DER RABBI VON BACHERACH.

Von ~Heinrich Heine~.

Unterhalb des Rheingaus, wo die Ufer des Stromes ihre lachende Miene

verlieren, Berg und Felsen mit ihren abenteuerlichen Burgruinen

sich trotziger gebärden, und eine wildere, ernstere Herrlichkeit

emporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die

finstere, uralte Stadt Bacherach. Nicht immer waren so morsch und

verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden

Warttürmen, in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in

diesen armselig häßlichen Lehmgassen, die man durch das zerrissene

Tor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und

wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und

brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in

diesen Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht und Pracht,

Lust und Leid, viel Liebe und viel Haß. Bacherach gehörte einst zu

jenen Munizipien, welche von den Römern während ihrer Herrschaft am

Rhein gegründet worden, und die Einwohner, obgleich die folgenden

Zeiten sehr stürmisch und obgleich sie späterhin unter Hohenstaufische

und zuletzt unter Wittelsbacher Oberherrschaft gerieten, wußten

dennoch, nach dem Beispiel andrer rheinischen Städte, ein ziemlich

freies Gemeinwesen zu erhalten. Dieses bestand aus einer Verbindung

einzelner Körperschaften, wovon die der patrizischen Altbürger und

die der Zünfte, welche sich wieder nach ihren verschiedenen Gewerken

unterabteilten, beiderseitig nach der Alleinmacht rangen, so daß

sie sämtlich nach außen zu Schutz und Trutz gegen den nachbarlichen

Raubadel fest verbunden standen, nach innen aber wegen streitender

Interessen in beständiger Spaltung verharrten; und daher unter ihnen

wenig Zusammenleben, viel Mißtrauen, oft sogar tätliche Ausbrüche

der Leidenschaft. Der herrschaftliche Vogt saß auf der hohen Burg

Sareck, und wie sein Falke schoß er herab, wenn man ihn rief, und auch

manchmal ungerufen. Die Geistlichkeit herrschte im Dunkeln durch die

Verdunkelung des Geistes. Eine am meisten vereinzelte, ohnmächtige und

vom Bürgerrechte allmählich verdrängte Körperschaft war die kleine

Judengemeinde, die schon zur Römerzeit in Bacherach sich niedergelassen

und späterhin während der großen Judenverfolgung ganze Scharen

flüchtiger Glaubensbrüder in sich aufgenommen hatte.

Die große Judenverfolgung begann mit den Kreuzzügen und wütete am

grimmigsten um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts, am Ende der

großen Pest, die, wie jedes andre öffentliche Unglück, durch die

Juden entstanden sein sollte, indem man behauptete, sie hätten den

Zorn Gottes herabgeflucht und mit Hilfe der Aussätzigen die Brunnen

vergiftet. Der gereizte Pöbel, besonders die Horden der Flagellanten,

halbnackte Männer und Weiber, die, zur Buße sich selbst geißelnd

und ein tolles Marienlied singend, die Rheingegend und das übrige

Süddeutschland durchzogen, ermordeten damals viele tausend Juden, oder

marterten sie, oder tauften sie gewaltsam. Eine andere Beschuldigung,

die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalter hindurch

bis Anfang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angst kostete,

das war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zum Ekel oft

wiederholte Märchen, daß die Juden geweihte Hostien stählen, die

sie mit Messern durchstächen, bis das Blut herausfließe, und daß

sie an ihrem Peßachfeste Christenkinder schlachteten, um das Blut

derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. Die

Juden, hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres Reichtums und

ihrer Schuldbücher, waren an jenem Festtage ganz in den Händen ihrer

Feinde, die ihr Verderben nur gar zu leicht bewirken konnten, wenn

sie das Gerücht eines solchen Kindermordes verbreiteten, vielleicht

gar einen blutigen Kinderleichnam in das verfehmte Haus eines Juden

heimlich hineinschwärzten und dort nächtlich die betende Judenfamilie

überfielen, wo alsdann gemordet, geplündert und getauft wurde, und

große Wunder geschahen durch das vorgefundene tote Kind, welches die

Kirche am Ende gar kanonisierte. Sankt Werner ist ein solcher Heiliger,

und ihm zu Ehren ward zu Oberwesel jene prächtige Abtei gestiftet, die

jetzt am Rhein eine der schönsten Ruinen bildet, und mit der gotischen

Herrlichkeit ihrer langen spitzbögigen Fenster, stolz emporschießenden

Pfeiler und Steinschnitzeleien uns so sehr entzückt, wenn wir an

einem heitergrünen Sommertage vorbeifahren und ihren Ursprung nicht

kennen. Zu Ehren dieses Heiligen wurden am Rhein noch drei andere

große Kirchen errichtet, und unzählige Juden getötet oder mißhandelt.

