Die Wasser der Klausthaler Hochebene fließen der Söse, der Innerste und

der Oker zu. Die Söse entspringt als große und kleine Söse am jähen

Abfall des Bruchberges unter den Söseklippen in der Nähe des Dammhauses.

In raschen Sprüngen (Gefälle 1 : 14) eilt sie in ihrem tiefen, engen

Thale bis Kamschlacken (410 Meter), wird hier etwas ruhiger und tritt

beim Scherenberge oberhalb Osterode mit einem Gefälle von 1 : 60 in das

Land. Von besonderer Schönheit ist ihr Thal von Kamschlacken über

Riefensbeek bis zur Limpicher Brücke.

Wo die Söse bei ihrem Austritt aus dem eigentlichen Gebirge den Lerbach

aufnimmt, an dem sich, eng und tief zwischen die Berge eingeklemmt, das

gleichnamige große Eisenhütten- und Waldarbeiterdorf stundenweit bis

unter die Kuckholzklippe und den Heiligenstock hinaufzieht, liegt hart

zwischen dem Harze und einem Hügelzuge freundlich die wichtige

Fabrikstadt Osterode (Abb. 22). Im Jahre 1130 zuerst erwähnt, erhielt der

Ort zwischen 1218 und 1223 vom Pfalzgrafen Heinrich Stadtgerechtsame und

trat im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts -- wo die Stadt, sonst auf

Ackerbau und Handel angewiesen, Mittelpunkt einer bedeutenden

Eisenindustrie ward -- in den Bund der Hansa. Doch war die Blüte nur von

kurzer Dauer. Daß ihr Handel und Wandel mehrfach vom räuberischen Adel

der Nachbarschaft und von gemeinen »Räubern und Strodern (dies ist das

deutsche Wort für Vagabund) auf dem Harze« geschädigt ward, war nicht

das Schlimmste. Der übermütige, trotzige Sinn ihrer Bürgerschaft

verwickelte sie in Fehden, deren eine ihr gar die Reichsacht zuzog, und

die langjährigen Zwistigkeiten jener mit dem Rate gediehen im Jahre 1510

zu offenem Aufruhr und grauenhaftem Morde: die Bürger stürzten ihren

Bürgermeister Freienhagen vom Rathause in die Spieße der untenstehenden,

die seine Leiche schmählich in Stücke hieben. Zu diesen das Gemeinwesen

schwer schädigenden Vorgängen gesellten sich Verheerungen durch Brand und

Seuchen: am 1. September 1545 ward die ganze Stadt bis auf 46 Häuser und

die Vorstädte ein Raub der Flammen, und in die Zeit von 1566 bis 1625

fallen sechs schwere Pestjahre. -- Die Schrecken des dreißigjährigen

Krieges, Brandschatzungen durch Braunschweiger, Kaiserliche und Schweden,

Belästigung durch die sogenannten Harzschützen brachten die Stadt an den

Rand des Verderbens. Die schwerste Heimsuchung knüpft sich an den Namen

Merode. Vom 17. bis 22. Oktober 1631 legte sich dieser Pappenheimische

General mit acht Regimentern vor die Stadt, forderte 40000 Thaler

Kontribution und ließ, als diese Summe nicht gezahlt werden konnte,

sofort seine Geschütze und Mörser spielen, auch die nicht geschützten

Vorstädte zum schreckenden Beispiel »gänzlich ruinieren und ausplündern«.

Vergebens bat der Rat »um Christi Blutes und Todes willen« fußfällig um

Gnade, vergebens versuchten die Schulknaben und Mägdlein den harten

Kriegsmann milde zu stimmen, vergebens war die Bitte der Bürger, mit Weib

und Kind unter Zurücklassung aller Habe die Stadt verlassen zu dürfen.

Die Kirchen wurden erbrochen, das Regierungsgebäude ausgeraubt, den

Bürgern Wollen- und Leinentuch und andre Ware, auch Pferd und Wagen

genommen, und Merode selbst nahm alles vorhandene Geld, Gold und Silber

als Abzahlung, für den Rest hafteten die Geiseln, die er mit sich führte.

