bedeutendsten. Für den Brocken berechnet Hellmann aus sämtlichen vor dem
Jahre 1879 liegenden Beobachtungen das Jahresmittel auf 1669 Millimeter;
in Klausthal betrug das Mittel aus den 40 Jahren 1856-1895 1338
Millimeter, auf dem Sonnenberge (dessen Station leider jetzt eingegangen
ist) das Mittel der 18 Jahre 1878 bis 1895 1283 Millimeter gegen 1316
Millimeter derselben Jahre in Klausthal. Zwischen den einzelnen Jahren
sind außerordentlich große Unterschiede: in Klausthal stehen den 1930
Millimeter Niederschlag des Jahres 1867 als Minimum 824 Millimeter im
Jahre 1857 gegenüber.
Daß der Sonnenberg, und damit wohl auch das Brockenfeld, etwas geringere
Niederschläge hat, als Klausthal, erklärt sich daraus, daß jener im
Regenschatten des Bruchberg-Ackers liegt; in Andreasberg und Braunlage
mit 1093 und 1096 Millimeter macht sich dieser noch stärker geltend, und
den Unterharz charakterisiert Allrode mit 620 Millimeter. Bei den nur
teilweise in diesem Regenschatten liegenden Orten des Südharzes (Wieda
993, Walkenried 820, Ilfeld 640 Millimeter) sprechen auch lokale Umstände
mit. Die Jahressumme der Tage mit Niederschlägen steht in anderem
Verhältnisse als diese: Klausthal hat im Mittel 152 Regen- und 64
Schneetage, der Sonnenberg aber gar 216 und 180.
Von großer Bedeutung für das Klima ist auch die Verteilung der
Niederschläge auf die einzelnen Monate. In Klausthal folgen diese nach
40jährigem Mittel: Juli 145, Dezember 134,5, August 129,6, Juni 125,6,
März 120,7, November 115,9, Oktober 108,3, Januar 105, Februar 104,8,
September 88,6, Mai 81,8, April 76,4 Millimeter. Ähnlich ist das
Verhältnis auf dem Sonnenberge, nur daß hier im Juli mehr Regen und im
Dezember und März verhältnismäßig mehr Schnee fällt.
Ist der Westharz reicher an Niederschlag, so fällt der Regen auf der
Leeseite massenhafter, bei einem einzigen Gewitter zuweilen 1/10,
ausnahmsweise 1/5 des Jahresbetrages. So fielen in Schierke am 21.
September 1882 129, in Harzgerode am 1. August 1887 121 Millimeter,
während als Maximum in Klausthal nur 97,5 Millimeter auf den 29. Juli
1883 kommen.
[Illustration: Abb. 26. =Schloß Söder.=
(Nach einer Photographie von F. H. Bödeker in Hildesheim.)]
Mit dem Nebel, der fast zur Hälfte auf den Winter fällt, ist es auf der
Hochebene des Oberharzes nicht so arg, wie man oft denkt. Allerdings hat
Klausthal durchschnittlich 95 ganz trübe und nur 27 ganz helle Tage, aber
es ist damit nicht schlechter gestellt als manche Städte im Lande. Im
Jahre 1883 z. B. wurden die 81 Nebeltage Klausthals von Braunschweig mit
83, Magdeburg mit 97 übertroffen, und seinen 25 ganz heiteren Tagen hatte
Salzwedel nur 19 gegenüberzustellen. Der Sonnenberg hat beinahe doppelt
so viele Nebel- und doppelt so viele ganz helle Tage als Klausthal. Auf
den Rauhreif und »Anhang«, auf den Brocken im Nebel kommen wir am andern
Orte zu sprechen.
V.
Geschichtlicher Überblick.
[Sidenote: Vorgeschichte des Harzes.]
Wenn sich in dem weit wilderen Alpengebirge uralte Pfade schon in der
vorgeschichtlichen Zeit nachweisen lassen, so ist die Annahme, daß solche
auch im Harze vorhanden gewesen sein müssen, um so weniger gewagt, als
der einzige dem Oberharze angehörende Fund aus der Steinzeit, ein
gebrauchfertiges und gut erhaltenes Steinbeil aus nichtharzischem Gestein
(Oberharzer Museum) gerade auf dem Brockenfelde gemacht ist, über das der
»Heidenstieg« lief, der später in den fahrbaren »Kaiserweg« umgestaltet
ward.
