bayerische Vokalverschiebung, die Verbreiterung der alten Vokale _î_ und
_û_ zu ei und eu, welche durch die süddeutschen Kanzleien und namentlich
durch Luthers Bibelübersetzung in unser Neuhochdeutsch gedrungen ist, nur
von der mansfeldischen Mundart angenommen; sie spricht _mei haus_,
_feier_, _ihr_, _eich_ (euch), _eier_ (euer), wo jene beiden _min hûs_,
_fier_, _ji_, _uch_, _uer_ sprechen. Die wesentlichsten unterscheidenden
Merkmale zwischen der unterharzischen und der nordthüringischen Mundart
sind, daß nur diese den Infinitiv um $n$ verkürzt; im Osten: ich kann
_sprech$e$_, im Westen: ich kann _$ge$sprech$e$_; und das anlautende _g_
nicht wie _j_, sondern wie _g_ und _k_ spricht: nicht wie Mansfeld und
Unterharz _jestern_ und _janz_, sondern _gestern_ und _ganz_ neben
_kestern_ und _kanz_. Zum Michquartier gehören sie alle drei.
[Illustration: Abb. 37. =Oderteich.=
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
Nicht aber, als die einzige im ganzen Harzgebiete, die in das
niederdeutsche Sprachgebiet inselartig eingesprengte oberharzische
Mundart, welche sich auf die Städte und Ortschaften beschränkt, die dem
Silberbergbau ihre Entstehung verdanken: Klausthal, Zellerfeld,
Andreasberg, Wildemann, Lautenthal, Hahnenklee, Bockswiese, Festenburg,
Oberschulenberg und teilweise Unterschulenberg und Altenau. Die
Lautverschiebungen sind nicht bis hierher gedrungen, sondern die
Einwohner haben ihre oberdeutsche Mundart schon aus ihrer Heimat
mitgebracht, und da sie keine anders sprechende Bevölkerung vorfanden,
unbeeinflußt bewahren können.
Das Oberharzisch hat die bayerische Vokalverschiebung (_mei haus_), aber
andern Konsonantenstand als die vorhin genannten drei mitteldeutschen
Mundarten: im Anlaute ist das alte _p_ in _pf_ umgewandelt (also Pfeng,
nicht Fennig). In ganz Deutschland hat nur noch die Mundart des oberen
Erzgebirges diese Merkmale. In beiden hört man Pfâr für Pferde neben
schtoppen für stopfen und Napp für Napf; in beiden klingt _kn_ im Anlaut
fast wie _gn_ (Gnabe statt Knabe), wird _mr_ (_mer_) für wir und für man
gebraucht, _rsch_ für _rs_ im Auslaut gesetzt (des Schteiersch = des
Steigers), dasselbe helle _a_ mit weitgeöffnetem Munde gesprochen (Ahng =
Augen). Bei weiterem Vergleiche zeigt sich die völlige Übereinstimmung
der oberharzischen gerade mit der Mundart des westlichen Erzgebirges (der
sächsischen Städte Schneeberg und Annaberg und der böhmischen Stadt
Joachimsthal). Nur hier, nicht im Osten desselben, wird z. B. das _n_ der
Endung _gen_ in die vorausgehende Silbe versetzt und als Nasenlaut
gesprochen (Morring Morgen, mit solling Leitn mit solchen Leuten), der
Infinitiv auf _a_ (kumma kommen, brenga bringen) und das Adjektiv öfter
auf _et_ (narbet narbig, lampet abgetrieben) gebildet. Diese
gemeinschaftlichen Besonderheiten der westerzgebirgischen und
oberharzischen Mundarten, die letztere allgemeiner festgehalten hat, als
erstere, sind auf fränkische Einwirkung zurückzuführen. Fränkisch sind z.
B. die erwähnte Adjektivendung _et_, die Verkleinerungssilbe _le_ _la_
(Heisl, Mehrzahl Heisla Häuschen), das häufige _ä_ für hochdeutsches _ei_
(Äch Eiche, Gäst Geist, dräzen dreizehn, Schrä Schrei etc.). Fränkisch
sind auch viele oberharzische Wörter, die im Erzgebirge heutzutage nicht
mehr üblich sind (z. B. wallen gin spuken, zochen umziehen, zipperig
furchtsam, porren reizen, kâzen vor Uebermut laut schreien, greina
weinen).
