Anfängen bis in das Jahr 1775 reicht, wird in den nächsten Jahren ein
ihrer Bedeutung würdiges Heim erhalten. Begünstigt durch ihre Lage
inmitten der mannigfaltigsten und musterhaft eingerichteten Montanwerke
des Harzes, dieser Pflanzstätte für den gesamten deutschen Bergbau, steht
diese Hochschule auch im Auslande in hohem Ansehen und bringt den Namen
Klausthal in allen bergbautreibenden Ländern der Erde zu Ehren.
Das interessanteste Profanhaus des Oberharzes ist die im Jahre 1674
erbaute Bergapotheke in Zellerfeld (Abb. 14) mit ihren fratzenhaften
Köpfen an Front und Giebel bis zum Dache hinauf -- dem Wahrzeichen der
Stadt --, schönen Zimmerdecken, die in Stuck Christi Leidensgeschichte,
Jagdscenen, allegorische und mythologische Bilder und andres vorstellen,
und zwei mächtigen Kaminen mit kunstvoll eingemeißelten Verzierungen.
Die Umgebung von Klausthal bietet des Interessanten gar viel. Wir
schlagen einen der wohlgepflegten, sauber mit Gräupchen (Kies) bestreuten
Anfahrwege ein, welche von allen Straßen und Gassen den Gruben zuführen,
und schließen uns einer Schar schwarzer Gestalten an, die unter den von
den Kirchtürmen leise herüberzitternden Klängen der Anfahrglocke, das
Grubenlicht in der Hand, im Busenraum des Kittels ein tüchtiges Stück
Brot und ein »Einschteckel-Wirschtel«, dem Schachte zueilen.
Doch eh' der schwarze Kittelmann
In seine Tiefe fährt,
Stimmt er ein frommes Lied erst an,
Das seinen Herrgott ehrt;
Bergmannsblut hat frommen Mut.
Der Vorbeter, ein alter, würdiger Bergmann, leitet im Betsaale des
Zechenhauses die Andacht am Eingange der Arbeitswoche.
[Sidenote: In den Schächten.]
Nun wird das Grubenlicht entzündet, das uralte, offen brennende Licht,
denn dem Harzer Bergmann drohen keine »schlagenden Wetter«, und von den
Zurückbleibenden mit dem Wunsche: »Es gieh eich wull!« (Es gehe euch
wohl!) begrüßt, tritt einer nach dem andern auf die Fahrkunst, die --
jetzt von Dampfkraft getrieben -- den Bergmann ruckweise binnen kurzem in
die Tiefe führt. Wie Sterne, die nach und nach erblassen, leuchten die
Grubenlichter noch eine Zeit lang herauf, dann umhüllt rabenschwarze
Nacht den Fahrschacht bergestief.
Nicht mehr wie vor alters mit »Schlegel und Eisen«, wie er es zum Kreuze
zusammengefügt als Schmuck und Standesabzeichen führt, schrämt vor Ort
der Bergmann mühsam am Gestein, nein mit Bohrer und Fäustel und gar mit
komprimierter Luft treibt er seine Bohrlöcher wuchtig in den Felsen und
sprengt diesen mit Pulver und Dynamit (Abb. 15). Und elektrische Bahnen
unter und über Tage schaffen an Stelle der vor kurzem noch so berühmten
unterirdischen Schiffahrt die Erze nach den Aufbereitungsanstalten,
Sortierhäusern, Wäschen und Pochwerken, die das zerkleinerte
Stufferz und den mittels mancherlei hydraulischen Separations- und
Anreicherungsmaschinen gewonnenen Schliech der Hütte zuführen.
[Illustration: Abb. 48. =Kurhaus und Aktienhotel in Bad Harzburg.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Die tiefsten Schächte, voran der Kaiser Wilhelm II., bringen an 900 Meter
Teufe ein, der 157 Meter hohe Kölner Dom ließe sich darin sechsmal
aufeinanderstellen. Welch winzige Zwerge sind dagegen die nur 22 Meter
tiefen Schächte des »Alten Mannes«, der die Wasser noch nicht zu
bewältigen verstand. Aber völlig gelungen ist dies auch erst den
riesenhaften Arbeiten der Neuzeit, dem 1799 fertiggestellten
Georgstollen, der unterhalb der Bergstadt Grund mündet, und dem 1864
eingeweihten Ernst-August-Stollen, der sein mit Türmen und Zinnen
geschmücktes Mundloch auf der Schützenwiese bei Gittelde hat und mit
seiner Länge von 26 Kilometern mehr wie die Hälfte länger ist als der
große Gotthardtunnel.
