einmal der Ansatz zur Plateaubildung; aus tief eingeschnittenen Thälern
steigt man 200 bis 250 Meter hoch auf schmale Bergrücken oder abgerundete
Kegel und wieder hinunter in ein schluchtenartiges Thal. Den besten Blick
in dies wunderbar zerstückelte Gebiet gewähren die Porphyrkegel des
Knollen bei Lauterberg (687 Meter), des Ravensberges (660 Meter) und des
Stöberhais (719 Meter). Der Ravensberg heißt nicht mit Unrecht der
Brocken des Südharzes. Wohl ist das Panorama hier und auf dem mit ihm
zusammenhängenden Stöberhai enger begrenzt, aber es gewinnt dadurch an
plastischer Klarheit und Schönheit. Im Norden und Westen umfaßt der Blick
den ganzen hohen Harz bis zum Brocken und Acker, im Osten und Süden aber
thut sich das Land weit auf bis zum Possen bei Sondershausen und zum
Thüringerwalde, bis zu dem Ohmgebirge und dem Göttinger- und
Habichtswalde.
[Sidenote: Andreasberg.]
Ist regellose Abwechselung von schroffer Bergeshöhe und wildem Thalsturz
der Charakter des »Dreiecks«, so macht die Stätte, auf der die Stadt
Andreasberg erbaut ist, davon keine Ausnahme; fast jäh schießen ihre
Straßen von eng begrenzten Bergkuppen (640 Meter) in das »Unterland« (520
Meter) hinunter. Aus einem Hause sieht man in zwei Thäler hinunter, ein
andres hängt, als wäre es aus Wildemann hierher versetzt, wie ein
angeklebtes Schwalbennest an der Bergwand, und ein drittes liegt fast so
geschützt zwischen aufsteigenden Höhen, wie manche Stadtteile in Grund
oder Altenau. Solche interessanten Gegensätze bietet nur diese
einzigartige Stadt (Abb. 38).
Die erste urkundliche Nachricht über Bergbau »am Andreasberge« ist aus
dem Jahre 1487, aber zu rascher Entwickelung gelangte es erst im Jahre
1521, als am Beerberge in einer Klippe ein handbreiter Gang mit Glanzerz
und reichhaltigen Nestern Rotgülden erschürft wurde, so daß die Grafen
von Hohnstein sich beeilten, für ihr Gebiet die erste Bergfreiheit zu
erlassen; Stadtrechte erhielt der Ort anscheinend schon 1535. -- In
fieberhaftem Eifer drängten sich Gewerken und Bergleute herzu, um des
gepriesenen Dorado Schätze zu heben, aber gar bald folgte eine gewaltige
Ernüchterung. Wohl wurden 116 Gruben aufgenommen, aber in den acht Jahren
1542 bis 1549 zahlte nur eine einzige Ausbeute, und zwar auch nur einmal
einen Thaler auf den Kux. Am Ende des Jahres 1577 waren nur noch 39
Gruben, von denen aber 37 Zubuße erforderten, im Betriebe, und 40 Häuser
standen unbewohnt und unverkäuflich; zu Anfang des dreißigjährigen
Krieges gingen die beiden letzten Gruben ein, und die Silberhütte ward
abgebrochen. Unsäglich war das Elend in der verarmten Stadt. Und doch war
ihr noch einmal eine Blütezeit beschieden: in den Jahren 1700 bis 1730
betrug die jährliche Ausbeute durchschnittlich 60000 Mark. Von da aber
ging's erst allmählich, dann immer rascher abwärts, zumal 1796 eine
Feuersbrunst 249 Wohnhäuser in Asche legte. Doch geht der Bergbau noch
heute auf der Grube Samson in vier Schächten mit Vorteil um, und trotz
deren bedeutender Teufe gibt es noch viel unverritztes Feld für die
Zukunft. Die Silberhütte, welche mit dem Bahnhofe 3-1/4 Kilometer von der
Stadt entfernt liegt, verarbeitet neben den bei Andreasberg gewonnenen
namentlich südamerikanische Kauferze. Nicht unbedeutenden Erwerb gewährt
den Andreasbergern die Kanarienvogelzucht, mehr Geld aber noch bringen
ihnen die Sommerfremden, deren Zahl etwa 5000 jährlich beträgt. Den
schönsten Blick auf die Stadt hat man von der Jordanshöhe. Sankt
Andreasberg hat 3800 Einwohner.
