Im Jahre 1670 bemächtigte sich der Große Kurfürst als Inhaber des Bistums

Halberstadt des Regensteins und begann nach Fargells Plane den Umbau der

Festung, der sich 50 Jahre lang hinzog. Die zahlreichen in den Felsen

gesprengten Kasematten rühren aus jener Zeit. Aber als sich die Festung

im Ernstfalle nicht bewährte -- zweimal fiel sie im siebenjährigen Kriege

in die Hände der Franzosen -- ließ Friedrich sie schleifen, die Mauern

bis auf den Boden, die Gebäude bis auf den Grund zerstören. Noch heute

ist der Regenstein eine preußische Enklave im braunschweigischen Gebiete.

Einer Lilie gleich im Kranze grüner Waldberge, die sie im Halbkreise

umgeben, leuchtet die Blankenburg (Abb. 66) von dem hellen Kalkfelsen des

Blankensteins weit hinaus in die Vorlande.

Während alle andren Randstädte des Harzes am Ausgange eines Flußthales

liegen, steigt Blankenburg (Abb. 67 u. 68), als wollte es an die

schützende Burg sich anschmiegen, terrassenförmig, wie aus südlichen

Landen hieher versetzt, den Schloßberg hinan. Vom hochgelegenen

Marktplatze, an dem wir das in seinem ältesten Teil schon aus dem Jahre

1233 stammende Rathaus betrachten, klimmen wir auf 76 Stufen zur

Bartholomäuskirche hinauf, von der ehemals statt des jetzigen steilen

Weges eine Treppe von 266 Stufen zur Schloßrampe hinaufführte.

Die älteste Blankenburg fand ihren Untergang in den Kämpfen Heinrichs des

Löwen und Kaiser Barbarossas. Das neue Schloß, anfangs ein einfacher Bau,

ward im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, als es den Grafen auf

dem Felsenneste im Regenstein ungemütlich wurde, bedeutend erweitert und

umgebaut, doch brannte 1546 das »Haupthaus« in einer entsetzlichen

Feuersbrunst, aus welcher Graf Ulrich, ohne seiner erstickenden Gemahlin

helfen zu können, kaum das Leben rettete, wieder nieder; und kaum war nun

endlich 1595 der Bau vollendet, da schloß der letzte Blankenburger, ein

Knäbchen von drei Jahren, die Augen.

Im Jahre 1690 wurde Blankenburg, sehr zur Freude und zum Vorteil der

durch den dreißigjährigen Krieg schwer geschädigten Bürger, ständige

Residenz. Herzog Ludwig Rudolf schlug hier seinen glänzenden Hof auf und

suchte Ludwig XIV. in üppigen Festen und Jagden und Komödien zu

überbieten und was sonst an Zeit noch blieb, mit Pegnitzer Schäferspielen

und adeligen Bauernhochzeiten auszufüllen. Und als die älteste Prinzessin

die Gemahlin des (späteren) Kaisers Karl VI. und die zweite die des

russischen Thronfolgers Alexei ward, gestaltete sich die Hofhaltung noch

luxuriöser. Doch bald waren die Tage des Glanzes vorüber, denn als Ludwig

Rudolf 1731 auch Braunschweig erbte, verlegte er dahin seine Residenz.

Daß die Kaiserin Maria Theresia einen großen Teil ihrer Kinderjahre bei

den Großeltern in Blankenburg verlebt hatte, kam der Stadt im

siebenjährigen Kriege zu gute: die österreichischen Truppen mußten sie

schonend behandeln.

Von 1796-98 war Blankenburg die Zufluchtsstätte des späteren

französischen Königs Ludwig XVIII.; da wohnten Grafen, denen in der

Heimat kaum ein Schloß geräumig genug gewesen war, in engen Dachkammern.

Das außen nüchtern sich darstellende Schloß enthält viele Prunkzimmer und

wertvolle Gemälde, aber schöner noch ist der Blick durch die Fenster auf

die waldumkränzten Berge, in die reichgeschmückten Thäler, und ein Gang

durch die prächtigen Gartenanlagen, die unmittelbar in hohen Buchenwald

übergehen.

[Illustration: Abb. 91. =Ballenstedt=.

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

XV.

Die Bodelandschaft.