Dies geschah im Jahre 1287, und auch zu Bacherach, wo eine von diesen

Sankt-Wernerskirchen gebaut wurde, erging damals über die Juden

viel Drangsal und Elend. Doch zwei Jahrhunderte seitdem blieben sie

verschont von solchen Anfällen der Volkswut, obgleich sie noch immer

hinlänglich angefeindet und bedroht wurden.

Je mehr aber der Haß sie von außen bedrängte, desto inniger und

traulicher wurde das häusliche Zusammenleben, desto tiefer wurzelte

die Frömmigkeit und Gottesfurcht der Juden von Bacherach. Ein Muster

gottgefälligen Wandels war der dortige Rabbiner, genannt Rabbi

Abraham, ein noch jugendlicher Mann, der aber weit und breit wegen

seiner Gelahrtheit berühmt war. Er war geboren in dieser Stadt, und

sein Vater, der dort ebenfalls Rabbiner gewesen, hatte ihm in seinem

letzten Willen befohlen, sich demselben Amt zu widmen und Bacherach nie

zu verlassen, es sei denn wegen Lebensgefahr. Dieser Befehl und ein

Schrank mit seltenen Büchern war alles, was sein Vater, der bloß in

Armut und Schriftgelahrtheit lebte, ihm hinterließ. Dennoch war Rabbi

Abraham ein sehr reicher Mann; verheiratet mit der einzigen Tochter

seines verstorbenen Vaterbruders, welcher den Juwelenhandel getrieben,

erbte er dessen große Reichtümer. Einige Fuchsbärte in der Gemeinde

deuteten darauf hin, als wenn der Rabbi eben des Geldes wegen seine

Frau geheirat habe. Aber sämtliche Weiber widersprachen und wußten alte

Geschichten zu erzählen, wie der Rabbi schon vor seiner Reise nach

Spanien verliebt gewesen in Sara -- man hieß sie eigentlich die schöne

Sara -- und wie Sara sieben Jahre warten mußte, bis der Rabbi aus

Spanien zurückkehrte, indem er sie gegen den Willen ihres Vaters und

selbst gegen ihre eigne Zustimmung durch den Trauring geheiratet hatte.

Jedweder Jude nämlich kann ein jüdisches Mädchen zu seinem rechtmäßigen

Eheweibe machen, wenn es ihm gelang, ihr einen Ring an den Finger zu

stecken und dabei die Worte zu sprechen: „Ich nehme dich zu meinem

Weibe nach den Sitten von Moses und Israel!“ Bei der Erwähnung Spaniens

pflegten die Fuchsbärte auf eine ganz eigne Weise zu lächeln; und das

geschah wohl wegen eines dunkeln Gerüchts, daß Rabbi Abraham auf der

hohen Schule zu Toledo zwar emsig genug das Studium des göttlichen

Gesetzes getrieben, aber auch christliche Gebräuche nachgeahmt und

freigeistige Denkungsart eingesogen habe, gleich jenen spanischen

Juden, die damals auf einer außerordentlichen Höhe der Bildung standen.

