Sie hob die Augen und sagte: »Ja, das ist wunderschön ...«

Ein schönes, farbenkräftiges Abendrot mit tiefem Goldton war durch

Höhenzüge, Wälder und Wolken so abgegrenzt, daß nur ein schmales

Stück davon sichtbar war, welches in der dunklen Umrahmung aber um so

wunderbarer leuchtete.

»Sieht das nicht gerade so aus wie ein Tor?« fragte Peter andächtig,

als sie eine Weile schweigend hingeschaut hatten.

»Ja,« stimmte sie nachdenklich zu, »wie ein Tor von lauter Gold. Und

unser Weg führt ganz gerade hinein.«

»Weißt du, woran ich da denken muß?«

»Ach Peter, wie kann ich das wissen?«

»Da ist mir auf einmal eine Geschichte eingefallen.«

»Was für eine?«

»Och ... ich habe sie noch keinem Menschen erzählt.«

»Ist's denn keine gute Geschichte ...?«

»O doch. Wunderschön ist sie, oder nein, eigentlich auch sehr traurig

... Weißt du was, Marie? Ich hätte beinahe Lust, sie dir zu erzählen

...«

»Ja, Peter, ganz wie du meinst. Ich habe immer gern schöne Geschichten

gehört. Wenn sie auch 'n bißchen traurig sind, das schadet gar nichts.«

»Du weißt doch, daß meine rechte Mutter ganz früh gestorben ist, als

ich erst drei Jahre alt war?«

Er sah sie an. Sie nickte still.

»Als sie meine Mutter nach dem Kirchhof getragen hatten, und ich das

nicht wußte und die Leute fragte, wo sie geblieben wäre, zeigte mir

eine ganz alte, weiße Frau den dunklen Himmel mit seinen Sternen

und sagte, da oben im Himmel wäre meine Mutter nun, und die Sterne

wären lauter Fenster, da könnte sie herauskucken. Ich glaubte das

natürlich, denn ich war damals noch ein Kind. Als ich nun wohl so fünf

Jahre alt war, spielte ich eines Abends nicht weit von unserem Hause

am Waldrande. Es war ziemlich dunkel, die Fledermäuse flogen schon.

Wie ich so zufällig den Weg entlang durch den Wald sehe, ist's da auf

einmal ganz hell, und über dem Hellen steht ein großer goldener Stern,

gar nicht hoch über der Erde. Da denke ich, heute abend ist die goldene

Himmelstür offen, und wenn du schnell läufst, kannst du hinkommen, ehe

sie wieder zugemacht wird. Und dann findest du da wohl eine Treppe, die

zu dem hellen Fenster hinaufführt, und findest da wohl deine Mutter.

Ich lief also in den Wald hinein. Da war's so still, daß ich mich fast

fürchtete, und ich dachte: Wenn du bloß einen hättest, der mitginge!

Aber ich lief doch weiter. Da plötzlich rauschte etwas Schreckliches

dicht über mir und rief: Uhuh, Uhuh -- ich glaube jetzt wohl, es ist

ein Uhu gewesen. Da duckte ich mich schnell in den Graben am Wege

und weinte laut und war schrecklich bange, weil ich ganz allein war.

Zuletzt kam ein Mann auf dem Wege daher, hob mich auf und fragte, wie

ich so spät noch in den Wald käme. Ich wollte in den Himmel, sagte ich,

und zeigte ihm das goldene Tor. Da schüttelte er den Kopf und sagte,

der Weg wäre viel zu weit, dahin könnte ich allein nicht gehen. Und

nahm mich auf den Arm und trug mich nach Hause, und da erzählte er,

wie er mich gefunden hätte. Und meinem Vater seine neue Frau gab mir

eine tüchtige Tracht Schläge und sagte, sie wäre nun meine Mutter, und

ich müßte sie liebhaben. Aber wenn ich auch die Schläge gekriegt habe,

an die goldene Himmelstür habe ich doch noch oft denken müssen ...

Und habe sie auch noch oft gesehen ... Und habe immer gedacht, wenn

du doch bloß einen hättest, der mit dir gehen könnte. Aber ich konnte

keinen finden, den ich darum bitten mochte. Sie sahen alle aus, als ob

sie dazu keine Lust hätten ... Ich bin beinahe immer allein gewesen

als kleiner Junge ... Und bin immer allein geblieben ... das ganze

Leben durch ... Erst zu Hause ... und dann bei deinen Großeltern auch

... Aber, o Marie, seit Ostern ist mir's, als ob ich zum ersten Male

in meinem Leben nicht allein wäre ... Wir beide haben ja zusammen im

Garten gegraben. Wir haben zusammen die Bohnenstangen eingesteckt. O

wie war das schön! Und nun gehen wir hier miteinander. Hier ist der

Weg. Und da ist das goldene Tor wieder. Sieh, wie es leuchtet und

lockt! Ich glaube ... wenn wir beide zusammenblieben, dann kämen wir

hin ...«

»Och Peter ...« sagte sie und sah ihn mit großen, weitoffenen Augen an,

»... wenn wir dahin wollen, wo deine Mutter ist, dann müssen wir doch

vorher erst -- sterben.«

»Och Marie,« sagte Peter erschrocken, »sprich nicht solch ein Wort und

mache nicht solche Augen! Hör' zu, ich will dir sagen, wie ich jetzt,

wo ich groß bin, das mit dem goldenen Tor verstehe. Sieh, ich bin ja

jetzt noch ein armer, dummer Junge. Aber das möchte ich nicht bleiben.

Und ich möchte auch nicht so'n Schulmeister werden, der in einem halben

Jahr auf dem Seminar so das Allernotdürftigste gelernt hat und selbst

nicht mehr weiß, als was er die Kinder lehren muß. Nein, ich möchte

nachher auf das Hauptseminar und da noch ein paar Jahre tüchtig lernen

und studieren, damit ich von den Dingen den Grund zu wissen kriege.

Und das Orgelspiel möchte ich gründlich lernen. Ich mag furchtbar gern

Musik hören und habe noch mehr Lust, selbst welche zu machen. Dein

Großvater hat mir schon einmal etwas Geigenstunden gegeben, und ich

konnte das auch ziemlich gut begreifen. Aber bald hatte er keine Lust

mehr und hat's wieder aufgegeben. Und dann möchte ich Küster werden,

irgendwo, wo eine große, schöne Orgel ist. Und dann möchte ich lange

Jahre gesund wirken und schaffen. Und auch tüchtig Geld verdienen.

Denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert. Daß ich gemütlich leben kann

in einem freundlichen Heim. Und mir auch mal was Schönes kaufen kann

... eine schöne alte Geige; denn die alten sind die besten, hat dein

Großvater mir mal gesagt ... und gute Bücher auch. Daß ich lesen kann,

was die größten und besten Menschen gedichtet und gedacht haben. Denn,

Marie, es gibt nicht bloß diese Welt, die wir mit unsern Augen vor uns

sehen. Es gibt auch eine Welt, die wir nicht sehen können. Die Musik

ist eine Pforte dazu, und gute Bücher führen uns auch hinein. In diese

wunderbare Welt habe ich bis jetzt nur ein paarmal einen schnellen

Blick getan, aber ich möchte so recht darin zu Hause werden ... Und

dann, ganz zuletzt ... ja, dann möchte ich auch dahin, wohin ich als

Kind schon laufen wollte, durch das goldene Tor dahin, wo meine Mutter

nun schon so lange ist ...«

»Peter, das ist aber nicht wenig, was du dir da alles vorgenommen hast.

Und du meinst, daß du dieses alles erreichen wirst?«

»Ja, Marie; denn es ist so viel Sehnsucht in mir. Ich habe sie schon

immer gehabt, aber nun hast du sie erst recht geweckt.«

»Ich!?«

»Ja, du. Und ich werde alles erreichen ... wenn du mit mir gehst.«

»Aber Peter, ich kann doch nicht mit dir auf das Seminar und

Hauptseminar gehen ...«

»Brauchst du auch nicht. Ich muß bloß wissen, daß wir beide, die wir

hier jetzt auf diesem Wege zusammen gehen, für unser ganzes Leben

zusammengehören. Sagst du ja, gut, dann erreiche ich auch, was ich

will und wonach ich mich sehne. Seit dem Nachmittag, wo wir zusammen

die Bohnenstangen eingesteckt haben, bin ich ein ganz anderer Mensch

geworden. Ich kann viel besser unterrichten jetzt und verstehe auch

viel mehr von dem, was in den Büchern steht. Wenn du ja sagst, dann

erreiche ich, was ich will, das fühle ich ganz deutlich in mir. Und

dann wirst du einmal Küsterfrau, und wenn deine Eltern für die vielen

Kinder nicht genug zu essen haben, können wir gern eins oder zwei

zu uns nehmen. Aber, Marie, daran mußt du jetzt nicht denken. Auch

daran nicht, daß ich gern möchte, daß du ja sagst. Du mußt ganz tief

hinabsteigen, bis in dein innerstes Herz, und das mußt du fragen. Denn

nur ein Ja, das da herauskommt, kann mir was helfen ... Du brauchst

dich gar nicht zu übereilen. Wir haben noch beinahe eine Viertelstunde

bis nach Hause ...«

»O Peter ...« begann sie, brach aber schnell ab.

Schweigend stiegen sie in das Tal hinab. Nur einmal sagte Peter: »Sieh

dir das goldene Tor noch einmal an, ehe die große Wolke es zuschließt!«

Da blieben sie eine Weile stehen, sahen schweigend zu, wie die

Nachtwolken das letzte Abendglühen verhüllten, und gingen dann langsam

weiter.

Als sie am Schulgarten ankamen, -- das Haus war von dieser Seite das

erste im Dorf -- fühlte Peter, daß ihre leichte Hand sich unter seinen

Arm schob, sein Herz fing an stürmisch zu klopfen, und er hörte, wie

sie leise sagte: »Mein lieber Peter, ja, ich gehe mit dir.«

Da blieb er stehen, faßte ihre beiden Hände und fragte: »Marie, ist das

ganz gewiß? So furchtbar gewiß, als du hier vor mir stehst? Kann ich

mich darauf verlassen, heute und alle Tage, im Leben und im Sterben?«

»Peter, warum fragst du das so furchtbar ernst?« fragte sie erschrocken.

»Weil bis jetzt in meinem Leben das Glück und das Gute immer nur ein

paar Stunden gedauert hat. Wenn ich eben anfangen wollte, mich darüber

zu freuen, war's wieder weg ...«

»Du armer Junge du!«

»Kann ich mich darauf verlassen?« fragte Peter noch einmal.

Sie machte leise ihre Hände los, und plötzlich umschlang sie ihn und

drückte ihm einen Kuß auf den Mund.

Ehe Peter, der, von dem Gefühl des Ernstes dieser Stunde völlig

durchdrungen, auf so etwas nicht im mindesten gefaßt war, zu sich kam,

war sie ihm entschlüpft. Jetzt wollte er hinter ihr drein. Aber sie

gebot ihm mit aufgehobenem Finger Halt und flüsterte, er möchte draußen

noch etwas warten und dann erst auf sein Zimmer hinaufgehen. Die

Großeltern hätten einen so leisen Schlaf. Dann verschwand sie in der

Haustür.

Peter schlich durch eine Zaunlücke in den Garten und setzte sich in die

Jelängerjelieberlaube. Vor ihm lag die dunkle Masse des Hauses. Nun

blinkte dort ein Lichtschein auf, und eine schlanke Gestalt trat vor

das Fenster, sich gegen das in der Tiefe des Zimmers brennende Licht

abhebend. Peter legte die Hand auf sein klopfendes Herz und sagte zu

sich: Die gehört nun mir, durch Wort und Kuß mir verbunden. Da habe ich

nun endlich gefunden, was ich so lange gesucht habe, ein Menschenkind,

das mich liebhat, das mit mir gehen will, all den Zielen entgegen,

von denen ich so lange geträumt habe. Und wie an jenem ersten Abend

in Wehlingen, als er von seiner Dachstube Besitz ergriff, so kam auch

jetzt wieder, wo er ein viel größeres Gut errungen hatte, ein heißes,

tiefes Dankgefühl über ihn. Die Blüten der Laube dufteten stark und

süß, Nachtschmetterlinge flatterten und surrten zwischen den Blättern,

und drinnen saß ein junges Menschenkind mit gefaltet um die Knie

geschlungenen Händen vor dem Schöpfer seines Lebens, wortlosen Dankes

und tiefen Glückes voll. --

Hinter dem zugezogenen Fenster und niedergelassenen Vorhang war der

Lichtschein längst erloschen, als Peter endlich aufstand und dem Hause

zuschritt. Nachdem er leise den Schlüssel hinter sich umgedreht hatte,

zog er die Stiefel aus und schlich auf Socken die Treppe zu seiner

Dachkammer hinauf.

