Aber noch immer stehen einzelne Reste der Mauer stolz und fest, als wären

sie mit dem natürlichen Fels, der sie trägt, zu einem Stück verwachsen.

Ein breiter, tief in den Fels gehauener Graben, der die Burg von Nordost

bis Nordwest umgibt, zeugt von den ungeheuren Anstrengungen, die einst

auf die Befestigung des Platzes verwandt sind. Ein einziges, ehemals noch

durch Außenwerke gedecktes Thor führt auf dieser Seite in den noch jetzt

von festen, zum Teil doppelten Mauern und Kasematten umschlossenen öden

Burghof, auf dem uns von allen Seiten in romantisch-malerischen

Gestaltungen die alten Wohnsitze entgegentreten. Vom Vorderort hat sich

fast nichts als ein starker Wallturm, die Gewölbe der Münze und ein altes

Wachthaus auf den Umfassungsmauern erhalten. Im Mittelort, in dem sich

neben der würdig restaurierten gotischen Kirche das jetzige Herrenhaus

inmitten hübscher Gartenanlagen befindet, fallen die Umfassungsmauern

eines stattlichen Gebäudes, in dem hohe Fichten wurzeln, besonders ins

Auge: es ist der 1532 erbaute »Goldene Saal«, der gemeinschaftliche

Prunksaal der Häuser Mittel- und Vorderort; und im Anschauen der über den

Nebenpforten eines großen Turmgebäudes angebrachten Steinbilder, eines

auf dem Fasse sitzenden Bacchus und zweier Männer, von denen der eine mit

seiner leeren Weinkanne nach dem den vollen Humpen leerenden Kumpan

schlägt -- Umschrift: _Quid est? bapsi!_ -- Darstellungen, welche den

schwelgerischen Humor der Erbauer wiedergeben, müssen wir des strafenden

Wortes gedenken, das D. Luther seinen lieben alten Landesherren zurief,

da ihm der Wein auf der Treppe entgegenrann: »Die Herren düngen gut, es

wird brav Gras danach wachsen.« Auf und in den völlig zusammengebrochenen

Mauern des Hinterorts, dessen ausgedehnte Gebäude einst als die schönsten

gepriesen wurden, wuchern schon lange Bäume und Gesträuch.

Die Grafen von Mansfeld hatten sich den heil. Georg zum Patron erkoren,

den vom wütenden Volke am 24. Dezember 361 beim Regierungsantritt des

Kaisers Julian ermordeten Bischof von Alexandria, der sich gegen das Ende

der Kreuzzüge in den ritterlichen Drachentöter, den Schutzpatron der

Waffenübungen und des englischen Ordens vom blauen Kniebande verwandelte.

Gleich den ungarischen wurden die mansfeldischen Georgsthaler schon im

dreißigjährigen Kriege als Amulett gegen Hieb, Schuß und Stoß getragen.

Der abgebildete (Abb. 96), i. J. 1620 geprägte Thaler der drei

vorderortschen Grafen Volrat ([gestorben] 1627), Wolfgang I. ([gestorben]

1638) und Johann Georg II. ([gestorben] 1647) zeigt den Heiligen im

Harnisch auf rechts schreitendem Turnierpferde, wie er mit der Lanze den

Kopf des Lindwurms durchbohrt. Die Inschrift _Ora pro (nobis)_ auf der

Decke ist nicht zu erkennen. Die Umschrift ist zu lesen: _Volrat,

Wolfgang, Johann Georg, »patroni, comites et domini in Mansfeld, nobiles

domini in Heldrungen«_. Der quadrierte Wappenschild enthält im ersten und

vierten, wieder viergeteilten Felde die sechs Querstreifen von Querfurt

und die sechs, in zwei Reihen gestellten Wecken (oder Gerstenkörner) von

Mansfeld, im zweiten den Adler von Arnstein und im dritten den Löwen von

Heldrungen mit doppeltem Zagel. Als Helmzier dienen die acht

mansfeldischen Fähnchen und der Arnsteiner Adler.

Der zweite, 1811 geprägte Thaler (Abb. 97) zeigt den Kopf des lustigen

Hieronymus, von seines Bruders Gnaden Königs von Westfalen. Der dritte

(Abb. 98) ist bereits in Berlin i. J. 1862 geprägt, mit dem beim

Übergange der Verwaltung an die Gewerkschaft die besondere Vermünzung des

im Mansfeldischen gewonnenen Silbers aufhört.