Im Innern ihrer Seele aber glaubten jene Fuchsbärte sehr wenig an

die Wahrheit des angedeuteten Gerüchts. Denn überaus rein, fromm

und ernst war seit seiner Rückkehr aus Spanien die Lebensweise des

Rabbi, die kleinlichsten Glaubensgebräuche übte er mit ängstlicher

Gewissenhaftigkeit, alle Montag und Donnerstag pflegte er zu fasten,

nur am Sabbath oder anderen Feiertagen genoß er Fleisch und Wein, sein

Tag verfloß in Gebet und Studium, des Tages erklärte er das göttliche

Gesetz im Kreise der Schüler, die der Ruhm seines Namens nach Bacherach

gezogen, und des Nachts betrachtete er die Sterne des Himmels oder

die Augen der schönen Sara. Kinderlos war die Ehe des Rabbi; dennoch

fehlte es nicht um ihn her an Leben und Bewegung. Der große Saal seines

Hauses, welches neben der Synagoge lag, stand offen zum Gebrauche der

ganzen Gemeinde; hier ging man aus und ein ohne Umstände, verrichtete

schleunige Gebete, oder holte Neuigkeiten, oder hielt Beratung in

allgemeiner Not; hier spielten die Kinder am Sabbathmorgen, während

in der Synagoge der wöchentliche Abschnitt verlesen wurde; hier

versammelte man sich bei Hochzeit- und Leichenzügen, und zankte sich

und versöhnte sich; hier fand der Frierende einen warmen Ofen und der

Hungrige einen gedeckten Tisch. Außerdem bewegten sich um den Rabbi

noch eine Menge Verwandte, Brüder und Schwestern mit ihren Weibern

und Kindern, sowie auch seine und seiner Frau gemeinschaftliche

Öhme und Muhmen, eine weitläufige Sippschaft, die alle den Rabbi

als Familienhaupt betrachteten, im Hause desselben früh und spät

verkehrten, und an hohen Festtagen sämtlich dort zu speisen pflegten.

Solche gemeinschaftliche Familienmahle im Rabbinerhause fanden ganz

besonders statt bei der jährlichen Feier des Peßach, eines uralten,

wunderbaren Festes, das noch jetzt die Juden in der ganzen Welt am

Vorabend des vierzehnten Tages im Monat Nissan, zum ewigen Gedächtnisse

ihrer Befreiung aus ägyptischer Knechtschaft, folgendermaßen begehen.

Sobald es Nacht ist, zündet die Hausfrau die Lichter an, spreitet

das Tafeltuch über den Tisch, legt in die Mitte desselben drei von

den platten ungesäuerten Broten, verdeckt sie mit einer Serviette,

und stellt auf diesen erhöhten Platz sechs kleine Schüsseln,

worin symbolische Speisen enthalten, nämlich ein Ei, Lattich,

Mairettichwurzel, ein Lammknochen und eine braune Mischung von

Rosinen, Zimmet und Nüssen. An diesen Tisch setzt sich der Hausvater

mit allen Verwandten und Genossen und liest ihnen vor aus einem

abenteuerlichen Buche, das die Hagadah heißt, und dessen Inhalt eine

seltsame Mischung ist von Sagen der Vorfahren, Wundergeschichten aus

Ägypten, kuriosen Erzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern.

Eine große Abendmahlzeit wird in die Mitte dieser Feier eingeschoben,

und sogar während des Vorlesens wird zu bestimmten Zeiten etwas von

den symbolischen Gerichten gekostet, sowie alsdann auch Stückchen

von dem ungesäuerten Brote gegessen und vier Becher roten Weins

getrunken werden. Wehmütig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft

geheimnisvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich

singende Ton, womit die Hagadah von dem Hausvater vorgelesen und

zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so

schauervoll innig, so mütterlich einlullend und zugleich so hastig

aufweckend, daß selbst diejenigen Juden, die längst von dem Glauben

ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt

sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten

wohlbekannten Peßachklänge zufällig ins Ohr dringen.

Im großen Saale seines Hauses saß einst Rabbi Abraham, und mit seinen

Anverwandten, Schülern und übrigen Gästen beging er die Abendfeier

des Peßachfestes. Im Saale war alles mehr als gewöhnlich blank; über

den Tisch zog sich die buntgestickte Seidendecke, deren Goldfranzen

bis auf die Erde hingen; traulich schimmerten die Tellerchen mit den

symbolischen Speisen, sowie auch die hohen weingefüllten Becher,

woran als Zierat lauter heilige Geschichten von getriebener Arbeit;

