DER SEDER DES UNWISSENDEN.

Eine chassidische Legende von ~Martin Buber~.

Rabbi Levi Jizchak von Berditschew hütete mit sorglicher Seele die

Weihe aller Bräuche und gab jedem seinen Sinn aus der Tiefe. Einmal

hatte er den Seder der ersten Peßachnacht mit aller Inbrunst und

Andacht gehalten, also daß jedes Gebot und jede Sitte lebendig und des

Geheimnisses voll an des Zaddiks Tische erschien, und jedes Tun der

Menschenhände und des Menschenmundes war wie ein gläserner Schrein, der

wunderwirkende Kleinodien birgt. Mit einer Stimme, die wie Saitenspiel

war, erzählte der Rabbi die alte Erzählung, und aus seiner Rede stieg

das Sinnbild auf und leuchtete wie verschleierte Sterne im Raume.

Mizrajim war die Verbannung der Seele und das Rote Meer ihre Befreiung.

Sie hatte dem Pharao Städte bauen müssen, und die Frohnvögte hatten

sie wund geschlagen. Aber die Lösung wurde gesandt, und das Wunder

kam, und die Dinge der Welt wandelten ihre Art, und der Tag der Seele

brach an, und die Seele ging trockenen Fußes durch das Meer. So stieg

das Sinnbild aus des Rabbis Seele auf und leuchtete über der Nacht.

Und so ging die Nacht dahin, und die Versammelten wurden nimmer müde.

Und als das Morgenrot kam, da schien es ihnen selbst wie ein Zeichen

des Geheimnisses, und es war ihnen, als ob zwei Sinnbilder einander

grüßten, das Wort des Zaddiks und das Morgenrot.

Aber als der Seder zu Ende war und Rabbi Levi Jizchak allein in seiner

Kammer saß, mußte er an diese Nacht denken, die er gefeiert hatte, und

an den Seder, der gewachsen war aus dem Willen seines Herzens. Und

es dünkte ihn schön und vollkommen, was geschehen war. Und er sprach

zu Gott: „Du Grund und Heimat meines Lebens, meiner Seele Herr und

Herrlichkeit, wahrlich, ich habe dir recht gedient in dieser Nacht

und deine Ehre verkündet in Flammengesängen.“ Und er hielt inne und

horchte auf den Grund seines Lebens. Aber da war nichts als Schweigen.

Da erschrak der Rabbi, denn nie noch war ihm dies widerfahren, und

sammelte sein Herz und sprach mit hastigen Worten: „Habe ich nicht mit

meinem Tun getaucht in die Mysterien deiner Gnade? Habe ich nicht die

ungesäuerten Brote erhoben als das Siegel des Streites, den die Seele

um dich streitet, und das Bitterkraut gegessen als die Pflanze des

Leides, das die Seele für dich trägt, und des Peßachlammes gedacht als

des Zeichens des Opfers, in dem die Seele sich dir entgegenbringt?“

Doch das Schweigen lagerte wie zuvor. Und stammelnd sprach der Rabbi

weiter: „Habe ich nicht die Hungrigen gerufen, daß sie kommen und

essen, und auch die noch, die dahingingen im Hunger ihrer Sehnsucht und

nicht genährt worden sind? Habe ich nicht die Durstigen gerufen, daß

sie kommen und trinken, und auch die noch, die dahingingen im Durste

ihres Erkennens und nicht gestillt worden sind? Und sind nicht die

Geister gekommen und haben gegessen und getrunken an meinem Tische?“

Aber das Schweigen lag starr und ungestört da. Da kroch das Unheil wie

ein Wurm in das Herz des Rabbi, und er warf sich nieder und schrie

mit der letzten und zerbrechenden Stimme: „Habe ich nicht deine Tat

verkündet, o Befreier?“ Da wurde das Wort wach auf dem Grunde seines

Lebens, wie die Kraft in der Erde wach wird an einem Spätwintermorgen,

und das Wort redete: „Warum rühmst du dich und nennst schön und

vollkommen, was durch dich geschehen ist? Fürwahr, lieblicher ist mir

der Seder Chajims, des Wasserträgers, als der deine.“ Da erhob sich

Rabbi Levi Jizchak zitternd und verstört und rief seine Hausleute und

seine Schüler zusammen und fragte sie: „Ist in dieser Stadt einer, der

Chajim der Wasserträger genannt wird? Und kennt ihr ihn?“ Da flüsterten

sie miteinander und unterredeten sich, und ein Schüler sprach: „Wir

glauben wohl, daß es hier einen Mann dieses Namens gibt, aber wir

kennen nichts von ihm und nicht, wo er wohnt.“ Und ein anderer fügte

dazu: „Sicherlich ist es der Unwissenden einer. Und wohnen mag er wohl

an der Grenze der Stadt, wo die Häuser der Armen sind.“ Da rief der

Zaddik: „Gehet hin und suchet ihn und bringet ihn eilig zu mir.“ Und

sie gingen, ihn zu suchen.