Die starke Gliederung der Andreasberger Berglandschaft ist gleichsam ein
Verdienst der Sieber mit ihren Zuflüssen und des Flußsystems der Oder:
durch die Furchen, die sie in das Gelände, dieses in Einzelberge
auflösend, gezogen, haben sie die große Mannigfaltigkeit geschaffen, die
wir bewundernd betrachten.
Die Oder hat ihre Quellen bereits auf dem Brockenfelde. Nachdem sie ihre
Wasser im Oderteiche gesammelt und den größten Teil derselben der Stadt
Andreasberg zugesandt hat, um ihn später durch die Sperrlutter
zurückzuhalten, rauscht sie zwischen dem Rehberge (894 Meter) und dem
Königsberge in starkem Gefälle, bis zur Forstkolonie Oderhaus das
unbekannteste der prächtigen Harzthäler bildend, gen Süden, geht unter
dem Jagdkopfe in südwestliche Richtung über und verstärkt sich bei
Lauterberg (d. i. Lutterberg) durch die Lutter (Abb. 39 u. 40).
[Sidenote: Lauterberg. Burg Scharzfels.]
Die Burg, unter deren Schutze der gleichnamige Flecken sich bildete,
stand auf dem 421 Meter hohen Hausberge, einem schön geformten, mit
Buchen bewaldeten Kegel. Zuerst im Jahre 1190 erwähnt, gehörte sie einem
Zweige der Grafen von Scharzfeld, den Grafen von Lutterberg, als
welfisches Lehen. Der Ort verdankte sein rasches Wachstum dem regen
Bergbau, und als dieser erlosch, übernahm 1839 die Kaltwasserheilanstalt
des Dr. Ritscher, dem ein Denkmal auf dem Scholm errichtet ist,
nachhaltiger die Entwickelung des jetzt 5300 Einwohner zählenden
Fleckens; aus den 170 Kurgästen des ersten Jahres sind inzwischen 5000
geworden.
[Illustration: Abb. 76. =Hexentanzplatz, vom Hirschgrund gesehen.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Aber die Umgebung Lauterbergs, das nicht wie Herzberg, Osterode und
Seesen am Harzrande liegt, sondern sich so in das Oderthal hineinpreßt,
daß es auf drei Seiten hohe Berge hat, ist auch wunderschön. Alle diese
Höhen, der Hausberg, der Kummel (601 Meter), der Scholm (572 Meter)
bieten prächtige Aussicht, hier ein weithin Berg und Land umfassendes
Vollbild, dort gleichsam einen eingerahmten Ausschnitt aus dem großen
Gemälde. Über den idyllisch in Buchengrün und Wiesenflor gebetteten
Wiesenbeeker Teich (Abb. 41), der seine Wasser der Königshütte liefert,
und die Hohe Thür mit ihrem Durchblick auf die ruinenartige zackige
Felsgruppe des Römersteins, den Sagen von Riesen und Zwergen umspielen,
führt uns der Weg auf den Ravensberg; über den Hassenstein ersteigen wir
den Stöberhai, den höchsten Punkt der Wasserscheide zwischen Weser und
Elbe, mit seinem bezaubernd schönen Blick über die Tiefe des Oderthales
hinaus auf die Riesen des hohen Harzes, den Acker und Rehberg, den
Wurmberg und die Achtermannshöhe, denen der Brocken und die Hohneklippen
über die Schulter sehen; und auch der Große Knollen liegt für den
rüstigen Wanderer nicht zu fern.
Auf dem schattigen Philosophenwege wandern wir nun, der rauschenden Oder
folgend, dem Dorfe Scharzfeld zu, das mit einer Felsenburg, einer
Tropfsteinhöhle und einer Felsenkirche dreifach anzieht.
[Sidenote: Burg Scharzfels.]