[Illustration: Abb. 38. =St. Andreasberg.=
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
Die fränkische Färbung der beiden Mundarten weist darauf hin, daß die
Auswanderung aus dem Erzgebirge nach dem Oberharze in einer Zeit
stattfand, in der dort fränkische Bergleute unter der aus dem Meißnischen
zuströmenden Bevölkerung sich seßhaft machten; und der Umstand, daß diese
Färbung im Oberharze stärker ist als im Westerzgebirge, findet schon in
der inselartigen Abgeschlossenheit des Oberharzes ausreichende Erklärung;
daneben steht aber auch fest, daß bei der Aufnahme des oberharzischen
Bergbaues einzelne Knappen direkt aus Franken zuwanderten.
[Sidenote: Dorfanlage.]
Inbetreff des Hausbaues weisen die einzelnen Gaue kaum noch nennenswerte
Eigentümlichkeiten auf. Mag einst, wie einige der am Ostsaum
aufgefundenen »Hausurnen« schließen lassen, der altsächsische »Einbau«,
der Menschen- und Viehhaus samt den Kornfächern unter einem Dache
vereinigt, bis an den Fuß der Harzberge gereicht haben, so waren doch
schon zur Zeit der Abfassung des Sachsenspiegels in dem ehemaligen
Nordthüringen getrennte Scheunen üblich, und heute hat das fränkische
Haus das sächsische völlig verdrängt: denn obgleich am Nordrande die
Bauernhäuser bis über Bockenem hinaus vielfach die Giebelseite der
Straße zukehren, so befindet sich doch der Eingang in der den
Wirtschaftsgebäuden zugekehrten Breitseite.
[Illustration: Abb. 39. =Lauterberg im 17. Jahrhundert= (nach Merian).]
Abgesehen von den in die engen Gebirgsthäler eingeklemmten und sich oft
fast stundenlang ein- oder zweireihig hinziehenden Ortschaften bieten die
übrigen fast sämtlich das Bild des unregelmäßigen Haufendorfes, denn wenn
auch die ursprüngliche Hufeisen- und Rundlingsform der Wendendörfer in
der Goldenen Au sich aus dem jetzigen Befunde meist noch herausschälen
läßt, so haben doch Durchbrechungen des Ringes und Anbauten außerhalb
desselben für das nicht historisch geschulte Auge den Unterschied vom
Haufendorfe so gut wie verwischt.
[Illustration: Abb. 40. =Lauterberg.=]
Wenn auch der Harz in seinen Steinbrüchen von jeher eine Fülle und
Mannigfaltigkeit vorzüglichen Baumaterials namentlich zu seinen
herrlichen und großartigen Kirchen und ähnlichen Bauten geliefert hat,
und wenn sich gleich in letzter Zeit selbst in oberharzische Städte, das
Auge beleidigend, hie und da in das stimmungsvolle Bild sich harmonisch
und komplementär nicht einfügende rote Backsteinbauten eingedrängt haben,
so erfreut sich doch der alte Harzer Fachwerksbau, zu dem die schier
unerschöpflichen Wälder geradezu aufforderten, auch in den Städten noch
immer der wohl begründeten Vorliebe, und manches in verständnisloser Zeit
dem Abbruch oder doch dem Verfall bestimmte künstlerisch oft reich
gestaltete Haus ist als eine Perle der Baukunst erkannt und soweit
möglich in seiner ursprünglichen Schöne restauriert.
[Illustration: Abb. 41. =Wiesenbeeker Teich.=]
[Sidenote: Volkstrachten.]
Von den alten Volkstrachten hat sich in den Harzlanden wenig erhalten.
Die kleidsame Tracht des Bergmanns -- grüner Schachthut ohne Rand,
schwarzer Leinwandkittel mit Puffen, blankes Hinterleder mit
Messingschloß und schwarzen Beinkleidern (Abb. 4) -- sieht man fast nur
noch an bergmännischen Festen und bei Beerdigungen, sie ist zur bloßen
Uniform geworden; den blauen Leinwandkittel des Bauern hat vielerorts
bereits ein langer Rock von unbestimmter grauer oder brauner Farbe
verdrängt, nur der Fuhrmann, besonders auch der oberharzische, trägt ihn
noch -- wie die früher allgemein üblichen Gamaschen -- regelmäßig als
Arbeitsgewand; aber der schneeweiße Leinwandkittel des Fuhrherrn (Abb.
