Bei völlig klarem Himmel, wie ihn wohl ein heller Wintertag oder ein

Sommertag, dem eine recht warme Nacht vorangegangen ist, bieten kann,

umfaßt der Gesichtskreis mehr als den 200. Teil von Europa, und zwischen

den 250 Kilometer voneinander entfernten äußersten Punkten -- wie dem

Rhöngebirge und dem Hagelsberge bei Brandenburg, oder dem Kolm bei

Oschatz und der Westfälischen Pforte -- kann man nach des Brockenwirts

Nehse Verzeichnis 89 Städte und 668 Dörfer erkennen. »Ja, man könnte das

Meer sehen, wenn es möglich wäre,« sagt treuherzig der alte Happel. Wir

aber begnügen uns, in der endlosen, einförmigen Ebene, in der Hügel und

Berge wie Maulwurfshaufen untergehen, die Türme von Hannover und

Braunschweig, von Leipzig und Halle, von Magdeburg und Stendal und

einigen andern Städten, das Schloß zu Gotha und die Wartburg, den

Petersberg und die Gleichen, den Herkules auf der Wilhelmshöhe und den

Klüt bei Hameln zu erkennen und richten von den in der Ferne mit etwas

auffälligeren Strichen eingetragenen Bergketten des Meißner, des

Westerwaldes, des Rothaargebirges, des Vogelsberges, der Rhön, des

Thüringerwaldes und des Süntels, um dem Auge abschließend einen

sammelnden Ruhepunkt zu bieten, noch einmal auf das Brockenfeld und die

Außenkuppen und Thäler des Brockengebirges.

Dieser tadellose Rundblick bei völlig wolkenfreiem Himmel ist keineswegs

das Schönste, was der Brocken bietet, aber zu verachten ist er doch auch

nicht. Was hat man »an diesen langen charakterlosen Horizontallinien, die

dick aufeinander liegen, ohne Anfang und Ende? Da ist gar nichts, was

sich hebt und die Aufmerksamkeit zusammenhält und leitet, kein Vorgrund,

kein Mittelgrund, kein Gedanke von Einheit des Ganzen. Die Kirchtürme

sind angeklebt an die Wiesen wie behauene Balken, und das Licht schiebt

sich dick und gleichförmig über das alles weg.« So sagt Leopold von Buch,

der berühmte Geologe, in seinem launigen Vortrage vom Brocken freilich,

aber wenn er abschließend fortfährt: »Nicht die Schönheit, nicht die

Ferne der Gegenstände« ist es, was uns auf dem Brockengipfel so mächtig

bewegt, »sondern die Wirklichkeit, die Wahrheit und das aus ihr

hervortretende lebendige Gefühl der Freiheit«, so müssen wir ihm

zustimmen.

Von überwältigendem Eindruck kann ein Besuch des Brockens im Winter

werden, wenn der sich in Rauhreif umsetzende Nebel nicht nur jede

einzelne Tannennadel gleichsam überzuckert hat und die teilweise

ineinander geflossenen, in der Sonne glitzernden und blitzenden Krystalle

und Eisdiamanten die Form des Baumes überwältigen, so daß die

wunderbarsten Gestalten, die Märchen und Phantasie ersinnen können,

manche fast gespensterhaft und beängstigend, uns rechts und links

erwarten und einander ablösend begleiten. Aber auch schon die bloße

Schneedecke hebt das Bild, das der Brocken uns bietet, gar wirkungsvoll.

Und wer ein Gewitter dort oben erlebt -- vom Brockengespenst gar nicht zu

reden -- dem wird der Tag für immer unvergeßlich sein.

