DIE CHAGIGAH VON RECHOBOTH.

Von ~Julius Heilbrunn~.

[Illustration]

Ich hatte meinen Aufenthalt in Erez Israel (anläßlich der Turnfahrt

1913) um eine Woche über die geplante Zeit hinaus verlängert, um den

Seder in Jeruschalajim und die Chagigah in Rechoboth mitzuerleben. Ich

habe den Entschluß nicht bereut. Ein freundlicher Zufall ließ mich

auf dem Rückwege von Haifa nach Jerusalem das seltsame Peßachopfer

der Samaritaner auf dem Berge Garisim sehen, das wie eine tolle

unwahrhaftige Phantasie in meiner Erinnerung steht. Welch bizarre

Mischung von Urtradition und modernstem Geschäftsgeist! Die Samaritaner

bringen seit zweitausend Jahren die Peßachwoche auf der Opferstätte

in Zelten zu. Die Zelte vermieten ihnen Thom. Cook Sons, wie riesige

schwarze Lettern auf den weißen und bunten Zelttüchern verkünden.

Der Seder in Jerusalem wich von keinem Seder irgend eines jüdischen

Hauses in der ganzen Welt ab. Deutschland und England, Rußland und

Südafrika, Kanada und Australien hatten ihre Vertreter entsandt.

Sie alle einte am Schluß das eine „~Gam~ leschanah habaah

bijruschalajim!“

Der Weg nach Rechoboth führte mich über Ekron, das ich vordem nicht

gesehen hatte. Als wir kamen, traten gerade die Makkabim (Turner) an,

um in frischem Marsch und mit frohem Lied nach Rechoboth zu ziehen.

Es war eine Freude, die prächtigen Gestalten in guter Haltung, netter

Tracht und in bester Stimmung auf diesem Boden und bei diesem Marsch zu

treffen. So ist an jenem Tage im ganzen Land aus den meisten jüdischen

Kolonien die Jungmannschaft aufgebrochen, um auf dem Festplatz im

männlichen Kampfspiel die Kräfte zu messen. Manche kamen auch durch

Kolonien, die keine Makkabim zu entsenden hatten. Dieser Durchmarsch

verfehlte seine Wirkung nicht. Beschämt stand in solchen Plätzen die

Jugend dabei; man ist sofort daran gegangen, neue Vereine zu gründen

oder schwach gewordene neu zu beleben.

Am Tage vor der Feier trafen wir in Rechoboth ein, das uns schon vordem

lieb geworden war, weil es am stärksten den gesunden Geist des neuen

freien jüdischen Jischub und wirtschaftliche Selbständigkeit erkennen

ließ.

Mit Mühe fanden wir ein bescheidenes Unterkommen. In beiden Hotels

war alles überfüllt, und es bedurfte eifrigen Zuredens, bis wir einen

Wirt bewegen konnten, uns noch aufzunehmen. Dann gingen wir, so schnell

es der tiefe Sand der Straßen erlaubte, zum Festplatz. Der Weg führt

über die „Birkah“, das große Wasserreservoir auf der Höhe des den Ort

beherrschenden Berges, der auch die schöne Synagoge und das Beth-Am

(Volkshaus) trägt. Da oben sehen wir die ganze Ansiedlung vor uns

ausgebreitet, die sich teils in geschlossenen Straßenzügen, teils

in einzelnen Gehöften über die weit ausladenden Hügel erstreckt. Am

Horizont verliert sich der Blick im Kranz der ringsumher liegenden

reichen Orangenbojaren.

Unmittelbar zu unseren Füßen dehnte sich der Festplatz.

Schon heute am Vortage zeigte sich ein lebhaftes Gewimmel. Die Makkabim

übten noch einmal ihre Gerät- und Freiübungen in den einzelnen Vereinen

und wurden dann von Orloff zu einer Generalprobe zusammengenommen. Die

Fußballgruppen fochten die ersten Vorkämpfe aus, die Reiter führten

ihre Pferde vor, waren stolz, wenn sie bewundert wurden und liefen

einige Privatrennen untereinander. Es ist eine Lust, die feurigen,

gutgebauten Tiere und die schneidigen Reiter zu sehen, frische Jungen,

Schomrim (Wächter) und Kolonistensöhne, ein wildes, ungebärdiges Volk,

denen die Freude am Reiten und Schießen aus den blanken Augen blitzt,

wunderhübsch in ihrem schmucken weißen, weit über den Nacken fallenden

Kopftuch, das sie von den Beduinen übernommen haben, weil es ebenso

schön wie praktisch ist.

Zum erstenmal hatte man auf Anregung des Koloniearztes Dr. Moskowitz,

der die Organisation des ganzen Festes mit geschickter und

energischer Hand leitet, eine Ausstellung von landwirtschaftlichen

und industriellen Erzeugnissen versucht. Es war ein kleiner, aber

wohlgelungener Anfang. Das Syndikat der Weinbauern hatte sein Zelt

mit freiem Weinausschank, einzelne Kolonisten hatten besonders große,

gut geratene Früchte ausgestellt, ein Holzwarenfabrikant zeigte

sehr interessante Produkte der Verwendung des Eukalyptusholzes, ein

Aussteller landwirtschaftliche Maschinen mit eigenen Erfindungen und

Verbesserungen, die den Bedürfnissen des Landes angepaßt waren.