die Männer saßen in ihren Schwarzmänteln und schwarzen Platthüten

und weißen Halsbergen; die Frauen, in ihren wunderlich glitzernden

Kleidern von lombardischen Stoffen, trugen um Haupt und Hals ihr Gold-

und Perlengeschmeide; und die silberne Sabbathlampe goß ihr festliches

Licht über die andächtig vergnügten Gesichter der Alten und Jungen. Auf

den purpurnen Sammetkissen eines mehr als die übrigen erhabenen Sessels

und angelehnt, wie es der Gebrauch heischt, saß Rabbi Abraham und las

und sang die Hagadah, und der bunte Chor stimmte ein oder antwortete

bei den vorgeschriebenen Stellen. Der Rabbi trug ebenfalls sein

schwarzes Festkleid, seine edelgeformten, etwas strengen Züge waren

milder denn gewöhnlich, die Lippen lächelten hervor aus dem braunen

Barte, als wenn sie viel Holdes erzählen wollten, und in seinen Augen

schwamm es wie selige Erinnerung und Ahnung. Die schöne Sara, die auf

einem ebenfalls erhabenen Sammetsessel an seiner Seite saß, trug als

Wirtin nichts von ihrem Geschmeide, nur weißes Linnen umschloß ihren

schlanken Leib und ihr frommes Antlitz. Dieses Antlitz war rührend

schön, wie denn überhaupt die Schönheit der Jüdinnen von eigentümlich

rührender Art ist; das Bewußtsein des tiefen Elends, der bittern

Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worinnen ihre Verwandte und

Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichtszüge eine gewisse

leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst, die unsere Herzen

sonderbar bezaubern. So saß heute die schöne Sara und sah beständig

nach den Augen ihres Mannes; dann und wann schaute sie auch nach der

vor ihr liegenden Hagadah, dem hübschen, in Gold und Sammet gebundenen

Pergamentbuche, einem alten Erbstück mit verjährten Weinflecken aus

den Zeiten ihres Großvaters, und worin so viele keck und bunt gemalte

Bilder, die sie schon als kleines Mädchen am Peßachabend so gerne

betrachtete, und die allerlei biblische Geschichten darstellten, als

da sind: wie Abraham die steinernen Götzen seines Vaters mit dem

Hammer entzwei klopft, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den

Mizri totschlägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie ihm

die Frösche sogar bei Tische keine Ruhe lassen, wie er, Gott sei Dank!

versäuft, wie die Kinder Israel vorsichtig durch das Rote Meer gehen,

wie sie offnen Maules mit ihren Schafen, Kühen und Ochsen vor dem Berge

Sinai stehen, dann auch wie der fromme König David die Harfe spielt,

und endlich wie Jerusalem mit den Türmen und Zinnen seines Tempels

bestrahlt wird vom Glanze der Sonne!

Der zweite Becher war schon eingeschenkt, die Gesichter und Stimmen

wurden immer heller, und der Rabbi, indem er eins der ungesäuerten

Osterbrote ergriff und heiter grüßend emporhielt, las er folgende Worte

aus der Hagadah: „Siehe! das ist die Kost, die unsere Väter in Ägypten

genossen! Jeglicher, den es hungert, er komme und genieße! Jeglicher,

der da traurig, er komme und teile unsere Peßachfreude! Gegenwärtigen

Jahres feiern wir hier das Fest, aber zum kommenden Jahre im Lande

Israels! Gegenwärtigen Jahres feiern wir es noch als Knechte, aber zum

kommenden Jahre als Söhne der Freiheit!“

Da öffnete sich die Saaltüre, und herein traten zwei große blasse

Männer, in sehr weite Mäntel gehüllt, und der eine sprach: „Friede

sei mit euch, wir sind reisende Glaubensgenossen und wünschen das

Peßachfest mit euch zu feiern.“ Und der Rabbi antwortete rasch und

freundlich: „Mit euch sei Frieden, setzt euch nieder in meiner Nähe!“

Die beiden Fremdlinge setzten sich alsbald zu Tische, und der Rabbi

fuhr fort im Vorlesen. Manchmal, während die übrigen noch im Zuge des

Nachsprechens waren, warf er kosende Worte nach seinem Weibe, und

anspielend auf den alten Scherz, daß ein jüdischer Hausvater sich an

diesem Abend für einen König hält, sagte er zu ihr: „Freue dich, meine

Königin!“ Sie aber antwortete, wehmütig lächelnd: „Es fehlt uns ja der

Prinz!“ und damit meinte sie den Sohn des Hauses, der, wie eine Stelle

in der Hagadah es verlangt, mit vorgeschriebenen Worten seinen Vater

um die Bedeutung des Festes befragen soll. Der Rabbi erwiderte nichts

und zeigte bloß mit dem Finger nach einem eben aufgeschlagenen Bilde

in der Hagadah, wo überaus anmutig zu schauen war, wie die drei Engel

zu Abraham kommen, um ihm zu verkünden, daß ihm ein Sohn geboren werde

von seiner Gattin Sara, welche unterdessen weiblich-pfiffig hinter der

Zelttüre steht, um die Unterredung zu belauschen. Dieser leise Wink

goß dreifaches Rot über die Wangen der schönen Frau, sie schlug die

Augen nieder, und sah dann wieder freundlich empor nach ihrem Manne,

der singend fortfuhr im Vorlesen der wunderbaren Geschichte, wie Rabbi

Jehoschua, Rabbi Elieser, Rabbi Asarjah, Rabbi Akiba und Rabbi Tarfon

in B’ne-B’rak angelehnt saßen und sich die ganze Nacht vom Auszuge der

Kinder Israel aus Ägypten unterhielten, bis ihre Schüler kamen und

ihnen zuriefen, es sei Tag und in der Synagoge verlese man schon das

große Morgengebet.