[Illustration: Abb. 84. =Inneres der Cyriakikirche zu Gernrode.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

Wenn sich außer den nach Schätzen suchenden Venedigern auch einzelne

kühne Jäger und andere ortskundige Waldleute schon verhältnismäßig früh

ausnahmsweise auf den »Brakenberg« hinaufgearbeitet haben mögen -- eine

dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts angehörende Hand berichtet in einem

Zusatz zu der Abhandlung »von der Herkunft der Sachsen« von einem Quell

auf seinem höchsten Gipfel -- so ist doch der berühmte Arzt und Botaniker

Johann Thal ([gestorben] 1583) der erste dem Namen nach bekannte

Brockenbesucher, und erst im achtzehnten Jahrhundert wurden die

Brockenfahrten häufiger. 1736 ward deshalb auf dem Gipfel das

Wolkenhäuschen, 1743 auf der Heinrichshöhe zunächst für Torfstecher, und

1800 auf dem Brocken selbst ein Gasthaus und 1835 der erste Turm erbaut.

Die Zahl der Besucher stieg von 138 im Jahre 1753, 292 im Jahre 1778 auf

etwa 30000 im Jahre 1896: seitdem aber führt das Dampfroß (Abb. 45) im

Sommer ungezählte Scharen hinauf, und die Verallgemeinerung des selbst im

Oberharze noch vor wenigen Jahrzehnten unbekannten Schneeschuhsports

(Abb. 46) macht den Brocken auch im Winter zugänglicher und seine

Besteigung weniger gefährlich.

Vom Thüringer Wendelin Helbach, Thals Zeitgenossen, an hat manch Dichter

den Brocken besungen, aber ein Denkmal für alle Zeiten hat ihm, und zwar

ihm allein unter allen deutschen Bergen, Goethes gewaltige, Natur und

Sage zur Einheit verschmelzende Dichtung im »Faust« gesetzt.

[Illustration: Abb. 85. =Alexisbad.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

XIII.

Radau, Ecker und Ilse.

Das Brockenfeld entsendet nach Norden zwei jugendlich übermütige

Flüßchen, die Radau und die Ecker.

Die Stelle, wo die Radau nach kurzem Laufe aus dem Gebirge tritt, ist die

schönste im Westharze. Steil fallen die hohen und mannigfaltig geformten,

mit freundlichem Buchenwald bewachsenen Berge zu der jungen Stadt

Harzburg ab (Abb. 47), die sich mit ihren großartigen Gasthöfen (Abb. 48)

und glänzenden Villen dazwischen und davor lagert, und bieten mit dieser

vor allem dem Wanderer, der vom Ahrendsberger Forsthause oder auch vom

Torfhause über den »Dreckpfuhl« kommt, ein überraschend prächtiges Bild.

Und ein Gang durch dies vornehmste unserer Bäder über die der

Gesellschaft zum Sammelpunkt dienenden »Eichen« an der plätschernden

Radau und weiter an den großen Gabbrobrüchen hinauf bis zu den

Radaufällen (Abb. 49) und zurück über das Molkenhaus gehört zu den

lohnendsten und lieblichsten Partien unseres Gebirges.

[Sidenote: Der Burgberg.]

Der Burgberg, der zweimal eine Kaiserburg trug, ist mit seinen 482 Metern

nicht der höchste und weitschauendste, aber durch seine hart

vorspringende Lage und seinen finstern Tannenwald der bedeutendste und

wirksamste. Trotz seiner Steilheit ist er auf wohlgepflegten Fußwegen

bequem zu ersteigen.

Die erste, von Heinrich IV. erbaute Burg ward im März 1074 von dem durch

die aufständischen Sachsenfürsten aufgestachelten Pöbel schmählich

zerstört. Die zweite, zum Schutz der Reichsstadt Goslar gehörend, erstand

i. J. 1180 auf Befehl Barbarossas, der den Oberbefehl über die

hineingelegten Reichsdienstmannen den Grafen von Woldenberg übertrug. Am

18. August 1218 endete hier beim Grafen Heinrich I. der Welfe Otto IV.

sein Leben.

Im Jahre 1269 von den Grafen von Woldenberg an die Grafen von Wernigerode

verpfändet, ward diesen die Burg hundert Jahre später von dem Herzog von

Braunschweig in einer Fehde abgenommen. Im Anfange des fünfzehnten

Jahrhunderts machten von hier aus die Herren von Schwiecheldt, die als

Amtleute und Pfandinhaber auf der durch ihre Lage überaus festen Burg

hausten, weit und breit die Lande durch ihre Räubereien unsicher, und

erst den Bombarden der verbündeten Fürsten, Bischöfe, Grafen und Städte

gelang es 1415, ihre Mauern zu brechen (Abb. 50). Im dreißigjährigen

Kriege in den Händen der Dänen, war sie ein Stützpunkt der Harzschützen.