Nach jenem verderblichen Kriege hat sich die Stadt in stetiger und

ruhiger Entwickelung zu einer der ersten Fabrikstädte des Harzes

emporgeschwungen (7100 Einw.).

[Illustration: Abb. 57. =Wernigerode.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

Unter der aus Flußkieseln erbauten Marktkirche ist die Fürstengruft der

letzten Herzöge von Grubenhagen, deren Stamm 1596 mit Philipp II.

erlosch, und ihrer Gemahlinnen. Das älteste Gebäude ist die mit der zwei

Meter höher gelegenen Schloßkirche verbundene sehr starke viereckige

Wegsklause. Eine malerische Gruppe bildet vor dem Johannisthore die Ruine

der landesherrlichen Burg mit ihren in Gärten umgewandelten Gräben und

der wie jene aus Flußkieseln in Gips erbauten Johanniskirche an ihrem

Fuße. Wohl von den Grafen von Catlenburg vor 1130 erbaut, ging sie 1143

an deren Erben Heinrich den Löwen über und diente noch bis 1512 als

Witwensitz der grubenhagenschen Herzoginnen. Jetzt wohnt in dem

epheuumrankten, zur Hälfte abgespaltenen mächtigen runden Turme nur

noch die holde »Osterjungfrau«, die Wohlthäterin der Armen.

[Illustration: Abb. 58. =Rathaus in Wernigerode.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

Die Söse, welche in der Stadt das große Kornmagazin bespült, aus dem die

oberharzischen Bergleute ihr »Herrenkorn« zu billigem Preise erhalten,

folgt gleich den andern Flüssen dieses Harzrandes erst noch eine längere

Strecke dem Gebirge in nördlicher Richtung; erst zwischen Badenhausen und

Eisdorf gelingt es ihr, angesichts der Ruinen der Hindenburg und des

Lichtensteins durch eine Lücke im Gipszuge nach Süden zu entschlüpfen, um

sich dann, bei Dorste sich westlich wendend, bei Elvershausen in die

Ruhme zu ergießen.

IX.

Die Innerstelandschaft.

Die Innerste, der zweite und wichtigste Fluß der Klausthaler Hochebene,

hat ihre Quelle in dem auf alten Karten Innerstesprung genannten

Entensumpfe, unfern des Dorotheer Zechenhauses, verstärkt sich durch die

Abflüsse der großen Bergwerksteiche, von denen der Bärenbrucher, der

Pixheier, der Schwarzenbacher, der Ziegenberger und der Große Sumpfteich

bei Buntenbock die bedeutendsten sind, sammelt ihre Wasser in dem schön

gelegenen, 477000 Kubikmeter fassenden Prinzenteiche bei der Ziegelhütte

und schlägt in einem von hier ab deutlich ausgeprägten Thale nördliche

Richtung ein. Wo ihr der Zellbach die Wasser von 19 Teichen von rechts

zuführt, wirbelt die Klausthaler oder Frankenscharner Silberhütte ihre

Rauchwolken verwüstend in die Luft.

[Sidenote: Rauchblößen.]

Wenn wir uns einer im Walde oder in der Nähe desselben belegenen

Silberhütte, nicht bloß der Klausthaler, nähern, so fällt es uns auf, daß

die Fichten an den Berghängen statt des normalen Grün ein eigentümliches

Blaugrau oder ein schmutziges Dunkelgrün, oder häufiger noch ein ganz

helles Gelbgrün zeigen. Und treten wir, um ihn näher zu betrachten, an

einen solchen Baum heran, so finden wir neben normalgrünen fahle,

mißfarbige, gelb-, trocken-, rotspitzige und ganz rote Nadeln; je näher

wir der Hütte kommen, desto mehr nimmt diese Entfärbung von Grün in Rot

zu, und da die roten Nadeln meist abfallen, so überzieht eine hohe, lose

Nadelschicht den Waldboden, die Bäume werden fast kahl, die Äste und bei

jüngeren Bäumen auch der Stamm dunkel bis kohlschwarz, die Äste trocken,

die Kronen licht, und noch ehe wir die Hütte erreichen, endet der Wald

mit weit auseinanderstehenden, ganz dünn benadelten Baumkrüppeln, die

aussichtslos den letzten Kampf um ihr Leben kämpfen.