Und großartig wie die Abführung der Wasser der Tiefe ist auch die
Zuführung der Tagewasser, deren Grube, Pochwerk und Hütte trotz der in
Dienst genommenen mächtigen Dampfmaschinen nicht entraten können. Wo man
auch nur wandert im Oberharze, überall trifft man Sammelgräben und meist
»im Festen« stehende Wasserläufe, als dürfe kein Tropfen des kostbaren
Wassers verloren gehen. Die größte dieser Pulsadern des Bergbaues, der
1732 angelegte und 1840 erweiterte Dammgraben, zwingt selbst die
Moorwasser des fernen Brockenfeldes zur Bergarbeit; nachdem er in 790
Meter Meereshöhe die Abbe, ein Nebenflüßchen der Ecker, abgefangen hat,
durchschneidet er das Quellgebiet der Bode, Oker und Söse, überschreitet
auf dem 1 Kilometer langen und 16 Meter hohen Sperberhaier Damme die
Wasserscheide zwischen Oker und Söse und speist, mit seinen Zufuhrgräben
63 Kilometer lang, die terrassenförmig untereinanderliegenden Teiche bei
Klausthal, von denen der Hirsch bei einer Bodenfläche von 15,7 Hektar
mehr als 600000 Kubikmeter Wasser faßt. Die Hauptpulsader des
Andreasberger Bergbaues ist der in den Granitfels gesprengte 7-1/2
Kilometer lange Rehbergergraben, der die in dem 22 Hektar deckenden
Oderteiche durch einen aus mächtigen mit Eisen verklammerten Granitmassen
aufgetürmten Riesendamm aufgestauten Quellwasser der Oder den dortigen
Werken zuführt.
[Illustration: Abb. 49. =Radaufall.=
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
[Sidenote: Kahlenberg. Hahnenklee.]
Die Randberge der Klausthaler Hochebene bieten viele herrliche
Aussichtspunkte. Von der Schalke, dem 763 Meter hohen Gipfel des
Kahlenbergs, an deren Fuße die Festenburg idyllisch aus dem Grün
hervorlugt, überblickt man die ganze Hochebene wie eine ausgebreitete
Landkarte; und der Blick nach Osten, auf das Brockenfeld mit dem
Brockengebirge im Hintergrunde und auf die Harzburger Berge ist von
wunderbarem Reiz. Über den Auerhahn, die Paßhöhe zwischen Zellerfeld und
Goslar, wandern wir dem erst vor wenigen Jahrzehnten von den
Sommerfrischlern entdeckten Bergdörfchen Hahnenklee (Abb. 16) zu und
erfreuen uns unterwegs am Bocksberge an dem wunderhübschen Blick auf die
von Bächen durchschnittene Gebirgspartie zwischen Gose und Innerste und
die schön bewaldeten Berg- und Hügelreihen der Vorlande, den Steinberg
und die fast unzählbaren schmucken Dörfer. Auf dem Rückwege über
Bockswiese folgen wir eine Strecke dem lieblichen Spiegelthale, dessen
friedlich stille Teiche langgezogen das schmale, scharf geschnittene Thal
füllen.
Den Kaltenborn zwischen Frankenscharner Hütte und Windhausen (Grund), die
Kuckholzklippe über dem in die Thalspalte förmlich eingeklemmten Lerbach
und die schroff über der Söse hängende Siebenwochensklippe am
Morgenbrotsgraben jenseit des Dammhauses muß man am Vormittage besuchen:
sie eröffnen sämtlich, doch in verschiedener Begrenzung, den Blick über
den Harz hinaus in die westlichen und südwestlichen Vorlande bis zum
Bramwalde, dem Meißner und der Eichsfeldischen Pforte, in der Ferne kaum
von den Wolkenzügen zu unterscheiden.