Aber 1650 wurden ihre 500jährigen Mauern auf Befehl des Herzogs in das

Thal gestürzt und die Burg als Steinbruch benutzt. Nur geringe Mauerreste

und der 57 Meter tiefe Brunnen sind von dieser berühmtesten aller

Harzburgen auf unsere Tage gekommen. Aber Tausende von Fremden führt

alljährlich die Erinnerung an die Geschichte dieser Stätte, auf der 1877

auch die »Canossasäule« errichtet ist, mehr noch der, wenn auch

beschränkte, doch hübsche Blick in das tiefe, schmucke Radauthal und über

die zu den Füßen liegende Stadt hinaus auf Braunschweig und Wolfenbüttel

mit dem Fallstein, dem Elm und der Asse im Hintergrunde auf die

tannenumrauschte Höhe.

Nachdem die Radau noch Vienenburg bespült hat, dessen Domanialgebäude mit

den Umfassungen auf den Mauern der alten Burg ruhen, gibt sie am Fuße des

Harlyberges Namen und Wasser an die Oker ab.

Die Ecker hat ihre Quelle unter den Hirschhörnern unfern des zum

Königsberge führenden schönen Goethe-Weges, in unmittelbarer

Nachbarschaft des Bodesprunges. Ihr Thal wird von dem von Harzburg auf

den Brocken führenden Fußwege bei der Dreiherrenbrücke (dem früheren

Grenzpunkte zwischen Hannover, Braunschweig und Wernigerode) und von den

von Harzburg nach Ilsenburg über die Rabenklippen (Abb. 51) und durch den

Schimmerwald führenden schönen Wegen oberhalb des Eckerkruges, der den

Austritt der Ecker aus dem Gebirge bezeichnet, gekreuzt; doch auch eine

Wanderung durch den ernsten, düsteren Fichtenwald den rauschenden,

felsigen Bach entlang, hat in der erquickenden friedlichen Einsamkeit

ihre Reize. An den Ruinen der Stapelnburg vorüber, auf der Graf Gerhard,

mit dem 1383 das einst so berühmte Geschlecht der Woldenberger erlosch,

seine letzten Jahre verlebte, wendet sich die Ecker der Oker zu.

[Sidenote: Das Ilsethal.]

Das eigentliche, echte Brockenkind ist die Ilse. Sie entspringt an der

Heinrichshöhe und sammelt, rechts vom Renneckenberg begleitet, alle dem

Brocken nordöstlich abströmenden Bächlein und Rinnsale. Wo sie in den

Stromschnellen der Ilsefälle fröhlich und geschwätzig über die

Felsgebilde tänzelt, wendet sie sich nordöstlich, durchbricht das

großartige Felsenthor, das die Granitpfeiler des 460 Meter hohen, 150

Meter das Thal überragenden Ilsesteins und des gewaltigen Westerberges

bilden, und eilt, immer noch mutwillig, aber etwas ruhiger, dem sich an

den Gebirgsrand drängenden Flecken Ilsenburg zu.

Das Ilsethal ist wohl das anmutigste und lieblichste im ganzen Harze.

Eine Wanderung von den »Roten Forellen« an der klaren Ilse hinauf, deren

silberne Wellen kühlend uns entgegenrauschen, bis zu den Ilsefällen (Abb.