Die Burg Scharzfels (Abb. 42), eigentlich Scharzfeld, zu der wir 120
Meter hoch durch Buchenhochwald hinaufsteigen, wird zuerst 1130 genannt.
1157 gab Friedrich Rotbart sie Heinrich dem Löwen gegen das Schloß Baden
in Tausch, und die Grafen von Scharzfeld wurden damit Lehnsmannen des
Welfen. Nach ihrem Erlöschen traten die Grafen von Hohnstein an ihre
Stelle; und nach dem Tode des letzten dieses Geschlechts fiel 1590 die
Grafschaft Scharzfeld-Lauterberg, in der die Bergstadt Andreasberg
entstanden war, an die Welfen, und zwar zunächst an die Herzöge von
Grubenhagen, zurück.
[Illustration: Abb. 77. =Rathaus in Quedlinburg.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Bei der Erbauung der Burg ist der natürliche Felsen benutzt. Besonders
stark war die Hochburg, die man nur durch einen rundbogig ausgehauenen
Felsengang, zu dem man auf einer hohen Steintreppe gelangt, betreten
kann. Von den Gebäuden auf dem Felsenkamme haben sich nur unbedeutende
Mauerreste erhalten: die Burg ist 1756 in rühmlichem Kampfe zu Grunde
gegangen; 10 Tage verteidigte sich die schwache Besatzung von noch nicht
400 Mann gegen ein Franzosenheer von 6000 Mann, das 562 Bomben und andre
Geschosse hineinwarf; da war die zerschossene Burg nicht mehr zu halten,
die freiwilligen Harzschützen schlugen sich in die Wälder, und die
zurückbleibenden Invaliden kapitulierten mit Ehren. Welch ein Erfolg!
Ganz Paris illuminierte und sang unter Freudenschüssen ein Tedeum. Und
eiligst steckte der Sieger, der General Vaubecourt, den wir von Klausthal
her schon kennen, die Gebäude in Brand, ließ die Mauern von Lauterberger
Bergleuten sprengen, und machte sich dann, auf die Sprengung der Felsen
verzichtend, aus dem Staube, denn die Hannoveraner unter dem Herzog
Ferdinand waren im Anmarsch.
[Illustration: Abb. 78. =Quedlinburg.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Ein kurzer Gang durch den herrlichen Buchenwald, der hier die Höhen
schmückt, führt uns nach der Einhornhöhle. Viel früher bekannt, als die
größeren und durch schönere Tropfsteingebilde ausgezeichneten Höhlen bei
Rübeland, hatte sie hohen Ruf als die Fundstätte eines wertvollen und
fast unfehlbar wirkenden Heilmittels, des »Einhorns« d. i. der verkalkten
Knochen vorweltlicher Tiere. Heute haben diese Knochen als die
Schriftzeichen der fernsten Zeit einen ungleich höheren Wert, sie
erzählen uns, daß die weiten Hallen dieser Höhle einst von
Gletscherbächen durchspült wurden, denn die Knochen sind durch Rollung im
Wasser gleich den Flußkieseln gerundet, daß aber die vor der jüngeren
Eiszeit trockene Höhle von Menschenfressern bewohnt war, denn die
Markknochen, darunter auch die von Menschen, sind zerschlagen.
[Illustration: Abb. 79. =Altertümer in der Quedlinburger Schloßkirche.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Wenn wir unsere Wanderung durch den lauschigen, schattigen Wald ein
Stündchen fortsetzen, stehen wir plötzlich unter dem Gipfel eines Berges,
der mit wunderbaren Felsgebilden bedeckt ist, die an die Teufelsmauer
oder die Bodensteiner Klippen erinnern, vor dem Eingange zur Steinkirche,
einer natürlichen Höhle, deren Einrichtung als Kirche von der Sage dem
heiligen Bonifatius zugeschrieben, von den Bauverständigen in dessen
Zeit, in das achte Jahrhundert (spätestens in das neunte) gesetzt wird:
der Steinaltar, die Kanzel, die Nischen für den Weihwasserkessel und ein
Heiligenbild, die Balkenlöcher für das Schiff der Kirche sprechen
deutlich für die Benutzung der Steinkirche als des Chores eines uralten
Gotteshauses.
