurück. Er sah hier jetzt Menschen vor seinen Augen irren
und zurechtkommen, leiden und jubeln, wachsen und werden, kämpfen
und siegen. Immer wieder mußte er sich über den Lebensreichtum der
evangelischen Erzählungen und Gleichnisse wundern. Das war nicht das
Leben seiner Bauern und auch nicht das Leben seiner Bücher. Aber Leben
war's, echtes, rechtes Leben, das fühlte er immer wieder. Und all dies
Leben, das wurde ihm immer deutlicher, ging von ~einer~ Quelle
aus, von Jesus Christus. Der hatte es so reich und stark in sich und
nahm es immer wieder aus verborgenen Tiefen. Und seine Freunde konnten
nicht von ihm loskommen. »Herr, wohin sollten wir gehen?« fragten sie,
»du hast Worte des ewigen Lebens.« Und was wurden sie in dem Verkehr
mit ihm, diese galiläischen Fischer und Bauern!
Es war durchaus kein theologisches Interesse, was den jungen
Schulmeister bei diesen Entdeckungen leitete. Es war vielmehr das
Interesse des innerlich werdenden Menschen, der sich nach vollem,
ganzem, tiefem Leben sehnt und sich dahin wendet, wo etwas diesem
Lebenshunger Sättigung zu versprechen scheint. Es war das Wachsen einer
Seele, die sich wie die junge Pflanze unwillkürlich dahin streckt, wo
die Bedingungen des Wachstums, Licht und Luft und Wärme, vorhanden sind.
* * * * *
Als Peter etwa drei Wochen in Solten war, verspürte er eines Abends
Lust, den Schuster einmal zu besuchen. Durch die Kinder hatte er auch
an ihrem Vater Interesse bekommen. Und auch die Angst des hochwürdigen
Herrn in Brundorf vor diesem Verführer machte den Wunsch in ihm rege,
den gefährlichen Menschen kennenzulernen. So wollte er sich denn doch
nicht von dem Herrn Vorgesetzten bevormunden lassen, daß er sich von
ihm in seiner eigenen Schulgemeinde seinen Verkehr vorschreiben ließ.
Er wartete die völlige Dunkelheit ab und machte sich dann auf den Weg.
Das Haus lag etwas außerhalb des Dorfes auf einer kleinen Anhöhe.
Als er sich diesem näherte, tönte ihm Gesang entgegen. Schon wollte er
umkehren, da verstummte der Choral, und er setzte seinen Weg fort. Als
er vor der Tür ankam, hörte er drinnen einen Mann reden, im Gebetston.
Neben dem nicht ganz schließenden Vorhang her sah er, daß eine größere
Anzahl von Menschen in dem Zimmer auf den Knien lag. Da wandte er sich
zum Gehen. Aber in eben diesem Augenblick schlug ein Satz des Gebets
ganz deutlich an sein Ohr: »Bringe unsern jungen Schulmeister aus der
Finsternis zu deinem wunderbaren Licht.«
Peter lachte kurz auf, wandte sich schnell auf dem Hacken herum und
machte, daß er von dem Hause fortkam.
Dieser unverschämte Pechhengst! Diese unausstehlichen Pharisäer! Da
lagen sie auf den Knien und beteten, wie weiland ihr Vorbild im Tempel:
»Herr, wir danken dir, daß wir nicht sind wie die anderen Leute,
Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Schulmeister.«
Ha, diese Dunkelmänner wollten einen klug machen, der auf dem Seminar
die Abgangsprüfung als Zweitbester bestanden hatte?
Wie die Menschen doch bemüht waren, ihn zum Licht zu führen! Der
Seminardirektor auf seine Weise, der Superintendent auf seine, und nun
auch noch dieser Schuster! Wenn nur nicht das, was der eine für Licht
hält, in den Augen des anderen gerade die allerdickste Finsternis wäre!
Eine verrückte Welt! Da hält jedermann die armselige Tranfunzel, bei
der er sich selbst vielleicht leidlich zurechtfindet, für das große
Licht, das aller Welt leuchten soll, und hält alle die für Lichtfeinde
und Dunkelmänner, die lieber ihrer eigenen Tranfunzel folgen wollen.
Von dem Wunsch, den Schuster kennenzulernen, war Peter geheilt.
