Der Zimmermann und einer von der anderen Gesellschaft meinten, das

alles wäre kein Grund, die offene Straße zu versperren und die

Leute nicht durch die Stadt zu lassen. Sie wollten ja gar nichts

von ihnen als die Freiheit, durch die Stadt zu ziehen. Hätten die

Einwohner Angst, so könnten sie ja in ihre Häuser gehen und die Türen

abschließen. Die Konstabler aber und wer sonst noch herumstand waren

jedem vernünftigen Grunde unzugänglich und versteiften sich auf das,

was sie schon gesagt hatten. So kehrten die beiden Unterhändler zu

ihren Kameraden zurück, um mit ihnen zu beraten, was zu tun wäre.

Darüber konnten sie sich nicht einig werden, bis der Bäcker und frühere

Soldat sagte, sie sollten alles ihm überlassen. Er wies darauf den

Zimmermann an, aus Baumzweigen etwas Flintenähnliches zu schnitzen, und

nachdem sie auf diese Weise 5 oder 6 Musketen verfertigt hatten, die

aus der Entfernung ganz gut für solche gehalten werden konnten, nahm er

ein paar Leute mit sich und schlug das Zelt mitten auf der Straße auf,

der Barrikade gerade gegenüber, die von den Stadtbewohnern errichtet

worden war. Dann stellte er vor das Zelt eine Wache mit der einzig

wirklichen Flinte in ihrem Besitz, der mit geschultertem Gewehr auf und

ab gehen mußte, daß jeder ihn sehen konnte. Das Pferd wurde an eine

Hecke neben dem Zelt gebunden und ein Feuer auf dessen anderer Seite

angezündet, so daß man von der Stadt aus das Feuer und den Rauch sehen

konnte, aber nicht, was die Leute dabei taten.

Die Städter beobachteten sie eine gute Weile und mußten bei all diesen

Zurichtungen glauben, daß sie es mit einer ganzen großen Bande zu tun

hätten. Daher machten sie sich mehr Sorge, daß sie bleiben als daß sie

weggehen würden. Von dem einen Pferd und der einen Muskete schlossen

sie auf viele, und als sie noch Leute mit geschulterten Gewehren auf

dem Felde hin- und hergehen sahen, gerieten sie in einen mächtigen

Schrecken, liefen zum Friedensrichter und fragten ihn, was man tun

solle. Was ihnen jener antwortete, weiß ich nicht, aber jedenfalls

kamen sie gegen Abend auf die Barrikade und riefen die Schildwache vor

dem Zelt an.

Das Ergebnis der langen Unterhandlungen war endlich, daß die

Flüchtlinge versprachen, einen Fußweg hinten um die Stadt herum über

die Felder zu nehmen, und die Städter sich dagegen verpflichteten, sie

mit reichlichen Lebensmitteln zu versorgen, unter der Bedingung, daß

jene auch nicht einen Schritt gegen die Stadt von der Stelle aus hin

machten, wo die Lebensmittel niedergelegt würden.

Damit war alles einverstanden, und demgemäß wurden an den vereinbarten

Platz 20 große Brotlaibe und ebensogroße Fleischstücke gebracht, auch

einige Gatter auf dem Nebenwege geöffnet, aber niemand hatte den Mut,

den Flüchtlingen zuzusehen, und da die Nacht schon hereingebrochen war,

hätte man auch nicht gewahren können, wie wenige Leute sie waren.

So zog der Soldat die ganze Gesellschaft aus der Schlinge, brachte aber

dafür die ganze Grafschaft in Aufruhr. Wären sie wirklich 200 oder 300

gewesen, wie es hieß, so hätte man die Bevölkerung gegen sie aufgeboten

und sie ins Gefängnis geworfen oder auch totgeschlagen.

Das merkten sie bald, denn zwei Tage später trafen sie auf mehrere

Haufen Reiter und Fußvolk, die »drei Kompanien mit Musketen bewaffneter

Leute« verfolgen sollten, die von London kamen und mit der Pest

verseucht waren, und nicht nur diese verbreiteten, sondern auch

überall plünderten.

Nun erkannten sie die Folgen ihrer Handlungsweise und die Gefahr, in

der sie sich befanden. Sie beschlossen daher, auf den Rat des früheren

Soldaten, sich wieder zu trennen. Die drei wandten sich gegen Waltham,

die andern in zwei Teilen nach dem Walde von Epping zu.

Die erste Nacht brachten sie alle im Walde zu, nicht weit voneinander,

vermieden es aber, das Zelt aufzuschlagen aus Angst, daß sie dadurch

verraten werden könnten. Dagegen machte sich der Zimmermann mit Axt und

Beil an die Arbeit und schlug so viele Baumzweige herab, daß sie daraus

drei hüttenartige Unterschlupfe machen konnten, in denen sich ganz gut

übernachten ließ. Lebensmittel hatten sie auch genug, und die Sorge

für den nächsten Tag überließen sie der Vorsehung. Die Ratschläge des

alten Soldaten hatten ihnen so gut gefallen, daß sie ihn nun freiwillig

zu ihrem Führer erwählten. Er zeigte auch gleich, daß sie damit das

Richtige getroffen hatten. Er meinte nämlich, daß sie nun weit genug

von London wären, und daß sie die gleiche Sorge tragen müßten, nicht

angesteckt zu werden, als niemanden anzustecken. Gewaltsam wollten sie

nicht vorgehen, und daher müßten sie sich den getroffenen Maßregeln

anbequemen. Damit waren sie alle einverstanden und setzten am nächsten

Tage ihren Marsch gegen Epping zu fort. Auch der Kapitän, wie er jetzt

genannt wurde, und seine beiden Gefährten hatten sich wieder an die

anderen angeschlossen.

Als sie in die Nähe von Epping kamen, machten sie halt und suchten sich

einen Platz im offenen Walde, nicht zu nah, aber auch nicht zu weit von

der Straße in einem kleinen Gebüsch. Hier schlugen sie ihr Lager auf,

das aus drei großen runden Hütten bestand, die der Zimmermann mit Hilfe

der andern aus Zweigen aufbaute, die er an den Enden zusammenband.

Die Seitenwände wurden mit Blättern und Moos verstopft, so daß sie

vollständig dicht und warm hielten. Außerdem hatten sie das kleine

Zelt, das den Frauen überlassen wurde, und eine kleine Hütte für das

Pferd.

Am nächsten Tage war zufällig Markttag in Epping, wohin der Kapitän

mit einem Begleiter sich aufmachte, um einige nötige Lebensmittel

einzukaufen, nämlich Brot und etwas Fleisch. Zwei der Frauen gingen für

sich, als ob sie gar nicht zu der Gesellschaft gehörten, und kauften

noch mehr. Mittlerweile verfertigte der Zimmermann einen Tisch und

einige Bänke und Stühle, so gut es eben gehen wollte.

Zwei oder drei Tage lang wurde ihre Anwesenheit nicht bemerkt, dann

aber zogen die Leute haufenweise aus der Stadt, um sie anzusehen, und

die ganze Gegend geriet ihretwegen in Aufregung. Anfangs hatte man

Angst, ihnen nahezukommen, und die Flüchtlinge selbst waren froh, wenn

dies nicht geschah, denn das Gerücht ging, daß die Pest auch in Waltham

ausgebrochen sei und bereits auf Epping übergegriffen habe. Daher

bat sie der Kapitän, nicht in ihre Nähe zu kommen, da sie alle völlig

gesund wären und weder von ihnen angesteckt werden noch auch hören

möchten, daß sie die Seuche zu ihnen gebracht hätten.

Darauf erschienen die Kirchspielbeamten und fragten aus der Entfernung,

wer sie wären und mit welchem Recht sie sich hier aufhielten. Der

Kapitän antwortete ganz aufrichtig, sie wären arme Flüchtlinge aus

London, die dem kommenden Elend sich hatten entziehen wollen, um ihr

Leben zu retten und die weder Freunde noch Verwandte besäßen, wohin sie

sich hätten flüchten können. Zuerst wären sie nach Islington gezogen,

da aber die Seuche auch dahin gekommen sei, wären sie weitergewandert.

Und weil sie voraussetzten, daß die Inwohner von Epping ihnen doch

verwehrt hätten, in die Nähe der Stadt zu kommen, hätten sie nun ihr

Lager unter dem freien Himmel aufgeschlagen und nähmen freiwillig all

die Beschwerlichkeiten eines solchen Aufenthaltes auf sich, lieber, als

daß irgend jemand ihnen vorwerfen könnte, er wäre durch sie zu Schaden

gekommen.

Zuerst wollten die Leute von Epping nichts davon hören, daß sie

dablieben und befahlen ihnen, weiterzuwandern. Dies wäre kein Platz

für sie, und wenn sie auch behaupteten, gesund zu sein, so möchten sie

doch, ohne es zu wissen, schon angesteckt sein und die ganze Gegend

anstecken, und deshalb könne man sie hier nicht dulden.

Der Kapitän verhandelte mit ihnen in aller Geduld weiter und hielt

ihnen vor, daß sie alle von London, wohin sie ihre Landesprodukte

verkauften, lebten und ihre Höfe erhielten, und daß es nicht recht

wäre, so unbarmherzig gegen Londoner zu sein, durch die sie so viel

verdienten. Später würden sie sich nur mit Reue daran erinnern, wenn es

sich herumspräche, wie ungastlich, unfreundlich und barbarisch sie sich

gegen Bewohner von London verhalten hätten, die vor dem schrecklichsten

Feinde des Menschengeschlechtes geflüchtet wären. Von nun an wäre jeder

Eppinger in London verfehmt, und der Pöbel würde ihnen Steine in den

Straßen nachwerfen, wenn sie wieder zu Markt kämen.

Die Eppinger erwiderten darauf, in Walthamstow wäre eine ganze Bande

erschienen, die auch behaupteten, sie wären alle gesund, und hätten

gedroht, die Stadt zu plündern und mit Gewalt ihren Weg fortzusetzen.

Fast 200 wären sie gewesen, mit Waffen und Zelten wie eine richtige

Armee. Durch die Drohung, sonst sich alles selbst zu nehmen, hätten

sie Lebensmittel von der Stadt erpreßt, und die ganze Umgegend wäre

von ihnen verseucht worden. Wahrscheinlich gehörten auch sie zu

dieser Bande und verdienten, ins Gefängnis geworfen zu werden, bis

sie Schadenersatz geleistet hätten für alles, was sie angerichtet und

für die Angst und den Schrecken, in die sie die ganze Gegend gestürzt

hätten.

So wurde noch lange hin- und hergeredet, bis endlich der Kapitän sagte,

sie würden nichts mit Gewalt nehmen, selbst wenn die Eppinger ihre

Herzen gänzlich jedem Mitleid verschlössen, und wenn dann das Wenige,

das sie hätten, verbraucht wäre, so müßten sie eben nach dem Willen

Gottes zugrunde gehen.

Seine vernünftige und ruhige Art zu reden hatte eine solche Wirkung

auf die Eppinger, daß sie fortgingen. Und obwohl sie wohl mit ihrem

Bleiben nicht einverstanden waren, taten sie doch auch nichts, sie zu

vertreiben, so daß die armen Teufel die nächsten drei oder vier Tage

Ruhe hatten. Mittlerweile hatten sie sich mit einem Lebensmittelladen

am Rande der Stadt in Verbindung gesetzt, der ihnen die nötigsten

Bedürfnisse in der üblichen Weise lieferte, indem die Lebensmittel in

einiger Entfernung auf die Erde gelegt wurden.

Das junge Volk kam inzwischen oft bis ganz nahe ans Lager, stand da

herum, schaute sich alles an und unterhielt sich mit ihnen, wobei aber

immer noch ein Zwischenraum aufrechterhalten wurde. Daß man hörte, wie

sie am ersten Sonntag beteten und ihre Sonntagsfeier mit Psalmensingen

begingen, machte einen guten Eindruck, so daß allmählich die Stimmung

der Leute umschlug, und man sie mit Mitleid zu betrachten begann.

Die Folge davon war, daß nach einer schweren Regennacht ein gewisser

Landedelmann, der in der Nachbarschaft lebte, ihnen einen Karren mit

zwölf Bündeln Stroh schickte, um darauf zu liegen und die Dächer ihrer

Hütten damit zu decken. Der Kirchspielgeistliche sandte ihnen auch,

ohne von dem ersteren Geber zu wissen, zwei Scheffel Weizen und einen

halben Scheffel weiße Erbsen.

Nachdem diese beiden so begonnen und ein Beispiel der Nächstenliebe

gegeben hatten, schlossen sich bald andere an, und es verging kaum ein

Tag, der ihnen nicht irgendeine Gabe brachte. Einige schickten Sessel,

Tische und solche Haushaltungsgegenstände, die sie nötig hatten, andere

Leintücher und Bettdecken, die dritten Ton- und Küchengeschirr.

Dadurch ermutigt, baute ihnen der Zimmermann in wenigen Tagen einen

großen Schuppen oder ein Haus mit Dachsparren, einem richtigen Dach

und einem oberen Stockwerk, wo sie trocken hausen konnten, denn das

Wetter begann jetzt, anfangs September, allmählich feucht und kalt zu

werden. Auf der einen Seite errichtete er noch eine Erdmauer mit einem

Kamin darin, und ein anderes Mitglied der Gesellschaft fabrizierte

dazu mit unsäglicher Mühe und Arbeit einen Rauchfang, um den Rauch

hinauszulassen.

Hier lebten sie also soweit ganz gut, bis anfangs September die

schlimme Neuigkeit kam, daß die Seuche, die sich schon über die ganze

Umgegend verbreitet hatte, nun auch Epping, Woodford und alle sonst um

den Wald gelegenen Städte ergriffen habe. Daran sollten hauptsächlich

die Hausierer schuld sein, die von und nach London her- und hinzogen.

Wenn das wirklich der Fall war, so ist es ein klarer Gegenbeweis gegen

die Behauptung, die man später in ganz England hörte, daß nämlich

die Marktleute niemals angesteckt wurden oder die Seuche aufs Land

hinaustrugen, was ich aus eigenem Wissen auch nicht bestätigen kann.

Die Flüchtlinge aber gerieten nun in große Aufregung, da die

umliegenden Städte tatsächlich verseucht waren; sie trauten sich nicht

mehr, sich um Lebensmittel umzutun und kamen dadurch in eine sehr üble

Lage. Denn nun hatten sie nichts mehr, als was die Güte der Landherren

in der Umgegend ihnen zukommen ließ. Ein Glück war, daß einer, von dem

sie bisher nichts erhalten hatten, nun anfing, ihnen Lebensmittel zu

schicken und gleich mit einem ansehnlichen Schwein den Beginn machte.

Von einem andern bekamen sie zwei Schafe und von einem Dritten ein

Kalb, kurz, an Fleisch fehlte es ihnen nicht, und zuweilen kam dazu

auch noch Milch und Käse. Nur mit dem Brot sah es schlecht aus, da sie

nur Weizen besaßen, aber endlich verfertigte der Bäcker eine Art Ofen

und brachte damit ganz genießbare Brotkuchen zustande. So gelang es

ihnen, ohne weitere Hilfe von den Städten auszukommen, und das war gut

so, denn bald war die ganze Gegend verseucht, und in den umliegenden

Dörfern starben nicht weniger als 120 Leute an der Pest.