Von Scharzfeld wendet sich die Oder auf Pöhlde, die Klosterstiftung der
edlen Königin Mathilde, bespült die vorgeschichtlichen Wallburgen des
Rotenbergs und gibt ihre durch die Sieber verstärkten Wasser bei
Catlenburg an die Ruhme ab, deren Quelle, die mächtigste in Deutschland,
südlich von Pöhlde hervorbricht.
Die Sieber, diese Schwester der Oder, entspringt am Ostabhange des
Bruchberges, verstärkt sich kräftig aus den Mooren des Rotenbruchs und
hüpft und sprudelt zwischen dem Bruchberge und dem Sonnenberge in einem
tief eingerissenen Thale, das trotz seiner malerischen Schönheit von den
Touristen erst kaum entdeckt ist, an dem gleichsam aus den Alpen hierher
versetzten Dörfchen Sieber vorüber, dem 250 Meter hoch gelegenen Flecken
Herzberg zu, dessen hochragendes, weithin schimmerndes Schloß uns zu
einem Besuche einladet.
[Sidenote: Herzberg.]
Wie Scharzfeld und Pöhlde war Herzberg (Abb. 43), das von Kaiser Lothar
erbaut sein soll, ursprünglich Reichsgut und gelangte erst 1157 durch
Tausch in den Besitz der Welfen. Nachdem es schon der Kaiserin Maria und
mehreren Herzoginnen von Braunschweig als Witwensitz gedient hatte, nahm
es Heinrich der Wunderliche (_mirabilis_), der Stifter der Linie
Grubenhagen, zur Residenz, und solche ist es bis zum Erlöschen
derselben im Jahre 1596 geblieben; und als 1617 infolge einer
reichskammergerichtlichen Entscheidung das von Wolfenbüttel okkupierte
Fürstentum der Celleschen Linie als der nächstberechtigten zugesprochen
war, nahm hier Herzog Georg, der allein von den sieben Brüdern des Hauses
Celle sich standesgemäß vermählen durfte, seine Residenz; unter den acht
Kindern, die ihm hier geboren wurden, ist Ernst August, der erste
Kurfürst von Hannover und Vater Georgs I., des ersten Königs von England
aus dem Hause Hannover. Von der alten Burg sind nur noch die Keller
vorhanden; der größte Teil des jetzigen Schlosses ist nach einem
schrecklichen Brande im Jahre 1510, der alle Urkunden und Lehnbücher
vernichtete und dem Herzog Philipp und seiner Gemahlin kaum die
Möglichkeit ließ, unangekleidet durch einen Sprung aus dem Fenster das
Leben zu retten, neu aufgeführt; der Graue Flügel stammt aber erst aus
dem Jahre 1861.
Das auf der südlichsten, mit seinem Abfall dem Harz zugekehrten Kuppe des
Osteroder Gipszuges malerisch gelegene Schloß wirkt bei seiner einfachen
Architektur besonders durch seine große Ausdehnung.
XII.
Der Brocken und das Brockenfeld.
[Sidenote: Das Brockenfeld.]
Nördlich vom Andreasberger Dreieck und östlich von der Klausthaler
Hochebene erstreckt sich stundenweit die eigenartigste Hochebene des
Harzes, wie sie mit denselben Charakterzügen sich schwerlich zum
zweitenmal in deutschen Gebirgen findet, das Brockenfeld. Im Westen von
dem 926 Meter hohen Bruchberge und den sanfteren Erhebungen des
Sonnenberges (842 Meter) und des Rehberges (894 Meter), im Süden von dem
Rücken der Achtermannshöhe, dessen Hornfelskegel (926 Meter) die Alten
für einen Vulkan hielten, und dem bis zu 968 Meter aufsteigenden
Wurmberge begrenzt, reicht sie im Osten bis an den Brocken und seine
rechte Schulter, den durch die hochragenden Hirschhörner gezeichneten
Königsberg. Im Norden stellen die Lärchenköpfe und der Quitschenberg eine
schwache Verbindung zwischen dem Bruchberge und dem Brocken her, doch
rechnen wir auch das nördlich dieser gleichsam nur angedeuteten
Begrenzung belegene, von Ecker und Radau durchschnittene Stück, das man
als ein durch den Einschnitt des Okerthales abgetrenntes Glied der
Klausthaler Hochebene ansehen könnte, um der gleichartigen Natur willen
zum Brockenfelde.