[Sidenote: Waldeszauber.]
Erst auf diesen Wanderungen lernen wir auch den oberharzischen Wald in
seinem ganzen Reiz, in seiner zauberhaften Wirkung auf das Gemüt würdigen
und kennen.
Laß uns einmal einem vom Touristenheere noch nicht ausgetretenen, vom
fürsorglichen Harzklub noch nicht bezeichneten Pfade folgen. Durch die
grüne Nacht hoher, dichter Tannen, die nur hin und wieder durch zitternd
einfallendes Licht, durch das hellere Grün des Torfmooses und der großen
Farnkräuter, die in dicken Büscheln die Baumwurzeln bekleiden, gemildert
wird, gelangen wir auf einen »Hai«, auf dem tausend und abertausend
Exemplare des roten Fingerhutes, wie von der Hand des Gärtners gezogen
und wirkungsvoll gruppiert, blendend ihre Pracht entfalten. Sieh, dort
vom Rande äugt ein Rudel Hirsche halb scheu, halb neugierig herüber; den
ausdrucksvollen Kopf mit dem vielzackigen Geweih dir zugewendet, zucken
sie nicht einmal mit der Wimper. Aber nun fliegen sie in wilden Sätzen
den Abhang hinab. Und nun wieder kein Laut ringsum, nur der Abendwind
fängt an, leise und warnend in den Wipfeln der Bäume dort unten zu
rauschen, und das seine Thalfahrt beginnende Wasser sickert flüsternd
durch das Moos und tröpfelt kaum hörbar von einem Stein auf den andern.
Doch jetzt trägt der anschwellende Wind Klänge einer harmonischen Musik
herüber, erst geisterhaft leise, allmählich klarer und bestimmter: mitten
in der Wildnis, dem Abendgeläut eines Eremiten gleich, das Glockengeläut
einer den Ställen zuwandernden Rinderherde. Es sind schmucke, kräftige
Tiere, rot- und hellbraun, mit großen Hörnern, deren Spitzen nach oben
gerichtet sind; die reine Harzrasse. Würdevoll schreitet der Hirt, mit
derben Schuhen, grauen Gamaschen, schwarzem Leinwandkittel und
breitkrempigem Filzhut bekleidet, ihnen voran; das handliche Beil, das,
an der scharfen Schneide mit einem Stück Hirschhorn verwahrt, an einem
über die rechte Schulter laufenden, mit blanken Messingschildern
verzierten schwarzen Lederbande ihm an der Seite hängt, gebraucht er, um
die Kühe loszuhacken, die sich mit den Hörnern im Gestrüpp, oder mit den
Füßen im Wurzelgeflecht verwickelt haben (Abb. 17). Die Stiere seiner
Herde, auf der Tierschau prämiiert, und sechs bis zwölf der schönsten
Kühe sind sein Eigentum, er ist ein wohlsituierter Mann. Im Winter ist er
Fleischer und Hausschlächter, und sein Knecht, der dort den Beschluß der
Herde macht, ist dann sein Gehilfe. Wahrscheinlich versteht er auch
selbst sein achtstimmiges Glockenspiel neu zu stimmen, »Stimmbeulen« von
außen oder innen hineinzuschlagen.
[Illustration: Abb. 50. =Harzburg im 17. Jahrhundert= (nach Merian).]