Auf dies hin beratschlagten sie aufs neue, und jetzt hatten die Städte

keinen Grund mehr, sich vor ihnen zu fürchten, im Gegenteil zogen

einige Familien der ärmeren Bevölkerung zu ihnen in den Wald und bauten

sich dort nach ihrem Vorbild Hütten. Aber schon war es zu spät für

sie, und die Ansteckung folgte ihnen auch dahin. Das war ein schwerer

Schlag für die Gesellschaft, als sie davon Kenntnis erhielt. Denn nun

hieß es wieder weiterwandern, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen

wollten, ihr Leben zu verlieren.

Es ist kein Wunder, daß sie den Ort nur mit schwerem Herzen verließen,

wo sie so viele Barmherzigkeit und Menschlichkeit erfahren hatten,

aber sie sahen ein, daß ihnen keine Wahl bliebe. So beschlossen sie,

sich erst an jenen Gutsbesitzer zu wenden, der sich zuerst ihrer

angenommen hatte, und ihn um Rat und Hilfe zu bitten. Der gute Mann

redete ihnen zu, den Platz zu verlassen, um nicht von jeder weiteren

Zuflucht abgeschnitten zu werden, wohin sie aber gehen sollten, wußte

er ihnen auch nicht zu sagen. Schließlich bat ihn der Kapitän, ihnen

als Friedensrichter Gesundheitszeugnisse auszustellen, die sie überall

seinen Amtsgenossen vorzeigen könnten, damit man sie nicht wieder

zurückwiese, obschon sie nun schon so lange von London fort wären. Dies

geschah auch; sie erhielten die Atteste und hatten nun die Freiheit zu

gehen, wohin es ihnen beliebte.

Mit diesen Zeugnissen versehen machten sie sich also auf den Weg und

wanderten gegen die Sümpfe auf der Seite von Waltham zu. Hier trafen

sie auf einen Mann, der eine Art Wehr im Flusse errichtet hatte, um

das Wasser für die aufwärtsgehenden Schiffe aufzustauen, und der ihnen

erzählte, daß alle am Flusse liegenden Orte in ganz Middlesex und

Hertfordshire, auch alle Plätze an der Hauptstraße verseucht wären.

Dadurch ließen sie sich abschrecken, ihren Weg fortzusetzen, obwohl

ihnen der Mann wahrscheinlich nur etwas vormachte, denn in Wirklichkeit

lagen die Dinge lange nicht so schlimm.

Sie beschlossen nun, durch den Wald gegen Rumford und Brentwood zu

ziehen, hörten aber, daß der ganze Wald schon voll von Flüchtlingen aus

London wäre, die ohne Obdach und Lebensmittel, ein jämmerliches Dasein

führten und von denen es hieß, daß sie durch Gewalttaten aller Art ihr

Los zu erleichtern suchten. Einige von ihnen hatten neben der Straße

Hütten errichtet und bettelten in der frechsten und unverschämtesten

Weise, so daß die ganze Gegend in Aufregung geraten war und manche

festgenommen werden mußten.

Mit der Mildtätigkeit und Freundlichkeit, die unsere Freunde früher

erfahren hatten, war’s nun wohl zu Ende, das sahen sie ein, im

Gegenteil waren sie in Gefahr, von den andern Flüchtlingen Böses

gewärtigen zu müssen. In dieser Lage schickten sie den Kapitän zu dem

guten Herrn zurück, ihrem Wohltäter, um ihn in ihrer aller Namen noch

einmal um Rat zu bitten. Den gab er denn auch und meinte, sie sollten

ihr altes Quartier wieder beziehen oder, wenn sie das nicht wollten,

weil die Jahreszeit schon zu weit fortgeschritten wäre, sich näher an

der Straße ansiedeln. Dort fanden sie ein altes, halbverlassenes Haus,

das kaum noch bewohnbar war und ihnen deshalb gern von dem Bauern, dem

es gehörte, überlassen wurde.

Nun gab es für den Zimmermann und seine Helfer genügend Arbeit, aber

in wenigen Tagen hatten sie das Haus ganz wohnlich hergerichtet, und

da sie dort einen Kamin und einen Ofen fanden, waren sie auch gegen

die kommende Kälte gesichert. Was sie sonst noch brauchten, nämlich

hauptsächlich Bretter, um Fensterladen, Fußböden und Türen zu machen,

erhielten sie von den Leuten, bei denen sie nun schon einmal bekannt

waren, und wo ihnen jeder gern aushalf.

Hier richteten sie sich nun für die Dauer ein, entschlossen,

dazubleiben. Denn sie sahen wohl, wie aufgebracht die Provinz gegen

alle war, die aus London stammten, und daß sie ohne die größten

Schwierigkeiten nirgends durchkommen würden oder auf einen freundlichen

Empfang rechnen könnten. Aber trotzdem ihnen von allen Seiten Hilfe

zuteil wurde, hatten sie doch genug Beschwerden zu erdulden, denn nun,

im Oktober und November, setzte die Kälte ein, so daß viele von ihnen

erkrankten, freilich nicht an der Pest. Im Dezember kehrten sie dann

wieder nach London in ihre Heimat zurück.

Ich habe diese Geschichte so ausführlich erzählt, um zu zeigen, woher

plötzlich die Masse Menschen kam, die in London erschienen, sobald

die Seuche nachgelassen hatte. Die bessern Klassen hatten bei ihren

Freunden auf dem Lande ein Unterkommen gefunden, und jene, die keine

Freunde draußen hatten, waren nach allen Richtungen geflohen, ob

sie nun Geld hatten oder nicht. Die ersteren kamen am weitesten,

da sie sich selbst erhalten konnten, die andern aber mußten die

ärgsten Entbehrungen erdulden und konnten sich oft nur durch Stehlen

durchbringen. Dadurch wurde man wieder gegen sie aufgebracht und

steckte sie ein, obwohl man nicht recht wußte, was man mit ihnen

anfangen sollte und sie nicht gut bestrafen konnte. Oft genug aber

schob man sie von Ort zu Ort ab, bis sie wieder in London waren.

Ich habe seitdem überall nachgefragt und erfahren, daß es eine Menge

von diesen armen, unglücklichen Leuten gab, die irgendwohin aufs Land

hinaus geflohen waren und nun in Hütten und Heuschobern ihr Leben

fristeten, wo man sie zuweilen auch unterstützte, wenn sie überzeugend

dartun konnten, daß sie nicht zu spät London verlassen hätten. Die

meisten aber wohnten in selbstgebauten Hütten auf freiem Feld oder in

den Wäldern oder wie Einsiedler in Löchern und Höhlen, oder wo sie

sonst bleiben mochten, wo es ihnen so schlecht ging, daß sie auf jede

Gefahr hin wieder lieber nach der Stadt zurückkehrten. Die Hütten

blieben dann verlassen, und das Landvolk glaubte, daß die Bewohner tot

drin lägen, und traute sich noch lange nicht, in die Nähe zu kommen.

Und wirklich ist es auch durchaus nicht unwahrscheinlich, daß eine

Anzahl dieser unseligen Flüchtlinge allein und verlassen und ohne jede

Hilfe zugrunde ging. --

Von einem traurigen Fall hörte ich, einem Bürger, der durch die Seuche

seine Frau und alle Kinder verloren hatte. Nur er, zwei Dienstboten

und eine alte Frau waren am Leben geblieben, eine Verwandte, die ihre

Angehörigen bis zum Tode gepflegt hatte. Der Mann begab sich in ein

nahes noch unverseuchtes Dorf, fand dort ein leeres Haus und mietete es

von dem Besitzer. Nach einigen Tagen verschaffte er sich einen Karren,

belud ihn mit dem Nötigsten und fuhr damit hinaus. Die Dorfbewohner

wollten ihn zwar nicht durchlassen, aber teils durch Zureden, teils

durch Gewalt, gelang es den Leuten, die den Karren schoben, doch bis

zur Türe des Hauses zu kommen. Aber dort leistete der Konstabler ihnen

neuen Widerstand und ließ sie nicht ins Haus. Der Mann ließ die Sachen

vor der Tür abladen und schickte den Karren weg, worauf man ihn vor

den Friedensrichter führte. Dieser befahl ihm, die Sachen auf dem

Karren wieder zurückbringen zu lassen, was der Mann verweigerte. Darauf

schickte der Friedensrichter den Karrenführern den Konstabler nach und

beauftragte ihn, sie vorzuführen und sie zu zwingen, die Sachen wieder

aufzuladen und fortzubringen, widrigenfalls sie in den Stock gelegt

würden. Sollte er die Leute nicht finden und der Mann sich nicht bereit

finden lassen, die Sachen zu entfernen, so sollten sie mit Hacken auf

die Straße gezogen und dort verbrannt werden. Auf das hin ließ der arme

Teufel die Sachen wieder holen, aber nicht, ohne sich über die ihm

widerfahrene Härte und Grausamkeit aufs bitterste zu beklagen. Aber es

half nun einmal nichts, der Selbsterhaltungstrieb zwang die Leute zu

solchen Maßregeln, von denen sie unter andern Umständen nichts hätten

wissen wollen. Was aus dem Manne wurde, kann ich nicht sagen, aber es

hieß, er wäre schon damals angesteckt gewesen, wenn das auch vielleicht

nur die Leute sagten, um ihr Vorgehen zu rechtfertigen.

Ein Haus in Whitechapel wurde eines angesteckten Dienstmädchens wegen

abgesperrt, das nur Flecken, nicht die eigentlichen Merkmale der Seuche

hatte und später auch wieder gesund wurde. Die Hausleute durften also

40 Tage lang auch keinen Schritt an die Luft gehen. Angst, Ärger, Wut,

Mangel an frischer Luft und was sonst noch mit einer solch schlimmen

Behandlung zusammenhing, zogen der Hausfrau ein Fieber zu. Darauf

erschienen die Visitatoren und sagten, sie hätte die Pest, obwohl die

Ärzte erklärten, daß das nicht der Fall wäre. So wurde die Familie

gezwungen, die Absperrungszeit von neuem durchzumachen, obwohl an der

ersten nur noch ein paar Tage fehlten. Der Kummer und die Empörung

darüber warfen sie nun alle aufs Krankenlager, die einen erkrankten

an Skorbut, andere an ähnlichen Übeln, bis schließlich, nachdem die

Absperrung noch mehrmals verlängert worden war, einige Besucher, die

mit den Visitatoren kamen in der Hoffnung, die Ärmsten endlich in

Freiheit zu setzen, wirklich die Seuche ins Haus schleppten, an der

fast alle starben. Also nicht an der Pest, die sie gehabt hatten,

sondern die jene ihnen zugebracht hatten, die sie davor hätten schützen

sollen. Dergleichen passierte häufig genug und war eine der schlimmsten

Folgen der Häuserabsperrung.

Um diese Zeit mußte ich eine kleine Mühe auf mich nehmen, die mich

zuerst in große Bestürzung versetzte und sehr unbehaglich machte,

obwohl sich später herausstellte, daß es damit nicht so schlimm

war. Der Ratsherr unseres Distriktes nämlich ernannte mich zu einem

der Untersuchungsbeamten in dem Bezirk, wo ich wohnte. In unserm

Kirchspiel gab es deren nicht weniger als 18. Wir hatten den Titel

Untersuchungsbeamte, das Volk aber nannte uns Visitatoren. Ich

versuchte alles mögliche, um mich von einem solchen Amte loszumachen

und brachte gegen den Stellvertreter des Ratsherrn einen Haufen Gründe

vor, die mich verhinderten. Besonders führte ich an, daß ich gegen

die Absperrung der Häuser sei, und daß es unrecht wäre, mich zur

Durchführung einer Maßregel zu zwingen, die gegen meine Überzeugung

wäre, und wie ich glaube, auch keinen wirklichen Nutzen brächte.

Das einzige aber, was ich erreichen konnte, war, daß ich anstatt

der üblichen zwei Monate nur auf drei Wochen verpflichtet wurde,

vorausgesetzt, daß ich dann einen geeigneten Stellvertreter namhaft

machen könne. Das war freilich nur ein schwacher Trost, denn es war

äußerst schwierig, jemanden zu finden, der ein solches Amt auf sich

nehmen wollte.

Einen Erfolg hatte tatsächlich die Absperrung der Häuser, den ich

durchaus nicht verkleinern will. Den Erkrankten wurde es dadurch

unmöglich gemacht, in den Straßen herumzulaufen, wie es am Anfang so

oft geschah, ehe man sie einschloß. Damals kam es sogar vor, daß sie an

die Haustüren kamen, erklärten, sie hätten die Pest und um alte Lumpen

baten, um ihre Geschwüre zu verbinden.

Die Frau eines wohlhabenden Bürgers wurde, wenn die Geschichte wahr

ist, von einem solchen Geschöpf in der Aldersgate-Straße oder da

herum umgebracht. Der Mann, ganz von Sinnen, wanderte singend durch

die Straßen. Die Leute meinten, er wäre nur betrunken, aber er selbst

sagte, er hätte die Pest, was auch wohl wahr war. Als er der Frau

begegnete, wollte er sie küssen. Entsetzt darüber, denn er war ein

roher Patron, rannte sie davon, da aber nur wenig Leute auf der Straße

waren, konnte ihr niemand zu Hilfe kommen. Als sie sah, daß sie ihm

nicht entfliehen könne, wandte sie sich um und gab ihm mit aller Kraft

einen solchen Stoß, daß er, schwach wie er war, auf die Erde fiel. Aber

unglücklicherweise hielt er sich an ihr und zog sie auch zu Boden,

worauf er sie packte und küßte. Das Scheußlichste war, daß er ihr

dann sagte, er habe die Pest, und warum solle sie sie nicht ebensogut

kriegen? Sie war schon zuvor außer sich, besonders da sie seit einigen

Monaten schwanger war, als sie ihn nun aber sagen hörte, daß er die

Pest habe, schrie sie auf und fiel in Ohnmacht oder vielmehr bekam

einen Anfall, von dem sie sich zwar wieder erholte, aber doch wenige

Tage darauf starb, ob an der Pest oder nicht, habe ich nicht erfahren

können.

Ein anderer erkrankter Mann erschien an der Tür eines Bürgers und

klopfte. Da er dort gut bekannt war, ließ ihn das Dienstmädchen ein,

und als man ihm sagte, der Hausherr wäre oben, lief er hinauf und

trat in das Zimmer, wo eben die ganze Familie beim Abendessen war.