[Illustration: Abb. 80. =Klopstock-Denkmal in Quedlinburg.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Im Mittel 810 Meter hoch, erhebt sich diese höchste Ebene unseres
Gebirges in ihrer Mitte in den »Oberen Schwarzen Tannen« nur zu 877
Meter. Diese fast völlige Einebnung ist durch die Torfmoore erfolgt, sie
haben alle Vertiefungen und Einschnitte des Untergrundes allmählich
ausgefüllt. In vorgeschichtlicher Zeit war diese Wüstenei ebenso
bewaldet, wie die Harzberge von gleicher Höhenlage. Die starken
Fichtenstämme, die kräftigen Kiefern, die weißleuchtenden Birken (_Betula
alba_), die Haselnußstaude, die man in den unteren Torfschichten findet,
liegen sämtlich mit der Spitze nach Südwest, als hätte ein Nordoststurm
den Wald niedergeworfen. Aber die Moorbildung läßt doch nur den Schluß
zu, daß diese Niederlegung des Waldes auf Eruptionen des Brockengranits
zurückzuführen ist, durch die zugleich Senkungen in der Oberfläche
hervorgerufen wurden, in denen sich Hochmoore bilden konnten. Und die
Scheereritkrystalle, die sich zwischen Rinde und Holz der in der Tiefe
von dreiundeinhalb Meter liegenden wie frisch erscheinenden 60 Centimeter
starken Kiefernstämme[1] gebildet haben, weisen jenes Ereignis in sehr
frühe, wohl in die vorgeschichtliche Zeit.
[1] Die Ansicht einiger, daß Fichte und Kiefer erst in geschichtlicher
Zeit (aus dem Vogtlande, sagt Hampe noch dazu) in den Harz
eingeführt seien, ist grundfalsch.
Die kleine verkrüppelte Birke, welche auf dem Brockenfelde und in den
andern Hochmooren des Oberharzes an die Stelle des Hochwaldes getreten
ist, ist die grauborkige _Betula pubescens_, doch findet sich auch,
namentlich auf dem Lärchenfelde beim Torfhause in großer Ausdehnung, die
eigentliche Zwergbirke (_Betula nana_). Von den Weidenarten sind
besonders _Salix aurita_ und _repens_ sowie die Bastardform _S.
repenti-aurita_ vertreten. Unter den Moosen überwiegt die Gattung
_Sphagnum_ in zehn Arten. Wegen ihrer holzigen Stengel und dichten
Blätter ist die sehr häufig vorkommende Gattung _Polytrichum_, in
geringerem Grade auch _Bryum_, _Hypnum_ und _Orthotrichum_ an der
Torfbildung beteiligt. Von den Heidekräutern finden sich die Besenheide
(_Calluna vulgaris_) und fleischfarbene Glockenheide (_Erica carnea_),
nicht aber die Sumpfheide (_Erica tretalix_). Auch die Heidel- und die
Kronsbeere, die Rauschbeere (_Vaccinium uliginosum_) und die Moosbeere
(_Oxycoccos palustris_) gehören dem Torfgrunde an; und überall finden
sich Simse und Sonnentau, Rispen- und Wollgräser, Seggen und Binsen,
Knaben- und Habichtskräuter und an weniger feuchten Stellen auch der
Bärlapp in sechs Arten, Labkraut und andre Harzpflanzen.
Der Torfstich hat in diesen Hochmooren trotz wiederholter Versuche
aufgegeben werden müssen, da in der feuchten Luft der Torf nur selten
trocken wird. Doch verdanken wir jenem die Kolonie »Torfhaus«, die
größere der beiden Oasen des Brockenfeldes.