52), wo die Wasser, in denen die wunderschöne, alle Guten beglückende

Prinzessin sich badet, sich bald zu einem breiten, glänzenden Spiegel

ausbreiten, bald in zahllose Bänder aufgelöst, kraus die Felsen

umschlingen, bald wild aufschäumend und zischend sich zwischen

einengenden Felsen hindurchdrängen oder aus Steinspalten neckisch

hervorsprudeln, gehört, wenn die Touristenschwärme nicht allzu sehr

stören, zu den höchsten und nachhaltig wirkenden Genüssen im Harze. Auch

den Ilsestein mit seinem Kreuze, dem vom Grafen Anton den im

Befreiungskriege Gefallenen errichteten Denkmal, besteigen wir, so

befriedigend auch die Aussicht in die liebliche Landschaft ist, vor allem

doch nur, um auch von hier aus das unvergleichlich reizvolle Thal zu

genießen. Vielleicht setzen wir aber unsern Spaziergang noch um ein

Kleines fort, um unter den schattigen Eichen der 530 Meter hoch gelegenen

Plessenburg ein Viertelstündchen zu rasten und uns dabei des vom

Förstertöchterchen verschmähten Ernst Schulze, des Dichters der

»Bezauberten Rose« und der »Cäcilie«, zu erinnern.

[Sidenote: Ilsenburg.]

Im Flecken Ilsenburg (Abb. 53), der sich in das stimmungsvolle Bild des

Thales harmonisch einordnet, zieht uns von allem das fürstliche Schloß

an, das außer einem Neubau auch die stilvoll restaurierten Überreste der

romanischen Klosterbauten umfaßt. Ursprünglich ein königliches Besitztum,

wurde die Elysinaburg unter der Gunst der Kaiser Otto II. und Heinrich

II. vom Halberstädter Bischof Arnulf in ein Kloster umgewandelt, das

schon unter dem Abte Herrand, dem Neffen des Bischofs Burchard zu hoher

Blüte gelangte, später aber unter Kriegen und Fehden schwer zu leiden

hatte. Am 1. Mai 1525 von den Bauern erstürmt, wurde es von seinem

erlauchten Schirmherrn nach Annahme der Reformation in eine Schule

umgewandelt, die erst unter den Schrecken des dreißigjährigen Krieges zu

Grunde ging. Eine neue, bessere Zeit hatte sich aber bereits dadurch

vorbereitet, daß Graf Heinrich das Kloster 1609 zum Witwensitz für seine

Gemahlin ausbaute, und zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts war es

sogar Residenz des regierenden Grafen.

[Illustration: Abb. 86. =Mägdesprung.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

XIV.

Die Holtemme.

Während die Ilse noch der Oker und damit der Weser zuströmt, gehört die

am Renneckenberge entspringende Holtemme bereits der Bode und also dem

Elbegebiete an. Fast so eilfertig wie die Ilse, hat sie nächst dieser (1

: 10-1/2) das stärkste Gefälle (1 : 18) von allen Harzgewässern. Durch

einen unter den wilden Hohneklippen, welche die Hochebene um 400 Meter

steil überragen, entspringenden Bach verstärkt, hat sie ihren Glanzpunkt

in der Steinernen Renne (Abb. 54): in einer engen, finstern Waldschlucht

stürzen ihre fast zu Schaum sich auflösenden Wasser in einer langen Reihe

von Kaskaden, die zur Zeit der Schneeschmelze oder nach einem kräftigen

Gewitterregen wohl an alpine Wasserstürze erinnern können, über die von

Granitblöcken gebildeten Terrassen wild in das Thal hinab.

[Sidenote: Wernigerode.]

Von rechts vereinigt sich mit dem Thal der Holtemme das Drängethal, in

welchem Chaussee und Eisenbahn von Wernigerode aus über »Drei

Annen-Hohne«, die Hochebene, Schierke und den Brocken erklettern. In dem

bei der Vereinigung sich weitenden und seine Schönheit einbüßenden Thale

erstreckt sich unendlich lang das Dorf Hasserode, ein Vorort

Wernigerodes, und im rechten Winkel dazu setzt sich östlich an die Stadt

der Flecken Nöschenrode, der sich fast in gleicher Länge im Zillier-

(oder Mühlen-) Thale hinaufzieht. Der Zillierbach hat seine Quellen

südlich von den Hohneklippen am Erdbeerkopfe und wird auf seinem linken

Ufer von nicht unbedeutenden Höhen, dem 535 Meter hohen Salz- und dem 518

Meter hohen Hilmarsberge, begleitet, sein Thal hat aber, im Gegensatz zum

Thal der Holtemme, unterharzischen Charakter.

