Grafen von Werder und später ein Zweig der Woldenberger schrieb,
ersteigen wir auf bequemem Waldpfade den Weinberg, der uns bis dahin das
Schloß Söder verdeckte. Da, wo die Bockenem-Hildesheimer Chaussee vom
Dorfe Nette aus die Höhe des Weinbergs in Schlangenwindungen erklettert,
hat man einen großartig schönen Blick über die wellenförmige Bockenemer
Ebene auf das Harzgebirge: auf den üppig bewaldeten Muschelkalkzug der
Nauer Berge und der Osterköpfe türmen sich terrassenförmig die dunklen
oberharzischen Berge von Lautenthal, Goslar und Klausthal auf, und über
sie alle schaut aus weitester Ferne der Vater Brocken mit dem Königsberge
herüber, oft noch weißgelockt, wenn hier schon alles grünt und blüht, oft
auch im Strahl der scheidenden Sonne mit flammenumspieltem Scheitel.
Wirkungsvoller als dieser ist kein andrer Blick auf den Harz.
Eine viertelstündige Wanderung durch stattlichen Buchenwald führt uns
nach dem Schlosse Söder (Abb. 26). Überraschend schön liegt es inmitten
seines herrlichen Parkes mit blinkenden Teichen, prächtigen Baumgruppen
und sammetartigen Rasenflächen. Anfang des vorigen Jahrhunderts war
dieses Schloß des kunstsinnigen Domherrn Moritz von Brabeck der
Sammelpunkt berühmter und hochstehender Personen; von seinen Gästen nenne
ich nur C. von Strombeck, den Freiherrn zum Stein, Graff und Iffland,
Karoline von Humboldt und Marie Körner; auch die Königin Luise von
Preußen war hier im Jahre 1805.
[Sidenote: Schloß Derneburg. Der Woldenberg.]
Bildet Söder mit seiner Flur eine stille, liebliche Waldoase, so blickt
das Schloß Derneburg (Abb. 27), der Familiensitz des Fürsten Münster,
frei ins Land hinaus. Gar wirkungsvoll heben sich die rotbedachten
Schloßgebäude mit ihren vielen Türmchen vom dahinter aufsteigenden
buchengrünen Donnersberge ab.
[Illustration: Abb. 66. =Schloß Blankenburg.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Ein noch fahrbares Stück der mittelalterlichen Augsburger Straße
benutzend, ersteigen wir von dem Marktflecken Holle aus, der Heimat des
Ritters Berthold von Holle, der als der erste in diesem Teile
Deutschlands im Anfange des dreizehnten Jahrhunderts in deutscher
(höfischer) Sprache dichtete, den Woldenberg, den alten Herrschersitz
dieser Lande weit und breit. Dem weitverzweigten Grafengeschlecht der
Woldenberger, dessen Stammvater Ludolf vom Kaiser Lothar ausdrücklich zu
den »Fürsten« gezählt wird, kam zur Zeit der Staufer in den Harzlanden
kein andres an Macht und Ansehen gleich; im Besitze vieler Burgen und
Schirmvogteien, übten sie den Königsbann in acht Gauen. Die »Seele der
kaiserlichen Partei« in Norddeutschland, haben die Woldenberger ihre
Kräfte im Kampfe für die Hohenstaufen verzehrt, und Graf Gerhard, der
Letzte des Geschlechts, starb 1383 ziemlich verarmt.
Vorübergehend Residenz des Fürstbischofs, ward der Woldenberg 1641 durch
Kaiserliche teilweise zerstört, doch konnte die Burg noch anderthalb
Jahrhunderte als Amthaus bewohnt werden, ehe man sie als Steinbruch
benutzte. Vor etwa 50 Jahren ist der hohe Bergfried, aus dem oben die
Bäume ihre grünen Arme herausstreckten, vor der weiteren Zerstörung
geschützt und zu einem herrlichen Aussichtspunkte umgewandelt. Nach allen
Seiten reicht der Blick weit über Wald und Land, über fruchtbare Thäler
und immer höher sich auftürmendes Gebirge. Überaus anmutig leuchtet im
westlichen Vordergrunde das Schloß Henneckenrode (Abb. 28), die Blumsche
Waisenstiftung, mit seinen Teichen über das Waldgrün hervor, und nicht
weniger herzerquickend ist der Blick auf den mittleren Teil des
Ambergaues mit seinen reichen, gesegneten Fluren, seinen schmucken
Dörfern, die sich um die einst woldenbergsche Stadt Bockenem gruppieren.