Den Gletschern der Alpen gleich, die zahlreichen Bächen und Flüssen das
Leben geben und diese unausgesetzt mit ihrem Abfluß speisen, sind die
Torfmoore des hohen Harzes die unerschöpflichen Wasserreservoire, aus
denen seine Flüsse sich unaufhörlich versorgen, aus denen selbst Quellen,
die erst am Fuße des Gebirges zu Tage treten, auf dem reinigenden Wege
durch die Gesteinsklüfte ihr Wasser erhalten. Und auch die
Wasserleitungen, die den Gruben und Hütten das Betriebswasser zuführen,
schöpfen aus diesem unversieglichen Quell, ohne den sich niemals der
großartige Betrieb bei Andreasberg und Klausthal hätte entwickeln können.
Und welche wunderbare Wirkung übt das Brockenfeld mit seiner hehren
Stille, mit seiner allgewaltigen Einsamkeit auf Herz und Gemüt! Diese
finsteren, warnend abwehrenden Moore bilden mit den flechtenbehangenen,
spärlich genährten Fichten und Birken, die sich in Streifen
hindurchziehen oder in losen Gruppen darüber verstreut sind, mit den vom
Beerengestrüpp überwucherten mächtigen Granitklippen, die hier in den
Breitensteinen riesigen Opferaltären vergleichbar emporragen, dort als
Magdbett und Hopfensäcke von mählich verklingenden Sagen leise umweht
werden, mit dem in Vergessenheit versunkenen Kaiserwege, auf dem einst
schon der »Heiden« Fuß wanderte, mit der das Feld beherrschenden
Achtermannshöhe und den andern so ausdrucksvollen Bergkuppen ringsherum
einen vollen und reinen Akkord, durch den der Wahlspruch der
Benediktiner: _Solitudo sola beatitudo_ gleichsam sehnsuchtsvoll und doch
erquicklich als Grundton hindurchklingt und in deinem Gemüt wie einst in
dem unsers Dichterfürsten Goethe die Saiten mitklingend in Schwingungen
setzt.
[Sidenote: Der Brocken.]
Der 1142 Meter hohe Brocken, der zweite Berg Preußens, überragt das
Brockenfeld nur um etwa 370 Meter und imponiert von hier aus nur durch
seine massige Form. Dagegen schiebt er im Nordosten seinen Fuß bis an
den Rand des Gebirges vor, um 900 Meter hoch aus der Ebene von
Wernigerode und Ilsenburg aufzusteigen, und gewährt von dieser Seite
einen imposanten Anblick.
[Illustration: Abb. 81. =Ritter-Denkmal in Quedlinburg.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Sein Fuß steht in der Region des Nadelwaldes. Es sind dunkle, hohe
Fichten, zwischen denen wir hinansteigen. Aber bald wird der Wald
lichter, Granitbrocken und Scherben bedecken den Boden, Himbeer- und
Brombeerstrauch erklettern die mit Flechten überzogenen Trümmer; hier
hält eine Fichte einen Granitblock, ihre Wurzeln immer tiefer in seine
engen Spalten treibend, fest umklammert, dort breiten Heidelbeere und
Heidekraut über den mit Erde gemischten »Hexensand«, einer Anemone oder
einem Habichtskraut Schutz gewährend, ihr dunkelglänzendes Gewand. Doch
auch anspruchslose Gräser finden ihre spärliche Nahrung auf geeigneten
Fleckchen. So ist dieser Brockengürtel, der im Norden und Nordosten fast
die Form der Hochebene annimmt, zugleich die Region der Viehhöfe.
Bei weiterem Ansteigen gelangen wir in die Region der Brüche und Moore,
zu denen außer dem Brockenfelde das Jakobs-, das Landmannshohne- und das
Hannekenbruch gehören. Nur einige Forsthäuser liegen in dieser Einöde.
