Von ~Pauline Wengeroff~.
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Die Zeit vor Peßach verging in endlosen Vorbereitungen für die
Wirtschaft, für Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag
des Erew-Peßach heran. Da erreichte die Arbeit ihren Höhepunkt! Am
Abend vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das B’dikath
Chamez, d. h. das Fortschaffen des gesäuerten Brotteiges aus dem Hause.
Da begab sich meine Mutter in die Küche, ließ sich von der Köchin einen
hölzernen Löffel und einige Gänsefedern geben, wickelte um beides einen
weißen Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem
Bindfaden fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf
das Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenstände
sollten abends bei einer religiösen Handlung verwendet werden. Mein
Vater nahm, nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bündel, steckte das
Wachskerzchen an und übergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als
Leuchter dienen sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chamez durch
das ganze Haus. Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen
vermutete, wurde von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit
dem Wachskerzchen erleuchtet. Die aufgefundenen Krümel wurden mit den
Federn in den Löffel gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte
Gebet gesprochen hatte. Wir Kinder machten uns manchmal den Spaß,
vorher überall Krümel anzuhäufen, worüber sich der Vater wunderte, da
doch an diesem Tage die Fensterbrettchen gewöhnlich mit besonderer
Aufmerksamkeit gesäubert wurden. So untersuchte er nun gründlich die
Fenster, und die Mutter mußte sich beeilen, das noch vorhandene Brot
aus dem Hause zu räumen, denn das Gesetz gebot, daß alles Brot, das
auf der Suche durchs Haus vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt
werde. Nachdem diese Handlung vollbracht war, speiste man etwas früher
zu Abend als sonst. Das inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf
den Tisch kommen, die gesammelten Brotkrümel im Löffel aber wurden mit
dem Wachskerzchen und den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem
Hängeleuchter im Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus
erreiche, welche die Krümel sonst wieder zerstreuen könnte. Man ging
zeitig schlafen, um am nächsten Morgen recht früh aufzustehen, denn
um 9 Uhr morgens darf sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chamez im
Hause eines religiösen Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr früh
geweckt und mußten Frühstück und Mittagessen auf einmal verzehren.
Das Nationalgericht für diesen Morgen ist heiß gesottene Milch mit
Weißbrot. Doch war meist zu dieser Stunde schon ein Braten fertig, an
dem sich mancher Hausgenosse gütlich tat. „Und nun rasch, rasch!“,
trieb meine Mutter alle im Hause an, auch die Dienerschaft aß doppelt
soviel als sonst, denn es durfte doch nichts vom Chamez zurückbleiben.
Wir Kinder machten allerhand Späße und verabschiedeten uns dann für
volle acht Tage vom Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und
die Mutter befahl dem Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von
dem teuren Porzellanservice bis zur letzten Kupferkasserole wurden
alle Stücke bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster
gestellt und dann mußte alles in große Kisten gepackt und auf den
Boden gebracht werden, woher sodann die gefüllten Kisten mit dem
Peßachgeschirr herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder
gründlich gereinigt, die Fensterbrettchen mit weißem Papier bedeckt.
Der große Speisetisch wurde auseinander gezogen, mit einem weißen Tuch
oder mit Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen Länge ausgezogene
Tisch mit dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand
bedeckt, die mit kleinen Nägeln befestigt werden, das wir Kinder mit
so großer Neugierde erwarteten, weil jedes von uns darunter seinen
bestimmten Kos (kleiner Becher von hübscher Form) hatte. Aber damit
nicht genug! Es gab um diese Zeit auch an allen Orten und in allen
Zimmern viel Interessantes für uns zu sehen, besonders im Hof, wo
alle Holztische und -bänke zum Kaschern aufgestellt waren. Man goß die
Bank oder den Tisch mit siedendem Wasser, strich mit einem zum Glühen
gebrachten Eisen darüber hin und her und schüttete dann gleich kaltes
Wasser auf die Gegenstände.
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Außer diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Großartigeres: der Vater
erschien nämlich in der Küchentür mit dem Chamez von gestern in der
Rechten und ließ Feiwele, den alten Wächter, Ziegelsteine und trockene
Holzstücke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete
aus den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstücke darauf.
Mein Vater legte den Löffel mit den darin befindlichen Krümeln auf den
Scheiterhaufen und ließ das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen
hin und her, um uns, wenn irgend möglich, dabei nützlich zu machen.