[Illustration: Abb. 87. =Anhaltischer Thaler von 1861.=]

Auf mächtigem, waldigem Berge erhebt sich, 120 Meter über der Stadt,

inmitten herrlicher Gärten und Parkanlagen, mit stattlichen Türmen und

blinkenden Zinnen das fürstliche Schloß (Abb. 55), ein prachtvoller

Neubau, in den sich die benutzbaren Reste der alten Grafenburg harmonisch

einfügen. Entzückend schön ist dort oben der Blick über die reizvollen

Waldthäler, unter denen das Christianenthal (Abb. 56) mit seinen Teichen

und Wiesen, seinen Weiden und Riesenfichten sich durch Lieblichkeit

auszeichnet, in die tannengekrönten Harzberge bis hin zum alles

beherrschenden Brocken und über die stattliche Stadt zu Füßen hinweg in

die weite, lachende Ebene mit den dicht hingestreuten Ortschaften. Nimmt

es unter den Harzschlössern jetzt entschieden die erste Stelle ein, so

werden ihm überhaupt nur wenige Bergschlösser in Bau und Lage an

Schönheit gleichkommen.

Die erste Burg über dem von einem unbekannten Werniger angelegten Dorfe

erbaute zwischen 1117 und 1121 der Graf Adalbert von Haimar und schrieb

sich seitdem Graf von Wernigerode. Als dessen Nachkommen am 3. Juni 1429

mit dem Grafen Heinrich ausstarben, gingen die Besitzungen des

Geschlechts an die mit ihm erbverbrüderten Grafen zu Stolberg über. In

den nächsten Jahrhunderten war Wernigerode nicht die ständige Residenz

des regierenden Grafen, sondern meistens nur der Wohnsitz der jüngeren

Söhne und Brüder; doch feierte Graf Wolfgang, das Haupt der Familie, hier

im Juni 1541 seine Vermählung mit der Gräfin Dorothea von Blankenburg.

Erst Graf Christian Ernst, der 1712 nach dem Tode seines Oheims Ernst zur

Regierung kam, versetzte die Hofhaltung von Ilsenburg, das seit der

Erbteilung von 1645 Residenz geworden war, dauernd nach Wernigerode. Die

von seinen Brüdern begründeten Linien Gedern und Schwarza erloschen 1804

und 1748, so daß die reichen Besitzungen des durchlauchtigen Hauses

wieder sämtlich vereinigt sind.

Die Einwohnerzahl der Stadt hat sich von 4036 im Jahre 1813 auf 11600 im

Jahre 1900 gehoben. Damals durch ihre engen, schmutzigen Straßen mit

abscheulichem Pflaster bekannt, gehört »die Stadt vor dem Brocken« (Abb.

57) mit ihren ansehnlichen, schmucken Neubauten, ihren breiten,

wohlgepflegten Straßen, mit denen schöne Promenaden wetteifern, jetzt

entschieden zu den schönsten unserer Harzstädte. -- Von mittelalterlichen

Bauwerken hat sich außer dem stilgerechten Rathause (Abb. 58) von 1498

noch manches interessante Wohnhaus erhalten, von denen besonders das

Gadenstedtsche aus dem Jahre 1582, das Gotische und das Frankenfeldsche

der Besichtigung wert sind (Abb. 59). Von Wernigerode wendet sich die

Holtemme über Halberstadt der Bode zu.

[Sidenote: Halberstadt.]