Sie erhoben sich ein wenig erstaunt, da sie nicht wußten, um was es

sich handelte. Der Mann aber bat sie, ruhig sitzenzubleiben, er käme

nur, um Abschied zu nehmen. »Wieso?« fragte man ihn, »wohin geht Ihr

denn?« -- »Wohin --« antwortete er, »ich habe die Pest und werde bis

morgen abend tot sein.« Es dürfte schwer sein, sich die Bestürzung der

ganzen Familie auszumalen. Die Frauen und die Töchter, die noch kleine

Mädchen waren, hatten vor Schrecken beinahe den Tod. Sie standen auf

und rannten hinaus, die eine zu der Tür, die andere zur andern, die

Treppe hinauf und hinab, und als sie endlich alle beisammen waren,

schlossen sie sich im Zimmer ein und schrien aus dem Fenster wie die

Wahnsinnigen um Hilfe. Der Hausherr, der trotz alles Schreckens und

aller Empörung ruhiger geblieben war, wollte den Eindringling zuerst

packen und die Treppe hinunterwerfen. Dann aber überlegte er den

Zustand des Mannes und die Gefahr ihn zu berühren, und vor Entsetzen

erstarrte er, ohne eine Bewegung machen zu können. Der arme Kranke,

dem die Ansteckung wohl schon bis ins Gehirn gedrungen war, stand

mittlerweile ganz still. Endlich wandte er sich um. »So, so,« sagte er

mit der größten Ruhe, »ist es so mit euch allen! Hab’ ich euch wirklich

gestört? Dann will ich nach Hause gehen und dort sterben.« Mit diesen

Worten ging er zur Tür und die Treppe hinunter. Das Dienstmädchen, das

ihn hereingelassen hatte, folgte ihm mit einem Licht, hatte aber Angst,

an ihm vorbeizugehen und die Türe zu öffnen, so blieb sie auf der

Treppe stehen, um zu sehen, was er tun würde. Der Mann machte die Tür

auf, ging hinaus und warf sie hinter sich zu. Es dauerte einige Zeit,

bis die Familie über den Schrecken wegkam, da aber schlimme Folgen

ausblieben, haben sie seitdem die Geschichte oft mit großer Genugtuung

erzählt. Der Mann war jedoch schon einige Tage fort, ehe sie sich

wieder im Hause richtig zu bewegen trauten, und auch dann erst, als sie

einen Haufen Räucherwerk in allen Zimmern verbrannt und einen dicken

Rauch mit Pech, Schwefel und Schießpulver gemacht hatten. Auch trugen

sie Sorge, die Kleider zu wechseln und zu waschen. Was aber den armen

Mann anbelangt, so kann ich mich nicht erinnern, ob er auch wirklich

gestorben ist.

Hätte man die Häuser nicht abgesperrt und die Kranken eingeschlossen,

so wären sicher Haufen von ihnen in ihren Fieberdelirien beständig auf

den Straßen hin und her gelaufen. Es taten’s ja so eine ganze Menge,

die gegen die ihnen Begegnenden alle möglichen Gewalttätigkeiten

verübten, wie ja auch die tollen Hunde jeden beißen, der ihnen in den

Weg kommt. Ich bin auch überzeugt, daß jeder, der von solch einem

verseuchten Geschöpfe gebissen worden wäre, sicher eine unheilbare

Ansteckung davongetragen haben würde.

Ich hörte von einem Kranken, der von der Qual der Geschwülste, von

denen er drei hatte, aus dem Bett getrieben wurde, die Schuhe anzog und

nach seinem Rock griff, aber von der Pflegerin daran gehindert wurde.

Sie riß ihm den Rock weg, er aber warf sie zu Boden, rannte die Treppe

hinunter und im Hemd gerade auf die Straße, die zum Flusse führt. Die

Pflegerin hinter ihm her, rief dem Wächter zu, ihn aufzuhalten, aber

der hatte Angst ihn anzurühren und ließ ihn weiterlaufen. Er rannte

bis zu den Stillyard-Stufen, zog sein Hemd aus und sprang ins Wasser.

Und da er ein guter Schwimmer war, schwamm er bis ans andere Ufer,

als gerade die Flut einsetzte und ihn bis zu den Stufen bei Falcon

hinabtrug, wo er aus dem Wasser stieg. Wie er nun jetzt, zur Nachtzeit,

niemand sah, rannte er splitternackt eine Zeitlang in den Straßen

umher, sprang dann wieder ins Wasser und kam mit der Flut an denselben

Platz zurück, von wo er weggeschwommen war. Dann lief er nach Hause,

klopfte an die Tür, stieg die Treppe hinauf und legte sich wieder ins

Bett. Durch dieses merkwürdige Mittel genas er von der Pest, d. h. die

heftige Bewegung von Armen und Beinen brachte die Geschwülste in den

Schulterhöhlen und der Leistengegend zum Reifen und Aufbrechen, und

das kalte Wasser schlug das Fieber nieder.

Aber ungeachtet all solcher Vorfälle war man doch gegen die Absperrung

der Häuser recht aufgebracht.

Es ging einem durch Mark und Bein, das Geschrei der Kranken zu hören,

die von der Hitze im Blut oder der Heftigkeit ihrer Schmerzen von

Sinnen gebracht, eingeschlossen oder an die Stühle oder die Betten

gebunden waren, um zu verhüten, daß sie sich selbst beschädigten. Sie

beklagten sich immer wieder aufs jämmerlichste, daß man sie einsperrte

und nicht im Freien sterben ließ, wie sie es haben wollten.

Das Umhergelaufe der Erkrankten auf den Straßen war wirklich

grausig, und die Behörden taten alles, um es zu verhindern, da es

aber gewöhnlich bei Nacht geschah und sich um plötzliche Ausbrüche

handelte, war meistens niemand da, der es hätte verhindern können. Und

selbst bei Tage hatten die damit Beauftragten keine große Lust, sich

einzumischen. Denn nur auf der Höhe der Ansteckung traten diese Anfälle

ein, und demgemäß waren auch die Kranken besonders gefährlich, und es

war das größte Wagnis der Welt, sie zu berühren. Ließ man sie aber in

Ruhe, so rannten sie meistens so lange weiter, bis sie plötzlich tot

umfielen oder völlig erschöpft zu Boden stürzten und dann nach einer

halben Stunde oder einer Stunde starben. Das Kläglichste aber war,

daß sie in dieser halben Stunde oder Stunde wieder zu sich kamen

und dann die herzbrechendsten Klagen und Schreie ausstießen über

ihre bejammerungswürdige Lage. Ehe die Absperrung der Häuser streng

durchgeführt wurde, waren solche Anblicke nichts Seltenes, denn anfangs

nahmen es die Wächter mit ihrer Pflicht nicht so ernst und genau wie

später. Erst, als einige aufs strengste für ihre Nachlässigkeit und

Pflichtvergessenheit bestraft wurden, weil sie die Leute unter ihrer

Aufsicht ob krank oder ob gesund hatten entschlüpfen oder mit ihrem

Einverständnis sich flüchten lassen, wurde es anders. Sie merkten nun,

daß die Oberen, die ihre Führung zu prüfen und untersuchen hatten,

entschlossen waren, sie zur Ausübung ihrer Pflicht zu zwingen oder zur

Rechenschaft zu ziehen. Von da an wurden die Leute strenge bewacht, was

sie aber aufs übelste aufnahmen und mit solchem Unwillen ertrugen, daß

es kaum zu beschreiben ist. Aber die Notwendigkeit dazu war nun einmal

da, das kann nicht geleugnet werden, außer man hätte zur rechten Zeit

andere Maßregeln ergriffen, für die es nun zu spät war.

Hätte man die Erkrankten nicht abgeschlossen, so würde damals London

der schrecklichste Ort auf der ganzen Welt gewesen sein. Ich glaube,

daß dann ebensoviel Leute auf der Straße gestorben wären als in ihren

Wohnungen. Denn während die Krankheit auf ihrem Höhepunkte war, wurden

sie rasend und wie wahnsinnig, und man konnte sie nicht dazu bringen,

im Bett zu bleiben, außer durch Gewalt. Viele, die nicht angebunden

waren, sprangen zum Fenster hinaus, als sie sahen, daß man sie zur Tür

nicht hinauslassen würde.

Es kam von dem Aufhören allen Verkehres während dieser Unglückszeit,

daß man nur wenig von Einzelheiten erfuhr, die in verschiedenen

Familien vorkamen. Ich glaube, bis auf diesen Tag weiß man nicht, wie

viele Leute während ihrer Delirien sich in der Themse ertränkten und

in dem Flusse, der bei Hackney vorbeifließt und als Warefluß oder

Hackneyfluß bekannt ist. Was in den Sterberegistern davon angeführt

wurde, war nur unbedeutend; denn wie hätte man auch wissen können,

wer durch irgendein Unglück ertrunken war und wer nicht. Ich habe mir

ausgerechnet, daß in diesem Jahre mehr Leute ertranken als überhaupt in

den Sterbelisten aufgeführt sind, denn manche Leichen wurden niemals

aufgefunden von Leuten, die man vermißte. Und so war es auch mit den

andern Arten von Selbstmord. Ein Mann in der Nähe der Whitecroß-Straße

verbrannte sich in seinem Bett. Einige sagen, er habe es selbst getan,

andere, daß es durch die Verworfenheit seiner Pflegerin geschah, nur

darin stimmen alle überein, daß er die Pest hatte.

Ich wurde wieder von meinem gefährlichen Amte entbunden, sobald ich

mir für einiges Geld einen Stellvertreter verschafft hatte. So war ich

statt der üblichen zwei Monate nicht länger als drei Wochen im Amte,

lang genug, wenn man bedenkt, daß es im August war, als die Seuche mit

voller Heftigkeit in unserm Stadtteil ausbrach.

Während ich meinen Amtsgeschäften nachging, konnte ich mich nicht

zurückhalten, meinen Freunden offen meine Meinung zu sagen in Hinsicht

auf die Absperrung der Häuser. Unser Haupteinwand war, daß sie letzten

Endes erfolglos war. Denn die Kranken liefen doch auf der Straße

umher. Es war unser aller Ansicht, daß eine Maßregel, die in einem

verseuchten Hause die Kranken von den Gesunden getrennt hätte, in

mehreren Hinsichten viel vernünftiger gewesen wäre. Man hätte dann bei

den Kranken nur solche Personen gelassen, die ausdrücklich darum baten

und sich bereit erklärten, mit den Kranken abgesperrt zu werden.

Unser Vorschlag ging dahin, die Gesunden von den Kranken abzusondern,

natürlich nur in verseuchten Häusern. Denn die Kranken abzusperren,

konnte man keine Absperrung heißen. Jene, die sich nicht rühren

konnten, hätten sich sicher nicht darüber beklagt, so lange sie noch

bei Sinnen waren und ein Urteil hatten. Freilich, wenn das Fieber über

sie kam, schrien sie laut über die Unmenschlichkeit, sie einzusperren.

Was nun die Entfernung der Gesunden betrifft, so hielten wir’s für

ebenso vernünftig als gerecht, sie um ihrer eigenen Sicherheit willen

von den Kranken zu trennen. Zum Schutz der andern Leute konnte man sie

ja für eine Zeitlang absondern, damit sie nicht Gesunde ansteckten,

aber dazu schienen uns 20 oder 30 Tage genügend.

Hätte man nun Gebäulichkeiten für die Gesunden hergerichtet, um dort

diese halbe Quarantäne abzusitzen, so hätten sie sich kaum darüber

beklagen können, wie es geschah, wenn man sie mit den Angesteckten

zusammensperrte.

Es muß aber bemerkt werden, daß man mit dem Absperren der Häuser

aufhörte, als der Begräbnisse so viele geworden waren, daß man nicht

mehr die Sterbeglocke ziehen, trauern, weinen oder schwarze Kleidung

tragen konnte, wie es früher geschehen war. Nicht einmal Särge gab es

damals mehr für die Toten. Die Wut der Seuche erschien zu fürchterlich,

und alle Maßregeln, die man versucht hatte, waren fruchtlos gewesen.

Die Pest verbreitete sich mit unwiderstehlicher Gewalt, wie im

folgenden Jahre das Feuer, das zu löschen die Bürger auch in ihrer

Verzweiflung aufgaben. So wurde auch endlich die Heftigkeit der Pest

so furchtbar, daß die Leute nur noch still einander ansahen und sich

der Verzweiflung überließen. Ganze Straßen schienen verlassen und nicht

nur abgesperrt, sondern aller Bewohner entblößt. Türen standen auf,

die Fenster schlugen im Winde gegen die leeren Häuser, da niemand da

war, sie zu schließen. Mit einem Worte: das Volk fing an, in Angst und

Entsetzen zu versinken und zu glauben, daß doch alle Maßregeln und

Gegenmittel umsonst wären. Man wartete auf nichts mehr als auf ein

allgemeines Verderben, und gerade dann, als die Verzweiflung auf den

Höhepunkt gestiegen war, gefiel es Gott, seine Hand zu erheben und

der Wut der Seuche Einhalt zu gebieten, in einer Weise, die ebenso

wunderbar war, wie der Beginn, und klärlich anzeigte, daß seine Hand im

Spiele war und der Gegenmaßregeln nicht bedurfte.

Aber noch muß ich weiter von der Pest erzählen, als sie am ärgsten

wütete und das Volk geradezu zur Verzweiflung brachte. Es ist kaum zu

glauben, was die Menschen alles in diesem Zustande vollführten. Kann

man sich z. B. etwas Grausigeres vorstellen, als einen halbnackten

Mann, der aus seinem Hause oder vielleicht gerade aus dem Bett kam

und nun tanzend und singend unter tausend fratzenhaften Gebärden auf

der Straße umherlief, während fünf oder sechs Frauen und Kinder ihm

nachrannten, weinend und schreiend, er möchte doch um Gottes willen

heimkommen, und die Hilfe aller Begegnenden anrufend, aber umsonst,

da sich doch niemand traute, ihn zu berühren oder in seine Nähe zu

kommen. Es brach mir fast das Herz, während ich von meinem Fenster aus

zusah. Denn zu allem kam noch, daß der Kranke offenbar die äußerste

Qual ausstand. Er hatte zwei Geschwülste an seinem Körper, die nicht

zum Aufbrechen oder Eitern zu bringen waren, weswegen man Ätzmittel

aufgelegt hatte, die wie glühendes Eisen in sein Fleisch brannten. Ich

weiß nicht, was aus diesem Unglücklichen wurde, aber ich denke, er wird

wohl weitergelaufen sein, bis er hinfiel und starb.

Kein Wunder, daß der Anblick auch der innern Stadt nur noch Entsetzen

erregen konnte. Wo sonst ein lebhafter Verkehr war, herrschte jetzt

Einsamkeit und Öde. Die Börse war zwar nicht geschlossen, aber niemand

ging hin. Die Straßenfeuer waren zusammengesunken und infolge eines

heftigen Regens fast erloschen, aber einige Ärzte erklärten, daß sie

nicht nur keinen Nutzen hätten, sondern der allgemeinen Volksgesundheit

eher schädlich wären. Sie machten darüber ein großes Geschrei und

wandten sich sogar an den Lordmayor. Andere Ärzte, die ebenso berühmt

waren, traten ihnen entgegen und brachten allerlei Gründe vor, warum

die Feuer unterhalten werden müßten, und inwiefern sie notwendig wären,

um die Heftigkeit der Seuche zu brechen. Ich erinnere mich nicht mehr

an alle Argumente, die von beiden Seiten ins Treffen geführt wurden,

und weiß nur noch, daß sie sich gegenseitig aufs eifrigste befehdeten.

Die einen sprachen sich für die Feuer aus, vorausgesetzt, daß es Holz-

nicht Kohlenfeuer wären und durch besondere Holzgattungen, vornehmlich

Kiefern und Zedern, des Harzes wegen, genährt würden; andere waren für

Kohlen- und nicht für Holzfeuer, weil jene mehr Schwefel und Erdpech

enthielten; die dritte Partei war überhaupt gegen jede Art von Feuer.