Wohl erhalten ist auch das von zwei Türmen flankierte Thorhaus, von denen
der eine in Form eines Dreiviertelkreises in den trockenen, in den Fels
gebrochenen Burggraben vorspringt und in seinem Obergeschoß ein
polygonales, aus Fachwerk gebautes Turmzimmer trägt.
[Sidenote: Der Hainberg.]
An der Felsschlucht unterhalb des Binnenhofs, die uns den Wahlspruch
eines »Drosten«: »_Solitudo solo beatitudo!_« nachruft, vorüber, lenken
wir unsere Schritte den lauschigen Wald uralter Eichen und Buchen hinab,
wie man sie in solcher Schönheit nur selten noch zu sehen bekommt, dem
auf scharf abfallendem Felsvorsprunge in stiller Waldeinsamkeit des
Hainbergs belegenen St. Hubertus-Jägerhause zu, an dessen Felsenkapelle
(Abb. 29) sich die Sage von der Bekehrung des heiligen Hubertus, des
Schutzpatrons der Jäger, knüpft. Das von Künstlerhand zu beiden Seiten
des Altars in die Felswand gehauene Relief -- hier der Hirsch mit dem zum
Kruzifix gewordenen Jagdspieß im Geweih, dort auf den Knieen der Jäger
mit anbetend erhobenen Händen, hinter ihm der Knappe mit dem Jagdroß, --
stammt nach der an der gegenüberliegenden Grottenwand eingehauenen
Inschrift aus dem Jahre 1733; älter ist die arg beschädigte und vom Rauch
geschwärzte Darstellung am äußeren Felsen, nach welcher der vom Hirsch
durch eine Schlucht getrennte Hubertus sein Roß selbst hält.
[Illustration: Abb. 67. =Blankenburg im 17. Jahrhundert= (nach Merian.)]
In etwa einer Viertelstunde erreichen wir vom Jägerhause die
»Bodensteiner Klippen«, aus dem üppigen Buchenwalde hoch und steil
aufsteigende, kahle Sandfelsen, ähnlich der Teufelsmauer bei Blankenburg
und offenbar derselben geognostischen Bildung angehörend. Der Aufstieg
auf eine der zugänglich gemachten Klippen gewährt bei guter Beleuchtung
der Landschaft hohen Genuß.
X.
Die Okerlandschaft.
Der dritte Fluß der Klausthaler Hochebene, die Oker, das ist reißender
Strom, schlägt dieselbe »widersinnige« Richtung ein wie die Innerste. Sie
entspringt beim Okerstein am Westabhange des Bruchberges in 800 Meter
Meereshöhe, stürzt bis Altenau 320 Meter in einem Querthale steil herab
und vereinigt sich innerhalb der Stadt mit der kleinen Oker, der jetzt
Schneid- das ist Grenzwasser genannten Altenah und dem durch den
Rotenbach verstärkten Gerlachsbach.
[Illustration: Abb. 68. =Blankenburg.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Eine Oase im grünen Waldmeere, liegt die jüngste Bergstadt Altenau, --
fast nur auf einer Seite von einer blumenreichen Wiesenflur, die aber
einen steilen Berg darstellt, begrenzt, in die schützenden Thäler
eingesenkt. Prächtige Spaziergänge namentlich den Dammgraben entlang, der
den Bruchberg in Schlangenwindungen umzieht, ein herrlicher Blick über
den ganzen Westharz von der Wolfswarte, vor allem aber der großartig
schöne Weg über den Nabenthaler Wasserfall und an der Steilen Wand hin
nach dem Torfhause fesseln gleichmäßig den Sommerfrischler wie den
Harzwanderer. Den Ahrendsberg mit seinen Klippen, einen Glanzpunkt des
Harzes, ersteigen wir am besten von dem unterhalb der Hütte
gelegenen Gemkenthal auf dem Wege nach Harzburg.