[Sidenote: Waldvergiftung.]

In unmittelbarer Nähe der Hütte aber wächst weder Baum noch Strauch noch

Grashalm. Diese Rauchblöße der Klausthaler Hütte umfaßt 200 Hektar

früheren Waldboden gegen 10 Hektar im Jahre 1750. Daran schließen sich

aber noch 180 Hektar stark beschädigte Bestände mit spärlicher Heide und

kümmerlichem Grase. Wie von dem völlig vegetationslosen Blößenterrain,

dessen zusammenhaltende Grasnarbe längst weggeräuchert ist, der Boden

bis auf den letzten Rest von den Regengüssen abgespült wird, so daß

demnächst nur der nackte Fels erhalten bleibt; so werden die jetzt

lückigen Bestände allmählich in vollständige Blößen übergehen und die

mäßig und schwach geschädigten nacheinander lückig werden. Aber da die

klimatischen Verhältnisse und die Terrainbildung dieselben bleiben, so

wird wenigstens das Gesamtschädigungsgebiet sich schwerlich noch

vergrößern.

[Illustration: Abb. 59. =Das Frankenfeldsche Haus in Wernigerode.=

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

Was den Wald vergiftet und tötet, ist nicht etwa der metallische

Flugstaub, den die Hütten im Hüttenrauch in die Luft senden. Der schadet

wohl dem Rindvieh, das in der Nähe der Hütten weidet -- der zuweilen

tödliche »Kopfjammer« ist eine Bleivergiftung; der ruft auch bei

Hirschen, die dort äsen, die abnormen Geweihbildungen hervor, die wir in

den Harzer Forsthäusern mit Verwunderung betrachten; und die

halbgelähmten Drosseln und Finken, die wir im Herbste kraftlos von einem

Steinhaufen an der Chaussee zum andern flattern sehen, haben sich an den

mit feinem Bleistaub bedeckten, verlockenden Vogelbeeren den Tod geholt.

Aber das Gift, das den Pflanzen durch den Hüttenrauch zugeführt wird, ist

die schweflige Säure. Wie die Chausseebäume bei Silbernaal zeigen, ist

die schädliche Wirkung dieser Säure bei den Laubbäumen bedeutend geringer

als bei den Nadelbäumen, denn während das im Rauch erkrankte Laubblatt

bald durch ein gesundes ersetzt wird, summiert sich in den Nadeln die

Schädigung für mehrere Jahre. Nach den gemachten Erfahrungen und

angestellten Versuchen sind die Eiche und die Ahornarten am

widerstandsfähigsten, und nur mit dem Eichenniederwalde kann der

Verwüstung mit Erfolg Halt geboten und dann vom Bestandesrande aus auch

den Rauchblößen schrittweise wieder Terrain abgerungen werden.

[Sidenote: Metallaufbereitung.]

Ehe wir in die Hüttengebäude eintreten, werfen wir einen kurzen Blick in

die oberhalb des Hüttenbahnhofes terrassenförmig aufsteigende

Aufbereitungsanstalt, die größte der Welt. Oben beim Ottiliäschacht

beginnend, wo bis vor kurzem die mit Erz gefüllten Eisenkästen

unmittelbar aus den Schiffen 400 Meter hoch gehoben und gestürzt wurden

und jetzt die Wagen der elektrischen Bahn, welche die Erze des

Burgstätterzuges herzuführt, entladen werden, nehmen wir die entsetzlich

prasselnden Steinbrecher und weiter die Walzwerke (zur Zertrümmerung) und

Trommeln (zur »Klassierung«, Sonderung nach dem spezifischen Gewicht) in

Augenschein, durchwandern die Sortierhäuser, wo das Klauberz durch der

Pochknaben flinke Hand in Bleiglanz, Blende, Kupfer- und Schwefelkies,

»Pocherz« und »Berg« geschieden wird, die Pochwerke, wo 176 je 180

Kilogramm schwere eiserne Stempel mit ihrem stählernen »Schuh« die Erze

in Tiegeln aus Hartguß unter so entsetzlichem Lärme zerschmettern, daß

man auch den lautschreienden Nachbar kaum versteht, sehen dann Stoßherd,

Setzmaschine und Kehrrad arbeiten und treten durch die Schlammwäsche

wieder ins Freie.