[Illustration: Abb. 27. =Schloß Derneburg.=]
Im übrigen wurde in vorgeschichtlicher Zeit das Innere des Harzes und
insbesondere der hohe Westharz mit seinen undurchdringlichen Urwäldern,
seinem wegsperrenden Klippengewirr und seinen Gefahr drohenden Mooren
wohl nur hin und wieder von einzelnen kühnen Jägern betreten, die Elch
und Schelch, Ur und Wisent, Bär und Wolf bis in ihre geheimsten
Schlupfwinkel zu verfolgen wagten.
Zu dauernder Ansiedelung aber konnten den Menschen der Steinzeit, dem
Waldwirtschaft und Bergbau, die Vorbedingungen der späteren Besiedelung
des eigentlichen Harzes, völlig fremd blieben, nur die dem Harze
vorgelagerten Hügellandschaften und Flußebenen einladen.
Die Pfahlbauten in den Brüchen und trockenen Seen am Ostrande, die
Feuerstätten unter dem Tropfsteinboden der Einhornhöhle, die zahlreichen
in neuerer Zeit ausgegrabenen Wohn- und Grabstätten mit ihren Hausurnen
und Steinkisten, die noch unverwischten Befestigungen mit all ihren
wertvollen Funden reden eine gar deutliche Sprache, und eine
Zusammenstellung der Orte, die durch ihren Namen als heidnische
Opferstätten gekennzeichnet sind (Wodansberg, Hübichenstein, Thorsthor,
Pholidi, d. i. Pöhlde, die Bocksberge und andre) ergänzt als zweite
wichtige Urkunde jenen Bericht.
Beim Eintritt in die geschichtliche Zeit müssen die Harzlande freilich
vorerst stumm von ferne stehen, wenn Süddeutschland und die Rhein- und
Weserlande so viel des Interessanten aus der Römerzeit zu erzählen haben;
aber dafür dürfen sie sich dessen rühmen, daß in ihnen der erste Versuch
und Ansatz einer reindeutschen Staatenbildung gemacht ist: die südlichen
und östlichen Vorlande bildeten das Mittel- und Kernstück des Königreichs
Thüringen, das sich im ersten Viertel des sechsten Jahrhunderts von der
oberen Donau bis an die Grenze des Bardengaues erstreckte. Die
zahlreichen Ortsnamen auf --leben (das ist Aufenthaltsort) und --stedt
(Wohnstätte) erinnern noch daran.
Als die Franken 529-531 die Macht der Thüringer mit Hilfe der Sachsen
brachen, blieb ihnen nur der Helmegau (Walkenried, Nordhausen), der ganze
Süd- und Ostrand vom Sachsgraben bei Wallhausen bis an die Oker fiel den
Sachsen als Kriegsbeute zu, doch mußten sie für die südliche Hälfte den
Franken jährlich 500 Kühe als Tribut liefern. Um sich von dieser
drückenden Fessel der Unfreiheit zu befreien, folgten die Bewohner dieses
Gaues 568 gern dem Rufe des Longobarden Alboin zum Einmarsch in Italien,
und in die verödeten Lande zogen nun Nordschwaben, Friesen und Hessen
ein, denen es 575 gelang, die zurückkehrenden Sachsen in zwei
mörderischen Schlachten zu vernichten.
[Sidenote: Einführung des Christentums.]
Das Christentum ist in die Harzlande zuerst in der abgeschwächten Form
des Arianismus durch die Thüringerkönigin Amalaberga, Theoderichs des
Ostgoten Nichte, gekommen; doch hat die schwache Pflanze die Stürme jenes
Vernichtungskrieges nicht überdauert. Erst Bonifatius und sein Schüler
Wigbert haben es in den drei südlichen Gauen (Helme, Hessen, Friesen)
sicher begründet, und in dem Schwabengau, in dem sich nur einige
vorpostenartig vorgeschobene Wigbertikirchen (z. B. in Quedlinburg)
finden, ist es vom Hausmeier Karlmann und seinem Bruder Pipin im Kampfe
gegen den auf seine »Hoseoburg« trotzenden Häuptling Theoderich 746-748
mit Waffengewalt eingeführt.
