Seitwärts liegt auf einer 395 Meter hohen Ebene, die nach altem Spruche

»Korn und Geld« trägt, im Mittelpunkte von acht großen strahlenförmig von

hier ausgehenden Straßen, das 4300 Einwohner zählende Städtchen

Harzgerode, einst Residenz einer Linie des Hauses Anhalt, deren Glieder

unter der Kirche ihre Ruhestätte gefunden haben. In dem derben, doch

würdigen Schlosse, aus dessen Münze die schönen anhaltischen

Ausbeutethaler und auch jüngere Münzen tadellosen Gepräges (Abb. 87)

stammen, befindet sich jetzt eine große Mineraliensammlung, welche

seltene Prachtstücke aus den Gruben des Herzogtums enthält. Von

Mägdesprung, wo die Eisenbahn sich an der Ruine der Heinrichsburg vorüber

auf Gernrode wendet, schlängelt sich die Selke, von Wiesen besäumt,

mäanderartig durch das breite, sich mehr und mehr vertiefende Thal, an

dessen schönster Stelle, bei der Selkemühle, ein verbotener Aufstieg zu

den spärlichen Trümmern der von Otto dem Reichen und seinem Sohn Albrecht

dem Bären erbauten Burg Anhalt führt; und kurz vor ihrem Eintritt in das

Flachland schaut der schimmernde Falkenstein 150 Meter auf die Thalsohle

hernieder.

Um das Jahr 1080 erschlug Egeno von Konradsburg den Grafen Adalbert von

Ballenstedt in hinterlistigem Überfall; zur Sühne dieses Mordes

verwandelte sein Sohn Burchard die über Ermsleben belegene Stammburg in

ein Kloster und erbaute sich die Burg Falkenstein, nach der er sich 1120

zum erstenmal benannte. Sein Enkel Graf Hoyer ließ um das Jahr 1230 auf

dem Falkenstein durch den Schöffen Eike von Repgow aus dem

Gewohnheitsrecht des alten Sachsenlandes und den Weistümern (Urteilen)

der Freien- und Godinge den berühmten Sachsenspiegel zusammenstellen, der

in seiner eigentlichen Gestalt in Norddeutschland, Preußen, Polen und

einem Teil der russischen Ostseeprovinzen, in einer Nachahmung als

»Spiegel aller deutschen Leute« und dem auf diesem beruhenden

Schwabenspiegel im übrigen Deutschland das nationale Gesetzbuch wurde.

100 Jahre später, 1332, verkaufte der letzte seiner Nachkommen, Graf

Burchard, ohne die Rechte seiner an den Grafen Albrecht von Regenstein

verheirateten Schwester Oda zu achten, die 1296 durch die Herrschaft

Arnstein vergrößerte Grafschaft an den Bischof von Halberstadt, und die

darob entbrennende, von dem Quedlinburger Julius Wolff im »Raubgrafen« so

anschaulich geschilderte Fehde vermochte daran nichts zu ändern. Wieder

100 Jahre später ging dann der Falkenstein, 1437 als Pfand-, 1449 als

Lehnsbesitz, an die Herren von der Asseburg, die Nachkommen des zur Zeit

des Kaisers Otto IV. hervorragenden Gunzel von Wolfenbüttel über, und

diese »Grafen von der Asseburg-Falkenstein« besitzen die noch immer

bewohnbare Burg noch heute.

[Sidenote: Falkenstein. Ballenstedt.]

Niemals in Krieg und Fehde beschädigt, nie von Feuersbrunst heimgesucht,

bietet das herrliche Schloß (Abb. 88 u. 89) das einzige Beispiel im

ganzen Harze, noch jetzt das völlig getreue Bild eines mittelalterlichen

Grafensitzes dar. Dazu ist die Aussicht von der Galerie des gewaltigen

runden Bergfrieds, der Blick auf das grüne Waldmeer mit den hochragenden

Felsinseln des Rambergs und des Brockens und in das Flachland hinaus bis

zu den Bergzügen des Huy und Hakel und zu den Domtürmen von Magdeburg

wahrhaft entzückend.