[Illustration: Abb. 69. =Dorfstraße in Schierke.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
[Sidenote: Romkerhalle.]
Sich windend und krümmend zwängt sich die durch das Weißewasser, durch
Kellwasser und Kalbe und kleinere muntere Bäche verstärkte Oker nach
Norden durch eine enge Spalte festen, weißen Granits. Schäumend umtanzt
sie die Granitbrocken, die ihr den Weg versperren möchten; umspielt den
Jaspisfelsen der hellschimmernden Birkenburg; finster blickt der
Ahrendsberg hernieder; wunderbare Felsgebilde, manche durch eine einzelne
Föhre oder durch eine kleine Gruppe dieser »Harzceder« ausdrucksvoll
bezeichnet, schauen von den fichtendunklen Höhen herab, wie der Mönch,
der große Kurfürst, die Madonna, Zieten, der schlafende Löwe; großartiger
aber noch sind die Granitkolosse am Wege nach Harzburg, die sich nicht in
den Vordergrund drängen: die Grotte und die Mausefalle, diese
unheimlichen Bauwerke der Natur, die jeden Augenblick zusammenzubrechen
drohen, die Hexenküche und die Bastei der »Käste«. Die interessanteste
und wildeste Strecke des Okerthals ist die vom Gasthaus Romkerhalle, wo
von rechts die Romke mit etwas Nachhilfe in drei Absätzen 65 Meter hoch
vom buntgebänderten Felsen springt (Abb. 30), von ferne gesehen einem
herabhängenden breiten Silberbande nicht unähnlich, und die zerschäumten,
zersprengten und zerstäubten klaren Wasser in dem der buntgemischten,
allstündlich sich erneuernden Gesellschaft erfrischende Kühle
zuhauchenden Becken zu sammeln sucht, bis abwärts zum Waldhause am Beginn
des Goslarschen Fußweges: im frühen Mittelalter führte kein Weg neben dem
Flusse herauf, und die später hergestellte gefährliche Fahrstraße hielt
sich streckenweise in respektvoller Entfernung; erst um 1860 ist ihr
durch Sprengung der Felsen überall Raum neben dem Flußbett geschaffen;
großartige neue Bilder erschließt aber der Fußweg durch das bisher
unzugängliche Klippengewirr zur Linken, an dem der Harzklub eifrig
arbeitet.
[Illustration: Abb. 70. =Schierke.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
An majestätischer Schönheit läßt sich mit dem Okerthale nur das Bodethal
in Parallele stellen; wem der Preis gebührt, ist nicht zu sagen. Sind
die Bodefelsen kühner gestaltet, wilder, schroffer, aber durch das helle
Buchengrün doch gleichsam warm abgetönt, so wird der Ernst der weniger
jähen, aber immerhin trotzig und mehr in Einzelgestalten
herausspringenden Okerfelsen durch das düstere Tannengrün der mächtigen
Bergwände, von denen sie sich kräftig abheben, stimmungsvoll verstärkt:
verschieden wie die Meisterwerke zweier großer Maler, aber gleich in
ihrem bestrickenden Eindruck auf Sinn und Gemüt.
Auf der 14 Kilometer langen Strecke von Altenau bis zu dem großen
Hüttenorte Oker, wo der Fluß in 210 Meter Meereshöhe in das Land tritt,
hat er ein Gefälle von 1 : 52.
[Sidenote: Goslar.]
Zwischen dem Sudmerberg, auf dem eine alte Warte weithin die Straßen
überblickt, und dem Petersberge, auf dem oberhalb der Klus, eines vom
großen Christoph als Sandkorn aus dem Schuh geschütteten Felsen mit
eingehauener Kapelle, die Grundmauern des Petersstiftes bloßgelegt sind,
eilt der Innerste die beim Auerhahn entspringende Gose zu, nach der
Goslar (Abb. 32) seinen Namen führt.