Das trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Flämmchen nach dem andern
züngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrien: „Seht,
seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon...“
Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den Löffel, und es
dauerte nicht länger als zehn Minuten, so war das Autodafé des Chamez
vollzogen. Mein Vater verließ nicht eher den Schauplatz, als bis alle
Überbleibsel des Scheiterhaufens weggeräumt waren, denn nach der
Vorschrift darf man selbst nicht auf die Asche treten, auch wenn es
„Nutzen oder Vergnügen“ brächte.
Wir Kinder sprangen von da in das Eßzimmer, wo Schimen, der „Meschores“
(der Diener), mit dem Auspacken des Peßachgeschirrs beschäftigt war.
Wir wollten auch hier helfen und von unseren Kossoth (Weinbecherchen)
Besitz ergreifen, da schmunzelte der Diener schalkhaft und meinte, daß
wir dazu noch nicht gehörig vorbereitet seien. Wir waren verblüfft
und sahen ihn fragend und bestürzt an. Mit gleichgültiger Miene
erklärte er, daß wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. „Wieso
gekaschert?“ fragten wir. „Ja, ja,“ versetzte unser Peiniger, „Ihr müßt
heiße glühende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort
herumkollern, hernach mit kaltem Wasser ausspülen, ausspucken, dann
erst dürft ihr dieses Geschirr anrühren.“ Wir fanden keine Antwort
und stürzten weinend in die Küche, wo meine Mutter in voller Arbeit
war. Sie beriet eben mit der Köchin die Bereitung des Indianvogels,
eines riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt,
gesalzen und dreimal mit Wasser abgespült war. Jetzt lag er auf dem
Brett, und die Köchin hielt ihn mit beiden Händen fest, als wenn er
davonfliegen wollte, während die Mutter, mit einem großen Küchenmesser
bewaffnet, den Hauptschnitt ausführte. Unweit von diesem Schauplatz,
rechts von der Bank, lag auf einem abgehobelten Brett in seiner
ganzen Länge ein silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der
kunstgerechten Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der
sauber gescheuerte Küchentisch, auf dem sich verschiedene Schüsseln,
Teller, Gabeln, Löffel befanden, ferner ein großer Korb Eier, ein Topf
Mazzothmehl, das meine Schwester eben siebte und aus dem später die
schmackhaften Torten, Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten
nun die Mutter fragen, ob Simon recht hätte. Aber wir blieben, von der
Mutter reger Arbeit gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von
den glühenden Steindelach im Mund erpreßte uns ein leises Schluchzen
und meine jüngere Schwester überredete mich, die Mutter doch zu
interpellieren. Allein die Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flüstern
schon längst aufgefallen und, halb verwundert, halb ärgerlich, fragte
sie uns, weshalb wir so ungestüm in die Küche gestürzt wären. Da
erzählten wir mit kläglicher Stimme, in halben Sätzen, was der böse
Schimen uns gesagt hätte. Sie verstand nicht recht und ward ungeduldig.
Dann schrie sie plötzlich auf: „Was für glühende Steindelach? Wer hat
sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit heißem Wasser begossen?“
Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie endlich die eigentliche
Ursache unserer Besorgnis. Sie ließ Schimen sofort kommen und verbot
ihm energisch, uns so dummes Zeug vorzuschwätzen. Uns sagte sie, wir
sollten uns waschen und reine Kattunkleidchen anlegen, dann wären
wir würdig, unsere Kossoth in Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir
angekleidet. Mit triumphierenden Mienen sprangen wir ins Eßzimmer und
halfen nun das Geschirr abwischen.
Während meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der
verschiedenen kleinen Symbole für die Abendfeier beschäftigt war, kam
der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur
Krönung des Werkes ließ die Mutter noch einige Daunenkissen und eine
weiße Pikeedecke holen und bereitete für den Vater zur linken einen
Ruhesitz, das Hessebett, ein ähnliches wurde auf zwei Stühlen für die
jungen Männer neben ihren Sitzplätzen hergerichtet. Jeder Winkel atmete
Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche Stimmung, die im Hause
herrschte, teilte sich jedem mit.
Die Abenddämmer stiegen langsam hernieder. Die Teestunde nahte. Wir
tranken und schlürften das duftige Getränk mit besonderem Behagen, denn
er schmeckte in der trefflichen Umgebung ganz besonders gut. Alles
blitzte und funkelte. Selbst für das Trinkwasser waren neue Gefäße in
Verwendung.
