PESSACH IN RUSSLAND VOR SIEBZIG JAHREN.

Von ~Pauline Wengeroff~.

[Illustration]

Die Zeit vor Peßach verging in endlosen Vorbereitungen für die

Wirtschaft, für Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag

des Erew-Peßach heran. Da erreichte die Arbeit ihren Höhepunkt! Am

Abend vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das B’dikath

Chamez, d. h. das Fortschaffen des gesäuerten Brotteiges aus dem Hause.

Da begab sich meine Mutter in die Küche, ließ sich von der Köchin einen

hölzernen Löffel und einige Gänsefedern geben, wickelte um beides einen

weißen Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem

Bindfaden fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf

das Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenstände

sollten abends bei einer religiösen Handlung verwendet werden. Mein

Vater nahm, nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bündel, steckte das

Wachskerzchen an und übergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als

Leuchter dienen sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chamez durch

das ganze Haus. Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen

vermutete, wurde von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit

dem Wachskerzchen erleuchtet. Die aufgefundenen Krümel wurden mit den

Federn in den Löffel gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte

Gebet gesprochen hatte. Wir Kinder machten uns manchmal den Spaß,

vorher überall Krümel anzuhäufen, worüber sich der Vater wunderte, da

doch an diesem Tage die Fensterbrettchen gewöhnlich mit besonderer

Aufmerksamkeit gesäubert wurden. So untersuchte er nun gründlich die

Fenster, und die Mutter mußte sich beeilen, das noch vorhandene Brot

aus dem Hause zu räumen, denn das Gesetz gebot, daß alles Brot, das

auf der Suche durchs Haus vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt

werde. Nachdem diese Handlung vollbracht war, speiste man etwas früher

zu Abend als sonst. Das inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf

den Tisch kommen, die gesammelten Brotkrümel im Löffel aber wurden mit

dem Wachskerzchen und den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem

Hängeleuchter im Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus

erreiche, welche die Krümel sonst wieder zerstreuen könnte. Man ging

zeitig schlafen, um am nächsten Morgen recht früh aufzustehen, denn

um 9 Uhr morgens darf sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chamez im

Hause eines religiösen Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr früh

geweckt und mußten Frühstück und Mittagessen auf einmal verzehren.

Das Nationalgericht für diesen Morgen ist heiß gesottene Milch mit

Weißbrot. Doch war meist zu dieser Stunde schon ein Braten fertig, an

dem sich mancher Hausgenosse gütlich tat. „Und nun rasch, rasch!“,

trieb meine Mutter alle im Hause an, auch die Dienerschaft aß doppelt

soviel als sonst, denn es durfte doch nichts vom Chamez zurückbleiben.

Wir Kinder machten allerhand Späße und verabschiedeten uns dann für

volle acht Tage vom Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und

die Mutter befahl dem Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von

dem teuren Porzellanservice bis zur letzten Kupferkasserole wurden

alle Stücke bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster

gestellt und dann mußte alles in große Kisten gepackt und auf den

Boden gebracht werden, woher sodann die gefüllten Kisten mit dem

Peßachgeschirr herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder

gründlich gereinigt, die Fensterbrettchen mit weißem Papier bedeckt.

Der große Speisetisch wurde auseinander gezogen, mit einem weißen Tuch

oder mit Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen Länge ausgezogene

Tisch mit dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand

bedeckt, die mit kleinen Nägeln befestigt werden, das wir Kinder mit

so großer Neugierde erwarteten, weil jedes von uns darunter seinen

bestimmten Kos (kleiner Becher von hübscher Form) hatte. Aber damit

nicht genug! Es gab um diese Zeit auch an allen Orten und in allen

Zimmern viel Interessantes für uns zu sehen, besonders im Hof, wo

alle Holztische und -bänke zum Kaschern aufgestellt waren. Man goß die

Bank oder den Tisch mit siedendem Wasser, strich mit einem zum Glühen

gebrachten Eisen darüber hin und her und schüttete dann gleich kaltes

Wasser auf die Gegenstände.

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Außer diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Großartigeres: der Vater

erschien nämlich in der Küchentür mit dem Chamez von gestern in der

Rechten und ließ Feiwele, den alten Wächter, Ziegelsteine und trockene

Holzstücke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete

aus den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstücke darauf.

Mein Vater legte den Löffel mit den darin befindlichen Krümeln auf den

Scheiterhaufen und ließ das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen

hin und her, um uns, wenn irgend möglich, dabei nützlich zu machen.