[Illustration: Abb. 28. =Schloß Henneckenrode.=
(Nach einer Photographie von F. H. Bödeker in Hildesheim.)]
Wie weit dann auf friedlichem Wege das Christentum am Westrande des
Harzes vorrückte, zeigt die Grenze des Mainzischen Sprengels, die im
Pandelbach bei Münchehof mit der Nordgrenze des Lisgaues, des einzigen
von Engern bewohnten harzischen Gaues, zusammenfällt. Die nördlich
anschließenden Lande, der Ambergau (Seesen, Bockenem), der Wenzigau
(Goslar), der Lerigau (Wöltingerode) und der Harzgau (Wernigerode,
Blankenburg) sind erst durch den Schwertapostel Karl den Großen bekehrt.
Ströme des Bluts, wie in Westfalen, sind im Harze nicht geflossen. Schon
775 unterwarf sich der Ostfalenherzog Hessi freiwillig an der Oker und
hielt die gelobte Treue; seine Tochter gründete in Wenthausen, dem
heutigen Thale, das erste Kloster in den Harzlanden.
Als Karl 809 für Ostfalen rechts der Oker in Halberstadt ein Bistum
gründete, wies er diesem auch den Südrand bis zum Sachsgraben zu, so daß
dem fernen Mainz nur der Helme- und der Lisgau verblieben. Für Ostfalen
links der Oker gründete Karl 818 das Bistum Hildesheim; und an der
Vertiefung des vielfach nur äußerlich angenommenen Christentums
arbeiteten mit jenen Bischöfen auch die Klöster Fulda und Hersfeld
weiter.
Die Ortschaften, welche bis zu dieser Zeit etwa in den Harzlanden
entstanden waren, gehören drei verschiedenen Gruppen an. Die älteste
umfaßt diejenigen, deren Namen auf --hausen und --heim (--um, --em), auf
--leben und --stedt endigen, also auf eine Einzelsiedelung, auf das von
den zugehörigen Hütten der Laten umgebene Haus =eines= seßhaften freien
Mannes hinweisen, die zweite solche, deren Namen auf --ingen und --ungen
endigen, Siedelungen einer ganzen Sippe. Auch die Orte mit bloßen
Naturnamen, wie z. B. Goslar (Einöde am Gießbach), Steina (Siedelung an
der Grenze, nämlich zwischen Sachsen und Thüringern), sowie die, welche
auf --a, --see, --leite, --berg u. s. w. ausgehen, gehören zum größten
Teil der frühesten Zeit an. Die dritte Gruppe bilden die Orte, welche
sofort als »Dorf« entstanden sind.
[Sidenote: Besiedelung des Harzes.]
Die Volksmenge ward allmählich dichter, die unter dem Pfluge liegenden
Ackerflächen genügten nicht mehr, und notgedrungen nahmen die Bewohner
der Vorlande auch die öden Gebiete in Angriff, lichteten den Urwald mit
Axt und Feuer, legten die Sumpfgegenden durch Gräben und Dämme trocken
und machten den so dem Walde und dem Wasser abgewonnenen Boden durch den
Pflug zu ertragsfähigem Lande.
[Illustration: Abb. 29. =St. Hubertus-Kapelle am Heinberge.=
(Nach einer Photographie von F. H. Bödeker in Hildesheim.)]
Liegen die Orte, welche in dieser Zeit der »ausbauenden Kolonisation«
entstanden sind, auf ehemaligem Waldboden, so endigt ihr Name auf --loh,
d. i. Wald (Braunlage = brauner Wald), auf --feld (Mansfeld u. s. w.),
auf --hain und --hagen, --rode und --schwende; ist ihre Flur durch
Entwässerung des Sumpfes gewonnen, auf --riet. Noch jetzt umzieht ein
dichter Kranz solcher Ortschaften den Harz, die meisten aber sind längst
wieder eingegangen, weil die Länderei die Arbeit nicht lohnte. Ganz
besonders trifft dies die zahlreichen »Hagen«, d. i. auf Waldblößen
angelegte Ortschaften mit eingefriedigter Feldmark, und die noch
häufigeren Rodungen. Von den an der Endung --schwende (von _suantjan_,
schwinden machen) kenntlichen Brandrodungen, die nur im Ostharze
vorkommen, ist Molmerschwende die bekannteste.