Die erste Blütezeit dieser Kaiserstadt (die 979 zum erstenmale urkundlich
genannt wird) schließt mit dem Ende der Staufer. Ihres Glanzes als
Residenz nach und nach entkleidet, gewann sie doch bald unter den Städten
der Hansa einen festen, Achtung gebietenden Stand. Von grundlegender
Bedeutung war die Erlangung der vollen Selbständigkeit: im Jahre 1290
traten ihr die Grafen von Woldenberg die Reichsvogtei ab: an die Stelle
des Woldenbergischen Dienstmannes trat nun der städtische Vogt, an die
Stelle der Grafen selbst ein von der Stadt auf bestimmte Jahre gewählte
Schutzherr; bald darauf ward auf Grund der von den Kaisern verliehenen
Rechte und der alten Weistümer (Gerichtsentscheidungen) das Rechtsbuch
entworfen, das als Goslarsches Recht in vielen Städten Eingang fand, so
daß der Rat zu Goslar der Oberhof für ein ganzes Land wurde. Mit Geschick
und Nachhaltigkeit wußte sie auch den freien Stiftern in und vor ihren
Mauern wertvolle Rechte abzugewinnen und sich in den Besitz der vom
Bergbau zu zahlenden Vogteigelder zu setzen. Ihren nach Flandern, Wisby
und Nowgorod reichenden Handel schützte sie durch ihre Bündnisse mit den
benachbarten Städten, durch ihre Freundschaft mit den Bischöfen von
Hildesheim und den Herzogen von Braunschweig, durch Erwerbung des
Pfandbesitzes der sie einengenden Burgen. Im Anfange des sechzehnten
Jahrhunderts, wo sie Luthers Reformation annahm, hatte Goslar, eine »der
acht fürnembsten von allen Erbarn- Frey- und Reichs-Städten«, den zweiten
Höhepunkt der Entwickelung und Wohlstandes erreicht. Ihre
Befestigungswerke waren verstärkt und Wälle und Türme mit grobem Geschütz
reichlich ausgestattet. 40 gottesdienstliche Stätten zeugten vom frommen
und wohlthätigen Sinne der Bürger.
Trotz und Übermut gegen ihren Bergherrn knickte die zweite Blüte der
Stadt gewaltsam, brach ihre Macht für alle Zeiten. Im Jahre 1235 hatte
Friedrich II. dem Herzog Otto dem Kinde den kaiserlichen Bergzehnten und
damit das volle Bergregal erblich zu Lehen gegeben, und Ottos Sohn
Albrecht als Bergherr 1271 die älteste Bergordnung des Harzes erlassen.
1375 waren dann Zehnten und Berggericht in den Pfandbesitz des Rates der
Stadt gekommen, der mehrfach, zuletzt noch 1509, die Pfandsumme erhöhte,
um die Einlösung zu erschweren. Der energische Heinrich der Jüngere aber,
der eifrige Bergmann im Oberharz, kündigte der Stadt die Pfandschaft und
zahlte die mit Hilfe der vermittelnden Städte Magdeburg und Braunschweig
auf fast 25000 rheinische Gulden für seine Hälfte festgesetzte Pfandsumme
trotz ihres Widerstrebens aus und ließ sich auch von seinem Vetter
Philipp von Grubenhagen dessen Hälfte der Pfandschaft abtreten. Da
weigerte sich die Stadt, den Herzog als Bergherrn anzuerkennen und seinem
Berggericht sich zu fügen, stellte trotzig den ganzen Bergbau ein,
ergriff die Waffen gegen den in Riechenberg lagernden Herzog und
verwüstete am 22. Juli 1522 alle innerhalb der Landwehr belegenen
geistlichen Stiftungen, das berühmte Petersstift, das reiche Kloster
Georgenberg und die Kirche des heiligen Grabes. Doch gewann Goslar
infolge der Verwickelungen des Herzogs in die großen Händel der Zeit und
seiner Gefangennahme in der Schlacht bei Calefeld noch einmal eine kurze
Frist. Im Jahre 1552 fand Heinrich endlich Zeit, mit Ernst gegen Goslar
vorzugehen. Und so übermütig die Reichsstädter einige Jahrzehnte zuvor
gewesen waren, so demütig zogen sie nun nach Riechenberg hinaus und baten
um Frieden. In diesem Vertrage zu Riechenberg mußte der Rat mit seinen
Zugeständnissen weit über das früher vom Herzog Geforderte hinausgehen,
diesen auch zum Erbschutzherrn annehmen und ihm den größten Teil der
Forsten abtreten. Mit der Selbständigkeit der Stadt war's für immer
vorbei, und der Bergbau am Rammelsberge gehörte fortan den Herzögen von
Braunschweig.