Wir kehren noch einmal auf das Brockenfeld zurück, um auch der Bode, dem

bedeutendsten seiner Flüsse, das Geleit durch den Harz zu geben.

[Illustration: Abb. 92. =Flammofen-Anlage auf Kupferkammer Spurhütte.=

(Aus: Bilder aus dem Bergwerks- und Hüttenbetriebe der Mansfeld'schen

Gewerkschaft, Verlag der Kuhnt'schen Buchhandlung [E. Graefenhan] in

Eisleben.)]

Von ihren Quellflüssen entspringt die Kalte Bode unter dem Königsberge,

mit der Ecker in demselben, höchst gelegenen Moore, und plätschert

zwischen Königsberg und Erdbeerkopf einer- und Wurmberg und Barenberg

anderseits der »Gegend der Elenden und Schurken« zu.

[Sidenote: Schierke.]

Schierke (Abb. 70), das seit 1888, dem Jahre seiner »Entdeckung«, sich

mit fast fieberhafter Bauthätigkeit zu einem der besuchtesten und

vornehmsten Badeorte aufgeschwungen hat, ist das einzige Dorf mit

Brockencharakter (Abb. 69). In gleicher Höhenlage mit der Stadt

Klausthal, wird es eng von hohen, finsterbewaldeten Bergen

eingeschlossen; wunderbare Granitfelsen, wie die regelmäßig geschichtete

Mauseklippe, die »langen Felsennasen« der magnetischen Schnarcher, zwei

von Riesenhand roh erbaute 26 Meter hohe Türme, von denen sich Thal und

Dorf prächtig übersehen lassen, die Schersthor- (das ist Thors Thor)

Klippen, der Arensklint (d. i. Adlerklippe) (792 Meter) und die

Feuersteinsklippen, ragen seitwärts empor, und Waldgrund und Wiese sind

mit großen und kleinen Granitbrocken dicht übersät. Bei Elend, das dem

100 Meter höher gelegenen Schierke als Sommerfrische nachzukommen sucht

-- wir gelangen dorthin auf herrlichem, die rauschende Bode begleitenden

Pfade -- tritt diese aus dem Granitgebiete heraus und wird, wie um sich

von dem Gefälle von 400 Meter zu erholen, ein stilles, harmloses

Wiesenflüßchen. Es gibt im Harze keinen gleich großen landschaftlichen

Gegensatz so unmittelbar nebeneinander.

Unterhalb des Hüttenortes Königshof, der eine Fortsetzung der Rotenhütte

bildet, nimmt die Kalte die Warme Bode auf. Am Südende des Brockenfeldes,

nördlich von der Achtermannshöhe entsprungen, drängt sie sich zwischen

dieser und dem Wurmberg durch und schlägt über den 560 Meter hoch

belegenen Flecken Braunlage (Abb. 71), der als Sommerfrische zusehends

aufblüht, und Tanne, dem Anfangspunkte der Zahnradbahn nach Blankenburg,

einen halbkreisförmigen Bogen. Den 968 Meter hohen Wurmberg besteigen wir

auf roher Steintreppe von Braunlage aus; die bewaldete Kuppe gestattet

aber nur den Durchblick durch einige Schneisen.

[Sidenote: Elbingerode. Hermannshöhle.]

Von Königshof führt die Bahn nach der 467 Meter hoch zwischen Kornfeldern

und großen Weideflächen gelegenen Stadt Elbingerode, in der am 20. März

1744 der französische Marschall von Belle-Isle vom Amtmann Meyer auf

eigene Hand gefangen genommen wurde. Wir aber folgen dem Fußpfade, der

uns über die vor einigen Jahren wieder bloßgelegte Königsburg, das ist

die alte Jagdpfalz Bodfeld, auf der Kaiser Heinrich III. in den Armen

eines Papstes starb, und an der Susenburg, einer vorgeschichtlichen

Wallburg in der ersten der wunderlichen Krümmungen der Bode, vorüber nach

dem Hüttenorte Rübeland (378 Meter) führt.

