Soll das unmäßige Zechen in Gasthäusern, Bierhäusern,
Kaffeehäusern und Kellern aufs Ernstlichste getadelt werden,
als das allgemeine Laster unserer Zeit und bestes Mittel,
die Seuche zu verbreiten. Und soll es keiner Person oder
Gesellschaft erlaubt sein, ein Gasthaus, Bierhaus oder
Kaffeehaus zu betreten oder darin nach neun Uhr abends zu
verweilen, gemäß dem alten Gesetz und Gebrauch dieser Stadt,
bei gesetzlicher Strafe.
Zur leichteren Durchführung dieser Verfügungen und weiterer
Verordnungen, die nach genauer Erwägung nötig befunden
werden sollten, wird hiermit bestimmt, daß die Ratsherrn,
ihre Vertreter sowie die Gemeindevertreter wöchentlich
zusammenkommen, und zwar einmal, zweimal, dreimal oder
öfter, je nach Notwendigkeit, an irgendeinem in ihren
Pflegschaftsbezirken üblichen, von jeder Ansteckung oder
Verseuchung freien, Orte, um zu beraten, auf welche Weise
besagte Verfügungen zur Ausführung zu bringen sind. Und
sollen solche, die in oder nahe an verseuchten Plätzen
wohnen, ihr Kommen unterlassen. Und sollen besagte Ratsherrn,
Stellvertreter und Gemeindevertreter, in ihren verschiedenen
Bezirken alle Verfügungen in Wirksamkeit setzen, die von ihnen
bei besagter Zusammenkunft beraten und zum Wohle von seiner
Majestät Untertanen und zu ihrer Befreiung von der Seuche für
richtig gehalten worden sind.
Sir John Lawrence, Lordmayor
Sir George Waterman }
Sir Charles Doe } Sherifs.
Es ist unnötig zu sagen, daß diese Verfügungen nur jene Plätze
betrafen, die unter der Gerichtsbarkeit des Lordmayors standen, aber
die Friedensrichter der Kirchspiele, die zu der näheren Umgebung und
den Vorstädten gehörten, ergriffen die gleichen Maßregeln. Freilich
wurde zur Absperrung der Häuser auf unserer Seite erst später
geschritten, weil, wie ich schon erzählt habe, die Pest nicht so bald
zu uns kam und erst Anfang August ihre volle Heftigkeit entfaltete.
Anfangs nannte man diese Absperrung der Häuser eine recht grausame
und unchristliche Maßregel, und die solchermaßen eingesperrten Leute
klagten aufs Bitterste; auch kamen täglich die heftigsten Beschwerden
an den Lordmayor über zu Unrecht oder aus Bosheit abgesperrte Häuser.
Die Untersuchung ergab die Grundlosigkeit mancher Beschwerden; in
andern Fällen zeigte sich, daß die Krankheit nicht zu den ansteckenden
gehörte, oder auch, daß die Erkrankten, wennschon ihr Fall nicht sicher
war, eingewilligt hatten, nach dem Pesthause gebracht zu werden, worauf
die Absperrung aufgehoben wurde.
Eines Tages, als ich etwa um 8 Uhr morgens durch Houndsditch kam, hörte
ich einen großen Lärm. Zwar waren nur wenige Leute auf der Straße, da
es ihnen verboten war, dort lange herumzustehen oder sich mit andern
herumzutreiben, auch hielt ich mich selbst nicht lange auf, aber das
laute Geschrei erweckte meine Neugierde, so daß ich einem, der aus dem
Fenster schaute, zurief und ihn fragte, was es denn gäbe.
Wie es schien, war der Wächter, der vor dem verseuchten oder angeblich
verseuchten und abgesperrten Hause seinen Posten hatte, nun schon zwei
Nächte hintereinander dagewesen, wie er wenigstens erzählte, und der
Tagwächter, der auch schon einen Tag hier sein Amt versehen hatte, war
eben gekommen, um ihn abzulösen -- und während dieser ganzen Zeit war
kein Laut aus dem Hause gedrungen, kein Licht hatte sich gezeigt, die
Leute verlangten nichts, schickten den Wächter weder auf irgendeine
Besorgung, was doch gemeinhin die Haupttätigkeit der Wächter ausmachte,
noch wollten sie sonst etwas von ihm. So war es nach seinem Berichte
seit Montagnachmittag. Da hatte er in dem Hause ein arges Schreien und
Heulen gehört, wie er meinte, weil dort gerade jemand gestorben war.
Wirklich war auch der Leichenkarren in der vorhergehenden Nacht vor
der Türe angehalten und die Leiche eines Dienstmädchens herabgebracht
worden. Die Leichenträger hatten sie in den Karren geworfen, wie sie
war, nur in ein Stück grünes Zeug gewickelt, und waren davongefahren.
Als der Lärm und das Geschrei ertönte, hatte der Wächter an die Türe
geklopft, aber eine ganze Weile hatte niemand geantwortet. Endlich
hatte jemand zum Fenster herausgesehen und mit einer verärgerten, aber
doch weinerlichen Stimme gefragt: »Was wollt Ihr denn, daß Ihr so
klopft?« Er hatte geantwortet: »Ich bin der Wächter, wie geht’s Euch?
Was ist los?« -- Die Person hatte darauf gerufen: »Was geht das dich
an? Halt’ den Leichenkarren an.« Das war so um 1 Uhr herum gewesen.
Bald nachher hatte er, wie er erzählte, den Leichenkarren angehalten
und von neuem geklopft, aber keine Antwort erhalten. Auch als er immer
weiter geklopft und der Kerl von dem Karren mit seiner Glocke geläutet
und wiederholt gerufen hatte: »Bringt die Leiche heraus!«, war alles
still geblieben, bis der Fuhrmann, der irgendwo anders gebraucht wurde,
endlich nicht mehr warten wollte und weggefahren war.
Der Wächter hatte nicht gewußt, was er aus all dem machen sollte, so
hatte er die Sache auf sich beruhen lassen, bis der Tagwächter zur
Ablösung gekommen war. Nachdem er ihm alles aufs genaueste erzählt
hatte, klopften die beiden eine Zeitlang an die Türe, aber ohne Erfolg.
Doch bemerkten sie, daß das Fenster oder der Fensterflügel im zweiten
Stock, aus dem die Person herausgeschaut und gerufen hatte, noch immer
offen stand.
Darauf holten die beiden Leute, um ihre Neugier zu befriedigen, eine
lange Leiter, und einer von ihnen stieg hinauf und spähte in das
Zimmer. Dort sah er die Leiche einer Frau auf dem Boden liegen, die
nichts als ein Hemd an hatte. Aber obwohl er laut rief und mit seinem
langen Stock auf den Boden stieß, rührte sich nichts, auch war kein
Laut in dem ganzen Hause zu hören.
Nun stieg er wieder herunter und sprach mit seinem Kameraden, der auch
hinaufstieg und alles gerade so fand wie der andere, worauf sie sich
entschlossen, die Sache beim Lordmayor oder einer andern Behörde
zur Anzeige zu bringen. Aber durchs Fenster wollte keiner von ihnen
steigen. Von seiten der Behörde wurde auf die Anzeige hin befohlen, das
Haus aufzubrechen, und zwar in Gegenwart eines Konstablers und anderer
dazu bestimmter Personen, damit nichts gestohlen würde. Also geschah
es, es wurde aber niemand in dem Hause gefunden als die Leiche jenes
jungen Weibes, das man, da doch nichts mehr zu machen war, sich selbst
überlassen hatte. Die andern hatten wohl auf irgendeine Weise den
Wächter getäuscht und sich durch die Tür oder eine Hintertür oder über
die Dächer davongemacht. Er selbst konnte darüber keine Angaben machen,
und was das Schreien und Heulen anbetraf, so war es wohl bei dem
jämmerlichen Abschied gewesen, der ihnen zu tiefst ans Herz ging, da
es sich um die Schwester der Hausfrau handelte. Der Mann selber, seine
Frau, mehrere Kinder und Dienstboten waren alle fort und geflohen, ob
krank oder gesund, konnte ich niemals erfahren, freilich zog ich auch
keine Erkundigungen ein.
In einem andern Hause in einer Straße, ganz nahe bei Aldgate, war, wie
man mir erzählte, eine ganze Familie abgesperrt und eingeschlossen
worden, weil das Dienstmädchen krank geworden war. Der Vater der
Familie hatte durch seine Freunde bei dem nächsten Ratsherrn und beim
Lordmayor Beschwerde einlegen lassen und sich bereit erklärt, das
Mädchen in das Pesthaus bringen zu lassen, was ihm aber abgeschlagen
wurde. Die Türe wurde also mit einem roten Kreuz bezeichnet, ein
Schloß vorgelegt und ein Wächter hingestellt, wie die Verordnungen es
vorschrieben.
Als der Hausherr sah, daß dagegen nichts zu machen war, und daß er,
seine Frau und seine Kinder mit diesem armen verseuchten Dienstboten
eingesperrt waren, rief er dem Wächter zu, er solle sogleich eine
Pflegerin für die Kranke holen, denn für sie alle würde die Pflege
sicheren Tod bedeuten. Er sagte dem Wächter in dürren Worten, wenn er
das nicht tue, würde das Mädchen entweder an der Seuche sterben oder an
Hunger zugrunde gehen, denn er wäre fest entschlossen, kein Mitglied
seiner Familie in ihre Nähe zu lassen. Dazu lag sie in der Dachstube
über vier Treppen, wo ihr Schreien oder um Hilfe rufen von niemand
gehört werden konnte.
Der Wächter willigte ein, ging weg und holte eine Pflegerin, wie er
beauftragt worden war; brachte sie auch noch denselben Abend. Der
Hausherr benützte inzwischen die Gelegenheit, ein großes Loch durch
seinen Laden in eine Bude oder einen Stand zu brechen, wo früher ein
Schuhflicker unter seinem Ladenfenster gesessen hatte. Bei diesen
traurigen Zeiten aber war er wahrscheinlich tot oder verzogen, und
so hatte der Herr den Schlüssel in Gewahrsam. Solange der Wächter da
war, hätte er freilich des Lärms wegen das Loch nicht durch die Wand
brechen können. Als er nun drin in der Bude war, hielt er sich ganz
still, bis der Wächter mit der Pflegerin zurückkam, und so machte er’s
auch am nächsten Tage. In der folgenden Nacht aber schickte er den
Wächter mit dem Auftrage weg, aus der Apotheke ein Pflaster für die
Kranke zu holen, das erst hergerichtet werden mußte, oder gab ihm einen
andern Auftrag, der ihn einige Zeit entfernt hielt, und während dieser
Zeit machte er sich mit der ganzen Familie davon, und überließ es dem
Wächter und der Pflegerin, das arme Geschöpf zu beerdigen, d. h. in den
Leichenkarren zu werfen und für das Haus zu sorgen.
Nicht weit davon schütteten sie angezündetes Schießpulver auf einen
Wächter und verbrannten den armen Teufel jämmerlich. Während er
fürchterlich brüllte und niemand sich zur Hilfe herbeiwagte, stieg die
ganze Familie aus den Fenstern im ersten Stock und ließ zwei Kranke
zurück, die laut um Hilfe schrien. Man trug Sorge, ihnen Pflegerinnen
zu verschaffen, aber die geflohenen Leute wurden niemals entdeckt, bis
sie nach Erlöschen der Seuche zurückkehrten. Da aber kein Beweis gegen
sie vorlag, konnte ihnen nichts geschehen.
In andern Fällen gab es Gärten, Mauern oder Zäune zwischen den
Häusern und den Nachbargebäuden oder Höfe und Hinterhäuser, und aus
Freundschaft oder auf ihre inständigen Bitten hin ließ man die Leute
über die Mauern oder Zäune klettern und verschaffte ihnen so einen
Ausgang durch die Nachbarhäuser. Oder sie bestachen die Dienstboten,
sie bei Nacht durchzulassen, so daß alles in allem die Absperrung der
Häuser keineswegs sicher war. Noch erfüllte sie überhaupt ihren Zweck
und diente mehr dazu, die Leute in Verzweiflung und bis zum Äußersten
zu bringen, um nur unter allen Umständen hinauszukommen.
Und was dabei das Schlimmste war, war, daß diejenigen, die so die
Flucht ergriffen, die Ansteckung immer weiter verbreiteten, indem
sie sich, schon verseucht, in der schauerlichsten Lage herumtrieben,
was sonst nicht der Fall gewesen wäre. Wer sich die Sache in allen
Einzelheiten vor Augen führt, muß zugeben, daß die Härte solcher
Absperrungen viele Leute toll machte, so daß sie auf jede Gefahr hin
aus den Häusern rannten, und das mit der Pest im Leibe und ohne zu
wissen, wohin sie sich wenden oder was sie tun sollten, oder auch was
sie taten. Manche gerieten in die schrecklichste Not und gingen auf den
Straßen oder Feldern an Entkräftigung zugrunde, oder ließen sich in der
Fieberhitze der Krankheit einfach zu Boden fallen. Andere wanderten
aufs Land hinaus, irgendwohin, wie es ihnen gerade ihr Elend eingab,
ohne Ziel und Zweck, bis sie, erschöpft und hinfällig, im Straßengraben
verkamen. Denn niemand kam ihnen zu Hilfe, und überall in den Häusern
oder Dörfern an der Straße weigerte man sich sie aufzunehmen, ob sie
krank waren oder nicht. Manche verkrochen sich in Heuschober und
starben dort, denn kein Mensch wagte nur in ihre Nähe zu kommen, oder
glaubte ihnen, daß sie nicht angesteckt wären.
Wenn anderseits die Pest in eine Familie einbrach, d. h. wenn ein
Familienmitglied ausgegangen war und von irgendwoher die Ansteckung
heimbrachte, so erfuhr es die Familie sicherlich früher als die
Aufsichtsbeamten, die ernannt worden waren, um die Kranken zu
untersuchen. In der Zwischenzeit hatte dann der Hausherr bequem
Gelegenheit, mit seiner ganzen Familie fortzuziehen, falls er wußte
wohin, und viele taten das auch. Aber das Unglück war, daß eine Menge
davon schon angesteckt waren und so die Seuche in die Häuser jener
brachten, die sie gastfreundlich aufnahmen, was im höchsten Grade
grausam und undankbar war.