Das Jahr, selbst das Jahrhundert der Erbauung all dieser späten
Siedelungen läßt sich nur bei einigen annähernd angeben. --
[Sidenote: Die Kaiserzeit.]
Hatte einst das mächtige Thüringerreich im Südostharze seinen
Mittelpunkt, so stand später, als das von Karls des Großen Weltreich
abgetrennte und in Selbständigkeit erstarkte Deutsche Königreich, bald
vom Glanze der römischen Kaiserkrone umstrahlt, den Höhepunkt seiner
Macht erreichte, zur Zeit der Ludolfinger, Salier und Staufer, der Harz
hellleuchtend im Vordergrunde der deutschen Reichsgeschichte. Wie
nirgends sonst im ganzen Deutschland reihten sich um den Harz Königshöfe
und Pfalzen zu einem prächtigen Kranze zusammen: im Norden Dahlum,
Seesen, Werla, Ilsenburg, im Osten und Süden Frose, Walbeck, Quitelingen,
Allstedt, Tilleda, Wallhausen, Nordhausen und Pöhlde.
[Illustration: Abb. 30. =Romkerhaller Wasserfall.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Unter den ludolfingischen Kaisern liegt der Schwerpunkt vorerst im Süden
und Osten: in Wallhausen, Nordhausen und Quedlinburg, zu denen dann noch
aushelfend Pöhlde und Gernrode kommen. So dankbar die Aufgabe wäre, diese
Könige, besonders Heinrich I. und Otto den Großen, von einer Harzpfalz
zur andern zu begleiten: wir müssen es uns um des Raumes willen versagen.
Mit dem Erlöschen der Ludolfinger trat die alte Kaiserstadt Quedlinburg
in den Hintergrund. An der stolzen Stiftung des ausgestorbenen
einheimischen Hauses nehmen die fränkischen Kaiser nur geringen Anteil,
ihr Lieblingsaufenthalt ward Goslar, dem unter dem mächtigen Heinrich
III. eine wahrhaft glänzende Zeit erstand. Auf der Höhe des Kaiserbleekes
erbaute er den großartigen Reichspalast (Abb. 3) und in dessen Nähe den
herrlichen Dom, einen leuchtenden Schmuck für das ganze Sachsenland.
Damals war Goslar in Wahrheit das _clarissimum regni domicilium_. Und
wenn unter Heinrich IV., dem Harzer von Geburt, der Glanz zu erblassen
schien und die burggekrönten Harzberge trauernd das Haupt neigten, so
kehrten jene Tage des Ruhmes unter dem Sachsen Lothar und unter den
beiden Friedrich von Staufen noch einmal wieder auf lange Zeit: ja der
Reichstag, den Barbarossa im Juni 1154 in Goslar hielt, überstrahlte alle
andern, die der Harz je gesehen hat.
Viermal spitzte sich die deutsche Reichsgeschichte zu einem Kampfe
zwischen dem Kaiser und dem Sachsenherzoge zu, aber keiner von ihnen,
auch kein späterer Krieg, hat je die Harzlande so schwer betroffen, so
viel Städte in Asche gelegt, so viel Burgen gebrochen, als der letzte, in
dem um jedes Panier, um das des Welfen Heinrich des Löwen und das
waiblingische Barbarossas Harzer Grafen und Harzer Bürger sich scharten.
Im Jahre 1253 sah Goslar zum letztenmal einen Kaiser in seinen Mauern:
Wilhelm von Holland, der König der welfischen Partei, ließ sich hier vom
Glanze der alten Kaisererinnerungen bestrahlen. Dann stand die
Kaiserpfalz öde und vergessen, bis in unseren Tagen in die alten Mauern,
die länger als sechs Jahrhunderte trauernd und verlangend nach einem
Kaiserantlitz ausgeschaut hatten, der greise Kaiser Wilhelm der Große,
der siegreiche Einiger und Mehrer des Reichs, einzog.
