DAS MAZZOTHBACKEN.

Von ~Leopold Kompert~.

Vierzehn Tage vor dem Osterfeste, in größeren Gemeinden auch vier

Wochen früher, werden die Gemeindeglieder durch den Schuldiener

aufgefordert, sich zu der am nächsten Sonntag stattfindenden

Verpachtung des Ostermehles auf dem Gemeindehaus einzustellen.

Auffallend genug erscheinen an diesem Tage nur sehr wenige, die Lust

bezeigen, den Pacht zu übernehmen. Aus Gründen nämlich, die man sehr

wohl billigen wird. Zuerst ist der Pachtschilling nach dem Stande der

jeweiligen Fruchtpreise schon so hoch gestellt, daß sich nach aller

Berechnung nur ein ganz kleiner Gewinn herausfindet. Dann ist das

Geschäft von einer Masse Strapazen, Entbehrungen und Mühen begleitet,

und drittens, wenn sich der Pächter über alle diese Berge hinwegsetzt,

gerät er wieder in Gefahr, seine Popularität in der Gemeinde zu

verlieren. Er kauft schlechtes Getreide ein, das Mehl ist schwarz, und

nun hat er ein Publikum gegen sich, das ihn durch volle acht Ostertage

tausendmal in einem Atem in den Ostrazismus verurteilt, denn bei jedem

solchen Brote, das man genießt, wird des Pächters in Ausdrücken

erwähnt, für die das große Wörterbuch von Adelung nicht besteht. Es ist

ein langsames Gerädertwerden von unten nach oben -- durch volle acht

Tage.

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Doch findet sich immerhin jemand, der den Mehlpacht übernimmt.

Barmherzige Seelen gibt es genug. Solche strecken dem Pächter, der

gewöhnlich über ein äußerst geringes Vermögen zu gebieten hat, die

Bürgschaft vor, sowie auch die Einkaufssumme. Damit geht er auf den

Getreidemarkt, kauft ein, wie und wo er es kann, natürlich immer in der

Absicht, so billig als möglich zu kaufen. Bis dahin hat das Geschäft

noch wenig Nationales, wenig Eigentümliches. Dies beginnt erst draußen

in der Mühle. Hier fängt eine lange Reihe von Mühen und Strapazen an,

die zu beschreiben einen erklecklichen Aufwand von Tinte kosten würde.

Die Mühle, wo das Ostermehl gemahlen wird, muß vor allem von oben nach

unten gesäubert und ausgefegt werden, damit ja nicht ein Stäubchen

früheren unreinen Mehles dazwischen käme. Dann muß man ein äußerst

aufmerksames Auge auf die Müllerburschen haben, die absichtlich oder

unabsichtlich das Mehl entheiligen und dem religiösen Gewissen des

Pächters manchen empfindsamen Hieb versetzen können. Noch aufmerksamer

muß der Pächter auf die Finger seiner Müllerburschen sehen, damit

diese nichts auf den Boden fallen lassen. Solche Überflüsse kommen dem

Pächter selbst zugut, auch will er nicht, daß der reiche Müller so

heiliges Mehl genieße oder gar verkaufe.

Wenn das Mahlgeschäft vorüber, das Mehl in Säcke gegeben und

heimgeführt worden ist, verkündet der Schuldiener aufs neue, in der

Synagoge oder in der Gasse, man könne kaufen kommen; der Verkaufsort

sei da und da. Nun beeilt sich ein jeder, seinen Bedarf an Ostermehl

sobald als möglich zu decken, damit er nicht zu spät komme. Bevor man

das Mehl kaufen geht, werden sehr ernsthafte Debatten zwischen den

Eheleuten gepflogen. Während eines Jahres sind bedeutende Veränderungen

in der Familie vorgegangen, sie hat sich vergrößert, auch sind die

Kinder größer geworden und damit im steigenden Verhältnis auch das

Zentrum ihres Lebens, nämlich der Magen. Die Mutter möchte gern sparen,

ein Achtel oder gar ein Viertel weniger nehmen, der Vater aber zeigt

lächelnd auf die Anzahl ihrer Familienmitglieder. Nach langem Her- und

Hinreden vereinigen sich endlich beide und treffen ein juste milieu,

das allen Anforderungen der Familie entsprechen wird.