An dem im schönen Parke belegenen Schlosse Meisdorf, dem jetzigen

Grafensitze, über dem 275 Meter hoch die Reste des Klosters Konradsburg

liegen, und an dem als Gleims Geburtsstadt bekannten Ermsleben, der

Hauptstadt der Grafschaft, vorüber, strebt nun die Selke der Bode zu.

An der ihr vorher zufließenden Krummen Getel, dem »anhaltinischen

Mäander«, liegt inmitten blumengeschmückter Gärten und einträglicher

Obstplantagen 217 Meter hoch die freundliche, stille Stadt Ballenstedt

(Abb. 91), die Sommerresidenz des Herzogs von Anhalt.

[Illustration: Abb. 101. =Luthers Geburtshaus in Eisleben.=]

[Sidenote: Ballenstedt.]

Der erste aus dem schwäbischen Geschlechte der Askanier, der sich nach

Ballenstedt nennt und demnach auf dieser Burg wohnte, ist Esike, Graf im

Schwabengau. Als dessen Sohn Adalbert auf dem Wege nach Aschersleben

erschlagen wurde, wandelten seine Nachkommen -- sein Sohn Otto der Reiche

und sein Enkel Albrecht der Bär -- den Stammsitz Ballenstedt in ein

Kloster um und erbauten sich auf einer Höhe im Selkethal die Burg Anhalt,

nach der jetzt das ganze Herzogtum genannt wird. Doch war das Kloster

geräumig genug, neben Abt und Konvent auch dem Stifter und Schirmherrn

einen Wohnsitz zu gewähren. Als Albrecht der Bär, der große Markgraf von

Brandenburg, der nach völliger Niederwerfung der Wenden die verödeten

Gegenden an der Elbe, Havel und Spree mit niederländischen und

rheinischen Kolonisten neu besiedelte und den Rest der Wenden durch

Einführung des Christentums, deutscher Sprache und deutscher Gesetze

germanisiert hat, 1168 lebenssatt die Regierung seinem Sohne Otto

übergab, zog er sich auf sein väterliches Erbschloß und Stift am Harze

zurück und ist hier in Ballenstedt, wo er 1106 das Licht der Welt

erblickt hatte, auch am 18. November 1170 verschieden und an der Seite

seines Vaters Otto und seiner Mutter Eileke, der reichen Tochter des

letzten Billungers, und seiner Gemahlin Sophie, der Schwester des

mächtigen Grafen Hermann II. von Winzenburg, beigesetzt.

[Illustration: Abb. 102. =Luthers Sterbehaus in Eisleben.=]

Nachdem das Kloster 1525 im Bauernkriege sein Ende gefunden hatte, diente

es den Fürsten hin und wieder, namentlich zur Zeit der Jagden, als

Absteigequartier, von 1627 an aber mehrfach auf Jahre als Residenz oder

Witwensitz. In den Jahren 1704 bis 1720 bedeutend vergrößert, erfuhr das

Schloß unter dem Fürsten Friedrich Albrecht, der 1765 hier dauernd seine

Residenz nahm, eine völlige Umgestaltung; und nach all diesen Bauten, die

dem Schlosse (Abb. 90), dessen schönster Schmuck die edle, geschmackvolle

Einfachheit ist, ein wahrhaft fürstliches Ansehen gegeben haben, ist vom

Kloster außer Turm und Küche nicht viel mehr geblieben.

Die Gräber Albrechts und seiner Familie und jüngerer Glieder seines

Geschlechts sind erst 1880 unter dem Glockenturm wieder aufgefunden; es

sind sargähnliche in den Fels gehauene Höhlungen mit steinernen Deckeln.