Am andern Morgen in der ersten Unterrichtsstunde wiederholte er mit den

Kindern biblische Geschichten. Ein Junge erzählte, wie Jakob des Nachts

von der Himmelsleiter träumte. Wie träumend schaute Peter zum Fenster

hinaus. »Setz dich,« sagte er dann mechanisch, »Stina Blom, fahre

fort!« Stina Blom war das feinste, zarteste Kind der Schule, und die

erzählte nun in ihrer stillen, feinen Art: »Als er noch mit den Hirten

redete, kam Rahel mit den Schafen ihres Vaters. Und er wälzte den Stein

von dem Loch des Brunnens und tränkte ihre Schafe; und küssete Rahel

und weinte laut. Und Jakob blieb bei Laban und dienete ihm. Und nach

einem Mond sagte Laban: Du sollst mir nicht umsonst dienen. Sage an,

was soll dein Lohn sein. Laban aber hatte zwo Töchter: die älteste hieß

Lea, und die jüngste Rahel. Aber Lea hatte ein blödes Gesicht, Rahel

war hübsch und schön. Und Jakob gewann die Rahel lieb, und sprach: Ich

will dir sieben Jahr um Rahel, deine jüngste Tochter dienen. Laban

antwortete: Es ist besser, ich gebe sie dir, denn einem andern; bleibe

bei mir. Also dienete Jakob um Rahel sieben Jahre, und deuchten ihn,

als wären's einzelne Tage, so lieb hatte er sie.«

»Halt!« rief Peter, »bis dahin. Das hast du wunderschön erzählt, Stina,

setz dich!« »Also dienete,« wiederholte er langsam, »Jakob um Rahel ...

sieben Jahre, und deuchten ihn, als wären's einzelne Tage, ... so lieb

hatte er sie ... Ja ja, das war gut, Stina. Also warum kamen die sieben

Jahre Jakob so kurz vor, Stina?«

Stina stand wieder auf und sagte: »Weil er Rahel so schrecklich

liebhatte.«

* * * * *

Zwei Tage später zog Peter in die Sommerferien. Als er in die Küche

kam, um seiner Marie für vier lange Wochen Lebewohl zu sagen, griff

sie hinter sich in den Schrank und brachte ein sauber eingewickeltes

Butterbrot zum Vorschein. »Steck's weg! Zum Andenken,« sagte sie, und

Peter ließ es in seiner Tasche verschwinden. Tief gerührt von solcher

zarten Aufmerksamkeit -- bisher hatte noch niemand daran gedacht, ihm

für die dreistündige Wanderung einen Imbiß mitzugeben -- suchte er nach

Worten des Dankes. Aber da kam Mutter Wencke in die Küche und machte

diese unmöglich, und überhaupt der Abschiedsszene ein Ende.

Peter nahm seinen Stock und ging. An der Straßenbiegung, wo das

Schulhaus seinen Blicken entschwinden mußte, sah er sich um. Ob sie

ihm nachblickte? Er suchte mit den Augen Haus und Garten ab, fand ihr

Köpfchen aber nirgends. Aber er tröstete sich schnell. Sie hatte ihm ja

das Butterbrot gegeben ... und Sonntagabend noch viel was Schöneres.

Und froh wanderte er seines Weges, in den goldigen Sommertag hinein,

durch reifende Kornfelder im Tale und dann durch die weite, braune

Heide. Bald singend, dann summend, dann pfeifend, und endlich wieder

schweigend, zog er seine Straße.

Als er anderthalb Stunden gewandert war, lockte ein gluckerndes

Bächlein ihn vom Wege. Er legte sich in die Blumen, die es umsäumten,

und zog sein Brot aus der Tasche. Andächtig faltete er das Papier auf

seinen Knien auseinander. Da lagen zwei belegte Butterbrote vor ihm.

Dünn das Brot, dick die Butter, und noch dicker die Mettwurst. Marie,

Marie, was bist du gut! Lange erfreute er sich an dem Anblick. »Zum

Andenken,« hatte sie gesagt. Aber schließlich sagte er sich doch,

dies würde die vernünftigste Verwendung sein, auch ganz im Sinne der

Spenderin, wenn er dabei nur mit Liebe an sie dachte. So begann er

denn, in warmen Gedanken an sie, die Butterbrote zu verzehren. Solche

hatte er alle seine Lebtage noch nicht gegessen; Stiefmutter und Mutter

Wencke hatte beim Butterbrotmachen einen anderen Schnitt und Strich.

Von Zeit zu Zeit führte er die hohle Hand zum Bach hinab und schöpfte

sich einen kühlen Trunk. So hielt er sein Wanderfrühstück, umsummt

von Hummeln und Bienen, die in den Blumen am Wasser und in der schon

erblühten Moorheide Honig suchten. Als er die Andenken sich einverleibt

hatte, nahm er das Einwickelpapier von der Erde auf. Das wollte er als

wirkliches Andenken an diese schönste Wanderung seines Lebens und die

besten Butterbrote, die er je gegessen, mit sich nehmen. Es waren zwei

aus einem gefüllten Schreibheft gerissene Blätter. Das eine war von

oben bis unten sorgfältig mit der Wahrheit bemalt: »Köln ist eine Stadt

am Rhein,« das andere mit der ebenso zweifellosen Tatsache: »Der Löwe

frißt gern Fleisch.« Dazu zeigten beide schöne, runde Butterflecken.

Peter betrachtete die Blätter genau und andächtig, dann faltete er sie

zusammen und schob sie in seine Rocktasche.

Als er weiterging, überlegte er sich, wie er diese Wohltat wieder

gutmachen sollte. Er beschloß, demnächst den Markt in Steinbeck zu

besuchen und Mutter Bollermann aus Lüneburg das größte Kuchenherz

abzukaufen, das sie hatte, und seiner Marie dieses nach den Ferien

mitzubringen.

* * * * *

Peter hatte sich vor den langen Sommerferien im Vaterhause gefürchtet.

Jetzt fand er sie viel weniger schlimm, als sie ihm vorgeschwebt

hatten. Die Lebensfreudigkeit, zu der sein gedrücktes Wesen in dieser

glücklichen Zeit aufgeblüht war, war durch die elenden häuslichen

Verhältnisse nicht tot zu kriegen. Und sein Humor auch nicht. Was?

Peter Eggers und Humor? Wer hätte je gedacht, daß diese beiden sich

finden würden? Der junge Schulmeister, der alle Dinge gleich ernsthaft

nahm und von jeder Widerwärtigkeit tief verstimmt wurde, und der leise

und heimlich lächelnde Lebensvergolder und Lebensüberwinder Humor? Aber

es war so, Peter hatte auf einmal Humor. Wenn die Stiefgeschwister

sich wie eine kleine Ferkelschar um das Eßtröglein drängten und eine

Viertelstunde nichts waren als kauendes und schmatzendes Behagen,

konnte Peter lächeln. Nicht so erhaben, wie früher, daß die Stiefmutter

erbost auf ihn losfuhr und rief: »Du ole uppgepuste Scholmester du!«

sondern so ganz fein, so ganz von innen heraus, daß ein anderer es nur

eben sehen und Trina ihn freundlich ansah und sagte: »Ja, Peter, 't

is'ne gesunde Art, freten könnt se as de lütten Swin'.«

Peter merkte bald, daß man, wie in der Schule, so auch hier im Hause

ihm anders begegnete, wie früher. Die Stiefgeschwister zeigten

einigen Respekt, auch Trina behandelte ihn nicht mehr einfach als

dummen Jungen. Er merkte auch hier, daß die Schulmädchen recht hatten

mit ihrem Flüstern: »He is'n Keerl worrn.« Da er sich in einem

Holzverschlag am Ziegenstall eine eigene Schlafgelegenheit einrichten

durfte, hatte der durch die Dachstube im Schulhause Verwöhnte auch in

seinen äußern Lebensverhältnissen einigermaßen seine Gemütlichkeit.

Eines Sonntagnachmittags nahm Vater Eggers seinen Erstgeborenen

heimlich beiseite und sagte vertraulich: »Kumm, Jung, wöt mal'n bäten

utgahn.« Peter wußte gleich, wohin die Reise gehen sollte, und machte

Schwierigkeiten. Aber diese neue Anerkennung seiner Männlichkeit

schmeichelte ihm, und er ließ sich bereden. Und in der Kneipe

angekommen, trank er tapfer aus, was der Vater im einschenken ließ. Am

andern Morgen erwachte er mit greulichem Kopfweh, und Trina fragte ihn

freundlich: »Wullt du ok so'n Süpern weern as din Vader?« Da gelobte

er sich, auf solche Proben seiner Männlichkeit ein für allemal zu

verzichten.

Einmal besuchte Peter auch seinen Pastor, gegen den er ein Gefühl der

Dankbarkeit behalten hatte, weil dieser ihm die Wege zu seinem Beruf

geebnet hatte. Der alte Herr machte große Augen und sagte verwundert:

»Sieh mal an, Peter, wie du dich herausgemacht hast. Es gefällt dir

wohl gut in Wehlingen?« »Jawohl, Herr Pastor, es könnte mir in der

ganzen Welt nirgends besser gefallen,« sagte Peter mit leuchtenden

Augen. »Ja, ja,« meinte der Pastor, »der alte Wencke hat als Schulmann

einen sehr guten Ruf,« worauf Peter nichts sagte. Der Pastor fragte

ihn dann noch dies und das, und hatte an seinem ungezwungenen Wesen

und seinen frischen Antworten eine solche Freude, daß er ihn zum

Kaffeetrinken einlud. Die Pastorin machte zwar erst ein etwas krauses

Gesicht. Aber nachher meinte sie, und ihre sehr kritisch veranlagten

ältlichen Töchter stimmten zu, man sollte gar nicht glauben, daß der

alte Saufaus Eggers einen so manierlichen und netten Sohn haben könnte.

Er arbeitete viel in diesen Wochen; denn Michaelis sollte er ja nun

auf das Seminar. Als die Ferien halb herum waren, wollte er die

Weltgeschichte vornehmen. Da merkte er zu seinem Schrecken, daß er den

Leitfaden in Wehlingen vergessen hatte. Aber der Schreck verwandelte

sich schnell in Freude. Er mußte nun ja hin und das Buch holen. Die

nächste Nacht schlief er unruhig, und in aller Herrgottsfrühe machte er

sich auf den Weg.

Bislang hatte er für die Wanderung nach Wehlingen immer drei Stunden

und länger gebraucht. Heute legte er den Weg in kaum zwei und einer

halben zurück. Als er jene Höhe erreichte, von der das Dorf im Grunde

sichtbar wird, wirbelte er den Stock um den Kopf und sprang in langen

Sätzen ins Tal hinab.

Nun stand er mit klopfendem Herzen vor dem Schulhause und streckte

die zitternde Hand aus, die Tür zu öffnen ... Was ist das? Sie

ist verschlossen. Wie er ratlos steht und umhersieht, kommt eine

Nachbarsfrau mit dem Schlüssel und erzählt ihm, die Schulmeistersleute

wären heute morgen alle drei verreist, zum Besuch bei dem verheirateten

Sohne. Da wäre was Lüttjes angekommen. Sie müßte das Haus bewachen und

das Vieh versorgen. Peter machte ein sehr langes Gesicht, und als die

Frau ihm aufgeschlossen hatte, stieg er sehr langsam die knarrende

Treppe hinauf. Lange saß er an seinem Tisch und ärgerte sich, daß er

nicht einen Tag früher auf den Gedanken gekommen wäre, Weltgeschichte

zu arbeiten. Beinahe hätte er aber den Leitfaden, um dessentwillen er

die weite Reise gemacht hatte, noch einmal vergessen, als er seine

Dachstube verließ.

Von der schnellen Wanderung erhitzt und durstig geworden, ging er in

die Küche, um sich ein Gefäß zum Wasserschöpfen zu holen. Da sah er

eine Schürze an der Wand hängen, blau mit weißen Tupfen. Er erkannte

sie sofort wieder. Die hatte sie getragen, als sie ihm die Butterbrote

gab. Mit Rührung und Dankbarkeit betrachtete er das unschuldige Stück

Zeug. Dann nahm er die Schöpfkelle, hob sich auf dem Hof einen

Eimer voll Wasser aus dem Brunnen, und tat einen hastigen und langen

Zug. Beim Trinken hatte er das Gefühl, als sei das Wasser für seinen

erhitzten Zustand eigentlich zu kalt, aber er achtete nicht weiter

darauf. Danach ging er in den Garten, geraden Weges zum Bohnenfelde.

Hier dachte er mit stiller Freude des sonnigen Maientages, da sie

zusammen die Stangen eingesteckt hatten. Jetzt waren sie von den Bohnen

grün umwunden und mit tausend roten Blüten bedeckt. Ach, was hatte seit

jenen Stunden auch in ihm alles zu grünen und zu blühen angefangen!

-- Einige Saudisteln, die sich unpassender Weise auf diesem für ihn

geheiligten Boden angesiedelt hatten, riß er aus und warf sie über den

Zaun.

Endlich trat er den Rückweg an. Er ging sehr langsam. Jetzt wirkte ja

keine heimliche Kraft mehr, die ihn zog. Bald fühlte er sich ermüdet,

und der Weg wurde ihm sauer. Ein Schmerzgefühl stellte sich ein, und

er kam auf den Gedanken, dieses möchte von dem hastigen kalten Trunk

kommen. Aber er tröstete sich, es würde schon wieder vorübergehen.

Die nächsten Tage fühlte er sich nicht recht wohl. Er lag nicht zu Bett

und war nicht eigentlich krank, aber es war doch nicht mit ihm, wie

es sein sollte. Da kamen ihm allerhand trübe Gedanken. Ob sein Glück

Bestand haben würde? Konnte nicht irgend etwas Ungeahntes kommen und

es grausam zerstören? Sein Lebensglaube, der eben angefangen hatte,

sich von dem jahrelangen Druck zu erholen, wollte in diesen Tagen

körperlichen Übelbefindens wieder wankend werden.