Vom Hirten freundlich zurecht gewiesen, gelangen wir binnen kurzem auf
eine wohlgepflegte, mit Ahorn und Vogelbeere dicht begrenzte Straße,
deren Nähe wir nicht vermuten konnten. Einsam windet sie sich durch den
unabsehbaren Wald. Die zur Rüste gehende Sonne umspielt nur noch die mit
Zapfen dicht behangenen Wipfel der stattlichen Bäume; in den
schluchtenartigen Waldthälern lagert schon der weiße Abendnebel. Das
Herdengeläut verklingt allmählich in der Ferne; nun ringsum sabbatliche
Stille. Verstohlen tritt eine Rehfamilie aus dem Hochwalde zur Rechten,
huscht wie ein Schatten über die Straße und fliegt dann in eleganten
Sätzen über die »Schonung« zur Linken dem Dickicht zu, in dem die Sauen
ihren Kessel haben (Abb. 18). Schon erhebt die Königin der Harzer
Waldsänger, die Schwarzdrossel, klagend und doch voll Hoffnung ihren
schwermütigen, herzergreifenden Gesang, um der sinkenden Sonne einen
letzten Abschiedsgruß nachzurufen. Doch nun -- klingt's da nicht in der
Ferne wie leiser melodischer Gesang? und ist's nicht gar ein gemischter
Chor? Es kommt näher und näher: frische, fröhliche Mädchenstimmen, ohne
Schule und Kunst, naturwüchsig wie der Wald ringsum und ansprechend eben
in dieser Harmonie. Rein und hell singt der Sopran seine einfach-schöne
Melodie hinaus, und der Alt, von einer einzelnen Männerstimme kräftig
unterstützt, begleitet sie mit der »zweiten Stimme«, wie sie das
gesangfreudige Volk fast instinktiv findet. Jetzt verstehen wir auch die
Worte:
Der Jäger in dem grünen Wald
Muß suchen seinen Aufenthalt.
:,: Er ging in dem Wald wohl hin und her :,:
:,: Ob auch nichts :,: ob auch nichts anzutreffen wär'!
[Illustration: Abb. 51. =Rabenklippen.=
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
[Sidenote: Kulturmädchen.]
Die Kiepe auf dem Rücken, in den flinken Händen das Strickzeug, verfolgen
die kräftigen, gedrungenen Gestalten, aufgeschürzt bis über das Knie,
festen Schrittes ihren unsere Waldstraße kreuzenden Pfad. Es sind Harzer
»Kulturmädchen« mit ihrem »Kulturaufseher«, niedersächsischen Stammes,
aus Lerbach oder Riefensbeek oder Wolfshagen. Vom Morgen bis zum Abend
beschäftigt, die drei- bis fünfjährigen Pflänzchen mit dem Ballen aus dem
Saatkamp, dem Tannengarten, auszuheben und auf die von den Stuken
gesäuberten Blößen im Abstande von 1,2 bis 1,5 Metern zu versetzen, sind
sie nun auf dem Heimwege nach ihrer Waldherberge, jenen Köten dort am
Saume der Dickung. Ob wir ihnen einen Augenblick dahin folgen? Im Nu sind
die Kiepen abgeworfen, und wenige Augenblicke später prasselt auf dem
Herde, der die Mitte der Köte einnimmt, ein lustiges Feuer. Jetzt siedet
das Wasser in dem darüber hängenden offenen Kessel, nun werden
Brotscheiben hineingeschnitten, etwas Butter, Salz und Kümmel daran
gethan, und das einfache Mahl ist bereitet. Zum Kosten eingeladen, folgen
wir doch der Warnung der herannahenden Dämmerung und erreichen im
beschleunigten Tempo die Stadt.
Die Einrichtung einer Köte oder Bucht, an deren Stelle jetzt vielfach
kleine, feststehende Waldhäuschen treten, praktischer wohl und
wohnlicher, aber nicht so voll wie jene von der Poesie des Waldzaubers
umweht, sehen wir uns ein andres Mal auf einer Hauung an.
[Illustration: Abb. 52. =Ilsefälle.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
[Sidenote: Waldarbeiter.]