Das trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Flämmchen nach dem andern

züngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrien: „Seht,

seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon...“

Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den Löffel, und es

dauerte nicht länger als zehn Minuten, so war das Autodafé des Chamez

vollzogen. Mein Vater verließ nicht eher den Schauplatz, als bis alle

Überbleibsel des Scheiterhaufens weggeräumt waren, denn nach der

Vorschrift darf man selbst nicht auf die Asche treten, auch wenn es

„Nutzen oder Vergnügen“ brächte.

Wir Kinder sprangen von da in das Eßzimmer, wo Schimen, der „Meschores“

(der Diener), mit dem Auspacken des Peßachgeschirrs beschäftigt war.

Wir wollten auch hier helfen und von unseren Kossoth (Weinbecherchen)

Besitz ergreifen, da schmunzelte der Diener schalkhaft und meinte, daß

wir dazu noch nicht gehörig vorbereitet seien. Wir waren verblüfft

und sahen ihn fragend und bestürzt an. Mit gleichgültiger Miene

erklärte er, daß wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. „Wieso

gekaschert?“ fragten wir. „Ja, ja,“ versetzte unser Peiniger, „Ihr müßt

heiße glühende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort

herumkollern, hernach mit kaltem Wasser ausspülen, ausspucken, dann

erst dürft ihr dieses Geschirr anrühren.“ Wir fanden keine Antwort

und stürzten weinend in die Küche, wo meine Mutter in voller Arbeit

war. Sie beriet eben mit der Köchin die Bereitung des Indianvogels,

eines riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt,

gesalzen und dreimal mit Wasser abgespült war. Jetzt lag er auf dem

Brett, und die Köchin hielt ihn mit beiden Händen fest, als wenn er

davonfliegen wollte, während die Mutter, mit einem großen Küchenmesser

bewaffnet, den Hauptschnitt ausführte. Unweit von diesem Schauplatz,

rechts von der Bank, lag auf einem abgehobelten Brett in seiner

ganzen Länge ein silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der

kunstgerechten Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der

sauber gescheuerte Küchentisch, auf dem sich verschiedene Schüsseln,

Teller, Gabeln, Löffel befanden, ferner ein großer Korb Eier, ein Topf

Mazzothmehl, das meine Schwester eben siebte und aus dem später die

schmackhaften Torten, Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten

nun die Mutter fragen, ob Simon recht hätte. Aber wir blieben, von der

Mutter reger Arbeit gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von

den glühenden Steindelach im Mund erpreßte uns ein leises Schluchzen

und meine jüngere Schwester überredete mich, die Mutter doch zu

interpellieren. Allein die Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flüstern

schon längst aufgefallen und, halb verwundert, halb ärgerlich, fragte

sie uns, weshalb wir so ungestüm in die Küche gestürzt wären. Da

erzählten wir mit kläglicher Stimme, in halben Sätzen, was der böse

Schimen uns gesagt hätte. Sie verstand nicht recht und ward ungeduldig.

Dann schrie sie plötzlich auf: „Was für glühende Steindelach? Wer hat

sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit heißem Wasser begossen?“

Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie endlich die eigentliche

Ursache unserer Besorgnis. Sie ließ Schimen sofort kommen und verbot

ihm energisch, uns so dummes Zeug vorzuschwätzen. Uns sagte sie, wir

sollten uns waschen und reine Kattunkleidchen anlegen, dann wären

wir würdig, unsere Kossoth in Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir

angekleidet. Mit triumphierenden Mienen sprangen wir ins Eßzimmer und

halfen nun das Geschirr abwischen.

Während meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der

verschiedenen kleinen Symbole für die Abendfeier beschäftigt war, kam

der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur

Krönung des Werkes ließ die Mutter noch einige Daunenkissen und eine

weiße Pikeedecke holen und bereitete für den Vater zur linken einen

Ruhesitz, das Hessebett, ein ähnliches wurde auf zwei Stühlen für die

jungen Männer neben ihren Sitzplätzen hergerichtet. Jeder Winkel atmete

Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche Stimmung, die im Hause

herrschte, teilte sich jedem mit.

Die Abenddämmer stiegen langsam hernieder. Die Teestunde nahte. Wir

tranken und schlürften das duftige Getränk mit besonderem Behagen, denn

er schmeckte in der trefflichen Umgebung ganz besonders gut. Alles

blitzte und funkelte. Selbst für das Trinkwasser waren neue Gefäße in

Verwendung.