Einmal wachte er in der Nacht plötzlich auf, stieß einen

Schmerzensschrei aus, sah starr um sich, fühlte sein Herz bis in die

Halsschlagader hinauf klopfen und hatte das deutliche Gefühl, daß etwas

Schreckliches geschehen sein mußte. Es dauerte lange, bis er ganz zu

sich kam und sich mit dem Gedanken trösten konnte, daß er in sechs

Tagen wieder zu ihr kommen sollte, die ihm Wort und Kuß darauf gegeben

hatte, daß sie immer und ewig treu zu ihm halten wollte. Trotzdem

dauerte es lange, bis er wieder einschlief.

Die letzten Ferientage ging es ihm wieder besser, und er konnte den

Steinbecker Sommermarkt besuchen. Er paßte einen Augenblick ab,

wo nur Kinder den Stand der Lüneburger Kuchentante umringten, und

brachte bescheiden sein Anliegen vor. Mutter Bollermann lächelte

verständnisinnig, und brachte aus einer besonderen Kiste ein rot

bemaltes, mit weißem Guß verziertes Riesen-Kuchenherz zum Vorschein.

»So eins hat dem Redbauern sein Willem seiner Braut auch geschenkt,«

sagte sie, »ist's Ihnen so recht, junger Herr?« Peter errötete tief und

fragte leise nach dem Preise. Die sechs Silbergroschen, die verlangt

wurden, konnte er gerade aufwenden. Denn er hatte einige Tage für den

erkrankten Schäfer des Bauern, dem die väterliche Kate gehörte, die

Schafe gehütet.

So nahten die Ferienwochen ihrem Ende. Es war doch nicht ganz so, daß

die Jahre ihn gedeucht hätten, als wären es Tage. Nicht einmal von den

Wochen konnte er das sagen. Ja, sogar die Tage und Stunden konnten ihm

lang genug werden, so lieb er seine Rahel hatte.

Endlich!

Endlich war der Tag gekommen, da er sein Bündel schnüren und wieder

dahin fliegen konnte, wo's ihm lieb und heimisch war.

Nur mit Mühe bezwang er sich, bis nach Mittag zu warten. Aber der

Schulmeister hatte ihm einmal erklärt, es sei nicht nötig, daß er

früher als am letzten Nachmittag vor dem Beginn der Schule aus den

Ferien zurückkehre.

Gegen ein Uhr, in der tollsten Mittagsglut des heißen Augusttages,

brach Peter auf. Den Rock über der Schulter, den Lederholster mit

Wäsche und einigen Büchern auf dem Rücken, das rote Herz, dreifach

eingepackt, unter dem linken Arm und den Wanderstab in der rechten

Hand, so zog er stillfroh seine Straße. Eine laute Fröhlichkeit ließ

die glühende Hitze, wie in der ganzen Natur, so auch in ihm nicht

aufkommen.

Im Süden braute sich etwas zusammen, und unheimlich schnell zog ein

Gewitter herauf. Peter wollte sich anfangs nicht in seinem Marsch

aufhalten lassen. Als aber die Donner härter rollten und in der Ferne

die grauen Schrägstreifen niedergehender Regenmassen den Himmel

verfinsterten, flüchtete er doch in einen leeren Schafstall, der nicht

weit vom Wege in einem kleinen Fuhrengehölz stand.

Es war gut, daß Peter Zuflucht gesucht hatte. Denn das Unwetter brach

gleich darauf mit unheimlicher Gewalt los. Die Fuhren ringsum bogen

sich ächzend, um dem über die Heide daherbrausenden Sturm auszuweichen.

Durch das blaugraue Dunkel, das sich über das Land gelegt hatte,

zuckten unaufhörlich die grellen Blitze und erleuchteten den Stall

bis in die verstaubten Spinnegewebe unter dem Dach, und die rollenden

Donner ließen den aus Eichenholz gefügten Bau in seinen Grundfesten

erbeben.

Das Unwetter ging so schnell vorüber, als es gekommen war, und bald

verließ Peter seine Zufluchtsstätte, obgleich es noch nicht aufgehört

hatte, zu regnen.

Da sah er, daß das Gewitter auf seinem Wege vor ihm herzog. Schneller

als er, mußte es jetzt schon Wehlingen erreicht haben. Da kam eine

Angst über ihn. Eben vorher, als das Gewitter über seinem eigenen Kopf

stand, hatte er davon nichts gewußt, sich vielmehr des grausig-schönen

Naturschauspiels gefreut. Nun kam's auf einmal über ihn. Konnte nicht

jeder Blitzschlag, der drüben niederging, das ihm so teure Leben

vernichten? -- Er dachte plötzlich an das schreckhafte Erwachen vor

einigen Nächten, wie er da das ganz deutliche Gefühl gehabt hatte, daß

etwas Schreckliches geschehen sei. Da wurde seine Angst noch größer.

Und nun tauchte auf einmal eine Erinnerung auf, die sie noch steigerte.

Es hatte ihm vor Jahren einmal jemand gesagt, in der Familie seiner

Mutter wäre das »Vörkieken,« das Ahnen künftigen Unheils, erblich. Wenn

auch er diese Gabe hatte ...?

Mit wachsender Angst eilte er dahin, so schnell seine Füße ihn tragen

wollten. Wenn ein Blitz von Wolke zu Wolke fuhr, atmete er erleichtert

auf. Wenn der nächste dann wieder zur Erde zuckte, zitterten ihm die

Knie vor Angst.

Nun liegt die letzte Höhe vor ihm. Er läuft, stürmt sie hinan. Wird die

Rauchwolke, die Feuergarbe noch nicht sichtbar? ... Noch nicht? ... Nun

hat er die Höhe gewonnen. Unversehrt und friedlich liegt das Dorf in

seinem grünen Tale vor ihm. Das Gewitter ist nahe daran, am Horizont

mit leisem Grollen zu verschwinden.

Ein Gott sei Dank entrang sich Peters Lippen. Er versuchte, über seine

törichte Furcht zu lachen. Aber so recht frei wurde ihm dabei nicht.

Er kam ins Dorf. Einige Leute begegneten ihm auf der Straße, und er

sah ihnen scharf ins Gesicht. Es wollte ihm scheinen, als ob sie ihn

traurig und fragend anblickten, so ganz anders als sonst. Da wurde die

Angst vor drohendem Unheil wieder wach. Ein Kind dämmte und leitete,

am Wege hockend, die Bäche, die nach dem Gewitterregen die Straße

hinabliefen. An dessen harmlos heiterem Wesen und Gesicht richtete

Peter sich auf und suchte wieder über seine dumme Angst zu lachen.

Nun stand er vor dem Schulhause. Sein Herz klopfte in freudiger

Erwartung. Und doch fürchtete er sich, die Tür zu öffnen. Er ließ die

Augen an dem Hause entlangschweifen. Und es kam ihm vor, als ob dieses

etwas Fremdes hätte. Was es war, wußte er nicht, aber es war irgend

etwas anders als sonst.

Endlich faßte er sich ein Herz und öffnete die Haustür ...

Warum schweigt die Glocke? ...

Wie angebannt blieb er stehen und wagte nicht, einen Schritt nach

vorwärts zu tun.

Da öffnete sich die Stubentür, und ein fremder Mann kam heraus. Er ging

leise, auf den Fußspitzen. Peter starrte den Unbekannten an. Ein Zug in

seinem Gesicht schien ihm bekannt.

»Was willst du?« fragte der Mann flüsternd.

»Ich will Schule halten,« sagte Peter ebenso leise.

»So, denn bist du wohl Peter Eggers?«

»Jaa.«

»Hast du unsere Nachricht nicht bekommen, daß du vorläufig noch zu

Hause bleiben solltest?«

»Nein, aber warum denn?«

»Meine Tochter ist schwer krank.«

»Wer!? Marie? ...«

Der andere nickte: »Doppelseitige Lungenentzündung ... Bitte, gehe

leise die Treppe hinauf, und verhalte dich oben ganz still. Sie liegt

gerade unter dir. Wir haben ihr Bett in die Wohnstube gebracht.«

»Sie wird doch wieder gesund?« fragte Peter, und die helle Angst stand

in seinem Gesicht.

»Wir hoffen es zu Gott,« sagte der Mann. »Heute abend ist die Krisis.

Dann muß es besser werden ... oder ...« Er wandte sich und barg das

Gesicht in der Hand.

Peter setzte den Fuß so leicht wie möglich auf die dritte Treppenstufe.

Trotzdem knarrte das alte Holzwerk. Da zog er die Stiefel aus und

schlich auf den Socken nach oben. In seiner Kammer angekommen, ließ er

sich auf seinen Stuhl fallen, legte die schlaffen Arme lang auf den

Tisch und starrte vor sich hin. Er wiederholte sich die eben gehörten

Worte, und immer wieder aufs neue ... aber nur bis zu dem Oder. Davor

prallte seine Seele wie vor einem schauerlichen Abgrund zurück.

Irgendein Geräusch traf sein Ohr. Da lauschte er gespannt, hörte nun

aber nichts. Nur vor dem Fenster war ein Fliegengesumm. Er merkte, daß

in seinem Zimmer noch die schwüle Gewitterluft der Mittagsstunden war,

und öffnete das Fenster. Die Fliegen stürmten hinaus, und ein frischer,

würziger Luftzug strömte herein. Da atmete Peter einige Male tief auf.

Dann setzte er sich wieder hin und wagte nicht, sich zu rühren in der

furchtbaren Stille, die um ihn war. Das Haus war wie ausgestorben.

So saß er lange, lange, und dachte an die vergangenen glücklichen

Tage, vom Spaziergang am ersten Sonntag unter der Kirchzeit, über die

gemeinsame Arbeit im Garten, bis zu der abendlichen Wanderung, dem

goldenen Tore entgegen, und bis zum Abschied in der Küche. In diesem

Kreise suchte er seine Gedanken festzuhalten, aber zuweilen gingen sie

doch über die Bannlinie hinaus und kamen bis an das entsetzliche Oder,

und flüchteten sich, von Grausen gepackt, wieder in die vergangenen

Tage.

Ein Geräusch traf sein Ohr. Es kam jemand die Treppe herauf ...

Was mochte er bringen ...? Die Hand gegen das stürmisch klopfende

Herz gepreßt, ging Peter an die Tür und öffnete. Da stand der alte

Schulmeister vor ihm und sagte, hastiger, als sonst seine Art war:

»Peter, es muß einer zum Arzt, daß er sofort noch einmal kommt. Willst

du?« »Ja,« hauchte Peter. »Dann aber schnell!« Und Peter ergriff Mütze

und Stock, nahm die Stiefel in die Hand und sprang die Treppe hinunter,

zog sie draußen an, drückte die Daumen in die Hände, das Seitenstechen

zu hindern, und lief im Laufschritt dahin. Wenn er, um Luft zu

schöpfen, im Lauf innehalten mußte, ging er in lang ausgreifenden

Schritten, den Stock kräftig einsetzend. Als er das Wendenloch

hinunterlief, stürzte er in dem losen Sande, aber ebenso schnell war

er wieder auf den Füßen. Es war nur ein Gedanke, ein Wille in ihm:

Vorwärts, vorwärts! An jeder Minute konnte das teure Leben hängen.

Eine Viertelstunde vor Olendorf mußte er langsamer werden, da er einen

stechenden Schmerz in der Brust fühlte. Dieser wurde zuletzt so heftig,

daß er bei den ersten Häusern des Dorfes eine halbe Minute sich an

einen Baum lehnen und innehalten mußte. Dann aber quälte er sich weiter

und erreichte das Haus des Arztes.

»Nachtglocke!« stand über der Tür. Ohne sich zu besinnen, riß er

stürmisch an dem Handgriff und hörte, wie es gellend durchs Haus

klang. Da kam des Doktors Kutscher und fragte, was für ein Ochse da so

unvernünftig bei offener Tür an der Nachtglocke risse. »Ich muß zum

Doktor,« stieß Peter atemlos heraus. »Der Herr Doktor sitzt drüben beim

Bier.«

Auf den Gedanken, den Arzt herausrufen zu lassen, kam er nicht. So

platzte er denn mitten in den Kreis der Honoratioren hinein, die in

bester Laune um den Stammtisch saßen. Sie hatten eben ein lautes

Gelächter über eine Anekdote angestimmt, die ihr Witzbold, der

Apotheker, zum besten gegeben hatte. Wie dieser sich triumphierend

im Kreise umsah, begegneten seine Augen über den Tisch denen Peters.

»Baah, du Mondkalb, kommst wohl direktemang vom Monde 'runtergefallen?«

sagte der Apotheker und machte seine beliebte Blödsinnsgrimasse.