Derweilen nun die schöne Sara andächtig zuhörte und ihren Mann

beständig ansah, bemerkte sie, wie plötzlich sein Antlitz in

grausiger Verzerrung erstarrte, das Blut aus seinen Wangen und Lippen

verschwand, und seine Augen wie Eiszapfen hervorglotzten; -- aber

fast im selben Augenblick sah sie, wie seine Züge wieder die vorige

Ruhe und Heiterkeit annahmen, wie seine Lippen und Wangen sich wieder

röteten, seine Augen munter umherkreisten, ja, wie sogar eine ihm

sonst gar fremde tolle Laune sein ganzes Wesen ergriff. Die schöne

Sara erschrak, wie sie noch nie in ihrem Leben erschrocken war, und

ein inneres Grauen stieg kältend in ihr auf, weniger wegen der Zeichen

von starrem Entsetzen, die sie einen Moment lang im Gesichte ihres

Mannes erblickt hatte, als wegen seiner jetzigen Fröhlichkeit, die

allmählich in jauchzende Ausgelassenheit überging. Der Rabbi schob sein

Barett spielend von einem Ohre nach dem andern, zupfte und kräuselte

possierlich seine Bartlocken, sang den Hagadahtext nach der Weise

eines Gassenhauers, und bei der Aufzählung der ägyptischen Plagen,

wo man mehrmals den Zeigefinger in den vollen Becher eintunkt und

den anhängenden Weintropfen zur Erde wirft, bespritzte der Rabbi die

jüngern Mädchen mit Rotwein, und es gab großes Klagen über verdorbene

Halskrausen und schallendes Gelächter. Immer unheimlicher ward es der

schönen Sara bei dieser krampfhaft sprudelnden Lustigkeit ihres Mannes,

und beklommen von namenloser Bangigkeit schaute sie in das summende

Gewimmel der buntbeleuchteten Menschen, die sich behaglich breit hin

und her schaukelten, an den dünnen Peßachbröten knoperten, oder Wein

schlürften, oder miteinander schwatzten, oder laut sangen, überaus

vergnügt.

Da kam die Zeit, wo die Abendmahlzeit gehalten wird; alle standen auf,

um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große silberne, mit

getriebenen Goldfiguren reichverzierte Waschbecken, das sie jedem der

Gäste vorhielt, während ihm Wasser über die Hände gegossen wurde. Als

sie auch dem Rabbi diesen Dienst erwies, blinzelte ihr dieser bedeutsam

mit den Augen, und schlich sich zur Türe hinaus. Die schöne Sara folgte

ihm auf dem Fuße; hastig ergriff der Rabbi die Hand seines Weibes,

eilig zog er sie fort durch die dunkeln Gassen Bacherachs, eilig zum

Tor hinaus auf die Landstraße, die den Rhein entlang nach Bingen führt.

Es war eine jener Frühlingsnächte, die zwar lau genug und hellgestirnt

sind, aber doch die Seele mit seltsamen Schauern erfüllen. Leichenhaft

dufteten die Blumen; schadenfroh und zugleich selbstbeängstigt

zwitscherten die Vögel; der Mond warf heimtückisch gelbe Streiflichter

über den dunkel hinmurmelnden Strom; die hohen Felsenmassen des Ufers

schienen bedrohlich wackelnde Riesenhäupter, der Turmwächter auf

Burg-Strahleck blies eine melancholische Weise, und dazwischen läutete

eifrig gellend das Sterbeglöckchen der Sankt Wernerskirche. Die schöne

Sara trug in der rechten Hand das silberne Waschbecken, ihre linke

hielt der Rabbi noch immer gefaßt, und sie fühlte, wie seine Finger

eiskalt waren und wie sein Arm zitterte; aber sie folgte schweigend,

vielleicht, weil sie von jeher gewohnt, ihrem Manne blindlings und

fragenlos zu gehorchen, vielleicht auch, weil ihre Lippen vor innerer

Angst verschlossen waren.