Wir treffen es günstig: eine ganze Schar von Waldarbeitern, scharfe Äxte
auf der Schulter und auf dem Rücken die große Waldsäge, schreitet
gemessenen Schrittes vor uns her. Die neu geflickten und frisch
gewaschenen Kittel und Beinkleider aus ungebleichtem Drell, welche mit
der mit Seitenklappen versehenen grünen Tuchmütze oder einem
beulenreichen Filzhute, dicken Gamaschen und derben Schuhen ihre Kleidung
ausmachen, sagen uns, daß sie aus ihrem heimatlichen Dorfe kommen; sie
haben in ihrer Familie den Sonntag verlebt und wollen nun heute, am
Montag Morgen die am Freitag Abend unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen
(Abb. 19). Jetzt nehmen ihre Frauen, die ihnen bis zur Stadt das Geleit
gegeben und ihnen in ihrer Kiepe den aus einem nicht enthaarten Kalbfell
kunstlos gefertigten Ranzen -- den Urahn des modernen Rucksacks --
getragen haben, in dem sie außer Pulverhorn und Eisenkeil (»Fimmel«)
Lebensmittel auf eine Woche mit sich führen, unter Scherzreden Abschied,
und schwerer noch bepackt als vorher setzen die Arbeiter ihren Marsch
fort. In seinem ruhigen, aber nichtsdestoweniger fördernden Schritt
vermag den Holzfäller auch der jetzt leise niedertröpfelnde Regen nicht
zu beirren: er schlägt nur die alte Pferdedecke, die ihm im Walde als
Bettdecke zu dienen bestimmt ist, als Regenmantel um sich und seine
blanken Werkzeuge.
[Sidenote: Die Köte.]
Nun sind sie auf ihrer Arbeitsstätte angekommen, und in ruhiger
Geschäftigkeit tritt jeder an seinen Platz. In taktmäßigem Strich frißt
sich die breite, schwanke Säge in den dicken Stamm ein, bis die
Waldriesen krachend niederstürzen, dröhnend fallen die Axthiebe auf das
Holz, wuchtig treibt das Fäustel den spaltenden Keil ein, dazwischen
hallt von drüben Schuß auf Schuß dumpf herüber, wo die Stuken, die anders
nicht zu bewältigen sind, mit Pulver gesprengt werden. -- An jenem vor
dem Winde etwas geschützten Rande der Hauung, da wo das Feuer qualmt,
steht die Köte, mit deren Erbauung die Arbeit begonnen hat. Viel Kunst
und Mühe hat sie nicht erfordert: junge, armdicke Fichten sind in
Kreisform in den Boden geschlagen, oben zu einem Kegel zusammengebogen,
außen mit großen Stücken Baumrinde bekleidet und innen in den
Zwischenräumen mit Moos verstopft. Eine niedrige, verschließbare Öffnung
mit kleinem Überbau dient als Thür und Fenster. In der Mitte der Bucht
sind Steine zu einem Feuerherde zusammengelegt, und rings um diesen,
dicht an der Außenwand, breite, niedrige Bänke angebracht. Mit Tannhecke,
Heidekraut und einigen Moossäcken überdeckt, dienen sie zugleich als
Schlafstätten. Hier um das knackende und prasselnde Feuer, dessen Rauch
vergeblich zu entweichen sich bemüht, lagern sich am Abend die ermüdeten
Arbeiter, bereiten sich ihre beliebte Scheibensuppe und schließen ihr
Mahl mit einem Stück Brot nebst Wurst und einem Schluck Branntwein. Dann
wird das Feuer noch einmal geschürt, die Thür verschlossen, und bald
verkünden nur noch die Atemzüge der Schlafenden, daß die Waldeinsamkeit
nicht völlig ausgestorben ist.
[Illustration: Abb. 53. =Ilsenburg.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Während die Waldarbeiter wenigstens einmal wöchentlich mit ihrer Familie
unter einem Dache weilen, sehen die Köhler ihr Dorf im ganzen
Sommerhalbjahre nur bei besonderem, hochwichtigen Anlasse, denn die
Meiler brennen am Sonntage wie in der Woche, und wenn der eine
»ausgeladen« wird, stehen andre schon wieder im Brande. Aber einmal
wöchentlich macht sich die Frau des Köhlers mit der Kiepe auf, um diesen
mit Brot und »Zubrot« und andern Vorräten zu versorgen.
[Sidenote: Der Köhler.]
Einem Köhlermeister bei seiner Arbeit zuzuschauen, ist indes heutzutage
nicht so gar leicht. Seit Heran- und Heraufführung der Eisenbahnen auf
den Harz und der dadurch ermöglichten Verwendung der Steinkohle ist
nämlich die Holzkohlenproduktion für die Hütten um 97% zurückgegangen;
und Köhlerei im größeren Umfange wird eigentlich nur noch getrieben, wenn
ein bedeutender Wind- oder Schneebruch diese rasche Verwertung des Holzes
fordert.