In größeren Gemeinden besteht der Gebrauch, von den Gemeindemitgliedern

bei der Abnahme des Ostermehles eine Steuer zu erheben, deren Ertrag

der Gemeinde zufällt. Je nach dem Quantum des Mehles wird diese Steuer

festgesetzt. Nun trifft es sich zuweilen, daß der arme, unbemittelte

Mann, der für ein ganzes Rudel hungriger Mägen zu sorgen hat,

höher besteuert wird als der reiche, dem trotz seines Mammons kein

Kindeslächeln beschert ward -- ein Mißverhältnis, das aber überhaupt

dem ganzen Steuerkomplex noch immer anklebt und ohne Verletzung einmal

gegebener Zustände nicht gehoben werden kann.

Nun werden die Backhäuser eröffnet. Größere Gemeinden zählen deren

mehrere, kleinere oft nur eines. Solche Backhäuser sind entweder

Eigentum von Individuen oder der Gemeinde selbst. Wo es mehrere gibt,

entsteht zwischen den Besitzern derselben eine Rivalität ganz eigener

Art. Der eine stellt seinen Tarif etwas niedriger und erzielt dadurch

eine größere Masse von Kunden, der andere ist prompter in seinen

Bestellungen, der dritte zeichnet sich wieder durch vortreffliches

Gebäck aus. So hat ein jeder seine Vorzüge und sucht sie geltend zu

machen. So viel trägt jedoch jedes Backhaus seinem Besitzer ein, daß

er, wie man zu sagen pflegt, „die Ostern herausbringt“.

Treten wir in ein solches Backhaus ein!

Heftig durch- und ineinander tönende Stimmen empfangen den

Eintretenden. Wir stehen in einer langen, von bedeutend azotischen

Dünsten angefüllten Stube, wo nahe an hundert Menschen mit dem

Bereiten der ungesäuerten Brote beschäftigt sind. Sie stehen um lange

viereckige, mit blanken Kupferplatten bedeckte Tische herum. Wie nach

einem Takte bewegen sich aller Hände. Der eine hat ein Stück Teig

vor sich und dehnt es schnell und flink mit dem Wellholze aus. Der

andere hat das Brot bereits fertig, das in einer kreisrunden, ganz

flachen Platte besteht; er nimmt nun noch das Ruppelholz, d. i. kleine

zugespitzte Stäbchen, womit er das Brot auf allen Punkten durchlöchert,

damit die Hitze von allen Seiten eindringe und der Säuerung vorgebeugt

werde. Zwischendurch laufen kleine Buben, nehmen die Brote ab, und

tragen sie zum Ofen hinaus. „Matzes, Matzes!“ schreit einer, der

bereits sein Brot auf dem Tische beendet liegen hat und fürchtet, es

könnte durch die Länge der Zeit säuern. Und dabei ergrimmt er und stößt

Flüche aus, weil die Hinausträger der Brote ihm zu saumselig und faul

sind.

Drei Personen sind es jedoch, auf deren Schultern eine ganze Welt

von Plagen und Mühen liegt. Der eine ist der „Mehriner“, der andere

der Kneter, der dritte der Schießer. Diese Trias ist wahrhaft

bewundernswürdig und zugleich bedauernswert, denn ihre Beschäftigung

ist die mühseligste von allen.

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Der „Mehriner“ mißt das Mehl und teilt es dem Kneter zu. Der Teig wird

in kupfernen Kesseln bereitet und bedarf nur einer sehr einfachen

Manipulation, Mehl und Wasser. Die Hauptsorge des Kneters besteht

darin, daß der Teig sobald als möglich durchknetet sei, wozu ihm

wenige Minuten gegeben sind. Denn durch ein längeres Verzögern könnte

er in Fermentation geraten, und tausend Argusaugen sind da auf der

Lauer, die ein jedes Versehen mit bitterem Spotte, ja wohl auch mit

Dispensierung des Kneters bestrafen können.

Der Schießer endlich ist niemand anderes als der Bäcker selbst. Man

denke sich einen Menschen, der mit wenigen Unterbrechungen vierzehn

Tage, ja sogar drei Wochen in einem fort der Hitze des Ofens ausgesetzt

ist, und man hat eine linde Vorstellung von langsamem Verbranntwerden.

Der Schießer gehört gewöhnlich der christlichen Religion an, wie

überhaupt in manchen Gemeinden auch Christenmädchen zur Bereitung der

Osterbrote verwendet werden.