[Illustration: Abb. 109. =Ilfeld, vom Herzberg gesehen.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

[Sidenote: Eisleben.]

Unser letzter Besuch an diesem Harzrande gilt der Lutherstadt Eisleben.

(Abb. 99 und 100) Nach den großen verheerenden Feuersbrünsten,

namentlich im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, hat sie trotz

ihres hohen Alters kein altertümliches Gepräge. Unser Rundgang darf sich

deshalb im wesentlichen auf die Lutherstätten beschränken. Das Lutherhaus

(Abb. 101) enthält im Erdgeschoß, das bei einem Brande im Jahre 1689

unversehrt blieb, das Geburtszimmer des großen Bergmannssohnes und in den

Sälen des 1694 im Stil der Renaissance erneuerten Oberstocks eine Art

Luthermuseum. -- Um mit seinem Rate die zwischen den Grafen, namentlich

inbetreff des Bergbaus schwebenden Streitigkeiten beseitigen zu helfen,

war Luther im Winter 1545/46 dreimal in Eisleben; »abgelebt und müde« kam

er am 28. Januar, von den Grafen und einem Gefolge von 113 »Pferden« von

der Grenze ab ehrenvoll geleitet, zum drittenmal hier an und stieg bei

dem ihm befreundeten Stadtschreiber Dr. Drachstedt ab. In Gemeinschaft

mit den beiden andern gewählten Schiedsrichtern, dem Fürsten Wolfgang von

Anhalt und dem Grafen Heinrich von Schwarzburg, gelang ihm zu seiner

großen Freude der völlige Ausgleich; und obwohl schwach und hinfällig,

unterschrieb er am 17. Februar 1546 auch noch den letzten, abschließenden

Vertrag. Doch bald darauf steigerte sich die Krankheit; das Einhorn, das

Graf Albrecht ihm schabte, und das stärkende Wasser, mit dem die Gräfin

ihm den Puls rieb, blieben wirkungslos, und in der dritten Morgenstunde

des 18. Februar ging der große Reformator zur ewigen Ruhe ein. Das

Sterbezimmer ist die kleine, trauliche straßenwärts liegende Kammer im

oberen Stock des wohl erhaltenen gotischen Hauses (Abb. 102). In der

gegenüberliegenden Andreaskirche hat Luther seine letzten vier Predigten

gehalten, die letzte zwei Tage vor seinem Tode (Abb. 99).

Diese mit ihren aus dem dreizehnten Jahrhundert stammenden

Hausmannstürmen stolz aufragende Hauptkirche, als deren Pfarrer 1609-11

der in Ballenstedt geborene Johann Arnd sein »Wahres Christentum«

schrieb, gibt auch dem ansteigenden Marktplatze, auf den von der

Rathausecke der gekrönte Kopf des hier gewählten Königs Hermann von Salm,

das Wahrzeichen der Stadt, herunterblickt, den wirkungsvollen

Hintergrund. Auf der Mitte des Platzes ist am 400. Geburtstage Luthers

das Bronzestandbild (Abb. 103) des Mannes enthüllt, in dessen Hand nach

den Worten des Katholiken Döllinger »Sinn und Geist der Deutschen wie die

Leier in der Hand des Künstlers« waren. In der Linken die Bibel, schickt

sich der Reformator an, die Bannbulle ins Feuer zu werfen; die Reliefs am

Sockel zeigen ihn in der Disputation mit Dr. Eck und der edlen Musika

pflegend im Kreise seiner Familie.

Ein großartiges Fest andrer Art sah der wundervoll geschmückte Marktplatz

am 12. Juni 1900: die 700jährige Jubelfeier des Mansfelder Bergbaues,

verherrlicht durch die Gegenwart unsers allgeliebten Kaiserpaares.

[Illustration: Abb. 110. =Ruine Hohnstein.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

XVIII.

Die Helmelandschaft.

Die Helme, deren Flußgebiet zu durchwandern uns allein noch übrig bleibt,

gehört dem Harze durch ihre Nebenflüsse Zorge, Thyra, Leine und Gonna an.

Da der Südrand des Harzes höher liegt, als der Nordrand, so greifen

diese nicht weit in das Gebirge hinein.

[Illustration: Abb. 111. =Neustadt unterm Hohnstein.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

[Sidenote: Sachsa. Walkenried.]