Schallendes Gelächter, alle Augen wandten sich dem Jungen zu. Wie aber

dessen flackernde Augen von einem zum andern irrten, wie er dann an den

Arzt herantrat und mit heiserer Stimme sagte: »Herr Doktor, kommen Sie

schnell zu des Schulmeisters Marie nach Wehlingen!« da verstummte das

Lachen, und der Witzbold war über diesen Witz nicht froh. Der Doktor

aber sagte freundlich: »Geh nur mein Sohn. Ich komme gleich, will nur

eben mein Bier austrinken.«

Peter wandte sich und ging taumelnd durch die Stube. An der Tür hörte

er aus dem Gemurmel, das sich am Tisch erhoben hatte, zwei Worte

deutlich heraus. Die Worte des Arztes: »Wenig Hoffnung.«

Nun war er draußen und schwankte, die Hand auf die noch immer

schmerzende Brust gepreßt, die Dorfstraße entlang. Bei jedem Schritt

klang es in ihm: Wenig Hoffnung, wenig Hoffnung. Oder hatte der Arzt

gesagt: Keine Hoffnung? Nein. Oder doch? Nein, nein, er hatte den Klang

noch im Ohr: wenig Hoffnung ... Er kam ins Freie, der kühle Abendwind

umfächelte seine heiße Stirn. Da konnte er sich an das zweite Wort

anklammern: Hoffnung. Wenig Hoffnung, aber Hoffnung.

Dann wollte er auch hoffen. Aber nicht wenig Hoffnung, nicht eine

kleine Hoffnung wollte er haben, sondern eine große, feste, starke.

Aber wo diese Hoffnung verankern? In der Kunst des Arztes? Unmöglich.

Der wollte erst sein Bier austrinken. Und hatte selbst nur wenig

Hoffnung.

Da, als er bei dem Menschen, an den in solchen Nöten die letzte

Hoffnung sich anklammert, keinen Ankergrund für seine Hoffnung fand,

dachte er plötzlich an Gott. Er hatte viel über ihn gelernt, viel über

ihn gelehrt, auch wohl in Stunden übergroßen Glücks seiner dankbar

gedacht. Jetzt kam er zum erstenmal zu ihm, von des Lebens Jammer

und Not gepeitscht. Über ihm wölbte sich in hehrer Schönheit der

Sternenhimmel. Sollte der, der diese wunderbaren Welten geschaffen hat,

nicht dem jungen Menschenkinde, das auch sein Geschöpf ist, das Leben

lassen und die Gesundheit wiedergeben können, auch wenn die armseligen

Menschen nur wenig Hoffnung haben? Ja, er ~kann~ es gewiß. Aber

~will~ er es? Er hat gesagt: Rufe mich an in der Not, so will ich

dich erretten. Und er begann zu rufen und zu beten und zu flehen. Aber

seine Hoffnung fand keinen Ankergrund. Da fiel ihm das Wort Jesu ein:

Ich sage euch: Wahrlich, so ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so möget

ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin, so wird er

sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein. Also auf den Glauben

kam's an. Und er zwang sich zum Glauben. Er biß die Zähne aufeinander

und sagte: Ich ~will~ glauben. Und hoffen. Ja, ich behalte sie.

Aber dann kam plötzlich wieder das: Oder? und: Wenig Hoffnung, und der

Glaube brach zusammen, und der Hoffnungsanker riß aus. Immer neuen

Anlauf nahm er, aber immer wieder stürzte er ab. Zuletzt erhob er sein

Haupt und schaute fest zu einem großen, leuchtenden Stern auf, der

in unausdenkbaren Fernen über seinem Wege stand, und es wollte ihm

scheinen, jetzt wollte es gehen mit dem Glauben, Auge in Auge mit dem

aller Erdennot Entrückten. Aber plötzlich traf ein blendender Schein

seine Augen. Ein Meteor schoß in weitem Bogen durch die Himmelsräume,

um dann plötzlich zu erlöschen ... Nein, wenn selbst die Sterne vom

Himmel fallen! ... Bald sah er wohl, daß sein Stern noch in der alten

Ruhe und Klarheit am Himmel stand. Aber seine Seele war so müde, daß er

nicht noch einmal versuchte, sie zu dem bergeversetzenden Glauben zu

zwingen.

Was er heute innerlich erlebt und körperlich geleistet hatte, das

ging über seine Kraft, und jetzt taumelte er wie träumend, die Augen

manchmal schließend. Das Wendenloch hatte er schon hinter sich und

stieg zu jener Höhe empor, von der sie damals in das goldene Wolkentor

geschaut hatten. Da machte er die Augen weit offen und sah zur Rechten

... Da sah er sie an seiner Seite gehen ... Er wunderte sich gar

nicht darüber ... Nur darüber wunderte er sich, daß sie ein langes,

weißes Kleid trug, und daß er ihren Schritt nicht hörte ... Und als

er auf ihre Füße sah, ging sie nicht, sondern schwebte ... Und als er

nach vorne sah, sah er auch wieder das goldene Himmelstor geöffnet.

Da kam eine tiefe, stille Seligkeit über ihn ... Aber plötzlich fing

sie an, schneller zu schweben. Er wollte sie halten. Aber ihr weißes

Gewand glitt ihm aus den Händen. Er wollte ihr sagen, sie hätte ihm

versprochen, daß sie mit ihm zusammen zum goldenen Tor gehen wollte.

Aber er brachte keinen Ton über die Lippen. Er strengte sich an, sie

einzuholen. Aber der Abstand wurde immer größer. Nun war sie in dem

leuchtenden Tore angelangt, wandte sich um, ihr Gesicht glänzte, sie

winkte ihm mit der Hand, deutete auf den Weg, das Tor schloß sich, er

fühlte den stechenden Schmerz in der Brust, kam zu sich -- und stand

unmittelbar vor dem Schulhause.

Er wußte jetzt, daß sie gestorben war, ohne daß es ihm jemand zu sagen

brauchte. Beim Hinaufsteigen auf seine Kammer gab er sich jetzt auch

keine besondere Mühe, das Knarren der Stufen zu vermeiden. Körperlich

und seelisch erschöpft sank er angekleidet auf sein Lager und lag

wach mit geschlossenen Augen. Unten fuhr ein Wagen vor. Brr! sagte

der Kutscher. Der Doktor, dachte Peter, der hat hier nichts mehr zu

suchen. Die Haustür wurde geöffnet, kurzer gedämpfter Wortwechsel,

Gute Nacht, Üh! der Wagen rollte wieder davon. In der Wohnstube unten

wurde es lebendig. Hin und her gehen, leise Stimmen, Geräusche wie von

Waschgeschirren ... jetzt waschen sie die Tote ... jetzt legen sie ihr

das Totenhemd an ... Wieder gehen Türen, und Pantoffeln schurren über

den Fußboden ... sie tragen sie aus der Stube hinaus. Wohin? ... Schräg

über die Diele, in ihre Kammer. Dort also wird sie aufgebahrt ... Nun

ist die Familie wieder unter der Dachkammer in der Wohnstube versammelt

.. Gedämpfte Unterhaltung ... Der alte Schulmeister liest den

Abendsegen, wie immer. In seinem eigentümlich singenden Tonfall. Jetzt

betet er das Vaterunser ... Amen ... Sie gehen auseinander ... Jemand

verläßt das Haus ... Noch hin und wieder ein leises, unbestimmtes

Geräusch ... Dann ist's still ...

Peter hörte dies alles mit scharfem Ohr und verfolgte es mit wachem

Bewußtsein. Aber ohne allen Schmerz, wie etwas, was ihn gar nichts

anging, was sich von selbst verstand und nicht anders sein konnte.

Sein Geist registrierte einfach mit größter Schärfe, was geschah, ohne

daß irgend ein Gefühl die Vorgänge begleitete. Sein Empfindungsleben

war lahm gelegt, ausgeschaltet. Dieser Zustand hatte durchaus nichts

Unangenehmes. Es war vielmehr eine Art wohliger Schwäche, die ihn

umfangen hielt.

Zuletzt fiel er in eine Art Schlaf, ohne jedoch das Bewußtsein ganz zu

verlieren. Auch blieb ihm dumpf gegenwärtig, daß er in der Brust einen

Schmerz fühlte.

Der Tag war schon weit vorgeschritten, als er endlich die Augen

aufschlug.

Das erste war, daß er sich fragte, ob er einen schweren, schrecklichen

Traum geträumt hätte. So ähnlich, wie vor einigen Nächten, als er in

großer Angst aufwachte. Aber ein Blick auf die beschmutzten Stiefel,

die er noch an den Füßen trug, brachte ihm die Erinnerung wieder.

Und mit der Erinnerung kam seinem ein wenig ausgeruhten Nervensystem

nun auch die Empfindung zurück. Wie eine ungeheure Last warf der

entsetzliche Verlust sich mit seiner ganzen Schwere ihm auf die Seele.

Er warf sich herum, bohrte die Fäuste in die Augenhöhlen und wühlte

sich tief in die Kissen. Das Licht, das nach solcher Nacht wie an jedem

Morgen die Kammer füllte, konnte er nicht ertragen.

So lag er lange, lange. Zuletzt fühlte er einen brennenden Schmerz in

den Augen. Da wunderte er sich, daß er nicht weinte. Sonst war der

Tränenquell ja so leicht geflossen. Schon, wenn er etwas Trauriges oder

Rührendes las. Heute war er wie ausgetrocknet. Er versuchte zu weinen

und bewegte die entzündeten Lider über den trockenen Augäpfeln auf und

nieder. Aber Tränen kamen nicht. Ist auch gut, tröstete er sich, bitter

lachend, so kannst du besser den gleichgültigen Menschen unten im Hause

was vormachen, die nicht wissen, wie es in dir aussieht, und es auch

nicht wissen dürfen.

Er stand auf und fing an, sich umzukleiden. Da fiel sein Blick auf das

Bild über seinem Bett, das die Opferung Isaaks darstellte. Er hielt

inne, sein Gesicht verzerrte sich, und Verzweiflungsgedanken gingen

durch seine Seele. Da sagen sie nun, du wärest die Liebe; du wärest

barmherzig und gnädig und von großer Güte und Treue. Und doch quälst

du uns arme Menschenkinder bis aufs Blut. Ja, früher, in der Zeit der

Wunder, ging dann zuletzt doch noch alles gut ... wie bei dem alten

Mann da ... Aber der war ja auch der Vater der Gläubigen ... Aber bei

uns andern, die wir uns zu solchem übermenschlichen Glauben nicht

zwingen können ... Ha! ... Uns, die wir aus der Tiefe heraus möchten

... ja, eine Zeitlang ist's uns wohl, als ob du uns die Hand reichtest,

aber dann plötzlich lässest du uns fallen und stürzen, in den Abgrund,

in die Verzweiflung.

Er lachte heiser und wandte sich dem anderen Bilde zu. Manchmal hatte

es ihm wohlgetan, das verklärte Antlitz in den Wolken. Aber jetzt

lachte er es spöttisch an. Ja, Himmelskönigin, du hast es leicht, ein

hoheitsvolles, erhabenes Gesicht zu machen. Schwebst ja in den Wolken,

fern von Erdenjammer und Erdennot ... Aber einst ... ja, als du auf

Erden gingst, ja, da hast du diese auch kennengelernt ... damals, als

du, das Schwert im Herzen, mit tausend Schmerzen aufblicktest zu deines

Sohnes Tod ... Bei diesem Gedanken löste sich ein klein wenig der

spöttische, höhnische Zug um den Mund des Verzweifelnden.

Sein Blick fiel auf das gut verpackte Kuchenherz, das auf dem Tische

lag. Er nahm es und warf es unter die Bettstelle. Die ganze Geschichte

kam ihm plötzlich wie eine kindische Albernheit vor.

Als er sich fertig angekleidet hatte, ging er hinunter. Die Familie war

im Wohnzimmer versammelt. Es wurde gerade das Mittagessen aufgetragen.

Peter lachte bitter in sich hinein. Vor zwölf Stunden wuschen sie hier

die Tote. Nun setzen sie sich hin zu schmausen ...

Er überlegte sich, ob er nicht den Eltern und Großeltern teilnehmend

die Hand geben sollte. Aber warum? Was hatten die denn verloren? Die

Großeltern eins von zwanzig Enkelkindern, und die Eltern von den acht

Kindern, die sie nur mit Mühe sättigen konnten, ein einziges. Die

blieben reich und behielten genug übrig, womit sie sich trösten konnten

... Aber er? ...

Er sagte tonlos »Guten Tag«, und wie das Wort sein Ohr traf, lachte er

innerlich darüber, daß die Menschen auch an einem solchen Tage eine

solche Redensart über die Lippen bringen konnten.

Als er sich an seinen Platz gesetzt hatte, sagte der alte Schulmeister:

»Peter, der Doktor ist gestern abend doch nicht mehr früh genug

gekommen.«

»Nein,« sagte Peter gleichgültig, »er wollte erst sein Bier austrinken.«

Die vier Menschen sahen ihn verwundert an.

»Es hätte doch vielleicht nicht mehr geholfen,« sagte Mariens Vater

sanft.

»Nein, es war keine Hoffnung mehr,« sagte Peter.

»Wir müssen uns unter Gottes Willen beugen,« sagte der Schulmeister.

»Sein Wille ist ja stets der beste,« sagte Peter.

»Aber Peter, wie sagst du das merkwürdig?« fragte der Alte.

»Wieso?« fragte Peter dagegen. »Es ist doch so; das bringen wir ja

schon den kleinen Kindern bei.«

Er beugte sich über seinen Teller und aß, gierig und hastig, fast

wie ein ausgehungertes Tier. Seit vierundzwanzig Stunden hatte er ja

gefastet.