Nun ging es an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine
Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuzünden. Sie war zur
Zeit, die ich schildere, jung und hübsch. Ihre Haltung war bescheiden
und doch selbstbewußt. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drückten wahre,
tiefe Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Schöpfer für die
Gnade, daß er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte
erleben lassen. -- Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin
jener Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adlige
Abkunft. Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort „adliger
Abkunft“ spöttisch lächeln, als gäbe es keinen jüdischen Adel! Freilich
hat der Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus
Königspalästen für Heldentaten auf der großen Landstraße erworben. Den
jüdischen Adel gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe
zu Gott und den Menschen. Und es traf sich oft, daß zu diesen Tugenden
auch äußerer Reichtum und Würden kamen.
Nachdem meine Mutter die Kerzen angezündet hatte, verrichtete sie
ein kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen
mit beiden Händen. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren
Ringe an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen
Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir
in Erinnerung, der einen großen, gelben Brillanten in der Mitte hatte,
den in länglicher Form drei Reihen weißer Brillanten umschlossen.
Nun erschienen meine älteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz;
man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen
Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch
Turnüre besaß, die den jugendlichen Körper verunstalteten. Auch meine
vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck.
Die Sedertafel glänzte und strahlte, der Meschores (Diener)
hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete
feierliches Selbstbewußtsein, als bediente er an diesem Abend aus
Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, nicht aus Pflicht, als fühlte er sich
den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken und viele
Handtücher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die auch bald
erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fühlten wir an dem
Ton, mit dem er laut „Gut Jom Tow“ (Guten Feiertag) sagte, eine gewisse
Feierlichkeit, eine wohltuende Vergnügtheit. Er ließ meinen Bruder
sämtliche Hagadahs bringen und erteilte den Kindern den Segen. Hierauf
nahmen wir an dem Tische Platz, und zwar nach der Reihe des Alters.
Heute durfte auch Schimen, der Meschores, an einer Ecke des Tisches
sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet wird, daß an diesem
Abend alle gleich sind -- Herr und Diener. Das Aussehen meines Vaters
war würdevoll; seine großen, klugen Augen, die edlen Gesichtszüge
drückten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe aus. Die mächtige,
rastlose Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit. Der lange, gut
gepflegte Bart vervollständigte das ehrwürdige, patriarchalische
Aussehen, und sein Verhalten den Kindern sowie allen anderen gegenüber
flößte, obwohl er erst vierzig Jahre zählte, Ehrfurcht ein, als wäre er
ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater war auf äußeres sehr bedacht,
ohne eitel zu sein. Der Ernst der jüdischen Erziehung schützte gegen
solchen Leichtsinn. Seine Festtagskleidung bestand aus einem langen,
schwarzen Atlaskaftan. Er war der Länge nach von beiden Seiten mit
zwei Samtstreifen besetzt, neben denen eine Reihe kleiner schwarzer
Knöpfe angebracht waren. Die Kleidung vervollständigte eine teure
pelzverbrämte Mütze (Streimel genannt) und ein breiter Atlasmantel um
die Lenden. Von dem weißen Leinenhemd war bloß der Kragen sichtbar, der
vorteilhaft den schwarzen luxuriösen Anzug hervorhob. Auch das rote
Foulardtaschentuch fehlte nicht.
Mein Vater ließ sich gemütlich auf seinen Sitz nieder, legte eine
prächtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den
Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagadah zu lesen. Er bat
die Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen,
auch die jüngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann füllte die
Mutter auf eine besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein.
Die verheirateten Schwestern füllten hierauf auch ihren Männern die
Becher, während unsere ältere, unverheiratete Schwester das Amt
des Einschenkens bei uns Kindern und den anderen Tischgenossen,
selbstverständlich auch beim Meschores, versah. Jeder der Herren
bekam auf seinen Teller drei Sch’murah-Mazzoth, zwischen denen sich
bereits die Seroa, ein wenig von dem vorbereiteten Meerrettich, ein
wenig Salat, Charoßeth, ein gebratenes Ei, ein Radieschen befanden.
Das alles war mit einer weißen Serviette bedeckt. Der Vater nahm den
Becher Wein in seine rechte Hand, sagte das Kidduschgebet und leerte
das Glas. Alle Tischgenossen folgten seinem Beispiel, nachdem sie Amen
gesagt hatten. Meine Mutter füllte von neuem die Becher, die anderen
Frauen taten es wieder für ihre Männer, während die Becher der anderen
Tischgenossen mit süßem Rosinenwein gefüllt wurden. Dann nahm der Vater
das Gedeck mit allen darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob
es in die Höhe und sprach dabei laut das Kapitel Ha lachma anja. Die
männlichen Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel
Mah nischtanah, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind
bei Tische zu fragen hat. Der Vater antwortete mit bewegter Stimme
aus der Hagadah lesend: „Awadim hajinu.“... „Knechte waren wir bei
Pharao in Mizrajim, und hätte uns damals Gott der Allgütige in seiner
Allmacht nicht erlöst, und wären wir nicht von dort ausgezogen, wären
wir, unsere Kinder und Kindeskinder, bis jetzt noch Sklaven gewesen.