Von den drei berühmten Tropfsteinhöhlen, welche dem übrigens hübsch

gelegenen Rübeland zahllose Fremde zuführen, war die Baumannshöhle schon

um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts allgemein bekannt, dagegen ist

die Hermannshöhle (Abb. 72) erst 1866 entdeckt. Wenn auch jene durch die

Höhe und Weite ihrer prächtig gewölbten Räume die Hermannshöhle

übertrifft, so hat diese doch schönere und reinere Tropfsteingebilde.

Wunderniedlich sind die schneeweißen Figürchen in ihrer Krystallkammer,

hübsch auch die Blaue Grotte und andre Naturspiele.

Von Rübeland ersteigt die Zahnradbahn das auf einer baumlosen Hochebene,

447 Meter hoch, inmitten einer weiten Ackerflur belegene Dorf Hüttenrode.

Nichts in der Umgebung, nur das rauhere Klima, das den Roggen erst im

September reifen läßt, sagt uns, daß wir uns wirklich im Gebirge

befinden.

[Illustration: Abb. 93. =Otto-Schächte I und III.=

(Aus: Gruben- und Hüttenanlagen der Mansfeld'schen Gewerkschaft, Verlag

der Kuhnt'schen Buchhandlung [E. Graefenhan] in Eisleben.)]

[Sidenote: Das Bodethal.]

Um der Bode nach Altenbraak ungestört folgen zu können, holen wir

zunächst auch die Rappbode heran. Sie entspringt am hohen Südrande des

Gebirges, wendet sich aber nördlich auf das 535 Meter hoch gelegene

Städtchen Benneckenstein, eine Station der Harzquerbahn, fällt durch Wald

bis zu dem von Sommerfremden noch nicht entdeckten Trautenstein um 80

Meter und schlängelt sich, von rechts die Hassel aufnehmend, in einem

lieblichen Thal dem Hauptflusse zu. An der Hassel liegen in einer Gegend,

wo vom Gebirge wenig wahrzunehmen ist, der schon oberdeutsch redende

Flecken Stiege (482 Meter) an hübschen Teichen und das Städtchen

Hasselfelde, die Endstation der über Güntersberge herangeführten

Selkebahn.

[Illustration: Abb. 94. =Schrämarbeit.=

(Aus: Bilder aus dem Bergwerks- und Hüttenbetriebe der Mansfeld'schen

Gewerkschaft, Verlag der Kuhnt'schen Buchhandlung [E. Graefenhan] in

Eisleben.)]

Felsen wie bei Rübeland treten im Bodethal zunächst nicht wieder auf.

Ohne starkes Gefälle (1 : 300) rauscht der breite Fluß, von einem

Wiesensaum friedlich eingefaßt, zwischen den mächtigen Höhen dahin, an

denen das heitere Buchengrün mehr und mehr das Fichtendunkel verdrängt.

Zwischen der Mündung der Rappbode und der Luppbode in der Gegend von

Wendefurt und Altenbraak häufen sich seine Windungen in so wunderbarer

Weise, daß er oft in sich selbst zurückzukehren scheint, ja daß man

einmal den Fluß an sechs verschiedenen Stellen erblickt.

Von Treseburg (Abb. 73) ab, wo die Bode in dem schluchtenartigen Thal der

»Engen Wege«, dem nur durch bedeutende Felsensprengungen ein schmaler

Pfad hat abgerungen werden können, mit starkem Gefälle (1 : 90) das

Granitgebiet des Rambergs zu durchbrechen unternimmt, steigert sich die

herzerquickende Schönheit des Thales von Schritt zu Schritt. Die Klippen,

welche aus den Buchenhängen hervortreten oder streckenweise ganz mit

ihnen wechseln, werden schroffer und nehmen abenteuerlichere Gestalten

an, bis sich von den Gewitterklippen abwärts ihr Charakter zur Wildheit

steigert. Aber um die starren Glieder schlägt überall sänftigend der

üppige Laubwald in allen Schattierungen sein prächtiges Gewand. Welche

entzückende Mannigfaltigkeit in buntem Wechsel! In den »gemischten

Bestand« der Fichte und Buche, mit dem der Harz auch sonst seine

Thalhänge schmückt, treten hier auch noch Ahorn und Esche, Linde und

Ulme, die Eiche mit ihrem dunkelglänzenden Blatte und die flimmernde,

weißborkige Birke ein, ja selbst die knorplige Eibe mit ihrem

schwarzgrünen, schweren Nadelbehange, gleichsam die Vertreterin einer

aussterbenden Generation, beteiligt sich an der festlichen Ausschmückung

des Thales, und von den höchsten Felsen schaut die Kiefer, mit ihrem

hellbraunen Stamme eine gar ausdrucksvolle Zierde, jählings in die Tiefe.