Bisher sprach ich von jenen Leuten, die aus Angst, eingesperrt zu
werden, jedes Mittel ergriffen, sei es List oder Gewalt, um vor oder
nach der Zuschließung der Häuser herauszukommen, und deren Elend
dadurch nicht vermindert, sondern eher gesteigert wurde. Aber außerdem
gab es viele unter den Flüchtlingen, die Zufluchtsorte und andere
Häuser hatten, wohin sie sich zurückzogen und verborgen hielten, bis
die Seuche erloschen war. Andere Familien, die das Kommen der Seuche
voraussahen, stapelten Haufen von Nahrungsmitteln und Vorräten auf,
genug für sie alle, und schlossen sich so gänzlich ab, daß man von
ihnen weder etwas sah noch hörte, bis die Seuche vorbei war, worauf sie
endlich wieder in voller Gesundheit zum Vorschein kamen. Ich erinnere
mich mehrerer solcher Fälle und könnte im einzelnen anführen, wie sie
es machten. Zweifellos war das das Sicherste, was man tun konnte für
solche, deren Verhältnisse keine Entfernung erlaubten oder die keinen
geeigneten Zufluchtsort besaßen, denn wenn sie sich so abgeschlossen
hatten, war’s gerade, als ob sie hundert Meilen weit weg gewesen
wären. Ich kann mich auch nicht erinnern, daß irgendeine dieser
Familien erkrankt wäre. Unter ihnen waren besonders einige holländische
Kaufleute bemerkenswert, die ihre Häuser wie gegen eine Belagerung
herrichteten und niemand erlaubten, hinein oder heraus oder nur in die
Nähe zu kommen. Eins von diesen Häusern stand in einem Hofe in der
Throckmorton-Straße und ging auf Drapers Garten.
Aber nun wieder zurück zu den Verseuchten, die von den Behörden
abgesperrt wurden. Ihr Elend ist gar nicht zu beschreiben, und
gewöhnlich kam auch aus solchen Häusern das schauerlichste Geschrei
und Gejammer der armen verzweifelten Leute, die ihre Liebsten in solch
fürchterlicher Lage sahen und dabei eingesperrt wie im Gefängnis waren.
Ich erinnere mich -- und während ich’s niederschreibe, ist’s mir, als
hörte ich noch jetzt den ganzen Jammer -- ich erinnere mich, sage ich,
an eine Dame, die eine einzige Tochter hatte, ein junges Mädchen von
etwa 19 Jahren. Sie waren recht wohlhabend und wohnten in einem Hause
allein für sich. Die beiden waren mit ihrem Dienstmädchen irgendwo fort
gewesen, aber ungefähr zwei Stunden nach ihrer Rückkehr klagte das
junge Mädchen über Unwohlsein, eine Viertelstunde später begann sie,
sich zu erbrechen und fühlte heftige Kopfschmerzen. »Gott verhüte,«
sagte die Mutter in entsetzlicher Angst, »daß mein Kind die Pest
habe!« Da die Kopfschmerzen zunahmen, ließ die Mutter das Bett wärmen
und brachte ihre Tochter zu Bett. Dann gab sie ihr etwas, um sie zum
Schwitzen zu bringen, was man gewöhnlich tat, wenn die ersten Anzeichen
der Seuche sich einstellten.
Während das Bett noch gelüftet wurde, entkleidete die Mutter das junge
Frauenzimmer, und indem sie mit einer Kerze ihren Körper ableuchtete,
gewahrte sie sogleich die heillosen Merkmale der Seuche in der
Leistengegend. Unfähig sich zu beherrschen, ließ sie die Kerze fallen
und stieß ein so schauerliches Geschrei aus, daß das mutigste Herz auf
der ganzen Welt dadurch erschüttert worden wäre. Damit nicht genug,
fiel sie in Ohnmacht, rannte, als sie wieder zu sich kam, vom Entsetzen
gepackt, durch das ganze Haus, die Treppen hinauf und hinunter, wie
eine Wahnsinnige. Und das war sie auch. Sie fuhr fort stundenlang zu
schreien und zu kreischen, denn offenbar hatte sie jede Herrschaft
über sich verloren und, wie ich hörte, wurde sie auch nie mehr ganz
vernünftig. Was ihre Tochter anbetrifft, so war sie schon so gut als
tot, denn der kalte Brand, der die Flecken hervorruft, hatte sich
bereits über ihren ganzen Körper verbreitet, und sie starb nach weniger
als zwei Stunden. Doch die Mutter schrie noch immer fort, ohne etwas
davon zu merken. Das alles ist so lange her, daß ich mich nicht mehr
genau erinnere, aber ich glaube, daß die Mutter sich nicht wieder
erholte und nach zwei oder drei Wochen starb. --
Vor mir liegt die Geschichte von zwei Brüdern und einem Vetter von
ihnen, die alle drei Junggesellen waren. Sie waren zu lange in der
Stadt geblieben, um noch weg zu können, und da sie nicht wußten, wohin
sie sich wenden sollten, auch keine Mittel zu einer weiteren Reise
besaßen, dachten sie sich zu ihrer Rettung etwas aus, das zuerst
hoffnungslos aussah, aber doch eigentlich das Natürlichste war. Man muß
sich wundern, daß nicht mehr Leute darauf verfielen. Sie waren zwar von
niederem Stande, aber doch nicht so gänzlich mittellos, um sich nicht
das Nötigste zu verschaffen, und als sie sahen, daß die Seuche in der
schrecklichsten Weise zunahm, entschlossen sie sich, so gut es eben
gehen wollte, sich auf und davon zu machen.
Einer von ihnen war in den letzten Kriegsläuften Soldat und noch
früher in den Niederlanden gewesen. Er hatte außer dem Gebrauch der
Waffen nichts besonderes gelernt, und da er infolge einer Verwundung
keine schwere Arbeit ausführen konnte, war er bei einem Bäcker von
Schiffszwieback in Wapping in Arbeit getreten.
Sein Bruder war ein Matrose gewesen, hatte aber irgendwie eine
Verletzung am Bein davongetragen, die ihn verhinderte, weiterhin zur
See zu gehen. Er hatte dann bei einem Segelmacher in Wapping oder da
herum in Arbeit gestanden, und da er seine Sachen gut zusammenhielt,
hatte er sich eine Kleinigkeit erspart und war von den Dreien der
Reichste.
Der dritte war seines Zeichens ein Zimmermann, ein geschickter Bursche.
Alles, was er besaß, war zwar nur sein Werkzeugkasten, aber mit dessen
Hilfe verstand er, sich überall seinen Lebensunterhalt zu verschaffen.
In solchen Zeiten freilich war auch er arbeitslos. Übrigens wohnte er
in Shadwell.
Alle ihre Arbeitsplätze gehörten zu dem Kirchspiel von Stepney, das
zuletzt von der Seuche erfaßt wurde, und daher waren sie geblieben, bis
sie sahen, daß die Pest in den Westteilen der Stadt allmählich erlosch
und sich nun nach Osten wandte, wo sie wohnten.
Die Geschichte dieser drei Leute werde ich an ihrem Orte ausführlich
erzählen, da sie in künftigen schlimmen Zeiten für manchen von nicht
geringem Nutzen sein mag, aber vorläufig habe ich noch anderes zu
berichten. --
In der ersten Zeit bewegte ich mich ganz sorglos in der Stadt
umher, wenn auch nicht so sorglos, um mich offensichtlicher Gefahr
auszusetzen, außer damals, als man das Massengrab im Kirchhof von
Aldgate aushob. Das war eine fürchterliche Grube, und in meiner Neugier
mußte ich hingehen und sie anschauen. Nach meiner Schätzung maß sie in
der Länge ungefähr 40 Fuß und 15 oder 16 der Breite nach. Wie ich das
erstemal hineinsah, war sie etwa 9 Fuß tief, aber später sollen sie an
einem Ende bis zu 20 Fuß gegraben haben, bis sie auf das Grundwasser
kamen. Schon früher waren einige Massengräber ausgehoben worden, denn
als endlich die Seuche zu uns kam, wütete sie in den zwei Kirchspielen
von Aldgate und Whitechapel ärger als in irgendeinem Teile von London.
Man hatte, wie gesagt, schon mehrere Massengräber hergestellt, als die
Seuche zu uns kam und die Leichenkarren ihre Fahrt begannen. Das war
etwa um den Anfang August. In jedem von diesen Gräbern lagen vielleicht
50 oder 60 Leichen, aber dann machte man sie größer, um alle, die
innerhalb einer Woche starben, darin zu verscharren. Von Mitte bis
Ende August waren das an die 2 bis 400 wöchentlich. Größer konnte man
die Gruben nicht machen, weil die Behörden ausdrücklich vorgeschrieben
hatten, daß jede Leiche 6 Fuß unter der Oberfläche liegen müsse und
bei 17 oder 18 Fuß Tiefe schon das Grundwasser kam. Bei Beginn des
September aber wurde die Seuche so heftig, daß die Sterblichkeitsziffer
in unserm Kirchspiel höher war als irgendwo sonst in London, und da
befahl man denn, diesen schauerlichen Schlund auszugraben, denn es war
wirklich mehr ein Schlund als ein Grab.
Man hatte angenommen, daß man damit für einen Monat oder länger reichen
würde, und einige machten den Kirchenvorstehern Vorwürfe, daß sie
etwas Derartiges erlaubt hatten, als ob sie das ganze Kirchspiel mit
Mann und Maus eingraben wollten, aber die Folge rechtfertigte die
Maßregeln der Kirchenvorsteher und zeigte, daß sie für den Zustand
ihres Kirchspiels einen richtigen Blick hatten. Denn am 4. September
war die Grube fertig, am 6. begann man mit den Beerdigungen, und am
20., also gerade 14 Tage später, waren 1114 Leichen hineingeworfen
worden, und man mußte sie wieder zuwerfen, da die Leichen schon bis 6
Fuß unter die Oberfläche reichten. Sicherlich gibt es noch einige alte
Leute in dem Kirchspiel, die all das bestätigen und sogar den Ort auf
dem Kirchhof anzeigen können, wo die Grube war. Noch viele Jahre lang
war eine Senkung auf dem Boden zu sehen, neben dem Weg, der an der
westlichen Mauer des Kirchhofs entlangführt, von Houndsditch heraus,
und dann nach Whitechapel umbiegt, bis zum Wirtshaus zu den drei Nonnen.
Es war um den 10. September, als meine Neugierde mich veranlaßte oder
trieb, das Grab von neuem anzuschauen, nachdem fast 400 Leute dort
beerdigt worden waren. Diesmal begnügte ich mich nicht, wie vorher
bei Tage hinzugehen. Denn da war nichts zu sehen als Erde, weil die
hineingeworfenen Leichen von den Leichenträgern sofort mit Erde
zugeschaufelt wurden. Also beschloß ich, nachts hinzugehen und beim
Hineinwerfen zuzuschauen.
Das war zwar strenge verboten, und lediglich der Ansteckung wegen.
Aber später wurde das Verbot aus andern Gründen nötig, denn Kranke,
die ihr Ende nahen fühlten, liefen in ihren Fieberdelirien an diese
Massengräber, mit nichts am Leibe als ein Leintuch oder irgendeinen
Fetzen und sprangen hinein, um, wie sie sagten, sich selbst zu
begraben. Ich glaube nicht, daß die Leute sie da liegen ließen, aber
ich habe sagen hören, daß zu dem großen Grab in Finsbury, das damals
gegen die Felder zu noch offen und ohne Mauer lag, viele kamen und
hineinsprangen und ihren Geist aufgaben, ehe man noch die Erde auf sie
schaufelte, und daß sie, als dann die Leichenträger mit neuen Opfern
kamen, zwar schon tot, aber noch warm waren.
Solche Dinge mögen eine Vorstellung von dem Grauen dieser Zeit geben,
obwohl wer’s nicht selbst gesehen hat, kaum eine Ahnung davon haben
kann. Es war wirklich und wahrhaftig fürchterlicher, als man es sagen
kann.
Die Bekanntschaft mit dem Küster ermöglichte mir den Eintritt in
den Kirchhof. Er wies mich zwar nicht zurück, bat mich aber aufs
ernstlichste, doch wieder fortzugehen. Als frommer und verständiger
Mann hielt er mir vor, daß es wohl sein Amt und seine Pflicht
wäre, sich allen Gefahren auszusetzen, und daß er darum hoffe, es
werde ihm nichts geschehen. Ich aber hätte keinen Grund als meine
Neugierde, die solch eine gefährliche Unternehmung doch wirklich nicht
rechtfertigen könne. Ich sagte ihm, daß ich nun einmal darauf aus wäre,
hineinzukommen, und daß es vielleicht nicht ohne Nutzen wäre, so etwas
zu sehen. »Wenn es so ist, dann geht in Gottes Namen,« sagte der gute
Mann, »es mag Euch als beste Predigt dienen, die Ihr je in Eurem Leben
gehört habt. Es ist ein Anblick, von dem eine laute Stimme kommt, die
uns alle zur Buße ruft.« Mit diesen Worten öffnete er das Tor und
sagte: »Nun geht, wenn Ihr wollt.«
Seine Worte hatten mich ein wenig schwankend gemacht, und ich zögerte
noch eine Zeitlang, aber da sah ich gerade von den Minoriten her
zwei Pechfackeln näherkommen, hörte die Glocke des Fuhrmanns, und
dann rumpelte auch schon der Leichenkarren heran. So konnte ich mich
nicht länger zurückhalten und ging in den Kirchhof. Soviel ich zuerst
ausmachen konnte, war niemand dort als die Leichenträger und der
Mann, der das Pferd am Karren führte, aber als ich näher an die Grube
kam, sah ich dort einen Mann hin und hergehen, der in einen braunen
Mantel gewickelt war und darunter allerlei Bewegungen mit den Händen
machte, so als ob er in größter Verzweiflung wäre. Die Leute umringten
ihn sogleich, wohl weil sie meinten, er wäre einer von den armen,
fieberkranken Teufeln, die sich selber begraben wollten. Er sprach kein
Wort, ging nur immer auf und ab, und ächzte und seufzte ein paarmal
laut, als wolle es ihm das Herz abdrücken.
Die Träger merkten bald, daß er weder krank noch verrückt war, sondern
nur von dem schrecklichsten Kummer niedergebeugt, was er wohl sein
mochte, denn in dem Karren lagen die Leichen seiner Frau und mehrerer
Kinder. Es war leicht zu sehen, wie schwer es ihm ums Herz war, aber
trotzdem ließ er den Tränen keinen Lauf und unterdrückte sie mit
männlicher Fassung. Er bat mit ruhiger Stimme die Träger, ihn allein
zu lassen, er wolle nur sehen, wie die Leichen hineingeworfen würden
und dann fortgehen. Sie ließen ihn also stehen und leerten die Leichen,
wie sie durcheinander auf dem Karren lagen, in die Grube. Das schien
der Mann nicht erwartet zu haben. Er mochte wohl geglaubt haben, daß
sie auf anständige Weise hineingelegt würden, obwohl er sich später
selbst überzeugte, daß das unmöglich war. Wie er das sah, war es mit
seiner Selbstbeherrschung zu Ende, und er schrie laut auf. Ich verstand
nicht, was er sagte, sah ihn nur zwei oder drei Schritte nach rückwärts
taumeln und dann ohnmächtig zu Boden sinken. Die Träger liefen hin,
hoben ihn auf und brachten ihn, nachdem er nach einiger Zeit wieder
zu sich gekommen war, in ein Gasthaus, am Ende von Houndsditch, wo er
anscheinend bekannt war und man sich seiner annahm. Ehe er ging, sah er
noch einmal in die Grube hinab, aber die Leute hatten die Leichen schon
mit Erde bedeckt, und obwohl es Licht genug gab, denn an allen Seiten
der Grube steckten Laternen in der Erde, war doch nichts mehr zu sehen.