Der berühmte Bischofssitz Halberstadt (Abb. 61) ist eine der ältesten

Städte in unsern Gegenden und trägt in seinen alten Straßen ein

ehrwürdiges, mittelalterliches Gepräge. Besonders interessant ist der in

der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts in Fachwerk erbaute

Ratskeller am Fischmarkte. Ihm gegenüber erhebt sich das altertümliche

Rathaus (Abb. 60), ein gotischer Steinbau aus der Zeit von 1360 bis 1381

mit späteren, jedoch die Wirkung des Bildes nicht störenden Anbauten. Den

Domplatz, an dem auch der Petershof, die frühere Residenz der

Fürstbischöfe, liegt, begrenzen zwei alte Gotteshäuser, die mit vier

Türmen gezierte romanische Liebfrauenkirche, deren älteste Teile fast bis

zum Jahre 1000 zurückreichen, und der majestätische Dom (Abb. 62), das

herrlichste, großartigste Gotteshaus der Harzlande: bald nach dem Jahre

1179, in dem Heinrich der Löwe die erste bischöfliche Kirche

niederbrannte, begonnen, konnte er erst 1491 geweiht werden, und die

Türme, an denen auch gegen Ende des sechzehnten Jahrhunderts gebaut

wurde, sind gar erst vor wenigen Jahrzehnten in Abschluß der 1847

angefangenen Restauration der Kirche in ihrer ganzen Höhe fertig

gestellt. Wie vor dem Rathause ein riesengroßer Roland, so befindet sich

vor dem Dome der Lügenstein, das Wahrzeichen der Stadt. Hinter dem

Domchor liegt das einfache Haus des »Vaters« Gleim, der hier von 1747 bis

1803 als Domsekretär lebte. In seinem »Freundschaftstempel« umschließt es

mehr als hundert Bildnisse von Dichtern und Schriftstellern, Fürsten und

Helden, einst fast alles Gäste dieses Hauses, sowie ihren Briefwechsel

mit Gleim und eine wertvolle Bibliothek.

[Illustration: Abb. 88. =Schloß Falkenstein.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

Im Süden wird Halberstadt fast von dem Goldbache berührt, der sich bei

Wegeleben in die Bode ergießt. Von diesem Bache erstrecken sich drei

parallele Hügelketten von Nordwest nach Südost bis an die Ufer der Bode.

Die nördliche beginnt mit den Spiegelsbergen, einem schönen öffentlichen

Parke, den der Domdechant von Spiegel, Gleims Zeitgenosse, auf der bis

dahin öden Anhöhe geschaffen hat; unter den wirkungsvollen Baumgruppen

fallen besonders die alten Kiefern ins Auge. An diesen Park, dessen Turm

auch eine hübsche Aussicht bietet, schließt sich die hochinteressante

Felsenstadt der bewaldeten Klusberge, die sogenannte Halberstädter

Schweiz. Am nordwestlichen Fuße des dritten Zuges, der im Hoppelberge bis

zu 309 Meter aufsteigt und einen wundervollen Blick auf Berg und Land

gewährt, liegt, vom Goldbach bespült, inmitten eines herrlichen Parkes

das Schloß Langenstein, in dem einst Goethe die schöne Frau von Branconi,

die Geliebte des Herzogs Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig und

Freundin Lavaters, besuchte. An der Ruine der benachbarten Altenburg und

weiterhin finden sich in den Felsen gehauene Höhlungen, die noch heute --

wohl ein Unicum in ganz Deutschland -- als Wohnungen benutzt werden.

[Illustration: Abb. 89. =Schloßhof von Falkenstein.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

[Sidenote: Kloster Michaelstein.]