[Illustration: Abb. 71. =Braunlage.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Zu Ende des dreißigjährigen Krieges, der auch noch den Handel der im
Rückgange begriffenen Stadt lahm legte, war die Kämmerei tief verschuldet
und die durch die Pest gezehntete Bürgerschaft entkräftet. Eine
verheerende Feuersbrunst von 1728 führte zu weiterer Verarmung, so daß
Goethe sie 1777 die vermodernde Reichsstadt und der spätere Minister von
Schön, der sie 16 Jahre nach der Feuersbrunst von 1780 sah, die 244
Gebäude in Asche legte, sie »einen sehr kleinen, traurigen,
menschenleeren Ort« mit einem Magistrat von 99 Personen (wobei er die 55
Gildevertreter mitzählt) nennen konnte. Die Käuflichkeit ihrer Justiz war
sprichwörtlich, die in hohem Grade verarmte Bürgerschaft wurde vom
kleinlichsten Zunft- und Kastengeist beherrscht.
Der Übergang an Preußen im Jahre 1802 legte den ersten Grund zu neuem
Aufschwung: die Landstadt Goslar erhielt das bedeutende Vermögen der
reichsunmittelbaren Stifter zugewiesen, das die Reichsstadt niemals
besessen hatte, und erhielt ein geordnetes Kirchen- und Schulwesen. In
der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts begann dann die Stadt,
namentlich nach ihrem Anschluß an das Eisenbahnnetz, sichtbar fröhlich
aufzublühen; und wie der wiedererwachte Sinn für Geschichte und
Altertumskunde ihr jährlich einen starken Strom wißbegieriger Reisenden
zuführt, so veranlaßt ihre schöne und gesunde Lage gar manchen auch zu
dauernder Niederlassung. Sie hat jetzt 16400 Einwohner.
Unsern Rundgang durch die Stadt, die uns noch immer ein gut Stück
mittelalterlicher Baukunst vorführt, beginnen wir beim Bahnhofe. Zwischen
dem »Achtermann« aus dem Jahre 1500, einem der vier mächtigen Zwinger des
Rosenthores, und dem Kloster Neuwerk, dessen malerisch im wohlgepflegten
Klostergarten belegene Kirche, eine zweitürmige romanische
Pfeilerbasilika mit Querhaus, um das Jahr 1200 erbaut ist, gelangen wir
durch die enge Fischmäkerstraße auf den von zwei Seiten durch
hochinteressante Häuser eingeschlossenen Marktplatz.
Am wirkungsvollsten ist die 1494 als Gildehaus der Gewandschneider
erbaute Wort (jetzt Hotel Kaiser-Wort) mit einem auf konsolenartigem
Unterbau vorspringenden achteckigen Mittelturm und vier erkerartigen
Ausbauten. Die acht hölzernen -- vom Spötter Heinrich Heine mit
gebratenen Universitätspedellen verglichenen -- aus Holz verfertigten
lebensgroßen Figuren, welche in gotischen Nischen zwischen den
rechteckigen Fenstern stehen, werden gewöhnlich als acht um Goslar
verdiente Kaiser, vom Professor Küsthardt aber als »die acht guten
Helden« angesprochen.
[Illustration: Abb. 72. =Hermannshöhle. Blaue Grotte.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Das Rathaus, in Heines Augen nur »eine weiß angestrichene Wachtstube«,
besteht aus einer Gruppe einen kleinen Lichthof einschließender Gebäude
aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, deren Frontseite auf
einem von achteckigen Pfeilern getragenen Bogengange mit Kreuzgewölbe
ruht (Abb. 31). Durch die ehemalige Gerichtslaube betreten wir die
»Rathausdiele«, den alten Huldigungssaal; von ihren alten Kronleuchtern
trägt einer der aus Hirschgeweihen gefertigten die schöne Inschrift:
O goslar, du bist togedan
Den hilgen romesken rike
Sunder middel (d. i. Falsch) unnd wane,
Nicht macstu darvon wiken.