Dieses traurige Schauspiel erschütterte mich aufs tiefste. Und was
ich sonst noch sah, war auch über alle Maßen grauenvoll. Auf dem
Karren lagen 16 oder 17 Leichen, einige in Leintücher eingeschlagen,
andere in Fetzen, noch andere fast gänzlich nackt oder nur so leicht
zugedeckt, daß die Hülle sich losmachte, als sie nun in die Grube
geworfen wurden. Da lagen sie nun völlig nackt unten, aber für sie
war’s gleich, denn sie waren alle tot, und sonst konnte wohl auch
niemand daran Anstoß nehmen, angesehen sie nun alle im gemeinsamen
Grab der Menschheit ruhten. Denn hier gab es keinen Unterschied, arm
und reich lagen beieinander. Eine andere Art von Begräbnissen war
unmöglich, denn woher hätte man die Särge für die ungeheure Anzahl der
der Seuche Erlegenen nehmen sollen?
Um den Leichenträgern etwas anzuhängen, wurde wohl erzählt, daß
sie den Toten, die ein richtiges, über dem Kopf und den Füßen
zusammengebundenes Totenhemd aus gutem Leinenzeug trugen, es wegnahmen,
wenn sie auf dem Karren lagen und sie ganz nackt in die Grube warfen,
aber ich kann nicht glauben, daß es solche Scheusale unter den Christen
gibt, besonders nicht in einer derartig schrecklichen Zeit. So erzähle
ich nur und lasse die Sache unentschieden.
Zahllose Geschichten liefen auch um über die Unmenschlichkeit der
Pflegerinnen, die den Tod der Kranken, die ihrer Sorge übergeben waren,
beschleunigt haben sollten. Aber darüber werde ich später mehr zu sagen
haben.
Der Anblick des Massengrabes überwältigte mich fast, und ich ging
mit tief erschüttertem Herzen fort und voll von unaussprechlichen
marternden Gedanken. Gerade als ich aus dem Kirchhof kam und in die
Straße einbog, die zu meinem Hause führte, kam mir ein neuer Karren
entgegen mit Pechfackeln und einem Kerl vor dem Karren, der mit der
Glocke läutete. Er war ganz voll mit Leichen, und ich ging über die
Straße, um zuzuschauen, aber dann fehlte mir doch der Mut, umzukehren
und das gleiche grausige Schauspiel noch einmal anzusehen. So ging
ich denn direkt nach Hause, in der Hoffnung, daß ich keinen Schaden
genommen hatte, wie es auch in der Tat der Fall war.
Zu Hause fiel mir die unselige Geschichte des armen Mannes auf dem
Friedhofe wieder auf die Seele, und wirklich, so oft ich an ihn
dachte, mußte ich weinen, vielleicht heftiger, als er selbst es getan
hatte. Und da ich sein Schicksal gar nicht mehr aus meinen Gedanken
wegbrachte, zwang es mich förmlich, nochmals auszugehen und in das
Gasthaus hinüberzuschauen, um zu erfahren, was aus ihm geworden war.
Es war schon 1 Uhr nachts, aber der arme Mann war noch immer dort. Da
die Leute vom Hause ihn kannten, hatten sie sich seiner angenommen und
ihn die Nacht über dabehalten, ohne Rücksicht auf die Gefahr, von ihm
angesteckt zu werden, wenn schon er einen ganz gesunden Eindruck machte.
Ich kann nicht ohne Beschämung an dieses Gasthaus zurückdenken.
Die Hausleute selber waren höflich, freundlich und gesittet
genug und hatten bis zur Stunde ihr Haus offengehalten und das
Geschäft weitergeführt. Aber die Gesellschaft, die dort jede Nacht
zusammenzukommen pflegte, benahm sich in einer lärmenden und schamlosen
Weise, wie es eben bei solchen Menschen zu andern Zeiten üblich war,
und das in einem solchen Grade, daß der Gastwirt und seine Frau selbst
darüber empört und bestürzt waren.
Gewöhnlich hielten sie sich in einem Raum auf, der auf die Straße ging,
und da sie meistens bis tief in die Nacht zechten, geschah es, daß
sie die Fenster aufmachten, wenn sie das Geklingel des Leichenkarrens
hörten, der am Hause vorbei nach Houndsditch fuhr, um sich die traurige
Geschichte anzusehen. Wenn dann die Leute auf der Straße oder an den
Fenstern beim Vorbeifahren des Karrens klagten und jammerten, machten
sie ihre schamlosen Scherze und Spöttereien, besonders, wenn die Leute
den lieben Gott anriefen, Mitleid mit ihnen zu haben, wie es viele in
dieser Zeit zu tun pflegten.
Diese sauberen Herren, die sich durch die Aufnahme des armen
unglücklichen Mannes gestört finden mochten, ärgerten sich und wurden
recht hochfahrend gegen den Gastwirt, daß er einen solchen »Kerl«,
wie sie sagten, vom Grabe her, in das Haus gebracht habe. Als nun der
Wirt entgegnete, daß der Mann ein Nachbar sei, auch gesund, und nur
überwältigt vom Jammer wegen seiner Familie, richtete sich ihr Ärger
gegen den Mann, und sie fingen an, ihn wegen seines Kummers um Frau
und Kinder zu verspotten, indem sie ihm Mangel an Mut vorwarfen, sonst
wäre er in die Grube gesprungen, um, wie sie höhnisch bemerkten, sich
mit den Seinigen im Himmel zu vereinigen. Dazu machten sie noch einige
schnöde, ja geradezu gotteslästerliche Redensarten.
Sie waren gerade dabei, als ich ins Haus trat, und obwohl der Mann in
seiner stillen Trostlosigkeit verharrte, konnte ich ihm doch anmerken,
daß ihre Redereien ihn bekümmerten und verletzten. Auf das hin machte
ich ihnen auf ruhige Weise einige Vorwürfe, denn ich wußte, mit was
für Leuten ich’s zu tun hatte. Übrigens war ich zweien unter ihnen
wohlbekannt.
Sofort überhäuften sie mich mit Flüchen und Schimpfreden und fragten
mich, warum ich nicht, wie so viele weit bessere Menschen, schon
begraben sei oder wenigstens zu Hause, um zu beten, daß mich der
Leichenkarren nicht hole.
Ich wunderte mich nicht wenig über die Schamlosigkeit der Leute, aber
sie brachte mich nicht aus der Fassung, und ich hielt an mich. Aber
wegen der Art, wie sie sich gegen den armen Mann benommen hatten, sagte
ich ihnen doch meine Meinung. Wie sie es nur übers Herz brachten, sich
über diesen bejammernswerten Menschen, dem Gott die ganze Familie
genommen hatte, lustig zu machen.
Ich erinnere mich nicht mehr an all die abscheulichen Scherze, die sie
auf meine Rede hin gegen mich losließen, da sie besonders darüber
aufgebracht waren, daß ich mir kein Blatt vor den Mund genommen hatte.
Ich möchte auch all die gemeinen Flüche, Schimpfworte und ekelhaften
Ausdrücke, die kaum der niederste Straßenpöbel in den Mund nimmt, nicht
niederschreiben. Nur so ganz verhärtete Halunken konnten sich in einer
Zeit des Schreckens, den die Hand des Schicksals jeden Augenblick auch
auf sie schleudern mochte, so gehen lassen.
Das Greulichste dabei war, daß sie sich nicht fürchteten, Gott zu
lästern und sich darüber lustig zu machen, daß ich die Pest eine Strafe
Gottes nannte. Sie lachten über das Wort »Gericht«, als ob Gott keine
Absicht dabei gehabt hätte, uns eine solche Heimsuchung aufzuerlegen.
Und daß die Leute, wenn sie den Leichenkarren vorbeifahren sahen, Gott
anriefen, fanden sie nur blödsinnig, lächerlich und unverschämt.
Ich machte, daß ich wegkam, um nicht Zeuge sein zu müssen, wie das
Gericht, das schwer über der ganzen Stadt lag, rächend auf sie
niederbrach und auf alle, die zu ihnen gehörten.
Auf diese Weise trieben sie’s noch drei oder vier Tage, mehr war’s
nicht. Dann traf den einen von ihnen die Seuche, und zwar gerade den,
der den armen Mann am grausamsten verspottet hatte, und er ging auf die
jämmerlichste Weise zugrunde. Kurz, einer nach dem andern wurde in die
große Grube geworfen, ehe sie noch ganz voll war. --
Bisher hatten sich die Menschen eifrig in die Kirchen gedrängt, um die
Barmherzigkeit Gottes in dieser Zeit des Schreckens anzurufen, aber
als die Seuche in unserm Stadtteil nun immer ärger wurde, fing man an,
sich zu scheuen, zur Kirche zu kommen, wenigstens war sie nicht mehr
so voll wie früher. Das kam auch daher, weil viele der Geistlichen
gestorben, andere aufs Land gezogen waren. Und wirklich, es bedurfte
schon eines ordentlichen Mutes und eines starken Glaubens, in einer
solchen Zeit nicht nur in der Stadt zu bleiben, sondern auch das Amt
auszuüben und die Gemeinde mit christlichem Troste zu versehen, von der
aller Wahrscheinlichkeit nach schon eine Menge angesteckt war, und das
täglich oder an manchen Plätzen zweimal täglich durchzuführen. --
Ich erinnere mich an einen Mann, der aus seinem Hause in der
Aldergate-Straße oder da herum ausbrach und die Straße nach Islington
einschlug. Er versuchte im Wirtshaus zum »Engel« und dann im »Weißen
Roß« unterzukommen, die auch jetzt noch so heißen, wurde aber
abgewiesen. Dann kam er zu dem »Scheckigen Stier«, der auch noch das
gleiche Zeichen trägt, und bat um ein Nachtquartier für nur eine Nacht,
indem er vorgab, daß er sich nach Lincolnshire begeben wolle, auch
völlig gesund und frei von jeder Ansteckung sei, die auch da draußen
noch wenig Schaden getan hatte.
Man sagte ihm, daß kein Zimmer frei wäre, nur eine einbettige
Dachstube und auch die nur für eine Nacht, da am nächsten Tage einige
Viehtreiber erwartet würden. Da er damit zufrieden war, gab man ihm
ein Dienstmädchen mit einer Kerze mit, um ihn hinaufzuführen. Er war
sehr gut angezogen und sah nicht aus, wie jemand, der gewohnt war, in
einer Dachstube zu schlafen. Als er das Loch sah, stieß er denn auch
einen tiefen Seufzer aus und sagte zu dem Mädchen: »So ist es mir noch
nie gegangen.« Das Mädchen versicherte ihm, daß sie’s nun einmal nicht
besser hätten, worauf er meinte: »Schön, dann werd’ ich mich eben
behelfen. Das ist eine schreckliche Zeit. Aber es ist ja nur für eine
Nacht.« Er setzte sich auf das Bett und bat das Mädchen, ihm einen Krug
Warmbier zu bringen. Das Mädchen ging also hinunter, aber irgendwie kam
ihr der Auftrag aus dem Kopf, und sie ging nicht wieder nach oben.
Als am nächsten Morgen der Fremde nicht erschien, fragte irgend jemand
das Mädchen, das ihn hinaufgeführt hatte, was denn aus ihm geworden
sei? »Donnerwetter,« sagte sie, »ich sollte ihm ein Warmbier bringen,
aber ich hab’s ganz vergessen.« Darauf wurde sie oder jemand anders
hinaufgeschickt, um nach ihm zu sehen. Da lag er, quer über dem Bett,
maustot und schon fast kalt. Die Kleider hatte er ausgezogen, sein
Kinn war herabgefallen, die Augen starrten weitgeöffnet, und mit
einer Hand krallte er sich in die Bettdecke. Es war ganz klar, daß er
gleich, nachdem das Mädchen ihn verlassen hatte, gestorben war, und
hätte sie ihm sein Warmbier gebracht, so würde sie ihn wahrscheinlich
schon als Leiche gefunden haben. Der Schrecken im Hause war natürlich
groß, wie sich jeder vorstellen kann, denn bisher waren sie von der
Seuche verschont geblieben. Aber jetzt war die Ansteckung im Hause
und verbreitete sich sofort in der Umgebung. Ich weiß nicht mehr, wie
viele im Hause selbst starben, aber ich glaube, daß das Mädchen, auch
aus Schrecken, sich gleich hinlegte, und ein paar andere auch. Bisher
waren in Islington in der vorigen Woche nur 2 an der Pest gestorben,
in der nächsten waren es schon 14. Das war in der Woche von 11. zum
18. Juli. --
Für nicht wenige Familien gab es ein Auskunftsmittel, wenn ihre Häuser
verseucht wurden, und das war so. Die Leute, die beim ersten Ausbruch
der Pest aufs Land hinaus geflohen waren, um sich dort bei ihren
Freunden zu verbergen, übergaben meistens irgend jemand, sei es einem
Nachbarn oder einem Verwandten, die Aufsicht über ihr Haus, ihre Waren,
oder was es sonst war. Einzelne Häuser wurden tatsächlich vollständig
verschlossen, vor die Türen kamen Vorhängeschlösser, Fenster und
Eingänge wurden mit Brettern vernagelt, und nur selten vertraute man
sie der Aufsicht der gewöhnlichen Wächter oder Kirchspielbeamten an.
Man berechnete, daß nicht weniger als etwa 1000 Häuser von ihren
Inwohnern verlassen wurden, Stadt und Vorstädte sowie das andere Ufer
in Surrey zusammengenommen. Dabei waren die Einzelmieter natürlich
nicht mitgezählt, so daß die Gesamtzahl der Geflüchteten wohl auf
rund 200000 angenommen werden konnte. Darüber später noch mehr, für
jetzt möchte ich nur bemerken, daß jene, die über zwei Häuser die
Aufsicht hatten, in Krankheitsfällen regelmäßig die gesund Gebliebenen,
Kinder, Dienerschaft und alles in das zweite Haus schafften, ehe sie
dem Visitator oder einem anderen Beamten von der Verseuchung Anzeige
machten. Das taten sie erst dann, besorgten eine Pflegerin für die
erkrankte Person und sahen zu, daß sie außerdem noch irgend jemand
fanden, was für Geld leicht möglich war, der sich mit einschließen ließ
und nach dem Rechten sah, falls jene sterben sollte.