Unterhalb der Burg Sonneck, Lorch gegenüber, ungefähr wo jetzt das

Dörfchen Niederrheinbach liegt, erhebt sich eine Felsenplatte, die

bogenartig über das Rheinufer hinaushängt. Diese erstieg Rabbi Abraham

mit seinem Weibe, schaute sich um nach allen Seiten und starrte hinauf

nach den Sternen. Zitternd und von Todesängsten durchfröstelt stand

neben ihm die schöne Sara und betrachtete sein blasses Gesicht, das

der Mond gespenstisch beleuchtete, und worauf es hin- und herzuckte

wie Schmerz, Furcht, Andacht und Wut. Als aber der Rabbi plötzlich das

silberne Waschbecken ihr aus der Hand riß und es schollernd hinabwarf

in den Rhein: da konnte sie das grausenhafte Angstgefühl nicht länger

ertragen, und mit dem Ausrufe „Schadai voller Genade!“ stürzte sie zu

den Füßen des Mannes und beschwor ihn, das dunkle Rätsel endlich zu

enthüllen.

Der Rabbi, des Sprechens ohnmächtig, bewegte mehrmals lautlos die

Lippen, und endlich rief er: „Siehst du den Engel des Todes? Dort unten

schwebt er über Bacherach! Wir aber sind seinem Schwerte entronnen.

Gelobt sei der Herr!“ Und mit einer Stimme, die noch vor innerem

Entsetzen bebte, erzählte er: wie er wohlgemut die Hagadah hinsingend

und angelehnt saß und zufällig unter den Tisch schaute, habe er dort

zu seinen Füßen den blutigen Leichnam eines Kindes erblickt. „Da

merkte ich“ -- setzte der Rabbi hinzu -- „daß unsre zwei späte Gäste

nicht von der Gemeinde Israels waren, sondern von der Versammlung der

Gottlosen, die sich beraten hatten, jenen Leichnam heimlich in unser

Haus zu schaffen, um uns des Kindermordes zu beschuldigen und das

Volk aufzureizen, uns zu plündern und zu ermorden. Ich durfte nicht

merken lassen, daß ich das Werk der Finsternis durchschaut; ich hätte

dadurch nur mein Verderben beschleunigt, und nur die List hat uns beide

gerettet. Gelobt sei der Herr! ängstige dich nicht, schöne Sara; auch

unsre Freunde und Verwandte werden gerettet sein. Nur nach meinem Blute

lechzten die Ruchlosen; ich bin ihnen entronnen, und sie begnügen sich

mit meinem Silber und Golde. Komm mit mir, schöne Sara, nach einem

anderen Lande, wir wollen das Unglück hinter uns lassen, und damit uns

das Unglück nicht verfolge, habe ich ihm das letzte meiner Habe, das

silberne Becken, zur Versöhnung hingeworfen. Der Gott unserer Väter

wird uns nicht verlassen. -- Komm herab, du bist müde; dort unten steht

bei seinem Kahne der stille Wilhelm; er fährt uns den Rhein hinauf.“

Lautlos und mit gebrochenen Gliedern war die schöne Sara in die Arme

des Rabbi hingesunken, und langsam trug er sie hinab nach dem Ufer.

Hier stand der stille Wilhelm, ein taubstummer, aber bildschöner Knabe,

der zum Unterhalt seiner alten Pflegemutter, einer Nachbarin des Rabbi,

den Fischfang trieb und hier seinen Kahn angelegt hatte. Es war, als

erriete er schon gleich die Absicht des Rabbi, ja es schien, als habe

er eben auf ihn gewartet; um seine geschlossenen Lippen zog sich das

lieblichste Mitleid, bedeutungstief ruhten seine großen blauen Augen

auf der schönen Sara, und sorgsam trug er sie in den Kahn.

Der Blick des stummen Knaben weckte die schöne Sara aus ihrer

Betäubung, sie fühlte auf einmal, daß alles, was ihr Mann ihr erzählt,

kein bloßer Traum sei, und Ströme bitterer Tränen ergossen sich über

ihre Wangen, die jetzt so weiß wie ihr Gewand. Da saß sie nun in der

Mitte des Kahns, ein weinendes Marmorbild; neben ihr saßen ihr Mann und

der stille Wilhelm, welche emsig ruderten.