[Illustration: Abb. 31. =Markt mit Rathaus in Goslar.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
[Sidenote: Die Harzgrafschaften.]
Mit dem Untergange der Hohenstaufen und der Zertrümmerung des starken
sächsischen Stammesherzogtums verliert die Harzer Geschichte ihren
einheitlichen Charakter. Eine Vielheit von Territorien, geistlichen und
weltlichen, umspannten den Harz und hatten das Innere in größeren
Bruchstücken und kleinen Splittern zu eigen. Der Oberharz gehörte dem
1235 in seiner Herzogswürde anerkannten Welfenhause, im Osten griffen --
wie noch heute -- die Besitzungen des Hauses Anhalt, der Selke folgend,
tief in das Gebirge hinein; dem Süd- und Ostrande aber gaben die
Harzgrafschaften Wernigerode, Regenstein, Falkenstein, Mansfeld,
Stolberg, Hohnstein, Scharzfeld u. a. ihr charakteristisches Gepräge. Bis
auf das durchlauchtige Haus Stolberg, mit dem jeder Harzer sich gleichsam
landsmännisch verwachsen fühlt, sind diese mächtigen Geschlechter, allen
voran das kaisertreue Woldenberg-Harzburgische, dessen Glanz fast schon
mit dem der Hohenstaufen erbleicht, eins nach dem andern erloschen. Nach
manchen Wechselfällen breitet heute der preußische Königsadler, dem
braunschweigischen Löwen und dem anhaltischen Bären ihren Raum gönnend,
schirmend seine Flügel über den Harz und dessen Vorlande.
VI.
Land und Leute.
[Sidenote: Die Bevölkerung.]
Es gibt in Deutschland kein zweites Beispiel dafür, daß sich auf einem so
eng umgrenzten Gebiete, wie es der Harz einnimmt, so viel verschiedene
Volksstämme nachweisen und noch heute, namentlich in ihrer sprachlichen
Verschiedenheit, klar erkennen lassen. An der Hand der Geschichte haben
wir in der Völkerwanderung Schwaben und Silinger, Friesen und Hessen und
nicht lange danach auch Holsteiner (Elbingerode) neben den
alteingesessenen Thüringern, Engern und Ostfalen sich niederlassen und in
der Kaiserzeit Slaven und Flamländer die sumpfigen Vorlande besiedeln
sehen. Dazu kamen noch zur Zeit der Reformation die mit wenig Franken
untermischten Obersachsen, die heutigen Bewohner des Oberharzes.
[Illustration: Abb. 32. =Goslar, von der Klus gesehen.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
Nach der bis vor kurzem landläufigen Ansicht stammen diese aus Franken.
Aber man verwechselt sie dabei mit der ersten, in der Mitte des
vierzehnten Jahrhunderts der Pest erlegenen schwachen Bevölkerung, die es
bis zur Städtegründung nicht gebracht hat. Als im sechzehnten Jahrhundert
fast gleichzeitig in den Gebieten von Braunschweig-Wolfenbüttel
(Zellerfeld, Wildemann), Braunschweig-Grubenhagen (Klausthal) und
Hohnstein (St. Andreasberg) an den Stellen, wo einst jener »Alte Mann«
oberflächlich Bergbau getrieben hatte, edle Gänge erschürft wurden, und
die Strahlen, die aus der silberblinkenden Teufe aufschossen, den im
Winterschlafe liegenden, verödeten Oberharz zu neuem Leben erweckten,
vermochte ihm der infolge der Fehde mit Heinrich dem Jüngeren schwer
krankende Rammelsberg durch Abgabe von Bergleuten um so weniger zu
helfen, als die Goslarschen nur mit dem »Feuersetzen« (dem Anzünden
großer Holzstöße zum Mürbemachen des Gesteins) zu arbeiten wußten, nicht
aber zu »sinken« (Schächte abzuteufen), zu »längen« (Stollen und Strecken
zu treiben) und zu »gewältigen« (das Grubenwasser abzuführen) verstanden;
dazu bedurfte man »meißnischer Berggesellen«. Und angelockt durch die
viel verheißenden »Bergfreiheiten« strömten jene dem deutschen Peru
namentlich aus dem westlichen Erzgebirge, der Gegend von Schneeberg,
Annaberg und Joachimsthal, wo der Bergbau stark im Niedergang begriffen
war, in großen Scharen zu, so daß die Städte fast wie Pilze aus der Erde
schossen.