An den Rinnsalen, welche vom Grenzpunkte des Ravensbergs nach Süden

eilen, um sich mit dem Flüßchen Wieda zu vereinigen, liegt das

waldfrische, freundliche Städtchen Sachsa (Abb. 104). In dem im oberen

Teile schön bewaldeten Wiedathale steigt die Harzsüdbahn von der

mittleren Hochebene herab; wir folgen ihr nach dem schon außerhalb des

Gebirges belegenen braunschweigischen Flecken Walkenried zur Besichtigung

der großartigen Ruinen seines berühmten Cisterzienserklosters (Abb. 105),

von dem die Trockenlegung der Sümpfe und Riede, die einst durch die

Goldene Au hin den Südrand des Gebirges begleiteten, in so vorzüglicher

Weise durchgeführt ist. Die Besitzungen des von der Gräfin Adelheid von

Klettenberg um 1127 gegründeten und reich ausgestatteten Klosters

erstreckten sich bald über die Harzlande und deren Nachbarschaft hinaus

bis nach Lüneburg, in das Brandenburgische und die Uckermark, nach Aachen

und Würzburg, und in allen Thälern des Westharzes verschmolzen seine

Hütten die ihm aus dem Rammelsberge zustehenden Erze auf Silber, Blei und

Kupfer. Die im Jahre 1137 von fünf Bischöfen geweihte Kirche mit acht

Altären entsprach nicht mehr der Bedeutung und dem Ansehen des Klosters;

schon bald nach dem Jahre 1200 begannen kunstverständige Brüder südlich

von Alt-Walkenried einen Prachtbau, an dem sich Tausende von freiwilligen

Arbeitern päpstlichen Ablaß verdienten. Nach 80jähriger Bauzeit konnte

1290 das neue Gotteshaus, das -- halb so lang wie der Kölner Dom -- seine

Gewölbe mit 26 Pfeilern stützte, feierlichst eingeweiht werden. Im

fünfzehnten Jahrhundert stand Walkenried, das Mutterkloster von

Marienpforte (Schulpforta) bei Naumburg und Sittichenbach bei Mansfeld,

in seiner höchsten Blüte. Damals konnte der Abt auf der Reise nach Rom --

wie man sagte -- jede Nacht im eigenen Hause schlafen. Der Bauernkrieg

knickte diese Blüte jäh mit frevelnder Hand, der dreißigjährige brach sie

völlig. Mit wildem Jubel stürmten die aufständischen hohnsteinschen

Bauern im Mai 1515 das von den flüchtenden Mönchen verlassene Kloster,

plünderten, zerschlugen, verwüsteten; Urkunden und Manuskripte streuten

sie den Pferden unter, Bücher warfen sie als Schrittsteine in den

Schmutz. Vergeblich versuchten sie, das kunstvolle Metallbecken im

Kreuzgange, das der Klosterbruder und Hüttenmeister Almante 1218 gegossen

hatte, mit Hämmern zu zerschlagen, im offenen Holzstoß zu schmelzen,

vergeblich die Glocke durch unaufhörliches Läuten zu zersprengen. Da

knüpften sie Seile an die Turmspitze und in eine uralte Linde, verbanden

diese mit dem Turm durch eine Kette, sägten das Gebälk rings herum ein,

hieben den Baum um und rissen mit diesem unter Freudengeheul den Turm vom

Dache herunter, daß er durch das Kirchendach und die Gewölbe schlug, und

die Glocke zersprang. Bald stürzte der Chor nach, und 1570 mußte der

Gottesdienst in die Kapitelstube verlegt werden, die noch heute als

Fleckenskirche dient.

[Sidenote: Walkenried. Der Sachsenstein. Hohegeiß.]

Seitdem steht das Kloster, eine malerische Ruine, öde und verlassen. Nach

dem letzten Einsturz im Jahre 1899 sind von der Kirche, die -- einzig in

ihrer Art -- eine in frühgotischem Stil gehaltene dreischiffige Basilika

mit Kreuzarmen war, nur wenige Teile der Außenmauern erhalten, am besten

das Hauptportal mit einem sehr großen Spitzbogenfenster. Unversehrt ist

außer der Kapitelstube, die u. a. das kunstvoll aus Holz geschnitzte

Epitaphium (Abb. 106) des 1591 gestorbenen letzten Hohnsteiner Grafen

Ernst und den sehr schönen romanischen Taufstein von Alt-Walkenried

enthält, nur der einen rechteckigen Hof, in welchen das Baptisterium mit

fünf Seiten des Achtecks einspringt, umschließende Kreuzgang (Abb. 107),

und besonders der in doppelter Breite sich an die Kirche lehnende Flügel,

der durch eine Säulenreihe mit reichen Blattkapitälen in zwei Schiffe

geteilt ist.