Sei es nun durch den einförmigen Ruderschlag, oder durch das Schaukeln

des Fahrzeugs, oder durch den Duft jener Bergesufer, worauf die Freude

wächst, immer geschieht es, daß auch der Betrübteste seltsam beruhigt

wird, wenn er in der Frühlingsnacht in einem leichten Kahne leicht

dahinfährt auf dem lieben, klaren Rheinstrom. Wahrlich, der alte,

gutherzige Vater Rhein kann’s nicht leiden, wenn seine Kinder weinen;

tränenstillend wiegt er sie auf seinen treuen Armen und erzählt ihnen

seine schönsten Märchen und verspricht ihnen seine goldigsten Schätze,

vielleicht gar den uralt versunkenen Niblungshort. Auch die Tränen

der schönen Sara flossen immer milder und milder, ihre gewaltigsten

Schmerzen wurden fortgespült von den flüsternden Wellen, die Nacht

verlor ihr finstres Grauen, und die heimatlichen Berge grüßten

wie zum zärtlichsten Lebewohl. Vor allen aber grüßte traulich ihr

Lieblingsberg, der Kedrich, und in seiner seltsamen Mondbeleuchtung

schien es, als stände wieder oben ein Fräulein mit ängstlich

ausgestreckten Armen, als kröchen die flinken Zwerglein wimmelnd aus

ihren Felsenspalten, und als käme ein Reiter den Berg hinaufgesprengt

in vollem Galopp; und der schönen Sara war zumute, als sei sie wieder

ein kleines Mädchen und säße wieder auf dem Schoße ihrer Muhme aus

Lorch, und diese erzähle ihr die hübsche Geschichte von dem kecken

Reuter, der das arme, von den Zwergen geraubte Fräulein befreite, und

noch andre wahre Geschichten, vom wunderlichen Wispertale drüben, wo

die Vögel ganz vernünftig sprechen, und vom Pfefferkuchenland, wohin

die folgsamen Kinder kommen, und von verwünschten Prinzessinnen,

singenden Bäumen, gläsernen Schlössern, goldenen Brücken, lachenden

Nixen... Aber zwischen all diesen hübschen Märchen, die klingend und

leuchtend zu leben begannen, hörte die schöne Sara die Stimme ihres

Vaters, der ärgerlich die arme Muhme ausschalt, daß sie dem Kinde

soviel Torheiten in den Kopf schwatze! Alsbald kam’s ihr vor, als

setzte man sie auf das kleine Bänkchen vor dem Sammetsessel ihres

Vaters, der mit weicher Hand ihr langes Haar streichelte, gar vergnügt

mit den Augen lachte und sich behaglich hin und her wiegte in seinem

weiten, blauseidenen Sabbathschlafrock... Es mußte wohl Sabbath

sein, denn die geblümte Decke war über den Tisch gebreitet, alle

Geräte im Zimmer leuchteten, spiegelblank gescheuert, der weißbärtige

Gemeindediener saß an der Seite des Vaters und kaute Rosinen und sprach

hebräisch, auch der kleine Abraham kam herein mit einem allmächtig

großen Buche, und bat bescheidentlich seinen Oheim um die Erlaubnis,

einen Abschnitt der Heiligen Schrift erklären zu dürfen, damit der

Oheim sich selber überzeuge, daß er in der verflossenen Woche viel

gelernt habe und viel Lob und Kuchen verdiene... Nun legte der kleine

Bursche das Buch auf die breite Armlehne des Sessels und erklärte

die Geschichte von Jakob und Rahel, wie Jakob seine Stimme erhoben

und laut geweint, als er sein Mühmchen Rahel zuerst erblickte, wie

er so traulich am Brunnen mit ihr gesprochen, wie er sieben Jahre um

Rahel dienen mußte, und wie sie ihm so schnell verflossen, und wie er

die Rahel geheiratet und immer und immer geliebt hat... Auf einmal

erinnerte sich auch die schöne Sara, daß ihr Vater damals mit lustigem

Tone ausrief: „Willst du nicht ebenso dein Mühmchen Sara heiraten?“

worauf der kleine Abraham ernsthaft antwortete: „Das will ich, und sie

soll sieben Jahr warten.“ Dämmernd zogen diese Bilder durch die Seele

der schönen Frau, sie sah, wie sie und ihr kleiner Vetter, der jetzt

so groß und ihr Mann geworden, kindisch miteinander in der Lauberhütte

spielten, wie sie sich dort ergötzten an den bunten Tapeten, Blumen,