[Illustration: Abb. 54. =Steinerne Renne.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Da im »Kohlhai« eines Meisters gewöhnlich vier bis sechs Meiler
gleichzeitig, und zwar in den verschiedenen Stadien der Entwickelung, im
Gange sind, so belehrt schon =ein= Besuch über alle Arbeiten des
Köhlergeschäftes. Hier sehen wir dem »Richten«, dem Aufbau eines Meilers
zu. Um die beiden Quandelpfähle im Mittelpunkte der kreisförmigen
Kohlstätte werden die glattgehauenen Rundhölzer so dicht als möglich fast
senkrecht herum- und schichtweise aufeinandergestellt, daß zwischen jenen
Pfählen ein senkrecht bis auf den Boden reichendes Luftschächtchen
bleibt, in das in der Richtung des Halbmessers am Boden ein wagerechter
Luftkanal eintritt. Dort sind die Gehilfen dabei, einen fertig
gerichteten Meiler, einen Kugelabschnitt von 3 Meter Höhe, so fest
erbaut, daß man ihn ohne Gefahr besteigen kann, mit Tannhecke und Rasen
zu »bedecken« und mit einem Gemenge von Erde und Kohlengestübbe zu
»bewerfen«. Wenn sie fertig sind, wird der Köhler den Meiler mittels
eines zusammengelegten und mit Harz gefüllten Stückes trockener
Baumrinde, das er mit der Steckrute durch den Luftkanal bis zu den am
Fuße der Quandelstangen aufgehäuften Spänen und Reisern schiebt,
anzünden. Mehrere Meiler stehen bereits im Brande; der eine raucht
weißgrau, er ist erst vorgestern angezündet, der andre blau an allen
Seiten, »die Kohlen garen« bereits. Das »Regieren« des Feuers ist das
Meisterstück des Köhlers, bei dem er seine ganze Kunst und Erfahrung
zeigen kann. Bald muß er die Windschauer umstellen und auf der vom Winde
abgekehrten Seite -- denn das Feuer brennt stets diesem entgegen --
»Räume« (Zuglöcher) mit dem Raumpfahle an richtiger Stelle anbringen;
bald Ritzen und Borsten im Bewurf -- denn das Feuer ist stets bestrebt,
die Decke zu durchbrechen -- mit der Klopfstange beseitigen, oder gar
faustgroße »Reißlöcher«, deren blauer Rauch ihn warnend herbeiruft, mit
einem Rasenstück heilen. So hat er Tag und Nacht keine Ruhe und muß diese
wie der Schiffer in bestimmte Wachen teilen. -- Ein aufregender Genuß ist
es, am Abend dem Füllen der brennenden Meiler zuzusehen: im Widerschein
der hell aufleuchtenden Kohlenglut hantieren die rußigen Gestalten, vom
Rauch umwirbelt, hastig an und auf dem oben geöffneten Meiler. So viel
dieser nämlich am Tage herunter brennt, um so viel muß er eine Woche
hindurch jeden Abend wieder mit Holz gefüllt werden. Der Köhler legt den
»Steg«, einen dicken, langen Knüppel mit eingehauenen Stufen, am Meiler
hinauf, besteigt ihn, schaufelt Bewurf und Decke von der eingesunkenen
Haube, stößt mit der Füllstange die Kohlen nieder, treibt das Holz, das
ihm die Gehilfen zureichen, mit dem Wehrhammer ein und schützt die Haube
wieder durch Decke und neuen Bewurf: alles in größter Eile, denn je
länger der Meiler offen brennt, um so mehr Kohlen werden zu Asche. --
Wenn die Verkohlung beendet ist, so »eimert« sich der Meiler, d. h. der
ganze Erdbewurf wird glühend, -- ein schauerlich-schöner Anblick in
dunkler Nacht.