Da sagte Mariens Mutter: »Es ist schade, daß du diese Nacht nicht etwas

eher wiedergekommen bist. Unsere Selige fragte nach dir.«

Peter sah die Frau an. Es war das erstemal, daß er einen der

Tischgenossen ansah. »Nach mir?« fragte er. In seiner Stimme war ein

leises Zittern.

»Ja, zweimal. Sie wollte dir auch Adieu sagen.«

Peter fühlte, daß sich in ihm etwas lösen wollte. Er konnte nicht

weiteressen. Aber mit großer Selbstbeherrschung drängte er die

Bewegung, die ihn übermannen wollte, zurück.

Als sie vom Tisch aufstanden, fragte die alte Schulmeisterin, ob er die

Tote sehen wollte. Sie sähe so schön und friedlich aus, als wenn sie

schliefe und jeden Augenblick aufwachen könnte. Peter fühlte ein Würgen

im Halse und stieß ein rauhes »Nein!« heraus. Dann ging er schnell

hinaus.

Mariens Vater sah ihm kopfschüttelnd nach und sagte: »Ein merkwürdiger

Mensch. Scheint sehr wenig Gemüt zu haben.«

»Och ja,« sagte der Schulmeister, »was soll man von so einem verlangen?

Der Vater ist ein Säufer.«

Peter war inzwischen auf seine Dachstube gegangen. Er fühlte, daß er

nicht nachdenken und zu sich kommen ~durfte~. So nahm er ein

Rechenbuch und zwang sich, Rechenaufgaben zu lösen. Er wählte die

schwierigsten, die er finden konnte. Wo er die richtige Lösung nicht

gleich fand, rechnete er die Aufgabe ein zweites und ein drittes Mal.

Als sein Geist dieser Arbeit müde war, nahm er das Lesebuch und begann

zu lesen. Den Sinn der Sätze faßte er nicht, und wollte es auch nicht.

Es kam ihm nur darauf an, durch das mechanische Wiedererkennen der

Buchstaben eine Stunde zu überwinden. Zuletzt schlug er ein Schreibheft

auf und malte einmal über das andere die Worte: »Aller Anfang ist

schwer.« Sorgfältig zog er Haarstrich um Grundstrich, Haarstrich

um Grundstrich. So gelang es ihm, sein Empfindungsleben fast ganz

auszuschalten und den Tag hinzubringen. Er bedurfte dazu seiner ganzen

Willenskraft. Aber er fühlte deutlich, wenn er seinen Empfindungen

nachgäbe, so würde er zusammenbrechen, so wäre sein Verstand in Gefahr.

Gleich nach dem Abendessen, bei dem die Familie ihn nicht wieder ins

Gespräch zog, ging er zu Bett und zwang sich von tausend an abwärts zu

zählen. Es gelang ihm wirklich, einzuschlafen.

Als er aufwachte, war es dunkle Nacht, und die Uhr in der Wohnstube

unter ihm schlug zwölf. Der Schlaf hatte ihn gestärkt. Seine Nerven

hatten einige Widerstandskraft wiedererlangt, er durfte es wagen, an

sie zu denken. Da faßte ihn auf einmal eine unendliche Sehnsucht, sie

zu sehen. Er vertröstete sich auf den kommenden Tag, aber das heiße

Verlangen seines Herzens ließ sich nicht abweisen. Zweimal hatte er

ihm Schweigen geboten. Als es aber den dritten Angriff auf seine

Willenskraft machte, da gab er nach. Er stand auf, kleidete sich leicht

an, nahm das brennende Licht in die Hand und trat mit bloßen Füßen

aus seiner Kammer. Oben an der Treppe blieb er stehen und horchte

angespannt ins Haus hinab. Er hörte nichts als das Klopfen seines

Herzens. Da stieg er vorsichtig hinab, die unsicheren Stufen, die am

lautesten zu knarren pflegten, meidend. Unten an der Treppe lauschte er

noch einmal. Kein Ton als das Ticken der Uhr in der Wohnstube. Da ging

er weiter, das Licht mit der Linken schirmend. Nun stand er vor ihrer

Kammertür. Er stellte das Licht auf die Erde und faßte den Drücker mit

beiden Händen, um jedes Geräusch zu dämpfen. Die Tür wich lautlos, er

trat ein, zog das Licht nach sich und schloß die Tür so leise, wie er

sie geöffnet hatte. Dann erst wandte er sich um. Da stand das Bett,

von einem weißen Leintuch überspannt. Mit leise zitternder Hand hob er

die Hülle, die sein Liebstes barg. Und nun lag die Geliebte vor ihm,

das Haupt leicht zur Seite geneigt, im Haar eine welkende Rosenknospe,

die Hände über einem Kreuz auf dem weißen Totenhemd gefaltet. Da

löste sich die Erstarrung, die seit vierundzwanzig Stunden auf seiner

Seele gelegen hatte, in heißen Tränen, und er mußte sich mit Gewalt

bezwingen, daß er nicht laut schluchzte. Aber dem Lauf der Tränen

wehrte er nicht.

Plötzlich fuhr er auf und horchte. In der benachbarten Kammer hatte

sich etwas geregt. Der Schein des Lichtes konnte ihn verraten, und

schnell drückte er es aus. Und nun war er in der dunklen Kammer mit

seinem toten Lieb allein. Er umklammerte mit seinen fiebernden Händen

über ihren kalten Händen das Kreuz, er beugte sich nieder und küßte

sie, auf die Stirn, die Augen und den Mund. Er fühlte die Kälte des

Todes nicht. Er fühlte nichts als die heiße, heiße Liebe, die sein

ganzes Wesen mit der Geliebten verband. Dann deckte er sie sorgfältig

wieder zu, nahm die Kerze und schlich im Dunkeln in sein Dachstübchen

hinauf.

Als er wieder in seinem Bette lag, faltete er die Hände über der Brust.

Nicht um zu beten. An Gott dachte er mit keinem leisen Gedanken. Aber

er hatte ein so dankbares Gefühl in seinem Herzen, daß die Todesstarre,

die so lange seine Seele zusammengepreßt hatte, von ihm genommen war,

daß er wieder weinen, fühlen und lieben konnte. Wenn aber ein Gefühl

froher Dankbarkeit sein Herz durchwärmte, dann mußte er die Hände

falten, der gute Peter. -- --

* * * * *

Auf der Diele des Schulhauses war über drei Stühlen der Sarg

aufgebahrt. Zu Häupten und zu Füßen brannten Lichter, die in einem

leisen Zugwind flackerten. Einige Tannenkränze lehnten umher.

Nach und nach fand sich das Trauergefolge ein. Die Lehrer der

Nachbarschaft und die großen Bauern wurden in die Stube genötigt,

tranken Kaffee oder Grog, nach eigener Wahl, aßen Kuchen. Die kleinen

Leute standen auf dem Vorplatz und der Diele umher und ließen die

Flasche kreisen. In einer Ecke der Diele hockten die Singjungens um

eine Truhe und aßen schwatzend die ihnen als Sangeslohn zukommenden

Stuten. Zwei Ziegen streckten die langen Bärte aus ihrem Stall

heraus und sahen neugierig zu. Die Hühner, die man nicht vom Wiemen

heruntergelassen hatte, gaben ihren Unwillen durch Scharren kund. Eine

Henne verkündete gackernd, daß sie ein Ei gelegt hatte.

Peter kam erst von seiner Dachstube herab, als sie angefangen

hatten zu singen. Die Jungens sangen mit schrillen Stimmen: Alle

Menschen müssen sterben, alles Fleisch vergeht wie Heu, und musterten

inzwischen, da sie die Verse auswendig konnten, die fremden

Schulmeister. Dann las Schulmeister Wenckes nächster Nachbar mit halb

singender, halb weinerlicher Stimme den neunzigsten Psalm und sprach

ein Vaterunser. Nachdem dann die Kinder noch einmal gesungen hatten,

traten die Träger herzu, entfernten die Lichter vom Sarge, trugen ihn

hinaus und hoben ihn auf den vor dem Tor wartenden, im Grunde mit Stroh

bedeckten Leiterwagen. Dann stiegen an einer Leiter die Frauen der

nächsten Verwandtschaft hinauf und nahmen tief verhüllt vor und hinter

dem Sarge Platz. Der Fuhrmann ergriff das Handpferd am Zügel und ließ

anziehen. Da lüfteten die Männer ihre Mützen, und hinter dem Wagen

ordnete sich das Gefolge; die Familie voran, die befreundeten Lehrer,

die Dorfleute.

Der Leichenzug folgte nicht dem nächsten und gebräuchlichsten Wege nach

dem Kirchdorfe; denn alter Volksglaube ließ nicht zu, daß die Toten

denselben Weg nähmen mit den Lebendigen. Er zog durch eine Talsenkung,

die von dem Zug der Toten seit alters den Namen »Totengrund« führte.

Die Wagengeleise waren von blühender Heide überwuchert; denn es war

diesen Sommer nur ein Toter dieses Weges gefahren.

An der Grenze der Wehlinger Gemarkung wurde ein Strohbündel unter dem

Sarge hervorgezogen und hinter dem Wagen quer über die Spur geworfen.

Das sollte den Geist der Toten hindern, in die alte Behausung

zurückzukehren und die Lebenden zu schrecken. Das Gefolge wich vor dem

Bündel behutsam rechts und links aus.

Peter ging zuerst bei den Lehrern. Da begann ein alter Schulmeister

Fragen an ihn zu stellen: Wann er aufs Seminar wollte? Wie alt er wäre?

Für welche Fächer er sich besonders interessierte? Nach welchen Büchern

er arbeitete? Peter gab kurz Antwort, benutzte aber einen Augenblick,

als der Ausfrager mit seinem Nachbarn auf der andern Seite sprach, ein

wenig zurückzubleiben.

Nun war er unter den Bauern. Diese hatten ihre kurzen Pfeifen in

Brand gesteckt und sprachen über den vor wenigen Tagen im Flecken

abgehaltenen Viehmarkt.

Peter blieb noch weiter zurück und folgte bald dem Zuge als letzter.

Aber mit seinen Gedanken und Gefühlen war er ihr, die jetzt ihre letzte

Straße zog, von allen wohl am nächsten.

Vor ihm wand sich der lange schwarze Zug durch die vollerblühte Heide.

So weit der Blick reichte, ein Meer roter Blüten. Und darin das Gesumm

und Geschwirr der Immen, die überall, im Totengrund wie auf den

luftigen Höhen, ihre süße Weide fanden.

Als die Spitze des Zuges das Kirchdorf erreichte, läuteten die Glocken.

Die große tief und regelmäßig, die kleine, von einem Kinde schlecht

geläutet, unruhig und aufgeregt dazwischen. Vor dem Kirchhofstor

stockte der Zug. Nach einer Minute setzte er sich unter Kindergesang

wieder in Bewegung. Nachdem er sich nach alter Sitte um die Kirche

bewegt hatte, hielt er aufs neue, der Gesang verstummte mit einer

langgezogenen Schlußnote des Küsters, das Geläut mit einem letzten

Nachklang der kleinen Glocke. Peter hielt sich im Hintergrunde, hatte

die Augen geschlossen und hörte nur wie aus weiter Ferne, was da vorne

vor sich ging: das Schurren der Taue, die liturgischen Formeln, das

hohle Aufschlagen der Schollen, das wieder einsetzende Singen und

Glockengeläut ... Als er aufblickte, sah er die Augen des Totengräbers

fragend auf sich gerichtet. Da wurde er mit Schrecken gewahr, daß die

andern sich bereits alle vom Grabe abgewandt hatten. Hastig drehte er

sich um und folgte ihnen in die nahe Kirche. Hier setzte er sich im

Rücken der Gemeinde hinter einen Pfeiler. Er war froh, einen Platz

gefunden zu haben, wo ihn niemand sehen konnte, und er selbst auch

keinen Menschen sah.

Peter war nicht gekommen, um sich trösten zu lassen. Er hatte ja in

den vergangenen glücklichen Zeiten sein Glück allein, heimlich vor

allen Menschen, getragen, und wußte, sein Leid würde er erst recht ganz

allein und einsam tragen müssen. Und das wollte er auch. Kein Mensch

konnte und sollte ihm davon das Geringste abnehmen.

So hörte er denn auch kaum hin, wie der Pastor die Eltern und

Großeltern tröstete, wie er ein blaß gehaltenes Bild der in der Blüte

geknickten lieblichen Jungfrau entwarf. Was ging ihn das alles an? Was

konnte der Pastor von der Toten wissen, die nur ein Vierteljahr seiner

großen und zerstreuten Gemeinde angehört hatte, mit der er wohl nie

ein Wort gewechselt hatte? --

Aber plötzlich traf ein Wort von der Kanzel sein Ohr, das ihn aufmerken

ließ. Der Pastor hatte von einem goldenen Tor geredet. Wie kam der

Mann dazu, von etwas zu reden, was zwischen ihr, deren Mund nun

geschlossen war, und ihm heiligstes Geheimnis war? Und nun horchte er

mit angehaltenem Atem. »Die Entschlafene,« so führte der Geistliche

aus, »hat sich in ihren Fieberträumen immer wieder mit einem goldenen

Tore beschäftigt, so ist mir gesagt worden. Und dann hat sie mit einem

Begleiter gesprochen, der an ihrer Seite dem goldenen Tore zugewandert

ist. Was, meint ihr, liebe Christen, ist das für ein Wandergenosse

gewesen? Ich zweifle nicht daran, es war ein heiliger Engel, den Gott

der Herr ihr zum Geleite gegeben, um sie aus dem dunklen Tal der

Todesschatten durch das goldene Tor hinaufzuführen in das Land des

ewigen Lichts.«

Durch die Gemeinde ging ein lautes Schluchzen.