Übrigens verfügte der Lordmayor, daß mit den Feuern aufgehört würde,

und zwar hauptsächlich deshalb, weil man einsah, daß alle Gegenmittel

erfolglos waren und mehr dazu dienten, die Seuche zu verschlimmern als

ihr vorzubeugen. Diese Erfolglosigkeit der Anstrengungen der Behörden

kam aber mehr von ihrer Unfähigkeit als von ihrer Abneigung, sich der

Gefahr auszusetzen oder von einem Mangel an Verantwortungsfreudigkeit.

Wenn man ihnen gerecht sein will, muß man anerkennen, daß sie weder

Mühe noch Kräfte sparten, aber es half alles nichts, die Seuche wütete

weiter und brachte die Bevölkerung in die äußerste Verzweiflung, so daß

sie jede Hoffnung aufgab.

Hier muß ich jedoch bemerken, daß ich keine religiöse Verzweiflung

meine oder eine Verzweiflung an den ewigen Verheißungen, wenn ich

sage, die Bevölkerung habe sich der Verzweiflung überlassen. Ich

meine: sie hatte jede Hoffnung verloren, der Seuche zu entgehen oder

sie zu überleben, nachdem sie ihre unwiderstehliche Gewalt gesehen

hatte. In der Tat entrann während der Höhe der Seuche fast niemand

von den einmal Angesteckten dem Tode. Das war besonders im August und

September, während im Juni und Juli und auch noch Anfang August viele

erkrankten, aber nach einigen Tagen wieder gesund wurden. Jetzt aber

dauerte die Krankheit meistens nur zwei oder drei Tage und nahm fast

stets einen tödlichen Verlauf. Oft starben die Leute am gleichen Tage,

da sie angesteckt wurden. Ob die Hundstage oder, wie die Astrologen

das auszudrücken pflegten, der Einfluß des Hundssterns diese bösartige

Wirkung hatte, oder ob die Ansteckung nun bei allen zugleich zum

Ausbruch kam, weiß ich nicht, aber es war die Zeit, da in einer

einzigen Nacht 3000 Personen gestorben sein sollen. Diejenigen, die

angeblich besonders genaue Beobachtungen anzustellen in der Lage waren,

behaupteten, daß sie alle binnen zwei Stunden starben, nämlich zwischen

1 Uhr und 3 Uhr des Morgens.

Für den plötzlichen Verlauf der Todesfälle in dieser Zeit gibt es

unzählige Beispiele, und ich könnte mehrere davon in meiner nächsten

Nachbarschaft anführen. Eine Familie, die gerade außerhalb der

Schlagbäume und nicht weit von mir wohnte, war allem Anschein nach noch

am Montag völlig wohl. Sie zählte alles in allem zehn Mitglieder. Am

Abend legten sich ein Dienstmädchen und ein Lehrling und starben am

nächsten Morgen. Tags darauf wurde der zweite Lehrling und zwei Kinder

von der Seuche ergriffen, von denen eines noch am selben Abend, die

beiden andern am Mittwoch starben. Bis Samstag mittag waren alle: Mann,

Frau, vier Kinder und vier Dienstboten eine Beute des Todes. Das Haus

war völlig leer bis auf ein ältliches Frauenzimmer, das für den Bruder

des verstorbenen Hausherrn die Aufsicht über die zurückgelassenen

Sachen übernahm. Sie wohnte in der Nähe und war nicht erkrankt.

Viele Häuser, deren Bewohner ausgestorben waren, waren nun gänzlich

verlassen, besonders in einer engen Gasse auf meiner Seite außerhalb

der Schlagbäume, die beim Wirtshaus von Aaron und Moses abbiegt. In

mehreren Häusern nebeneinander war nicht ein Mensch mehr am Leben,

und die Letztverstorbenen lagen lange darin herum, ehe sie begraben

wurden. Der Grund hierfür war aber nicht, wie man später behauptet

hat, daß es nicht mehr genug Lebendige gab, um die Toten zu begraben,

sondern, weil die Seuche in der Gasse niemand mehr übrig gelassen

hatte, der die Leichenträger oder Küster hätte benachrichtigen können,

daß noch Tote vorhanden waren. Man erzählte, ob mit Recht, ist mir

nicht bekannt, daß einige jener Leichen so verfault und zersetzt waren,

daß man sie kaum noch herausschaffen konnte. Besonders auch, weil die

Gasse zu eng war, um mit dem Karren weiter als bis zum Tor in der

High-Straße zu gelangen. Um wie viele Leichen es sich handelte, weiß

ich nicht. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß für gewöhnlich derartiges

nicht vorkam.

Ich muß wohl zugeben, daß jene Zeit so fürchterlich war, daß alle meine

Entschlüsse zusammenbrachen und ich den anfangs gezeigten Mut nicht

aufrechtzuerhalten vermochte. Wie die Verzweiflung andere Leute aus

der Stadt trieb, so trieb sie mich nach Hause, und nach meinem kleinen

Ausflug nach Blackwell und Greenwich, von dem ich schon erzählt habe,

blieb ich fast beständig zwischen meinen vier Wänden, wie ich es schon

früher 14 Tage lang gemacht hatte. Ich wiederhole, daß mich oft die

Reue faßte, in der Stadt geblieben zu sein und nicht mit meinem Bruder

und seiner Familie mich fortgemacht zu haben. Aber für die Reue war

es nun zu spät. Nachdem ich schon lange Zeit mich im Hause gehalten

hatte, ehe meine Ungeduld und Neugier mich zu dem besagten Ausflug

veranlaßten, brachte mich die Folgezeit in ein gefährliches und nicht

weniger als angenehmes Amt, das mich zum Ausgehen zwang. Als nun meine

Amtsdauer abgelaufen war, die Seuche aber noch immer in voller Stärke

andauerte, zog ich mich von neuem zurück und schloß mich für zehn oder

zwölf Tage ein. Doch gab es noch manchen schauerlichen Anblick, den

ich aus meinem Fenster mitansehen mußte, wie jenes unglücklichen, in

seiner Todesangst tanzenden und singenden Menschen, und noch viele

andere. Kaum ein Tag oder eine Nacht verging, ohne daß sich das eine

oder andere Fürchterliche am Ende der Harrow-Gasse ereignete, wo nur

arme Leute, hauptsächlich Fleischer wohnten, oder solche, die mit dem

Schlachten irgendwie zu tun hatten.

Zuweilen spie diese Gasse Haufen von Menschen, meistens Weiber aus,

die mit Schreien, Kreischen, Heulen und Durcheinanderbrüllen einen

schrecklichen Lärm vollführten, so daß wir gar nicht wußten, was wir

daraus machen sollten. Fast jede Nacht stand der Leichenkarren am Ende

der Gasse, denn innen konnte er nicht mehr umwenden und blieb stecken.

Dort stand er, um die Leichen in Empfang zu nehmen, und da der Kirchhof

nicht weit entfernt war, kehrte er immer gleich wieder zurück, wenn er

seine Last abgeladen hatte. Es ist ganz unmöglich, das Klagegeschrei

und Gejammer zu beschreiben, das die armen Leute ausstießen, wenn

sie die Leichen ihrer Kinder und Freunde an den Karren brachten.

Es waren so viele, daß man denken mußte, kein einziger wäre mehr

zurückgeblieben; genug, um eine kleine Stadt zu bevölkern. Manchmal

schrien sie: »Mord!« manchmal: »Feuer!« es war aber leicht zu sehen,

daß das nur in ihrer Verwirrung geschah, in die sie Krankheit und

Verzweiflung gestürzt hatten.

Ich glaube, es war überall so zu dieser Zeit, denn die Pest wütete

sechs oder sieben Wochen lang über alle Beschreibung schrecklich

und erreichte endlich eine solche Höhe, daß alle die behördlichen

Maßregeln, die noch beobachtet worden waren, außer acht gelassen

wurden. Bisher hatte man weder Leichen auf den Straßen gesehen, noch

hatte es Begräbnisse während der Tageszeit gegeben, aber nun brach die

ganze, mühsam aufrecht erhaltene Ordnung für eine Zeitlang zusammen.

Etwas möchte ich hier nicht zu erwähnen versäumen, da es mir merkwürdig

erscheint und zum wenigsten die Hand der göttlichen Gerechtigkeit

deutlich zeigt, nämlich, daß alle die Wahrsager, Astrologen,

Schwarzkünstler, Geisterbeschwörer, Hexenmeister, Traumdeuter und

wie sie sonst alle heißen mögen, fort und verschwunden waren. Nicht

ein einziger von ihnen war noch aufzufinden. Ich glaube wohl, daß

eine große Zahl von ihnen der Wut der Seuche zum Opfer fiel, meistens

wahrscheinlich solche, die die Aussicht auf großen Gewinn zum Bleiben

verlockt hatte. Eine Zeitlang verdienten sie auch wirklich glänzend

an der Torheit und Unzurechnungsfähigkeit der Leute. Jetzt aber

waren sie stumm geworden, und manche hatten ein Schicksal gefunden,

das vorherzusehen sie nicht imstande gewesen waren und auch in ihren

eigenen Horoskopen nicht entdeckt hatten. Es hat nicht an Behauptungen

gefehlt, daß alle insgesamt gestorben wären. Ich selbst kann das nicht

bestätigen, aber so viel ist wahr, daß ich von keinem einzigen mehr

hörte, nachdem die Pest erloschen war.

Inzwischen war, wie gesagt, der Monat September wohl der

schrecklichste, den London je erlebt hat. Alle Ziffern, die ich aus

früheren Pestjahren gesehen habe, wurden bei weitem überboten. Das

wöchentliche Sterberegister brachte eine Todesrate von fast 40000,

vom 22. August bis zum 26. September, also für fünf Wochen. Für die

einzelnen Wochen sind die Zahlen die folgenden:

Vom 22. zum 29. August 7496

zum 5. September 8252

zum 12. September 7690

zum 19. September 8297

zum 26. September 6460

--------------

Zusammen: 38195

Dies ist an und für sich eine unerhörte Anzahl, wenn ich aber noch all

die Gründe anführte, die es mir gewiß machen, daß und um wieviel sie

zu niedrig gegriffen ist, würde man zweifellos meine Ansicht teilen,

daß während dieser ganzen Zeit jede Woche, eine wie die andere, mehr

als 10000 starben. Die Verwirrung unter dem Volke, besonders in der

inneren Stadt, war damals unbeschreiblich. Ein solches Entsetzen hatte

sich schließlich der Bevölkerung bemächtigt, daß selbst jene, die

beauftragt waren, die Leichen wegzuschaffen, den Mut verloren. Viele

von ihnen starben, obwohl sie die Seuche schon einmal durchgemacht

hatten und davongekommen waren. Andere stürzten tot zu Boden, nachdem

sie die Leichen schon bis an den Rand der Grube gebracht hatten und

eben im Begriffe waren, sie hineinzuwerfen. In der inneren Stadt war

die Verwirrung deshalb am größten, weil die Leute sich dort eingebildet

hatten, die Seuche würde sie verschonen und die Bitterkeit des Todes

ihnen erspart bleiben. Ein Leichenkarren, der Shoreditch hinauffuhr,

wurde von den Fuhrleuten im Stiche gelassen. Oder vielmehr: es blieb

nur ein Mann bei dem Karren, der auf der Straße starb. Die Pferde aber

gingen weiter, warfen den Karren um, so daß die Leichen durcheinander

herauskollerten. Einen andern Leichenkarren fand man in dem großen

Massengrab in den Finsburyfields. Der Treiber war wohl gestorben oder

fortgegangen, und als die Pferde zu nahe an die Grube kamen, fiel der

Karren hinein und zog die Pferde mit nach. Es wurde behauptet, daß der

Treiber auch mit hineinfiel und vom Karren erdrückt wurde, weil seine

Peitsche mitten aus den Leichen herausstand, aber Gewißheit war darüber

nicht zu erlangen.

In unserm Kirchspiel von Aldgate fand man oftmals die Leichenkarren

voll ihrer schauerlichen Last vor dem Tor des Kirchhofs, aber weder

Treiber noch sonst jemand dabei. Fast nie wußte irgendwer, welche

Leichen auf dem Karren lagen, denn zuweilen wurden sie mit Seilen

aus den Fenstern oder von den Balkonen herabgelassen, oder Träger

oder andere Leute brachten sie zu dem Karren. Übrigens sagten die

Leichenträger selbst, daß sie sich um die Anzahl nicht kümmerten.

Die Umsicht der Behörden war nun bis zum äußersten angespannt, was

niemals genügend anerkannt werden kann. Wie überbürdet sie auch sonst

sein mochten, zwei Dinge wurden doch niemals weder in der eigentlichen

Stadt noch in den Vorstädten vernachlässigt.

1. Lebensmittel waren immer reichlich vorhanden, und das zu einem

Preise, der kaum nennenswert den üblichen übertraf.

2. Nirgends gab es unbeerdigte und unbedeckte Leichen, man mochte von

einem Ende der Stadt zum andern wandern, und während des Tages war auch

nichts von Begräbnissen zu sehen, vielleicht die ersten drei Wochen des

September ausgenommen, was ich schon erwähnt habe.

Dies letztere wird möglicherweise wenig Gläubige finden, nachdem in

andern Berichten, die seitdem veröffentlicht wurden, zu lesen stand,

daß die Leichen unbeerdigt herumlagen, was ich für gänzlich unrichtig

halte. Wenn es wirklich der Fall war, so doch nur in Häusern, wo die

Lebenden die Leichen verlassen hatten und Mittel gefunden hatten, zu

entfliehen, ohne eine Anzeige zu erstatten. Alles in allem will das

gar nichts bedeuten. Ich kann aus Erfahrung reden, nachdem ich selbst

ein wenig mit diesem Teil des Ordnungswesens in unserm Kirchspiel zu

tun hatte, wo, im Vergleich zur Dichte der Bevölkerung, die Verödung

ebenso groß war wie irgendwo anders. Und ich bin ganz sicher, daß

keine Leichen unbeerdigt blieben, wenigstens keine, von der die

Aufsichtsbeamten erfuhren, und jedenfalls keine aus Mangel an Leuten,

um sie wegzuschaffen oder Totengräbern, um sie in die Grube zu werfen

und mit Erde zuzudecken. Mehr will ich auch gar nicht behaupten, denn

was in Winkeln und Löchern herumlag, wie in der Moses- und Aaron-Gasse,

zählt nicht, da auch dort alle Leichen beerdigt wurden, sobald man sie

nur aufgefunden hatte.

Was nun meine erste Behauptung betrifft, nämlich in Hinsicht auf die

Lebensmittel, so habe ich davon schon gesprochen und werde noch mehr

davon sprechen, muß aber doch für jetzt folgendes erwähnen:

1. Der Brotpreis insbesondere wurde nicht erhöht. Am Anfang des Jahres,

d. h. in der ersten Märzwoche, war das Pennyweizenbrot 10½ Unzen

schwer. Als die Seuche auf ihrem Höhepunkt war, wog es 9½ Unzen, und

teurer wurde es niemals während der ganzen Zeit. Anfang November

verkaufte man es schon wieder zum alten Gewicht, und ich glaube nicht,

daß etwas derartiges während einer solchen Unglückszeit jemals irgendwo

anders erhört wurde.

2. Noch war, was mich selbst nicht wenig wundernahm, irgendein Mangel

an Bäckern und Backöfen, um die Bevölkerung mit Brot zu versehen. Doch

wurde von einigen behauptet, daß ihre Dienstmädchen, die sie mit dem

Teig zu den Backöfen geschickt hatten, wie es damals der Brauch war,

krank, d. h. mit der Pest zurückkehrten.