[Illustration: Abb. 60. =Markt und Rathaus in Halberstadt.=

(Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin.)]

Auch auf der Hütte steigen wir zunächst in die oberen Räume, sehen hier

die Schliechvorräte der einzelnen Gruben lagern und abwägen, dann nieder

steigend auf der »Gicht« die Beschickung der Öfen (Schliech,

Niederschlagsmaterial, Flußmittel) und im Hüttengebäude selbst von den

von den bläulichen Flammen umzuckten und umspielten Öfen die glühenden

Metallmassen zischend und wieder aufwallend in die kesselartigen

Vertiefungen strömen, die Kruste des Bleisteins herausheben und das

Werkblei in lange, schmale Formen füllen und nehmen zum Schluß, mit dem

Silberblick auf Lautenthal vertröstet, auf dem Hüttenhofe die Röstung des

Bleisteins, die jenen die Vegetation zerstörenden Hüttenrauch

hinaussendet, in Augenschein (Abb. 21).

[Illustration: Abb. 61. =Halberstadt.=

(Nach einer Photographie von Stengel & Co. in Berlin.)]

[Sidenote: Grund. Wildemann. Lautenthal.]

Weiter der Innerste folgend, gelangen wir unterhalb des »Silbernaals« an

die Stelle, wo der Fluß einen Teil seiner Wasser den Gruben bei Grund

durch den den Bauersberg durchsetzenden Schultestollen zusendet.

In ein nach oben sich verzweigendes, aber nur nach dem Lande zu offenes

Thal eng und geschützt eingebettet, ist die Bergstadt Grund (Abb. 24) der

älteste der oberharzischen Kurorte, übt aber, nur durch einen rings umher

laufenden, meist stark ansteigenden grünen Wiesenstreifen vom frischen

Laub- und Nadelwald getrennt, durch die Anmut seiner Lage und die

Schönheit seiner Umgebung noch immer seine alte Anziehung aus. Obwohl nur

etwa 300 Meter hoch und fast am Rande des Oberharzes gelegen, erhält es

durch die einschließenden Berge, namentlich durch den fast jäh

aufsteigenden Iberg (das ist Eibenberg) wirklichen Gebirgscharakter.

Unsern Weg zu diesem 562 Meter hohen Korallenriff nehmen wir über den

Hübichenstein und die Tropfsteinhöhle. Jener ist der 40 Meter hohe

feinkörnige Kalksteindoppelfelsen, unter dem der wohlthätige Zwergkönig

Hübich, der verzwergte Wuotan, seine reichen Schätze bewacht; diese

enthält eine ganze Reihe schöner Gebilde, von denen der »versteinerte

Wasserfall« am überzeugendsten wirkt; in der Nähe seines Einganges steht

die einzig übriggebliebene Gruppe alter Eiben (Taxus), von denen der Berg

seinen Namen hat. Von der Plattform des die hohen Buchen überragenden

Holzturmes überblickt man einen Teil des westlichen Oberharzes, vor allem

aber über das zu den Füßen »im Grunde« liegende Städtchen hinaus die

welligen Hügellandschaften bis zum Turmberge bei Hackenstedt und

Griesberge bei Almstedt im Norden und den die Kahle Zelle bei Grünenplan

überragenden Wesergebirgen im Westen und dem Herkules und Meißner und den

Thüringer Bergen im Süden.