Auf diese Weise wurden in vielen Fällen ganze Familien gerettet,
die, wenn sie mit dem Kranken abgesperrt worden wären, unvermeidlich
zugrunde gegangen wären. Andererseits war das ein anderer Nachteil der
Häuserabsperrung. Denn die Angst, eingeschlossen zu werden, ließ viele
mit ihren Familien fliehen, die, wennschon es noch nicht offen zutage
trat und sie auch noch leidlich sich wohl fühlten, doch die Ansteckung
schon im Leibe trugen. Da sie nun völlig frei waren, herumzugehen wo
sie wollten, dabei aber doch genötigt waren, die näheren Umstände zu
verbergen, auch wohl selbst gar nicht wußten, wie es um sie stand,
so steckten sie wieder andere an und verbreiteten die Seuche in der
schrecklichsten Weise.
In meinem Hausstand hatte ich nur eine ältliche Person, die mir den
Haushalt führte, ein Dienstmädchen und zwei Lehrlinge, und wie nun die
Seuche um uns herum zunahm, dachte ich oft bekümmert darüber nach, was
ich tun und wie ich handeln sollte. All das Grauenvolle, das ich auf
meinen Gängen durch die Straßen sehen mußte, hatte mein Herz mit tiefem
Entsetzen erfüllt und mit Furcht vor der Seuche selbst, die wirklich
fürchterlich genug war, viel ärger als andere Krankheiten. Wenn die
Geschwülste, die meist am Genick oder in der Leistengegend auftraten,
hart wurden und nicht aufgingen, verursachte das solche Schmerzen, wie
sie die raffinierteste Tortur kaum hätte hervorbringen können. Manche,
die sie nicht aushalten konnten, sprangen zum Fenster heraus, schossen
sich eine Kugel vor den Kopf oder räumten sich auf andere Weise aus
dem Leben, wie ich selbst nur zu oft gesehen habe. Andere, die unfähig
waren, sich zu beherrschen, suchten ihre Qual durch beständiges Gebrüll
zu erleichtern. Es war unsagbar gräßlich, das Geschrei dieser Elenden
zu hören, wenn man durch die Straßen ging. Es ging durch Mark und Bein,
und dabei mußte man noch daran denken, daß das gleiche schauerliche
Schicksal jeden Augenblick über einen selber kommen könne.
Ich muß gestehen, daß mir mein Entschluß nun leid wurde, daß mich der
Mut verließ, und ich oft meine Unbesonnenheit bereute, in der Stadt
geblieben zu sein, wenn beim Nachhausekommen die entsetzlichen Bilder
auf meine Seele drückten. Oft wünschte ich, ich hätte mich meinem
Bruder und seiner Familie angeschlossen.
Manchmal faßte ich in meiner Angst den Entschluß, nicht mehr auszugehen
und blieb auch drei oder vier Tage dabei. Diese verbrachte ich dann im
Gebet und ernstlichem Nachdenken über die Gnade Gottes, die mich bisher
erhalten hatte. Außerdem las ich viel und beschäftigte mich damit, ein
Tagebuch zu führen, in das ich alle täglichen Vorfälle eintrug, und das
mir auch zur Abfassung dieses Buches gedient hat. Daneben schrieb ich
Betrachtungen über theologische Fragen, wie sie mir in solcher Zeit
einfielen. Ich selbst hatte davon einen großen Nutzen, aber für fremde
Augen sind sie nicht bestimmt, und daher sei darüber geschwiegen.
Ich besaß einen sehr guten Freund, einen Arzt, namens Heath, den ich in
dieser Unglückszeit häufig aufsuchte. Ich bin ihm vielen Dank schuldig
für manchen Ratschlag, den er mir gab, um beim Ausgehen die Ansteckung
zu vermeiden. So hatte ich auf der Straße beständig ein Gegenmittel
im Mund. Dieser Dr. Heath kam auch oft zu mir, und da er ein ebenso
guter Christ als Arzt war, war mir seine Gesellschaft, mitten unter all
diesen Schrecken, sehr viel wert.
Es war jetzt Anfang August, und die Seuche nahm in unserer Gegend
eine schreckliche Ausdehnung an. Dr. Heath, der hörte, daß ich häufig
ausging, ermahnte mich aufs Ernstlichste, mich mit meinem ganzen
Haushalt einzuschließen, kein Fenster zu öffnen, die Laden vorzulegen
und die Vorhänge herabzulassen. Zuerst aber, erklärte er mir, müßte
ich, während Fenster und Türen offenstanden, die Zimmer mit Harz,
Pech, Schwefel und Schießpulver gut ausräuchern. Eine Weile folgten
wir auch seinem Rat, da ich mir aber keine Vorräte zugelegt hatte, war
es unmöglich, gänzlich zu Hause zu bleiben. Doch versuchte ich, diesem
Mangel, so gut es noch gehen wollte, abzuhelfen. Backen und Brauen
konnte ich zu Hause, so ging ich aus und kaufte zwei Sack Mehl, und
einige Wochen lang bereiteten wir unser Brot im eigenen Backofen. Auch
Malz hatte ich erstanden, und braute nun so viel Bier, als meine Fässer
halten konnten, was für fünf oder sechs Wochen reichen mochte. So
versorgte ich mich auch mit gesalzener Butter und Cheshire-Käse, aber
Fleisch hatte ich nicht, und die Seuche wütete so entsetzlich unter den
Schlächtern auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sie ihre Läden
hatten, daß es nicht ratsam war, sich hinzuwagen.
Ich darf nicht verschweigen, daß diese Notwendigkeit, sich mit
Lebensmitteln zu versehen und dazu auszugehen, in hohem Grade zur
Verseuchung der Stadt beitrug, denn die Leute steckten sich dabei
gegenseitig an, und auch die Lebensmittel waren nach meiner Überzeugung
oft verpestet. Daher glaube ich auch nicht, trotzdem es oft mit
Bestimmtheit versichert wurde, daß die Leute, die Lebensmittel von
außen her in die Stadt brachten, niemals angesteckt wurden. Das weiß
ich sicher, daß die Metzger in Whitechapel, wo am meisten geschlachtet
wurde, von der Seuche in solchem Grade heimgesucht worden waren, daß
nur ganz wenige Läden noch offen waren. Die Überlebenden schlachteten
in Mile-End und brachten das Fleisch auf Pferden zu Markt.
Wie dem nun aber auch sei, die arme Bevölkerung konnte sich keine
Vorräte aufspeichern und war gezwungen, auf den Markt zum Einkaufen
zu gehen, oder Kinder und Dienstboten hinzuschicken, und das täglich.
So kamen Haufen von verseuchten Leuten auf den Markt, und viele, die
gesund hingegangen waren, brachten von dort den Tod heim.
Freilich beobachtete man alle mögliche Vorsicht. Wenn einer ein Stück
Fleisch kaufte, ließ er sich’s nicht vom Metzger geben, sondern nahm
es selbst vom Haken. Und der Metzger berührte das Geld dafür nicht,
sondern es mußte in einen Topf mit Essig gelegt werden, der eigens
dazu da stand. Jeder Käufer hatte sich mit kleinem Gelde versehen,
um das Wechseln unnötig zu machen. Man trug Flaschen mit allerlei
Gerüchen in der Hand und gebrauchte auch sonst jede nur erdenkliche
Vorsichtsmaßregel, aber für die Armen kam das alles nicht in Frage, und
sie waren jeder Gefahr ausgesetzt.
Zahllose Schauergeschichten liefen darüber um. Zuweilen fiel ein Mann
oder eine Frau auf dem offenen Marktplatz tot um. Denn viele Leute
hatten die Pest in sich, ohne es zu wissen, bis der inwendige kalte
Brand sich auf die wichtigsten Körperteile warf, worauf sie dann
in wenigen Minuten starben. Manchen ging es so, ohne das geringste
Vorzeichen, andere hatten vielleicht noch Zeit, die nächste Bude zu
erreichen oder sich an irgendeiner Tür zusammenzukauern, ehe der Tod
sie ereilte.
Das kam so oft vor, als die Seuche bei uns ihren Höhepunkt erreicht
hatte, daß man kaum über die Straße gehen konnte, ohne da und dort
auf der Erde Leichen liegen zu sehen. Im Anfang blieben die Leute
noch stehen und riefen den Nachbarn zu, herauszukommen, bald aber
beachtete man es kaum mehr. Nur daß man acht gab, nicht in die Nähe des
Leichnams zu kommen, oder, wenn das in einer engen Gasse oder einem
Durchgang nicht möglich war, wieder umkehrte. In solchen Fällen blieb
die Leiche liegen, bis die damit Beauftragten benachrichtigt wurden
und sie holten. Oder auch bis zur Nacht, wenn die Leichenträger mit
ihrem Karren des Wegs kamen und sie mitnahmen. Dann wurden erst von
diesen vermessenen Gesellen die Taschen geleert und, wenn der Tote gut
angezogen war, ihm die Kleider abgezogen.
Um aber noch einmal vom Markt zu sprechen, so hatten die Fleischer
immer irgendeinen Amtsdiener zur Hand, der einen plötzlich Verstorbenen
auf einen Schubkarren lud und ihn zum nächsten Kirchhof fuhr. Das
geschah so häufig, daß man jene, die tot auf den Straßen oder auf dem
Felde gefunden wurden, gar nicht mehr ins Sterberegister eintrug, sie
verloren sich eben in der Masse der Pestopfer.
Nach und nach steigerte sich aber die Seuche in solchem Grade, daß nur
noch wenige Lebensmittel zu Markt gebracht wurden. Auch die Käufer
wurden selten, und der Lordmayor verfügte, daß die Leute vom Lande,
die etwas brachten, vor der Stadt aufgehalten würden, um dort ihre
Waren zu verkaufen und dann sofort wieder umzukehren. Das war ihnen
auch sehr recht, denn so schlugen sie ihre Waren schon beim Eintritt
in die Stadt los, ja selbst auf dem Felde, besonders über Whitechapel
hinaus in Spittlefields. Was man jetzt so nennt, war damals wirklich
freies Feld, ebenso in Woods Close bei Islington, wohin der Lordmayor,
die Ratsherren und Beamten ihre Diener schickten, um für ihre Familien
einzukaufen. Diese Maßregel kam dem Landvolk sehr gelegen. Die Leute
brachten nun alle Arten von Lebensmitteln und kamen nur selten zu
Schaden, was wahrscheinlich zu den wunderbaren Geschichten über ihre
Ansteckungsunfähigkeit beitrug.
Was nun meinen kleinen Hausstand anbetrifft, so hatte ich mir, wie
gesagt, Vorräte von Brot, Butter, Käse und Bier zugelegt und folgte nun
dem Rate meines Freundes, zu Hause zu bleiben. Lieber wollte ich mich
ein paar Monate ohne Fleischnahrung behelfen, als sie mit Gefahr meines
Lebens bezahlen zu müssen.
Aber obwohl ich meine Hausgenossen abschloß, konnte ich selbst meine
Neugierde doch nicht gänzlich unbefriedigt lassen. Ich mußte hinaus,
zwar nicht so häufig wie früher und obschon ich stets mit schwerem
Herzen und ganz trübsinnig wieder nach Hause kam.
Einen Grund auszugehen hatte ich ja, nämlich in dem Hause meines
Bruders in der Coleman-Straße nachzusehen, das er meiner Aufsicht
unterstellt hatte. Anfangs ging ich täglich hin, später aber nur noch
ein oder zweimal wöchentlich.
Auf diesen Gängen hatte ich die schrecklichsten Anblicke: Leute, die
tot auf der Straße zusammenfielen, Geschrei und Geheul von Weibern, die
in ihrer Todesangst die Fenster aufrissen und in herzzerreißender Weise
hinausjammerten, kurz, es ist nicht zu beschreiben, zu welchen Anfällen
die Verzweiflung die armen Leute brachte.
Als ich einmal durch den Hof von Tokenhouse in Lothbury kam, flog
gerade über meinem Kopfe ein Fensterladen auf, und eine Weiberstimme
schrie, daß mir das Blut in den Adern vor Entsetzen gerann, dreimal
hintereinander: »O Tod -- Tod -- Tod!« Kein Mensch war auf der Straße,
auch alle Fenster blieben geschlossen, denn niemand war mehr neugierig,
und zu helfen war ja doch nicht. So ging denn auch ich weiter.
In der nächsten Straße gab es auch wieder ein fürchterliches Geschrei.
Ich konnte hören, wie in einer Wohnung Kinder und Frauen durcheinander
heulten wie die Wahnsinnigen. Plötzlich wurde gegenüber der Laden von
einem Dachfenster zurückgeschlagen und jemand fragte, was es denn
gäbe? Darauf kam aus dem ersten Hause die Antwort: »O Gott, mein alter
Herr hat sich erhängt.« Der andere fragte: »Ist er denn schon tot?« und
»Ja, tot und schon kalt!« tönte es zurück. Dieser Mann war Kaufmann,
stellvertretender Ratsherr und sehr reich gewesen. Ich will seinen
Namen nicht nennen aus Rücksicht auf die Familie, der es jetzt wieder
ganz gut geht.
Aber das ist nur ein Fall. Es ist nicht zu glauben, was sich alles
täglich ereignete. Leute, die durch die Glut des Fiebers oder die
Qualen der Geschwülste den Verstand verloren, Hand an sich legten, zum
Fenster heraussprangen, sich eine Kugel durch den Kopf jagten, Mütter,
die in ihrem Wahnsinn die eigenen Kinder umbrachten; manche, die am
Kummer oder an Entsetzen zugrunde gingen, ohne im mindesten angesteckt
zu sein; andere, die blödsinnig wurden oder in Schwermut verfielen.
Die Qual der Schwellungen war sehr heftig, zuweilen ganz unerträglich.
Man kann ruhig behaupten, daß die Ärzte manche der armen Geschöpfe
einfach zu Tode marterten. Wenn die Geschwülste hart wurden, legten
sie starke Zugpflaster oder Umschläge auf, um sie zu erweichen, und
wenn das nicht half, schnitten sie an ihnen in der scheußlichsten Weise
herum. Manchmal waren diese Geschwülste so hart, daß kein Instrument
durchkam, dann brannten sie sie mit Ätzmitteln, daß die Leute nicht
selten während der Operation verrückt wurden. Oft war niemand da, sie
im Bett festzuhalten, so daß sie Gelegenheit fanden, mit sich ein Ende
zu machen, andere rasten nackt auf die Straße und sprangen in den Fluß,
wenn sie nicht von einem Wächter aufgehalten wurden.