Spiegeln und vergoldeten Äpfeln, wie der kleine Abraham immer

zärtlicher mit ihr koste, bis er allmählich größer und mürrischer

wurde, und endlich ganz groß und ganz mürrisch... Und endlich sitzt sie

zu Hause allein in ihrer Kammer eines Samstags Abend, der Mond scheint

hell durchs Fenster, und die Tür fliegt auf, und hastig stürmt herein

ihr Vetter Abraham in Reisekleidern und blaß wie der Tod, und er greift

ihre Hand, steckt einen goldenen Ring an ihren Finger und spricht

feierlich: „Ich nehme dich hiermit zu meinem Weibe, nach den Gesetzen

von Moses und Israel! Jetzt aber“ -- setzt er bebend hinzu -- „jetzt

muß ich fort nach Spanien. Lebewohl, sieben Jahre sollst du auf mich

warten!“ Und er stürzt fort, und weinend erzählt die schöne Sara das

alles ihrem Vater... Der tobt und wütet: „Schneid ab dein Haar, denn du

bist ein verheiratetes Weib!“ -- und er will dem Abraham nachreiten, um

einen Scheidebrief von ihm zu erzwingen; -- aber er ist schon über alle

Berge, der Vater kehrt schweigend nach Haus zurück, und wie die schöne

Sara ihm die Reitstiefel ausziehen hilft und besänftigend äußert,

daß der Abraham nach sieben Jahren zurückkehre, da flucht der Vater:

„Sieben Jahr sollt ihr betteln gehn!“ und bald stirbt er.

So zogen der schönen Sara die alten Geschichten durch den Sinn wie ein

hastiges Schattenspiel: die Bilder vermischten sich auch wunderlich,

und zwischendurch schauten halb bekannte, halb fremde bärtige Gesichter

und große Blumen mit fabelhaft breitem Blattwerk. Es war auch, als

murmelte der Rhein die Melodien der Hagadah, und die Bilder derselben

stiegen daraus hervor, lebensgroß und verzerrt, tolle Bilder: der

Erzvater Abraham zerschlägt ängstlich die Götzengestalten, die sich

immer hastig wieder von selbst zusammensetzen; der Mizri wehrt sich

furchtbar gegen den ergrimmten Moses; der Berg Sinai blitzt und

flammt; der König Pharao schwimmt im Roten Meere, mit den Zähnen im

Maule die zackige Goldkrone festhaltend; Frösche mit Menschenantlitz

schwimmen hintendrein, und die Wellen schäumen und brausen, und eine

dunkle Riesenhand taucht drohend daraus hervor.

Das war Hattos Mäuseturm, und der Kahn schoß eben durch den Binger

Strudel. Die schöne Sara war dadurch etwas aus ihren Träumereien

gerüttelt und schaute nach den Bergen des Ufers, auf deren Spitzen

die Schloßlichter flimmerten, und an deren Fuß die mondbeleuchteten

Nachtnebel sich hinzogen. Plötzlich aber glaubte sie dort ihre

Freunde und Verwandte zu sehen, wie sie mit Leichengesichtern und in

weißwallenden Totenhemden schreckenhaftig vorüberliefen, den Rhein

entlang... es ward ihr schwarz vor den Augen, ein Eisstrom ergoß sich

in ihre Seele, und wie im Schlafe hörte sie nur noch, daß ihr der Rabbi

das Nachtgebet vorbetete, langsam ängstlich, wie es bei todkranken

Leuten geschieht, und träumerisch stammelte sie noch die Worte:

„Zehntausend zur Rechten und zehntausend zur Linken; den König zu

schützen vor nächtlichem Grauen...“

Da verzog sich plötzlich all das eindringende Dunkel und Grausen, der

düstre Vorhang ward vom Himmel fortgerissen, es zeigte sich oben die

heilige Stadt Jerusalem mit ihren Türmen und Toren; in goldner Pracht

leuchtete der Tempel; auf dem Vorhofe desselben erblickte die schöne

Sara ihren Vater in seinem gelben Sabbathschlafrock und vergnügt mit

den Augen lachend; aus den runden Tempelfenstern grüßten fröhlich alle

ihre Freunde und Verwandte; im Allerheiligsten kniete der fromme König

David mit Purpurmantel und funkelnder Krone, und lieblich ertönte sein

Gesang und Saitenspiel -- und selig lächelnd entschlief die schöne

Sara.

Chad Gadja: Das Peßachbuch · 第 45 / 49 题