Was aber all den Felsgebilden und der bestrickenden Üppigkeit des

Baumwuchses erst das rechte Leben gibt, das ist das tosende, schäumende

Wasser des eng eingeklemmten, leidenschaftlich aufgeregten Flusses, der

wie wütend zwischen den Felstrümmern hindurchrast, um brausend in den

tiefen, wirbelnden »Kessel« zu stürzen (Abb. 74).

Aber auch der Weg von Thale an der schäumenden Bode aufwärts bis zu der

über den Bodekessel führenden Teufelsbrücke, an der früher der Pfad

endete, ist geeignet und ausreichend, das ob des zauberhaft schönen

Bildes staunende Auge mit Wohlgefallen zu sättigen und das Herz mit

heiligem Schauer zu erfüllen. Die tiefe, kühle Felsspalte (Abb. 75), in

welche die Sonne kaum herunterzublicken vermag, verengert sich Schritt

für Schritt; hier sind die Seitenwände durch die Verwitterung zu

seltsamen Zacken zersägt oder zu Gebilden umgestaltet, denen man die

Namen Bodethor, Bergkanzel, Mönch hat geben können, dort scheint gar die

Ruine einer ganzen Ritterburg am Felsen zu hängen; hier drohen die

Felsenmauern herniederzubrechen, dort überbrückt der Pfad mühsam einen

Abgrund; oft scheint die Schlucht sich völlig zu schließen, aber hinter

der vorspringenden Wand öffnet sich, oft kesselartig, an der sich

krümmenden Bode eine neue ebenso wilde und großartige Spalte.

[Sidenote: Roßtrappe. Hexentanzplatz.]

Auf dem Zickzack der Schurre ersteigen wir die Roßtrappe (375 Meter),

genießen den glänzenden Rundblick vom Turme der »Winzenburg«, einer durch

Gräber und andre Funde bezeugten vorgeschichtlichen Wallburg, und treten

auf den 25 Meter unter dem Gasthause liegenden, von keines Menschen Hand

erbauten Turm des Felsenthores, durch welches das wilde Harzkind in das

Land hinaustritt. Kaum zwei Meter breit, aber auf sicheren Pfeilern

ruhend, schiebt sich seine (vorgeschichtlich befestigte) Plattform aus

dem Granitwalle näher an den Fluß heran, so daß das Auge unbehindert

aufwärts und niederwärts in die Felsenwelt eindringen und 200 Meter tief

in die Thalschlucht, aus der das Brausen und Rauschen der alten Bode wie

leises Gemurmel unverdrossen heraufklingt, sich senken kann. Und siehe

hier die Trappe, welche der Huf des Riesenpferdes in die harte

Granitplatte, beim gewaltigen Sprunge quer über das Thal hart

aufschlagend, eingegraben hat!

[Illustration: Abb. 95. =Abteufen des Segengottes-Schachtes.=

(Aus: Bilder aus dem Bergwerks- und Hüttenbetriebe der Mansfeld'schen

Gewerkschaft, Verlag der Kuhnt'schen Buchhandlung [E. Graefenhan] in

Eisleben.)]

Der zweite Pfeiler des Bodethores, der Hexentanzplatz (Abb. 76), überragt

den Roßtrappfelsen um 80 Meter. Der Blick in die Tiefe und in die

zerspaltenen Granitwände und dann in die Höhe zum blauen Brocken, der

sich unmittelbar auf die Felswand aufzusetzen scheint, und wieder in die

lachende Ebene mit ihren Dörfern und Städten: das alles bewegt das Herz

gewaltig und wunderbar, wenn anders die Flut der Gäste, die nur auf dem

Brocken noch größer ist, uns den Genuß nicht verkümmert.

[Sidenote: Thale. Quedlinburg.]