Während der ganzen Seuchenzeit standen nur zwei Pesthäuser in

Benutzung, das eine außerhalb der Old-Straße, das andere in

Westminster. Aber niemand wurde gezwungen, die Kranken dahin zu

schaffen. Es war auch kein Grund zum Zwang vorhanden, da Tausende von

armen Leuten, die weder Hilfe noch irgendeine Bequemlichkeit hatten,

und auch an Mitteln nur das, was ihnen die Mildtätigkeit zukommen ließ,

überglücklich gewesen wären, hätte man sie ins Pesthaus gebracht,

wo man sich ihrer annahm. Und hier liegt der einzige Mangel in der

Behandlung der öffentlichen Angelegenheiten, daß nämlich niemand, der

kein Geld hatte oder nicht Sicherheit stellen konnte, ins Pesthaus

gebracht oder dort behandelt werden durfte. Viele wurden dort wieder

gesund, denn man hatte sehr gute Ärzte dort zum Dienst bestimmt,

wovon ich später noch reden werde. Die meisten, die hingeschickt

wurden, waren Dienstboten, die sich die Seuche holten, wenn sie für

ihre Familien Besorgungen machen mußten. Kamen sie dann angesteckt

nach Hause, so ließ man sie fortschaffen, um den Rest der Familie vor

Ansteckung zu schützen. Sie hatten es während der ganzen Unglückszeit

so gut dort, daß in dem einen Pesthaus nur 156 starben, und 159 in dem

andern, dem von Westminster.

Die Behörden ließen es niemals daran fehlen, das Volk zu ermutigen,

praktische Verfügungen herauszugeben, auf den Straßen gute Ordnung zu

halten und allen Klassen der Bevölkerung die Schwere ihres Daseins nach

Möglichkeit zu erleichtern.

In erster Linie faßten der Lordmayor, die Scherifs, das Ratskollegium

und eine bestimmte Anzahl der Gemeindebevollmächtigten sowie ihre

Vertreter den Beschluß, der sofort veröffentlicht wurde, die Stadt

nicht zu verlassen, sondern sich beständig bereit zu halten, überall

nach dem Rechten zu sehen und bei allen Gelegenheiten nach Billigkeit

zu entscheiden. Sie gelobten, die Mittel, die durch die öffentliche

Mildtätigkeit aufgebracht würden, nach Gerechtigkeit zu verteilen,

kurz, das Vertrauen, das von der Bürgerschaft in sie gesetzt wurde, bis

zum äußersten ihrer Kraft zu rechtfertigen.

In Übereinstimmung mit diesem Beschlusse hielten sie fast täglich

Sitzungen ab, um die für das öffentliche Wohl gerade nötigen

Verfügungen zu treffen, und obwohl sie gegen das Volk die größte

Nachsicht ausübten, gingen sie gegen alle vermessenen Burschen, als

Diebe, Einbrecher, Leichenräuber und dergleichen mit Strenge vor,

bestraften sie entsprechend und sparten nicht mit Bekanntmachungen, die

gegen sie gerichtet waren.

Auch alle Polizeibediensteten und Kirchspielbeamten wurden bei

schwerer Strafe verpflichtet, in der Stadt zu bleiben, oder geeignete

Stellvertreter zu besorgen, die von den höheren Distriktsbeamten

bestätigt werden mußten und für die sie Sicherheit zu stellen hatten.

Auch für den Todesfall galt diese Sicherheit und verpflichtete zur

Stellung eines neuen Stellvertreters.

Durch derartige Verordnungen wurde der Mut der Bevölkerung nicht wenig

gestärkt, besonders am Anfange der Seuche, als im ersten Schrecken

jeder nur an Flucht dachte. Damals war die Stadt in Gefahr, gänzlich

verlassen zu werden, bis auf die Armen, was sicher eine allgemeine

Plünderung durch den Pöbel im Gefolge gehabt hätte. Auch blieben

die Behörden nicht hinter dem zurück, was sie durchzuführen gelobt

hatten. Der Lordmayor und die Scherifs waren beständig auf der Straße

um dort, wo die Gefahr am größten war, zu sehen, und wenn schon sie

den Volksansammlungen aus dem Wege gingen, hatte doch in dringenden

Fällen jedermann Zutritt zu ihnen. Alle Klagen und Beschwerden wurden

mit Geduld von ihnen angehört. Der Lordmayor ließ zu diesem Zwecke in

seiner Empfangshalle eine kleine Tribüne errichten, wo er von der Menge

ein wenig abgesondert, sich aufhielt, wenn Beschwerden vorgebracht

wurden, um wenigstens in einiger Sicherheit zu sein.

Auch die zu seinem Amtsbereich gehörenden Beamten wechselten in

bestimmtem Turnus, und wenn einer von ihnen krank oder von der

Ansteckung ergriffen wurde, trat sofort ein anderer an seine Stelle,

bis sich herausstellte, ob jener am Leben bleiben würde.

Ebenso hielten es die Ratsherren und Scherifs in ihren verschiedenen

Amtsbezirken. Ihre Unterorgane waren angewiesen, den Dienst der

Reihenfolge nach zu versehen, so daß der Lauf der Gerechtigkeit niemals

unterbrochen zu werden brauchte. Zu ihren besonderen Obliegenheiten

gehörte es, danach zu sehen, daß die Marktstatuten jederzeit beobachtet

würden. An jedem Markttage war der Lordmayor oder einer oder beide

Scherifs zu Pferde anwesend, um über die Aufrechterhaltung ihrer

Verordnungen zu wachen und dafür zu sorgen, daß die vom Lande Kommenden

in keiner Weise, auch nicht bei ihrer Rückkehr belästigt würden.

Ferner, daß nichts auf der Straße zu sehen war, das sie entsetzen

und vom Wiederkommen abhalten könnte. Auch die Bäcker standen unter

besonderen Verordnungen. Das Haupt der Bäckerinnung wurde mit seinen

Hilfskräften verpflichtet, die vom Lordmayor erlassenen Verfügungen

in Vollzug zu setzen und sich um das richtige Gewicht des Brotes, das

wöchentlich vom Lordmayor bestimmt wurde, zu kümmern. Alle Bäcker waren

verpflichtet, ihre Öfen beständig in Tätigkeit zu halten, bei Strafe,

sonst die Vorrechte eines Meisters in der Stadt London zu verlieren.

Durch solche Mittel wurde erreicht, daß es stets genügend Brot gab, und

zwar, wie ich schon erwähnt habe, zu dem üblichen billigen Preise. Auch

mangelte es niemals an Vorräten von Lebensmitteln auf den Märkten.

Es gab so viel davon, daß ich oftmals darüber erstaunt war und mir

Vorwürfe machte über meine Zaghaftigkeit und Vorsicht beim Ausgehen,

während doch das Landvolk ohne Bedenklichkeit auf den Markt kam, als ob

es gar keine Ansteckung und Gefahr von der Seuche gäbe.

Es war, wie gesagt, eine bewunderungswürdige Maßregel von seiten der

Behörden, daß die Straßen immer rein und frei von allen ekelhaften

Gegenständen gehalten wurden, wie von Leichen oder irgend etwas, das

Widerwillen hätte hervorrufen können. Stürzte jemand plötzlich zu

Boden oder starb auf der Straße, so wurde die Leiche meistens mit

einem Tuch oder einem Leintuch zugedeckt oder bis zur Nachtzeit in

den nächsten Kirchhof verbracht. Alles, was, wenn auch unumgänglich

nötig, doch gefährlich und mit peinlichen Anblicken verknüpft war,

wurde in die Nacht verlegt. Der Transport der Kranken, die Beerdigung

der Toten, das Verbrennen der verseuchten Kleider wurde bei Nacht

vorgenommen. Die Leichen, die in den großen Massengräbern auf den

Kirchhöfen eingescharrt wurden, holte man nur bei Nacht zusammen, und

ehe der Tag anbrach, waren sie alle mit Erde bedeckt und alles wieder

in Ordnung gebracht. So daß unter Tage nichts von dem allgemeinen

Unglück zu sehen oder zu hören war, außer was die Verödung der Straßen,

das Klagegeschrei der Leute hinter den Fenstern und die vielen

geschlossenen Häuser und Läden von selbst erzählten.

In der innern Stadt war diese Verödung der Straßen nicht so stark wie

in den Vorstädten, als die Seuche sich nach Osten zu ausdehnte und über

die ganze Stadt verbreitete. Es war wirklich eine barmherzige Fügung

Gottes, daß die Seuche zuerst an einem Ende der Stadt ausbrach und nur

allmählich auf die andern Stadtteile übergriff. Nach Osten kam sie

erst, nachdem sich ihre Heftigkeit im Westen erschöpft hatte, und so

nahm sie gleichzeitig zu und ab.

Ich möchte um Erlaubnis bitten, wenn man mir auch Wiederholungen

vorwerfen wird, noch einmal mich der Schilderung der jämmerlichen

Lage der innern Stadt und jener ihrer Teile, wo ich wohnte, in jener

Unglückszeit zuwenden zu dürfen. Die City und die andern Stadtteile

waren noch immer, trotz der ungeheuren Anzahl der Geflüchteten,

gestopft voll von Leuten. Besonders auch deshalb, weil der allgemeine

Glaube war, die Seuche würde weder die City, noch die Orte auf dem

jenseitigen Flußufer, wie Southwark, Wapping und Ratcliffe, erreichen.

So fest war dieser Glaube, daß viele aus den westlichen und nördlichen

Vorstädten nach Osten und Süden ihrer Sicherheit wegen verzogen und,

wie ich bestimmt glaube, dadurch die Seuche früher dahin brachten, als

sie im natürlichen Verlauf der Dinge gekommen wäre.

Hier möchte ich auch einiges zum Nutzen der Nachwelt bemerken, was

die Art und Weise der gegenseitigen Ansteckung betrifft, nämlich, daß

es nicht nur die Kranken waren, von denen die Gesunden den Keim der

Ansteckung empfingen, sondern ebensogut die Gesunden. Um mich näher zu

erklären: unter den Kranken verstehe ich jene, die als krank bekannt

waren, im Bett lagen, gepflegt wurden, Geschwüre an ihrem Leibe hatten

usw. Vor ihnen konnte sich jedermann in acht nehmen, da sie entweder im

Bett lagen oder doch auch sonst ihren Zustand nicht zu verheimlichen

vermochten.

Mit den Gesunden aber meine ich solche, die wirklich angesteckt waren

und das Gift in sich aufgenommen hatten. Es war in ihrem Blut, aber in

ihrem Aussehen zeigte sich davon nichts. Ja, sie wußten selber nichts

davon, oft mehrere Tage lang. Diese verbreiteten den Tod überall hin,

wohin sie auch kamen. Wer in ihre Nähe kam, war verloren. Aus ihren

Kleidern ging die Ansteckung hervor, und was ihre Hände berührten, war

verseucht, besonders, wenn sie warme und feuchte Hände hatten, was im

allgemeinen der Fall war.

Nun war es unmöglich, diese Leute zu erkennen, nachdem sie ja selbst

oft nicht wußten, daß sie angesteckt waren. Sie gehörten zu jenen, die

plötzlich auf der Straße ohnmächtig wurden und hinstürzten. Oftmals

gingen sie bis zu ihrem letzten Augenblick auf den Straßen umher. Mit

einem Male fingen sie dann zu schwitzen an, es wurde ihnen schwach,

sie setzten sich an einer Türe hin und starben. Erkannten sie so ihren

Zustand, so boten sie meistens noch alle Kräfte auf, ihr Heim zu

erreichen, und manchmal gelang es ihnen auch gerade noch, um dort zu

sterben. Andere wanderten umher, bis die Merkmale der Seuche sich schon

am Körper zeigten, ohne daß sie es bemerkten. Draußen fühlten sie sich

noch ganz wohl, sobald sie aber dann nach Hause kamen, legten sie sich

hin und starben innerhalb weniger Stunden. Dies waren die gefährlichen

Leute, vor denen die wirklich Gesunden sich hätten in acht nehmen

müssen, wenn es nur möglich gewesen wäre, sie herauszukennen.

Viele hatten keine Ahnung, daß sie bereits die Seuche im Leibe trugen,

bis zu ihrer unaussprechlichen Bestürzung die Merkmale sich am Körper

zeigten, worauf sie selten länger als noch sechs Stunden zu leben

hatten. Denn die Flecken, die man als »Merkmale« bezeichnete, waren

Brandflecken oder absterbendes Fleisch, in kleinen Knötchen von der

Größe eines Silberpennys und hart wie ein Stück Horn. War es einmal

mit der Krankheit so weit gekommen, so war der Tod unausbleiblich. Und

trotzdem wußten solche Leute nichts davon, daß sie verseucht waren

und fühlten sich auch nicht im geringsten unwohl, bis jene tödlichen

Anzeichen herauskamen. Dabei muß man aber zugeben, daß sie schon früher

im höchsten Grade verseucht waren, vielleicht schon längere Zeit, und

daß daher ihr Atem, ihr Schweiß, und ihre Kleider schon während dieser

ganzen Zeit die Ansteckung verbreiteten.

Es gab eine ungeheuere Verschiedenheit der Krankheitsfälle, an die sich

ein Arzt natürlich viel leichter erinnern könnte als ich, aber einige,

die ich selbst beobachtet, oder von denen ich gehört habe, will ich

doch in folgendem anführen.

Ein gewisser Bürgersmann, der wohl und gesund bis zum September gelebt

hatte, als die Seuche sich erst in der innern Stadt auszubreiten

begann, war sehr zuversichtlich, ja für meinen Geschmack fast etwas zu

vermessen in seinen Redensarten: wie sicher er sei, wie vorsichtig er

gewesen wäre und daß er niemals sich in die Nähe eines Kranken gewagt

hätte. Ein anderer Bürger, ein Nachbar, sagte eines Tages zu ihm:

»Seid nicht zu vertrauensselig. Es ist schwer zu sagen, wer gesund

und wer krank ist, denn wir sehen Leute, die jetzt dem Anschein nach

völlig gesund aussehen und in einer Stunde tot sind.« -- »Gewiß«, sagte

der erste, der nicht etwa übermütig war, aber die ganze Zeit über

verschont geblieben war und zu den Leuten in der City gehörte, die

deshalb ein wenig zu zuversichtlich geworden waren. »Gewiß, ich glaube

ja auch nicht, daß ich sicher bin, aber ich hoffe, daß ich nie mit

jemand verkehrte, bei dem irgendeine Gefahr der Ansteckung vorgelegen

hätte.« -- »So,« meinte der Nachbar, »seid Ihr denn nicht vorgestern

im Wirtshaus zum Stierkopf in der Gracekirch-Straße mit dem so und

so zusammengewesen?« -- »Jawohl,« antwortete der erste, »aber sonst

war kein Mensch dort, den wir vernünftigerweise für gefährlich hätten

halten können.« Darauf schwieg der andere, um ihn nicht in Bestürzung

zu versetzen, aber gerade das machte jenen noch neugieriger, und je

zurückhaltender der eine wurde, um so mehr drängte der andere in ihn,

bis er endlich laut fragte: »Nun, er wird doch nicht gestorben sein?«

Sein Nachbar entgegnete kein Wort, blickte aber nach oben und murmelte

etwas zu sich selbst, worauf der erste bleich wurde und nichts sonst

herausbrachte als: »Dann bin ich auch schon so gut als gestorben.« Er

ging sofort nach Hause und schickte nach einem Apotheker, der in der

Nähe wohnte, um sich irgendein Gegenmittel geben zu lassen, denn bisher

hatte er sich noch ganz wohl befunden. Der Apotheker öffnete seine

Kleider, schaute die Brust an, seufzte tief auf und sagte nur: »Wendet

Euch an Gott«, und der Mann starb innerhalb weniger Stunden.