Es ging einem durch Mark und Bein, das Stöhnen und Brüllen der so
Gemarterten zu hören, und doch waren sie von allen an der Seuche
Erkrankten noch am besten dran. Denn wenn die Geschwülste zum
Aufbrechen oder, wie die Ärzte sagten, zur Entleerung des Eiters nach
außen, gebracht werden konnten, wurde der Kranke meistens wieder
gesund. Diejenigen aber, die, wie jenes junge Mädchen, den Tod schon
im Leibe trugen, so daß die Flecken allmählich herauskamen, fühlten
sich oft bis zum letzten Augenblick ganz wohl. Sie fielen hin wie die
Epileptiker oder als hätte sie der Schlag getroffen. Bei solchen kam
das Ende ganz plötzlich. Gerade, daß sie noch irgendwo sich hinkauern
konnten, vielleicht daß sie noch ihre Wohnung erreichten, dann wurde es
ihnen schwach, und sie starben. Ihr Tod war so wie beim kalten Brand,
in Bewußtlosigkeit oder fast wie im Traum. Sie wußten kaum etwas davon,
daß sie angesteckt waren, bis sich der Brand durch den ganzen Körper
verbreitet hatte. Auch die Ärzte konnten erst dann Sicherheit geben,
wie es mit ihnen stand, nachdem sie ihre Brust oder andere Körperteile
entblößt und darauf die Merkmale der Pest gesehen hatten.
In dieser Zeit wurden die schauerlichsten Geschichten erzählt von
Wächtern und gemieteten Pflegerinnen, die die Kranken in der
schändlichsten Weise behandelten, sie verhungern ließen, erstickten
oder auf andere Weise ums Leben brachten. Auch von den Wächtern, denen
die Aufsicht über die abgesperrten Häuser übertragen war, sagte man,
daß sie, wenn nur ein Kranker im Hause war, einbrachen, ihn ermordeten
und gleich auf den Totenkarren warfen, ehe der Unglückliche noch ganz
erkaltet war.
Ich glaube auch, daß manche solche Schändlichkeiten von ihnen begangen
wurden. Zwei wurden festgenommen, starben aber, ehe die Verhandlung
gegen sie stattfand. Drei andere sollen wegen Mordes hingerichtet
worden sein. Aber häufig waren solche Verbrechen nicht, wie man später
behauptet hat. Und was hätte es auch für einen Sinn gehabt, Leute
umzubringen, die gänzlich hilflos waren und in den meisten Fällen doch
sterben mußten?
Leugnen will ich ja nicht, daß Räubereien und ähnliche schlimme Dinge
an der Tagesordnung waren. In gewissen Menschen ist die Habsucht so
stark, daß sie auf jede Gefahr hin stehlen und rauben. Besonders in
Häuser, von wo alle Inwohner schon als Leichen hinausgetragen worden
waren, pflegten sie einzubrechen, ohne an die Ansteckungsgefahr zu
denken, und schleppten selbst die Kleider der Gestorbenen und ihr
Bettzeug fort.
So war es der Fall bei einer Familie in Houndsditch, wo man einen Mann
und seine Tochter, deren Angehörige schon früher dem Leichenkarren
verfallen waren, splitternackt in zwei Kammern auffand, tot auf der
Erde, während all das Bettzeug verschwunden war. Wahrscheinlich hatten
die Diebe die Leichen von den Betten heruntergeworfen und liegen lassen.
Bemerkenswert ist, daß während der ganzen Pestzeit die Weiber sich
vor allen durch ihre Verworfenheit auszeichneten. Da eine Menge von
ihnen als Pflegerinnen untergekommen war, hatten sie Gelegenheit, zu
stehlen, wo es nur anging. Einige wurden öffentlich ausgepeitscht,
statt daß man sie zum warnenden Beispiel gehängt hätte. Bis endlich die
Kirchspielbeamten beauftragt wurden, die Pflegerinnen für die Kranken
auszusuchen und sich erst nach ihrer Tauglichkeit zu erkundigen, so daß
sie zur Rechenschaft gezogen werden konnten, wenn in dem betreffenden
Hause etwas Verdächtiges vorkam.
Freilich erstreckten sich diese Diebstähle meist nur auf Kleider,
Bettzeug und etwa herumliegendes Geld und Kostbarkeiten; zu einer
allgemeinen Ausplünderung des Hauses kam es nicht. Von einer Pflegerin
könnte ich erzählen, die später auf ihrem Totenbette mit dem größten
Abscheu die Räubereien eingestand, die sie während der Ausübung ihres
Berufes begangen hatte, und durch die sie recht wohlhabend geworden
war. Was aber Morde anbelangt, so glaube ich nicht, daß außer den schon
berichteten, irgendwelche sonst sich ereigneten.
Allerdings wurde mir von einer Pflegerin erzählt, die ein nasses Tuch
auf das Gesicht der Kranken drückte, und sie so umbrachte, und von
einer andern, die ein junges Frauenzimmer erstickte, als es ohnmächtig
dalag, auch von sonstigen Greueltaten durch Verhungernlassen und
was dergleichen mehr ist, aber diese Geschichten hatten immer zwei
Eigenheiten, die sie verdächtig machten, einmal, daß ihr Schauplatz bei
näherer Erkundigung stets an das andere und entfernteste Ende der Stadt
verlegt wurde, dann, daß die Einzelheiten unweigerlich dieselben waren,
so bei der Geschichte von dem nassen Tuch und der Erwürgung des jungen
Frauenzimmers. Ich für meinen Teil wenigstens bin überzeugt, daß mehr
vom Märchen als von Wahrheit darin war. --
Ein Bekannter aus meiner Nachbarschaft, der Geld von einem
Ladenbesitzer in der Whitecroß-Straße zu fordern hatte, schickte seinen
Lehrling, einen Jungen von etwa 18 Jahren, hin, um den Versuch zu
machen, zu seinem Gelde zu kommen. Der Junge kam an die Tür, und da er
sie verschlossen fand, pumperte er mit Gewalt dagegen. Er glaubte auch,
irgend etwas innen zu hören, da er aber nicht sicher war, so wartete er
eine Weile und wiederholte den Lärm so lange, bis er jemand die Treppe
herabkommen hörte.
Endlich erschien der Hausherr an der Türe. Er hatte nur seine
Unterhosen an, eine gelbe Flanellweste, keine Strümpfe, dagegen ein
paar Pantoffel, eine weiße Mütze auf dem Kopfe und, wie der Junge
sagte, auf seinem Gesichte den Tod.
»Warum läßt du mich nicht in Ruhe?« fragte er, während er die Türe
öffnete. Der Junge antwortete ein wenig verlegen, er käme von dem
und dem, um die Schuld einzutreiben, von der jener wohl wissen
werde. »Schön, mein Junge,« sagte die lebende Leiche, »geh’, wenn du
vorbeikommst, bei der Cripplegate-Kirche vor, und sage dort, man solle
die Glocke läuten.« Damit schloß er die Türe, ging wieder hinauf und
starb noch den gleichen Tag, vielleicht sogar in derselben Stunde. Der
Junge hat’s mir selber erzählt, und ich habe keinen Grund, ihm nicht
zu glauben. Damals war die Seuche noch nicht auf ihrer Höhe. Es muß,
scheint mir, im Juni gewesen sein, als man die Leichenkarren noch
nicht eingeführt hatte, und noch die Glocke für jeden Toten läutete.
Schon im Laufe des Juli wurde das anders, denn bei einer wöchentlichen
Sterbeziffer von über 550 mußte man wohl oder übel mit den richtigen
Beerdigungen aufhören, ob es sich um arm oder reich handelte. --
Ich habe schon erzählt, daß die Diebereien und Räubereien hauptsächlich
von Weibern ausgeführt wurden. Eines Tages, ungefähr um die elfte
Stunde, kam ich zu dem Hause meines Bruders in der Coleman-Straße,
wohin ich öfters ging, um zu sehen, ob alles in Ordnung wäre. Vor dem
Hause befand sich ein kleiner, mit einer Ziegelsteinmauer umgebener
Hof, zu dem eine Türe führte. In dem Hof waren mehrere Schuppen, worin
mein Bruder seine Waren aufbewahrte. In dem einen befanden sich einige
Kisten mit hohen Deckelhüten für Frauen, die auf dem Lande, ich glaube
für den Export, gemacht wurden.
Als ich mich dem Hause meines Bruders näherte, war ich erstaunt, drei
oder vier Frauen zu begegnen, die hohe Deckelhüte auf dem Kopfe trugen;
eine oder zwei von ihnen hatten auch noch welche in der Hand. Da ich
sie aber nicht aus dem Hause selbst kommen sah, auch nicht wußte, daß
mein Bruder solche Hüte führte, sprach ich sie nicht an, sondern ging
meines Weges weiter im Bogen um sie herum, wie man’s aus Angst vor der
Ansteckung jetzt gewöhnlich tat. Als ich aber an die Tür kam, traf ich
auf noch eine Frau mit gleich ein paar von diesen Hüten in der Hand.
»Darf ich wissen, werte Frau, was Ihr hier zu suchen habt?« fragte ich.
»Es sind noch mehr Leute hier,« antwortete sie, »und ich habe hier
ebensoviel zu suchen wie jene.« Auf das hin schwieg ich und beeilte
mich, an die Tür zu kommen, und die Frau ging weg. Gerade, als ich an
der Tür war, sah ich zwei weitere Frauen über den Hof kommen, auch mit
Hüten auf dem Kopfe und unter dem Arme. Nun schlug ich die Tür hinter
mir zu, die einschnappte, und wandte mich an die beiden. »Was habt ihr
hier zu tun?« fragte ich und nahm ihnen die Hüte weg. Die eine von
ihnen sah gar nicht nach einer Diebin aus, das muß ich gestehen. »Es
war wohl unrecht von uns,« entgegnete sie, »aber man sagte uns, daß die
Sachen hier herrenlos wären. Nehmt sie nur wieder und seht dorthin,
wenn’s Euch beliebt, dort gibt’s noch mehr Kunden.« Sie fing dabei zu
weinen an und machte dazu ein so jämmerliches Gesicht, daß ich die Türe
öffnete und die zwei gehen hieß, denn sie taten mir wirklich leid. Als
ich dann aber nach dem Schuppen zu schaute, erblickte ich sechs oder
sieben andere, die sich alle mit Hüten ausstaffierten, so ruhig und
unbefangen, als wenn sie bei einem Hutmacher wären und für ihr gutes
Geld etwas kauften.
Ich war nicht wenig in Verlegenheit, die andern aber auch, wenn auch
nicht aus demselben Grunde. Sie meinten alle, sie kämen aus der
Nachbarschaft, hätten gehört, daß es hier Sachen gäbe, die niemand
gehörten und mehr dergleichen. Zuerst fuhr ich gewaltig auf sie los,
ging zur Türe, schloß ab und drohte, sie alle im Schuppen einzusperren
und dann die Polizei herbeizuholen. Nun verlegten sie sich aufs Bitten,
sagten, sie hätten die Tür offen gefunden, und sicher wäre schon früher
jemand eingebrochen, der es auf viel Wertvolleres abgesehen hatte.
Unwahrscheinlich war das gerade nicht, denn das Schloß war kaput und
das Vorhängeschloß auch verdorben, und schließlich waren noch nicht
recht viele Hüte gestohlen worden. So überlegte ich mir denn, daß man
in einer solchen Zeit nicht so strenge sein dürfe, und daß ich im Falle
einer Anzeige ein ewiges Herumgelaufe hätte, von einem zum andern,
über deren Gesundheit ich nichts wußte, und daher leicht, statt einen
Schadenersatz zu bekommen, mein eigenes Leben verlieren könne. Ich
begnügte mich also, die Namen und Wohnungen von einigen aufzuschreiben
und ihnen anzudrohen, daß mein Bruder sie zur Rechenschaft ziehen
würde, wenn er zurückkehrte.
Dann zog ich andere Saiten auf und fragte sie, woher sie den Mut
hernähmen, in dieser Unglückszeit und angesichts von Gottes Gericht,
sich so aufzuführen. Vielleicht stände die Pest schon vor ihrer Türe
oder wäre schon ins Haus gedrungen, und der Leichenkarren hielte in
wenigen Stunden davor, um sie auf den Kirchhof zu bringen.
Ich kann nicht sagen, daß meine Rede einen großen Eindruck auf sie
machte. Später kamen noch zwei Männer aus der Nachbarschaft, die von
dem Vorfall gehört hatten und einige der Frauen kannten. Sie konnten
mir ihre Namen und Wohnungen angeben; es scheint aber nicht, daß
die Frauen mich vorher, als ich diese niederschrieb, angeschwindelt
hatten. Bei diesen beiden Männern fällt mir etwas Merkwürdiges ein.
Der eine hieß John Hayward und war seines Zeichens zweiter Küster
im Kirchspiel von St. Stephan, wobei unter »zweiter Küster« damals
der Totengräber und Leichenträger verstanden wurde. Er half bei der
Beerdigung sämtlicher Leichen in diesem großen Kirchspiel, und als das
förmliche Beerdigen aufhörte, begleitete er den Leichenkarren und holte
die Toten aus den Häusern und Wohnungen. Oft konnte er mit dem Karren
nicht bis ans Haus kommen, denn in der ganzen Gegend gab es und gibt
es jetzt noch von ganz London die meisten Durchgänge, wo kein Karren
Platz fand und man die Leichen oft eine lange Strecke weit tragen
mußte. Oft gebrauchte man auch eine Art von Schubkarren, auf den man
die Toten legte und bis zum Karren hinfuhr. All das machte der Mann,
und bekam doch niemals die Pest, sondern lebte nach ihrem Erlöschen
noch gut 20 Jahre, blieb auch bis zu seinem Tode im Amte. Sein Weib war
zur gleichen Zeit Pflegerin, bekannt wegen ihrer Ehrlichkeit, und auch
sie wurde nicht angesteckt. Er selbst benutzte niemals ein Gegenmittel
gegen die Seuche, als daß er Knoblauch und Raute im Munde hatte und
viel rauchte. Sein Weib pflegte sich den Kopf mit Essig zu waschen und
ihre Haube beständig mit Essig anzufeuchten. Wurde der Gestank der
Kranken zu stark, so schnupfte sie mit der Nase Essig auf und hielt ein
ebenso getränktes Taschentuch vor den Mund. --
Man muß zugeben, daß die Armen, unter denen die Seuche am meisten
wütete, sich auch am wenigsten darum scherten, und ihren Geschäften mit
einer Art von rohem Mut nachgingen. Ich kann ihn nicht anders nennen,
denn er stützte sich weder auf Vernunft noch Frömmigkeit. Selten,
daß sie irgendeine Vorsicht beobachteten. Wenn sie nur Beschäftigung
fanden, ganz gleich, ob sie gefährlich war, ob nicht. Zu den ersteren
gehörte die Pflege der Kranken, die Bewachung der verseuchten Häuser,
das Wegschaffen von Kranken nach dem Pesthause und das allerschlimmste,
das Wegführen der Leichen in die Massengräber.