Ein bequemer Abstieg führt uns über den »Schweinebraten« zurück in das

sich immer tiefer einschneidende Innerstethal. In eine halbkreisförmige

Krümmung desselben und in das hier mündende Spiegelthal liegt Wildemann

(Abb. 23), die kleinste der sieben Bergstädte, hart eingeklemmt. Die

Berge steigen unmittelbar hinter den Häusern so steil an, daß das duftige

Heu der Bergwiesen nur in »Säumen« auf dem Rücken von den Frauen

eingeschafft werden kann, und daß vor einigen Jahren ein Riß am Berge

eine Häuserreihe in die Innerste zu schieben drohte. Bei der Linde vor

dem Rathause, die nach der Inschrift der wilde Mann höchst eigenhändig

gepflanzt hat, erinnern wir uns daran, daß der zum Sinnbild des Harzes

gewordene Wildemann, der die Moosweibchen (die Wolken) jagt, mit dem

Sturmgott Wuotan, dem wilden Jäger, identisch ist.

Da die Innerste das Gebirge in »widersinniger« Richtung zerreißt, so

bietet ihr in seinen Windungen so abwechselungsvolles Thal neben dem

Flußbett kaum Platz für die Fahrstraße, schon die Eisenbahn hat sich

durch und in die Felsen graben müssen. So sind denn auch Siedelungen an

ihr, selbst die Zechen- und Forsthäuser und Sägemühlen, nur da möglich

gewesen, wo durch Einmündung eines Baches eine Thalerweiterung entsteht.

Die Berge um Lautenthal (Abb. 25) sind noch höher als bei Wildemann, aber

die nur noch 300 Meter -- 125 Meter tiefer als diese -- belegene Stadt

konnte sich etwas behäbiger ausbreiten: die Straßen ziehen sich im Thale

der Laute und auf einem mählich steigenden Berghange auf dem rechten Ufer

ziemlich weit hinauf. Von der Höhe über der »Prinzeß Karoline«, die der

schöne Fußweg über die Schildauköte nach Seesen erklettert, hat man einen

großartig schönen Blick auf die Stadt.

Bei Langelsheim, wo -- wie in Lautenthal -- eine Silberhütte dampft,

tritt der Fluß durch eine majestätische Gebirgspforte in das Vorland. Bei

niedrigem Wasserstande erscheint sein Wasser schon hier fast

durchsichtig; der giftiges Bleioxyd führende Pochsand hat sich im

kiesigen Flußbett nach und nach niedergeschlagen. Rührt aber Hochwasser

diese Schlammmassen auf und reißt sie brausend mit fort, dann ist die

Innerste eine graue, dicke Flüssigkeit, und wo sie über ihre Ufer steigt,

lagert sie unglaubliche Mengen des feinen Pochsandes auf Wiesen und Äcker

im unteren Innerstethal ab.

Auf ihrem linken Ufer eilt der Innerste das Flüßchen Neile zu, die das

Schlachtfeld von Lutter und die Heimat des sagenhaften »Thedel von

Wallmoden Unverfehrt« bespült.

[Illustration: Abb. 62. =Inneres des Domes zu Halberstadt.=

(Nach einer Photographie von Römmler & Jonas in Dresden.)]

Längeren Laufes und wasserreicher als die Neile, die bei der

Darmpfuhlsmühle mündet, ist die Nette, welche der Innerste alle Wasser

zuführt, die von dem hohen Bergzuge auf dem linken Ufer dieses Flusses

bei Wildemann nach Westen rinnen. Am höchsten greift der Pandelbach, die

alte Grenze zwischen Engern und Ostfalen, zwischen Mainz und Hildesheim,

hinauf; seine Quelle liegt an dem allen Harzwanderern bekannten »Keller«,

einem haustief in das bröcklige Gestein steil eingeschnittenen schmalen

Hohlwege, auf dem einst den Walkenrieder Hütten im oberen Nettethal die

Rammelsbergschen Erze zugeführt wurden. Welch ein beschwerlicher Umweg!

Aber die Gegend zwischen Langelsheim und Hahausen war ehemals -- und noch

zur Zeit der Schlacht bei Lutter -- ein unpassierbarer Sumpf.