Unmittelbar vor Walkenried durchschneidet die Bahn den hohen Gipsfelsen

des Sachsensteins, auf dem 1073-74 eine der Burgen Heinrichs IV. stand.

Eine vor wenigen Jahren vom Geheimen Baurat Brinkmann unternommene

Ausgrabung hat indes erwiesen, daß die Ruinen vier verschiedenen Zeiten

angehören, und daß eine dieser Burgen in jene frühe Zeit zurückreicht, wo

man noch statt des Bergfrieds eine Schildmauer aufführte; vielleicht war

dies die Hocseoburg des Häuptlings Theoderich. Neben dieser interessanten

archäologischen Belehrung bietet der Sachsenstein aber auch eine hübsche

Aussicht.

Die Zorge, in die sich die Wieda ergießt, erhält ihre ersten Wasser von

einem Kamme, dessen Mitte der 687 Meter hohe Ebersberg einnimmt. Von

seinem Holzturme hat man einen großartig schönen Blick von eigenartigem

Charakter. Während im Norden die Thäler des Bodegebiets flach nach Osten

streichen, laufen auf der entgegengesetzten Seite die tiefer

einschneidenden Thäler des Helmegebietes nach Süden. Im Westen und Norden

setzen Acker und Brockengebirge dem Blick die Grenzen, im Osten fliegt er

unbehindert über die endlose Hochebene, aus der die Kuppe des Rambergs

kaum merklich hervortritt, und im Süden bildet erst der Thüringerwald

seinen Abschluß. Im Abstieg wenden wir uns nach dem braunschweigschen

Flecken Hohegeiß, der mit seinen 642 Metern der höchstgelegene Ort im

Harze ist. Ähnlich wie Andreasberg von kahler Höhe steil ins Thal

abfallend, verdankt es diese den Ackerbau ausschließende Lage dem um die

Mitte des sechzehnten Jahrhunderts aufgenommenen Bergbau, der nach langer

Unterbrechung erst jetzt wieder in Betrieb gesetzt wird; und seinen Namen

der Elendskapelle »zum hohen Geist«, die in dieser einsamen, durch

Räubereien berüchtigten Gegend an einer alten Gebirgsstraße schon im

dreizehnten Jahrhundert vorhanden war.

Durch den üppigen Laubwald des Wolfsbachthales gelangen wir nach dem in

356 Meter Meereshöhe sehr schön tief in den Bergen gelegenen früheren

Eisenhüttenort Zorge, einem braunschweigschen Flecken, gleichen Alters

mit Hohegeiß. Am 554 Meter hohen Staufenberge vorüber wendet sich die das

Flüßchen begleitende Straße, die bei der Drahthütte den alten Kaiserweg

aufnimmt, nach der einst hohnsteinschen Stadt Ellrich (Abb. 108); an dem

unterhalb dieser einmündenden Sülzbache liegt in einem rings durch

hübsche Waldberge geschützten Thalkessel idyllisch das Dorf Sülzhain und

noch etwas höher in entzückendem Waldfrieden das Sanatorium für

erholungsbedürftige Knappschaftsgenossen. Auch der nördlich davon zu 635

Meter ansteigende Große Ehrenberg verdient um seiner herrlichen Aussicht

willen einen Besuch. Von hier zum Jägerfleck hinabsteigend, wo sich die

Straßen Ellrich-Benneckenstein und Ilfeld-Hohegeiß-Braunlage kreuzen,

wandern wir über das hübsch am nördlichen Fuße des 610 Meter hohen

Kleinen Ehrenbergs gelegene wernigerodische Dorf Rotesütte im

wunderschönen Schoppenthal zum Netzkater hinunter.

[Illustration: Abb. 112. =Nordhausen.=]

[Sidenote: Ilfeld. Hohnstein.]