5), zu dem gelbe Gamaschen und hoher schwarzer Seidenhut gehörten, ist
seit einigen Jahrzehnten völlig verschwunden. -- Und auch die
Frauentracht fügt sich, wenn auch mit einiger Verspätung, mehr und mehr
der Mode. Den mit breiten farbigen Samtstreifen mehrfach umsäumten Rock
und die schwarze, mit Band und Spitze verzierte Mütze sieht man nur noch
bei der älteren Generation, und auch bei dieser nur ganz vereinzelt das
kleine tütenförmige Mützchen mit den breiten, fast bis auf die Fersen
herabhängenden Seidenbändern, wie es z. B. die Bäuerinnen im Ambergau
noch vor wenigen Jahrzehnten allgemein trugen. Aber die »Landgängerinnen«
des Oberharzes kennzeichnet noch ausnahmlos der buntgeblümte, die mit
Butter und Eiern gefüllte »Kiepe« vor neugierigen Blicken schützende
langkragige Kattunmantel (Abb. 6).
[Illustration: Abb. 42. =Ruine Scharzfels.=
(Nach einer Photographie von Fr. Zirkler in Klausthal.)]
Inbetreff des Charakters und der Begabung läßt sich zwischen den
Bewohnern der einzelnen Gaue kaum eine Grenzlinie ziehen, wohl aber
zwischen dem Niedersachsen, dem der meist starkknochige, etwas lebhaftere
und redegewandtere thüringische Harzer nahesteht, und dem Obersachsen des
westlichen hohen Harzes. Im Norden und Osten meistens gedrungen und
kräftig, im Lisgau lang und hager, aber sehnig, ist jener bedächtig, aber
nachhaltig, nicht beredsam, doch nicht sprechfaul, etwas zugeknöpft gegen
Fremde, aber treu in Zuneigung und Freundschaft, rechthaberisch, doch
versöhnlich, starrköpfig, wo seine Rechte in Frage kommen, aber ein Feind
arglistiger Schädigung, fleißig, genügsam und sparsam, doch fast
verschwenderisch, wo es die Ehre des Hofes und der Familie gilt, karg im
Geben, doch bereit zu jeder Hilfe, die kein bares Geld kostet; ohne
sprudelnden Witz und lebhafte Phantasie, aber klaren Verstandes und
gesunden Urteils; konservativ, doch nicht unzugänglich für Neuerungen,
kirchlich und gottesfürchtig, doch nicht frei vom Vertrauen auf
Kartenschlagen und Besprechen.
Der Oberharzer erscheint neben dem Nordthüringer und Niedersachsen fast
schmächtig und schwächlich, übertrifft beide aber an Gewandtheit und
Ausdauer. Er ist gastfrei und gesellig, mäßig und nüchtern, sucht seine
Freude in der Familie, in Wald und Halde, in Vereinigungen zu Gesang und
Musik; entschlossen und überlegend, ausgerüstet mit bewundernswerter
Geistesgegenwart, ist er ein anstelliger, vorzüglicher Arbeiter. An
Mutterwitz und Schlagfertigkeit übertrifft er den Niedersachsen weit,
doch keineswegs an Schärfe des Verstandes und Tiefe des Gemüts.
VII.
Die Hochebene von Klausthal.
[Sidenote: Klausthal und Zellerfeld.]
Wir beginnen unseren Rundgang mit den sieben »Bergstädten« des Oberharzes
und folgen dann den dort entspringenden Flüssen bis in die Vorlande.