Aus den Fenstern der mit wertvollen Gemälden älterer Meister (darunter

Rembrandt und Van Dyck) geschmückten Zimmer hat man eine entzückende

Aussicht. Aber auch auf der Terrasse in dem 1765 angelegten herrlichen

Parke ist sie wunderschön. Hinter den scharf hervortretenden Felsen der

Gegensteine breitet sich, mit Städten und Dörfern übersät, eine

lebensvolle Landschaft aus; Quedlinburg und das ferne Halberstadt, links

Blankenburg mit seinem hochragenden Schlosse und der Regenstein mit

seinen verfallenen Türmen, rechts Hoym, Ermsleben und das Bernburger

Schloß begrenzen den Horizont, hinterwärts lagert sich, von der

Brockenkuppe überragt, das aufsteigende Gebirge mit seinen Wäldern,

Bergen und Schluchten, -- bei voller Beleuchtung, etwa an einem sonnigen

Morgen nach einem Regentage, ein köstlicher Anblick!

XVII.

Die Wipperlandschaft. -- Mansfelder Bergbaugebiet.

Aus dem Gebiet der Selke treten wir in das der Wipper über, die sich in

der Nähe von Bernburg in die Saale ergießt. Der erste ihr dienstbare

Bach, die Eine, läuft, zumal wenn wir die bei Stangerode einmündende

Leine als Hauptbach ansehen, von ihrer Quelle auf der Hochebene von

Harzgerode bis Aschersleben der Selke in geringem Abstande parallel.

Zwischen den beiden genannten Bächen liegt zwischen Kartoffelfeldern, auf

baum- und poesieloser Ebene das ärmliche Dörfchen Molmerschwende, Bürgers

Geburtsort, und links von der Leine das Dorf Pansfelde, das »Taubenhain«

einer fast vergessenen Bürgerschen Ballade. Oberhalb des hübsch von

bewaldeten Bergen umschlossenen Stangerode finden wir bei der Einmündung

des Wiebeeks in einem freundlichen Waldthale am Fuße des Hakeberges die

interessanteste Wüstung des Harzes, das zuerst 1043 erwähnte

Volkmannsrode: unter den weitschattenden Linden bei der Kirchenruine

dieses schon ein halbes Jahrtausend verlassenen Dorfes wurde noch vor

drei Jahrzehnten zweimal im Jahre das uralte Rügegericht gehegt, ein in

unsere nüchterne Zeit fremdartig hineinreichender Rest des alten

germanischen Gerichtsverfahrens. Ruine, Gerichtslaube und Linden werden

auf Weisung der Herzoglichen Regierung noch jetzt mit Pietät erhalten.

[Illustration: Abb. 103. =Luther-Denkmal in Eisleben.=]

[Sidenote: Arnstein.]

Aber das Eineflüßchen hat noch eine dritte Überraschung für uns bereit:

unfern des Dorfes Harkerode erhebt sich auf steilem Felsen die Ruine

Arnstein, eine der besterhaltenen unserer Lande. Da die Edlen von

Arn=stedt=, die mit dem aus Württemberg stammenden Erzbischof Hanno von

Köln eines Geschlechts waren, sich zuerst 1136 von Arn=stein= nennen, so

muß die Burg damals erbaut sein. Es war ein angesehenes Geschlecht: ein

Walther hatte eine Enkelin Albrechts des Bären zur Gemahlin, ein Gebhard,

mütterlicherseits mit den Staufen verwandt, war lange Zeit Kaiser

Friedrichs II. Stellvertreter in Italien. Graf Walther V., der letzte des

Geschlechts, übergab 1296, um in den deutschen Orden einzutreten, die

Herrschaft seinem Schwager Otto von Falkenstein. Die Nebenlinie der

»Grafen von Barby« erlosch erst 1659.