Am nächsten Morgen, als die beiden Kinder des Mannes vor ihm in ihren
Bänken saßen, mußte er sie nachdenklich betrachten. Die hatten beide
etwas Sonniges in ihrem Wesen. Auch der kleine Paul. Es war eine Lust
zuzusehen, wie er mit muntern Äuglein und spitzen Fingern den Feinden,
Buchstaben genannt, keck zu Leibe ging. Wie traurig, daß solche Kinder
in dem Hause des Dunkelmannes dahindämmern mußten! Nicht einmal eine
Zuckertüte am ersten Schultage hatte der harte Mann dem kleinen Kerl
gegönnt, und die hatte doch sogar er, Peter, seinerzeit bekommen. Er
nahm sich aufs neue vor, ihnen wenigstens in der Schule zu geben, was
irgend in seinen Kräften stände. Was denn? fragte er sich. Auch wieder
-- Licht. Da mußte er lachen. Das steckte in den Menschen doch einmal
unausrottbar drin, daß sie einander Licht bringen wollten. Und es war
vielleicht auch gut, wenn auch die Unvollkommenheit der menschlichen
Natur es mit sich brachte, daß die Menschen so verschieden darüber
dachten, was nun eigentlich das Licht sei. Aber es war doch wohl gut,
daß die Menschen das, was sie für das Beste hielten, einander gönnten.
Wie er sich die Sache so überlegte, konnte er auch über den Schuster
nicht mehr ganz so hart urteilen, als er es gestern abend getan hatte.
* * * * *
Eines Tages im Herbst, als Peter eben den Unterricht begonnen hatte,
klopfte es an die Tür, und ehe er Herein rufen konnte, trat der
Superintendent in die Schulstube. »Guten Morgen, lieber Eggers,« sagte
dieser, indem er sich mit einem großen Taschentuch den Schweiß von der
Stirn wischte. »Sie sind nun schon fast ein halbes Jahr hier. Da möchte
ich doch mal sehen, wie's eigentlich bei Ihnen aussieht. Lassen Sie
mich mal!«
Peter trat bescheiden zwei Schritt hinter den Vorgesetzten zurück.
»Na, Kinder, wollen mal biblische Geschichte nehmen. Wer erzählt mir
vom Jüngling zu Nain?«
Einige Finger hoben sich. Auch Schusters Lina zeigte auf, in ihrer
stillen, sicheren Weise. Wenn er sie doch nur aufriefe! dachte Peter.
Aber der alte Herr griff sich einen vierschrötigen Jungen, der die
Geschichte denn auch auf seine Art ordentlich erzählte.
Darauf sprach der Superintendent mit den Kindern von dem Jüngling,
den sie so früh von der schönen Erde weg in das dunkle, schauerliche
Grab tragen wollten, von der Mutter, die nur den einen Sohn hatte und
eine arme Witwe war, von dem teilnehmenden Gefolge und von den anderen
Einzelzügen, die dabei aus der schlichten Einfalt der evangelischen
Erzählung in rührselige Breite gezerrt wurden. Zuletzt fragte er: »Nun
sagt mir noch mal, Kinder, wie war also der Jüngling, als der Heiland
ihn traf?«
»Tot,« lautete die Antwort.
»Gut, aber was für ein Tod ist das wohl gewesen?«
Kein Finger rührte sich. Die Kinder machten dumme Gesichter und sahen
bald den Fragenden, bald den im Hintergrunde stehenden Schulmeister an.
»Dann will ich deutlicher fragen: ~Wie~ tot ist der Jüngling wohl
gewesen?«
Ein kleines Mädchen meldete sich lebhaft.
»Nun, mein Kind«
»~Ganz~ tot.«
»So, glaubst du das wirklich?« fragte der alte Herr lächelnd. »Hast du
schon jemals gesehen, daß ein Toter wieder aufgestanden ist?«
Die kleine Unschuld schwieg. Sie hatte überhaupt noch keinen Toten
gesehen.
»Habt ~ihr~ das schon gesehen?« wandte der Superintendent sich an
die ganze Schule.
Keine Hand hob sich.
»Na, also!«
»Haben Sie das den Kindern nicht erklärt?« wandte der geistliche Herr
sich an den jungen Lehrer.
»Nein, Herr Superintendent ...«
»Dann will ich's euch sagen. Paßt nur hübsch auf! Der Jüngling war
schwer krank gewesen und zuletzt vor allzu großer Schwäche in einen
Zustand tiefer Bewußtlosigkeit, in einen ganz festen Schlaf gefallen.
Da meinte seine Mutter, er wäre tot, und bestellte die Beerdigung. Weil
es bei solchen Leuten scheint, als ob sie tot wären, nennt man sie
~schein~tot. Als nun die Träger unterwegs den Sarg hinstellten,
gab das schon einen Ruck, und als nun der Meister den Jüngling an
der Hand zog und ihn laut anrief, erwachte er aus seinem Scheintode.
Dergleichen hat man öfter gehabt.«
Die Kinder waren ganz Ohr. Peter sah auf seine linke Stiefelspitze.
»Nun wollen wir Katechismus nehmen,« sagte der Superintendent. »Frage
165: Wie hat man für seine Gesundheit zu sorgen?«
Alle Kinder der ersten beiden Bänke zeigten auf, bis auf Schusters
Lina. Wenn er nur das Unglückskind nicht faßte! Denn Peter hatte dem
Mädchen das Nichtlernen des Katechismus stillschweigend so hingehen
lassen.