Wenn einer hinter den Pfeiler geblickt hätte, und er hätte die rechten

Augen gehabt, so würde er da ein Menschenantlitz gesehen haben, das

für einen Augenblick von tiefinnerer Seligkeit durchleuchtet war. Und

vielleicht hätte er da an ein Engelsantlitz denken müssen. --

Die Trauerfeier war beendet. Die Verwandten traten noch einmal an das

Grab, die andern kehrten nach der Sitte zu kurzer Rast in dem nahen

Wirtshause ein. Peter aber machte sich sofort auf den Heimweg. Er mußte

allein sein.

Langsam ging er über die weite, stille, blühende Heide, und dachte mit

stiller, tiefer Wehmut der glücklichen Zeiten. Er hatte das Gefühl,

als ob sie weit, weit hinter ihm lägen. Und doch lagen nur drei Tage

dazwischen. Aber was für Tage! ... Und wie lange war es her, daß er an

ihrer Seite den Weg gegangen war? Es waren fünf Wochen. Da wurde er auf

einmal zweifelhaft. War er nicht zweimal mit ihr diesen Weg gewandert?

Einmal am letzten Sonntagabend vor den Ferien. Dessen erinnerte er sich

ganz deutlich. Da hatte er ihr ja die Geschichte vom goldenen Tore

erzählt, und sie hatten sich versprochen, von nun an Wandergenossen zu

bleiben. Aber es war ihm, als müßte er noch ein zweites Mal mit ihr

dieses Weges gegangen sein ... Allmählich dämmerte ihm herauf, was er

vor drei Tagen, in jenem merkwürdigen Zustande jenseits der Schwelle

des wachen Bewußtseins, auf diesem Wege erlebt hatte. Er hatte sich

dieses Erlebnisses seither nicht erinnert, wohl deshalb, weil es in

Regionen des Unterbewußtseins vor sich gegangen war, die dem vom Willen

abhängigen Sicherinnern nicht zugänglich sind. Jetzt, an dem Orte, wo

es ihm begegnet war, bei dem lebhaften und innigen Denken an jene erste

Wanderung, kam es herauf, traumhaft verschleiert ... Hatte er sie da

nicht an seiner Seite schweben sehen? ... In langem, weißem Kleide? ...

schnell und immer schneller dem goldenen Tore zu? ... Das mußte um die

Stunde ihres letzten Kampfes gewesen sein ... Also um dieselbe Stunde,

da sie, wie die Verwandten dem Pastor berichtet hatten, das goldene

Tor offen und den Wandergefährten an ihrer Seite gesehen hatte ...

Wunderbar ... Während sie mit dem Tode ringend auf ihrem Bette lag,

und während er zerschlagen und seiner selbst nicht mächtig über die

Heide ging, hatte da zwischen ihren Seelen ein geheimnisvoller Verkehr

stattgefunden? ... Hatten die einander geschaut, gegrüßt, aneinander

Geleit und Halt und Freude gefunden? ... War das denkbar? ... Denkbar

wohl nicht ... aber vielleicht trotzdem Wahrheit ... Je länger er

darüber nachsann oder vielmehr -fühlte, um so gewisser wurde es ihm.

Dann aber war es ja sicher, daß ihre Liebe nicht an das leibliche

Beieinander gebunden war ... daß sie Weggenossen bleiben konnten, auch

wenn sie ihm vorausgeeilt war ... Und hatte sie nicht auch, ehe sie in

dem goldenen Tore verschwand, auf den Weg, der deutlich vor ihm lag,

gewiesen und ihm gewinkt? ... um ihm zu zeigen, daß sie denselben Weg

hatten und zusammengehörten? ...

Er dachte an seine Mutter. Die hatte ihm, obgleich sie so früh

hinweggerissen war, durch die ganze Kindheit das Geleit gegeben. Ganz

gewiß, dann konnte auch die jetzt ihm entrissene, aber durch die

engsten Seelenbande ihm verbundene Weggefährtin seine Weggefährtin

bleiben, das Stück Weges, das er noch vor sich hatte. Vielleicht war

dieses ja auch gar nicht so lang, wie er ihr das vor fünf Wochen in

seinem jungen, frohen Lebensmut ausgemalt hatte. Vielleicht mußte er in

Beziehung auf das goldene Tor noch einmal umlernen. Am Ende hatte sie

doch recht gehabt, als sie damals, wohl vorahnend, sagte: »Aber Peter,

wenn wir in das goldene Tor hineinwollen, dann müssen wir ja vorher

-- sterben.« Damals war er darüber erschrocken und hatte das Sterben

ganz ans Ende gesetzt, nach all dem Großen und Schönen, das er vorher

erreichen wollte. Aber wenn es früher käme, wäre denn das so schlimm?

... Und vielleicht kam's ja auch so. Er dachte an die Besorgnis seines

Vaters, daß er, Peter, zu viel von der Mutter geerbt haben möchte und

in keiner guten Haut steckte. Und der dumpfe Schmerz in seiner Brust

war ja seit jenem rasenden Laufen nach dem Arzt immer noch nicht ganz

gewichen ...

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er dachte wieder an die

Begräbnispredigt. Was? Er, der Schulmeister Peter Eggers, ein Engel?

Das war wirklich zum Lachen. Aber plötzlich wurde sein Gesicht wieder

ernst. Ja, ~sie~, wie sie da in weißem, wallendem Kleide neben ihm

schwebte, wie sie am Ziel das von innen durchleuchtete Antlitz nach ihm

zurückwandte, ~sie~ hatte wie ein Engel ausgesehen. Und war sie

überhaupt nicht in sein armes, einsames, dumpfes Leben wie ein Engel

aus einer andern Welt hineingetreten? Hatte er nicht eines Abends in

duftender Jelängerjelieberlaube gesessen und Gott gedankt, daß er sie

ihm gegeben? ...

Gefaßt und getröstet langte Peter am Schulhause an. Als er aber

eintrat und auf der Diele die drei Stühle sah, die den Sarg getragen

hatten, und als sein Blick in ihre offene Kammer fiel, in der eben die

einhütende Nachbarsfrau Ordnung schaffte, da übermannte ihn der Schmerz

aufs neue. Er hielt die Hand vors Gesicht, eilte die Treppe hinauf und

warf sich auf sein Bett.

Die Nachbarsfrau hatte es auch übernommen, für die von der Beerdigung

Zurückkehrenden den Kaffee zu kochen. Als sie sah, daß Peter zurück

war, goß die gute Seele ihm vorab eine Tasse auf, legte ein Stück

Butterkuchen auf den Rand und trug's ihm hinauf. Sie fand den jungen

Schulmeister auf dem Bette liegend, den Kopf in die Kissen vergraben.

Da faßte sie ihn mütterlich am Arm, schüttelte ihn und sagte: »He! Wat

fehlt em? Is he krank?«

Peter flog erschrocken in die Höhe und sah die Frau hohläugig und

verstört an.

»Hier hett he'n Tass' Kaffee ... Wat? He hett weent? Achjajija, dat

junge söte Lewen« -- die Frau führte mit der freien Hand die Schürze an

die Augen -- »in düsse Johren, wenn eene so väl köst[8] hett und just

to bruken is, huhuhu. Aber se is ja den besten Weg, huhu. Nu drink he

man. So'n Tass' Kaffee helpt den Menschen wedder up.«

Peter nahm die Tasse und setzte sich auf seinen Stuhl. Die Frau stand

neben ihm, hatte die Schürze wieder fallen lassen und die Hände in die

Seiten gestemmt.

»Hett se 'ne schöne Liekenred' krägen?« fragte sie.

»Och ja,« sagte Peter.

»Wat for'n Text?«

»Text? ... de Text? ... Mewsmudder, dat weet ich würklich nicht.«

»Wat? 'n Scholmester, und denn so vergätern?« sagte Mewsmutter

verwundert. »Ick hew noch alle Liekentexte von mine Fründschap in'n

Kopp.« Und nun zählte sie ihm die der letzten zwanzig Jahre auf, gab

auch bei mehreren einige Gedanken aus der über sie gehaltenen Rede

wieder. Dabei weinte sie noch einmal über die Verluste und ließ sich

noch einmal von all den schönen Texten trösten. Zuletzt wischte sie

sich mit der Schürze die Augen, schnaubte sich in derselben gründlich

aus, nahm die leere Tasse und ging wieder an ihre Arbeit.

Peter sah ihr kopfschüttelnd nach. Wie waren solche Leute zu beneiden!

Die weinten ihre Tränen, backten Butterkuchen, hörten eine schöne

Leichenpredigt, kochten Kaffee und gingen wieder an ihre Arbeit.

Und gingen wieder an ihre Arbeit. Ja, und das tat Peter am andern

Morgen auch. Es blieb ihm nichts anderes übrig. Denn die kleinen

Wehlinger Jungens und Deerns wollten darum doch lesen und schreiben

und rechnen lernen, wenn Peter auch ein wehes, zerrissenes Herz hatte.

Sie stellten sich am nächsten Morgen wieder vollzählig ein. Auf dem

Schulhofe waren sie wohl etwas stiller als sonst. Aber ihr Morgenlied

sangen sie mit kräftigen Stimmen, und die beiden Lehrer hatten alle

Hände voll zu tun. Denn die Jugend hatte beim Heu viel verschwitzt

und war durch die lange Freiheit des Stillsitzens auf den Schulbänken

entwöhnt.

Am Mittagstisch sagte der Schulmeister, indem er sich ein wenig reckte:

»Wie ist das gut, daß wir endlich so weit sind! So etwas bringt immer

viel Aufregung mit sich, und die ist nichts für alte Leute. Gott sei

Dank, daß nun alles wieder im alten Geleise ist.«

Ja, alles wieder im alten Geleise. Auch den leergewordenen

Platz am Tische fand Peter nach drei Tagen wieder besetzt. Beim

Familienkaffee nach der Beerdigung war die Verabredung getroffen,

daß der Schulmeistersleute ältester Sohn seine älteste Tochter der

schwächlichen Mutter zur Hilfe im Haushalt schicken sollte. Diese

hieß auch Marie, und war ein munteres, quickes, junges Ding mit

lebenshungrigen Augen und runden Gliedern.

Die neue Marie langweilte sich bald bei den grämlichen Alten und suchte

Zeitvertreib bei Peter. Wenn die beiden, durch eine Wiederholung der

Rede des Schulmeisters vom Zeitvertrödeln und von der Unschicklichkeit

getrennt, im Garten Sommerarbeit taten, war sie alle Viertelstunden bei

ihm und hatte bald dies zu fragen und bald das zu schwatzen. Das »Es

schickt sich nicht für so'n großes Mädchen« des Schulmeisters war für

sie nicht da. Peter hörte ihrem munteren Geplauder ganz gern zu, und da

ihre in das dumpfe Schulhaus eingezwängte Lebenslust ihn dauerte, so

war er immer freundlich gegen sie und zwang sich, auf ihre Interessen

einzugehen, auch wenn ihm danach nicht gerade zumute war. Aber das

genügte ihr nicht. Und als sie merkte, daß sie ihm durch Äugeln und

andere Kunststückchen nicht mehr abgewinnen konnte, versuchte sie's

mit einem Bauernsohn auf der Nachbarschaft, wo sie mehr Glück hatte.

Sie ist dann nach einem guten Jahre aus dem grämlichen Schulhause als

Herrin auf den schönen Bauernhof übergesiedelt und eine kleine dicke,

fröhliche, tüchtige Bauerfrau geworden.

Eines Nachmittags gegen Ende September, als Peter Birnen pflückte, kam

sie angetänzelt und bat ihn, ihr bei dem Ausziehen der Bohnenstangen

zu helfen. Das trockene Kraut hätte sie schon zum größten Teil

heruntergerissen. Aber die Querstangen lägen ihr zu hoch. Da könnte ein

so kurzes End wie sie nicht heranreichen. Peter verbarg sein Gesicht

hinter einem Birnenast und sagte: »Marie, das laß nur. Das will ich

wohl gegen Abend allein besorgen.« »Du bist zu nett, Peter,« sagte sie

erfreut, »dann kann ich ja gleich hingehen und mich hübsch machen. Aber

vorher schmeiß mir eine süße, gelbe Birne herunter!« Peter erfüllte

ihren Wunsch, und sie ging, herzhaft die Zähne in die Frucht schlagend,

davon.

Am Abend, als der müde Herbstsonnenschein auf dem Garten lag,

machte Peter sich daran, das Werk des leuchtenden Mainachmittags

niederzulegen. Er zog Mariens Schleifen auf und löste seine Knoten.

Dann zog er die fest in der Erde steckenden Stangen heraus, erst seine

Reihe, dann ihre. Als sie alle auf dem Haufen lagen, setzte er sich

darauf und hielt den Kopf in die Hände gestützt. So saß er eine ganze

Weile. Dann stand er auf und begann, die Stangen ins Haus, zu tragen.

Einst hatte er je acht mit spielender Leichtigkeit auf die Schultern

genommen. Jetzt ging er schon unter der Last von sechsen gebückt und

mühsam.