Es war im Beisein jenes John Hayward, daß die Geschichte mit dem
Sackpfeifer passierte, die den Leuten so viel Vergnügen machte. Er
versicherte mir, daß sie wahr wäre. Es hieß, er wäre blind gewesen,
aber John sagte mir, daß das nicht der Fall war, nur wäre er ein
elender, jämmerlicher, armer Teufel gewesen. Nachts gegen zehn Uhr trat
er gewöhnlich seine Runde an und wanderte mit seiner Sackpfeife von
Tür zu Tür. Die Leute zogen ihn dann in die Wirtshäuser herein, wo er
bekannt war, und gaben ihm zu essen und zu trinken und manchmal auch
Geld, wofür er dann sang, die Sackpfeife spielte und komische Reden
hielt, die seine Zuhörer belustigten. So lebte er, aber damals freilich
waren schlechte Zeiten für solche Unterhaltungen. Nichtsdestoweniger
trieb’s der Bursche weiter, wie er’s gewohnt war, ging aber dabei
fast zugrunde. Fragte ihn jemand, wie’s ihm ginge, so pflegte er zu
antworten: noch hätte ihn der Leichenkarren nicht geholt, aber für die
nächste Woche wär’s ihm versprochen.
Eines Nachts hatte er mehr als gewöhnlich zu essen bekommen, und da er
daran nicht mehr gewöhnt war, legte er sich auf das Dach einer Bude und
schlief fest ein. Auf dasselbe Dach legte man nun, als durch die Glocke
das Nahen des Leichenkarrens sich anzeigte, einen Toten, der eben an
der Pest gestorben war, weil die Leute wohl meinten, da läge so schon
einer.
Als nun John Hayward mit seinem Karren daherkam und zwei Tote auf
dem Dach der Bude liegen sah, zog er sie mit dem Hacken, der dazu
gebraucht wurde, herab und warf sie auf den Karren, was den Sackpfeifer
in seinem Schlaf nicht störte. Dann ging’s weiter, und sie luden, wie
mir John erzählte, so viele Leichen auf, daß sie den guten Sackpfeifer
fast lebendig begruben. Er aber schlief immer weiter. Endlich gelangten
sie zu dem Ort, wo die Leichen begraben werden sollten, wenn ich mich
recht erinnere, bei Mountmill. Als nun der Karren hielt und die Leute
sich fertig machten, ihre Ladung in die Grube zu werfen, erwachte der
Bursche, machte mit einiger Anstrengung seinen Kopf unter den Leichen
frei, stemmte sich auf und rief: »Hoho, wo bin ich denn?« Der eine
von den Leuten entsetzte sich darüber nicht schlecht, John aber faßte
sich schnell und sagte: »Beim Himmel, da ist einer auf dem Karren, der
noch nicht ganz tot ist.« Darauf fragte der andere: »Wer bist du?« --
»Ich bin der arme Sackpfeifer,« antwortete der Bursche, »aber wo bin
ich denn?« -- »Wo du bist!« meinte John Hayward, »nun, du bist auf dem
Leichenkarren und sollst jetzt begraben werden.« -- »Ja, bin ich denn
tot?« fragte er, worauf sie nun doch lachen mußten, obwohl sie zuerst
nicht wenig erschrocken waren. Dann halfen sie dem Burschen herab, und
er machte sich davon.
Ich weiß, die Geschichte wird so erzählt, daß er auf dem Karren zu
spielen anfing, und die Träger dadurch dermaßen in Schrecken setzte,
daß sie davon liefen, aber davon wußte John Hayward nichts. Er erzählte
die Sache genau so, wie ich sie wiedergegeben habe. --
Von dem Augenblick an, als man sah, daß die Seuche sich über die ganze
Stadt verbreiten würde, und jeder floh, der es nur irgend möglich
machen konnte, stockte aller Handel vollständig, bis auf die Geschäfte,
die zur unmittelbaren Erhaltung des Lebens notwendig waren.
Das war eine so ernsthafte Sache, die die Lage der Bevölkerung aufs
Schwerste in Mitleidenschaft zog, daß ich ins einzelne gehen muß. Ich
will in folgendem die verschiedenen Volksklassen zusammenfassen, die
dadurch sofort in verzweifelte Umstände gerieten.
Es wurden arbeitslos:
1. Alle Werkmeister in den Fabriken, besonders jenen, die Putz,
Modeartikel, Kleider und Möbel herstellten; die Band- und Bortenwirker,
die Verfertiger von Gold- und Silberspitzen, die Gold- und
Silberdrahtzieher, die Näherinnen, Putzmacherinnen, Schuhmacher, Hut-
und Handschuhmacher, dann die Tapezierer, Kunsttischler, Spiegelglaser
und zahllose Arbeiter, die von ihnen abhingen. Die Werkmeister hörten
auf und entließen alle ihre Arbeiter und Hilfsarbeiter.
2. Da der Handel gänzlich aufgehört hatte (denn nur wenige Schiffe
wagten sich noch flußaufwärts, und hinaus ging gar keines), wurden mit
einem Male alle überzähligen Zollbeamten, die Bootführer, Fuhrleute,
Träger und alle die sonst mit dem Handel zu tun hatten, entlassen und
arbeitslos.
3. Alle Bauarbeiter hatten nichts mehr zu tun, denn niemand hatte
Lust, sich ein Haus zu bauen, zu einer Zeit, da Tausende leer standen,
so daß dadurch alle Maurer, Ziegelträger, Schreiner, Zimmerleute,
Stukkateure, Zimmermaler, Glaser, Schlosser und Dachdecker überflüssig
wurden.
4. Da es keine Schiffahrt mehr gab, waren alle Seeleute ohne
Beschäftigung und mit ihnen alle jene, die mit dem Bau und der
Schiffsausrüstung zu tun hatten, die Schiffszimmerleute, Kalfaterer,
Tau- und Segelmacher, Ankerschmiede, Figurenschnitzer, Kanonengießer,
Lichtzieher u. a. m. Ihre Werkmeister konnten vielleicht von ihren
Ersparnissen leben, aber der Handel lag so gänzlich darnieder, daß alle
Arbeiter entlassen werden mußten. Dazu kam, daß auch der Bootsverkehr
auf dem Flusse aufgehört hatte, und damit auch die Bootführer,
Leichterführer, Bootbauer und was sonst noch damit zusammenhängt,
arbeitslos geworden waren.
5. Alle schränkten sich soviel als möglich ein, sowohl die Geflohenen
als jene, die in der Stadt geblieben waren, so daß eine Unmenge
Dienstpersonal, Tagelöhner, Buchhalter und besonders Dienstmädchen
entlassen wurden und ohne Hilfe auf der Straße lagen -- und das war
wirklich eine schlimme Sache.
Ich könnte noch ausführlicher werden, aber es mag genügen, im
allgemeinen festzustellen, daß jedes Geschäft aufhörte und damit
den Armen die Arbeit und alle Möglichkeit, ihr Brot zu verdienen,
abgeschnitten war. Im Anfang war denn auch ihre Lage schrecklich, bis
die Wohltätigkeit sie ein wenig milderte. Viele flohen gleich hinaus
aufs Land, die meisten aber blieben in London, bis der äußerste Mangel
sie wegtrieb. Aber der Tod folgte ihnen auf ihrem Wege, und wirklich
konnten sie als Boten des Todes gelten, denn sie trugen die Ansteckung
hinaus und verbreiteten sie bis in die entferntesten Orte des Reiches.
Von den entlassenen Dienstmädchen dagegen kamen viele als Pflegerinnen
unter.
In gewisser Weise muß man, so traurig es klingt, es als eine Erlösung
bezeichnen, daß die Pest in der schlimmsten Zeit 30--40000 dieser
armen, arbeitslosen Leute hinwegraffte, die sonst eine unerträgliche
Last bedeutet hätten. Die ganze Stadt hätte sie weder erhalten noch mit
Nahrung versorgen können, und so wären sie dazu gezwungen worden, in
der Stadt selbst oder der Umgegend zu plündern, um sich durchzubringen,
was früher oder später das reinste Chaos herbeigeführt hätte. Die
meisten starben im August und September, in welchen beiden Monaten
die Sterberegister fast 50000 Opfer verzeichneten. Genau waren diese
Register freilich nicht, soviel ich glaube, und es konnte auch nicht
wohl anders sein bei der allgemeinen Verwirrung. Die Leichenkarren
arbeiteten doch nur bei Nacht, und in einigen Kirchspielen wurden die
Toten überhaupt nicht eingetragen, da Küster und Schreiber wochenlang
fehlten.
Wenn ich sage, daß die Kirchspielbeamten in ihren Angaben nicht
zuverlässig waren, so muß man anderseits berücksichtigen, daß das
auch in einer solchen Zeit kaum möglich gewesen wäre. Viele von ihnen
erkrankten selbst und starben vielleicht zur gleichen Stunde, als sie
ihre Listen fertig hatten. In Stepney allein wurden während des Jahres
116 Küster, Totengräber, Leichenwagenkutscher und Träger von der Seuche
hinweggerafft.
Die Arbeit, die sie auszuführen hatten, erlaubte ihnen auch wirklich
nicht, genaue Listen von den Toten aufzunehmen, die in der Nacht alle
durcheinander in die Gruben hineingeworfen wurden, denen niemand ohne
die äußerste Gefahr nahe kommen konnte. In Aldgate, Cripplegate,
Whitechapel und Stepney gaben die wöchentlichen Listen 5, 6, 7 und
800 Tote an, während nach meiner Überzeugung und der meiner Mitbürger
manchmal an 2000 in der Woche in diesen Kirchspielen starben. Von
einem, der es wissen mochte und mich unter der Hand Einsicht in seine
Aufzeichnungen nehmen ließ, erfuhr ich, daß er die Anzahl, der in einem
Jahre an der Seuche Verstorbenen, auf 100000 berechnete, während die
offiziellen Totenregister sie nur mit 68590 angaben.
Und nach dem, was ich mit eigenen Augen sah und von anderen hörte,
die auch Augenzeugen waren, glaube ich auch, daß 100000 nicht zu hoch
gegriffen war, außer denen, die auf den Landstraßen, auf freiem Feld
oder in verborgenen Schlupfwinkeln zugrunde gingen. Es war allgemein
bekannt, daß eine Menge armer verseuchter Geschöpfe, die schon halb
blödsinnig durch ihr Elend geworden waren, aufs freie Feld oder in die
Wälder wanderte, um hinter einem Busch oder einer Hecke das Ende zu
erwarten.
Die Bewohner der anliegenden Dörfer brachten ihnen aus Mitleid
Nahrung, die sie in einiger Entfernung hinstellten, damit jene sie
holen konnten, wenn sie dazu noch imstande waren, was oft genug
nicht der Fall war. Kamen sie dann das nächste Mal, so fanden sie
den armen Teufel tot und die Nahrung unberührt. Ich weiß von vielen,
die auf diese Weise zugrunde gingen, und könnte die Stellen so genau
bezeichnen, daß ich mich anheischig machen wollte, ihre Gebeine dort
auszugraben. Die Bauern gruben nämlich etwas entfernt davon ein Loch
und zogen mittels langer Stangen, an denen ein Hacken befestigt war,
die Leichen hinein, worauf sie von weit her, so gut es gehen wollte,
Erde darauf warfen. Dabei beobachteten sie genau, woher der Wind kam,
um nicht durch den Geruch angesteckt zu werden. Viele, viele Leute
verließen so die Welt, ohne daß es jemals bekannt wurde.
Ich weiß das hauptsächlich vom Hörensagen, denn ich selbst kam selten
soweit hinaus, außer nach Bethnalgreen und Hackney. Geschah es aber
einmal, so sah ich immer aus der Entfernung eine Menge dieser armen
Leute. Näheres konnte ich freilich nicht über sie in Erfahrung bringen,
denn ob in der Stadt oder draußen wich man stets jedem aus, den man
herankommen sah.
Und da ich gerade vom Ausgehen spreche, muß ich doch erwähnen, was
für ein gottverlassener Ort die Stadt in jener Zeit war. Die Straße,
in der ich wohnte, ist eine der breitesten in den Vorstädten, aber
die ganze Seite, wo die Fleischer wohnten, besonders außerhalb der
Schlagbäume, glich eher einer grünen Wiese als einer gepflasterten
Straße. Es ist richtig, daß sie am äußersten Ende, gegen Whitechapel
zu, nicht gepflastert war, aber auch auf dem gepflasterten Teile wuchs
das Gras ganz dicht. Das darf nicht weiter wundernehmen, wenn man hört,
daß auch in den großen Straßen in der inneren Stadt, wie der Leadenhall
und Bishopsgate-Straße, in Cornhill und sogar vor der Börse große
Grasflecken waren. Kein Wagen, keine Kutsche war von morgens bis abends
auf den Straßen zu sehen, höchstens einige Bauernkarren, die Bohnen,
Erbsen, Heu und Stroh auf den Markt brachten. Aber auch diese waren
sehr spärlich. Droschken wurden nur gebraucht, um Kranke ins Pesthaus
zu schaffen oder von Ärzten bei ihren Krankenbesuchen. Denn diese
Droschken waren unheimliche Dinger, und die Leute hatten wenig Lust,
sie zu benutzen, weil man nie wußte, wer zuvor damit befördert worden
war. Wie gesagt: man brachte damit die Kranken ins Pesthaus und andere
Krankenhäuser, und manchmal kam’s vor, daß sie während der Fahrt darin
starben.
Solange die Seuche am ärgsten wütete, ließen sich nur sehr wenige Ärzte
zu Krankenbesuchen bereitfinden. Die berühmtesten waren tot, wie auch
viele von den Wundärzten, denn durch einen ganzen Monat starben täglich
15--1700 -- Tag aus Tag ein.
Zu dieser Zeit war die Arbeit, die Leichen auf Karren wegzuschaffen, so
widerwärtig und gefährlich geworden, daß Klagen ergingen, die Träger
gäben sich keine Mühe mehr, sie aus den Häusern zu bringen, die ganz
ausgestorben waren, sondern ließen die Leichen darin liegen, daß die
Nachbarn es vor Gestank nicht mehr aushalten konnten und angesteckt
wurden. Diese Pflichtvergessenheit nahm so zu, daß die Kirchenvorsteher
und Polizisten beauftragt wurden, der Sache nachzugehen. Selbst
die Friedensrichter mußten sich dazu herbeilassen, den Leuten Mut
zuzusprechen, denn zahllose Träger starben an der Ansteckung durch die
Leichen, und wäre nicht die Anzahl jener, die Arbeit und Brot um jeden
Preis suchten, so groß gewesen, würde man kaum noch jemand zu solcher
Arbeit gefunden haben, und die Leichen wären überall halb verfault
herumgelegen.
Man kann den Behörden nicht genug Dank wissen, für die Art und
Weise, wie sie sich des Beerdigungswesens annahmen. Sobald einer der
Leichenträger der Seuche erlegen war, füllten sie seinen Platz sogleich
mit einem anderen aus, was, wie gesagt, bei der Masse der Arbeitslosen
nicht allzu schwer war, so daß man alles in allem niemals sagen konnte,
die Lebenden wären nicht imstande gewesen, ihre Toten zu begraben.