[Illustration: Abb. 33. =Domkapelle in Goslar.=
(Nach einer Photographie von F. Rose in Wernigerode.)]
[Sidenote: Mundarten.]
Die Verschiedenartigkeit der Volksstämme im Harze zeigt sich vor allem in
der Mannigfaltigkeit der hier herrschenden Mundarten.
[Illustration: Abb. 34. =Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches.=
Wandgemälde von Professor Hermann Wislicenus im Kaiserhause zu Goslar.
(Nach einer Photographie im Verlag von Jul. Brumby in Goslar.)]
Der größte Teil des Harzes spricht niedersächsisch (»Plattdeutsch«), der
ganze Westrand vom Ravensberg (zwischen Sachsa und Lauterberg) bis
Hahausen und der Nord- und Ostrand von Hahausen bis Ballenstedt, sowie
bis auf die Sprachinsel des Oberharzes der ganze Nordosten des Gebirges
bis Braunlage, Benneckenstein, Trautenstein, Hasselfelde, Suderode und
Gernrode. Dieser ganze niedersächsische Harz gehört zu dem einen der
beiden großen »Michquartiere« in Deutschland: der Akkusativ mek und dek
(mich und dich) wird auch für den Dativ gebraucht; auch wird dem zweiten
Partizip statt des hochdeutschen ge ein kurzes e vorgeschlagen, z. B. bei
hett mek eraupen oder eröupen (er hat mich gerufen), hei hett et mek
egeeben (er hat es mir gegeben). Ek und mek wird im Osten lang, im Westen
kurz, und das s in den Anlauten _sm_, _sl_, _sn_, _sw_, _sp_, _st_ nur im
Osten sch gesprochen. Auffällig ist auch die Verschiedenheit in der
Konjugation des Präsens; der Westen und Norden sagt: weï drinket, jei
(jï) drinket, sei drinket, das südöstliche Drittel wie im Hochdeutschen
wei (in Elbingerode, Schierke, Benneckenstein mei), jï, sei drinken. Die
nördlichsten Orte dieses Drittels sind Braunlage, Elend, Schierke,
Elbingerode, Blankenburg, Börnecke.
[Illustration: Abb. 35. =Karl der Große zerstört die Irmensäule.=
Wandgemälde von Professor Hermann Wislicenus im Kaiserhause zu Goslar.
(Nach einer Photographie im Verlag von Jul. Brumby in Goslar.)]
Im einzelnen lassen sich die Mundarten der Gaue, wenn auch deren alte
Grenzen hierbei nicht überall scharf hervortreten, an charakteristischen
Eigentümlichkeiten gut unterscheiden. Nur im engernschen Lisgau, also
auch in den der oberdeutschen Sprachinsel nicht angehörenden
oberharzischen Ortschaften Lerbach, Buntenbock, Riefensbeek,
Kamschlacken, Lonau und Sieber hört man _ssehr_ (sehr), _chout_ (gut),
_loapen_ (laufen). Die ostfalische Mundart, welche im Ambergau, Densigau
und Lerigau den Harz berührt, in der Nähe des Gebirges aber auch auf das
rechte Ufer der Oker hinüberspringt, wird durch eine Fülle von
Diphthongen gekennzeichnet, deren nach den Orten wechselnde Färbung
längst nicht mit den hochdeutschen Vokalen wiedergegeben werden kann.