Nun ging es an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine

Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuzünden. Sie war zur

Zeit, die ich schildere, jung und hübsch. Ihre Haltung war bescheiden

und doch selbstbewußt. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drückten wahre,

tiefe Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Schöpfer für die

Gnade, daß er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte

erleben lassen. -- Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin

jener Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adlige

Abkunft. Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort „adliger

Abkunft“ spöttisch lächeln, als gäbe es keinen jüdischen Adel! Freilich

hat der Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus

Königspalästen für Heldentaten auf der großen Landstraße erworben. Den

jüdischen Adel gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe

zu Gott und den Menschen. Und es traf sich oft, daß zu diesen Tugenden

auch äußerer Reichtum und Würden kamen.

Nachdem meine Mutter die Kerzen angezündet hatte, verrichtete sie

ein kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen

mit beiden Händen. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren

Ringe an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen

Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir

in Erinnerung, der einen großen, gelben Brillanten in der Mitte hatte,

den in länglicher Form drei Reihen weißer Brillanten umschlossen.

Nun erschienen meine älteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz;

man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen

Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch

Turnüre besaß, die den jugendlichen Körper verunstalteten. Auch meine

vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck.

Die Sedertafel glänzte und strahlte, der Meschores (Diener)

hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete

feierliches Selbstbewußtsein, als bediente er an diesem Abend aus

Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, nicht aus Pflicht, als fühlte er sich

den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken und viele

Handtücher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die auch bald

erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fühlten wir an dem

Ton, mit dem er laut „Gut Jom Tow“ (Guten Feiertag) sagte, eine gewisse

Feierlichkeit, eine wohltuende Vergnügtheit. Er ließ meinen Bruder

sämtliche Hagadahs bringen und erteilte den Kindern den Segen. Hierauf

nahmen wir an dem Tische Platz, und zwar nach der Reihe des Alters.

Heute durfte auch Schimen, der Meschores, an einer Ecke des Tisches

sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet wird, daß an diesem

Abend alle gleich sind -- Herr und Diener. Das Aussehen meines Vaters

war würdevoll; seine großen, klugen Augen, die edlen Gesichtszüge

drückten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe aus. Die mächtige,

rastlose Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit. Der lange, gut

gepflegte Bart vervollständigte das ehrwürdige, patriarchalische

Aussehen, und sein Verhalten den Kindern sowie allen anderen gegenüber

flößte, obwohl er erst vierzig Jahre zählte, Ehrfurcht ein, als wäre er

ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater war auf äußeres sehr bedacht,

ohne eitel zu sein. Der Ernst der jüdischen Erziehung schützte gegen

solchen Leichtsinn. Seine Festtagskleidung bestand aus einem langen,

schwarzen Atlaskaftan. Er war der Länge nach von beiden Seiten mit

zwei Samtstreifen besetzt, neben denen eine Reihe kleiner schwarzer

Knöpfe angebracht waren. Die Kleidung vervollständigte eine teure

pelzverbrämte Mütze (Streimel genannt) und ein breiter Atlasmantel um

die Lenden. Von dem weißen Leinenhemd war bloß der Kragen sichtbar, der

vorteilhaft den schwarzen luxuriösen Anzug hervorhob. Auch das rote

Foulardtaschentuch fehlte nicht.

Mein Vater ließ sich gemütlich auf seinen Sitz nieder, legte eine

prächtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den

Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagadah zu lesen. Er bat

die Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen,

auch die jüngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann füllte die

Mutter auf eine besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein.

Die verheirateten Schwestern füllten hierauf auch ihren Männern die

Becher, während unsere ältere, unverheiratete Schwester das Amt

des Einschenkens bei uns Kindern und den anderen Tischgenossen,

selbstverständlich auch beim Meschores, versah. Jeder der Herren

bekam auf seinen Teller drei Sch’murah-Mazzoth, zwischen denen sich

bereits die Seroa, ein wenig von dem vorbereiteten Meerrettich, ein

wenig Salat, Charoßeth, ein gebratenes Ei, ein Radieschen befanden.

Das alles war mit einer weißen Serviette bedeckt. Der Vater nahm den

Becher Wein in seine rechte Hand, sagte das Kidduschgebet und leerte

das Glas. Alle Tischgenossen folgten seinem Beispiel, nachdem sie Amen

gesagt hatten. Meine Mutter füllte von neuem die Becher, die anderen

Frauen taten es wieder für ihre Männer, während die Becher der anderen

Tischgenossen mit süßem Rosinenwein gefüllt wurden. Dann nahm der Vater

das Gedeck mit allen darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob

es in die Höhe und sprach dabei laut das Kapitel Ha lachma anja. Die

männlichen Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel

Mah nischtanah, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind

bei Tische zu fragen hat. Der Vater antwortete mit bewegter Stimme

aus der Hagadah lesend: „Awadim hajinu.“... „Knechte waren wir bei

Pharao in Mizrajim, und hätte uns damals Gott der Allgütige in seiner

Allmacht nicht erlöst, und wären wir nicht von dort ausgezogen, wären

wir, unsere Kinder und Kindeskinder, bis jetzt noch Sklaven gewesen.