Indessen schritt der Rabbi Levi Jizchak in seiner Kammer hin und her

und mühte sich, seiner Seele die Ruhe wiederzubringen. „Gewiß ist es

einer von den Verborgenen,“ so redete er ihr zu, „von den heimlichen

Gottessöhnen einer, die in Knechtesgestalt unter uns leben und ihr

heiliges Wesen hinter rohem und bäurischem Getriebe verhüllt halten,

also daß sie nur ihrem Herrn sich öffnen und gewähren. Einer von den

Sechsunddreißig ist es, von den Zaddikim der unsichtbaren Welt, die

sich ewig erneuern und durch die die Welt erneuert wird.“ Aber seine

Seele gab sich nicht zufrieden und wehrte ihn ab und sprach: „Mag es

auch einer von diesen sein, was hat er geschaut, was ich nicht geschaut

hätte, und welchen Dienst kennt er, den ich nicht kennte? Und in

welchem Abgrund wohnt er, in dem nicht auch ich wohnte?“ Also redete

die Seele zu ihm und verachtete die Ruhe und haderte mit dem Nichts.

Die Schüler aber liefen in der Stadt umher und fragten nach Chajim,

dem Wasserträger. Endlich wurde ihnen sein Haus gewiesen, und sie

gingen hin und klopften an die Tür. Eine Frau kam heraus und fragte

nach ihrem Begehr. Als sie erfuhr, wen sie suchten, verwunderte sie

sich und sagte: „Wohl ist Chajim, der Wasserträger, mein Mann. Aber er

kann nicht mit euch kommen, denn er hat gestern viel getrunken, und nun

schläft er noch, und wenn ihr ihn auch wecket, wird seine Müdigkeit

ihn gefesselt halten, und er wird seine Füße nicht zu heben vermögen.“

Jene aber antworteten nur: „Der Rabbi hat es befohlen!“ und gingen

hin und rüttelten ihn auf. Da sah er sie aus blinzelnden Augen an und

verstand nicht, wozu sie seiner bedurften, und wollte sich wieder

hinlegen. Sie jedoch hoben ihn vom Lager und nahmen ihn in ihre Mitte

und trugen ihn fast auf ihren Schultern zum Zaddik. Der ließ ihm einen

Sitz in seiner Nähe geben, und als er stumm und verwirrt dasaß, neigte

er sich zu ihm und sprach: „Rabbi Chajim, mein Herz, worauf ging Euer

Gedanke, als Ihr das Gesäuerte zusammensuchtet?“ Da sah ihn jener mit

stumpfen Augen an und schüttelte den Kopf und antwortete: „Herr, ich

habe mich umgesehen in allen Winkeln und habe es zusammengesucht.“

Und der Zaddik fragte weiter: „Und was hattet Ihr im Sinne, als Ihr

das Gesäuerte verbranntet?“ Da dachte jener nach und betrübte sich

und sagte endlich zögernd: „Herr, ich habe völlig vergessen, es zu

verbrennen. Und nun entsinne ich mich, es liegt noch auf dem Balken.

Und dies mögt Ihr mir vergeben, Herr, daß ich es vergessen habe.“ Als

Rabbi Levi Jizchak dies hörte, ward auch das Letzte in ihm unsicher;

aber er fragte weiter: „Und das saget mir noch, Rabbi Chajim: Wie habt

Ihr den Seder gehalten?“ Da war es, als erwache jenem etwas in Aug’

und Gliedern, und er sprach mit weicher und demütiger Stimme: „Rabbi,

ich will Euch die Wahrheit sagen. Seht, ich habe von je gehört, daß es

verboten ist, Branntwein zu trinken die acht Tage des Festes, und da

trank ich gestern am Morgen, daß ich genug habe für acht Tage. Und da

wurde ich müde und schlief ein. Und dann weckte mich meine Frau, und

es war Abend, und sie sagte zu mir: ‚Warum hältst du nicht den Seder

wie alle Juden?‘ Sagte ich: ‚Was willst du von mir? Bin ich doch ein

Unwissender und mein Vater war ein Unwissender, und ich weiß nicht

recht, was tun und was lassen. Aber sieh, das weiß ich: Unsere Väter

und unsere Mütter waren gefangen bei den Zigeunern, und wir haben einen

Gott, der hat sie hinausgeführt in die Freiheit. Und sieh, nun sind

wir wieder gefangen, und ich weiß es und sage dir, Gott wird auch uns

in die Freiheit führen.‘ Und da sah ich den Tisch stehen, und das Tuch

leuchtete wie die Sonne, und standen drauf Schüsseln mit Mazzoth und

Eiern und anderen Speisen, und standen Flaschen mit rotem Wein, und da

aß ich die Mazzoth mit den Eiern und trank den Wein und gab meiner Frau

zu essen und zu trinken. Und dann kam die Freude über mich, und ich hob

den Becher zu Gott und sagte: ‚Sieh, Gott, ich trinke diesen Becher zu

dir. Und du neige dich zu uns und mache uns frei!‘ Und so saßen wir da

und tranken und freuten uns vor Gott, und dann kam die Müdigkeit über

mich, und ich legte mich hin und schlief ein.“

Also erzählte Chajim der Wasserträger dem Zaddik von Berditschew und

seinen Schülern.

Chad Gadja: Das Peßachbuch · 第 43 / 49 题