Mein Haus lautet (bis dicht vor Hannover, wo zuerst der einfache Vokal
_mîn hûs_ auftritt) etwa _maïn_ oder _meïn hius_, greulich _gruilich_,
gräulich _gröulich_. Vielfach wird _g_ wie _j_ gesprochen: gut _jiut_,
geben _jeeben_; Gott lautet in der Einzahl _gott_, in der Mehrzahl aber
_jötter_; ebenso hochdeutsch Garten in der Mehrzahl _järten_. In andern
Wörtern wie _grot_ (groß), Goslär (Goslar), Gurke tritt das _j_ nie auf.
Die sich östlich anschließende Harzgauische Mundart kennt die
ostfalischen Diphthonge und das anlautende scharfe _st_, _sl_ etc. nicht
und spricht nur in dem östlichen Streifen (Halberstadt, Quedlinburg) an
der Bode das anlautende _g_ wie _j_: _Joslar_, _jut_, _jross_. Zum
Vergleiche zwischen dieser und der ostfalischen Mundart diene folgende
Strophe aus der »willen Jagd«:
Wernigerode:
Mîn Vader, mîn Vader, horche mal rut,
Dat hult da buten, dat hult sau lut;
Dat bellt un schtampt, dat gröhlt un brüllt
Hoch öwwer de Böme grulich un wild.
Bockenem:
Maïn Vader, maïn Vader, horche mal rüut,
Dat hüult da butten, dat hüult söu lüut,
Dat bellt un stampet, dat greelt un brillt
Hoch ower de Beme gruilich un wild.
Einlautig ist auch die Mundart des Schwabengaues, die ohne scharfe
Umgrenzung etwa von Westerhausen und Thale bis an den Streifen bei
Suderode und Ermsleben reicht, in dem seit Jahrhunderten das
Mitteldeutsch kämpfend weiter nach Norden vordringt. Sie spricht stets
anlautendes _g_ wie _j_ und -- wie schon manche Orte des Harzgaues --
_hiser_, nicht _hüser_ für Häuser.
[Illustration: Abb. 36. =Luther und Karl V. auf dem Reichstage in Worms.=
Wandgemälde von Professor Hermann Wislicenus im Kaiserhause zu Goslar.
(Nach einer Photographie im Verlag von Jul. Brumby in Goslar.)]
Die niederdeutschen Mundarten haben denselben Konsonantenstand wie das
Gotische. Sie sind von der konsonantischen Lautverschiebung, welche schon
zur Zeit der Völkerwanderung zunächst bei den Alemannen in der Schweiz
begann, und wellenförmig nach Norden fortschreitend im vierzehnten und
fünfzehnten Jahrhundert in die südlichen Harzlande gelangte und die
niederdeutsche Mundart in eine hochdeutsche umwandelte, nicht beeinflußt;
sie halten noch das altdeutsche $t$ fest, wo unsere hochdeutsche
Schriftsprache $z$ setzt (tämen = zähmen); für das hochdeutsche $t$ haben
sie noch $d$ (Dochter = Tochter), für $f$ noch $p$ (lopen = laufen), für
$ch$ $k$ (eck und ick = ich) beibehalten. Dagegen haben die Thüringer im
Helmegau nebst den dort eingewanderten Flamländern, sowie die Hessen und
Friesen diese Lautverschiebung angenommen, so daß der ganze Südharz bis
zum Ravensberge jetzt hoch-(mittel-) deutsch spricht. An die frühere
Zugehörigkeit auch dieser Gegenden zum niederdeutschen Sprachgebiet
erinnern nur noch wenige Spuren, so im Mansfeldischen die Flexion des
Infinitivs bei $zu$ (ze thun$e$ für zu thun) und $mant$ für nur.
Es lassen sich hier, wenn auch nicht in genauem Anschluß an die
Gaugrenzen, drei mitteldeutsche Mundarten unterscheiden: süd- oder
unterharzisch, mansfeldisch und nordthüringisch. Ihr Konsonantenstand ist
derselbe wie der des Hochdeutschen, nur ist das niederdeutsche $pp$ und
$mp$ am Ende der Wörter geblieben: Kopf und Strumpf werden noch Kopp und
Strump gesprochen; und das niederdeutsche p im Anlaut ist nicht in pf,
sondern in f umgewandelt: Pferd und Pfennig lauten Ferd und Fennig.