Von den sich eng aneinander schmiegenden Schwesterstädten Klausthal
(Abb. 7) und Zellerfeld (Abb. 8), deren erstere, einer langgestielten
dreizinkigen Gabel nicht unähnlich, von 535 Meter am gemeinschaftlichen
Bahnhofe bis zu 605 Meter beim Schützenhause aufsteigt, ist das fast
schachbrettgeformte Zellerfeld die ältere. Da, wo jetzt hart an der
Grenze das städtische Brauhaus steht, erbaute das reiche Simon-Judasstift
in Goslar gegen das Jahr 1200 das Benediktinerkloster Cella und schuf
damit an dem alten von Goslar nach Osterode zum Anschluß an die
Nürnberger Straße führenden Wege dem Warenzuge des Kaufherrn wie dem
einsam pilgernden »Elenden« eine bessere Erholungs- und Zufluchtsstätte,
als solche die dürftigen Klausen, von deren einer Klausthal den Namen
führt, zu bieten vermochten. Und bald erklang die Axt der fleißigen
Klosterleute im ungelichteten Urwalde, auf der geschaffenen Lichtung, dem
»Zellerfelde«, erstanden Außenhöfe mit Viehwirtschaft, und fränkische
Bergleute siedelten sich unter dem Schutze des Klosters und seiner
Schirmherren an und erschürften Gang um Gang des edlen Silbers.
Anderthalb Jahrhunderte wirkte so das am höchsten und einsamsten gelegene
Harzkloster im Segen; da brach im Jahre 1348 der schwarze Tod, der wie
ein Würgengel ganz Europa durchschritt, auch hier herein, raffte Mönche
und Bergleute dahin und brachte durch die Unsicherheit und Verwilderung,
die ihm auf dem Fuße folgte, den Oberharz wieder zu völliger Verödung.
Doch heute noch befährt der »Bergmönch« als der aufsichtführende
Geschworene mit silbernem, bis zur Firste flackerndem Grubenlichte die
Schächte und Strecken, und beredter noch als die Sage führen die Gruben
des »alten Mannes« mit seinem Gezäh und seinen Gebeinen, die
»Burgstätte«, auf der vielleicht der letzte Rest der von der Pest
Verschonten im Kampfe mit den Räuberbanden erlag, der Frankenscherven
(jetzt Frankenscharn), die »Abtshöfe« und andre ihre stumme Sprache.
[Illustration: Abb. 43. =Herzberg.=]
[Sidenote: Bergbau in alter Zeit.]
Erst unter der Regierung des Herzogs Heinrich des Jüngeren erstand der im
Todesschlafe liegende Oberharz zu neuem Leben. Nachdem schon die Herzogin
Elisabeth von ihrem Witwensitze Staufenburg aus sich des
Eisensteinbergbaues bei Grund mit großem Erfolge angenommen hatte,
beschloß ihr Enkel Heinrich, auch die Silbergruben des »alten Mannes«
wieder in Betrieb zu setzen, erließ 1524 eine Bergordnung »für Grund und
umliegende Gebirge« und berief auf den Rat des Herzogs Georg von Sachsen
erfahrene Beamte und Bergleute aus dem Erzgebirge. Im Jahre 1526 nahmen
die in großen Haufen Herzuströmenden in der Nähe des jetzigen Johanneser
Kurhauses die erste Grube auf der Hochebene des »Zeller Feldes« auf, und
schon sechs Jahre später erhielt die um die Klosterruine entstandene
Ansiedelung die Stadtgerechtsame.
Und auch im Fürstentum Grubenhagen, das bis unmittelbar an den die
Klosterpforte bespülenden Zellbach reichte, blieben die reichen Schätze
der Teufe nur noch kurze Zeit unerschlossen. Schon im Jahre 1544 wird das
Bergwerk des Herzogs Philipp »an dem Zeller Felde« erwähnt, und als auch
bei der verfallenen Klause (»im Klausthale«) edle Erze zu Tage traten,
nahm die neue Ansiedelung, die man anfangs Zellerfeld grubenhagenschen
Teils nannte, so raschen Aufschwung, daß sie bereits in der Bergfreiheit
von 1554 freie Bergstadt heißt.
[Illustration: Abb. 44. =Brockengipfel.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Daß eine Landesgrenze (bis 1788) die beiden Städte schied, ward im
dreißigjährigen Kriege verhängnisvoll für Zellerfeld: nachdem Tilly am
19. März 1626 Klausthal von Dänen und Braunschweigern, seinen Bedrängern,
durch sein bloßes Erscheinen befreit hatte, eroberte er das von seinen
Bürgern unter dem Geschwornen Thomas Merten heldenmütig verteidigte
Zellerfeld und überließ es seinen Truppen zur Plünderung.