Durch Kauf 1387 in den Besitz der Grafen von Mansfeld gelangt, wurde sie

1530, als hier eine der Linien des »Vordernorts« ihre Residenz nahm,

gründlich restauriert. Aber zwei Jahrhunderte später war sie bereits

Ruine. Die Mauern des fünfstöckigen Hauptgebäudes stehen noch 20 Meter

hoch, und der riesige Rundturm ist noch auf 100 Stufen im Treppenturm zu

ersteigen.

Unterhalb Stangerodes verflachen sich die Hügel, und Kornfelder

verdrängen völlig den Wald. Doch folgen wir der Eine noch bis

Aschersleben zu flüchtigem Besuche. Schon zur Zeit der Karolinger als

Ascegeresleben in Thüringen in einer Schenkungsurkunde für das Stift

Fulda erwähnt, hat sich die im Mittelalter mit Quedlinburg und

Halberstadt stets eng verbündete Stadt zu einer der wohlhabendsten und

gewerbfleißigsten der Harzlande entwickelt und zählt jetzt 27250

Einwohner. Neben dem Reichtum an Altertümern, mit denen ihre

Schwesterstädte prunken dürfen, kann sie nur wenig mehr als die gotische

Stephanikirche, das schöne Rathaus im Stile der Renaissance und die

unbedeutende Ruine der schon 1140 zerstörten Askanierburg stellen.

[Sidenote: Das Wipperthal.]

Die Wipper, welche mit der Selke fast gleiche Länge und Richtung hat,

entspringt am Ostabfall des Auerbergs, greift aber mit andern Quellbächen

nach allen Seiten weit hinaus, im Norden bis Neudorf, im Süden fast bis

nach Dietersdorf. Kurz vor dem Flecken Wippra vereinigt sie die in der

Alten und der Schmalen Wipper gesammelten Wasser.

Ihr Oberlauf ist anmutiger als der der Selke; besonders wirkungsvoll ist

die Bewaldung der Schmalen Wipper: auf der Sonnenseite Buchen, auf der

Winterseite Fichten. Ein Prunkstück, wie es die Selke zwischen Alexisbad

und Mägdesprung uns vorhält, hat die Wipper dagegen nicht aufzuweisen;

aber ihr Thal von Wippra abwärts hält den Vergleich mit dem Selkethal

unterhalb Mägdesprungs wohl aus, wenn auch die sanft gewellten Höhen das

breite Wiesenthal nirgends um 100 Meter übersteigen. Ihr Gefälle bis

Leimbach beträgt 1 : 156, das der Selke bis Meisdorf 1 : 104 (das der

Bode von der Quelle bis zur Blechhütte bei Thale 1 : 77).

Wippra liegt mit seinen Feldern und Wiesen freundlich in üppige Wälder

gebettet, hat aber außer spärlichen Resten einer Burg nichts von

Bedeutung aufzuweisen. Doch bald schon schimmert über prachtvolle

Laubwälder das schöne im dreizehnten Jahrhundert erbaute Schloß

Rammelburg, halb Brandruine, halb bewohnt, auf einem von drei Seiten

umflossenen Bergvorsprunge sich mitten in das Thal schiebend, uns

entgegen. Mögen andre Harzschlösser mit der Rammelburg um großartige

Schönheit streiten, aber diese thalauf und -ab fast gleich wirkungsvolle

Schaustellung ist nur dieser eigen. Und wenn andre Burgen uns aus alter

Zeit des Interessanten viel zu berichten wissen, so erinnert uns die

Rammelburg an zwei schlichtbürgerliche bedeutende Männer der neueren

Zeit: der große Forstmann Pfeil, der »Erzieher des deutschen Waldes«, ist

hier als Sohn eines Justizamtmannes geboren, und in der Schloßkapelle ist

Hermann August Francke getraut.