Die Kleinbahn, welche sich bei Dreiannen-Hohne von der Brockenbahn in der

Richtung auf Elend abzweigt und in Sorge an der Warmen Bode die Kleinbahn

Tanne-Braunlage, die Fortsetzung der Zahnradbahn Blankenburg-Tanne,

kreuzt, erklettert südöstlich von Benneckenstein von der Luppbode aus die

582 Meter hohe Wasserscheide und eilt im Tiefenbachthal der von Nordosten

kommenden Behre zu, um von der nur noch 352 Meter hoch gelegenen

Eisfelder Thalmühle ab dem herrlichen Thale dieses Flüßchens zu folgen.

Das Stück bis Ilfeld, in das wir beim Netzkater eintreten, darf sich mit

seinen romantischen Klippen und üppigen Laubwaldhängen getrost den

bekanntesten Glanzpartieen des Harzes zur Seite stellen.

Im Jahre 1103 überfiel Elger I. von Ilfeld den Grafen Kuno von

Beichlingen in der Nacht und tötete ihn in seinem Bette. Wohl zur Sühne

für diese Gewaltthat stiftete sein Sohn Elger II. »an der Pforte

Hercyniens« das Kloster Ilfeld; sein Enkel Elger III. vollendete den Bau,

überließ die Burg Ilfeld, von der sich nur noch geringe Reste über der

Johannishütte vorfinden, seinem Bruder Friedrich, von dessen ältestem

Sohne Heinrich die Fürsten zu Stolberg abstammen, und nahm auf dem durch

Heirat erworbenen Hohnstein seinen Wohnsitz. Das reich ausgestattete

Kloster ward -- wie Walkenried -- im Bauernkriege ausgeplündert und hart

mitgenommen. Im Jahre 1546 nahm der Abt Stange die Reformation an und

verwandelte das Kloster auf Luthers und Melanchthons Rat und mit

Unterstützung der Grafen zu Stolberg in eine Schule, als deren ersten

Rektor er 1550 den berühmten Michael Neander, der damals erst 25 Jahre

alt war, berief. Noch heute blüht dies Pädagogium, aus dem berühmte

Männer hervorgegangen sind (Abb. 109).

Über den 612 Meter hohen Poppenberg, dessen Gipfel, die Fürst-Ottos-Höhe,

einen Eisenturm trägt, der die diesem schönen Harzgebiete

charakteristische Aussicht bietet: nach dem Harze zu die wellenförmige

Hochebene mit dem Brocken, nach dem Lande hin die Goldene Au mit dem

Kyffhäuser und der Thüringer Wald, wandern wir dem Hohnstein zu, der

schönsten und bedeutendsten aller harzischen Burgruinen (Abb. 110).

[Sidenote: Hohnstein. Neustadt.]

Der Hohnstein ist zwischen 1110 und 1130 von einem Grafen Konrad, dem

Brudersohne Ludwigs des Springers von Thüringen, erbaut. Seit 1162

nannten sich die damit von Heinrich dem Löwen belehnten Ilfelder »Grafen

von Hohnstein«. Nach dem Tode des letzten dieses berühmten und in seiner

Glanzzeit reichbegüterten Geschlechts traten 1593 die ihm stammverwandten

und erbverbrüderten Stolberger in den Lehnsbesitz ein. So kommt es, daß

sowohl ein Stück der Grafschaft Stolberg-Wernigerode (Rotesütte,

Sophienhof, Hufhaus), wie der Grafschaft Stolberg-Stolberg (die Gegend

von Neustadt bis nach Urbach und Steigerthal nördlich von Heringen)

innerhalb der Provinz Hannover liegt.

In der dunklen Nacht vom 14. auf den 15. September 1412 erstieg, von

einem treulosen gräflichen Knechte geführt, Friedrich von Heldrungen mit

seiner Fleglerbande die Burg, nahm den alten Grafen im Bette gefangen,

und kaum gelang es dem jungen Grafen Heinrich IX., nur mit dem Hemde

bekleidet, mit Hilfe seiner Gemahlin Margarete von Weinsberg, an einem

Seile durch das Fenster zu entkommen. Und im Mai 1525 erstürmten die

aufständischen Bauern die Burg, um den hierher geflüchteten Ilfelder Abt

und dessen Eigentum zu holen. Aber beide Male schonten die Bauern die

Burg. Erst der dreißigjährige Krieg brachte ihr das Ende: in der

Christnacht des Jahres 1627 steckte sie der kursächsische Oberst Vitzthum

von Eckstädt mittels großer Mengen ringsum gehäuften Wellholzes in Brand,

und als die Neustädter herbeieilten, um die schauerlich ins Thal

leuchtende Feste zu retten, ließ er sie durch Soldaten hinuntertreiben.