Sobald ein solches ungesäuertes Brot aus der Backstube hinausgetragen,

wird es ohne Weile auf die Schaufel gelegt und mit ungemeiner Flinkheit

vom Schießer in den Ofen getan. Nach wenigen Minuten kehrt es bereits

gebacken zurück. Hier wird es gewöhnlich von der Hausfrau, die die

Brote backen läßt, empfangen und längs eines langen Tisches, der

mit weißen Linnen bedeckt ist, aufgestellt. Oder ein ganzes Rudel

Kinder ist es, das sich diesem Geschäfte mit aller Freudigkeit

hingibt, gewöhnlich die Kinder der Hausfrau, oder, wenn die nicht,

fremde. Diesen läßt man als Entgelt ihrer Mühe kleine Fischlein aus

ungesäuertem Teige backen, mit denen sie dann am Abend in der Gasse

herumrennen, sie triumphierend ihren Gespielen hinweisend, die mit

solchen Trophäen noch nicht zu glänzen haben.

Durch all dies Gedränge und Schreien und Rufen wandelt aber noch eine

Figur, deren wir bis jetzt noch nicht erwähnt haben. Es ist der „More

Zedek“, ein Gelehrter, der darüber zu wachen hat, daß alles in größter

Ordnung und ohne Verletzung der geringsten religiösen Zeremonie vor

sich gehe. Er beaufsichtigt den Mehriner und den Kneter, damit dieser

den Teig nicht über die Zeit in dem kupfernen Kessel herumknete, dann

wirft er aufmerksame Blicke denen zu, die die ungesäuerten Brote

verfertigen, damit auch sie nicht dem Gesetze zuwiderlaufen, das da

ungesäuerte Brote will. Zuweilen trifft es sich auch, daß man ihm

religiöse Bedenken vorträgt, die er zu schlichten hat. Ein ungesäuertes

Brot war nicht nach rechter Art durchlöchert, in der Ofenhitze stiegen

Blasen auf, oder sonst ein Gebrechen ist daran zu erblicken. Nun kommt

die Hausfrau mit dem fraglichen Corpus delicti und fragt den Rabbi, ob

er dieses Brot für gültig erkläre oder nicht. Der Rabbi schaut es lange

mit prüfendem Blicke an und sagt entweder ja oder nein. Im verneinenden

Falle wird das ungesäuerte Brot eine Beute der Kinder, und sie teilen

sich so fröhlich darein, daß man es ihnen ansieht, sie würden gar

nichts dagegen haben, wenn der Rabbi das ganze Gebäck für ungültig

erklären wollte.

Die größte Sorge und Virtuosität wird aber auf die sogenannten

„Mizwahbrote“ verwendet. Das sind diejenigen ungesäuerten Brote, die

man an den beiden ersten Abenden des Osterfestes braucht, wo der

Hausvater im Kreise der Seinigen den Auszug der Israeliten aus Ägypten

feiert. Diese Brote sind von einer größeren Beschaffenheit als die

anderen, und die Mädchen, die sie verfertigen, legen eine besondere

Vorsorge an den Tag, sie so fein und groß und rund als möglich

auszudehnen. Auch rivalisieren sie während des Wellens miteinander, wer

von ihnen das größte Monstrum hervorzubringen imstande sei.

Ist endlich das Backgeschäft vorüber, so erhalten die Leute ihren Lohn,

wobei es gewöhnlich zu nicht unbedeutenden Zänkereien kommt. Es findet

sich da manche sparsame Hausfrau oder manch knickeriger Hausherr, die

über den bedungenen Lohn nichts „von sich lassen wollen“, wie man sagt.

Denn man begehrte noch ein kleines Trinkgeld von ihnen, indem man

auf das vortreffliche Gebäcke hinweist, das man bereitet. Läßt sich

die Hausfrau bewegen und tut noch etwas hinzu, so erhält sie tausend

Segnungen und Beglückwünschungen, tut sie es nicht, so spricht und

grollt man sehr viel, und sie kann gewiß sein, daß im nächsten Jahre

die ungesäuerten Brote viel schlechter ausfallen werden als heuer. So

ein Bäcker hat für solche Seelenkränkungen ein treffliches Gedächtnis.

Wir haben schließlich noch einer Ehrenbezeugung zu erwähnen, die bei

Gelegenheit des Backens der ungesäuerten Brote ausgeübt wird. Dem

Rabbiner werden am letzten Tage die ungesäuerten Brote gebacken. Wo

es eine Jeschibah (Hochschule) gibt, übernehmen die Jünger derselben

selbst die Verpflichtung, für ihren Lehrer die Brote zu kneten,

zu bereiten und backen. Auf diese Art genießt der Rabbiner drei

Privilegien: 1. daß er ganz frische, 2. ganz makellose und 3. ganz

reine Brote bekommt. Um dieser Vorteile willen hat sich schon mancher

gewünscht, Rabbiner zu sein -- anderer zu geschweigen.

Chad Gadja: Das Peßachbuch · 第 44 / 49 题