Die Pest ist wie eine große Feuersbrunst. Bricht sie dort aus, wo nur

wenige Häuser zusammenhängen, kann sie nur diese vernichten; bricht sie

in einem einzelstehenden Hause aus, so fällt ihr nur dieses zum Opfer.

Entsteht sie aber in einer großen volkreichen Stadt und wird nicht

gleich gelöscht, so verheert sie den ganzen Ort und alles, was sie

erreichen kann.

Gewiß, Hunderte, ja Tausende von Familien flüchteten sich vor der Pest,

aber viele flohen zu spät und gingen auf der Flucht zugrunde. Und nicht

nur das, sie verschleppten auch die Seuche überallhin, wohin sie kamen

und steckten die an, bei denen sie Sicherheit und Zuflucht gesucht

hatten. Dadurch wurde die beste Maßregel, um der Seuche zu entgehen,

zu einem Mittel sie zu verbreiten. Dies bringt mich auf das zurück,

was ich schon angedeutet habe, von dem ich aber nun ausführlicher

sprechen möchte. Darüber nämlich, daß viele Leute nach außen hin völlig

wohl umhergingen, während sie schon tagelang das Gift der Seuche im

Leibe trugen und ihr Blut so sehr verseucht war, daß sie nicht mehr zu

retten waren. Während dieser ganzen Zeit waren sie für andere höchst

gefährlich, und die Tatsachen haben das bewiesen. Denn solche Leute

steckten die Orte an, wohin sie kamen und die Leute, mit denen sie

umgingen. So geschah es, daß fast alle größeren Städte Englands mehr

oder weniger verseucht wurden, und immer wieder kam’s heraus, daß es

durch den oder jenen Londoner verursacht worden war.

Ich muß hier ausdrücklich erklären, daß ich annehme, diese Leute, die

den andern so gefährlich wurden, seien selbst ohne jede Kenntnis von

ihrem eigenen Zustande gewesen. Wäre es anders, so hätte man jene

überlegte Mörder heißen müssen, die sich mit vollem Bewußtsein der

Umstände unter die Gesunden mengten. Aber nichtsdestoweniger hieß es,

wenn ich auch selbst es nicht für richtig halte, daß die Angesteckten

gegen die Weiterverbreitung der Seuche gänzlich gleichgültig, ja eher

dafür als dagegen waren. Daraus mag jenes Gerücht entstanden sein, von

dem ich nur hoffen kann, daß es nicht den Tatsachen entsprach.

Freilich besitzt ein einzelner Fall keine Allgemeingültigkeit, aber

ich könnte doch die Namen einiger Leute nennen, die auch anderwärts

bekannt und deren Familien noch am Leben sind, die das genaue

Gegenteil bezeugen. So wurde ein Mann in meiner Nachbarschaft krank.

Er vermutete, von einem armen Arbeiter angesteckt worden zu sein,

den er bei sich beschäftigt hatte oder in dessen Wohnung er gekommen

war. Schon damals hatte er eine trübe Ahnung, aber erst am nächsten

Tage kam die Krankheit wirklich zum Ausbruch, und er fühlte sich

gleich recht schlecht. Auf dies hin veranlaßte er sofort, daß er in

ein Hinterhaus auf seinem Grundstück gebracht würde, wo sich über der

Rotgießereiwerkstatt eine Kammer befand. Hier lag er, und hier starb er

und ließ sich von niemand pflegen als einer fremden Pflegerin. Seiner

Frau, den Kindern und Dienstboten verwehrte er aufs strengste den

Eintritt, um sie nicht der Ansteckung auszusetzen, und übersandte ihnen

nur seinen Segen und Wünsche für ihre Erhaltung durch die Pflegerin,

die aber auch nicht in ihre Nähe kommen durfte. Und all das nur, um sie

vor der Seuche zu bewahren.

Es muß erwähnt werden, daß die Pest, wie wohl alle Krankheiten,

je nach der Beschaffenheit des Körpers, ganz verschieden wirkte.

Manche wurden sofort von ihr völlig überwältigt; es kam zu schweren

Fieberanfällen, Erbrechen, unerträglichen Kopf- und Rückenschmerzen,

bis zu Tobsuchtsanfällen. Bei andern brachen Geschwülste im Genick, in

der Leistengegend oder unter den Armen aus, die, wenn sie nicht zum

Reifwerden gebracht werden konnten, eine furchtbare Qual verursachten.

Die Dritten endlich wurden unmerklich angesteckt, das Fieber wütete in

ihnen, ohne daß sie darum wußten, bis sie schließlich das Bewußtsein

verloren und schmerzlos dahingingen.

Ich bin nicht Arzt genug, um die Einzelheiten dieser verschiedenen

Wirkungen einer und derselben Seuche schildern oder erklären zu

können, noch halte ich das für meine Aufgabe, da sie von den Ärzten

viel besser ausgeführt wurde, wenn unsere Meinungen auch in einigen

Punkten auseinandergehen. Darum habe ich auch nur berichtet, was

ich selbst gesehen und beobachtet oder gehört habe und was in den

verschiedenen Fällen, die ich erwähnte, in Erscheinung trat. Nur das

mag noch angeführt werden, daß die schlimmsten Fälle, was die Schmerzen

und die Schwere der Krankheitserscheinungen betrifft, oft zur Heilung

gelangten, besonders wenn die Geschwülste aufbrachen, daß aber in jenen

Fällen von einer kaum merklichen Erkrankung der Tod unvermeidlich war.

Die Krankheit und Weiteransteckung, ohne daß die betreffenden Personen

das geringste davon wußten, zeigte sich in zwei Arten von Fällen, die

in jener Zeit ziemlich häufig und in London allgemein bekannt waren.

1. Väter und Mütter gingen umher, als ob sie völlig wohl wären, waren

auch davon überzeugt, bis sie ihre ganzen Familien verseucht hatten und

die Ursache ihres Unterganges geworden waren. Hätten sie die leiseste

Ahnung ihres Zustandes besessen, so würden sie nimmermehr so gehandelt

haben. Eine Familie, von der ich hörte, wurde auf solche Weise vom

Vater angesteckt. Einige Mitglieder wurden krank, noch ehe er selbst

von der Seuche etwas merkte. Als er aber durch genauere Beobachtungen

herausbrachte, daß er das Gift zu den Seinen gebracht hatte, wurde er

wahnsinnig und hätte Hand an sich gelegt, wenn man ihn nicht verhindert

haben würde. In wenigen Tagen war er tot.

2. In anderen Fällen fühlten die von der Seuche auf diese Weise

Betroffenen nur ganz leichte Beschwerden, etwa eine Verminderung des

Appetits, oder ein wenig Magenweh oder auch Heißhunger und leichte

Kopfschmerzen, worauf sie zum Arzte schickten, um irgendein Mittel zu

begehren und dann aufs tödlichste erschrocken waren, als sie hörten,

daß sie auf der Schwelle des Todes standen und rettungslos verloren

waren.

Es ist schauerlich, darüber nachzudenken, daß solche Menschen als

Mörder vielleicht wochenlang umhergingen, diejenigen zugrunde

richteten, die sie unter Gefahr ihres Lebens gerettet haben würden und

vielleicht durch eine zärtliche Liebkosung dem Tode überlieferten.

Und doch kam das oft vor, und ich könnte zahlreiche derartige Fälle

anführen. Wenn nun der Schlag so aus dem Hinterhalte herabsaust, wenn

der Pfeil ungesehen und unentdeckbar von der Sehne fliegt, was haben

dann alle Maßregeln von Häuserabsperren und Fortschaffen der Kranken

für einen Zweck? Dort ja, wo die Ansteckung offen zutage tritt, aber

in den tausenden von Fällen, wo es sich um anscheinend völlig Gesunde

handelt, sind sie gänzlich nutzlos.

Dies setzte natürlich auch unsere Ärzte in Verwirrung, und besonders

die Apotheker und Wundärzte, die die Kranken nicht von den Gesunden

zu unterscheiden wußten. Aber alle gaben die Tatsachen zu, daß viele

Leute die Seuche im Blut hatten und eigentlich nichts anderes als

herumwandelnde verpestete Gerippe vorstellten, deren Atem Tod, deren

Schweiß Gift war, und die doch eben so aussahen wie andere Menschen,

und selbst nichts von ihrem fürchterlichen Zustande ahnten. Die

Tatsache also wurde von allen zugegeben, aber keiner wußte ein Mittel

dagegen.

Mein Freund, der Dr. Heath, war der Meinung, daß es an dem Geruch des

Atems zu erkennen wäre, aber wer hätte sich dem aussetzen mögen, die

Wahrheit aus dem Atem eines Menschen zu holen, um sie mit dem eigenen

Tod zu erkaufen. Denn um den Geruch zu unterscheiden, hätte er das

Gift des Atems in das eigene Gehirn einziehen müssen. Andere sollen

behauptet haben, daß man den Verdächtigen auf ein Stück Spiegelglas

hauchen lassen müsse. Wäre er verseucht, so würde der Niederschlag des

Hauches, durch ein Mikroskop gesehen, die Form von lebenden Geschöpfen

gräulichster und scheußlichster Art, als Drachen, Schlangen, Vipern und

teufelsartigen Gebilden, annehmen. Aber das halte ich doch für recht

zweifelhaft; auch besaßen wir damals noch keine Mikroskope, um den

Versuch anzustellen.

Die Ansicht eines andern sehr gelehrten Mannes war, daß der Hauch solch

eines Kranken einen kleinen Vogel im Nu vergiften und töten würde, und

nicht nur einen kleinen Vogel, sondern sogar ein Huhn oder einen Hahn,

oder wenn nicht gleich töten, ihn doch räudig machen müßte. Besonders

merkwürdig wäre, daß zu dieser Zeit gelegte Eier alle verfault wären.

Ich habe aber nie gehört, daß diese Behauptungen durch einen Versuch

bewahrheitet wurden. So gebe ich sie als das, was sie sind, möchte aber

doch bemerken, daß ich sie für sehr wahrscheinlich halte.

Manche haben vorgeschlagen, daß solche Leute recht heftig auf warmes

Wasser hauchen sollten, worauf sich ein ungewöhnlicher Schaum darauf

bilden würde. Es ginge aber auch bei andern klebrigen Substanzen, die

geeignet wären, den Schaum aufzunehmen und festzuhalten.

Alles in allem muß ich aber doch sagen, daß diese Art der Ansteckung

jeder Möglichkeit der Entdeckung spottete, und daß keine menschliche

Geschicklichkeit imstande war, die Weiterverbreitung zu verhindern.

Zu jener Zeit war die Aufregung groß, als man erkannte, daß die

Ansteckung in dieser Art verbreitet, durch anscheinend völlig Gesunde

verbreitet werden könne, und man fing an, jeden, der in die Nähe kam,

mit äußerstem Mißtrauen und größter Unbehaglichkeit zu betrachten.

Einmal, ich glaube an einem Sonntage in der Aldgate-Kirche, glaubte

irgendeine Frau in einer vollbesetzten Kirchenbank einen schlechten

Geruch zu verspüren. Sofort bildete sie sich ein, die Pest wäre in der

Bank, gab flüsternd ihren Verdacht der Nächsten weiter und verließ

schnell ihren Platz. Die Nachbarin machte es geradeso, und in einem

Augenblick hatten sämtliche Insassen von zwei oder drei Kirchenbänken

die Kirche verlassen, ohne daß irgend jemand wußte weswegen oder von

wem der üble Geruch ausgegangen wäre.

Infolgedessen fiel man darauf, irgend etwas in den Mund zu stecken,

was von alten Weibern oder auch Ärzten empfohlen wurde, um die

Ansteckung durch den Atem von Kranken unmöglich zu machen. Dies ging

so weit, daß besonders in den Kirchen man gleich beim Eingange von

einer Wolke aller möglichen Gerüche empfangen wurde, die viel stärker,

wenn auch wahrscheinlich nicht so bekömmlich waren, als die Gerüche

in Apothekerläden oder bei Drogisten. Die ganze Kirche war eine große

Riechflasche. In der einen Ecke roch es nach Parfüms, in der andern

nach aromatischen Essenzen, balsamischen Düften und allen möglichen

Kräutern, in der dritten nach Riechsalz und scharfen Wassern, da jeder

sich mit etwas anderem zum Schutze versehen hatte. Nachdem aber einmal

der Glaube allgemein geworden war, daß die Ansteckung von scheinbar

Gesunden übertragen werden könne, wurde der Kirchenbesuch erheblich

schwächer. Aber ganz geschlossen wurden die Kirchen und Betsäle

während der ganzen Zeit der Seuche in London niemals, außer in einigen

Kirchspielen, wo die Seuche gerade besonders arg wütete, und auch da

wurden sie, sowie es einigermaßen besser wurde, wieder geöffnet.

Im Gegenteil war nichts erhebender, als zu sehen, mit welchem Mute

die Bevölkerung die öffentlichen Gottesdienste besuchte, sogar zu

einer Zeit, als man sich fürchtete, zu irgendeinem andern Zwecke das

Haus zu verlassen. Daß die Kirchen bis auf eine kurze Zeit während

des Höhepunktes der Seuche immer voll waren, war auch ein Beweis für

die außerordentliche Bevölkerungsdichtigkeit beim Ausbruch der Pest,

trotz der ungeheuren Menge, die gleich damals sich aufs Land hinaus

geflüchtet hatte und den Massen, die später von ihrem sinnlosen

Entsetzen in die Wälder hinausgetrieben wurden.

Man muß anerkennen, daß die Leute, die alle jene Vorsichtsmaßregeln

anwandten, von denen ich gesprochen habe, der Ansteckung weniger

ausgesetzt waren. In solchen Häusern brach die Seuche nicht mit der

gleichen Heftigkeit aus, und ganze Familien wurden auf solche Weise

gerettet, womit die schuldige Ehrfurcht vor der göttlichen Vorsehung

natürlich nicht verletzt werden soll.