[Illustration: Abb. 113. =Rathaus in Nordhausen.=]

Trotz der Trümmerhalde, die einem natürlichen Bergsturz gleich den 90

Meter hoch aus dem Thale aufsteigenden Burgfelsen umgibt, sind noch

umfangreiche Teile, Mauern, vier Thore, Türme, die Umfassungsmauern

vieler Gebäude, vorhanden, und die Bäume und Sträucher, die aus den

Trümmern aufgeschossen sind, und der gewachsene Fels, der zwischen ihnen

zu Tage tritt, verstärken den malerischen Eindruck.

Bei dem Dorfe Niedersachswerfen, das wir über den Flecken Neustadt (Abb.

111) erreichen, wendet sich die Zorge bis Nordhausen südlich, um sich

bald darauf in südöstlicher Richtung bei Heringen in die Helme zu

ergießen.

[Sidenote: Nordhausen. Josephshöhe. Stolberg.]

Die ehemalige Reichsstadt Nordhausen (Abb. 112), die als solche in den

Harzlanden nur Goslar zur Schwester hat, gehört zu den wenigen Städten,

deren Befestigung bestimmt auf Heinrich I. zurückgeführt werden kann.

Zugleich ist sie die dritte der harzischen Königsstädte, denn die

sächsischen und fränkischen, auch noch die staufischen Kaiser nahmen hier

oftmals ihren Aufenthalt. Von Heinrich dem Löwen 1180 eingeäschert,

erscheint sie doch schon 1270 als Reichsstadt; und erst der

Reichsdeputationshauptschluß von 1803 nahm ihr die Unmittelbarkeit.

An altertümlichen Bauwerken hat Nordhausen weniger aufzuweisen, als

Goslar, Halberstadt und Quedlinburg. Von den sieben Kirchen ist die

älteste und sehenswerteste der gotische Dom zum heiligen Kreuz mit

romanischem Turm. Trotz seiner Einfachheit recht wirkungsvoll zeigt sich

das Rathaus (Abb. 113), ein Renaissancebau aus dem Jahr 1510 mit einem

hölzernen Roland aus dem Jahre 1717. In ihrem »Gehege« besitzt die Stadt

einen wundervollen Waldpark.

Die Wasser des Auerberges und der Gegend bei Stolberg führt der Helme,

die sich bei Heringen westlich gewendet hat, die nordöstlich vom

Birkenkopf (585 Meter) entspringende Thyra zu.

Der 575 Meter hohe Porphyrkegel des Auerberges setzt sich wie der

Ramberg, doch etwas steiler, um etwa 200 Meter auf die Hochebene auf.

Nach dem Grafen Joseph zu Stolberg, der auf der flach gewölbten Kuppe im

Jahre 1822 einen von Schinkel entworfenen 22 Meter hohen hölzernen Turm

in Kreuzform errichten ließ, heißt er auch Josephshöhe. Dieser 1880 durch

Blitzschlag zerstörte ist 1896 durch einen durchbrochenen Eisenturm nach

demselben Plane ersetzt. Mit seinen Doppelarmen bildet er das größte

Kreuz der Welt (Abb. 114).

Die Rundsicht ist ungleich schöner als die von der Viktorshöhe, voller

Abwechselung und Leben. Denn die schwachgewellte Ebene des Unterharzes

tritt hier nur im Osten auf, und der dort nur angedeutete Brocken stellt

sich hier mit all seinen Neben- und Vorbergen in voller Breite und

größerer Nähe offen zur Schau, und Berg und Thal vor ihm bildet gleichsam

ein tiefgehendes, grünes Gewoge. Über der Goldenen Au tritt das

Kyffhäusergebirge markig hervor. Und wundervoll glänzt im nächsten

Vordergrunde das Schloß Stolberg in seiner frischgrünen Umrahmung.

[Sidenote: Stolberg. Roßla.]

Heinrich von Voigtstedt in der Goldenen Au, der 1210 zum erstenmal als

Graf von Stolberg vorkommt, gehört dem Hause der Ilfelder an. Waren seine

Stammbesitzungen, wenn auch zerrissen, nicht unbedeutend, so sind doch

als die eigentlichen Begründer des Reichtums und des Ansehens des

durchlauchtigen Hauses die beiden Grafen Botho anzusehen, von denen »der

Ältere« 1450, »der Glückselige« 1500 regierte. In der Erbteilung von 1645

fielen die Grafschaften Stolberg und Roßla Johann Martin, dem jüngeren

Sohne des Grafen Christoph, zu; seine Nachkommen spalteten sich 1706 in

die noch heute blühenden Zweige Stolberg-Stolberg und Stolberg-Roßla.