Dem Goldbach aufwärts bis zum Gebirge und dann im lauschigen

Klostergrunde dem Rippenbach folgend, gelangen wir bei seinem Quell, dem

Volkmarsbrunnen, an den Volkmarskeller, zwei in den Fels gehauenen

Gewölbe, in denen im Anfange des zehnten Jahrhunderts die fromme

Klausnerin Liutburg, die selbst der heilige Ansgar von Bremen besuchte,

und später der Einsiedler Volkmar mit seinen Genossen hauste. Die auf der

benachbarten Klippe jüngst bloßgelegten Grundmauern sind die letzten

Reste des ältesten Klosters Michaelstein, das sich zwischen 1139 und 1148

aus jener Brüderschaft entwickelte. Aber den Cisterziensern, die aus

Altenkampen hier einzogen, war der Ort zu rauh und abgeschieden, schon

nach einigen Jahrzehnten zogen sie thalabwärts und gründeten am anmutigen

Ausgange des Klostergrundes Neu-Michaelstein (Abb. 63 und 64). Von allen

Seiten reich begabt, gedieh das Kloster trefflich bis in das sechzehnte

Jahrhundert. Im Frühling 1525 aber stürmten es die Rotten wütender

Bauern, und acht Jahre später ward es von Wilhelm von Haugwitz, einem

Feinde des Herzogs Georg von Sachsen, niedergebrannt. In dem wieder

erstandenen und zu Luthers Lehre übergetretenen Kloster, in dem

zeitweilig eine Schule eingerichtet war, führten bald die Grafen von

Regenstein und nach deren Erlöschen die Herzöge von Braunschweig den

Abtsstab. Der letzte dieser fürstlichen Abte ist der »tolle Christian«

des dreißigjährigen Krieges, zugleich Bischof von Halberstadt. Auf unsere

Tage sind vom alten Kloster nur der schöne gotische Kreuzgang, das

romanische Refektorium und eine Krypta gekommen.

[Illustration: Abb. 90. =Schloß Ballenstedt.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

[Sidenote: Der Regenstein.]

Dem Klostergut Michaelstein gegenüber, das jetzt ein Vorwerk der Domäne

Heimburg bildet, steigt 100 Meter hoch aus der Ebene der Regenstein (Abb.

65) auf, ein 2 Kilometer langer Quadersandsteinfelsen, eine natürliche

Festung mit ruinenartigen Türmen und Thoren. An der kleinen Roßtrappe,

einer interessanten Felsbildung, vorüber, gelangen wir an die Trümmer der

um das Jahr 1100 erbauten Grafenburg. Alle Gemächer, auch die im Anfange

dieses Jahrhunderts zum Tanzsaal entweihte Kapelle, sind in den

gewachsenen Felsen eingehauen, von den auf den jäh abstürzenden Platten

und Kuppen einst vorhanden gewesenen Türmen, Mauern und Gebäuden sind nur

noch Spuren vorhanden.

[Sidenote: Blankenburg.]

Das mächtige Grafengeschlecht, dem auch die Linien Blankenburg und

Heimburg angehören, beherrschte nicht nur das heutige braunschweigsche

Fürstentum Blankenburg, sondern besaß auch noch einen großen Teil der

Vorlande des Harzes, und die ihm zustehende Edelvogtei des Kaiserstiftes

Quedlinburg verlieh ihm noch besondere Bedeutung und Glanz. Da begannen

im vierzehnten Jahrhundert die Bischöfe von Halberstadt, vor allem

Albrecht V. aus dem Hause Braunschweig, mit großer Beharrlichkeit die

Grafen aus ihrer Machtstellung im Harzgau zu verdrängen. Nicht ohne

Bewunderung und Teilnahme kann man das mannhafte, aber unglückliche

Ringen der Grafen gegen den mächtigen Nachbar, der auch unwürdiger Waffen

sich zu bedienen keinen Anstand nahm, ihr einmütiges Zusammenhalten im

Kampfe um ihr gutes Recht im einzelnen verfolgen, und der Heimburger

Albrecht III., den die Volkssage als den Raubgrafen bezeichnet, diesen

thatkräftigsten aller Regensteiner, der auch in der Notwehr das Recht des

andern achtet, darf unsrer wärmsten Sympathie sicher sein, wenn wir ihn

1348 unter tückischem Schwert verbluten sehen.

Albrechts Nachkommen verarmten im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert

trotz aller Sparsamkeit -- Graf Ulrich verbrauchte für seine Person

jährlich nur 939 Gulden -- mehr und mehr, und am 4. Juli 1599 ging still

und ruhmlos, in Elend und Dürftigkeit, von niemanden beklagt, von

niemanden beachtet, der Letzte des Grafenstammes zu Grabe, der einst zu

den mächtigsten, geachtetsten und gefürchtetsten gehört, der Hunderte von

Rittern, Kirchen und Klöstern mit reichen Besitzungen beschenkt und

beliehen hatte, dessen Waffen einst im fernen Norden ebenso laut und

siegreich erklangen wie im fernen Süden am Grabe des Erlösers.

Der Harz · 第 8 / 12 段