Ehe wir der Bode von dem 9600 Einwohner zählenden Dorf Thale, mit dem als

Sommerfrische ersten Ranges nur noch Harzburg und Schierke konkurrieren,

nach Quedlinburg folgen, werfen wir zur Linken einen Blick auf die

Teufelsmauer. Vom Blankenburger Schlosse durch einen tiefen Einschnitt

getrennt, zieht sich dem Harzrande parallel ein schmaler Bergzug nach

Osten, dessen bewaldeter Abhang der Heidelberg heißt. Auf dem Rücken

selbst ragt ein wunderbares Felsenriff aus Quadersandstein in vielen

Unterbrechungen, hier anmutig mit Bäumen und Kräutern bewachsen, dort

kahl und nackt, hervor. Wie von Riesenhand absichtlich zusammengewälzt,

zeigt es sich hier als schroffe Klippe, senkt sich dort zerklüftet und

zerteilt nieder, läßt sich streckenweise nur in zersplitterten,

unordentlich umhergeworfenen Gesteinsbrocken verfolgen und verschwindet

dann völlig, um in der Nähe der Bode, Thale gegenüber, wieder

aufzutauchen. Die Sage bezeichnet diese Riesenmauer als ein Werk des

Teufels, der sich mit Gott um die Herrschaft über die Erde stritt. Auf

dem Löbbekensteige, der über den ganzen Zackenkamm führt, gelangen wir zu

ihren besten Aussichtspunkten, dem Brockenblick und dem Großvater.

[Illustration: Abb. 96. =Mansfelder Georgsthaler von 1620.=]

Auf dem von der Bode unmittelbar bespülten, einem lieblichen Blumengarten

gleichenden Gottesacker der Servatius- oder Schloßgemeinde lag der alte

Königshof Quitelingen (d. i. Niederlassung auf der Flußgabel), von dem

die Ottonen so oft das Reich regierten. Die angrenzende seit 1816 zur

Scheune erniedrigte Sankt Wipertikirche ist die älteste weit und breit.

Auf scharf von der Bode aufsteigendem Sandsteinfelsen erhebt sich neben

dem aus dem sechzehnten Jahrhundert stammenden Schlosse der Äbtissinnen,

dessen Einrichtung Hieronymus Napoleon zu Gelde gemacht hat, der

wertvollste Schmuck Quedlinburgs (Abb. 78), die lange vernachlässigte und

erst in neuester Zeit wieder zu Ehren gekommene herrliche Schloßkirche,

die als ein Wahrzeichen der Stadt weit in die Lande leuchtet. In ihrer

Krypta ist König Heinrich I., ihr Erbauer, mit seiner Gemahlin

beigesetzt. Die Oberkirche, eine frühromanische, dreischiffige Basilika

mit gerader Balkendecke, stammt im wesentlichen aus der von 1070 bis 1129

reichenden Bauperiode, der Chor ist jedoch im vierzehnten Jahrhundert

gotisch umgebaut. In der Cither, der zugleich als Sakristei dienenden

Schatzkammer (Abb. 79), werden unter andern Kostbarkeiten der von der

Kaiserin Teophano geschenkte »Krug von der Hochzeit in Kana«, ein von

König Heinrich I. geschenktes wertvolles Reliquienkästchen, mit

Elfenbeintäfelchen ausgelegt, auf denen Scenen aus Christi Leben in

Hochrelief dargestellt sind, und ein Bruchstück einer mit prachtvollen

byzantinischen Miniaturen bedeckten Itala, der ältesten lateinischen

Bibelübersetzung aufbewahrt. Unter der Kirche ziehen sich weite in den

Sandsteinfelsen eingehauene Grabgewölbe hin, in denen die Leichen nicht

verwesen; besonders schön erhalten ist die der schönen Pröpstin Aurora

von Königsmark, doch darf sie nicht gezeigt werden.

Die Vogtei über das auch nach der Reformation fortbestehende Stift ging

1697 von den Wettinern an Brandenburg über. Reichsunmittelbar war dieses

dem Namen nach bis zu seiner Aufhebung und Einverleibung in Preußen im

Jahre 1801.

[Sidenote: Quedlinburg. Suderode. Gernrode.]