Und nun noch ein kräftiges Ansteigen durch wirre Klippenfelder, die
wunderlich gestaltete Fichten tragen, wie sie sich eignen würden für die
Faust des Wilden Mannes auf unseren Münzen; das Wurzelwerk oft hochhin
freistehend oder eingekeilt von Felsengebröckel, der Stamm knorrig und
wetterhart, in dichte Moosdecke wie in wärmenden Pelz gehüllt, der Gipfel
fast immer gebrochen oder in Knickung seitwärts gelenkt, die zerzausten
Zweige fest anliegend, dicht mit weißgrauer Flechte bedeckt und hie und
da mit langen Zotten der Bartflechte behangen; und unter jedem Steine
fast und jedem Baume flüstert geschwätzig und surrt und brodelt das
quellende Wasser. Doch schon befinden wir uns auf dem abgerundeten Gipfel
des Brockens (Abb. 44). Schneidend fegt der Wind über die baumlose Kuppe,
Wolken umtanzen gespensterhaft die Granitkolosse, für die man die Namen
Teufelskanzel, Hexenaltar, Hexenwaschbecken erfunden hat, und plötzlich
umfängt uns beängstigend der dichte Nebel. Beschleunigten Schrittes eilen
wir dem gastlichen Brockenhause zu. Welche Enttäuschung! Vielleicht
werden wir -- wie sogar der Oberlehnsherr des Brockens König Friedrich
Wilhelm III. mit seiner Gemahlin am 31. Mai 1805 -- den Rückweg antreten
müssen, »ohne etwas gesehen zu haben«.
[Illustration: Abb. 82. =Suderode.=
(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]
Doch ruhig nur! uns ist der Vater Brocken hold. Sieh, da kommt ein Riß in
die Wolken, und durch den Spalt erblicken wir wie durch eine Waldschneise
sonnbeschienen, hellstrahlend das herrliche Fürstenschloß Wernigerode und
darüber in dem hellen Streifen Türme und Dörfer bis in die weite Ferne.
Da saust eine neue Wolke herein, und das Bild ist verschwunden. Aber wie
durch Zauberkunst thut bald hier bald da ein andrer Wolkenspalt sich auf,
jetzt über das Brockenfeld hinaus bis nach Klausthal, jetzt gar bis nach
dem Possenturm bei Sondershausen, dem Gothaer Schlosse und dem
Inselsberge.
Und nun legt sich der Wind, und die Sonne beginnt den Kampf mit den
Wolken und erringt den Sieg: schon ist der Brockengipfel frei, und rings
an der Kuppe sinkt der Nebel tiefer und tiefer. Wir stehen auf einer
hellbeleuchteten Insel im weiten, wallenden Wolkenmeere, jetzt tauchen
auch Königsberg und Heinrichshöhe auf und verbinden sich mit dem Brocken.
Wurmberg, Acker, Kahlenberg und andre Inseln erscheinen, die Buchten
werden kleiner, die Halbinseln wachsen, der ganze Oberharz wird zum
Festlande. Mählich tritt dann der Nebel auch im Südosten zurück, der
Unterharz taucht auf, und nun liegt das ganze Gebirge so klar, so
wunderschön vom weißen Meere unabsehbar umflutet und umspült, -- ein
entzückendes Schauspiel. »Heiterer, herrlicher Anblick!« jubelt unser
Goethe, »die ganze Welt in Wolken und Nebel, und oben alles heiter!«
Auch das Relief des Brockengebirges, das man vom 18 Meter hohen Turm
gewinnt, ist unter allen Umständen interessant. Die Brockengruppe im
engeren Sinne, von der Kalten Bode, der Ecker und der Ilse begrenzt,
umfaßt außer dem Brocken die 1045 Meter hohe Heinrichshöhe und den 1030
Meter hohen Königsberg, seine beiden »Schultern«. Im weiteren Sinne
gehören zum Brockengebirge namentlich noch: im Norden der Pesekenkopf
(645 Meter), der Scharfenstein (696 Meter), der Meinekenberg und der
Sandthalskopf; im Osten der Gebbersberg (685 Meter), der Renneckenberg
mit den wilden Zeterklippen (929 Meter) und den nicht weniger wilden
Hohneklippen (902 Meter), der Erdbeerkopf (857 Meter) und der Arensklint;
im Süden der Barenberg mit den Schnarcherfelsen, der große und kleine
Winterberg (902 und 837 Meter) und der Wurmberg (968 Meter).
[Illustration: Abb. 83. =Gernrode.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]