Das jetzt Huldigungszimmer genannte Zimmer mit reichem, wertvollem
Bilderschmuck an Wand und Decke, welcher die Weissagungen vom Messias im
Heidentum durch die Sibyllen, im Judentum durch die Propheten und die
durch die Evangelisten bezeugte Menschwerdung Christi zum Grundgedanken
hat, wird die alte Ratskapelle sein; es enthält wertvolle Urkunden und
Altertümer, darunter ein prachtvolles, mit farbenschönen Miniaturen
geziertes Evangelienbuch aus dem dreizehnten Jahrhundert, und in der
kleinen Altarconcha, deren Gemälde Christi Leiden und den Heiland als
Weltenrichter darstellen, besonders die silberne Bergkanne, eine
ausgezeichnete Arbeit aus dem Jahre 1477. -- Das wunderlichste Baudenkmal
ist das vom Magister Thalling 1521 erbaute Brusttuch, ein Patrizierhaus
mit trapezförmiger Grundfläche und völlig windschiefem Dache,
Glasmalereien an den gotischen Fenstern und reichem Schnitzwerk --
Ornamenten, Figuren und phantastischen Gestalten -- an Schwellen,
Ständern und Konsolen. Zierlicher und anmutiger ist das 1557 erbaute
Bäckergildehaus.
[Illustration: Abb. 73. =Treseburg.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
[Sidenote: Kaiserhaus in Goslar.]
Durch die Breite Straße, die noch hübsche alte Häuser mit Erker und
vorgekragtem Obergeschoß und geschnitzten Balkenköpfen aufzuweisen hat,
gelangen wir an das Breite Thor mit seinen vier starken Türmen und über
den Annenwall mit seinen Teichen und alten Ulmen an dem 1517 erbauten
dicken Zwinger, der in seinen sechs Meter starken Mauern drei Reihen
Geschütze und 1000 Bewaffnete aufnehmen konnte, vorüber auf das
Kaiserbleek. Von dem 1819 für 4515 Mark auf Abbruch verkauften herrlichen
Dome ist nur die um 1200 angefügte Vorhalle (Abb. 33) mit dem sogenannten
Krodoaltar, einem aus niedersächsischer Gießerei hervorgegangenen
tragbaren Altar, und andre von Kaisererinnerungen umwehte Andenken
erhalten. Aber das einst zum Schauspielhause entweihte, dann
glücklicherweise als Kornmagazin benutzte Kaiserhaus (vergl. Abb. 3), in
dessen Thronsaale einst der Sachsen, Salier und Staufer ruhmreicher
Schild hing, blickt als ein Wahrzeichen der Einigung unseres Volkes
wieder hoch und stolz auf die alte Stadt herab, und wieder prangt in dem
48 Meter langen großartigen Reichssaale der auf vier steinernen Kugeln
ruhende metallne Kaiserstuhl, -- im Anfange dieses Jahrhunderts für 28
Thaler meistbietend verkauft, hat ihn das Vermächtnis des verewigten
Prinzen Karl auf seinen alten Platz zurückgestellt.
Die herrlichen Wandgemälde von der Hand des Professors Wislicenus zu
beschreiben, fehlt hier der Raum; ich muß mich auf Andeutung des
Grundgedankens beschränken. Das große Mittelbild der Westwand stellt in
koloristischer und dekorativer Vollendung und genialer Komposition die
Wiedergeburt des Deutschen Reiches im Jahre 1871 dar: Germania mit dem
Antlitz der edlen Königin Luise reicht dem siegreich heimkehrenden Kaiser
Wilhelm dem Großen am Triumphbogen die Kaiserkrone dar (Abb. 34). Die
sechs Hauptbilder derselben Wand, jedes mit zwei Predellen,
veranschaulichen sechs Akte eines Dramas, die Geschichte des ersten
Kaisertums von Heinrich II. bis Friedrich II.: Heinrich II. wird in der
Peterskirche gekrönt, Heinrich III. führt den Papst Gregor VI. gefangen
über die Alpen, Heinrich IV. büßt zu Canossa, Friedrich I. demütigt sich
vor Heinrich dem Löwen, Friedrich I. siegt bei Ikonium, Friedrich II.
empfängt in Palermo eine arabische Gesandtschaft. Die acht Nebenbilder
derselben Wand behandeln im engen Anschluß an die Hauptbilder die
Geschichte des Kaiserhauses.