Kämpfte schon zu Beginn jenes verderblichen Krieges der Bergbau um seine
Existenz, so kam er während desselben völlig zum Erliegen: die Gruben
»ersoffen«, die Pochwerke standen still, die Hütten lagen kalt. Dazu
überfiel die schier verzweifelnden Bewohner noch die Pest, und
verheerende Feuersbrünste raubten ihnen die letzte Habe.
Nur langsam erholten sich die beiden Städte. Aber dann brachten regenarme
Jahre die Gruben wieder zum Stillstand, und am 18. Oktober 1672 legte
eine schreckliche Feuersbrunst in Zellerfeld 465 Häuser, die Kirchen,
Pfarrhäuser und Schulen, Rathaus, Münze und Zehnten in Asche; und in dem
dürftigen Reste der Stadt und in Klausthal, wo man die Obdachlosen
nachbarlich aufnahm, brach der Hungertyphus aus: die Not war entsetzlich.
[Sidenote: Klausthal.]
Als im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts endlich wieder die Gruben gut
»silberten«, entwickelten sich im Glanze des Bergsegens die Städte so
ersichtlich, daß die Hauptstadt Klausthal im Jahre 1736 ohne Garnison
8930 Einwohner zählte. Die Feuersbrünste von 1725 und 1737, von denen die
erste 391 und die zweite 192 Wohngebäude zerstörte, wurden damals
leichter überwunden. Dagegen sank die Einwohnerzahl unter den Drangsalen
des siebenjährigen Krieges um 2000. Allein am 3. September 1761 erpreßten
die Franzosen in der Doppelstadt 40000 Thaler, und zum Dank für seine
Milde mußte Klausthal dem General Vaubecourt gar eine Medaille prägen
lassen.
Als 1799 der großartige Georgstollen durchschlägig wurde, konnte man die
Erze auch aus größerer Teufe holen. Aber dieser Vorteil kam bald der
westfälischen Fremdherrschaft zu nutze. König »Lustik« von Bonapartes
Gnaden, der sich zweimal in Klausthal-Zellerfeld anjubeln ließ, konnte
kaum mit Hilfe des Raubbaues den sich immer steigernden Bleibedarf für
seines Bruders Kriege und Festungen decken. Doch die enormen Summen, die
nach Kassel flossen, genügten ihm nicht: er bot dem Juden Jakobson den
ganzen oberharzischen Bergbau zum Kauf an; indes, wenn dieser sein
»Kammeragent« auch preußische, hannoversche und braunschweigische Domänen
billig zu erwerben kein Bedenken trug, so erschien jener große Bissen dem
Schlauen doch im Werte zu unsicher. Trotzdem es Titel und Gehaltszulagen
regnete, sammelten die Bergbehörden einen Teil der Überschüsse für die
angestammte Landesherrschaft heimlich im Zehnten an und schickten falsche
Abrechnungen nach Kassel. Aber viele Handels- und Kassenbeamte trieben
auch »Matzhammelei«: sie steckten manches Tausend in die eigene Tasche;
und des Geldes war ja so viel, daß die Franzosen es nicht merkten -- erst
die hannoversche Regierung hat später diese Unterschleife bestraft. Da
sah man den Oberfaktor in Goslar wie einen Grafen mit vier Rappen, einen
Jockei vorn auf, durch die Straßen fahren, und sein Bruder in Osterode
legte einen Marstall an und baute ein Reithaus. -- Flotter ist der
Bergbau nie umgegangen. Aber der Harzer ließ sich durch die hohen Löhne
nicht gewinnen; obwohl vom westfälischen Kriegsdienste befreit, schlichen
sich die jungen Männer bis zur Küste durch und bluteten auf den
Schlachtfeldern Spaniens für Deutschlands Ehre und Freiheit; allein vom
siebenten Bataillon der deutschen Legion trafen einmal an einem Tage elf
Totenscheine beim Rate von Klausthal ein.