Harzluft und Waldesduft zu atmen und uns an friedlicher Stille zu

erquicken, ist uns nur eine kurze Strecke im Wipperthale beschieden:

turmhohe, rauchwirbelnde Schornsteine, mächtige schwarze Schlackenhalden,

das Thal beengend und täglich noch wachsend, Schächte und Hütten mit

ihrem geschäftigen Treiben, mit allem Geklapper und Gerassel der

Maschinen melden uns wuchtig, daß wir hier bei Leimbach an einer der

Hauptarbeitsstätten der heiligen Barbara angekommen sind, der neuen

Patronin des Bergbaues, die mit ihrem Pulver und Lärm die alten ruhigeren

Bergheiligen Sankt Joachim und Sankt Anna vom Stuhle gestoßen hat. Bis

Hettstedt und darüber hinaus reiht sich, miteinander wechselnd, Schacht

an Schacht und Hütte an Hütte. Hier im Freiesleben-, dort im

Eduardschacht und in den Lichtlöchern des 31 Kilometer langen

Schlüsselstollen werden die Kupferminern gewonnen, hier in der Eckard-,

dort in der Kupferkammerhütte gebrannt und geschmolzen, hier in der

Katharinenhütte wird Silber und Kupfer aus dem Rohprodukt geschieden,

dort auf der Saigerhütte die Raffinierkrätze zugute gemacht (Abb. 92 u.

93). Und in all das Getriebe schaut verwundert die stille Ruine der alten

Burg Örner vom Waldhügel hernieder.

Bei Hettstedt, dem östlichsten Punkte des Harzes, entlassen wir die

Wipper aus unserm Geleit und wenden uns der mit Leimbach fast verbundenen

Stadt Mansfeld und ihren Erinnerungen an D. Luther zu.

Doch zuvor statten wir schon an dieser Stell »seines Vaters lieben

Schlägelgesellen« einen kurzen Besuch ab.

[Illustration: Abb. 104. =Sachsa.=

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

[Sidenote: Mansfelder Bergbau.]

Nach alten Nachrichten sollen zwei Bauern, Nappian und Naucke, am 12.

Juni 1199 beim damaligen Dorf Hettstedt den ersten Kupferschiefer

gewonnen haben, und die Grafen im Jahre 1215 vom Kaiser Friedrich II. mit

dem Bergregal belehnt worden sein. Wenn nun auch jene Angabe richtig sein

und die Ortschaft Kupferberg bei Hettstedt 1199 entstanden sein mag, so

haben doch die Grafen von Mansfeld schon lange vor dieser Zeit Bergbau

betrieben. 1364 gab ihnen Kaiser Karl IV. diesen auch innerhalb einer

über die Grafschaft hinausreichenden Grenze zu Lehen. Kaiser Friedrich

III. aber verwies sie damit 1480 an die Herzöge von Sachsen. Im

vierzehnten und fünfzehnten und auch noch im Anfange des sechzehnten

Jahrhunderts gelangte der Bergbau zu großer Blüte, aber sein Verfall

bereitete sich schon vor: die stets um Geld verlegenen Grafen nahmen

Vorschüsse von den Kupferhändlern, verpfändeten Hütten und gaben andre zu

Lehen. Die Teilung der damals vorhandenen 95 Hütten (»Feuer«) unter die

sechs Grafenlinien im Jahren 1536 konnte den Vermögensverfall nicht

aufhalten. Als die Schuldenlast der Grafen die für jene Zeit ungeheure

Summe von zweiundeinhalb Millionen Gulden erreichte, nahmen Sachsen und

Magdeburg als Lehnsherren 1570 Bergbau und drei Fünftel der Grafschaft in

Sequester; damit waren die Grafen trotz ihres Protestes mediatisiert.

Während des dreißigjährigen Krieges und noch mehrere Jahrzehnte nachher

beschränkte man sich darauf, alte Halden und offene Schächte

auszuklauben. Erst durch die »Freilassung« im Jahre 1671, die jedermann

gestattete, Bergwerke zu muten und zu bauen, kam der Bergbau wieder in

geordneten Betrieb. Die fünf Gewerkschaften, welche sich nun nach und

nach bildeten, haben sich im Jahre 1852 zu einer einzigen, der

»Mansfeldschen Kupferschiefer bauenden Gewerkschaft« vereinigt, die ihren

Sitz in Eisleben hat.