[Sidenote: Münchehof. Kirchberg.]

Bei Münchehof (das ist Hof der Walkenrieder Mönche) tritt der Pandelbach,

in dessen klaren Wassern das üppige Buchengrün flimmernd sich spiegelt,

aus dem Oberharze heraus. Gleich darauf bespült der verstärkte Bach das

alte, aber außen und innen modernisierte Schloß Kirchberg, das mit seinem

Burggraben und seinem von prächtigen Baumgruppen begrenzten Schloßteiche

sich von dem fruchtbaren Gefilde gar ausdrucksvoll abhebt. Nach ihm

benannten sich Heinrichs des Jüngeren legitimierter Sohn Heinrich

Theuerdank und dessen Mutter Eva von Trott.

Die nicht bedeutenden Ruinen der Staufenburg -- namentlich ein dicht von

Epheu umwobener zerspaltener Turm und Reste des Eingangsthores, vor dem

eine mächtige Linde von hohem Alter steht -- finden sich auf einem Kegel,

der aus dem buchenbestandenen Muschelkalkzuge, der den Oberharz im Westen

in geringem Abstande begleitet, wenig auffällig hervorragt. Hervorragende

Bedeutung für die Kulturgeschichte des Oberharzes erhielt die Burg, als

1505 hier die Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Wolfenbüttel ihren

Witwensitz nahm und dem Bergbau ihre ganze Liebe zuwandte. Um sich an der

sich mehr und mehr ausdehnenden Montanindustrie zu erfreuen, besuchte sie

gar oft persönlich den rasch aufblühenden Ort »im Grunde«, dessen Kapelle

sie zur Pfarrkirche erhob. In ihre Fußstapfen trat 1521 ihr Großsohn und

Erbe, Herzog Heinrich der Jüngere. Mochte ihn vielfach auch die Sehnsucht

nach seiner geliebten Eva, an deren Statt er eine ausgestopfte Puppe nach

fein gespielter Todeskomödie mit Sang und Klang in Gandersheim hatte

begraben lassen, nach der Staufenburg ziehen, wo sie in stillster

Einsamkeit, mehr einer Gefangenen als einer fürstlichen Geliebten

ähnlich, ihre Jugendjahre verlebte; so besuchte er doch auch später, als

er 1541 Eva mit ihren Kindern nach der festeren Liebenburg geschickt

hatte, häufig die Staufenburg, um von hier aus seine neu entstandenen

Bergstädte Zellerfeld und Wildemann, deren Gruben und Hütten in

Augenschein zu nehmen. -- Von seinen Nachfolgern aber hat keiner auf der

verschwiegenen Burg auch nur vorübergehend residiert. So verfiel sie nach

und nach, und 1778 fand man den Aufenthalt in dem alten Gemäuer selbst

für die Gefangenen und deren Wärter zu lebensgefährlich.

[Illustration: Abb. 63. =Michaelstein.=

(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]

Die Nette, welcher der Pandelbach und mehrere andre größere und

zahlreiche kleine Bäche ihr Wasser zuführen, entspringt am Netteberge bei

Herrhausen. Ihr Gebiet führt -- sogar noch im Volksmunde -- den Namen

Ambergau.

Von rechts nimmt die Nette die aus dem Oberharze kommende Schildau auf.

Der Weg von der Schildauköte am Fuße des Schildberges, der die

unbedeutenden Ruinen einer vom Grafen Hermann von Winzenburg um 1148

erbauten Burg trägt, auf dem »Forellenstieg« an dem schäumenden Flüßchen

hinunter über den »Grünen Jäger« nach Seesen gehört zu den schönsten im

ganzen Harze.

[Sidenote: Seesen.]

Seesen, in den Friedensverhandlungen zwischen Heinrich dem Zänker und den

sächsischen Großen 984 zuerst erwähnt, hat erst nach Anlage der

Eisenbahnen, die von ihm strahlenförmig nach fünf Seiten laufen,

kräftigen Aufschwung genommen und weniger begünstigte Städte raschen

Schrittes überholt. Unter den wenigen alten Häusern, welche die häufigen

Feuersbrünste überstanden haben, ist außer dem früheren Schlosse kaum ein

architektonisch bedeutsames.