Als er zum letztenmal zum Felde gehen wollte, um die letzte Tracht zu

holen, begegnete ihm Marie auf dem Gartenwege. Sie sah ihn groß an und

rief: »Mensch, wie siehst du aus! Fehlt dir was?«

»Ich bin müde,« sagte Peter tonlos.

»Die Stangen sind wohl schwer?«

»Ja ...«

Diese Arbeit war die letzte, die Peter für die Wehlinger

Schulmeistersleute tat. Am Tage darauf zog er in die Herbstferien. Den

Winter sollte er auf dem Seminar zubringen.

Auf jener Höhe, von der er an jenem Vorfrühlingsabend zuerst das Tal

und das Dorf erblickt hatte, blieb er stehen und schaute lange zurück.

Er lehnte sich an eine junge Birke, und diese ließ einige vor der Zeit

gestorbene gelbe Blätter an ihm hinab zur Erde wirbeln. Auf der Heide

ringsum lag das braune Blühen des Herbstes. Keine Imme summte mehr

nach Honig; kein blauer Schmetterling gaukelte über den toten Blüten.

Nur eine Grille zirpte müde und leise, und in der Ferne rief der

Regenpfeifer sein langgezogenes Tühttüht.

Dem Einsamen auf der Höhe lief ein Frieren über den Rücken. Noch einen

Blick tat er in das verlassene Tal, dann fuhr er sich mit der Hand über

die Augen und wandte sich langsam zum Gehen.

Ein halbes Jahr nur nahm die Ausbildung der jungen Schulmeister

auf dem Seminar in Anspruch. Selbstverständlich genügte diese Zeit

nicht, um das Wissen wesentlich zu erweitern oder gar die Bildung zu

vertiefen. Sie diente vielmehr in der Hauptsache dazu, dem Schulwesen

des Landes eine gewisse Einheitlichkeit zu geben. Manche der alten

Schulmeister, die der Anzucht des Nachwuchses oblagen, gaben ihren

Zöglingen allerhand persönliche Liebhabereien und Wunderlichkeiten

mit, selbsterfundene Schnörkel an den Buchstaben, Rechenmethoden

eigenen Gewächses, theologisierende Privatmeinungen in der Religion und

ähnliches. Das alles wurde in dem halben Seminarjahre heruntergehobelt,

und dann wurden die jungen Leute als fertige und selbständige

Schulmeister wieder auf die Dörfer geschickt. Da mochten sie sich denn

entwickeln, wie ihre Anlagen und die Verhältnisse es mit sich brachten.

Die einen wurden richtige Bauern, denen die Landwirtschaft obenan stand

und die Arbeit in der Schule Nebensache war. Andere wuchsen sich zu

wunderlichen Pedanten oder Originalen aus, wie sie in den Witzblättern

noch heutigen Tages herumspuken. Aber viele wurden auch tüchtige

Menschen, die in der Schule wie in der Dorfgemeinde, wie in der eigenen

Haus- und Ackerwirtschaft voll ihren Mann standen, das Nötigste die

Jugend lehrten und im übrigen durch Gottesfurcht, Fleiß und Sparsamkeit

Jungen wie Alten ein Vorbild waren. Manches Dorf in stiller Heide

hat wohl noch heute viel von dem Besten seiner Eigenart der Saat zu

verdanken, die vor fünfzig oder mehr Jahren so ein schlichter, frommer,

tüchtiger Mensch mit wenig Kunst und treuem Herzen ausgesät hat.

Peters Lebensschiff begehrte ja damals, als der volle Wind in seinen

Segeln stand, nach ferneren Zielen als nach der nächsten besten

weltverlorenen Nebenschulmeisterei. Seit es aber im Sturm Mast und

Segel verloren hatte, war es mit dem nächsten kleinen Hafen zufrieden.

Für die Aufnahme in das Seminar sollte Peter ein von einem beamteten

Arzt ausgestelltes Gesundheitszeugnis beibringen. Als der Amtsphysikus

des nächsten Fleckens ihn untersucht hatte, fragte er, ob seine Eltern

noch lebten. Peter sagte, seine Mutter wäre seit vierzehn Jahren tot,

und auf die weitere Frage des Arztes, woran sie gestorben wäre, sie

hätte viel husten müssen. »Haben Sie niemals einen Schmerz in der

linken Brustseite gefühlt?« fragte der Arzt weiter. »Ja,« sagte Peter,

»vor ein paar Monaten hab' ich einmal schrecklich laufen müssen, und

da hat es hier in der Brust mir zuletzt sehr weh getan. Zuweilen fühle

ich das noch an derselben Stelle.« Der Arzt überlegte einen Augenblick,

mit den Fingern auf den Tisch trommelnd, dann setzte er sich hin, zu

schreiben. »Sie haben,« sagte er dabei, »einen kleinen Knacks in der

Lunge weg. Sie müssen sich gut ernähren und viel in die frische Luft

gehen. Dann heilt das wohl wieder aus und vernarbt. Das hat man oft.«

Um dieselbe Zeit sprach der Pastor von Olendorf gelegentlich einer

Amtshandlung in Wehlingen bei Schulmeister Wencke vor, der seinen

Vorgesetzten mit ebenso tiefen wie steifen Bücklingen empfing. »Ich

muß,« sagte dieser, »ein eingehendes Zeugnis für Peter Eggers an das

Seminar schicken, kenne ihn aber zu wenig und möchte mich deswegen mit

Ihnen beraten. Ich mache mir gleich Notizen. Fleiß?«

»War sehr gut,« sagte Schulmeister Wencke mit Nachdruck, »er hat viele

dicke Bücher durchgelesen. Meine Bücher alle zusammen, und hat sich

noch welche zugeliehen.«

»Betragen?«

»Hat sich immer sehr gut betragen. Fürs Weltliche, was den jungen

Leuten heutzutage mächtig im Kopfe sitzt, hatte er gar keinen Sinn.«

»Fähigkeiten und Leistungen?«

»Das ging auch an. Ich denke, dieser Zögling soll mir noch Ehre machen.«

»Wollen Sie noch ein allgemeines Urteil über seinen Charakter abgeben?«

»Jaa, das ist nun so' ne eigene Sache. Wenn ich ehrlich sein soll, es

fehlt ihm wohl an Gemüt.«

»So? Ob Sie sich da nicht täuschen? Wenn ich so an die Augen des jungen

Menschen denke ...«

»Och, Herr Pastor, ich habe ihn zweiundeinhalb Jahr in meinem Hause

gehabt. Wenn man einen da nicht kennen lernt! Und denn so'n alter

Schulmeister, der bald fünfzig Jahre Schule gehalten hat -- wenn

~der~ den Menschen nicht bis auf den Grund sieht? Uebrigens, bei

Peter Eggers war das nicht schwer. Als wir neulich hier im Hause den

traurigen Todesfall hatten, sagte mein Schwiegersohn, gleich nachdem

er nur ein einziges Mal mit ihm am Tisch gesessen hatte: »Vater,« sagte

er zu mir, »dieser junge Mensch scheint sehr wenig Gemüt zu haben.«

Naja, woher sollte er's auch haben, der arme Junge? Sein Vater ist ja

leider Gottes dem Trunk ergeben, und der Apfel fällt nicht weit vom

Stamm.«

»Also auch schon Neigung zur Trunkfälligkeit haben Sie bei ihm

entdeckt?«

»O bewahre, Herr Pastor, sehr solide, Herr Pastor. Na, ich wollte so

einem denn auch, hier bei mir im Hause! Wir haben gar keine Spirituosen

im Hause, und ins Wirtshaus komme ich manchmal ein ganzes Jahr lang

nicht hinein. Nur daß man sich mal ein Pfeifchen gönnt.«

»Das Rauchen ist für einen so jungen Menschen eigentlich auch noch

nicht gut.«

»O bewahre, Herr Pastor, der hat noch keine Pfeife Tabak in den Mund

genommen. Ich wollte ihm auch! Nee, ich wollte man sagen, daß ich alter

Mann mir ab und an mal ein Pfeifchen gönne. Denn ich halte das für

keine Sünde ...«

»Das Zeugnis über die einzelnen Unterrichtsfächer schicken Sie mir in

den nächsten Tagen wohl zu, damit ich es beilegen kann.«

»Jawohl, Herr Pastor, gleich morgen früh sollen Sie es haben.«

* * * * *

Nach den Herbstferien zog Peter also in die Seminarstadt. Durch einen

Marsch von einigen Stunden erreichte er die nächste Bahnstation und

benutzte von hier ab die vor einigen Jahren dem Verkehr übergebene

Eisenbahn. Mit einer Geschwindigkeit, die den unerfahrenen Heidjer

zuerst in Angst versetzte, trug sie ihn seinem Ziel entgegen.

Die Stadt mit der Fülle ihrer für Peter neuen Eindrücke, der

Seminarbetrieb, das Zusammenleben mit den Altersgenossen, alles dies

wirkte zunächst erfrischend und belebend auf seinen müden Geist.

Der Direktor des Seminars war ein jüngerer Geistlicher, der die Leitung

der Anstalt erst kürzlich übernommen hatte. Er stammte aus den Kreisen

der kirchlichen Erweckungsbewegung und war bemüht, seine Zöglinge

von der rationalistischen Betrachtungsweise der Religion, die sie

meistens mitbrachten, abzuleiten. Dabei fiel über die Vernünftigkeit

und Plattheit des geltenden Katechismus manches harte Wort, und

Peter stimmte der Kritik innerlich meist zu. Aber was sein Lehrer an

die Stelle setzen wollte, das leuchtete ihm deshalb noch nicht ein.

Und selbst wenn nicht so viele harte Nüsse darin zu knacken gewesen

wären, würde Peter das Gelehrte sich kaum innerlich angeeignet haben.

Denn jenes zarte Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler,

das gerade für diesen Unterricht unbedingt nötig ist, soll er nicht

das gerade Gegenteil von dem wirken, was mit ihm beabsichtigt wird,

kam zwischen Peter und seinem Direktor nicht zustande. Dieser, der

in dem Pastoralzeugnis gelesen hatte, daß Peter wenig Gemüt zu haben

scheine, mochte von vornherein ihm nicht ohne Mißtrauen begegnet sein,

und Peter war so geartet, daß er einem Menschen, der ihm nicht mit

vollem Vertrauen entgegenkam, einfach sein Herz verschloß. Er hatte das

Gefühl, daß sowohl der alte Katechismus wie auch der junge Direktor

sehr viel von Gott und göttlichen Dingen wußten, aber wer von beiden

recht hatte, und ob überhaupt einer von ihnen recht hatte, blieb ihm

ungewiß, und er fühlte auch keinen Zwang in sich, sich darüber zu

entscheiden. Wenn die studierten Herren sich nicht einmal darüber

klar und einig werden konnten, wenn, wie der Direktor sagte, auf den

Universitäten auch der Kampf zwischen den Professoren über diese Fragen

hin und her wogte, was sollte denn so ein armer Schulmeister machen?

Das Seminar war Internat, und Peter mußte sein Zimmer mit zwei

Seminargenossen teilen. Und während des Unterrichts, in den Pausen,

beim Essen, war er mit der ganzen Schar zusammen. Dies war ihm

anfangs nicht unangenehm. Es riß ihn ja auch von dem Grübeln über

das Vergangene und Verlorene hinweg. Dieser Verkehr verschaffte ihm

auch manchen Einblick in andere Art und fremdes Leben, der ihm, dem

Lebensunkundigen, wertvoll sein mußte. Aber er fühlte immer wieder,

daß er ein langweiliger Geselle war, der sich selbst nicht geben

konnte. Was war denn in seinem Leben, das sich andern mitteilen ließ?

Die andern erzählten von zu Hause. Daran dachte er am liebsten nicht

einmal. Die andern machten sich über die alten Schulmeister lustig,

bei denen sie in die Lehre gegangen waren. Ueber des alten Wencke

Wunderlichkeiten Witze zu reißen, fehlte es Peter sowohl an Begabung

wie an Lust. Die andern zogen hin und wieder einander mit zarten

Verhältnissen auf, und es waren auch mehrere unter ihnen, von denen

die Rede ging, sie wüßten genau, wen sie im nächsten Frühjahr zur Frau

Schulmeisterin machen wollten. Wenn auf derartiges die Rede kam, fühlte

Peter einen heißen Schmerz und stürzte am liebsten davon.

Manchmal mußte er sich wundern, wie viel andere erlebt hatten, und kam

sich ihnen gegenüber vor wie ein unerfahrenes, unbeholfenes Kind. Aber

dann kam's ihm plötzlich wieder zum Bewußtsein, daß er viel, viel mehr

durchgemacht hatte als die andern. Nur war es nicht derart, daß man

davon erzählen, damit sich aufspielen, darüber Scherze machen konnte.

Einige Kameraden begegneten ihm, denen gegenüber er das Gefühl hatte,

als ob aus ihnen etwas Verwandtes ihm entgegenkäme, und er versuchte,

sich ihnen zu nähern. Aber zu einer wirklichen Freundschaft kam es

nicht. Der Boden, auf dem eine rechte Jugendfreundschaft gedeihen

kann, war in ihm, der der Liebe Lust und Leid so früh und so tief

erfahren, wohl schon zerstört. Und das geräuschvolle, genau geregelte

Anstaltsleben war dem Werden einer solchen in einem Menschen von der

Veranlagung Peters ohnehin nicht günstig.