Und wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wären, so ist es dennoch
unsere Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.“
Bei diesen Worten brach der Vater immer in Tränen aus, -- er konnte und
durfte seinem Schöpfer gewiß aus vollem Herzen danken, wenn er seinen
Blick über die schöne Tafelrunde schweifen ließ und die junge, hübsche
Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasaßen, sah! Er
durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen
Fürsten betrachten.
Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefaßt sind, dann
nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesem Abend
die vielen bitteren Kräuter essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß
unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die
Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kräuter.
Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzoth entzwei,
legten die eine Hälfte unter das Polster zum „Aphikomon“ (Nachspeise)
und die andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die
Tischgenossen als „Mozi“ (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot,
vor jeder Mahlzeit). Dann aß man vom Meerrettich: erstens zu Maror,
der in Charoßeth getunkt, so rasch als möglich verschluckt wird, da
dies ohne Mazzoth geschehen muß. Dann der Korech, wieder eine Portion
Meerrettich zwischen zwei Mazzothstückchen gelegt. Für jeden Brauch
wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam
an diesem Abend den Meerrettich gehörig zu spüren; und wir mußten
mit Tränen in den Augen zugeben, daß das Leben unserer Vorfahren in
Ägypten bitter war. Später wurden Radieschen und Eier in Salzwasser
getaucht; das mundete schon besser, und endlich kam das Abendbrot an
die Reihe, das mit Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit
Mazzahmehlklößchen folgte und das mit einem feinen frischen Gemüse
endete. Dann bekam jeder Tischgenosse von dem aufbewahrten Aphikomon.
Nun wurden die Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser
über die Hände, was man „Majim Acheronim“ nennt (letztes Wasser), wobei
ein kleines Gebet verrichtet wurde, und nun schickte man sich an, das
Tischgebet zu sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische
beehrt wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft
mit einem lauten „Amen“ ein; und nachdem jeder für sich leise das
Nachtischgebet mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und
jetzt begann der zweite Teil der Hagadah. Zum vierten Male füllte man
die Becher. Diesmal wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in
der Mitte aufgestellt und für den Propheten Eliahu bestimmt war. Dieser
Brauch findet in den kabbalistischen Schriften eine Erklärung. Nach der
kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl ißt oder
trinkt schädlich oder es kann zum mindesten schädlich wirken. Daher muß
bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch
ein fünfter gefüllt werden.
Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Eliahu
ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher
unverwandt nach der Kanne und wenn sich die äußerste Schicht an der
Oberfläche leise bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend
war und uns überrieselte es kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden
gefüllt und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann
man das Kapitel „Sch’foch chamathcha“ zu rezitieren; hierauf folgten
die Schlußkapitel des Hallel. Und zum Schluß das allegorische Liedchen
„Chad Gadja, Chad Gadja“, „Ein Zicklein, ein Zicklein“. Mit diesen
und ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder
hatte seinen vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern
aller Tischgenossen sah man die Abspannung und Erregtheit infolge
des ungewohnten Weingenusses. Meine älteren und jüngeren Geschwister
verließen eine nach der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu
Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der
Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etwas zurück, das ich mir um nichts
entgehen lassen wollte. Es war Schir haschirim, das Hohe Lied, das
Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner
ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von Tönen und Worten
wirkte auf das Kindesgemüt berauschend; ich lauschte entzückt. Das
ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben Tönen gesungen, wobei sich mein
älterer Schwager David Ginsburg besonders auszeichnete, und hat sich so
lebhaft, so unvergeßlich meiner Seele eingeprägt, daß ich den Anfang
noch heute, an meinem späten Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich
darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so schön singen hören zu
können. Auch meine Mutter pflegte gewöhnlich noch bei Tische zu bleiben.
Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bett zu gehen.
Ich aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen
auch gestattete. Als sie aber merkte, wie müd und abgespannt ich war,
erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte
noch inständiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß
ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu erscheinen
und kroch auf einem im Winkel stehenden großen Armstuhl und hörte mit
wahrem Seelengenuß dem Gesange zu. Bis zum Schluß hielt ich es aber
nicht aus, und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja
mich entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief
aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen
mit der gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war
festlich geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung!
Draußen strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab.
Die Luft war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid
angelegt zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im
Elternhause, wie schön bist du!