Vom Schloßplatze, an dem Klopstocks Geburtshaus aus dem sechzehnten

Jahrhundert uns besonders anzieht, gelangen wir durch den »Finkenherd« in

die altertümliche Stadt mit ihren schönen Kirchen und dem mit wildem Wein

dicht überwucherten im Jahre 1615 im Renaissancestil umgebauten Rathause

(Abb. 77). Um das Jahr 1000 mit Stadtrechten begabt und zur Zeit ihres

blühenden Handels ein angesehenes Glied der Hansa, ist Quedlinburg,

dessen Einwohnerzahl von 10000 im Jahre 1807 auf 23400 im Jahre 1900

gestiegen ist, heute vorwiegend Gärtnerstadt.

[Illustration: Abb. 97. =Mansfelder Thaler von 1811.=]

Die vielgetürmte Innenstadt, das aus dem »Westendorf« hochragende Schloß,

die neuen Vorstädte mit ihren Villen und Fabriken vereinigen sich mit dem

Kranze der in allen Farben prangenden Fluren, dem Lustwäldchen des

Brühls, in welchem dem Sänger des Messias und dem Geographen Karl Ritter

Denkmäler (Abb. 80 u. 81) errichtet sind, mit den mittelalterlichen

Warten rings auf den Höhen und der Felsreihe der Teufelsmauer und den

dunklen Harzbergen im Hintergrunde zu einem Bilde von eigenartiger

Schönheit.

[Illustration: Abb. 98. =Mansfelder Thaler von 1862.=]

Wir kehren noch einmal nach Thale zurück, um durch das waldumkränzte

Steinbachthal über die Georgshöhe (386 Meter) nach dem mit seinen

Obstgärten idyllisch in den Laubwald des Wurmbachthales eingebettete Dorf

Stecklenberg zu wandern, das sich, noch frei von Kurhäusern und Villen,

seine jungfräuliche, ländliche Anmut und Einfachheit bewahrt hat. Und von

den benachbarten Ruinen der Stecklenburg und der höheren Lauenburg, von

deren noch besteigbarem Turme (348 Meter) man auch den fernen Brocken

über den dichten Massen saftgrünen Buchenwaldes erblickt, weht ein

romantischer Hauch über das friedliche Dorf.

[Sidenote: Gernrode.]

Den Gebirgsrand entlang schreitend, gelangen wir an zwei schwesterlich

aneinander geschmiegte Orte, das preußische Dorf Suderode (Abb. 82, 198

Meter) und das anhaltische Städtchen Gernrode (Abb. 83, 224 Meter), die

zusammen etwa 4500 Einwohner haben. Der lieblich am Waldsaum gelegene

Kurort Suderode heißt nicht mit Unrecht das Harzer Montreux. Lieblich ist

die Aussicht vom 314 Meter hohen Stubenberge in das waldumschlossene

stille Hagenthal und auf das Hügelgelände um Quedlinburg mit etwa 40

Ortschaften; auch die Gegensteine, mit denen die Teufelsmauer nach langer

Unterbrechung wirksam abschließt, reihen sich malerisch in das Bild ein.

In das Innere von Gernrode lockt uns ein Prachtstück ersten Ranges, die

einfach-derbe Stiftskirche, ein romanischer Bau aus dem zehnten

Jahrhundert, wie es in dieser Vollständigkeit keinen zweiten in ganz

Deutschland gibt. Im Jahre 959 vom Markgrafen Gero, dem gewaltigen und

gewaltthätigen Besieger der Slaven, begonnen, ward sie erst von seiner

Schwiegertochter Hedwig, der ersten Äbtissin des von ihm gegründeten

vornehmen Frauenstiftes, vollendet. Nach mancherlei Unbilden früherer

Zeit wurde die Kirche des im Jahre 1614 von Anhalt eingezogenen Stiftes

1832 mit dem Klostergute verkauft; nun wurden die Kreuzgänge zu

Viehställen, die Krypta zum Kartoffelkeller, der Raum über der flachen

Decke zum Getreideboden entweiht. Der Dank für die Erhaltung und

Wiederherstellung gebührt dem edlen Fürstenhause Anhalt: Herzog Alexander

Karl kaufte sie zurück, und er und seine Nachfolger ließen sie seit 1859

mit einem Kostenaufwande von 400000 Mark würdig restaurieren. Eine

Basilika mit Querschiff und westlichem Turmbau, ist sie in ihren

Formbildungen gewissermaßen ein Spiegel der Roheit, aber auch der

Solidität des im zehnten Jahrhundert noch völlig von der Kultur

unberührten kräftigen Sachsenstammes (Abb. 84).