[Illustration: Abb. 55. =Schloß Wernigerode.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Die Köhlerbucht ist der Waldarbeiterköte gleich, nur ist sie durch einige
Schränkchen und Vorratskasten mehr für dauernden Aufenthalt eingerichtet,
und da die Zeltgenossenschaft weniger Köpfe zählt, so können sich alle,
der Meister zur Rechten, die Gehilfen zur Linken und die Buben oder
Haijungen im Hintergrunde, etwas wohnlicher einrichten. Die Hillebille
(von hille d. i. rasch und Bell d. i. Glocke), ein zwischen zwei Bäumen
in der Schwebe hängendes Buchenbrett mit hölzernem Hammer, mit dem sie
ehemals die Kameraden von den entfernten Meilern zu Tisch und im Notfall
alle Berufsgenossen aus beträchtlicher Entfernung mittels
althergebrachter Signale herbeirufen konnten, findet sich heute wohl kaum
noch bei einer Köte.
[Illustration: Abb. 56. =Christianenthal bei Wernigerode.=
(Nach einer Photographie von G. Steinicke in Bremen.)]
[Sidenote: Das Wild.]
Mit den Tieren des Waldes lebt der Köhler, dessen Einsamkeit gewöhnlich
ein zottiger Hund teilt, in bester Freundschaft: friedlich spielt das
scheue Reh in seiner Nähe, und unbedenklich trabt der vorsichtige Hirsch
durch den Meilerrauch.
Im übrigen legt der edle Hirsch (Abb. 20) seine Scheu nur im Winter auf
den Futterplätzen ab, die für ihn bei den Förstereien, doch auch beim
Waldhäuschen am Fortuner Teich, beim Johanneser Kurhause und andernorts
eingerichtet sind. Pünktlich wie die Uhr und nach und nach mit größerem
Vertrauen stellen sich die Tiere einzeln und in Rudeln ein und sättigen
sich an dem duftigen Heu, das ihnen in hölzernen Raufen dargeboten wird.
Verstohlen äugen sie dabei zu uns herüber, jeden Augenblick bereit, wenn
wir uns verdächtig zeigen sollten, mit einem kühnen Satze den
schützenden Wald zu gewinnen. Eine neue Schar hungernder Tiere trifft
ein. Sie kommen zum ersten Mal, aus weiter Ferne. Den mageren Leib noch
zwischen den jungen Fichten bergend, schauen sie bald verlangend auf die
gefüllten Raufen, bald ängstlich auf die gefürchteten Menschen. Jetzt
tritt hier und da ein Tier vorsichtig einen Schritt vor, die knuspernden,
hier schon heimischen Gefährten machen ihnen Mut, ein Alttier, weniger
argwöhnisch als die Kälbchen, wagt sich heran, und nun eilt plötzlich das
ganze Rudel herbei und umdrängt die wohlthätigen Futterstände. -- Ohne
diese Futterplätze würde der größte Teil des reichen Wildbestandes
während der Schonzeit eingehen, denn Rindenstückchen und Fichtenspitzen
können auf die Dauer nicht als Nahrung genügen, und durch das »Plätzen«
(Scharren) vermag das hungernde Wild bei anhaltendem Winter Gräser und
Heidekraut selbst an den Quellen nicht mehr freizulegen. Aber trotz der
ausgiebigsten Fütterung fällt nicht nur manches verwaiste Kälbchen,
sondern auch manches stattliche Tier dem Oberharzer Winter alljährlich
zum Opfer. Auf der hohen Schneelage, die sich bei mildem Wetter gesetzt
hat, bildet wieder einfallender Frost eine harte Eiskruste, und diese
reibt den Tieren binnen kurzem die Läufe wund und blutig. Langsam, das
edle Haupt gesenkt, ein Bild des Elendes, zieht das kranke Wild seinen
Weg, den es sonst im Fluge zu durcheilen gewohnt war; seine Kraft reicht
kaum noch hin, die kranken, mit eiternden Wunden bedeckten Läufe aus dem
harten Schnee, in den sie bei jedem Schritte tief einsinken,
emporzuziehen; es kann den Futterplatz nicht mehr erreichen, verlassen
und hilflos geht es an Entkräftung zu Grunde und wird eine Beute der
Füchse.
VIII.
Die Söselandschaft.
[Sidenote: Osterode.]