Obwohl Seesen in einer Höhe von nur 219 Meter am Rande des Oberharzes

liegt, fühlt und glaubt man sich hier mitten im Gebirge, denn die Höhen,

welche den Ambergau im Westen begrenzen, und die Berge, welche von

Hahausen das rechte Netteufer begleiten, erscheinen dem Auge fast von

gleicher Höhe wie der eigentliche Harz. Mit besonderem Wohlgefallen aber

ruht es auf dem Bergzuge des Heber, dessen helles Laubgrün zu dem

gegenüberliegenden dunkeln Harzwalde einen freundlichen Kontrast bildet.

Gleich einem verwitterten, halb zertrümmerten Felsen ragt aus den hohen,

schlanken Buchen ein altes Gemäuer hervor und überschaut wie ein

Herrschersitz den Gau thalauf und -ab. Es ist die Ruine der Burg

Woldenstein, der Sage nach die Heimat des vom heiligen Bernward, seinem

Verwandten, erzogenen gelehrten Bischofs von Meißen (1066-1106) und

eifrigen Bekehrers der Wenden, des vom Papste Hadrian VI. 1523 heilig

gesprochenen St. Benno. Aber die Burg ist erst 1295 von den Grafen von

Woldenberg erbaut. Ihr Ende fand sie 1519 in der verwüstenden

»Stiftsfehde«.

[Illustration: Abb. 64. =Mönchseiche bei Michaelstein.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

Der Nette folgend, treten wir bei Rhüden, wo aus den oberen Schichten des

bunten Sandsteins eine schwache Sole quillt, in die Gegend des erst

einige Jahrzehnte alten, aber lohnenden Kalibergbaues ein, der von hier

den Nordrand des eigentlichen Harzes im Halbbogen umzieht.

[Sidenote: Bockenem.]

Über die durch ihre geschmackvollen Gußwaren rühmlichst bekannte

Wilhelmshütte und die durch Steinbrüche zerwühlte Stätte der Pfalz

Königsdahlum gelangen wir nach Bockenem, der anmutig gelegenen, alten

Hauptstadt des Ambergaues, die von den Grafen von Woldenberg, deren

Wappen sie noch heute führt, schon im Jahre 1300 Stadtgerechtsame

erhielt. Nach den großen Feuersbrünsten von 1685 und 1847 arm an

altertümlichen Bauwerken, macht doch die vom Flußufer sanft aufsteigende

Stadt mit ihren breiten, sauberen Straßen und behäbigen Bürgerhäusern,

ihrem geräumigen, mit Linden bepflanzten und von zwei Kirchen begrenzten

Marktplatze einen wohlthuenden Eindruck. Weit blickt der mächtige 60

Meter hohe Turm der Pancratii-Kirche, dessen unterer, festungsartiger

Teil wohl noch aus der Zeit Ludwigs des Frommen stammen mag, rings in die

Lande hinaus. Im Innern des einfach-schönen Gotteshauses, einer

dreischiffigen, gotischen Hallenkirche, fallen besonders die sehr alten

aus Holz geschnitzten Standbilder der Apostel und der heiligen Jungfrau,

welche -- lange unter Steingeröll begraben -- vom Professor Küsthardt

kunstverständig renoviert, das in Formen der Spätrenaissance reich

dekorierte messingene Taufgefäß und das von dem aus Bockenem stammenden

Maler Nepperschmidt herrührende Wandgemälde »der barmherzige Samariter«

ins Auge. In ihrer Nähe liegt das einzige Fachwerkhaus aus dem

sechzehnten Jahrhundert, die alte Generalsuperintendentur; im Winter 1626

diente sie Tilly als Hauptquartier.

[Illustration: Abb. 65. =Burg Regenstein.=

(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]

[Sidenote: Schloß Söder.]

Der Harz · 第 5 / 12 段