So vereinsamte er mehr und mehr unter seinen Kameraden. Die einen

hielten ihn für stolz und unkameradschaftlich, andere sahen in ihm

einen Kopfhänger, noch andere meinten einfach, es wäre aus ihm nicht

klug zu werden. Und alle ließen ihn seiner Wege gehen und kümmerten

sich nicht um ihn.

Dieses Verhältnis zwischen Peter und seinen Mitseminaristen entging

auch den Lehrern nicht, welche dadurch das Urteil des mitgebrachten

Zeugnisses und die eigenen Eindrücke bestätigt sahen. Als sie einmal

in der Konferenz ihre Ansichten darüber austauschten, erhob sich aber

doch eine Stimme des Widerspruchs. Der Jüngste des Kollegiums, der

erst kürzlich von seiner Dorforgel an das Seminar versetzt war, sagte:

»Ich glaube, in diesem Peter steckt mehr, als es zunächst scheint. Es

fiel mir in der Gesangstunde auf, daß er musikalisch sehr begabt ist.

Und da habe ich nun aus Liebhaberei angefangen, ihn im Geigenspiel

privatim etwas vorzunehmen. In der Art, wie er die Geige anlegt, in dem

Ausdruck seiner Augen beim Spielen liegt etwas, was mich zweifelhaft

macht, ob der junge Mensch in unserm Kollegium ganz richtig beurteilt

wird.« Die älteren Herren lächelten mild im Bewußtsein ihrer teils

durch Universitätsstudium, teils doch durch höheres Lebensalter

erworbenen überlegenen Menschenkenntnis, und der Direktor sagte, leicht

verweisend: »Mein lieber junger Freund, Sie sind geneigt, die Menschen

allzusehr nach dem Verhältnis zu Ihrer geliebten Musik zu beurteilen.

Peter Eggers stammt aus den gedrücktesten und unglücklichsten

Familienverhältnissen, und in solchen Menschen kommt das Beste, das

Herz, das Gemüt, nicht zur Entwicklung. Ich merke das besonders in der

Religionsstunde. Aber den andern Herren wird das auch nicht entgangen

sein.« Diese nickten, und der Jüngste schwieg. Aber er hörte, nicht

auf, den Vereinsamten auf sein Zimmer zu rufen -- er selbst wohnte

auch im Seminargebäude -- und den Unterricht, den einst Schulmeister

Wencke so schnell abgebrochen hatte, fortzusetzen. Er hatte an den

Fortschritten seines Schülers viel Freude. Aber der Mensch blieb ihm

nach wie vor rätselhaft.

Eines Abends, als über dem Geigenunterricht die Dämmerung

hereingebrochen war, schloß der Lehrer das Notenheft, nahm selbst

die Geige zur Hand und spielte Händels Largo. Als er den letzten Ton

verklingen ließ, hörte er Peter leise schluchzen. Er legte ihm sanft

den Bogen auf die Schulter und fragte teilnehmen: »Was ist dir?«

Peter schwieg.

»Willst du's mir nicht sagen?« fragte der Lehrer, indem er den Bogen

auf den Tisch legte und nach Peters Hand griff.

»Ach, solche Musik wühlt alles wieder in einem auf ...«

»Was denn ...?«

Peter schwieg.

»Du hast es wohl zu Hause nicht leicht gehabt?« fragte der Lehrer

mitleidig.

»Och, das ist es nicht ...« sagte Peter und schüttelte den Kopf.

»Kannst du's mir denn nicht sagen? Ich frage dich nicht als dein

Lehrer, sondern als dein Freund. Einem Freunde einmal sein Herz

ausschütten, das tut wohl ...«

»... Als ich bei Schulmeister Wencke in Wehlingen war, ... als ich

da zwei Jahre gewesen war, ... als ich letzte Ostern nach den Ferien

wieder hinkam ... ich ... ich kann's Ihnen doch nicht sagen ...«

»Denn quäle dich nur nicht ... Du sagtest erst, die Musik wühle das

alles wieder auf. Ja, das tut sie wohl. Aber sie bringt es auch fein

sanft wieder zur Ruhe. Sie ist eine holde, freundliche Trösterin ...«

»Ja, das fühle ich wohl ...«

»Komme nicht erst in vier Tagen wieder, sondern schon morgen

nachmittag. Wir wollen diese letzten Wochen bis Ostern jeden Tag ein

halbes Stündchen geigen, damit du dir nachher selbst weiterhelfen

kannst. Willst du?«

»O Herr Seminarlehrer!« --

Peter hatte also einmal einen Menschen gefunden, der ihm mit warmem

Herzen entgegenkam. Es fiel wieder einmal ein Sonnenstrahl in sein

armes Leben hinein, und sogleich war's, als ob es unter dem warmen

Anhauch neu aufblühen wollte. Die Kameraden wunderten sich nicht wenig,

daß Peter plötzlich viel kameradschaftlicher und munterer erschien,

und gingen dem Verkehr mit ihm nicht mehr so ängstlich aus dem Wege.

Der Herr Direktor war erstaunt, daß Peter anfing, Antworten zu geben,

die eine innere Anteilnahme verrieten. Ja, dachte er, wenn man's

nur versteht, den jungen Leuten ans Herz zu kommen! In der letzten

Konferenz vor der Schlußprüfung sagte er: »Über Peter Eggers habe

ich mich die letzten Wochen recht gefreut. Er hat sich bei uns gut

herausgemacht. Die Herren werden das auch gemerkt haben.« Die Herren

nickten zustimmend, nur der Jüngste unten am Tisch nicht. Der lächelte

ganz fein vor sich hin.

Peter bestand die Abgangsprüfung gut. Die halben Stunden bei dem

freundlichen Manne und bei seiner Musik hatten ihm ein so frohes

Lebensgefühl gegeben, daß er frisch und munter antworten konnte und

in dem rechten Augenblick sich an manches erinnerte, was er einst in

Wehlingen gelesen oder gelernt, aber längst vergessen geglaubt hatte.

Bei der Bekanntmachung des Ergebnisses schüttelte der Direktor ihm

besonders herzlich die Hand und sprach die Hoffnung aus, ihn nach

einigen Jahren als Hauptseminaristen wiederzusehen.

Am Abend des Prüfungstages ging Peter zu seinem Musiklehrer, um sich

von ihm zu verabschieden. Als er bei ihm eintrat, sagte dieser: »Ich

habe mir gedacht, du kämst doch wohl nicht fürs erst dazu, dir eine

Geige anzuschaffen. Und es wäre doch schade, wenn du das Spielen

unterbrechen müßtest. Ich habe nun zufällig für einen Spottpreis ein

ganz gutes Instrument kaufen können und möchte dich bitten, es von mir

zum Andenken und aus Liebe zu unserer gemeinsamen Freundin, der Musik,

anzunehmen. Hier ist's.« Peter starrte abwechselnd seinen Lehrer und

die ihm in die Hand gedrückte Geige an, und suchte nach Worten. Aber

der feinfühlende Mann half ihm darüber hinweg. »Probier' man gleich

mal,« sagte er munter, »oder laß uns mal zweistimmig etwas spielen.

Vielleicht einen Choral? Schlag' mal einen vor! Gestimmt habe ich die

Geige schon.« Peter schwieg noch immer.

»Na, was soll's sein?« fragte der andere und setzte seine eigene Geige

an. Da sagte Peter hastig: »Lobe den Herrn, den mächtigen König der

Ehren,« faßte die Geige und ließ dreimal nacheinander die Saiten die

jubelnde Weise jauchzen. Und der Seminarlehrer spielte ebenso freudig

bewegt die zweite Stimme dazu, und dachte im stillen, indem er in

Peters glückverklärte Augen sah: Das ist nun einer ohne Herz und Gemüt.

O ihr klugen Menschenkenner!

Als Peter die Geige absetzte, fing er an zu stammeln: »O Herr

Seminarlehrer, w ... was soll ich ... bloß ...« »Du sollst bloß den

Mund halten,« sagte der lächelnd und hielt ihm den Rücken seiner Geige

vor den Mund. »Was du meinst und fühlst, das hast du ja eben schon mit

deiner Geige gesagt. Möge sie dir eine gute Freundin werden, die in

der Freude mit dir jubelt und im Leid mit dir weint und dich durch ihr

mitfühlendes Herz tröstet.«

»O Herr Seminarlehrer!« --

* * * * *

Am Tage darauf -- es war am Sonnabend vor Palmsonntag -- setzte Peter

sich auf die Eisenbahn, um nach Hause zu fahren. Das gute Examen, die

ihm vom Direktor gemachte Aussicht auf das Hauptseminar, die Erinnerung

an den freundlichen Musiklehrer, die Geige, die in ihrem schwarzen

Kasten nahe bei ihm stand, die frische Märzluft, der Sonnenschein, der

in die Fenster des Wagenabteils fiel, alles wirkte zusammen, Peter in

eine frohe und mutige Stimmung zu versetzen.

Auf einer größeren Station, wo die Lokomotive Wasser einnehmen mußte,

stieg ein alter Bauer ein, musterte die drei Insassen des Wagenabteils,

unsern Peter, einen Handlungsreisenden und eine Bauerfrau, und machte

sich's bequem.

»Wat hollt he hier so lang?« fragte die Frau den Bauern.

»O,« sagte dieser trocken, »dat Peerd is noch jung; dat möß eben mal

an'n Titt.«

Die drei Fahrgäste lachten, jeder auf seine Art: Peter still, die Frau

hehehe, der Handlungsjüngling hihihi.

Der Bauer klopfte mit dem Knöchel seines Mittelfingers auf Peters

Geigenkasten und fragte: »Wat hett he dar in?«

»'n Vigelin'.«

»Kann he spälen?«

»'n bäten.«

»Denn späl he mal eenen up!«

»Och ...« sagte Peter zögernd.

»Man to; dor geiht de Tied bi hen,« fiel die Frau ein.

»Sain Se doch kain Frosch und tun Se's. Ain luschtiges Schtickche

verkürzt die Fahrt durch de langwailige Lineburger Haide,« ermunterte

der Handlungsreisende.

Peter, in der frohen Laune nach wohl bestandenem Examen, ließ sich

erbitten, nahm seine Geige und fidelte munter darauf los: Muß i denn,

muß i denn zum Städtele naus, den Dessauer Marsch, und was ihm sonst in

die Finger kam.

Als er aufhörte, weil seine Station nahe war, fragte der alte Bauer:

»Is he Spälmann?«

»Nee.«

»Wat denn?«

»Scholmester.«

»Wonem hollt de Schol?«

»Heww noch keen Schol. Kam hüt eben von't Seminar.«

»Deuker! Dat könn passen. Ick bin ut Solten. Dat liggt'n halbe Stund'

van Brundörp. Wi bruckt just'n Scholmester.«

»So--o?«

»Weet he wat? Ick kann god mit unsen Herrn Zupperndenten. Dar gah ick

morrn vor de Karktied hen. Denn, schall he man sehn, kriggt he den

Deenst.«

»Scholstellen sünd upstunns genog to hewn,« sagte Peter. »Wenn ener'n

god Tügnis hett, kann he sick'n Platz utsöken. Makt jo keen' Umstänn'

von min'thalwen, Vader.«

»Wenn ich m'r darf erlauben ain gut gemainte Rat,« mischte sich der

Handlungsreisende ein, »ich wird' gehen nit zu de Bauern, ich wird'

gehen in de Schtadt zu de jebildete Lait'.«

»Di hollt keener fast,« sagte der Bauer trocken. »Dine Ort[9] könnt

wi up'n Lanne nich bruken. Aber, wat ick man seggen woll,« wandte er

sich wieder zu Peter, »god schall he't bi uns in Solten hewn. Wi sünd

alltohopen gode Lüe.«

Der Zug pfiff, Peter mußte aussteigen.

»De Zupperndent well em woll schriewen. Und wenn he nah Solten kummt,

denn frag' he man glieks nah Clas Mattens ...« rief der Alte ihm nach.

»Aber deukerweg, ick weet ja noch gar nich, wat sin Nam' is, und wo he

to Hus is?«

Er lehnte sich aus dem Wagenfenster und Peter rief dem Zuge, der sich

schon wieder in Bewegung gesetzt hatte, seinen Namen und Wohnort nach.

Dann machte er sich rüstig auf den Marsch nach Hause, wo er spät am

Abend ankam. An die Begegnung in der Eisenbahn dachte er kaum wieder

zurück.

Fünf Tage später bekam er ein Schreiben folgenden Wortlauts:

»Es gereicht mir zur Freude, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Bewerbung um

den Schuldienst zu Solten, die durch den Bauern Claus Mattens an mich

gelangt ist, von mir als dem Patron der genannten Stelle

berücksichtigt worden ist. Ich habe Sie bereits gestern Hohem

Königlichen Konsistorio präsentiert, und wird Ihre Anstellung

zweifellos unverzüglich erfolgen. Es wird gut sein, wenn Sie gleich

nach dem Feste sich mir vorstellen und mit den Schulverhältnissen

bekannt machen wollen. Der Weg von Ihrer Heimat nach hier beträgt

gute vier Stunden, was ja für einen gesunden jungen Mann eine

Kleinigkeit ist. Sie müssen über Wiechel gehen.

Das goldene Tor · 第 8 / 12 题