[Illustration: Abb. 105. =Kloster Walkenried.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

Es ist ein einziges muldenförmiges Kupferschieferflöz, auf dem die

Mansfelder Gruben bauen. Das Erz kommt in diesem in der Regel als

»Speise« vor, d. h. in sehr feinen Stäubchen eingesprengt, die auf dem

Querbruch metallisch schimmern. Doch treten neben dieser Speise, die

goldgelb, blau, rot und grau sein kann, auch feine Schnüre von

Buntkupfererz und Kupferglas auf, wie in den Sanderzen bei Sangerhausen

dicht zusammengedrängte Kupferkiesstäubchen als »gelbe Tresse«.

[Illustration: Abb. 106. =Denkmal Ernst VII., des letzten Grafen von

Hohnstein, im Kloster Walkenried.=

(Nach einer Photographie von Fr. Zirkler in Klausthal.)]

Die »gültigen« Schieferlager sind nur sieben bis dreizehn Centimeter

mächtig, doch muß das Nebengestein, damit der Bergmann Platz findet, bis

zur Gesamthöhe von einem halben Meter mit weggehauen werden. Der Häuer

liegt bei der Arbeit auf der linken Seite und schützt sich gegen das

kalte und nasse Gestein durch ein angeschnalltes Beinbrett und ein lose

liegendes Achselbrett. Die durch Schrämen (Abb. 94) und Sprengen

gewonnenen Schiefer werden durch die Schlepper, 14- bis 19jährige

Burschen, in Hunden (Förderwagen) an die Förderstrecke gezogen. Der

Schlepper schnallt sich ein mit acht Centimeter hohen Stollen (Langeisen)

versehenes Beinbrett vorn auf den linken Oberschenkel, nimmt das

Achselbrett zur Hand und legt sich vor den Hund. Dann richtet er sich

soweit auf, daß er das Knöchelgelenk des rechten Fußes mit einem Riemen

an den Hund knebeln kann, legt sich, wenn dies geschehen ist, mit dem

linken Oberarm auf das Achselbrett, stützt sich mit der rechten Hand auf

das Liegende (den Boden) und hakt mit den Stollen des Beinbretts auf

dieses auf. Nach dieser Vorbereitung kann die Fortbewegung des Hundes

beginnen. Der Schlepper zieht das freie linke Bein an, stemmt die

Fußsohle desselben, um einen festen Halt zu gewinnen, gegen das Dach und

streckt sich, das Achselbrett mit der linken Hand weiterschiebend,

gerade; dabei zieht das gefesselte rechte Bein den Hund

selbstverständlich ein Stückchen mit fort.

[Illustration: Abb. 107. =Kreuzgang im Kloster Walkenried.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

Enthielten die Mansfelder Schiefer nur Kupfer, so hätte der Bergbau

längst eingestellt werden müssen. Denn nachdem Spanien, Colorado, die

Gegend am Oberen See und andere Länder Amerikas in die erste Reihe der

Kupferproduzenten getreten sind, kommt jetzt jährlich mehr als das

Vierfache der früheren Jahresproduktion in den Handel. Nur der hohe

Silbergehalt, 1/2 Pfd. Silber im Zentner Kupfer, sichert dem Mansfelder

Bergbau trotz der Entwertung des Silbers um die Hälfte seinen

Fortbestand. Aber die Gewerkschaft hat noch mit andern Schwierigkeiten zu

kämpfen. Bei der Abteufung (Abb. 95) neuer Schächte ist man mehrfach auf

weit verzweigte Schlotten gestoßen, von Gips eingeschlossene Hohlräume,

welche durch Auflösung des ursprünglich hier abgelagert gewesenen

Steinsalzes entstanden und jetzt mit Wasser angefüllt sind. Die

Bewältigung dieser Wassermassen ist aber sehr schwierig und kostspielig;

um dem Übel gründlich beizukommen, hat man darum in der Annahme einer

unterirdischen Verbindung den Salzigen See trocken gelegt.