Aber es war unmöglich, irgend etwas Vernünftiges in die Köpfe der

_armen_ Leute hineinzubringen. Wurden sie krank, so konnten sie sich

mit Geschrei und Gejammer nicht genug tun, doch solange sie gesund

waren, blieben sie gleichgültig, sorglos und eigensinnig. Wo sie Arbeit

kriegen konnten, fluteten sie hin, wenn auch die Beschäftigung noch

so gefährlich und der Ansteckung ausgesetzt sein mochte. Machte man

ihnen Vorwürfe, so war die gewöhnliche Antwort: »Das muß man Gott

überlassen. Hat’s mich, so ist wenigstens für mich gesorgt, und die

ganze Geschichte hat ein Ende.« Oder sie sagten: »Was soll ich sonst

tun? Schlimmer als Verhungern ist die Pest auch nicht. Arbeit habe

ich nicht, also was machen? Sonst bleibt mir nichts übrig als zu

betteln.« Ob es sich darum handelte, die Leichen einzuscharren oder

Kranke zu pflegen oder verseuchte Häuser zu bewachen, ihre Antwort

war immer dieselbe. Sicher war die Not eine gute Entschuldigung, aber

sie redeten nicht anders, wenn auch keine Not vorlag. Erst durch

solche Handlungsweise der Armen kam es, daß die Seuche unter ihnen

auf so schreckliche Weise wütete. Zusammen mit ihrer ohnehin wenig

erfreulichen Lage war es der Hauptgrund ihres Massensterbens. Ich kann

nicht behaupten, daß sie nach meinen Beobachtungen besser haushielten,

als sie noch alle gesund waren und Geld verdienten. Das flog heraus,

und das »Morgen« scherte sie auch nicht einen Deut. So kam es, daß sie

im Falle der Krankheit gleich in das äußerste Elend gerieten, ebenso

der Krankheit wegen als aus Mangel.

Allerdings hing dies auch zusammen mit der Lage unseres Handels während

jener Zeit des allgemeinen Unglücks, und zwar sowohl des Außen- wie des

Binnenhandels.

Was den Außenhandel betrifft, braucht nur wenig gesagt zu werden.

Die europäischen Handelsvölker hatten alle Angst vor uns. Kein Hafen

in Frankreich, Holland, Spanien oder Italien ließ unsere Schiffe

einfahren. Und zudem hatten wir mit den Holländern einen heftigen

Krieg, obwohl wir dazu kaum in der Lage waren, nachdem wir einen so

schrecklichen Feind im eigenen Lande zu bekämpfen hatten.

Unsere Kaufleute hatten daher alle nichts zu tun. Ihren Schiffen

war jeder auswärtige Platz verschlossen, und von ihren Waren und

Fabrikaten, die im Lande hergestellt wurden, wollte man auswärts

nirgends etwas wissen. Vor den Waren hatte man dieselbe Angst wie vor

uns selber, und mit gutem Grund. Denn unsere Wollwaren hielten die

Ansteckung fest wie menschliche Körper. Wurden sie von kranken Leuten

verpackt, so waren sie ebenso gefährlich als die Kranken selber. Wenn

daher ein englisches Schiff in einem fremden Hafen löschte, mußten die

Ballen immer geöffnet und auf dazu bestimmten Plätzen gelüftet werden.

Aus London durfte überhaupt kein Schiff in den Hafen, um wieviel

weniger erst die Waren, die es an Bord hatte.

Ebenso war es in Spanien und Portugal. Es ging ein Gerücht um, daß eine

Ladung von englischem Tuch, Baumwollwaren, Kirseizeug und dergleichen,

die heimlich an Land gebracht worden war, von den Spaniern verbrannt

wurde, während sie die an dem Schmuggel beteiligten Leute mit dem Tode

bestraften. Ich kann das Gerücht nicht bestätigen, glaube aber schon,

daß es auf Wahrheit beruhte.

Noch muß ich über den Stand des Binnenhandels während dieser

Schreckenszeit berichten, besonders insofern es sich um die Fabriken

und die Geschäfte in der Stadt handelt. Beim ersten Ausbruch der

Seuche entstand, wie jeder sich selbst leicht ausmalen kann, unter der

Bevölkerung ein allgemeiner Schrecken, und infolgedessen ein völliger

Stillstand im Handelsverkehr, außer in Lebensmitteln. Aber auch darin

war er durch die Flucht der vielen Tausende, die zahllosen Kranken und

das Massensterben bis auf die Hälfte zurückgegangen.

Durch die Gnade Gottes war das Jahr in Getreide und Obst überaus

fruchtbar gewesen. Nicht so in Heu und Gras. Daher war das Brot

billig, weil es Getreide in Überfluß gab, und Fleisch war billig der

schlechten Heuernte wegen. Aus demselben Grunde aber waren Butter

und Käse teuer, und Heu wurde, gleich außerhalb der Schlagbäume von

Whitechapel, um 4 Pfund die Ladung verkauft, was allerdings für die

Armen von keinem Belang war. Dafür gab es eine unerhört gute Obsternte.

Äpfel, Birnen, Pflaumen, Kirschen und Trauben kosteten fast nichts,

aber das hinwiederum veranlaßte die Armen, davon im Übermaß zu essen,

wodurch sie sich die Ruhr, Darmleiden, Magenbeschwerden und dergleichen

zuzogen, was oft genug mit der Pest endigte.

Um aber zum Handel zurückzukehren, so war der Export gleich null oder

wenigstens aufs äußerste erschwert, so daß natürlich alle Fabriken

still lagen, die für den Export arbeiteten. Und obwohl die auswärtigen

Kaufleute Waren brauchten, konnte doch fast nichts geschickt werden, da

man englische Schiffe nirgends zuließ. Damit kam der Export so gut wie

in ganz England zum Stillstand, abgesehen von einigen entlegenen Häfen,

aber bald auch dort, denn nach und nach kam die Pest überall hin. Doch

noch weit schlimmer war, daß auch der Binnenhandel aufhörte, so weit er

über London ging, denn hier war er gänzlich zum Erliegen gekommen.

Alle Handarbeiter, Kaufleute und Mechaniker waren, wie ich schon

früher ausgeführt habe, arbeitslos, und das griff natürlich auf das

Heer von Tagelöhnern u. a. m. über, da nichts mehr geschah, was nicht

absolut notwendig war. Dadurch waren nun alle Leute, die keinen

eigenen Hausstand hatten, mit einemmal ohne jede Versorgung, ebenso

wie die Familien, deren Einkommen gänzlich von dem Verdienst des

Familienoberhauptes abhängig war. Sie gerieten in ein unsagbares Elend,

und es muß zur immerwährenden Ehre der Stadt London gesagt werden, daß

durch wohltätige Gaben die Bedürfnisse so vieler Tausende, von denen

Unzählige später erkrankten, in einer Weise befriedigt wurden, daß

niemand an Mangel zugrunde ging, wenigstens soweit die Behörden davon

erfuhren.

Jetzt bleibt mir nur noch übrig, etwas über den gnädiger verlaufenen

Teil dieses schrecklichen Gerichtstages zu sagen. In der letzten Woche

des September hatte die Seuche ihren Höhepunkt erreicht und begann

von da an abzunehmen. Ich erinnere mich, daß mein Freund, der Dr.

Heath, mich in der vorhergehenden Woche besuchte und mir versicherte,

daß in einigen Tagen die Heftigkeit der Seuche gebrochen wäre. Als

ich aber in das wöchentliche Sterberegister blickte, das mit 8297

Toten alle früheren übertraf, hielt ich ihm das vor und fragte ihn,

auf was er denn sein Urteil gründete. Seine Antwort war allerdings

nicht das, was ich erwartet hatte. »Seht,« sagte er, »nach der Anzahl

der Erkrankten und Verseuchten hätten wir in der letzten Woche 20000

statt 8000 Tote haben müssen, falls der Verlauf der Krankheitsfälle

ebenso ungünstig geblieben wäre wie vor zwei Wochen. Damals starben

die Kranken gewöhnlich nach zwei oder drei Tagen, jetzt nicht vor acht

oder zehn; früher war unter fünf Fällen eine Heilung, jetzt sterben nur

noch höchstens zwei von fünfen. Glaubt mir, die nächste Liste wird eine

Abnahme bringen, und Ihr werdet sehen, daß die Heilungen stark zunehmen

werden. Denn obwohl wir überall Massen von Verseuchten haben, und auch

eine große Anzahl noch täglich erkrankt, sterben doch nicht mehr so

viele als früher. Die Bösartigkeit der Seuche hat nachgelassen, und ich

habe jetzt Hoffnung, nein, mehr als das, daß die Krisis vorüber ist.«

Und wirklich war es auch so, denn in der letzten Septemberwoche zeigte

die Liste nur noch 2000 Tote.

Es ist wahr: noch immer herrschte die Pest mit großer Heftigkeit. Die

nächste Liste brachte 6460 und die weitere noch 5720 Tote. Aber dennoch

hatte mein Freund mit seiner Behauptung recht; die Leute erholten sich

schneller und in größerer Anzahl als früher. Was hätte auch sonst aus

London werden sollen? Der Berechnung von Dr. Heath nach waren zu dieser

Zeit nicht weniger als 60000 erkrankt, von denen nur 20477 starben,

während der Rest wieder gesund wurde. Solange die Seuche aber auf

ihrem Höhepunkte war, waren von einer solchen Anzahl Erkrankter zum

mindesten 50000 gestorben, vielleicht noch ebenso viele dazu erkrankt,

und dann hätte man wohl wirklich glauben müssen, daß kein Mensch mehr

davonkommen würde.

Noch weiter bewahrheiteten sich die Beobachtungen meines Freundes

während der folgenden Wochen. Die Sterbefälle gingen beständig zurück

und betrugen in der ersten Oktoberwoche nur noch 1843, in der nächsten

1413, und das, obwohl die Zahl der Erkrankungen nicht ab-, sondern eher

etwas zugenommen hatte. Aber, wie gesagt: die Bösartigkeit der Seuche

war gebrochen.

Und so ist nun einmal die Art unserer Bevölkerung, wie vermutlich auch

auf der ganzen übrigen Welt: gerade, wie man beim ersten Ausbruch der

Seuche jeden Verkehr aufgegeben hatte, vor Schrecken und Entsetzen sich

gegenseitig aufs eifrigste aus dem Wege gegangen war und die Flucht

aus der Stadt ergriffen hatte, ehe es noch nötig gewesen wäre, nahm

man jetzt, als man sah, daß eine Menge Menschen erkrankte, aber wieder

geheilt wurde, die Pest überhaupt kaum noch ernst, betrachtete sie

nicht anders, als wäre sie ein einfaches Fieber und kümmerte sich nicht

im geringsten mehr um die Gefahr der Ansteckung. Nicht nur, daß die

Leute ohne Scheu mit solchen verkehrten, die laufende Geschwüre und

Geschwülste an sich hatten, sie aßen und tranken auch mit ihnen, gingen

in ihre Häuser und selbst in die Zimmer, wo sie krank lagen.

Für vernünftig konnte ich das nicht halten. Mein Freund, der Dr.

Heath, gab zu, daß die Seuche so ansteckend als nur je wäre und auch

noch viele daran erkrankten, behauptete aber, daß die Sterblichkeit in

keinem Verhältnis mehr zu der Zahl der Erkrankungen stände, verglichen

mit der früheren Todesrate. Ich meine aber, daß doch immer noch eine

ganze Anzahl sterben mußte. Und da die Krankheit an sich sehr qualvoll

war, von den Geschwülsten und Geschwüren gar nicht zu reden, die

Todesgefahr auch durchaus nicht ausgeschlossen schien, die Heilung

endlich sehr lange Zeit brauchte, so hätte nach meiner Meinung sich

jeder wohl überlegen sollen, mit den Erkrankten zusammenzukommen und

die Ansteckungsgefahr leichter als früher zu nehmen.

Noch etwas anderes hätte die Leute veranlassen müssen, die

Erkrankung an der Pest wie das höllische Feuer zu scheuen, das war

die schreckliche Wirkung der Ätzmittel, die die Wundärzte auf die

Geschwülste legten, um sie zum Aufbrechen und Eitern zu bringen, da

sonst die Gefahr eines tödlichen Ausganges bis zum letzten Augenblick

äußerst groß war. Auch ohnedies waren die Geschwülste an sich sehr

qualvoll, und wenn sie die Leute auch nicht mehr wie vordem zum

Wahnsinn brachten, verursachten sie doch kaum erträgliche Schmerzen.

Diejenigen, die mit dem Leben davonkamen, beklagten sich später aufs

bitterste, daß man ihnen gesagt hätte, es wäre keine Gefahr bei der

Sache und bereuten tief, daß sie sich nicht besser in acht genommen

hatten.

So rächte sich die unkluge Handlungsweise der Leute, die alle Vorsicht

beiseite ließen. Viele wurden geheilt, aber viele starben auch, und

ich bin überzeugt, daß das Herabgehen der Sterberate dadurch nicht

unwesentlich verzögert wurde. Nach dem ersten starken Abflauen zeigten

die beiden nächsten Listen keine entsprechende Abnahme, und der

Grund hierfür war sicherlich, daß das Volk alle früher gebrauchten

Vorsichtsmaßregeln vernachlässigte in dem Glauben, es würde niemand

mehr die Seuche bekommen und wenn, würde es auch nicht gleich ans

Sterben gehen.

Die Ärzte widersprachen solcher Kopflosigkeit aus allen Kräften.

Sie veröffentlichten gedruckte Anweisungen und verbreiteten sie

über die ganze Stadt und in allen Vorstädten, worin sie die Leute

zur Zurückhaltung ermahnten und ihnen rieten, trotz der Abnahme der

Sterbefälle die äußerste Vorsicht im täglichen Leben zu beobachten,

weil es sonst leicht zu einem neuen Ausbruch kommen könnte, der noch

weit schrecklicher und verhängnisvoller sein würde als der erste. Zum

Beweise fügten sie eine Menge Erläuterungen und Erklärungen an, die

aber an dieser Stelle nicht wiederholt werden können.

Aber all das half nichts. Die Leute waren wie besessen von der Freude

über das Herabgehen der Sterblichkeit, daß die neu angedrohten

Schrecknisse bei ihnen nicht mehr verfingen. Sie ließen sich den

Glauben nicht nehmen, daß es nun mit dem Sterben zu Ende wäre, und

wer ihnen das Gegenteil beweisen wollte, hätte ebensogut in den Wind

sprechen können. Man öffnete wieder die Läden, spazierte in den Straßen

umher, machte Geschäfte und sprach jeden an, der gerade in den Weg kam,

ob man mit ihm zu tun hatte oder nicht, und ohne jemals nur nach der

Gesundheit zu fragen oder sich um die Gefahr der Ansteckung zu kümmern,

wenn es sich um einen augenscheinlich Kranken handelte.

Ein gewisser John Cock, ein Barbier, war ein ausgezeichnetes Beispiel

für die überstürzte Rückkehr der Leute, nachdem die Seuche etwas

nachgelassen hatte. Er hatte seinerzeit mit seiner ganzen Familie die

Stadt verlassen, sein Haus zugesperrt und war, wie so viele andere,

aufs Land verzogen. Als er nun hörte, daß im November nur noch 900

wöchentlich starben, beeilte er sich, wieder nach Hause zu kommen.

Sein Hausstand bestand aus zehn Personen: seiner Frau, fünf Kindern,

zwei Lehrlingen und einem Dienstmädchen, wozu noch er selbst kam. Er

war noch nicht eine Woche zu Hause und hatte eben seinen Laden wieder

aufgemacht und sein Geschäft begonnen, als die Seuche bei ihm ausbrach;

und binnen fünf Tagen starb die ganze Familie völlig aus, und nur das

Dienstmädchen blieb am Leben.