Je weiter die Seuche fortschritt, desto mehr nahm auch die Verwirrung
der Bevölkerung zu. Was die einen in ihrem Fieberwahn, andere in der
Qual der Krankheit alles taten, ist nicht zu sagen. Einige trieben
sich schreiend und weinend mit gerungenen Händen in den Straßen umher,
andere betend mit zum Himmel erhobenen Händen, um Gottes Barmherzigkeit
anzuflehen. Ich glaube, daß man sich noch des berüchtigten Salomon
Eagle erinnert, der, zwar nur im Kopfe angesteckt, manchmal völlig
nackt, eine Pfanne mit glühenden Kohlen auf dem Kopfe, durch die
Straßen rannte und der Stadt das Gericht des Herrn verkündete.
Ich will ja nicht entscheiden, ob dieser Geistliche wirklich verrückt
war oder nicht, und alles nur aus Mitleid mit den armen Leuten tat, die
jeden Abend durch Whitechapel zogen und mit aufgehobenen Händen immer
wieder flehten: »Verschone uns, lieber Gott, verschone dein Volk, das
du durch dein heiliges Blut erlöst hat.« Ich kann nicht gut über all
diese Dinge sprechen, weil ich sie nur aus meinem Fenster sah, denn ich
öffnete selten die Läden, solange die Pest am ärgsten wütete, und viele
glaubten, daß kein einziger übrigbleiben würde. Ich selbst glaubte das
auch und hielt mich über zwei Wochen im Hause. Aber dann konnte ich
nicht mehr. Übrigens gab es immer Leute, die trotz aller Gefahr den
Gottesdienst nicht versäumten, sogar in der ärgsten Zeit. Freilich
hatten manche Pfarrer ihre Kirchen geschlossen und waren geflohen
wie die anderen Leute auch, aber doch nicht alle. Einige übten ihr
Amt aus und hielten Gebetsversammlungen ab mit kurzen Predigten oder
Ermahnungen zur Buße und Besserung, solange man sie nur hören wollte.
Die Dissenters machten es gerade so, auch in den Kirchen, deren Pfarrer
tot oder geflüchtet waren, und es war auch wirklich keine Zeit für
Religionsstreitigkeiten.
Die Gnade Gottes hatte mich bisher noch immer verschont, und ich fühlte
mich völlig wohl, nur machte mich der lange Aufenthalt zu Hause in der
geschlossenen Luft allmählich ungeduldig. Endlich hielt ich’s nicht
mehr aus und machte mich auf, einen Brief an meinen Bruder auf die
Post zu tragen. Auf der Straße war kaum ein Laut zu hören. Als ich
zur Post kam, sah ich einen Mann in einem Winkel des Hofes stehen und
zu einem Fenster hinauf mit einem zweiten sprechen. Ein dritter stand
an der offenen Tür des Amtsraumes. In der Mitte des Hofes lag ein
kleiner Geldbeutel aus Leder, der Geld zu enthalten schien und an dem
zwei Schlüssel hingen. Aber keiner wollte ihn anrühren. Ich fragte,
wie lange er schon dort gelegen habe, und der Mann sagte mir aus dem
Fenster, vielleicht eine Stunde, aber sie hätten sich nicht drum
gekümmert, weil sie dachten, die Person, die ihn verloren habe, würde
wieder zurückkommen. Ich war gerade beim Weggehen, als der Mann an der
Tür meinte, er würde den Beutel doch aufheben, aber nur, um ihn dem
rechtmäßigen Besitzer wieder zurückzugeben, falls er kommen sollte. Er
holte also einen Eimer voll Wasser und stellte ihn neben den Beutel,
dann warf er einen Haufen Schießpulver auf den Beutel und streute es in
einer Linie noch etwa zwei Ellen weit, holte darauf eine rotglühende
Feuerzange, die er offenbar schon vorbereitet hatte, und setzte das
Pulver am äußersten Ende in Brand, um den Beutel und die Luft zu
reinigen. Aber auch damit war er noch nicht zufrieden, sondern nahm den
Beutel mit der Feuerzange auf, bis sie sich durch das Leder gefressen
hatte, schüttelte das Geld ins Wasser aus und trug es erst dann mit dem
Eimer hinein. Es waren, soweit ich mich erinnere, 13 Schillinge und
einige Kupferpfennige und Heller.
Ungefähr um dieselbe Zeit machte ich einen Spaziergang über die Felder
gegen Bow, denn ich war sehr neugierig zu erfahren, wie die Sachen auf
dem Flusse und bei den Schiffen standen, und dachte, es wäre eigentlich
das beste Mittel, sich vor der Seuche in Sicherheit zu bringen, sich
auf einem Schiffe einzuquartieren. Unter solchen Gedanken war ich vom
Wege etwas abgekommen und fand mich plötzlich an den Landungstreppen
bei Blackwell. Hier traf ich einen armen Teufel, der ganz allein auf
der Flußmauer auf und ab ging. Ich ließ mich mit ihm in ein Gespräch
ein und erfuhr, daß seine Familie nicht weit entfernt lebte. Eins von
seinen Kindern war bereits an der Pest gestorben, die Frau und eins der
beiden anderen Kinder war krank, und er erhielt sie als Bootsführer,
indem er jeden Abend, was er verdient hatte, auf einen Stein in der
Nähe der Wohnung niederlegte. Das Boot diente ihm nicht nur als
Mittel, den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu gewinnen,
sondern zugleich als Schlafstätte während der Nacht.
Ich fragte ihn dann weiter, wie er denn in der jetzigen Zeit zu Gelde
käme, da doch niemand ein Boot brauche. »Doch Herr,« antwortete er,
»ich kann mich schon nützlich machen. Seht Ihr dort, unterhalb der
Stadt, die fünf Schiffe vor Anker liegen und dort oben weitere acht
oder zehn? Sie alle haben Familien an Bord, von den Reedern und
Besitzern, die sich dort aus Angst vor der Ansteckung hingeflüchtet
haben. Ich besorge für sie, was sie brauchen, ihre Briefe, und was
sonst nötig ist, damit sie nicht an Land kommen müssen. Nachts mache
ich mein Boot dann an einem von ihren Schiffsbooten fest und übernachte
darin, und Gott sei Dank, bin ich bis jetzt verschont geblieben.«
»Ja, läßt man Euch denn an Bord,« fragte ich, »wenn Ihr aus diesem so
schrecklich verseuchten Orte kommt?«
»An Bord komme ich auch nur selten,« sagte er, »sondern lasse, was
ich gebracht habe, in ihrem Beiboot oder sie ziehen es auch hinauf.
Übrigens wäre ich auch dann wohl keine Gefahr für sie, denn ich gehe
niemals in ein Haus, nicht einmal mein eigenes, noch komme ich jemand
in die Nähe, außer um Lebensmittel einzukaufen.«
»Um so schlimmer,« warf ich ein, »denn Ihr müßt doch die Lebensmittel
von irgend jemand haben, und da dieser ganze Stadtteil aufs ärgste
verseucht ist, ist es schon gefährlich, nur mit jemand zu sprechen, und
auch dieses Dorf ist viel zu nah an London, um sicher zu sein.«
»Wohl wahr,« meinte er, »aber Ihr versteht mich nicht recht. Hier
kaufe ich nichts ein, sondern ich rudere nach Greenwich hinauf, um
frisches Fleisch zu kaufen, und manchmal auch bis nach Woolwich hinab.
Dann gehe ich in einzelne Bauernhöfe auf der Kentischen Seite, wo ich
bekannt bin, und kaufe Geflügel, Eier und Butter und bringe sie zu den
Schiffen, welche mir gerade den Auftrag geben. Hierher komme ich nur
selten, um von meinem Weib zu hören, wie es allen geht, und ihnen das
Wenige zu bringen, das ich in der vorigen Nacht verdient habe.«
»Armer Kerl,« sagte ich, »und wieviel habt Ihr diesmal bekommen?«
»Vier Schillinge, was heutzutage für einen armen Teufel schon etwas
heißen will. Und außerdem haben sie mir noch einen Sack Brot, einen
gesalzenen Fisch und etwas Fleisch mitgegeben, das kommt auch noch
dazu.«
Während wir noch weiter uns unterhielten, öffnete sich die Türe seiner
Hütte, die Frau kam heraus und rief: »Robert, Robert!« Er bat sie,
einen Augenblick zu warten, lief die Treppe hinunter und kam wieder mit
einem Sack, der die Lebensmittel enthielt. Dann ging er zu dem großen
Stein, den er mir gezeigt hatte, leerte den Sack aus und zog sich
wieder zurück. Als darauf die Frau hinging, einen kleinen Buben an der
Hand, um alles zu holen, erklärte er ihr, von wem jedes einzelne Stück
herstamme, rief den Schutz des Himmels auf sie herab und ging dann weg.
Ich fragte ihn dann, wie es käme, daß die Leute auf den Schiffen sich
nicht mit genügenden Vorräten alles Nötigen versehen hätten? Er sagte,
einige hätten das schon getan, andere aber hätten sich erst später
an Bord geflüchtet, als es schon zu gefährlich war, in den Läden
herumzukaufen. Er selbst bediene zwei Schiffe, auf denen sie fast
nichts hatten als Schiffszwieback und schlechtes Bier, alles sonst
müsse er besorgen. Ich fragte ihn darauf, ob es noch mehr Schiffe gäbe,
die sich so abgeschlossen hielten? »Gewiß,« sagte er, »den ganzen Weg
von einem Punkt gegenüber Greenwich bis Limehouse und Redriff ist
der ganze Fluß voll, wo immer es Raum genug für zwei Schiffe gibt,
nebeneinander zu liegen. Manche haben mehrere Familien an Bord.«
Darauf wollte ich noch wissen, ob niemals die Seuche hingekommen wäre?
Er meinte, er hätte nichts davon gehört, außer auf zwei oder drei
Schiffen, die aus Nachlässigkeit die Seeleute an Land hätten gehen
lassen.
Als er sagte, er würde wieder nach Greenwich fahren, sobald die Flut
einsetze, fragte ich ihn, ob er mich nicht mitnehmen und wieder
zurückbringen wolle, denn ich hatte große Lust zu sehen, wie die vielen
Schiffe auf dem Wasser lagen. Er sagte, wenn ich ihm als Christ und
ehrlicher Mann mein Wort geben wolle, daß ich nicht angesteckt sei, so
würde er mich fahren. Ich versicherte ihm, daß ich durch die Gnade
Gottes bisher verschont geblieben war, daß ich in Whitechapel wohnte
und nur durch das Bedürfnis nach frischer Luft herausgetrieben worden
wäre, und daß niemand in meinem Hause auch nur die leiseste Spur einer
Ansteckung gezeigt habe.
»Nun,« sagte er, »da Ihr Mitleid mit mir und meinen armen Leuten
gezeigt habt, könnt Ihr nicht so unbarmherzig sein, in mein Boot zu
steigen, wenn Ihr nicht gesund wärt. Denn das würde für mich und meine
Familie den Untergang bedeuten.« Seine Angst rührte mich so sehr, daß
ich ihm sagte, ich wolle lieber meine Neugierde unterdrücken, als ihn
in Unruhe versetzen, obwohl ich so gesund wäre wie nur irgendeiner
auf der Welt. Aber davon wollte er nichts wissen und redete mir
jetzt selbst zu, mit ihm zu kommen. So stieg ich denn, als die Flut
einsetzte, ins Boot, und er fuhr mich nach Greenwich hinüber. Während
er seine Besorgungen machte, ging ich auf die Spitze des Hügels, an
den sich die Stadt anlehnt, um einen Blick über den Fluß zu haben. Es
war auch wirklich ein erstaunlicher Anblick: die vielen Schiffe, die
je zwei und zwei manchmal, wo es die Breite des Flusses erlaubte, zwei
oder drei Reihen bildeten, und das nicht nur bis weit in die Stadt,
sondern flußabwärts bis zum Knie von Long-Reach, also soweit man sehen
konnte.
Die Anzahl der Schiffe war nicht zu erraten, aber es mögen wohl an 300
gewesen sein, und ich mußte diesem Auskunftsmittel meinen Beifall
spenden, durch das mehr als 10000 Menschen sich hier vor der Ansteckung
geschützt hatten und in völliger Sicherheit lebten.
Später erfuhr ich, daß die Schiffe, als die Seuche noch heftiger wurde,
ihren Platz veränderten. Einige stachen sogar in See und suchten die
Häfen an der Nordküste auf, wo sie eben am besten unterkommen konnten.
Aber ganz sicher war man freilich auch an Bord der Schiffe nicht, eine
ganze Anzahl Leute starb und wurde in den Fluß geworfen, manche in
Särgen, andere ohne solche, die noch lange die Flut auf der Oberfläche
des Wassers hin und wider trieb.
Ich bin jedoch überzeugt, daß es sich in solchen Fällen stets um Leute
handelte, die sich zu spät auf die Schiffe zurückzogen und schon
angesteckt waren, wenn sie selbst auch nichts davon merkten, so daß man
in Wahrheit sagen kann: die Seuche kam nicht auf die Schiffe, sondern
die Menschen brachten sie erst hin. Das waren auch immer jene Schiffe,
auf denen man nicht für Vorräte hatte sorgen können, und um solche an
Land schicken mußte, wodurch die Ansteckung unversehens hingelangte.
Ebenso wie die wohlhabenderen Leute auf die Schiffe flohen, hatten
die Armen ihre Treckschuten, Schmacken, Leichter und Fischerboote,
und viele, besonders die Bootführer, lebten vollständig auf ihren
Fahrzeugen. Die letzteren gewannen allerdings nicht viel dabei, denn
beim Einkaufen von Lebensmitteln wurden sie angesteckt und starben
in Haufen, oft mutterseelenallein in ihren Booten, wo man sie erst
auffand, als sie sich schon in einem unbeschreiblichen Zustand der
Auflösung befanden.
Die Lage der Seeleute in diesem Stadtteil war wirklich höchst
bejammernswert und verdiente das größte Mitleid, aber zum Unglück war
das eine Zeit, in der jeder zuerst an seine eigene Sicherheit dachte
und sich mit dem Elend des Nächsten nicht abgeben konnte. Alle hatten
den Tod vor ihrer Türe oder schon im Hause und wußten weder, wohin zu
fliehen, noch was sonst sie tun sollten. Dadurch wurde alles Mitleid
erstickt und die Selbsterhaltung zum obersten Gesetz. Kinder verließen
ihre Eltern, Eltern ihre Kinder, wenn das auch vielleicht nicht so
häufig vorkam. Schreckliche Geschichten waren in Umlauf von Müttern,
die in ihrem Wahnsinn ihre eigenen Kinder umgebracht hatten. Die eine
ereignete sich nicht weit von meiner Wohnung; das arme, von Sinnen
gekommene, Geschöpf lebte nicht einmal mehr so lange, um zum Bewußtsein
ihrer Untat zu kommen, geschweige denn, dafür bestraft zu werden.