Welche Bedeutung das Wohl und Gedeihen des Mansfelder Bergbaues auch für

den Staat hat, folgt schon daraus, daß er 80000 Personen -- Berg- und

Hüttenleuten mit deren Familien -- ihr ausreichendes Brot gewährt.

[Sidenote: Mansfeld.]

Mit dem >Mannesfeld<, welches das Stift Fulda im Jahre 974 tauschweise

an Magdeburg abtrat, ist das Dorf Kloster-Mansfeld gemeint, denn die

nach dieser »Rodung des Mano« benannte Burg ist erst im elften

Jahrhundert erbaut, und die Stadt (Thal-) Mansfeld erst unter dem Schutze

der Burg an deren Fuße entstanden.

In diesem Städtchen, das vor 100 Jahren erst 1000 Einwohner zählte, hat

Luther seine Kinderjahre verlebt. Das Haus, das sein Vater im Jahre 1484

erwarb und 1530 auf seinen Sohn Jakob vererbte, ist nur noch teilweise

vorhanden: über der vermauerten rundbogigen Hofpforte aus rotem Sandstein

findet sich noch erkennbar das alte Luthersche Wappen, Rosen und

Armbrust, mit den Buchstaben J. L. 1530.

Nicht viel besser ist es dem Grafenschlosse ergangen, das 65 Meter tief

auf die an den Seitenhängen eines Thales sich hinziehende Stadt

hinabsieht. Der erste, der sich nach ihm nennt und auch wohl sein Erbauer

sein wird, ist Kaiser Heinrichs V. Feldherr Hoyer, der 1115 am

Welfesholze fiel. Mit dem Tode des Grafen Burchard gingen 1230 Burg und

Namen auf seinen Schwiegersohn, den Edelherrn Burchard von Querfurt über.

Zu Luthers Zeit spalteten sich seine Nachkommen in drei Linien mit sieben

Zweigen, aber ein und einhalb Jahrhunderte später war nur noch die in den

Reichsfürstenstand erhobene Linie Bornstedt übrig, und auch diese

erlosch, nachdem bereits 1710 der Eislebensche oder lutherische Zweig

verdorrt war, am 31. März 1780 mit dem in Österreich lebenden Fürsten

Joseph Wenzel von Fondi. Nun fielen die Besitzungen bis auf einige

Allodialgüter, welche auf Joseph Wenzels Schwiegersohn, den Fürsten

Coloredo und seitdem »Grafen von Mansfeld«, vererbten, zu 3/5 an

Kursachsen und zu 2/5 an Preußen (Magdeburg).

[Illustration: Abb. 108. =Ellrich.=

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

Der meistens nur »Ernst von Mansfeld« genannte Held des dreißigjährigen

Krieges, den der Tod am 26. November 1626 im bosnischen Dörfchen

Wrakowicz ereilte, war der Sohn des Fürsten Peter Ernst I. aus dessen

morganatischer Ehe mit der schönen Anna von Eicken.

Im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts wurde die Burg durch Hinzufügung

eines dritten Schlosses, des »Hinterortes«, bedeutend erweitert und in

ihrem ganzen Umfange stärker befestigt. Aber gerade das sollte ihr den

Untergang bringen: da sie im dreißigjährigen Kriege, statt das Land

schützen zu können, die Heere aller Parteien angelockt hatte und bald

erobert wurde, bald wieder verloren ging, so verfügte der Landesherr 1674

unter Zustimmung der Grafen ihre Zerstörung; 400 Mann arbeiteten daran,

aber da Kalk und Gestein untrennbar verkittet waren, mußte ihnen noch

ein Trupp von 30 Bergleuten mit Bohrer und Pulver zu Hilfe kommen.

Der Harz · 第 10 / 12 段