[Illustration: Abb. 74. =Bodekessel.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Die Gemälde der Südwand, drei größere (Karl der Große zerstört die
Irmensäule [Abb. 35], Karls des Großen Sieg über die Sachsen, seine
Krönung zu Rom, Wittekinds Taufe) mit drei Predellen bilden den Prolog,
die der Vorderwand (Luther zu Worms [Abb. 36], die schmalkaldischen
Bundesgenossen empfangen zusammen das heilige Abendmahl, Karl V. in St.
Just) den Epilog zum Schmuck der Hauptwand; und die Fensterwand ist
Darstellungen aus dem Märchen (Dornröschen) und der Sage (Barbarossa)
gewidmet.
Von dem Teil des Kaiserhauses, der die kaiserlichen Wohnräume enthielt,
hat nur ein Stück der Grundmauer bloßgelegt werden können, dagegen ist
die an sie grenzende, ehemals zur Feldhüterwohnung erniedrigte St.
Ulrichskapelle, ein Meisterstück architektonischen Erfindungsgeistes,
denn sie bildet unten ein griechisches Kreuz, oben ein Achteck, wieder zu
Ehren gebracht, so daß sie dem Herzen und den Eingeweiden des großen
Kaisers Heinrich III. eine würdige Ruhestätte gewährt. Dem Kaiserbeet ist
jüngst durch die bronzene Reiterstatue Barbarossas (von Toberentz) und
das gleichfalls bronzene Standbild Wilhelms des Großen (von Schott) ein
prächtiger Schmuck zu teil geworden.
[Illustration: Abb. 75. =Eingang ins Bodethal.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Von den Kirchen erwähne ich nur noch die ehrwürdige Frankenberger Kirche
mit ihren wieder aufgefrischten großartigen Wandmalereien; am Aufstieg zu
dem bepflanzten Nonnenberge und den in einen hübschen Park umgewandelten
Schieferhalden belegen, durch die sich schattige Spazierwege nach dem
Gosewasserfall und dem durch eine wundervolle Aussicht lohnenden
Steinberge schlängeln, gewährt sie einen wahrhaft malerischen Eindruck.
XI.
Die Oderlandschaft.
[Sidenote: Der Bruchberg-Acker.]
Von der Klausthaler Hochebene, deren Flüsse uns bislang als Wegweiser
gedient haben, wird das »Andreasberger Dreieck« durch den Bruchberg-Acker
abgetrennt. Eine Wanderung den auf dem Kamme des Ackers laufenden Fastweg
entlang wird durch die stetig wechselnden Bilder, die sich bald rechts
nach Klausthal hin, bald links über Andreasberg auf den Ravensberg und
Jagdkopf (Stöberhai) aufthun, zuletzt aber durch den großartigen
Fernblick von den ruinenartigen Felsgruppen, welche sich, von Rentier-
und isländischer Flechte, von Sumpf- und Moosbeere überwuchert, aus dem
Tannendickicht meist nur wenig erheben, der Hanskühnenburg (810 Meter)
und den Seilerklippen (750 Meter), reichlich belohnt. Und welchen Genuß
gewährt eine Fahrt von der Stieglitzecke (828 Meter), wo unfern des
Hammersteins (800 Meter) mit seinem Blick in die schluchtenartigen
Seitenthäler jener Fastweg sich abzweigt, auf der Klausthal-Andreasberger
Poststraße nach dem als Sommerfrische rühmlichst bekannten Sonnenberge
und von hier, links abbiegend, der imponierenden Achtermannshöhe entgegen
nach dem waldumschlossenen Oderteiche (Abb. 37) und den Rehbergergraben
entlang nach Andreasberg.