Und wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wären, so ist es dennoch

unsere Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.“

Bei diesen Worten brach der Vater immer in Tränen aus, -- er konnte und

durfte seinem Schöpfer gewiß aus vollem Herzen danken, wenn er seinen

Blick über die schöne Tafelrunde schweifen ließ und die junge, hübsche

Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasaßen, sah! Er

durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen

Fürsten betrachten.

Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefaßt sind, dann

nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesem Abend

die vielen bitteren Kräuter essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß

unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die

Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kräuter.

Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzoth entzwei,

legten die eine Hälfte unter das Polster zum „Aphikomon“ (Nachspeise)

und die andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die

Tischgenossen als „Mozi“ (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot,

vor jeder Mahlzeit). Dann aß man vom Meerrettich: erstens zu Maror,

der in Charoßeth getunkt, so rasch als möglich verschluckt wird, da

dies ohne Mazzoth geschehen muß. Dann der Korech, wieder eine Portion

Meerrettich zwischen zwei Mazzothstückchen gelegt. Für jeden Brauch

wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam

an diesem Abend den Meerrettich gehörig zu spüren; und wir mußten

mit Tränen in den Augen zugeben, daß das Leben unserer Vorfahren in

Ägypten bitter war. Später wurden Radieschen und Eier in Salzwasser

getaucht; das mundete schon besser, und endlich kam das Abendbrot an

die Reihe, das mit Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit

Mazzahmehlklößchen folgte und das mit einem feinen frischen Gemüse

endete. Dann bekam jeder Tischgenosse von dem aufbewahrten Aphikomon.

Nun wurden die Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser

über die Hände, was man „Majim Acheronim“ nennt (letztes Wasser), wobei

ein kleines Gebet verrichtet wurde, und nun schickte man sich an, das

Tischgebet zu sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische

beehrt wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft

mit einem lauten „Amen“ ein; und nachdem jeder für sich leise das

Nachtischgebet mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und

jetzt begann der zweite Teil der Hagadah. Zum vierten Male füllte man

die Becher. Diesmal wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in

der Mitte aufgestellt und für den Propheten Eliahu bestimmt war. Dieser

Brauch findet in den kabbalistischen Schriften eine Erklärung. Nach der

kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl ißt oder

trinkt schädlich oder es kann zum mindesten schädlich wirken. Daher muß

bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch

ein fünfter gefüllt werden.

Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Eliahu

ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher

unverwandt nach der Kanne und wenn sich die äußerste Schicht an der

Oberfläche leise bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend

war und uns überrieselte es kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden

gefüllt und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann

man das Kapitel „Sch’foch chamathcha“ zu rezitieren; hierauf folgten

die Schlußkapitel des Hallel. Und zum Schluß das allegorische Liedchen

„Chad Gadja, Chad Gadja“, „Ein Zicklein, ein Zicklein“. Mit diesen

und ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder

hatte seinen vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern

aller Tischgenossen sah man die Abspannung und Erregtheit infolge

des ungewohnten Weingenusses. Meine älteren und jüngeren Geschwister

verließen eine nach der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu

Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der

Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etwas zurück, das ich mir um nichts

entgehen lassen wollte. Es war Schir haschirim, das Hohe Lied, das

Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner

ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von Tönen und Worten

wirkte auf das Kindesgemüt berauschend; ich lauschte entzückt. Das

ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben Tönen gesungen, wobei sich mein

älterer Schwager David Ginsburg besonders auszeichnete, und hat sich so

lebhaft, so unvergeßlich meiner Seele eingeprägt, daß ich den Anfang

noch heute, an meinem späten Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich

darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so schön singen hören zu

können. Auch meine Mutter pflegte gewöhnlich noch bei Tische zu bleiben.

Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bett zu gehen.

Ich aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen

auch gestattete. Als sie aber merkte, wie müd und abgespannt ich war,

erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte

noch inständiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß

ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu erscheinen

und kroch auf einem im Winkel stehenden großen Armstuhl und hörte mit

wahrem Seelengenuß dem Gesange zu. Bis zum Schluß hielt ich es aber

nicht aus, und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja

mich entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief

aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen

mit der gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war

festlich geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung!

Draußen strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab.

Die Luft war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid

angelegt zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im

Elternhause, wie schön bist du!

Chad Gadja: Das Peßachbuch · 第 46 / 49 题