Wir trafen noch alles in voller Vorbereitung an; die Frauen der

leitenden Männer waren bemüht, die Ausstellungszelte mit dem Schmuck

des Landes, mit Blüten und mit über mannsgroßen Palmblättern

zu verschönern. Nicht ungern stellten wir beschäftigungslosen

Ausstellungsbummler uns ihnen bei dieser Arbeit zur Verfügung. Es wurde

auch nicht vergessen, für die leiblichen Bedürfnisse des kommenden

Tages zu sorgen. Große Zelte wurden aufgeschlagen, in denen es später

Tee, den man dort trotz des guten Weines viel und leidenschaftlich gern

trinkt, sowie Obst und mancherlei Speisen gab.

Es lag eine Stimmung erwartungsvoller Vorfreude über dem Platz. Dann

kam ein Abend, ein stiller, friedvoller, mondlos dunkler Dorfabend.

Der nächste Tag enttäuschte die Erwartungen nicht. Schon früh

strömten von allen Seiten große Massen Volkes zu Pferd, zu Esel und

zu Wagen herbei. Bald sammelte sich eine zahlreiche Wagenburg auf

der einen Seite des Festplatzes. Am stärksten wurde der Zufluß, als

der Extrazug, den die Eisenbahn von Tel Awiw, dem jüdischen Viertel

von Jaffa, aus eingelegt hatte, in Ramleh angekommen war und seine

Insassen sich in langer Kolonne heranwälzten. Viertausend Menschen

bedeckten in unendlichem Gewimmel den Festplatz. Sehr viele Araber

waren darunter, die mit unverhohlenem, schweigsamem Staunen das fremde

Bild betrachteten. Ganz ungezwungen, wenn auch meist in geschlossenen

Gruppen, bewegten sich zahlreiche Jemeniten unter der fröhlichen Menge.

Eine fleißige Kapelle ließ ihre lustigen Weisen über das Feld hin

ertönen. Wir trafen Bekannte aus dem ganzen Lande wieder, begrüßten

uns mit ihnen voll herzlicher gegenseitiger Freude: es war, als ziehe

die sechswöchige Fußwanderung noch einmal in wenigen Stunden an uns

vorüber.

Schon am frühen Morgen waren die Turner auf dem Platze. Der

Makkabiverband von Palästina umfaßte damals 980 Turner (die Zahl

ist inzwischen ständig gewachsen). Ein sehr großer Teil von ihnen

war zugegen und gab dem Fest den Charakter. Es wurden Gerät- und

Freiübungen vorgeführt, es gab spannende Fußballwettkämpfe, Wettläufe,

Tauziehen. Die einzelnen Kolonien wetteiferten, einander den Rang

abzulaufen, aus Tel Awiw hatte das hebräische Gymnasium seine Schüler

in den Kampf gesandt.

Gleich nach der Mittagspause vereinigte ein gewaltiger Festzug die

gesamte mitwirkende Mannschaft. Mit fliegenden Fahnen zogen die

einzelnen Gruppen des Zuges wohlgeordnet durch das Dorf. Vor dem Hause

des Waad (Gemeinderat der Kolonie) hielt man an. Der Rosch hawaad

(Vorsteher), Herr Eisenberg, trat auf den Balkon und hielt eine lange,

mit großer Begeisterung, vielfach mit Tränen der Rührung aufgenommene

Rede. So wenig Hebräisch ich verstand, so merkte ich doch, daß er

das heutige Peßach mit dem Peßach von Mizrajim verglich und auf ein

Peßach der Zukunft hindeutete. Das oft wiederholte Wort ~Cheruth~

(Freiheit) war der Grundton seiner Ansprache. In diesem Augenblick war

in uns allen die Wahrheit des oft gesungenen „Am Jisrael chaj -- Das

Volk Israel lebt“ tiefstes Erlebnis.

Der Zug marschierte zum Festplatz zurück, die Wettkämpfe wurden wieder

aufgenommen, die Reiter absolvierten ihre interessanten Wettrennen.

Dabei beteiligte sich auch Zipporah, die Tochter eines Ansiedlers aus

einer der südlichsten Kolonien, Frau eines Schomer.

Beim Wettrennen gab es einen peinlichen Zwischenfall, einen heftigen

Streit, weil ein Teilnehmer wegen Behinderung disqualifiziert werden

sollte und dennoch mitreiten wollte. Der Streit wurde geschlichtet,

aber es war doch eine Dissonanz in dem sonst so harmonisch verlaufenen

Tag. Das Bild wäre aber gefälscht, wenn ich dies nicht auch erwähnen

wollte.

Der Tag ging zur Neige. Die Siegespreise wurden auf dem Platze

verteilt, manch gute Rede noch gehalten, die letzten Gläser Wein

getrunken -- wobei ich hervorheben muß, daß trotz des freien Ausschanks

von gutem schweren Wein kein Betrunkener bei diesem Volksfest zu finden

war.

Wir verließen den Festplatz. Der Weg führte uns an der Synagoge vorbei;

da sie erleuchtet war, traten wir ein und fanden die Mitglieder des

Talmudvereins beim Lernen, meist alte Männer, aber lauter kräftige

bäurische Gestalten. So reicht sich hier altes und neues jüdisches

Leben die Hand.

Abends fand im Beth-Am, das die Masse der Zuhörer nicht fassen konnte,

ein Neschef, eine musikalisch-literarische Abendunterhaltung statt. In

die Töne einer Sonate von Beethoven hinein klangen von draußen ab und

zu die Freudenschüsse der abfahrenden Gäste.

Chad Gadja: Das Peßachbuch · 第 47 / 49 题