[Illustration: Abb. 99. =Markt mit Luther-Denkmal und Andreas-Kirche in

Eisleben.=]

Vor dem Kreuzaltar im Mittelschiff befindet sich die Grabstätte Geros.

Das prächtige Denkmal in Sarkophagenform hat 1519 die Äbtissin Elisabeth

von Weida (Reuß) durch einen Künstler der Nürnberger Schule anfertigen

lassen. Diese Elisabeth, welche von 1504 bis 1532 regierte, ist die

größte unter den Fürstinnen-Aebtissinnen von Gernrode. Auf dem Reichstage

zu Worms ließ sie sich durch einen besondern Bevollmächtigten vertreten,

erlangte 1521 vom Kaiser Karl V. die Bestätigung der Privilegien und trat

in demselben Jahre noch als die erste aller reichsunmittelbaren

Äbtissinnen, ohne sich durch die benachbarten Fürsten und Bischöfe irre

machen zu lassen, zur Lutherischen Lehre über; und als 1525 der große

Bauernkrieg auch die Gründung Geros mit Vernichtung bedrohte, trat sie

unerschrocken und im Bewußtsein geistiger Überlegenheit den Aufrührern

entgegen und brachte sie durch verständige Vorstellung zum Gehorsam gegen

ihre Obrigkeit zurück.

[Illustration: Abb. 100. =Eisleben.=]

Durch das Hagenthal steigen wir zum Ramberge hinauf. Gleich dem Brocken

Mittelpunkt einer Graniterhebung und wie dieser mit Granittrümmern

übersät, welche auf seinem abgerundeten Gipfel die sogenannte

Teufelsmühle bilden, erhebt er sich zwischen Bode und Selke zu einer Höhe

von 595 Meter, 200 Meter über die Hochebene an seinem Fuße. Von dem auf

ihm, der »Viktorshöhe«, 1829 erbauten Holzturme hat man einen weit

umfassenden, doch ziemlich einförmigen Rundblick.

XVI.

Die Selkelandschaft.

Die Selke entspringt auf der einförmigen Hochebene des Unterharzes in 500

Meter Meereshöhe nördlich von Friedrichshöhe, fließt als einfaches

Rinnsal, immer von der Bahn begleitet, über Güntersberge (410 Meter) nach

Lindenberg-Straßberg und schlägt hier nordöstliche Richtung auf

Mägdesprung ein. Erst bei der Silberhütte erhält das bis dahin flache

Thal durch die von Fichten und Kiefern umsäumten Wiesengründe einen

gewissen Reiz. Von dem 325 Meter hoch in einem freundlichen

Laubwaldkessel belegenen Alexisbad (Abb. 85) an erschließen sich aber dem

Wanderer von Schritt zu Schritt wechselnde liebliche Bilder. Aus dem

herrlichen, mit Eichen, Birken und andern Laubbäumen, auch mit Fichten,

durchsprengten Buchenwalde, welcher die Gehänge des Thales schmückt,

starren hie und da, manche wie verstohlen, einzelne Klippen und ganze

Felswände heraus; die bedeutendste ist die sagenhafte Mädchentrappe über

dem durch seinen vorzüglichen Kunstguß rühmlichst bekannten Hüttenorte

Mägdesprung (Abb. 86). Doch ist der Blick von der anliegenden

Freundschaftsklippe noch schöner als von der mit einem drei Meter hohen

eisernen Kreuze bezeichneten Trappe. Der Wellenschlag der vom Winde

bewegten Wipfel der düsteren Waldung, über welche die ruhige Kuppe des

Ramberges ernst herüberblickt, das frische, kräftige Grün unmittelbar

über nacktem Fels, die weichen, geschwungenen Linien der Höhenzüge machen

das für die Selkelandschaft charakteristische Bild trotz seiner

Einfachheit anziehend und erhebend.

[Sidenote: Harzgerode. Falkenstein.]

Der Harz · 第 9 / 12 段