[Illustration: Abb. 45. =Brockenbahn.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Als mit dem Frieden der großartige Bleibedarf aufhörte, sanken die
Harzprodukte gewaltig im Preise, ja waren teilweise sogar unverkäuflich,
und die englische und spanische Konkurrenz zwangen den Harzer Bergbau,
sich sehr haushälterisch einzurichten. Die Bergbehörde begünstigte, trüb
in die Zukunft sehend, die Auswanderung, besonders als 1844 300 und 1852
101 Wohnhäuser in Klausthal niederbrannten. Doch brach mit der
Verstaatlichung des (gewerkschaftlichen) Bergbaues, mit der Vollendung
des Ernst-August-Stollens, mit dem Erschließen neuer Erzmittel eine
bessere, hoffnungsvollere Zukunft an. Heute zählt die Stadt 8600
Einwohner.
Von den Tillyschanzen bei der Windmühle, dem Wahrzeichen Klausthals,
gesehen, gewährt die von weiter Wiesenflur eingeschlossene Doppelstadt
ein eigenartig schönes Bild. Die in den flachen Thälern zu einer
glänzenden Perlenschnur aneinandergereihten Teiche, der dunkle, breite
Waldsaum ringsherum, der Blick auf die wellenförmige Hochebene mit ihren
grünen Halden, ihren blinkenden Gruben und dem in der Ferne aufwirbelnden
Hüttenrauche, ihren nach allen Seiten strahlenförmig in den Wald
auslaufenden Alleen, auf die immer höher sich auftürmenden Berggruppen,
und wieder zurück auf die wunderbar gestaltete Stadt mit ihren
rotbedachten schmucken Häusern, von denen einzelne Gruppen sich bis in
die unabsehbare Ferne zu erstrecken scheinen: leihen ihr Züge und Farben,
wie sie sich so wirkungsvoll in ihrer schlichten Anmut im ganzen Harze
nicht zum zweitenmal zeigen.
[Sidenote: Zellerfelder Münzen.]
Architektonisch bedeutsame Gebäude hat Klausthal nicht aufzuweisen. Die
Marktkirche ist die größte Holzkirche Deutschlands (Abb. 9). Im
geräumigen Amthause hat das Oberbergamt für den größten Teil der Provinz
Hannover, für Schleswig-Holstein, Hessen, Schaumburg und den
Gemeinschaftsharz seinen Sitz. Aus der früheren, jetzt als Bibliothek und
Berginspektion dienenden Münze -- und teilweise aus der den verschiedenen
Linien des Welfenhauses gemeinsamen Münze in Zellerfeld, die nur den
heil. Andreas nicht im Stempel führte -- sind die meisten der feinen
Wildemanns- und Andreasmünzen und Ausbeutethaler hervorgegangen, welche
die Münzsammlungen zu ihren wertvollsten Stücken zählen.
[Illustration: Abb. 46. =Schneeschuhläufer.=
(Nach einer Photographie von Fr. Zirkler in Klausthal.)]
Zur Erläuterung der abgebildeten Münzen (Oberharzer Museum) diene
folgendes:
1. Zweithalerstück, in Zellerfeld vom Münzmeister Rudolf Bornemann (R.
B.) 1688 geprägt (Abb. 10). Den Namenszug des Kurfürsten Ernst August von
Hannover umgeben folgende fünfzehn Wappen: Das sechsspeichige Rad von
Osnabrück -- der Kurfürst war, worauf auch der Bischofsstab hinweist,
zugleich Bischof von Osnabrück --, die Löwen des Herzogtums Lüneburg, der
Grafschaft Eberstein und der Herrschaft Homburg (mit gestückter
Einfassung), der einköpfige Adler der Herrschaft Stemmwede (Lemförde),
die Lutterberger Querfäden, die Regensteiner (rote) Hirschstange, der
Clettenberger Hirsch, die Blankenburger (schwarze) Hirschstange, das
Hohnsteiner Schach, die verschobenen Kreuze von Alt-Bruchhausen mit den
Neubruchhäuser (Oldenburger) Balken, die Bärenklauen von Hoya, die Löwen
von Diepholz und Lutterberg, die Leoparden von Braunschweig. Oben der
Wahlspruch des Kurfürsten. Der Revers zeigt uns eine Grube über und unter
Tage. Radstube und Geipel, durch ein Feldgestänge verbunden, nähern sich
in der Form noch der Köte; die Fahnen auf ihrer Spitze melden, daß die
Grube in Ausbeute steht. Ein Bergmann, das Grubenlicht in der Hand, tritt
den Heimweg an, ein andrer fördert auf dem Stürzkarren Erz nach dem
Pochwerk. Ein »Rutengänger« mit der edle Erze verratenden Wünschelrute
schreitet heran; unterhalb des auf der Höhe liegenden Zechenhauses ist
ein Haldenarbeiter beschäftigt. In der Tiefe schrämen zwei Bergleute,
zwei andere drehen den Haspel, daneben führt der Schacht mit Fahrt und
Tonne hinunter. -- Über der Landschaft das Sachsenroß; von oben reicht
ein aus Wolken ragender Arm einen Kranz.