Wundern darf man sich darüber nicht, denn die ununterbrochene
Todesgefahr zerstörte alles Mitgefühl und alle Sorge für andere. Ich
rede natürlich nur im allgemeinen, denn es gab auch Beispiele einer
unauslöschlichen Liebe, von Mitleid und Pflichtgefühl, von denen ich
einige durch Hörensagen erfuhr. Für die Wahrheit in allen Einzelheiten
kann ich freilich nicht einstehen.
Ehe ich näher darauf eingehe, möchte ich noch bemerken, daß das
ärgste Schicksal von allen Menschen in dieser Unglückszeit die
schwangeren Frauen traf. Kam ihre Stunde und stellten sich die Wehen
ein, so blieben sie ohne jede Hilfe. Weder Hebammen noch mitleidige
Nachbarinnen kamen zu ihnen. Die meisten Hebammen waren schon
gestorben, besonders jene, die unter den Armen ihren Beruf ausübten;
die besseren waren geflohen, so daß es den armen Frauen, die nicht
einen unerhörten Preis zahlen konnten, so gut wie unmöglich war, eine
zu bekommen. Die man haben konnte, waren meistens ungeschickte und
unwissende Weiber, und die Folge war, daß eine unglaubliche Anzahl von
Schwangeren in das haarsträubendste Elend gerieten. Viele wurden bei
der Entbindung durch die Dummheit jener sogenannten Hebammen zugrunde
gerichtet, und zahllose Neugeborne, ich möchte sagen, ermordet, wobei
sie sich darauf hinausredeten, sie hätten auf Kosten des Kindes die
Mutter retten wollen. Oft genug starben Mutter und Kind, besonders,
wenn die Mutter schon verseucht war, und nun niemand sich in ihre
Nähe wagte. Viele starben während der Geburt, in anderen Fällen lebte
das Kind, hing aber noch durch die Nabelschnur mit der toten Mutter
zusammen. Man konnte wirklich damals von ihnen sagen: Wehe in diesen
Tagen den schwangeren Müttern und jenen, die ihre Kinder säugen.
Das Elend der stillenden Mütter war fast ebensogroß. Viele Kinder
gingen zugrunde, weil ihnen die Amme fehlte. Man fand Kinderleichen bei
der toten Mutter, die an nichts als Nahrungsmangel gestorben waren.
Andere wurden durch die Ammen angesteckt, ja selbst durch die eigene
Mutter, die ohne es zu wissen, ihnen das Gift mit der Milch einflößte.
Sollte jemals wieder solch eine Seuche auftreten, so meine ich, daß
alle schwangeren oder stillenden Frauen die Stadt verlassen sollten,
denn ihr Elend ging wahrhaftig über alles menschliche Maß hinaus.
Ich könnte manche Schauergeschichte erzählen von noch lebenden Kindern,
die an der Brust ihrer bereits erkalteten Amme oder Mutter saugten. In
meinem Kirchspiel geschah es, daß eine Mutter, deren Kind nicht ganz
wohl war, zum Apotheker schickte, er möchte sich’s ansehen. Als er kam,
stillte sie gerade und schien völlig gesund zu sein, aber wie er sich
näherte, sah er die Merkmale der Seuche auf derselben Brust, die dem
Kinde Nahrung bot. Er wollte die arme Frau nicht zu sehr erschrecken
und bat sie, ihm das Kind zu geben. Als er’s nun in die Wiege legte und
dabei sein Kleidchen öffnete, gewahrte er die gleichen Merkmale auch
auf seinem Körper. Beide starben, noch ehe er nach Hause gekommen war,
um ein Gegenmittel zu senden. Ein anderes Mal wurde ein Kind zu seinen
Eltern wieder nach Hause gebracht, da die Amme an der Pest gestorben
war. Trotzdem ließ es sich die zärtliche Mutter nicht nehmen, den
Säugling an die eigene Brust zu legen. Dadurch wurde sie angesteckt
und starb, das tote Kind in ihren Armen.
Von einem Handelsmann in Ost-Smithfield hörte ich, dessen Frau zum
erstenmal gebären sollte und in die Wehen kam, während sie schon
angesteckt war. Er konnte ihr weder eine Hebamme noch eine Pflegerin
verschaffen. Die zwei Dienerinnen waren geflüchtet, und er rannte
wie ein Verrückter von Haus zu Haus, fand aber keine Hilfe. Endlich
versprach ihm ein Wächter, der vor einem verseuchten und abgesperrten
Hause seinen Posten hatte, ihm bis zum Morgen eine Pflegerin zu
schicken. Der arme Teufel ging verzweifelt heim, leistete seiner Frau
Beistand, so gut es gehen wollte, und brachte ein totes Kind zur Welt.
Auch die Frau starb eine Stunde später, und er hielt die Leiche noch
in seinen Armen, als der Wächter mit der Pflegerin erschien. Er hatte
das Haus offen gefunden, war die Treppe heraufgekommen und fand nun den
Mann, wie er sein totes Weib umschlungen hielt, und so sehr drückte ihn
der Kummer nieder, daß er einige Stunden später seinen Geist aufgab,
ohne irgend ein Zeichen der Ansteckung zu zeigen. So war er wirklich an
gebrochenem Herzen gestorben.
Von andern habe ich gehört, die der Kummer über den Tod ihrer
Angehörigen blödsinnig machte. Einer insbesondere wurde von seinem
Trübsinn so völlig überwältigt, daß nach und nach sein Kopf förmlich
zwischen die Schultern hineinsank. Er verlor allmählich Stimme und
Empfindung, das Gesicht lehnte sich gegen das Schlüsselbein und konnte
nur mit Gewalt aufgerichtet werden. Der arme Teufel kam nie mehr wieder
zu sich, sondern blieb fast ein Jahr in diesem Zustande, ehe er starb.
Niemals schlug er die Augen auf oder richtete seinen Blick auf einen
der ihn umgebenden Gegenstände. --
Ich spreche jetzt von der Zeit, als die Pest im östlichsten Teile der
Stadt wütete. Die Leute dort hatten gehofft, daß sie verschont bleiben
würden, und waren nun entsetzt, als die Seuche wie ein geharnischter
Mann auf sie eindrang. Dabei fallen mir wieder die drei Gesellen
von Wapping ein, der Bäcker, Zimmermann und Segelmacher, von denen
ich schon erzählt habe. Als sie sahen, daß sie nirgends mehr Arbeit
bekommen könnten, entschlossen sie sich, sich vor der Seuche davon
zu machen, und da sie haushälterisch angelegt waren, wollten sie
versuchen, solange als möglich von ihren Ersparnissen zu leben und
dann zusehen, wie sie weiterkämen. Aber zuerst wurde noch viel hin und
her geredet wegen der Ausrüstung und der Straße, die sie einschlagen
wollten. Besonders waren sie wegen eines Unterkommens zur Nachtzeit
besorgt, aber dabei hatte der Bäcker, der, wie man sich erinnern wird,
früher Soldat gewesen war, einen guten Einfall, indem er vorschlug,
der Segelmacher solle ihnen ein kleines Zelt verfertigen. Der einzige
Einwand, der dagegen gemacht wurde, war der, daß es zu schwer zum
Tragen wäre, da sie ja schon alles mögliche mitzuschleppen hatten
und das Wetter recht heiß war, denn es war um Mitte Juli. Aber auch
in dieser Sache kam ihnen das Glück zu Hilfe. Der Meister, bei dem
der Segelmacher gearbeitet hatte, besaß ein kleines elendes Pferd,
und da er den drei ehrlichen Gesellen wohl wollte, überließ er es
ihnen, zusammen mit einem alten Topbesansegel, das zwar nicht mehr
viel wert, aber zu einem Zelt noch recht gut zu gebrauchen war. Nach
den Anweisungen des gewesenen Soldaten war es bald fertig, und so
konnte also die Reise angetreten werden. Ihre Ausrüstung bestand aus
dem Zelt, dem Pferde, einer Flinte, da der Bäcker sich seines früheren
Standes erinnerte und nicht ohne Waffe ausziehen wollte, einem kleinen
Sack mit Werkzeugen für den Zimmermann und ein wenig Geld, das in eine
gemeinsame Kasse zusammengelegt wurde.
Da der Wind bei ihrem Ausmarsch aus Nordwesten blies, so entschlossen
sie sich, in dieser Himmelsrichtung vorzugehen. Dabei gab’s gleich
die erste Schwierigkeit, weil sie stark verseuchte Stadtteile hätten
berühren müssen. Sie machten daher einen weiten Umweg und erreichten
die Landstraße gerade bei Bow. Die Wache auf der Bowbrücke hätte sie
nicht durchgelassen, so waren sie gezwungen, einen schmalen Nebenweg
einzuschlagen, auf dem sie bis Oldford kamen. Auf allen Straßen standen
Konstabler, nicht so sehr, um die Leute anzuhalten, als um dafür zu
sorgen, daß sie sich nicht in den Orten, die sie zu bewachen hatten,
niederließen. Außerdem war auf dem Lande das Gerücht verbreitet, daß
die Bevölkerung Londons, aus Verzweiflung über den Mangel an Arbeit und
an Lebensmitteln, sich bewaffnet hätte und ausziehen wollte, um die
Orte in der Umgegend mit Gewalt zu plündern.
In Oldford wurden die drei Wanderer nur ausgefragt, und da sie eher
vom Lande als aus der Stadt zu kommen schienen, benahmen sich die
Leute ganz freundlich gegen sie, ja führten sie sogar in ein Wirtshaus
und setzten ihnen zu essen und zu trinken vor. Dabei hatten die Drei
den guten Gedanken, von jetzt ab nie zu sagen, sie kämen von London,
sondern aus Essex. Um diesen kleinen Betrug wahrscheinlicher zu machen,
bewogen sie den Konstabler, ihnen ein Zeugnis auszustellen, daß sie von
Essex kämen und nichts mit London zu tun hätten, was übrigens ja auch
dem Buchstaben nach wahr war, da Wapping nicht mehr zu London gehörte.
Diese Bescheinigung war ihnen von großem Nutzen. Mit ihrer Hilfe
wurden sie nicht nur in Hackney durchgelassen, sondern erhielten auch
vom dortigen Friedensrichter ohne viel Schwierigkeit ein richtiges
Gesundheitsattest. So hatten sie denn bald Hackney hinter sich und
wanderten weiter, bis sie bei Stamfordhill auf die große Heerstraße
gelangten.
Mittlerweile waren sie rechtschaffen müde geworden und beschlossen,
ein wenig abseits von der Straße ihr Zelt aufzuschlagen. Dies taten
sie denn auch, und zwar mit dem Eingange gegen einen Heuschober, den
sie zuerst gehörig durchsuchten, ob niemand dort versteckt wäre. Dort
legten sie sich schlafen, aber dem Zimmermann gefiel es nicht, daß
sie so gleichsam schutzlos die Nacht zubringen sollten, er nahm die
Flinte und ging als Wache vor dem Heuschober auf und ab. Bald hörte
er das Geräusch von Stimmen, die lauter und lauter wurden, bis auch
der Bäcker aus dem Zelt gekrochen kam. Die Leute gingen gerade auf
den Heuschober zu, bis ihnen der Bäcker ein martialisches »Wer da?«
zurief. Auf das hin hielten sie an und besprachen sich untereinander,
woraus hervorging, daß sie alle zusammen 13 waren, darunter auch
einige Frauen. Außerdem erfuhren unsere Freunde auf diese Weise, daß
sie gleich ihnen auf der Flucht vor der Seuche waren und eine große
Angst verrieten, von ihnen angesteckt zu werden, was wohl bewies, daß
sie selbst gesund waren. Auf dies hin sagte der Bäcker zum Zimmermann,
man solle die Leute doch herrufen, und nach längerem Hin- und Herreden
kamen sie auch herbei und krochen in den Heustadel, der bis oben voll
Heu war, so daß sie sich’s ganz bequem machen konnten. Ehe sie sich
schlafen legten, hörte man sie noch beten und den Schutz Gottes auf
sich herabrufen.
Als der Tag angebrochen war, machten sie sich näher miteinander
bekannt und erfuhren, daß die Leute auch aus London kamen und den Plan
hatten, über den Fluß und durch die Sümpfe in den Wald von Epping zu
wandern, wo sie hofften, sich länger aufhalten zu können. Sie hatten
genug Vorräte für 2 oder 3 Monate bei sich, und dann, meinten sie,
würde bei Eintritt kalter Witterung wohl die Seuche erlöschen, wenn
auch vielleicht nur deshalb, weil kein Lebender mehr in der Stadt
zurückgeblieben wäre.
Die Absichten unserer drei Freunde waren eigentlich nach einer anderen
Richtung gegangen, aber nun entschlossen sie sich doch, mit den anderen
gemeinsame Sache zu machen und ihnen nach Essex zu folgen. So wurde
denn das Pferd mit dem Zelt beladen und dann gemeinschaftlich der
Marsch angetreten.
An der Fähre über den Fluß gab es den ersten Aufenthalt, da der
Fährmann Angst vor ihnen hatte. Aber endlich verständigten sie sich aus
der Entfernung, und der Fährmann willigte ein, ein Boot etwas weiter
flußaufwärts zu bringen und es dort zu lassen, damit sie sich selbst
übersetzen könnten. Er zeigte ihnen, wo sie das Boot drüben lassen
sollten, damit er’s mit seinem anderen wieder abholen könne, was er
übrigens erst nach mehr als acht Tagen getan haben soll. Der Fährmann
brachte ihnen auch Lebensmittel und Getränk ins Boot, nachdem man ihm
das Geld dafür zuvor hingelegt hatte. Zum Schluß machte es noch nicht
geringe Schwierigkeit, das Pferd hinüberzubringen, und da die Fähre
dafür zu klein war, mußte man es abpacken und über den Fluß schwimmen
lassen.
Vom anderen Ufer aus marschierten sie gegen den Wald zu, aber als sie
nach Walthamstow kamen, verwehrte ihnen die Bevölkerung den Zutritt,
wie es jetzt überall geschah. Die Konstabler und Wächter hielten sich
in einiger Entfernung und unterhandelten mit ihnen. Sie wiederholten,
was sie schon das vorige Mal gesagt hatten, aber hier fanden sie keinen
Glauben, da schon 2 oder 3 Gesellschaften unter denselben Vorwänden
sich durch mehrere Orte durchgeschmuggelt und eine ganze Anzahl
von deren Bevölkerung angesteckt hatten. Darauf war man, wenn auch
gerechtermaßen, so unbarmherzig gegen sie vorgegangen, daß einige von
ihnen auf freiem Felde zugrunde gegangen waren, ob an der Pest oder aus
Mangel an Lebensmitteln, ließ sich nicht sagen.
Daher waren die Leute in Walthamstow sehr argwöhnisch geworden und
hatten den Entschluß gefaßt, niemand mehr aufzunehmen, von dessen
Gesundheitszustand sie nicht überzeugt wären.