Aber die Gnade Gottes war größer, als wir vernünftigerweise hätten

hoffen dürfen. Die Bösartigkeit der Seuche war erloschen, das

Ansteckungsgift hatte sich erschöpft, und zudem stand der Winter vor

der Tür. Als bei klarer Luft einige scharfe Fröste einsetzten, trat bei

den meisten Kranken Heilung ein, und die Gesundheit fing an, in die

Stadt zurückzukehren. Zwar gab es noch im Dezember einige Rückfälle,

und die Listen stiegen wieder bis auf hundert Tote an, aber dies war

nur vorübergehend, und in kurzem war alles wieder im alten Gleise. Es

war erstaunlich zu beobachten, mit welcher Schnelle sich die Stadt von

neuem bevölkerte. Ein Fremder hätte sich nicht vorstellen können, daß

Zehntausende zugrunde gegangen waren. Auch die Wohnungen schienen alle

wieder bezogen. Leere Häuser waren eine Seltenheit, und an Mietern für

sie war kein Mangel.

Nachdem, im allgemeinen gesprochen, nun wieder alles beim alten

war, mußte es den Leuten um so seltsamer vorkommen, wenn sie auf

Erkundigungen hin hören mußten, daß ganze Familien so völlig

ausgestorben waren, daß man sich kaum noch an sie erinnern konnte.

Niemand kam, der auf das, was sie etwa hinterlassen haben mochten,

einen rechtmäßigen Anspruch geltend gemacht hätte. Allerdings war in

den meisten Fällen solcher Art das, was sich vorgefunden hatte, längst

vergeudet und gestohlen worden.

Es hieß, daß alles herrenlose Gut dem König als einzigem Erben

verfallen wäre. Wie dem auch sein mag, schien es doch, daß der König

darauf zugunsten des Lordmayors und des Ratskollegiums von London

verzichtete, damit es unter die zahlreichen Armen verteilt würde.

Denn obwohl die Gelegenheiten zur Erleichterung der Lage der Armen

während der Pestzeit weit vordringlicher gewesen waren als jetzt, da

alles vorüber war, ging es ihnen jetzt doch viel schlechter, da alle

Kanäle der allgemeinen Wohltätigkeit versiegten. Die Leute schienen zu

glauben, daß sie genug getan hätten und hielten sich zurück, während

doch noch manches Elend zu lindern gewesen wäre.

Ich hätte erwähnen sollen, daß die Quäker zu jener Zeit einen eigenen

Begräbnisplatz besaßen, der auch jetzt noch in Gebrauch ist. Sie hatten

auch einen eigenen Leichenkarren in Benutzung. Und merkwürdigerweise

war es jener Salomon Eagle, der, wie ich schon erzählt habe, die Pest

als Gericht Gottes vorhersagte und, nackt in den Straßen umherrennend,

die Leute zur Buße aufgerufen hatte, der als eines der ersten Opfer in

dem Leichenkarren auf den neuen Begräbnisplatz gefahren wurde.

Recht ernst waren die Vorwürfe, die man den Ärzten machte, weil sie

während der Pest ihre Kranken im Stiche gelassen hätten. Als sie

jetzt wieder in der Stadt erschienen, wollte niemand mehr mit ihnen

zu tun haben. Man nannte sie Deserteure, und häufig wurden Zettel an

ihre Türen geheftet, auf denen geschrieben war: Hier ist ein Doktor

zu vermieten! So daß nicht wenige es für besser hielten, sich einige

Zeit nicht zu zeigen oder in eine andere Wohnung zu ziehen, in deren

Umgebung man sie nicht kannte. Ebenso war es mit der Geistlichkeit, die

vom Volke in Spottgedichten und dergleichen bös mitgenommen wurde. Auf

den Kirchentüren fand man oft die Inschrift: Hier ist eine Kanzel zu

vermieten oder, was fast noch schlimmer war: zu verkaufen.

Besonders waren es die Dissenters, die der Geistlichkeit der englischen

Kirche vorhielten, daß sie geflohen war, und das Volk dann, als es sie

am nötigsten gebraucht habe, verlassen hätte. Aber das läßt sich kaum

billigen, denn nicht alle Menschen haben die gleiche Zuversicht und den

gleichen Mut, und die Heilige Schrift befiehlt uns, stets ein mildes

und günstiges Urteil abzugeben.

Ich versuchte einmal, eine Liste von allen Berufen und Beschäftigungen

aufzustellen und jene darin zu verzeichnen, die bei Ausübung ihres

Amtes oder ihrer Geschäfte gestorben waren, aber für einen Privaten

war es ganz unmöglich, dabei zu irgendeiner Sicherheit zu gelangen.

Nach meinen Erinnerungen starben 16 Geistliche, 2 Ratsherren, 5 Ärzte,

13 Wundärzte innerhalb der inneren Stadt vor Anfang September. Aber

da erst dann die Seuche ihren Höhepunkt erreichte, kann diese Liste

kaum vollständig sein. Was das niedere Volk betrifft, so starben 46

Konstabler und Gemeindevorsteher in den beiden Kirchspielen von Stepney

und Whitechapel. Leider konnte ich meine Liste nicht fortsetzen, denn

als im September die ganze Wut der Seuche über uns kam, spottete sie

aller Aufzeichnungen. Die Menschen starben nicht mehr als einzelne,

sondern in Massen und wurden in Massen eingescharrt, ohne sie zu

zählen, mochten die öffentlichen Sterberegister auch 7 oder 8000 oder

was immer für eine Zahl anführen. Wenn man jenen glauben darf, die

bessere Gelegenheit hatten als ich, diese Dinge der Wahrheit gemäß zu

untersuchen, so starben zu dieser Zeit wöchentlich etwa 20000 Menschen.

Ich selbst will mich lieber an die veröffentlichten Zahlen halten, denn

schon 7 oder 8000 Tote wöchentlich sind genug, um zu rechtfertigen,

was ich von dem Grauen jener Zeit berichtet habe. Es erfüllt mich mit

Genugtuung, sagen zu dürfen, daß ich in keiner Weise übertrieben habe

und eher noch unter der Wirklichkeit geblieben bin.

Für die Nachwelt sei bezeugt, daß alle bürgerlichen Beamten, die

Konstabler, Gemeindevorsteher, Scherifs und Kirchspielbediensteten,

in deren Aufgabe es lag, sich der Armen anzunehmen, ihre Pflichten

im allgemeinen so gut wie nur irgendeiner und vielleicht besser

erfüllten. Sie waren den meisten Gefahren ausgesetzt, da ihr Werk

in den Armenvierteln lag, wo die Ansteckung am leichtesten war.

Fielen sie selbst der Krankheit zum Opfer, so war ihre Lage höchst

bejammerungswürdig. Es ist auch nicht anders möglich, als daß eine

große Anzahl von ihnen von der Seuche verschlungen wurde.

Ich habe noch kein Wort über die Medizinen und Vorbeugungsmittel

gesagt, die man gewöhnlich während jener Zeit gebrauchte. Wenigstens

alle jene, die wie ich auf der Straße zu tun hatten. Von den

Quacksalbern ist viel darüber geschrieben worden, aber auch das

Ärztekollegium veröffentlichte täglich Vorbeugungsmittel, von deren

Wirkung es sich überzeugt hatte. Da alle diese Dinge gedruckt

vorliegen, brauche ich sie nicht zu wiederholen.

Eine Geschichte aber möchte ich doch noch erzählen. Sie betrifft einen

Quacksalber, der sich gerühmt hatte, ein Gegenmittel gegen die Pest

zu besitzen, das den Träger vor jeder möglichen Ansteckung schütze.

Dieser Mann, der doch jedenfalls niemals ausging, ohne etwas von seinem

unübertrefflichen Gegenmittel bei sich zu führen, erkrankte an der

Seuche und starb binnen zwei oder drei Tagen.

Ich gehöre nicht zu jenen, die einen Widerwillen oder gar Verachtung

gegen alle Medizinen haben, im Gegenteil habe ich ja schon oft von der

Achtung gesprochen, die ich für die Vorschriften meines besonderen

Freundes, Dr. Heath, hatte. Aber ich muß doch gestehen, daß ich selbst

nichts gebrauchte, als ein stark riechendes Mittel, für den Fall, daß

mir irgend etwas Ekelhaftes unterkäme, oder daß ich in die Nähe einer

Leiche oder eines Begräbnisplatzes gelangte.

Es herrschte damals ein Streit unter den Gelehrten, der die Leute

nicht wenig in Verlegenheit brachte, nämlich, in welcher Weise

die Wohnungen und Sachen, wo die Pest hingekommen war, wieder

gereinigt werden möchten. Besonders auch, was man zu tun hätte, um

die lange leergestandenen Häuser bewohnbar zu machen. Eine Unmenge

von Räuchermitteln von der oder jener Zusammensetzung wurde von den

Ärzten angegeben, die die Leute, die sie anwendeten, ein nach meiner

Meinung unnützes Geld kosteten. Die ärmeren Leute, die ihre Fenster

Tag und Nacht offenstehen ließen und in den Zimmern Schwefel, Pech

und Schießpulver verbrannten, hatten mindestens ebensoviel davon. Und

diejenigen, von denen ich schon gesprochen habe, die sich auf jede

Gefahr hin beeilten, wieder in die Stadt und nach Hause zu kommen,

taten wenig oder gar nichts und fuhren dabei doch nicht schlimmer.

Im allgemeinen waren es vornehmlich die ärmeren Klassen, die sich mit

der Rückkehr so beeilten, die Reichen folgten viel langsamer. Die

Geschäftsleute kamen wohl schnell, aber sie ließen ihre Familien erst

im Frühling nachkommen, als man allen Grund zu dem Glauben hatte, daß

die Seuche nicht wieder erscheinen würde.

Der Hof kehrte bald nach Weihnachten zurück, der Adel jedoch, der

nicht bei Hof angestellt war oder bei der Regierung zu tun hatte,

folgte erst später.

Merkwürdig war, daß die Pest trotz ihrer Heftigkeit in London und

anderen Orten nie auf die Flotte übergriff. Obwohl sowohl auf dem

Flusse wie auf der Straße zu jener Zeit stark gepreßt wurde, um Leute

für den Dienst auf der Flotte zu bekommen. Das war allerdings am Anfang

des Jahres, als die Seuche kaum begonnen hatte und noch nicht in jene

Stadtteile gedrungen war, wo hauptsächlich gepreßt zu werden pflegte.

Der holländische Krieg, der damals geführt wurde, war durchaus nicht

nach dem Geschmack des Volkes, und die Seeleute meldeten sich nur mit

großem Widerwillen zum Dienst und beklagten sich bitter, wenn sie mit

Gewalt dazu gepreßt wurden, aber für viele war es eine wohltätige

Gewalt. Denn wahrscheinlich wären sie bei dem allgemeinen Unglück,

der Pest nämlich, zugrunde gegangen, während sie so nach Ablauf des

Sommerdienstes heil und gesund zurückkehren konnten. Freilich fanden

manche unter ihnen ihre Familien im Grabe, worüber sie mit Recht

klagen und jammern mochten, aber deshalb konnten sie doch einem

Schicksal dankbar sein, das sie selbst, wenn auch gegen ihren Willen,

vom Verderben gerettet hatte. Es war in jenem Jahre ein heißer Krieg

zwischen uns und den Holländern mit einer sehr großen Schlacht, bei

der die Holländer den kürzeren zogen. Aber auch wir verloren viele

Leute und einige Schiffe. Die Pest aber kam, wie gesagt, nicht auf die

Flotte, und als diese zurückkam, war auch die Heftigkeit der Pest

gebrochen.

Ich wäre sehr froh, wenn ich den Bericht dieses schrecklichen Jahres

mit einigen Beispielen der Dankbarkeit gegen Gott, unsern Erhalter,

abschließen könnte, der uns vom Verderben erlöste. Die Umstände dieser

Erlösung von dem furchtbaren Feinde hätten die ganze Nation dazu

veranlassen müssen. Nur die Hand Gottes und seine Allmacht konnten

sie vollbringen. Die Ansteckung spottete aller Gegenmittel, der Tod

wütete bis in die letzten Winkel, noch einige Wochen, und in der

Stadt wäre keine lebende Seele zurückgeblieben. Überall bemächtigte

sich die Verzweiflung der Menschen, Angst verdrängte den letzten Rest

von Mut, und auf allen Gesichtern zeigte sich nur noch die äußerste

Hoffnungslosigkeit. Und da, als man wohl sagen konnte: Umsonst ist alle

menschliche Hilfe, gefiel es Gott, die Wut der Seuche einzudämmen und

ihre Bösartigkeit zu lähmen.

Es ist unmöglich, die Veränderung in den Zügen der Leute zu

beschreiben, als an jenem Donnerstag das wöchentliche Sterberegister

erschien. Eine heimliche Freude und Heiterkeit war auf allen Gesichtern

zu sehen. Während man früher sich sorgsam auswich, schüttelte man sich

jetzt die Hände. In den Straßen öffneten sich die Fenster, und die

Inwohner fragten einander, wie sie sich befänden und ob sie schon die

gute Neuigkeit wüßten, daß die Pest nachgelassen habe. Einige taten

verwundert und meinten: »Was denn für eine gute Neuigkeit?« Dann

riefen die anderen: »Die Pest hört auf, die Liste ist schon auf fast

2000 heruntergegangen!« und nun schrien sie alle miteinander: »Gott sei

Dank!« und weinten aus Freude und erklärten, sie hätten noch nichts

davon gehört gehabt. Die Seligkeit der Leute war so groß, als wäre

das Leben aus dem Grabe zu ihnen zurückgekehrt. Ich könnte eine ganze

Reihe der verrücktesten Dinge anführen, die sie im Übermaß ihrer Freude

vollführten, wie früher im Übermaß ihrer Verzweiflung, aber ich will’s

lieber unterlassen, um den Wert ihres Glückes nicht herabzusetzen.

Jetzt war’s auf einmal mit allen Befürchtungen zu Ende, und das zu

früh, denn nun machte es uns nichts mehr aus, einem Mann mit einer

weißen Kappe auf dem Kopfe zu begegnen, oder mit einem Tuch um den Hals

gewickelt oder hinkend wegen der Geschwülste in der Leistengegend, was

uns alle noch eine Woche vorher in den äußersten Schrecken versetzt

haben würde. Die ganze Straße war jetzt voll dieser armen Geschöpfe,

die sich ihrer unerwarteten Erlösung von ganzem Herzen freuten. Ich

würde ihnen sehr Unrecht tun, nähme ich nicht an, daß viele unter ihnen

aus voller Seele dankbar waren. Bei den meisten mochte es allerdings zu

Recht heißen, was von den Kindern Israels gesagt wurde, als sie nach

ihrem Durchzug durch das Rote Meer die Ägypter im Wasser versinken

sahen: »Sie lobten Gott, aber bald vergaßen sie seine Werke.«

Doch hier will ich Schluß machen, um nicht tadelsüchtig und vielleicht

ungerecht gescholten zu werden, wenn ich mich in Erwägungen einließe,

warum die Undankbarkeit und Schlechtigkeit wieder zu uns zurückkehrte,

deren Zeuge ich seitdem oft genug gewesen bin. Daher werde ich

die Schilderung dieses unseligen Jahres mit einem schlechten aber

gutgemeinten Verschen eigener Mache beschließen, das ich an das Ende

meiner Tagebücher setzte in demselben Jahre, in dem sie geschrieben

wurden.

Im Jahre fünfundsechzig hat’s

Die Pest in London gegeben,

An Hunderttausend nahm sie mit,

Doch ich, ich blieb am Leben!

Die Pest zu London · 第 32 / 40 题