[Illustration: Abb. 47. =Bad Harzburg.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
2. Wildemannthaler des Herzogs August von Braunschweig, in Zellerfeld
1665 vom Münzmeister Henning Schlüter (H. S. und zwei gekreuzte
Schlüssel) geprägt (Abb. 11). Im Wappenbilde sind Hoya und Bruchhausen,
Regenstein und Blankenburg, Hohnstein und die Lutterbergschen Querfäden
zu je einem Felde vereinigt und das Lüneburgsche durch die gekrönten
Herzen von den andern Löwen unterschieden. Auf dem Schilde stehen fünf
gekrönte Helme; der mittlere (Braunschweig-Lüneburg) trägt zwischen zwei
mit den Spitzen gegen einander gekehrten Sicheln, welche außen mit fünf
Pfauenfedern besetzt sind, eine Säule mit Krone und gesterntem
Pfauenkranz, vor der ein Pferd springt. Der Helm mit Bärenklaue
bezeichnet Hoya, der mit sechs Fähnchen zwischen Büffelhörnern
Bruchhausen, der mit zwei Hirschstangen, zwischen denen ein Pfauenschwanz
steckt, Hohnstein und Lutterberg, der mit zwei Büffelhörnern und zwei
Hirschstangen Diepholz und Regenstein-Blankenburg. -- Auf der Rückseite
hält der Wildemann, Laubkränze um Haupt und Hüften, den mit der Wurzel
ausgerissenen, auf beiden Seiten mit Zweigen besetzten Baum wie eine zum
Stoß eingelegte Lanze mit beiden Fäusten. Eine bestimmte Regel bildete
sich um 1670 aus: auf den in Zellerfeld für Braunschweig-Wolfenbüttel
geprägten Münzen hält der Wildemann den zweireihig besetzten Baum in der
Linken, auf den dort für Calenberg-Hannover geprägten die nur
rechtsseitig besetzte Tanne in der Rechten. Die nach Aufhebung der
Zellerfelder Münze von 1788 an in Klausthal geprägten hannoverschen
Münzen zeigen den Wildenmann mit einer zweiseitig besetzten Tanne in der
Rechten.
3. Ausbeutethaler der Grube Lautenthals Glück (Jungfrau mit der Laute
zwischen Grubengebäuden), in Zellerfeld vom Münzmeister Joh. Benj. Hecht
geprägt, Wildemänner als Schildhalter (Abb. 12).
4. Andreasthaler, 1726 in Klausthal vom Münzmeister Chr. Phil.
Spangenberg geprägt (Abb. 13). Die Umschrift lautet: _Georgius Dei gratia
Magnae Britanniae Franciae et Hiberniae rex, fidei defensor_ (Verteidiger
des Glaubens), _Brunsvic. et Luneburg. dux, Sancti Romani imperii
archithesaurarius_ (Erzschatzmeister) _et elector_. Der Wappenschild hat
im ersten Felde die englischen Leoparden und den schottischen Löwen, im
zweiten die französischen Lilien, im dritten die irische Harfe, im
vierten die braunschweigischen Leoparden, den lüneburgischen Löwen, das
Sachsenroß und in der Mitte die Kaiserkrone. Schildhalter Löwe und
Einhorn.