[Illustration: Abb. 114. =Aussichtsturm Josephshöhe. Das größte Kreuz der

Welt.=

(Nach einer Photographie von Wiedling in Stolberg.)]

Das Schloß (Abb. 1), in dessen ältestem Flügel sich die Schloßkirche mit

einem prächtigen Altar aus Alabaster, mit großen silbernen Leuchtern und

schönen Statuen befindet, hebt sich von dem Hintergrunde des grünen

Buchenwaldes der überragenden Berge blendend weiß gar ausdrucksvoll ab.

Die unter seinem Schutze und an seinem Fuße an einer alten Straße

entstandene Stadt mußte klein und unbedeutend bleiben, denn für den

Handel lag sie nicht günstig genug, ihr Bergbau hat nie Bedeutung

erlangt, und Ackerbau gestatten die schroffen Berghänge nicht. Aber ihre

wundervolle Umgebung -- lauschiger Wald, weitschauende Höhen -- fangen

an, ihre Zugkraft zu üben.

[Illustration: Abb. 115. =Rathaus in Stolberg.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

Keine andre Harzstadt kommt ihr in seltsamer Lage gleich. Von allen

Seiten durch hohe Berge eingeengt, erscheinen ihre langen Gassen

gleichsam in die vier hier zusammentreffenden Thäler eingegossen, und die

Berge wie zerrissen, als ob ein gewaltiger Blitz die Gebirgsmassen in

riesige Furchen zerteilt hätte, die strahlenförmig vom Markte auslaufen.

Im Mittelalter war der Marktplatz durch vier Thore befestigt, und auch am

Außenende jeder der vier Gassen erhob sich ein Thor, aber Wall und Mauern

hatte die Stadt nicht; denn oft unmittelbar hinter den Häusern, auch

hinter dem interessanten Rathause (Abb. 115) steigen die Felsen auf. Die

uralten Bürgerhäuser in malerischer Holzkonstruktion finden sich nicht,

wie z. B. in Goslar, vereinzelt und verstreut, nein, die ganze Stadt

mutet uns an wie ein unversehrt gebliebenes Stück Mittelalter.

Die dritte stolbergsche Residenz, das neue, schöne Schloß Roßla, liegt

anmutig halb im Park versteckt am Ufer der Helme. Von hier oder von der

benachbarten Station Bennungen machen wir einen kurzen Abstecher nach dem

Dorfe Questenberg, das sich überaus malerisch in ein von schroffen

Gipswänden eingefaßtes, enges Thal einschmiegt, deren Weiß durch die

dunklen Waldhänge noch blendender wird. Auf einem dieser Felsen erhebt

sich die bedeutende Ruine der Burg Questenberg, die noch im

dreißigjährigen Kriege militärisch besetzt war. Unser Besuch aber gilt

dem gegenüberliegenden, von einem vorgeschichtlichen Erdwalle umgebenen

»Questenberge«, und insbesondere dem hier aufgerichteten Questenbaume,

einer 12 Meter hohen entrindeten Eiche, an deren Kreuzarmen ein

riesengroßer Kranz mit Birkenzweigen befestigt ist. Hierher zieht die

Dorfgemeinde alljährlich am dritten Pfingsttage nach einem

Festgottesdienste in feierlichem Zuge, führt einen Reihentanz um den Baum

und kehrt zu Tanz und Schmaus nach dem Dorfe zurück. Die Sage führt

diesen unzweifelhaft alten Brauch recht oberflächlich darauf zurück, daß

ein Kind, welches sich Pfingsten im Walde verirrt hatte, nach langem

Suchen wiedergefunden wurde, als es sich gerade einen Kranz (eine

»Queste«) flocht. Unschwer aber ist in dem Questenfeste noch heute das

altgermanische Maienfest zu erkennen: der Kranz ist ein Sinnbild der

Sonne, der Tanz um den Baum ein Bild ihres scheinbaren Rundganges um die

Erde.

[Sidenote: Morungen. Sangerhausen.]

Der Harz · 第 11 / 12 段